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Jetzt das eBook zum Einführungsangebot sichern! Außergewöhnlich und aufwühlend: der beste Krimi der Saison! »Giftiger Grund« ist der neue Kriminalroman des preisgekrönten Autors Thomas Knüwer über drei Fremde, die mitten in der Nacht an einer verlassenen Tankstelle aufeinander treffen – und eine Leiche finden. Gänsehaut garantiert, nichts für schwache Nerven! Für Joran, frisch aus dem Jugendknast entlassen, werden die ersten Tage in Freiheit zum Desaster: Sein Vater erpresst ihn und auf Jobsuche wird er erniedrigt und schikaniert. Verzweifelt schleicht er schließlich nachts zu der Tankstelle, die er vor sieben Jahren überfallen hat. Seine letzte Hoffnung ist die Beute, die er vor seiner Festnahme in einem Kanalschacht verstecken konnte. Die Tankstelle ist längst verlassen – ein Lost Place – doch statt der Beute findet Joran im Schacht eine Leiche: Aras, sein damaliger Freund und Komplize. Ist der Dritte im Bunde sein Mörder? Entsetzt merkt Joran, dass er nicht allein ist auf dem heruntergekommenen Gelände. Da ist Edda, ein kleines Mädchen im Schlafanzug. Und Charu, die sich als Fotografin von Lost Places einen Namen machen will. Der Tote im Schacht wird für alle drei zu einer schicksalhaften Verbindung. Ein außergewöhnlicher Krimi, der zwischenmenschliche Abgründe auslotet Der psychologisch vielschichtige Kriminalroman führt tief in die deutsche Provinz – dorthin, wo niemand mehr so genau hinschauen will. Hochspannend, erschütternd und absolut süchtig machend! Für sein Debüt »Das Haus, in dem Gudelia stirbt« wurde Thomas Knüwer mit dem Deutschen Krimipreis und dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet sowie für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. »Große Erzählkunst – einer der besten Krimis der Saison.« Jürgen Deppe, NDR Kultur über »Das Haus, in dem Gudelia stirbt«
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2026
Thomas Knüwer
Kriminalroman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Nur wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Jugendknast hat Joran bereits jede Hoffnung auf einen Neuanfang verloren. Weil er Geld braucht, schleicht er sich nachts zu der Tankstelle, die er vor sieben Jahren überfallen hat. Die Tankstelle ist längst verlassen, doch statt der Beute, die er in einem Kanalschacht verstecken konnte, findet Joran eine Leiche: Aras, sein damaliger Freund und Komplize. Ist der Dritte im Bunde sein Mörder? Entsetzt merkt Joran, dass er nicht allein ist auf dem heruntergekommenen Gelände. Da ist Edda, ein kleines Mädchen im Schlafanzug. Und Charu, die sich als Fotografin von Lost Places mit ihrer Glitzerkatze einen Namen machen will. Der Tote im Schacht wird für alle drei zu einer schicksalhaften Verbindung.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Schnell, Basis oder Glanz?«
Sieben Jahre später.
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Edda
Joran
Charu
Joran
Charu
Joran
Edda
Charu
Joran
Charu
Edda
Joran
Charu
Joran
Edda
Charu
Joran
Charu
Joran
Charu
Edda
Joran
Charu
Edda
Joran
Charu
Isa
Charu
Sieben Wochen später.
Edda
Charu
Joran
Schnell, Basis oder Glanz?«
»Autowaschen.«
»Ja. Schnell, Basis oder Glanz?« Die junge Frau nickt zu der blauen Papptafel mit den aufgedruckten Seifenblasen, die neben Zigaretten und Zigarillos hinter dem Tresen hängt. Georg Kutowski kneift die Augen zusammen, seine Brille liegt auf dem Armaturenbrett. Er wollte tanken und Autowaschen, keinen Sehtest bestehen. Zu viele Zeilen in zu kleiner Schrift. »Intensivschaum« steht hinter »Autowäsche Schnell«. »Zweimal Waschen, Felgenreinigung, Trocknen«. »Autowäsche Basis« bietet eine zusätzliche Hochdruckvorwäsche. »Glanz« endet mit einer »Brillant-Konservierung« – was auch immer das sein soll. Er hat sein Leben lang selbst gewaschen. Jedes seiner Autos seit dem Führerschein vor fast fünfzig Jahren, erst in der Einfahrt der Eltern, dann in der eigenen. Jetzt machen die Finger nicht mehr mit, wenn’s zu kalt wird. Scheißrheuma.
»Also?«
»Schnell.«
»Bei Glanz gibt’s zehn Prozent Rabatt auf fünf Liter Scheibenklar.« Die Frau hinterm Tresen sagt das ohne jegliche Überzeugung.
»Nein danke.«
Sie tippt etwas in die Kasse. »Sonst noch was?«
»Die Drei.«
»Zusammen neunundsechzig Euro zwanzig. Karte?«
Kutowski öffnet das Portemonnaie, das er fest in beiden Händen hält. Ein Fünfziger, zwei Zehner. »Bitte schön.« Die achtzig Cent Wechselgeld wirft er in die Spendendose mit dem Regenbogen-Logo des Kinderhospizes. Die Frau legt den Kassenbon und eine Pappkarte mit Strichcode auf den Tresen. »Unter den Scanner halten, dann geht das Tor auf. Reinfahren, rausgehen, am Scanner auf Start drücken. Den Rest macht die Waschstraße selbst.«
Der Mann sieht sich um. Die Tankstelle ist beleuchtet wie eine Turnhalle und vollgepackt wie ein Supermarkt. Chips, Tampons, Wein. Ein Ständer nur für Kaugummis. In den Regalen liegen mehr Schokoladen als Zeitschriften. Das war früher anders. Die Leute werden dicker und dümmer, denkt Kutowski.
»Der Scanner ist draußen an der Wand«, sagt die Frau. »So’n gelber Kasten mit Bildschirm, direkt neben dem Tor.«
Kutowski nickt. »Danke.«
Er nimmt Bon und Scannerkarte, geht. Draußen schlägt ihm die Kälte entgegen. Sein Twingo ist das einzige Auto an der Tankstelle. Die drei anderen Zapfsäulen sind unbenutzt, an einer klebt ein Zettel mit krakeliger Handschrift: »DEFEKT!« Er schüttelt den Kopf. Hinter Bockbach gibt es seit Kurzem eine ARAL mit Bäcker und Geldautomaten. Direkt an der neuen Umgehungsstraße, für die der Kreis jahrelang gekämpft hat, damit die Lastwagen mit ihrem Lärm und Gestank nicht mehr durch die Wohngebiete brettern. Irgendwann hat ein Schweinelaster ein Kind auf dem Weg zur Schule erwischt, danach ging’s ganz schnell mit der Bewilligung der neuen Straße. Dass immer erst etwas passieren muss, denkt Kutowski und geht zu seinem Auto. An der Straße stehen drei Gestalten in dunklen Jacken und starren auf ihre Handys. Die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Erkältungssaison, in manchen Nächten friert es bereits. Kutowski hat seine Grippeimpfung schon vor einem Monat bekommen. Ratsam in Ihrem Alter, hat der Arzt gesagt.
Kutowski öffnet die Fahrertür, sieht noch mal zu den drei Gestalten. Sie wirken nervös. Wahrscheinlich Jugendliche, die sich von der jungen Frau in der Tankstelle erhoffen, dass sie ihnen ohne Altersnachweis Schnaps verkauft. Kutowski hat es früher nicht anders gemacht. Was soll man in dieser Drecksgegend als junger Mensch auch anderes machen, als in Garagen zu saufen, wenn man noch keinen Führerschein hat, um zur nächsten Disco zu fahren. Falls es so was überhaupt noch gibt.
