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Gerade noch glaubte der Rheinsberger Bauarbeiter Bernd Bergner, einen wertvollen Goldfund gemacht zu haben. Doch die Freude währt nicht lange. Schon bald liegt der Mann tot auf der Straße. Der Mord erschüttert die Kleinstadt. Doch Kommissarin Anna Klettner und ihr viel zu kleines Team bekommen noch weit mehr zu tun. Ein illegales Bordell brennt ab, wenig später ein in der Restaurierung befindliches Bürgerhaus im Zentrum der Stadt. Im Laufe der Ermittlungen fallen viele Masken. Ein anscheinend ehrbarer Bürger entpuppt sich als religiös-fanatischer Psychopath. Rheinsberg wird zum Zentrum des Medieninteresses. Das erhöht zwar die Zahl der Touristen deutlich, schmeckt aber vielen Einwohnern überhaupt nicht. Sie wollen eine Bürgerwehr gründen. Doch dann können die Ermittler die Täter dingfest machen. Und die Stadt kommt zu gänzlich neuen Ehren: Hollywood verfilmt die Mordsgeschichte.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Holger Rudolph
Giftmord statt Goldschatz
Ein Rheinsberg-Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Fundsache
Ungewissheit
Suche
Enttäuschung
Entsetzen
Aufgeschreckt
Gefordert
Warten
Getötet
Gesehen
Indizien
Mordsache
Doppelleben
Erpresst
Versteckt
Freundinnen
Aufgeregt
Verschwörungstheorien
Spekulationen
Maikäfer
Falschmünzer
Unverständnis
Zwickmühle
Hinweise
Erkannt
Blechschaden
Aufgespielt
Ansturm
Freimütig
Fake
Ausgeflippt
Aufrichtig
Stimmen
Krankenbett
Ehre
Flammen
Gegenwehr
Rathauschef
Ostwärts
Enttarnung
Falschmeldungen
Mauerkletterer
Messiastown
Rauswurf
Boulevard
Asyl
Zufriedenheit
Susi
Ausgeweitet
Schuldige
Aufbruch
Lover
Schuldfähig
Angst
Verräter
Ausflüchte
Erfolge
Seitentausch
Promi-Faktor
Angezeigt
Spätfolgen
Strafe
Hollywood
Abgerutscht
Reichtum
Protest
Ausweglos
Cinema
Leichenfund
Impressum neobooks
Einer seiner Weisheitszähne macht ihm Probleme. Die Bohrmaschine im Nachbarraum schrillt. Erst gestern hatte Bernd Bergners Zahnarzt ihn eindringlich darauf hingewiesen, dass der Zahn raus müsse, und dies möglichst bald. Doch der Bauarbeiter will jetzt nicht darüber nachdenken, was sein sollte. Allerdings macht das energische Geräusch von nebenan es schwierig, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Zu sehr erinnert der alles durchdringende Ton an das verhasste Bohrgerät beim Stomatologen. Trotzdem wird er seinen Bekannten aus Jugendtagen in absehbarer Zeit aufsuchen müssen. Setzt er doch großes Vertrauen in dessen Fähigkeiten als Arzt.
Die Holzdielen unter seinen Füßen sind bald 200 Jahre alt. Vorsichtig hebt er eine von ihnen an. Nur nichts beschädigen, was noch gerettet werden könnte. Die Denkmalschützer fordern, dass möglichst viel von der alten Substanz bei der Sanierung dieses zentral gelegenen Rheinsberger Ackerbürgerhauses erhalten bleibt.
Bergner arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten im Baubetrieb Kegel. Er weiß, wie viel Zeit für eine ordentliche Instandsetzung nötig ist. Oft würde er deshalb so manchen Arbeitsgang gern mit deutlich mehr Ruhe erledigen, als es im stressigen Alltag möglich ist.
Wieder einmal hat es Norbert Kegel geschafft, bei einer der größeren Ausschreibungen in seiner Heimatstadt billiger als die anderen zu sein. Ein fettes Grinsen erfüllte das Gesicht des schwergewichtigen und klein gewachsenen Firmenchefs, als er seinen Leuten vor ein paar Wochen mitteilte: „Wir haben den Zuschlag für die Bautischler-Arbeiten erhalten.“ Für Bergner und sechs weitere Angestellte bringt der Auftrag mindestens ein Jahr der beruflichen Sicherheit. Allerdings hat der Handwerker, dem seine Arbeit an sich sehr gut gefällt, seit der erfreulichen Botschaft massenweise Überstunden leisten müssen, ohne Bezahlung natürlich. Es handelt sich um Mehrarbeit, die es offiziell nicht gibt. Wer sich darüber aufregt, der könne gehen, poltert Kegel, wenn sich in den Reihen der Mitarbeiter auch nur die geringste Kritik regt. Dabei entwickelt seine linke Augenbraue ein markantes Eigenleben. Unkontrollierbar zuckt sie auf und ab. Doch das geschieht nur selten, denn meist kuschen Kegels Leute. Ihm Kritik ins Gesicht zu sagen, das könnte schiefgehen. Und es ist nicht leicht, im Nordosten Deutschlands wieder eine Festanstellung zu bekommen, erst recht, wenn man als aufmüpfig gilt.