Er steigt ein, startet den Motor. In Schrittgeschwindigkeit umkurvt er das Tankstellengebäude. Das große Tor zur Waschstraße befindet sich auf der Rückseite. Das Gelände ist umgeben von hohen Fichten. Ursprünglich als neues Gewerbegebiet ausgewiesen, doch kein Unternehmen kam. Zu weit bis zur nächsten Autobahnauffahrt, insbesondere mit der neuen Umgehung. Also blieben die Fichten. Kutowski hält direkt vor dem Tor und steigt aus. Er muss sich an der A-Säule festhalten, um hochzukommen. Die Scannerkarte in der verkrampften Hand, die Brille auf der Nase. Wo ein Bildschirm hängt, ist die Schrift zu klein. Zitternd hält er die Karte unter den roten Lichtstrahl, bis sich das Tor knirschend hochschiebt. Langsam fährt er den Twingo hinein, um genau in der Spur zu bleiben. Lackschäden machen nur Ärger. Kratzer bringen Rost, Rost bringt Wertverfall. Nein, danke! Er klappt die Außenspiegel ein und vergewissert sich, dass alle Scheiben geschlossen sind. Erst dann schlurft er raus zum Scanner, um auf den angenehm großen Startknopf zu drücken. Das Tor fährt ratternd hinunter. Durch die seifigen Plastikscheiben des Stahltors beobachtet er die beiden gestreiften Bürsten, die sich wie im Tanz um das Auto drehen. Seifenlauge wird aus unsichtbaren Düsen auf Fenster und Lack gesprüht. Es brummt und zischt, der Klang von Sauberkeit. Kutowski lächelt zufrieden. Die Scheiben beschlagen. Dann hört er den Schrei. Er sieht zur Straße. Zu den Fichten. Hinter sich. Ein Tier? Es soll wieder Wölfe in der Gegend geben. Die armen Bauern, erst die gestrichenen Subventionen, jetzt die Wölfe. Wieder ein Schrei, jemand brüllt etwas. Das kommt von vorn! Aus der Tankstelle! Etwas ist nicht in Ordnung. Kutowski wippt vor und zurück. Vielleicht waren die drei Gestalten doch keine Jugendlichen, die Schnaps kaufen wollten. Nachsehen oder hierbleiben? Was soll er schon ausrichten? Kann kaum noch einen Stift halten. Das Handy liegt im unerreichbaren Auto.
Er schleicht nach vorn, eng an die Wand gedrückt. Mehrere Stimmen, laut und aufgebracht, sie kommen aus der Tankstelle. Hinter ihm brummt die Waschstraße, in seinen Ohren rauscht das Blut. Nur kurz nachsehen, nicht den Helden spielen. Nicht zu nah. Kurz vor der Ecke des Gebäudes, von wo er die Zapfsäulen sieht, scheppert eine Tür.
»Die Bitch hat die Bullen gerufen!«
»Da lang!«
»Verpisst euch!«
Kutowski stolpert zurück. Schritte. Wohin? Zur Straße? Er neigt den Kopf, als etwas auf ihn zurast. Der Aufprall erwischt ihn wie ein Faustschlag, zusammen fallen sie auf die Betonplatten. Schmerz. Mütze, Kapuzenpullover. Er öffnet den Mund, kann nicht schreien. Sein Bauch brennt wie Feuer, etwas ist passiert. Die Gestalt auf ihm stemmt sich hoch, Kutowski schlägt um sich. Packt die Mütze, zerrt sie hoch. Ein junger Bursche, schwarze Haare, erschrockene Augen. Reißt sich los, steht über Kutowski. In einer Hand glänzt ein Messer, in der anderen eine Plastiktüte. Der Bursche will etwas sagen, schafft es nicht – rennt weg.
Kutowski dreht sich auf die Seite, hustet. Seine steife Hand fährt zum Bauch, findet Feuchtigkeit. Blut. »Hilfe.« In seiner Lunge ist nicht genug Luft für Lautstärke. »Hilfe.« Schritte. Jemand beugt sich über ihn, instinktiv zuckt er zusammen, will das Gesicht mit den Armen schützen.
»Scheiße, Sie bluten ja!« Die Frau. Es ist die Frau aus der Tankstelle. Kutowski schließt die Augen, zieht die Beine an den Körper und knurrt. Hinter ihm schiebt sich das Tor der Waschstraße auf.
Der Twingo ist sauber.
Ein Uhr nachts, die Straßen sind leer, das Leben könnte nicht besser sein. Der Podcast des amerikanischen Promipaars, den der Algorithmus in meinen Stream gespült hat, ist belanglos genug zum Autofahren und trashig genug, um dranzubleiben. Superwichtig, den Fame in einer Beziehung nicht zu vergleichen, erzählen sie. Hätten sie auf die harte Tour gelernt. Kurz vor Trennung. Drama. Stattdessen hätten sie sich entschieden, einen Podcast über ihr Wachstum als Paar aufzunehmen. Können sie auch besser zu Geld machen als eine Trennung, denke ich.
Das Navi sagt, ich soll abbiegen. Noch zehn Minuten. Ich hoffe, dass die Tankstelle besser aussieht als auf den Bildern. Der Eintrag ist erst gestern aufgetaucht. Ein Urbexer aus der Gegend hat mit dem Handy Fotos geschossen. Ohne künstlerischen Wert, nur für die Dokumentation auf der Urbex Guild Map, auf der Urban Explorer überall in Europa verlassene, verfallene und vergessene Orte markieren. Lost Places. Noch könnte ich die Erste sein, die hier filmt. Das bringt die meisten Views. Ein ungesehener Ort, professionell in Szene gesetzt, auf besondere Art. Seit diesem Jahr verdiene ich mit meinen Urbex-Accounts mehr als mit dem Webdesign. Wobei das nichts heißt. Mehr als wenig ist immer noch wenig. Um endlich aus Taras Wohnung auszuziehen, reicht’s vorne und hinten nicht. Bei meiner großen Schwester wohnen zu müssen, als bräuchte ich Aufsicht wie ein Kind, war definitiv nicht Teil des Plans. Fast zehntausend Follower auf Insta, mehr als dreißigtausend auf TikTok. Nach dem Repost von Hailey Bieber hatte ich an einem einzigen Tag über eine Million Views und fast zehntausend neue Follower. Einige Hundert sind in den Wochen danach wieder abgesprungen, die meisten geblieben. Wirklich aktiv sind höchstens zehn Prozent. Egal, mehr als genug Werbepartner lassen sich von großen Zahlen blenden, ohne sie zu hinterfragen. Woher Hailey meinen Content kannte, weiß ich nicht. Der Zauber der »For You«-Page, schätze ich.
Seit gut einer Stunde sitze ich im Auto. Die alte Tankstelle liegt erfreulich nah an Taras Wohnung. Die bisher längste Fahrt hat mich nach Bayern geführt. Eine Bauernkirche ohne Dachstuhl in Hof an der tschechischen Grenze. Durch die hohen Fenster hinterm Altar wirkte der Sonnenaufgang im Zeitraffer wie Gottes Werk. Mein erster Post, der viral ging. Wenn auch nur im kleinen Stil. Zum ersten Mal konnte ich User jenseits der Urbex- und Foto-Community erreichen. Mit der Zeit lernt man, was funktioniert und was nicht. Ein guter Account gibt Usern ein Versprechen, das mit jedem Post eingelöst werden muss. Mit kontinuierlich gutem Content. Am besten mit einer eigenen Handschrift. Einem Markenzeichen. Eine besondere Art zu sprechen, Grafiken zu nutzen, Musik zu verwenden, sich zu zeigen oder zu bewegen.
Mein Markenzeichen ist die Glitzerkatze.
Reels und TikToks werden durchschnittlich kaum zwei Sekunden angesehen. Swipe, weiter, swipe, weiter, swipe, vergessen. Wenn ein Video innerhalb der ersten Sekunden nicht auf irgendeine Art interessant, anders oder aufregend ist, kann man sich das Ganze gleich sparen. Wenn du eine Leiche verschwinden lassen willst, versteck sie in den letzten Sekunden eines uninteressanten Reels. Niemand wird sie finden.
Noch fünfhundert Meter. Ich drossle die Geschwindigkeit, um die Umgebung zu begutachten. Keine Häuser, nicht mal Bauern. Wenn Menschen in der Nähe wohnen, ist die Gefahr groß, von der Polizei überrascht zu werden. Die Deutschen haben einen irren Hausfriedensbruch-Fetisch. Dabei stehen die Ruinen, die ich vor allem nachts fotografiere, seit Jahren oder sogar Jahrzehnten leer. Was soll ich dort anrichten? Einen Stein klauen? Calm the fuck down, Deutschland.
Ich stoppe den Podcast, um mich auf die Gegend zu konzentrieren. Keine Straßenlaternen. Tiefe Fahrrinnen zeugen von jahrzehntelangem Schwerlastverkehr. Das ist das Schöne an Urban Exploring – mit der Zeit sieht man die Stadt wie eine Fährtenleserin. Umgeleitete, veränderte oder modernisierte Infrastruktur bedeutet nicht selten den Tod für Siedlungen und Gewerbe. Der Umstieg von Straße auf Schiene, von Schiene auf Luft, von Luft auf Web. Güter werden erst anders transportiert, dann woanders hergestellt, schließlich digital ersetzt. Der Lauf der Dinge nimmt nicht alle mit. Im Fall der Tankstelle: eine neue Umgehungsstraße. Vorm Losfahren habe ich im Archiv einer lokalen Nachrichtenseite recherchiert. Vor über sieben Jahren wurde der Lieferverkehr auf eine neu gebaute Verbindung zur A1 umgeleitet, die nicht mehr durch eine Handvoll Kleinstädte und Dörfer führt. Eine Wohltat für die Anwohner, der Tod für die Tankstelle.
Da ist sie.
Im Scheinwerferlicht erkenne ich fast fünfzig Meter Bauzaun. Wahrscheinlich ist das Areal rundum abgesperrt. Ein verwittertes Stoffbanner flattert an einem Zaunelement. »24/7 überwacht von Sicherheit Brömmer«. Ich lächle und glaube dem Banner kein Wort.
Hinter der geteerten Auffahrt finde ich genügend Platz für meinen Kombi, parke zwischen Fichten und Bauzaun. Sollte jemand vorbeifahren, wird er mein Auto nicht sehen. Ich krame Fototasche, Stativ und Taschenlampe aus dem Kofferraum und marschiere los. Die Nacht ist klar und kühl. Mitte September. Nicht mehr lang, dann fallen die ersten Blätter. Herbst macht sich gut im Content. Die Mystik verfallener Gebäude trifft die Schönheit sterbender Blätter.
Zunächst muss ich einen Weg hinein finden. Für gewöhnlich bin ich nicht die Erste, die von einem verlassenen Grundstück angezogen wird. Meist haben andere lange vor mir einen Zugang gefunden oder geschaffen. Jugendliche, die an coolen Orten saufen oder ficken wollen. Illegale Raves. In größeren Städten Obdachlose. Ich bin froh um jeden Menschen, dem ich nicht begegne. Nicht nur an Orten wie diesem.
Gut hundert Meter entlang der Grundstücksgrenze Richtung Wald fehlt ein Zaunelement. Es liegt weiter hinten zwischen den Bäumen. Auch an diesem Ort war ich nicht die Erste. Ich leuchte darüber. Dem Pflanzenwuchs nach zu urteilen, wurde der Zaun schon vor Monaten, wenn nicht gar Jahren weggeworfen. Efeu und Birkensetzlinge schieben sich durchs Drahtgestell. Ich betrete den Tankstellenhof. Völlige Dunkelheit.
Es gibt Gebäude, die man nur beleuchtet kennt. Selbst wenn Tankstellen geschlossen sind, ist die Zapfanlage rund um die Uhr beleuchtet, das Logo am Tankstellendach erstrahlt in grellen Farben, die große Preisschildtafel direkt an der Straße lockt Autofahrer mit günstigen Preisen wie ein Leuchtturm. Licht ist Einbruchsschutz. Und bei Tankstellen, wo schon eine einzige achtlos weggeworfene Zigarette eine Katastrophe auslösen kann, zudem Brandschutz.
Hier muss nichts mehr beschützt werden. Ursprünglich waren es vier Zapfsäulen, jetzt stehen noch zwei. Die Leitungen der fehlenden beiden ragen wie rostiges Gestrüpp aus dem Boden. Eingang und Fenster des Verkaufsraums wurden mit Spanholzplatten vernagelt, die mit hässlichen Graffiti überzogen sind.
Ich lege meine Ausrüstung neben den Zapfsäulen auf dem Boden ab und leuchte über die Holzplatten. Mit der Hand fahre ich darüber, teste, ob sie morsch sind. Ziehe daran, ob ich eine lösen kann. Keine Chance. Durch einen Spalt strahle ich ins Innere. Leere Regale, die meisten umgefallen. Staubige Bierflaschen auf dem Boden. Hier wurde Party gemacht. Also muss es einen Weg hinein geben.
Ich drehe mich um, leuchte nach oben unter das rostige Metalldach, nach unten über die Betonplatten voller Ölflecken. Eine gute Perspektive – damit steht und fällt jedes Video. Die Ruine muss im Zentrum stehen. Etwas, das einzigartig an diesem Ort ist. Ein Detail, ein Raum, eine Stimmung, die seine Geschichte erzählt. In der größtenteils eingestürzten Keramikfabrik nahe Dortmund waren es die Regale voller Tonscherben. In der Hamburger Gründerzeitvilla der Blick über das gerissene Samtsofa in den scheibenlosen Wintergarten.
Ich brauche Tankstellen-Flair. Die Zapfsäulen sind zu offensichtlich, die beschmierten Holzplatten am Gebäude könnten überall stehen. Sie erzählen Vandalismus, nicht Tankstelle.
Ich nehme meine Ausrüstung wieder auf, ziehe weiter ums Gebäude. An der seitlichen Wand befinden sich zwei Stahltüren mit den Symbolen, die überall auf der Welt das Gleiche bedeuten. Beide Türen sind offen. Ich leuchte in das erste WC, die Kloschüssel liegt zerbrochen auf schmierigen Bodenfliesen. Ein Phänomen, das mir überall begegnet. Aus irgendeinem Grund lösen Toilettenschüsseln, die niemandem mehr gehören, einen unwiderstehlichen Zerstörungswillen in Männern aus. Auf TikTok gibt es Dutzende Accounts, die sich ausschließlich darum drehen, dass Männer etwas kaputt machen. Felsbrocken auf zugefrorene Seen werfen, Kühlschränke von Dächern stoßen, mit Vorschlaghammern auf Toilettenschüsseln oder Autos einprügeln. Boys will be boys.