Bergners Handy klingelt. Es sitzt griffbereit aber sicher in einer der tiefen verschließbaren Taschen der Arbeitsweste. Er drückt die grüne, reichlich abgenutzte Taste des mehr als zehn Jahre alten Telefons. Bergner braucht ein Handy, das gut funktioniert und kein miniaturisiertes mobiles Büro, wie es viele seiner Kollegen mit sich herumtragen. Dass einige von ihnen über seinen Steinzeit-Knochen witzeln, stört ihn nicht. Die Anruferin ist seine Frau Susanne. Sie möchte wissen, wann er heute nach Hause kommt. Bergner ist zwar froh darüber, dass sie sich auch nach 17 Jahren Eheleben noch fast täglich besorgt danach erkundigt, wie es ihm geht. Doch wie so oft weiß er auch heute nicht, wann Arbeitsschluss sein wird. Susanne kennt seine Probleme nicht aus eigenem Erleben. Sie hat als Krankenschwester in einer Allgemeinmedizinischen Praxis einen echten Acht-Stunden-Arbeitstag. Oft genug bekommt Bergner den Ärger der Ehefrau über seine ausgedehnte Arbeitszeit zu spüren. Sie wirft ihm in solchen Momenten vor, er setze sich nicht genügend durch. Eigentlich brauche er seinem Chef gegenüber doch nur im Falle erneuter ungesetzlicher Mehrarbeit auf die vertraglich verbürgte Stundenzahl hinzuweisen. Diese Möglichkeit hätte er natürlich tatsächlich. Doch die Auswirkungen wären vollkommen anders, als von ihr erhofft. Seine Vorarbeiterstelle würde er dann höchstwahrscheinlich nur noch kurze Zeit behalten. Irgendein Vorwand, ihn zu degradieren oder gar zu kündigen, wäre schnell gefunden.
Manchmal scheint Susanne ihrem Mann überhaupt nicht zu glauben, wenn er wieder einmal sein spätes Heimkommen mit den Unwägbarkeiten des Arbeitslebens begründet. Es kommt ihm dann so vor, als ob sie glaubt, dass er eine Andere haben würde. Er versteht nicht, dass sie an so etwas auch nur im Entferntesten denken kann. Wie zur Selbstberuhigung spricht er vor sich hin: „'ne Neue, würde ich doch niemals machen, ich mag dich doch, Suse, was soll ich da mit 'ner Anderen. Wir sind doch glücklich.“
Die beiden Kinder sehen ihn nur selten. Oft ist er abends erst dann zu Hause, wenn sie bereits im Bett liegen und schlafen. Manchmal kommt es vor, dass beide Eltern noch bis spät in die Nacht unterwegs sind. Das geschieht immer dann, wenn Bernd wieder einmal länger arbeiten muss und Susanne Zeit mit ein paar Freundinnen verbringt. Bernd akzeptiert, dass sie sich mit ihnen immer montags, mittwochs und freitags zum Mädelsabend in verschiedenen Cafés trifft. Weniger Verständnis bringt er dafür auf, dass sie nach einem solchen Treffen meistens erst gegen 3 Uhr morgens wieder zu Hause ist. Ein paar Mal hat er zu erfahren versucht, weshalb es derart lange gedauert hatte. „Weiberkram, den Du sowieso nicht verstehen würdest“, antwortete sie ihm. Frauen hätten sich stets viel zu erzählen. Längst fragt er nicht mehr nach. Soll sie nur machen, denkt er. Kaffeetrinken und quasseln könne so schlimm doch nicht sein.
Ja, er wird sich heute Abend beeilen, mehr kann Bernd Bergner seiner Frau nicht versprechen. Er beendet das Telefonat rasch, denn Norbert Kegel hat sich breit vor ihm aufgebaut: „Na, wie lööft ett, meen Juta?“, will er wissen. Bergners Chef berlinert immer dann, wenn er seinen Mitarbeitern gegenüber Fürsorge demonstrieren möchte. Das ist gespielt – und nicht einmal gut. Jeder auf der Baustelle fühlt sich genervt von dem Eiapopeia-Kindergarten-Ton, den der angeblich Besorgte an den Tag legt. Er mimt dann den großen und wissenden Erzieher, seine Leute aber sind die lieben Kleinen, denen er von ganzem Herzen nur das Allerbeste will. Jeder weiß, dass Kegel in Wahrheit ein eiskalter Rechner ist, der vor allem befürchtet, dass seine Mitarbeiter in Verzug kommen könnten. Das würde für ihn Ärger mit dem Auftraggeber bedeuten, den er sich nicht leisten kann. Gehört das mehr als 200 Jahre alte Haus doch einem der einflussreichsten Prinzenstädter. Als Vorarbeiter hat Bernd dafür zu sorgen, dass niemand schludert, die Zeitvorgaben aber trotzdem eingehalten werden. Der Bautischler kann seinen Vorgesetzten für heute beruhigen: „Alles bestens, kein Grund zur Sorge.“ Nach einem allzu intensiven Schulterklopfen zieht Kegel ab. Er muss weiter, zwei andere Baustellen, ein Museum in der Kreisstadt Neuruppin und der Anbau einer Klinik in Kyritz, sind heute noch zu besuchen.