Das Damen-WC hinter der zweiten Tür sieht nicht anders aus. Zertrümmert, als wäre eine Bombe darin explodiert. Aus dem engen Raum strömt der Gestank alter Fäkalien. Ich gehe weiter.
Hinter dem Hauptgebäude steht die Waschstraße. Ein schmuckloser Funktionsbau, wie es ihn in jedem Kaff hinter einer siffigen Tankstelle gibt. Beide Rolltore sind heruntergelassen. An mehreren Stellen fehlen die Plexiglasquadrate in den stählernen Torelementen. Die verbliebenen sind so verschmiert, dass sie wie Milchglas wirken. Ich leuchte mit der Taschenlampe hinein. Die großen Bürsten links und rechts von den Fahrrinnen sind rot-weiß gestreift und ragen bis zur Decke auf. Mindestens drei Meter, schätze ich. Ihre langen Borsten hängen schlaff nach unten wie das Fell eines schlafenden Tiers. Modrig-feuchter Geruch strömt aus dem Innern.
Die Waschstraße ist perfekt.
Ich leuchte die Wände entlang. Eine schmale Edelstahltür, wahrscheinlich für Wartungen oder Störungen. Hoffentlich nicht verschlossen. Im Kombi habe ich einen Bolzenschneider für solche Fälle.
Ich gehe um die Waschstraße, ziehe an der Tür und bin überrascht, sie nur angelehnt vorzufinden. Heute scheint meine Glücksnacht zu sein. Mit Fototasche und Stativ trete ich ein. Am hinteren Rolltor stapeln sich Kisten und Kartons. Die unteren sind aufgeweicht und von Tieren zerfressen. Ich spähe hinein. Muffige Putzlappen, Ersatzkanister und wellige Flyer, die nur noch für Verfall werben. Ich leuchte zwischen den raumhohen Bürsten hindurch zum anderen Rolltor. Dahinter erkenne ich die Silhouette der Fichten, darüber den schwarzen Himmel. Perfekt für eine Zeitrafferaufnahme des Sonnenaufgangs über der schlafenden Waschstraße. Acht Stunden, verdichtet auf dreißig Sekunden. Ich positioniere das Stativ dicht vor den Kartons, versuche, sie nicht umzuwerfen. Vor Mäusen habe ich keine Angst, ihr größter Fan bin ich dennoch nicht. Die Kamera habe ich gebraucht gekauft. Eine ausreichend gute Spiegelreflexkamera von Canon. Die Objektive waren inklusive. Wenn meine Accounts weiter wachsen, werde ich mir eine vernünftige leisten. Oder sie von einer Marke sponsern lassen. Anfangs habe ich mit Baustellenkameras experimentiert, die für Zeitrafferaufnahmen konzipiert sind – und weniger als hundert Euro kosten. Doch die Bildqualität war auch eine Baustelle.
Ich wähle ein weitwinkliges Objektiv, damit ich die beiden Bürsten wie gestreifte Säulen links und rechts im Bild habe. Zwischen ihnen das Rolltor, durch dessen verbliebene Scheiben in wenigen Stunden die Sonne wandern wird. Zufrieden mit der Perspektive, verbinde ich meine Powerbank mit der Kamera. Ich lerne aus Fehlern.
Mit der Taschenlampe leuchte ich durch den Raum. Nun das Wichtigste. Ich brauche eine Art Podest. Etwas, das zum Raum passt. In einer Ecke findet der Lichtstrahl eine fleckige Matratze, auf der ein Müllsack ausgebreitet liegt. Daneben leere Schokoriegelverpackungen. Zwei zerdrückte Capri-Sonnen. Hätte nicht gedacht, dass es hier auf dem Land Obdachlose gibt. Meistens ziehen sie weiter in die nächstgrößere Stadt, wo sie besser betteln und geschützter schlafen können.
Vor der Matratze steht ein verbeulter Werkzeugwagen, kaum hüfthoch. Ich rolle ihn in die Mitte des Raumes auf den Gitterrost zwischen die Fahrrinnen. Springe hinter die Kamera, mustere das Bild. Perfekt. Aus der Fototasche ziehe ich den Star der Aufnahme. Meine Glitzerkatze.
Die kitschige Statue habe ich auf einer Ramschseite gefunden. Schwarz gebrannter Ton, knapp dreißig Zentimeter hoch. Zwölf Euro. Danach habe ich auf Amazon zweitausend fünf Millimeter große Spiegel-Mosaik-Aufkleber im Plastikbeutel bestellt, mit denen ich die gesamte Statue beklebt habe. Jetzt sieht sie aus wie eine katzenförmige Discokugel. Mein Markenzeichen und Alter Ego. In meinem Feed gibt es keinen Post ohne Glitzerkatze. Mich selbst, mein eigenes Gesicht, habe ich noch nie gezeigt. Ich mag es, zu suggerieren, dass mein Account tatsächlich einer Katze gehört, die nachts durch Ruinen streunt. Auf Kommentare antworte ich aus der Perspektive der Glitzerkatze. Meist mit einer Kombination mehrerer Emojis. Die Follower lieben es. Und ich bleibe unsichtbar.
Vorsichtig positioniere ich die Glitzerkatze auf dem blechernen Werkzeugwagen, drehe sie ins Profil, begutachte das Bild durch die Kamera, bis ich zufrieden bin. Tankstellenruinen sind selten, weil sie meist schnell abgerissen werden, um am selben Ort eine noch größere, noch modernere zu bauen. In Innenstädten werden sie umfunktioniert, Geschäfte oder Bars ziehen in die Verkaufsräume, die Zapfsäulen werden abgeschraubt und zu Parkplätzen umfunktioniert. Für den Neubau von Wohnhäusern lohnt sich ein ehemaliges Tankstellengrundstück nur selten. Der Boden ist vom jahrzehntelang versickerten Diesel, Öl und Benzin metertief verseucht.
Ich starte die Aufnahme, hieve die Fototasche auf die Kisten hinter der Kamera, nehme die Taschenlampe. Von jetzt an wird die Kamera alle fünfzehn Sekunden ein Bild schießen, um später ein flüssiges Video mit sechzig Frames pro Sekunde zu rendern. Nacht, Sterne, Wolken, das erste Glühen der Sonne. Wanderndes Licht, komprimiert auf wenige Sekunden. Zeitrafferaufnahmen verleihen toten Orten eine besondere Magie. Sie verdeutlichen, dass die Zeit hier für immer stehen geblieben ist, während sich die Welt um sie herum unablässig weiterdreht.
Morgen früh werde ich mein Equipment wieder einsammeln. Kamera, Stativ, Glitzerkatze und Tasche. Seit dem Vorfall bei der Kerzenfabrik nahe Erfurt bleibe ich nicht mehr über Nacht. Unbemerkt hatte ich den kaum sichtbaren Übergang von Mut zu Leichtsinn überquert. Nie wieder.
Ein letztes Mal sehe ich zu meiner Katze auf dem Werkzeugwagen. Ich kann es kaum erwarten, das Ergebnis in Augenschein zu nehmen.
Weihnachten hatte ich Papa das letzte Mal gesehen. Zu Geburtstagen ist er nicht gekommen. Kein Grund, ein Lebensjahr zu feiern, das man verschenkt hat, meinte er im ersten Jahr am Telefon. Damit war klar, wie die nächsten sechs aussehen würden.
Ich sehe zu ihm, sein Blick gehört der Straße. Er umklammert das Lenkrad in der »Viertel vor drei«-Handstellung, die er in der Fahrschule gelernt hat.
»Wie geht’s dir?«, frage ich, obwohl ich gehofft hatte, die Frage zu hören, statt sie zu stellen.