Die meisten Dielen im alten Bürgerhaus, das zuvor über Jahrzehnte leer gestanden hatte, sind von Holzwürmern zerfressen. Trotzdem hebt Bergner jedes Brett mit großer Sorgfalt an. Nur bei wenigen davon lohnt sich das Aufarbeiten. Als er eine weitere alte Bohle aus der Verankerung löst, schlägt ihr hinterer, nun abgesenkter Teil lautstark auf Metall. Zumindest klingt es so. Rasch entfernt der Arbeiter auch die beiden Nachbardielen.
Die freigelegte Schatulle ist alt. Bernd Bergner hatte sich zunächst vergewissert, dass keiner seiner Kollegen in der Nähe ist, ehe er sie sich näher ansah. Das Tuch aus Leinen, in welches das Gefäß eingehüllt war, wies nur an einer Stelle zwei, drei kleine Löcher auf. Ansonsten hatte es über Jahrhunderte hinweg den Inhalt geschützt. In all den Jahren, die er schon alte Häuser saniert, hat der Arbeiter noch keinen derartigen Fund gemacht. Das Interessanteste, was es bisher für ihn zu entdecken gegeben hatte, war ein Schaukelpferd, entstanden in einer märkischen Manufaktur um 1910. Der Bauherr hatte damals nichts dagegen, dass Bergner das Spielzeug mit nach Hause nimmt. Er sah davon ab, dem Pferdchen eine neue Lackierung zu verpassen. Danach hätte es zwar mit Sicherheit noch besser ausgesehen, doch sein Wert als Antiquität wäre gesunken. Ungenutzt herumstehen sollte das Holztier dann aber doch nicht. Bergners Kinder Maria und Björn vergnügten sich damit über Jahre hinweg.
Heute geht es wohl um mehr als ein Holzpferdchen. Das Innere der offenbar sehr alten Schatulle ist mit Stoff ausgekleidet. Ungefähr 100 Münzen, jeweils etwa so groß wie ein Ein-Euro-Stück, scheinen aus purem Gold zu bestehen. Auf der einen Seite ist der Kopf eines Mannes mittleren Alters abgebildet. Sein Gesicht ist rundlich, obenauf eine Rokoko-Perücke, wie sie in herrschaftlichen Kreisen ab 1730 üblich war. Unter der bildlichen Darstellung auf dem Avers der Münze stehen die Initialen M. G. F., ohne dass es eine Erläuterung dafür gibt. Der Revers der sämtlich identischen Münzen zeigt Schloss Rheinsberg noch ohne jene Umbauten, die erst später realisiert wurden, als Prinz Heinrich von Preußen, Friedrichs jüngerer Bruder, dort bis zu seinem Tode lebte. Auch der Grienericksee, der das Schloss vom nahen Boberow-Forst trennt, ist erkennbar. Allerdings fällt Bergner auf, dass die Proportionen der gezeigten Objekte etwas ungewöhnlich dargestellt sind. Was ihm als falsch erscheint, könnte damals vielleicht als besonders kunstvoll gegolten haben, vermutet er rasch. Vielleicht wäre es auch eine sehr spezielle Note des Künstlers.
Es hat über Nacht geschneit, das erste Mal in diesem Winter. In der Vorweihnachtszeit hatten die Rheinsberger nicht zum ersten Mal vergeblich auf ein bisschen Weiß gehofft. Der Weihnachtsmarkt wurde zum Desaster. Schnee und Kälte ließen auf sich warten. Stattdessen fegte ein Sturm über den Kirchplatz. Einige Stunden zuvor hatten die Meteorologen das Unwetter angekündigt. Gerade noch rechtzeitig konnte die Stadtverwaltung das Markttreiben absagen. Ohnehin waren bei derart misslicher Witterung nur wenige Tagestouristen angereist, die nun auch noch enttäuscht wurden. Jetzt hält Väterchen Frost doch noch im Städtchen Einzug.
Hinter Bernd Bergner liegen unruhige Stunden, fast ohne Schlaf. Er hat seiner Suse nichts von den Goldmünzen erzählt. Mehrfach hatte sie ihn im Verlauf des Abends auf seine ungewöhnliche Schweigsamkeit angesprochen. Seine Antworten waren tatsächlich auffallend kurz. Mehr als vier Worte am Stück brachte er nicht heraus. Offenbar war ihr schnell klar, dass er etwas vor ihr verbarg. Auch ohne ihre berufsbedingten Grundkenntnisse der Psychologie wäre ihr das Außergewöhnliche in seinem Verhalten nicht entgangen. Ihr Ehemann saß zwar vor dem Fernseher, verinnerlichte aber nichts von dem, was ihm die Glotze bot. Seine Gesichtszüge waren maskenhaft erstarrt. Auch, wenn ihm nichts davon anzumerken war, grübelte er, wie es sich am besten anstellen ließe, einen Interessenten für die Münzen zu finden.
Später, als seine Frau schon schlief, setzte er sich an den Computer in der Hoffnung, im Internet Näheres über die Münzen und ihren vermutlichen Wert zu erfahren. Vergebens, es fand sich dort kein Exemplar, das jenen von der Baustelle auch nur ähnlich war. Um Geldstücke konnte es sich kaum handeln, fehlte ihnen doch jegliche Wertangabe. Vielleicht sind sie eine Sonderprägung, die nicht als Zahlungsmittel vorgesehen war, denkt Bergner. Unklar blieb auch, wer der dargestellte Mann ist und was die Buchstaben M. G. F. bedeuten sollen. Handelte es sich tatsächlich um reines Gold, dürfte allein der Materialwert nicht unerheblich sein, glaubt er. Doch das Abbild des Schlosses auf den 100 Exemplaren lässt ihn mutmaßen, dass es sich um einen echten Schatz handeln könnte, der in einem engen Zusammenhang mit dem preußischen Königshof steht. Eine Hinterlassenschaft des Kronprinzen und späteren Preußenkönigs Friedrich II. vielleicht, oder die seines Bruders Heinrich, der weit länger in der Residenz am Grienericksee lebte?
Er hatte im Internet zwar nichts Konkretes über seine Münzen gefunden, zumindest aber einige brauchbare Informationen entdeckt, wem der Fund nach den Buchstaben des Gesetzes am ehesten gehören könnte. So hatte 1984 ein Baggerfahrer in Schleswig-Holstein bei Abbrucharbeiten eine große Menge sehr wertvoller Gold- und Silbermünzen aus dem Mittelalter gefunden. Der Bundesgerichtshof entschied, dass jeweils die Hälfte der Geldstücke dem Land Schleswig-Holstein und dem Arbeiter zustünden. Anders wäre das Urteil ausgefallen, wenn der Arbeitgeber den Baggerführer konkret dazu aufgefordert hätte, neben seiner üblichen Tätigkeit auch nach Schätzen zu suchen. Dann wäre der Auftraggeber zum Entdecker geworden, weil die Idee zum Suchen von ihm stammte. Er hätte die Hälfte des Fundes erhalten, die andere das Land. Der Bauarbeiter aber wäre leer ausgegangen. Nein, Firmenchef Kegel hatte ihm keinen solchen Auftrag erteilt. Trotzdem würde Bergner selbst im Höchstfall die Hälfte des Fundes zustehen. Den Rest bekäme das Land. Auch der Eigentümer des Gebäudes würde unter bestimmten Umständen 50 Prozent der Goldmünzen erhalten. Das alles kommt für Bergner nicht in Frage. Er will endlich einmal zu den ganz großen Gewinnern zählen. Lange genug hat er geschuftet. Viel zu oft bestand sein Leben in den zurückliegenden Jahren vor allem aus Arbeit: Aufstehen, 12 bis 13 Stunden malochen, danach ein bisschen fernsehen, meist aber vor der Glotze einschlafen, etwas Sex, schlafen – und schon wieder aufstehen. Eine echte Tretmühle. Auch die freien Wochenenden wurden seltener. Immer häufiger nahm der Chef keine Rücksicht darauf, dass seine Mitarbeiter auch mal Ruhe brauchen und viele von ihnen Familie haben. Sie sollten sich in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit für das Unternehmen aufopfern, forderte der Fettwanst. Tatsächlich, den Begriff aufopfern hatte Kegel allen Ernstes verwendet, als ginge es darum, die letzte Schlacht der Gerechten zu gewinnen.