»Der Bäcker im Zeißweg ist weg.«
Ich nicke.
»Der Alte hat niemanden gefunden, der den Laden übernehmen will. Der Junge studiert irgendwas. Ist weggezogen. Haben alle keinen Bock mehr, um vier Uhr morgens aufzustehen.« Papa schüttelt den Kopf. Seine Kieferknochen scheinen jeden Moment die Wangen zu durchstoßen, so sehr beißt er die Zähne zusammen. Er ist älter geworden. Wobei er nie wirklich jung war.
»Danke, dass du mich abholst.«
Er brummt etwas. Eine Dreiviertelstunde dauert die Fahrt nach Hause, wenn sich der Verkehr in den letzten Jahren nicht geändert hat. Seit einer halben Stunde sind wir unterwegs, angefühlt hat es sich wie das Zehnfache. Geredet haben wir kaum, zur Begrüßung hat er genickt. Anwesenheit ist Zuneigung genug. Zumindest in seinen Augen.
Ich versuche es noch einmal. »Soll ich uns nachher was kochen? In der JVA hab ich …«
»Können wir einfach fahren?«
Ich nicke, knete die Hände. Diesen Moment habe ich mir unzählige Male vorgestellt. Mal besser, mal schlechter. Andere werden gar nicht abgeholt, wissen nicht, wo sie wohnen werden. Dirk, der Sozialarbeiter, hat versucht, uns so gut wie möglich aufs Danach vorzubereiten. Etwa mit einem Wohnberechtigungsschein, um eine bezahlbare Wohnung zu bekommen. Klappt nicht immer, meinte er. Kann dauern. Das Wichtigste sei, den Entlassungsbescheid wie den eigenen Augapfel zu hüten. Den werdet ihr für alle Behördengänge benötigen, meinte er.
Mein Perso ist abgelaufen. Vielleicht hole ich mir sogar einen Reisepass und fliege weg, sobald die Kohle reicht. Zum ersten Mal. An einen Ort mit Sonne, ohne Vergangenheit. Papa stellt sich wahrscheinlich gerade einen leeren Beifahrersitz vor. Für mindestens fünfzehn weitere Minuten wird er neben mir sitzen und so tun, als existiere ich nicht. Sein ganzes Leben lang hat er Dinge gemacht, die ihm gehörig gegen den Strich gingen, weil er glaubte, irgendjemand würde sie von ihm erwarten. Gott, die Nachbarn, seine Erziehung. Also hat er sie gemacht, und zwar so wütend wie möglich.
Ich muss mir schnell Arbeit suchen. Dann eine Wohnung mieten. Ein neues Leben. Ich bin Papa dankbar, dass er mich abholt. Mehr kann ich nicht erwarten.
Das Haus hat sich nicht verändert. Unsere Wohnung liegt im ersten Stock. Drei Zimmer, Küche, Bad, mal Schweigen, mal Schreien. Papa müsste mittlerweile Rentner sein, er hat nicht darüber geredet. Wahrscheinlich nervt es ihn, keinen festen Ort mehr zu haben, um auch auswärts wütend zu sein. Er parkt an der Straße, steigt aus. Ich tue es ihm gleich. Auf dem Rücksitz liegt die kleine Sporttasche mit meinen Sachen. Er wartet nicht auf mich, geht zur Haustür und schließt auf. Ich folge ihm wie ein Schatten. Auf der Fußmatte vor der Haustür der Yelniks stehen drei Paar Schuhe. Lina scheint ausgezogen zu sein, vielleicht studieren. Ich hoffe es. Die Schuhe von Josi sind deutlich größer geworden. Sie müsste jetzt sechzehn oder siebzehn sein. Wir gehen die Treppe hoch. Papa schleppt die Beine über die Stufen, als lägen Steine in seinen Schuhen. Er schließt auf, drinnen riecht es wie immer. Zigaretten, Zwiebeln, Davidoff Cool Water.
»Ich …«
Er ist bereits in der Küche verschwunden. Ich stehe im Flur wie ein Paket, das er für die Nachbarn angenommen hat. Nur ungern. Ich sehe mich um. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Dieselben Slippers stehen im Schuhregal. Ich gehe in mein Zimmer, bleibe in der Tür stehen. In der Mitte steht ein Ergotrainer, der den Zugang zu meinem Bett versperrt.
»Papa?«
Schritte. Er bleibt hinter mir im Flur stehen, macht eine wegwerfende Geste. »Schieb’s halt zur Seite.« Ehe ich etwas sagen kann, ist er wieder in der Küche verschwunden. Ich fasse vorn unter den Ergotrainer, hebe ihn hoch. Leichter, als ich dachte. Sicher kein teures Modell. Ich schiebe ihn vor meinen Kleiderschrank. Werfe die Sporttasche aufs Bett, lasse mich auf den Schreibtischstuhl fallen. Er hat nichts verändert. Höchstens mal Staub gewischt, aber auch das ist lange her. Ich sehe mich um. Als ich das letzte Mal in diesem Raum saß, war ich neunzehn. Sechs Jahre und acht Monate ist das her. Damals habe ich ein Taxi zum Haftantritt bestellt. Ich habe mich zu sehr geschämt, von meinem Vater hingebracht zu werden, als würde er mich lediglich zum Fußball fahren.
Es klingelt. Wie sehr ich das nervige Brummen vermisst habe. Ehe ich aufstehen kann, ist mein Vater an der Tür und betätigt den Öffner. »Ist offen«, brüllt er in die Gegensprechanlage. Hat er jemanden eingeladen? Wen? Ich höre schlurfende Schritte im Treppenhaus, bleibe sitzen. Unsicher, was zu tun ist, als hätte ich Besuch verlernt. In der JVA gab es keine Überraschungen.
»Tach.«
Ich reiße die Augen auf. Diese Stimme habe ich zuletzt …
»Komm rein.«
… im Gericht gehört! Ich springe auf, eile in den Flur. »Was … macht der hier?«
Papa funkelt mich an. »Wo sind deine Scheißmanieren, Junge? Sag ordentlich Hallo!«
Ich balle die Hände zu Fäusten.
»Entschuldige«, sagt er engelsgleich zu seinem Gast. »Komm in die Küche, ich hab Kaffee gemacht.« Kalt zu mir: »Du auch.«
Er führt den Mann in die Küche. Ich bleibe im Flur. Was soll die Scheiße? Seit wann …
»Joran!«
Ich schließe die Augen. Neuanfang. Bleib ruhig, Joran. Sieh zu, dass du Arbeit findest, dann nichts wie weg. Ich gehe in die Küche. Papa und der Mann sitzen am Tisch, wir haben nur zwei Stühle. Ich stehe vor ihnen, unsicher, wohin mit mir. Papa schiebt eine Kiste Mineralwasser mit dem Fuß zu mir. Nickt in deren Richtung, als wäre ich ein Hund. Ich setze mich. Ruhig, Joran. Neuanfang.Ich sehe den Mann an, sein Name fällt mir nicht ein. Das Gesicht jedoch werde ich nie vergessen.
»Ich habe Georg eingeladen, weil ich finde, dass du ihm was schuldest.«
Georg. Jetzt erinnere ich mich. Georg Kutowski. Der Mann, der in mein Messer gelaufen ist. Der Grund für meine lange Haft. Fast zwei Jahre länger als die der anderen.
»Aber …«
»Georg redet als Erster«, unterbricht mich Papa.