Auf dem Weg zur Baustelle fabuliert er. Sollte sich der Fund zu Geld machen lassen, dann könnte die Familie aus der kleinen Doppelhaushälfte am Stadtrand ausziehen. Ein eigenes Haus ganz ohne direkte Nachbarn wäre traumhaft. Absolut real aber ist der dicke rotbraune Kater, dessentwegen Bernd Bergner voll auf die Bremse seines Autos tritt. Der Wagen kommt wenige Zentimeter vor dem Tier zum Stehen, das Bergner von der Straßenmitte her einen unwirschen Blick aus gelbgrün leuchtenden Augen zuwirft. Glück im Unglück, der Kater hat überlebt. Vielleicht gibt es schon bald noch mehr Grund zur Freude, denkt Bergner und grinst dabei. Er erinnert sich an das alte Sprichwort, das auf die Straße rennenden Katzen eine Wirkung auf ihre menschlichen Betrachter zuspricht: „Rechts nach links, Glück bringt's“. Eine Glückssträhne sollte man zumindest nicht ausschließen. Erfreulicherweise kam die Katze nicht von links, denn „Links nach rechts, bringt's Schlecht's“. Nein, er glaubt nicht an die in dieser kleinen Stadt auch im 21. Jahrhundert vor allem bei den älteren Einwohnern noch immer beliebten Sprüche. Sind sie doch nicht mehr als Aberglaube, entlehnt aus nicht oder falsch verstandener Religion, der zu einer ganz eigenen Form der Religiosität führt. Statt sich bis ins Detail in der Bibel auskennen zu müssen, zimmerten sich die einfachen Leute schon vor Jahrhunderten ihre schlicht-schöne Glaubenslehre. Nur nicht mit dem Bösen einlassen, schon eine schwarze Katze könnte etwas unerwartet Übles bedeuten, ist sie am Ende gar eine Hexe? Er lacht über solchen Unsinn. Bergner braucht keine Religion. Er glaubt ja nicht einmal an Gott, ganz anders als seine Susanne, die als Katholikin an jedem Sonntag zur Kirche geht. Vor fast 20 Jahren hatte sie sich noch darum bemüht, auch aus Bernd einen gläubigen Christen zu machen. Doch er hatte mit Religion nichts am Hut. Sie war und ist für ihn nur ein Leitfaden für alle Mitmenschen, die nicht ohne so ein Gängelband auskommen. Und er findet es alles andere als erstrebenswert, dem Pfarrer auch intimste Geheimnisse beichten zu sollen, falls man eine angebliche oder tatsächliche Verfehlung begangen hat. Schlimmer noch: So ein aufrichtiger Katholik kann sich von fast jeder Schuld befreien, wenn er nur immer schön zur Beichte geht.
Auch seine Susanne legt hin und wieder bei Pfarrer Wolfgang Glück die Ohrenbeichte ab. Der Priester betreut außer der kleinen Prinzenstädter Gemeinde auch noch ein paar Nachbarorte. Nur zu gern wüsste Bergner, was - um Himmels Willen – sie diesem lokalen Stellvertreter Gottes eigentlich mitzuteilen hat. So schlimm können ihre Missetaten nicht sein, meistens ist sie doch im wahren Wortsinn lammfromm.
Als Realist sieht Bergner sich selbst als Schmied seines Glücks. Das Gebot der Stunde heißt, aus seinem Zufallsfund das Beste zu machen. Schon heute Abend wird er die Münzen, die sämtlich aussehen wie frisch geprägt, einem guten Bekannten zeigen. Der wird ihren Wert sicherlich recht genau einzuschätzen wissen. Vielleicht hat er auch eine Idee, wo sich die Geldstücke ohne Probleme verkaufen lassen.
Fritz Quarz erwartet seinen Vereinskumpel Bernd Bergner bereits in der weit geöffneten Haustür. Der hatte es am Telefon spannend gemacht. Er werde ihm etwas zeigen, das seit Jahrhunderten im Verborgenen gelegen habe, etwas ganz Besonderes. Und Quarz werde zu schweigen haben über alles, was mit dieser Angelegenheit zusammenhängt. Nach kurzem Zögern hatte der vollbärtige Endfünfziger die erbetene Verschwiegenheit zugesichert. Nun steht er auf der obersten Stufe der Treppe zu seinem Siedlungshaus, ganz in Erwartung des versprochenen Unbekannten, das ihn zum Mittwisser machen würde. Geheimnisse sind für ihn an sich alltäglich. Als Kundenberater der örtlichen Filiale einer Großbank hat er über die finanziellen Verhältnisse der Anlieger Stillschweigen zu bewahren.
Quarz sammelt leidenschaftlich gern Münzen: Preußen, Sachsen, das Kaiserreich, die DDR, außerdem die nur in geringer Auflage erscheinenden Prägungen diverser Kleinstaaten. Wie Bergner ist auch er begeisterter Karnevalist und Mitglied im örtlichen Narrenverein „Die Prinzenstädter Prächtigen“. Jahr für Jahr nehmen sie vom Sessionsstart am 11. November bis zum Aschermittwoch vor allem die lokale Politik mit ihren oft derben, vor allem aber lustigen Späßen aufs Korn. Die Karnevalstradition ist in der Stadt vergleichsweise jung. Im etwa 15 Kilometer vom Zentrum der Kommune entfernt gelegenen einzigen Atomkraftwerk der DDR, das auch heute noch offiziell nur Kernkraftwerk genannt wird, entstand seinerzeit der närrische Verein. Wie in vielen anderen Großbetrieben auch durften die Arbeiter und Ingenieure in Faschingsclubs Missstände auf's Korn nehmen. Hauptsache, sie uferten nicht in echte Proteste aus. Zu offen darüber reden, was er gerade denkt, wird Quarz besser nicht im Städtchen. Vor allem den Begriff Atomkraftwerk hören manche früheren Mitarbeiter, von denen einige im Karnevalsverein sind, gar nicht gern. Nur zu oft hat er sich anhören müssen, dass die Rheinsberger auch in Jahrzehnten noch stolz darauf sein dürfen, dass es in ihrer Stadt das einzige ostdeutsche Kernkraftwerk, eine ingenieurtechnische Meisterleistung mit sowjetischer Unterstützung, gab. Immer wieder mal hatte er von kleineren Störfällen gehört, die zu DDR-Zeiten totgeschwiegen worden seien. Nach dem Rückbau des Kraftwerks soll auf dem Gelände ein Ökologie-Forschungszentrum entstehen. Doch nun möchte die Leitung des Naturparks, in dem sich das Werk befindet, dass später auch dort nur noch Natur ist, wo einst das Vorzeigeobjekt stand. Quarz fände diese Lösung am besten, nicht zuletzt, weil der Mensch nicht mit den Gaben Gottes experimentieren sollte.
Auch das Interesse an lokaler Geschichte verbindet die beiden Männer. Einmal pro Woche treffen sie sich im Historischen Verein. Quarz wartet noch immer. Bergner hat sich etwas verspätet. Wie so oft dauerte es auf der Baustelle länger. Kumpel Quarz hatte längst zwei Prinzenstädter Pils kaltgestellt. Doch Bergner möchte heute keinen Alkohol trinken, nicht mal ein kleines Bierchen. Er holt die Schatulle aus seiner Arbeitstasche und legt sie auf den Tisch in der Veranda. Der Sammler ist sehr erstaunt, als er die Münzen sieht. Zumindest eines kann er seinem guten Bekannten sehr schnell sagen: „Der Mann auf den Geldstücken ist Friedrichs Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf. Briefe belegen, dass ihn und den Preußenkönig eine sehr enge Freundschaft verband. Der Sohn eines Stadtmusikanten aus dem pommerschen Garz hatte es bis an die Spitze des preußischen Hofes geschafft. Einige Historiker vermuten, dass die beiden Männer eine homoerotische Beziehung hatten. Sicher ist, dass Fredersdorf 1744 in Rheinsberg den Prinzlichen Keller am Marktplatz, eine Brauerei an der Mühlenstraße und das Gut Zernikow von Friedrich geschenkt bekam.“ Einiges davon kommt Bergner durchaus bekannt vor. Im Geschichtsverein hatten sie mehrfach über Fredersdorf geredet. Auf den Münzen erkannte er dessen Gesicht trotzdem nicht gleich. Wie der Mann auf Abbildungen aussah, darauf hatte er aber nie besonders geachtet.
Fritz Quarz ist für seine Gründlichkeit bekannt. Sein Ordnungssinn grenzt an Pedanterie. Es bereitet ihm fast schon körperlichen Schmerz, wenn sich einer seiner närrischen Mitstreiter in der Bütt verspricht. Dann presst er energisch, doch so, dass es kaum jemand sehen soll, beide Daumen gegen die Hand-Innenflächen. Dies und ein gedachtes Stoßgebet helfen ein wenig gegen den Verdruss. Auch seine Wohnung widerspiegelt die ihm eigene Genauigkeit. In seinem Häuschen sind die Scheiben der Vitrinen aufs Feinste gewienert. Auch bei der Bewertung der Münzen möchte Quarz genau sein und die Wahrheit sagen. Daher befindet er sich jetzt in einer sehr unangenehmen Situation. So gern er sich mit seinem Kumpel über dessen anscheinend unglaublich wertvollen Fund gefreut hätte, stellte sich doch, gleich als er den ersten Blick auf die Münzen warf, ein Schmerz in der Magengegend ein. Sofort war ihm aufgefallen, dass das Fredersdorf-Porträt durchaus die Arbeit eines Meisters sein könnte. Die Abbildung des Schlosses aber wirkt auf ihn wie das Werk eines Dilettanten. Die Perspektive stimmt nicht. Außerdem ist alles viel zu schlicht gestaltet. Auch die Linien sind viel zu dick. Niemals hätte Friedrich II. derart grässliche Münzen prägen lassen, erst recht nicht als Geschenk an seinen Vertrauten Fredersdorf, das der Schatz zu sein vorgibt. Einen anderen Zweck kann er sich dafür nicht vorstellen. Nein, den Begriff Schatz hat diese plumpe und höchstwahrscheinlich neuzeitliche Fälschung nicht verdient. Sind die Münzen doch auch viel zu leicht, um gänzlich aus Gold gearbeitet zu sein. Mehr als eine dünne Auflage des Edelmetalls gibt es bestimmt nicht.
Seinem Freund gegenüber verheimlicht Quarz unter massivem Magengrimmen und mit angepressten Daumen alle Bedenken. Er bittet ihn stattdessen: „Kannst Du mir eine Münze hier lassen? Ich werde versuchen, mehr darüber heraus zu bekommen.“ Doch von dieser Idee hält Bernd Bergner nichts. Das Vertrauen in den Freund ist nicht groß genug, um dieses Risiko einzugehen.