»Ich hab das Schmerzensgeld bezahlt! Hundert Euro pro Monat über fast fünfeinhalb Jahre. Sechstausendfünfhundert Euro insgesamt, genau wie das Gericht …«
Papa schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, die Kaffeetassen scheppern. »Georg redet als Erster, Joran!«
Georg Kutowski räuspert sich. Er wirkt nicht so, als wäre er gerne hier. Willkommen im Klub, Georg.
»Ich schlafe nicht gut«, sagt Kutowski. »Wenn’s kalt wird, oft gar nicht.« Er streicht sich mit einer Hand über den strammen Bauch, verzieht das Gesicht. »Dann strahlen die Schmerzen bis in den Arm aus.«
»Er schläft schlecht, Joran«, wiederholt Papa, als wäre ich taub. »Immer noch.«
»Ich …«
Er funkelt mich an, ich schweige.
»Nach der Rente hab ich bei der Tafel geholfen. Essen verteilen, Lastwagen fahren. Hab einen Lkw-Führerschein von der Zeit beim Bund.« Er schüttelt den Kopf. »Geht nicht mehr, kann nicht mehr so lang sitzen.« Wieder die Hand am Bauch, wo mein Messer ihn gestreift hat.
Papa nickt zu mir. »Er kann nicht mehr so lang sitzen, Joran.«
»Ich versteh ihn auch ohne deine Übersetzung.«
Papa funkelt mich an, ich sehe weg.
»Rente aufbessern ist also nicht mehr drin. Wollte eigentlich in meinem alten Betrieb in der Buchhaltung weiterarbeiten. 520-Euro-Minijob. Geht nicht, weil …«
»Sie können nicht mehr so lang sitzen?«
Wieder schlägt Papa auf den Tisch. »Nicht so vorlaut, der Mann leidet wegen dir!«
»Ich hab meine Strafe bezahlt.«
»Einen Scheiß hast du!« Da ist er wieder, unser Alltag. Brüllen am Küchentisch. Kutowski sitzt da, als hätte all das nichts mit ihm zu tun. Ich werde nie vergessen, wie er vor Gericht auf schwer verletzt gemacht hat, während ich flennend neben meinem Anwalt saß. Dreimal hatte ich mich da schon bei ihm entschuldigt. Persönlich, am Telefon. Ihm sogar einen Scheißbrief aus der U-Haft geschrieben. Könnte haftmildernd sein, meinte der Pflichtverteidiger. Am Arsch! Nichts hat das Messer getroffen, kein einziges Organ. Wenige Zentimeter hat es in seinen Speck geschnitten, nichts weiter. Ein paar Stiche im Krankenhaus, fertig. Und jetzt sitzt er hier und …
»Du wirst weiterzahlen«, sagt Papa.
Ich lache auf. »Ich soll was?«
»Weiterzahlen. Genau wie im Knast.«
Kutowski nickt. Die Arschlöcher haben sich abgesprochen.
»Wovon denn? Sehe ich aus, als hätte ich Geld oder einen Job?«
»Du hast erzählt, dass du in der JVA eine Ausbildung zum Koch gemacht hast.«
Er hat Weihnachten also doch zugehört. »Eine Ausbildung bedeutet noch lange keinen Job. Außerdem will ich nicht zahlen.«
»Du schuldest ihm mehr.«
»Das sieht das Gericht anders.«
»Ich aber nicht!« Papa läuft weinrot an. »Du zahlst weiter, Freundchen. Doppelt!«
»Doppelt? Zweihundert pro Monat? Das meinst du jetzt nicht ernst.«
»Du hast den Namen unserer Familie in den Dreck gezogen!«
»Welche Familie?«
Er würde mich am liebsten schlagen, ich seh’s in seinen Augen. Wären wir jetzt allein, Junge.
»Ich werde nicht zahlen. Ich kann nicht zahlen.«
»Solange du hier wohnst, wirst du es.«
Ich stehe auf, kicke die Wasserkiste zurück zu ihm. Sie prallt ihm gegen das Schienbein. Er lässt sich nichts anmerken. »Dann wohn ich eben nicht mehr hier.« Ich stürme aus der Küche.
»Willst du auf der Straße pennen? Niemand wird dich aufnehmen!«
Ich nehme meine Tasche vom Bett, reiße die Wohnungstür auf.
»Joran!«, schreit Papa aus der Küche. »Wehe, du haust jetzt ab, Joran! Du schuldest …«
Ich werfe die Tür ins Schloss, drehe mich nicht um. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Wut, blanke Wut. Mein erster Tag in Freiheit. Ich wollte es besser machen. Neuanfang. Es fängt an, wie es vor fast sieben Jahren aufgehört hat.
Ich renne nach draußen, laufe los. Wohin, weiß ich nicht.
Wütendes Klopfen auf Glas. Ich schlage die Augen auf, sehe durch die beschlagene Frontscheibe. Eine Frau mit Zornesfalten tief wie Babyarschritzen späht hinein. Ich kurble das Fahrerfenster runter.
»Wenn Sie nicht sofort wegfahren, rufe ich die Polizei!«
Ich sehe von ihr zum Haus. »Ach … ist das nicht das Haus von Julia?«
Sie mustert mich und das Wageninnere. Kaum merklich entspannt sie sich. »Julia … Simrock?«
Ich lächle. In jeder Siedlung wohnt eine Julia. »Ja, wohnt die nicht hier?«
Sie zeigt nach rechts über die Motorhaube. »Zwei Straßen weiter, Blumenweg 9.«
Ich kurble die Rückenlehne des Fahrersitzes hoch. Gebe mich verwirrt und schockiert zugleich. »Das tut mir so leid! Sie müssen mich für eine Verrückte halten.« Ich starte den Motor. »Ich wollte Julia überraschen, wir kennen uns von früher. Bin gut durchgekommen auf der Autobahn und war viel zu früh hier.«
Die Frau macht einen Schritt weg von meinem Auto, in der rechten Hand hält sie Autoschlüssel und Thermobecher. Ich lege den Rückwärtsgang ein. »Das ist mir wahnsinnig unangenehm. Haben Sie einen schönen Tag!«
Die Frau nickt, augenscheinlich noch immer unsicher, was sie von mir halten soll. »Sie auch.«
Ich fahre rückwärts von der Einfahrt. Sie öffnet das Garagentor, um wahrscheinlich in irgendein Büro zu fahren. 6:11 Uhr sagt mein Handy. Ich hatte den Wecker auf 6:30 Uhr gestellt, damit ich verschwinden kann, bevor jemand wach wird. Nächstes Mal dann wohl sechs Uhr. Ich winke der Frau, ehe ich in die Richtung fahre, die sie mir gewiesen hat. Wahrscheinlich überlegt sie bereits, wem sie von unserer Begegnung erzählen kann. Als Erstes den Kollegen auf der Arbeit. Ihr glaubt nicht, was heute Morgen passiert ist. Noch ärgert sie sich, dass ich ihre Einfahrt blockiert habe, doch spätestens im Gespräch mit den Kollegen wird sie verstehen, dass ich ihr etwas geschenkt habe: eine Geschichte. Und falls sie in den nächsten Tagen Julia aus dem Blumenweg fragen sollte, ob ihr verwirrter Überraschungsbesuch gut angekommen sei, und Julia nicht weiß, wovon sie redet – dann wird sie etwas noch viel Besseres bekommen haben: eine rätselhafte Geschichte.
Ich biege in den Blumenweg, suche auf dem Handy nach dem nächsten Bäcker. Sehe eine SMS von Tara: »Wo bist du?« Ich swipe die Nachricht weg. Sie meint es gut, rede ich mir ein, aber ich bin kein fucking Kind mehr. Und sie ist nicht Mama. Am Ortsausgang ist ein EDEKA mit Bäcker. Fünf Minuten. Ich schalte das Radio ein. Katy Perry. Schalte das Radio wieder aus. Meinetwegen hätte sie im All bleiben können.