Setzkästen hängen an der Wand der Veranda. In den Fächern stehen Miniaturen jener Rheinsberger Gebäude, die zu besichtigen für jeden auch nur halbwegs interessierten Touristen Pflicht ist. Da gibt es die stolze evangelische St. Laurentiuskirche und das Schloss. Auch Theater und Bahnhof hat Bastler Quarz maßstabgetreu aus Papier, Pappe und Metallfolie nachgebaut. Auf dem Bahnhofsdach liegen ein paar Staubkörnchen. Schnell entfernt Quarz den Unrat mit einem winzigen Pinsel. Die beiden Männer trinken nun doch noch, allerdings schweigend, ihr Rheinsberger Bier.
Beim wöchentlichen Treffen der Historiker werden sie sich in ein paar Tagen wiedersehen. Über die seines Erachtens noch immer viel versprechende Fundsache will Bernd Bergner nun mit niemandem mehr im Städtchen reden. Er hat sich, enttäuscht vom Verlauf des Abends, vorgenommen, seinen Fund stattdessen einem wahren Kenner zu zeigen, der ihm die heiße Ware für einen möglichst hohen Preis abkaufen soll. Am ehesten würde sich so ein Spezialist wahrscheinlich doch noch über das Internet finden lassen.
In der Brückenstraße rennt eine Katze von links auf die Straße. Wie am Morgen kann Bergner auch diesmal gerade noch rechtzeitig stoppen. Das übergewichtige Haustier steht im hellen Lichtkegel der Scheinwerfer. Fast am ganzen Körper ist die Katze rabenschwarz, lediglich ein Bein ist schneeweiß. Drohend faucht sie ihn an.
Blühende Krokusse in den Vorgärten bringen Sandy Schmitting zum Lächeln. Gestern waren die Blüten noch verschlossen. Heute recken sie die hellblaue, gelbe und weiße Pracht gen Himmel. Der Frühling kommt mit neuem Leben. Nach mehreren Wochen Dauerfrost hatte es vor wenigen Tagen zu tauen begonnen. Erst die Blumen, dann die Menschen, denkt Sandy. Bald würden auch die grimmigsten Rheinsberger wieder etwas freundlicher dreinblicken. Auch ihr selbst geht die Arbeit heute gleich viel besser von der Hand. Montags bis sonnabends trägt die hübsche Mittzwanzigerin mit den leicht gelockten schulterlangen blonden Haaren in der Prinzenstadt den Märkischen Anzeiger aus, das hiesige Regionalblatt. Um 5 Uhr morgens sind die Bürgersteige noch leer. Es ist dunkel in der kleinen Stadt. Und ein bisschen neblig.
Neben den ersten Frühblühern in den Gärten sorgt an diesem Morgen nur die Feuerwehr für etwas Abwechslung. Ihre sämtlich ehrenamtlich arbeitenden Kameraden werden schon zum fünften Mal im noch keine drei Monate alten Jahr zum Aquapark am Großen Rheinsberger See gerufen. Wieder einmal soll es dort ein Feuer geben. Jedenfalls hat ein elektronischer Brandmelder Alarm geschlagen. Weshalb die Technik immer wieder behauptet, Flammen zu erkennen, wo es überhaupt keine gibt, bleibt ein Rätsel, das den Brandbekämpfern seit Jahren einen Teil ihrer Freizeit raubt.
Sandy kennt ihre Pappenheimer: Im nächsten Haus auf der linken Seite wird gleich ein Dobermann gegen den Zaun springen und energisch kläffen. Und danach wird aus dem geöffneten Badezimmerfenster des Hauses dahinter das Einlaufen des Wassers in die Wanne zu hören sein, so wie an jedem Morgen. Manchmal hört sie kurz darauf den dort lebenden Rentner in seiner Badewanne Gassenhauer einer längst vergangenen Zeit singen: „La Paloma“, „Die Capri-Fischer“, „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. In seiner Wanne wird der alte Herr wieder zum gefeierten Tenor, so wie vor Jahrzehnten in Wien, Bayreuth und zuletzt in Berlin. Seine Stimme ist noch immer wunderbar voll und jeder Ton sitzt. Nur, dass er heute keine Arien mehr schmettert, sondern sich - der Situation der Kleinstadt angemessen – volkstümlich gibt. Über die ollen Kamellen in der Frühe wird sich bestimmt niemand beschweren, glaubt der Künstler. Bisher hat er damit recht behalten. Wer lange genug verweilt, kann erleben, wie er sich nach jedem Gesangsvortrag überschwänglich beim imaginären Publikum für dessen Applaus bedankt.
Bis zu dem alten Herrn kommt Sandy Schmitting heute nicht. Auf der Straße liegt ein Mann. Sie kennt ihn, so wie ihn halb Rheinsberg kennt. Bautischler Bernd Bergner ist alle paar Wochen in der Lokalzeitung abgebildet. Einmal geht es um seine Mitarbeit im Karnevalsverein, ein anderes Mal um ihn als Stadtverordneten einer Bürgerliste, nicht zuletzt wird auch über seine Arbeit als Umweltschützer und Freizeithistoriker berichtet. Noch vor einer Woche hatte sie den fröhlich vor sich hin pfeifenden Mann auf ihrer morgendlichen Tour getroffen. Eigentlich habe er gar keinen Grund, derart lustig drauf zu sein, sagte er damals. Denn es plagten ihn enorme Zahnschmerzen. Dann grinste er: „Sandy, Du Schöne, ich pfeife trotzdem, denn ich habe ein wunderbares Geheimnis.“ Plötzlich hatte er inbrünstig zu singen begonnen: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n“. Sandy dankte für das Kompliment. Sie hatte ihm schon fast empfehlen wollen, dass er sich doch sehr gut mit dem Badewannen-Tenor zusammentun könnte. Vielleicht würde daraus eine super Karnevalsnummer. Doch sie lächelte nur.
Die Blumen, der Hund, aber kein Sänger. Plötzlich ist alles anders und erschreckend ungewohnt. Bernd Bergner liegt vor ihr auf der Fahrbahn. Sie springt entsetzt vom Rad, sie spricht ihn laut an, doch er reagiert nicht. Seinen Puls sucht sie vergebens. Auch Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung holen den Toten nicht mehr ins Leben zurück. Andere Frauen, auch viele Männer, hätten in so einer Situation die Nerven verloren und geschrien. Doch Sandy bleibt ruhig und tippt auf ihrem Smartphone den Notruf der Polizei ein, 110. Bis Rettungskräfte und Polizisten eintreffen, soll sie vor Ort bleiben und die vermutliche Unfallstelle sichern. Doch es gibt um diese Tageszeit hier nicht viel zu sichern. So bleibt ihr genug Zeit, ihren Arbeitgeber von dem Vorfall zu verständigen. Dabei denkt sie allerdings nicht an den Leiter der Zustellung. Sie will die Redaktion über den Toten informieren, damit der Märkische Anzeiger möglichst schnell vor Ort sein kann.
„Die Sandy, und schon wieder mal zu einer Zeit, zu der nur Wahnsinnige an Arbeit denken, geschweige denn bereits auf der Straße sind, um für'n Appel und 'n Ei Zeitungen auszutragen.“ Heiko Reimer spricht laut mit seinem Handy-Display, das ihn darüber informiert, wer zu dieser frühen Stunde etwas von ihm will. Nicht zum ersten Mal ruft ein Zusteller am zeitigen Morgen bei Redakteur Reimer vom Märkischen Anzeiger an. Erst letztens teilte ihm der für den Ortsteil Fleckenerhütte zuständige Bote mit, er habe für einige Minuten ein Ufo beobachtet. Dafür, dass etwas gänzlich Sonderbares vor sich gegangen sei, spreche auch, dass in seinem Autoradio plötzlich nur noch fremdsprachige Sender zu empfangen gewesen seien. Das mit den Sendern hat Reimer selbst schon erlebt, allerdings gibt es dafür eine rationale Erklärung. Bei bestimmten Wetterlagen sind die polnischen UKW-Stationen aus dem Raum Stettin deutlich stärker zu hören als jene aus Berlin und Brandenburg. Weil einige von ihnen auf denselben Frequenzen senden, kommt es zu dem Phänomen, das den Zusteller verwunderte. Leider könne er den Vorfall nicht beweisen, hatte er zu Reimer gesagt, denn er habe sein Handy nicht dabei gehabt, mit dem er das Ufo hätte fotografieren oder filmen können. Was der Bote tatsächlich beobachtet hatte, blieb unklar.
Auch im Falle eines Brandes sind es meistens die Zusteller, die dafür sorgen, dass möglichst schnell ein Schreiber vor Ort ist. Dinge, die man sich selbst und seiner Familie auf keinen Fall wünscht, sind heute wie vor 150 Jahren der Stoff, der am ehesten zu einer guten Zeitungsgeschichte taugt. Reimers Job befindet sich im Wandel. Als er vor mehr als 20 Jahren bei dem Blatt begann, hatte er seine Artikel noch auf der Schreibmaschine getippt. Viele Berufsgruppen von damals sind im Verlagsgeschäft der Gegenwart verzichtbar. Zuerst traf es die Setzer, später die Fotografen. Der Redakteur ist längst zur sprichwörtlichen Eier legenden Woll-Milch-Sau geworden. Kein schöner Zustand. Immerhin gibt es trotz deutschlandweit zurückgehender Tageszeitungsauflagen noch viele Menschen, die am frühen Morgen in ihrem Heimatblatt etwas finden wollen, das sie bewegt. Sie möchten im Laufe des Tages mit Anderen darüber sprechen und zeigen, dass sie sich dazu eine Meinung gebildet haben. Allerdings gilt das kaum für die Unter-40-Jährigen. Sie sind lieber in Netzwerken unterwegs, als eine Tageszeitung zu abonnieren. „Nee, das wird nicht mehr anders“, spricht Reimer abermals laut vor sich hin, „da helfen auch keine Strukturreformen am Aufbau des Blattes“.