Nirgendwo übernachtet man sicherer als in Einfamilienhaussiedlungen. Die ruhigen erkennt man an der Rasenlänge in den Vorgärten. Je kürzer, desto langweiliger. Rindenmulch in den Beeten gibt Extrapunkte.
In Erfurt, an der alten Kerzenfabrik, wollten ein paar Junkies mein Auto aufbrechen, während ich darin geschlafen habe. Nur mit Vollgas aus dem Stand konnte ich mich befreien. Die Heckscheibe hatten sie da schon eingeschlagen. Zum Glück stand keiner von ihnen vor dem Auto. Ich weiß nicht, was ich dann getan hätte. Seitdem schlafe ich nicht mehr an Lost Places, sondern suche mir einen geschützten Platz im nächsten Ort. Die ersten Nächte habe ich auf Supermarktparkplätzen verbracht, ein Tipp aus der Camping-Community. Doch da patrouillieren oft Sicherheitsdienste, die auch nachts abschleppen lassen. In Einfahrten und auf Seitenstreifen vor Einfamilienhäusern dagegen gibt es weder abschleppwütige Sicherheitsdienste noch Junkies und Verrückte. Zumindest draußen. Was hinter den Haustüren passiert, liest man jeden Tag in den Nachrichten. Morgens, bevor all die Julias und Michaels aufstehen, um ins Büro zu fahren, bin ich weg. Meistens zumindest.
Ich verstehe nicht, wie man ernsthaft Brötchen mit Mayo statt mit Butter bestreichen kann. Zumindest der Kaffee war annehmbar. Außer mir stand niemand beim Bäcker, das hätte mich stutzig machen sollen.
Auf der Straße zur Tankstelle kommt mir ebenfalls keiner entgegen. Auch am Tag macht der verwitterte Bauzaun am Rand des Geländes keinen einladenden Eindruck. Ich parke, wo ich schon in der Nacht geparkt habe. Werfe das halb gegessene Mayo-Brötchen zwischen die Fichten und überlege, ob die Wildschweine, die es irgendwann finden werden, auch lieber Butter gehabt hätten. Die Luft ist klar, die Sonne scheint. Kaum Wolken am Himmel. Die Aufnahme muss grandios geworden sein. Das langsam emporkriechende Orange des Morgens strahlt in einer wolkenfreien Zeitrafferaufnahme, als würde der Horizont Feuer fangen. Nur tief liegender Nebel knallt noch mehr. Wie Rauch legt er sich über die Landschaft, umfließt Bäume und Gemäuer. Im flachen Norden begegne ich ihm leider nur selten.
Ohne Eile schlendere ich den gleichen Weg entlang wie in der Nacht. Stoppe an den Spanholzplatten, spähe hinein. Mustere die Zapfsäulen, gehe an den Toiletten vorbei. Lächle. Orte wie dieser beruhigen mich. Dass es sie noch gibt – oder geben darf. Vergessen unter aller Augen.
Ich gehe weiter zur Waschstraße, sehe hinein. Fuck. Wo ist die Katze? Ich eile ums Gebäude, reiße die Edelstahltür auf. Der metallene Werkzeugwagen ist leer. Keine Katze. Ich blicke mich um, die Kamera steht noch dort, wo ich sie in der Nacht hingestellt habe. Dahinter die Tasche. Ich sehe hinein. Keine Katze. Sonst scheint nichts zu fehlen. Das Licht an der Kamera blinkt noch. Die Powerbank hat gehalten wie geplant. Ich drehe mich um, gehe zu den Bürsten. Nichts. Zur Matratze. Lagen da nicht nur zwei leere Capri-Sonnen, bevor ich in der Nacht gegangen bin? Ich knie mich davor. Zähle noch einmal. Eins, zwei, drei. Ich sehe nach hinten zur Kamera. Jemand war hier – und hat meine Katze gestohlen. Die Kamera muss er übersehen haben. Weit hinten im Raum, umgeben von Kisten und Krempel. Die Glitzerkatze stand in der Mitte des Raumes wie ein Exponat im Museum. Fuck.
Ich stehe auf, gehe zur Kamera. Sie hat alles gefilmt. Alles und jeden. Ich drücke auf Stopp, schraube sie vom Stativ. Auf dem Display spule ich hektisch zurück. Die Sonne, die rückwärts untergeht. Der Wechsel zurück vom Morgen zur Nacht. Dann lange nichts. Dunkelheit. Ich spule weiter. Dann … ich drücke auf Normalgeschwindigkeit.
Ich habe mit einem Obdachlosen gerechnet. Oder betrunkenen Jugendlichen auf der Suche nach Ablenkung. Ich stoppe die Aufnahme. Zoome heran. Kein Zweifel. Ein Mädchen in Schlafanzug, Gummistiefeln und Regenjacke kommt in die Waschanlage, schlürft an einer Capri-Sonne, die sie anscheinend mitgebracht hat. Ihre Bewegungen wirken seltsam normal. Als würde sie nach Hause kommen, die Küche für einen Snack oder ihr Kinderzimmer zum Spielen betreten, nicht eine seit Jahren verlassene Waschstraße. Das Mädchen entdeckt die Glitzerkatze. Große Augen. In sicherem Abstand umrundet sie die Statue auf dem Werkzeugwagen. Ich erkenne ihr Gesicht nur schemenhaft, Bild für Bild, wie in einem Daumenkino. Die Verblüffung, das Lächeln. Die dunklen Augen. Sie hebt die Hand, streicht der Katze über den Kopf. Lächelt. Das Mädchen sagt etwas. Zur Katze?
Sie nimmt die Statue vorsichtig in die kleinen Hände, schmiegt sie wie ein lebendiges Tier an ihren Oberkörper und setzt sich auf die Matratze. Zusammen trinken sie Capri-Sonne. Die Lippen des Mädchens bewegen sich unentwegt. Ich weiß nicht, was sie sagt, aber sie redet. Viel. Die Kamera nimmt keinen Ton auf. Unwichtig für meinen Content. Später beim Schneiden unterlege ich die Videos mit passender Musik von TikTok und Insta. Irgendwas, das trendet.
Schließlich steht das Mädchen auf und verlässt die Waschstraße – mit meiner Katze unterm Arm.
Ich spule zurück zu dem Moment, in dem das Mädchen zur Tür hereinkommt. 3:31 Uhr, verrät der Timestamp. Anderthalb Stunden, nachdem ich dort war. Um 4:28 Uhr geht das Mädchen mit der Glitzerkatze. Ich gehe dorthin, wo das Mädchen in der Aufnahme stand. Sehe zum Stativ. Sie hat die Kamera nicht bemerkt.
Ich schüttle den Kopf. Es ist nicht das erste Mal, dass das Mädchen herkommt. Die Selbstverständlichkeit ihrer Bewegungen, die Vertrautheit des Raumes. Wer ist sie? Warum kommt sie her? Allein?
Ich lege meine Kamera in die Tasche, schraube das Objektiv ab, klappe das Stativ zusammen. Das Mädchen wird wiederkommen. Ohne Frage. Und das bedeutet, dass ich es auch werde.
In den fast sieben Jahren Knast habe ich selten weniger geschlafen als in dieser Nacht. Bett zu groß, Matratze zu weich, Decke zu kurz, Kissen zu muffig – doch letztlich war es die Scham, die mich wach gehalten hat. Nicht wegen dem, was ich getan habe, sondern wegen dem, was ich dachte, nach der Haft vorzufinden.
Als ich acht oder neun war, ist Tante Karla gestorben. Irgendein Krebs. Gebärmutter oder Darm, die Erwachsenen haben nicht darüber gesprochen. Bloß an meinen Ohren gezogen, dass mein Hemd nicht ordentlich in der Hose stecke. Als wäre Tante Karla das noch wichtig. Die angereiste Verwandtschaft, die vor der Beisetzung nicht mehr bei uns in der Wohnung untergebracht werden konnte, ist im Ziegelhof abgestiegen. Drei Sterne, von denen mindestens zwei erlogen sind. Jetzt liege ich in einem Nichtraucherzimmerbett, das nach Aschenbecher stinkt, und verprasse mein Überbrückungsgeld für ein schlechtes Bett in einem schlechten Hotel. Etwas mehr als zweitausend Euro habe ich mitbekommen. Das soll der Wiedereingliederung helfen, damit ich Zeit habe, mich um alles zu kümmern. Ich hatte vor, das Geld zur Seite zu legen. Ein Handy zu kaufen. Jetzt werde ich es wohl im Ziegelhof lassen, weil ich nicht weiß, wo ich sonst hingehöre.
Sechs Jahre und acht Monate.
Ob der Alte überhaupt will, dass ich zurückkomme? Mich entschuldigen? Zweihundert Euro an Kutowski zahlen, Monat für Monat? Oder war das seine Art, mich rauszuschmeißen? So verliert er wenigstens nicht das Gesicht. In der Kneipe und im Spiegel. Ich hab Joran abgeholt, müsst ihr wissen! Ihn wieder zu Hause aufgenommen. Hab ihn sogar mit seinem Opfer zusammengebracht, das kaum noch pennen kann. Und Joran? Verpisst sich, die feige Sau!
Papa trifft keine Schuld, findet Papa.
Ich stehe auf, gehe ins Bad. Das Wasser schmeckt nach Eisen. Die Zahnbürste habe ich in der JVA gekauft.
Es ist noch früh. Kurz nach sieben. Unten ist seit einer halben Stunde Frühstücksbuffet, das ich nicht dazugebucht habe. Lieber zwei belegte Brötchen im EDEKA für weniger als ein Drittel des Preises. Das Zimmer habe ich direkt für eine Woche bezahlt, damit ich nicht in Versuchung komme, nach Hause zurückzukehren. Dreihundertsiebenundsiebzig Euro. Puff, ein Fünftel des Überbrückungsgeldes weg.
Erst EDEKA, dann Amt. Ich muss mich arbeitssuchend melden. Stütze beziehen. Ein Dach über dem Kopf finden, ein richtiges. Kohle für Essen, ein Handy, einen Neuanfang. Scheiß auf Papa, scheiß auf Kutowski. Ich hab bezahlt, bin gewachsen. Dirk hat es in der JVA prophezeit: Glaubt bloß nicht, dass alles so sein wird wie vorher. Perfekt, dachte ich. Vorher war scheiße! In der Haft habe ich gelernt, in den Spiegel zu sehen. Für meine Fehler geradezustehen. An der Tankstelle wollte ich niemanden verletzen, nur mit dem Messer drohen. Cool sein. Gefährlich. Den anderen gefallen. Ein Volltrottel war ich. Die vergangenen sieben Jahre haben mich verändert. Andere offenbar nicht.
Ich verlasse das Hotelzimmer, stecke die Zimmerkarte ein. Es wird nie wieder so sein wie früher, denke ich im Aufzug. Dafür werde ich sorgen.
Ich gehe über den Fahrradweg Richtung Amt.
Die angemessene Gesamtwohnfläche für mich, einen Einpersonenhaushalt, beträgt fünfzig Quadratmeter. Fünfmal so viel wie im Knast. Mit eigener Küche, Dusche, Wohnzimmer. Das Problem: Wie schnell ich eine bekomme, konnte sie mir nicht sagen. »Da müssen Sie online oder in der Zeitung nachsehen, wie alle anderen auch.« Danach hat sie meinen Anspruch auf Bürgergeld bestätigt. Die Kochausbildung in der JVA ist nicht sozialversicherungspflichtig, weswegen ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld bekomme, obwohl ich jahrelang in der Küche geschwitzt habe.
Nach einem halben Tag im Amt bin ich erfolgreich wohnungsberechtigt und arbeitssuchend. Die wichtigsten Papiere befinden sich in einer blauen Klarsichthülle in meiner Hand, die Sonne scheint. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und fühle mich zum ersten Mal im Leben annähernd erwachsen.
Schon auf dem Hinweg zum Amt habe ich mir ein Handy besorgt, damit die Beraterin mich jederzeit erreichen kann, sollte sie eine passende Stelle finden. Im Brücknerweg ist ein Vodafone-Shop. Kaum fünfzehn Minuten Fußweg vom Hotel. Der Kauf ging erstaunlich schnell, das Gerät konnte ich sofort mitnehmen. Trotz Ratenzahlung schmelzen die knapp zweitausend Euro Überbrückungsgeld schneller als Eis im Freibad. Ich brauche Arbeit. Schnell.
Mit den Papieren in der Hand, dem Handy in der Tasche und dem Gefühl, unfassbar viel geschafft zu haben, schlendere ich über den Bürgersteig. Ich lächle. Das ist er, der Neuanfang. Sieben Jahre habe ich darauf gewartet. Nur wenige andere sind auf der Straße unterwegs. Zwei Väter hinter Kleinkindern auf Laufrädern, die wackelig wie kleine Betrunkene über den Bürgersteig schlängeln. Eine Rentnerin mit Rollator, die die Kinder anlächelt. Ein Gärtner, der eine Hecke schneidet. Alle anderen sind auf der Arbeit, in der Schule, zu Hause. Links geht die Kleimannstraße ab, ich bleibe abrupt stehen. Hier habe ich meine halbe Jugend verbracht. Aras hab ich seit dem Verfahren nicht mehr gesehen. Wir wurden getrennten Justizvollzugsanstalten zugewiesen. Komplizen werden getrennt inhaftiert, um die Resozialisierung zu unterstützen. Meine Haftstraße war die längste. Wegen Kutowski. Aras bekam fünf Jahre für schweren Raub, Marvin deutlich weniger, weil er Jugendstrafrecht bekommen hat. Dirk hat uns in seiner Beratung davor gewarnt, in alte Muster zurückzufallen. Damit meinte er vor allem, mit den alten Freunden Kontakt aufzunehmen.
Ich biege ab in die Kleimannstraße. Vielleicht wohnt Aras wieder bei seiner Schwester.
Das Klingelschild hat sich nicht geändert, ich drücke darauf. Dumpfe Stimmen hinter der Tür. Ein Kind, nein, eine Jugendliche. Dann Hanas Rufen von innen. »Kannst du gehen, Nuri? Nuri? Bestimmt Paket … Nuri?« Schritte, dann lauter, genervter: »Ja klar, ich gehe gerne!«
Die Tür wird aufgerissen. Ich lächle, Hana hat sich kaum verändert. Überrascht mustert sie den jungen Mann vor ihrer Tür, der sie an irgendwen erinnert. Sie braucht einen Moment, um mich zu erkennen. Dann verschränkt sie die Arme vor der Brust.
»Der Messerstecher.«
Ich sehe auf den Boden, merke, wie mir die Hitze in den Kopf schießt. »Nenn mich nicht so.«
»Bist du doch, oder nicht? Auch endlich raus, was? Aras ist nicht da, falls du das wissen willst.«
»Also wohnt er wieder …«
