Gladio - K. K. Summer - E-Book
Beschreibung

›Ein verschollenes Schwert, eine Prophezeiung und eine junge Frau, in deren Händen die Zukunft eines Landes liegt. ‹ Nacht für Nacht wird Ai von dem immer gleichen Traum heimgesucht: Der Anführer des feindlichen Landes durchbohrt sie mit seinem Schwert. Eine Waffe, die ihrem Kettenanhänger, dem einzigen Überbleibsel ihrer Familie, überraschenderweise ähnelt. Als Ai in einem Tempel eine Zeichnung von Gladio, einem mächtigen und seit Generationen verschollenen Schwert, findet, gerät ihre Welt ins Wanken. Warum gleicht die Zeichnung ihrem Anhänger in jedem Detail? Es gibt nur ein Volk, das Licht ins Dunkel bringen kann: die Elfen. Können sie Ai dabei helfen, das Geheimnis des Anhängers und ihrer Familie zu lüften und ihre wahre Bestimmung zu erkennen?

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Jessica Strang

Stapenhorststraße 15

33615 Bielefeld

www.tagträumerverlag.de

E-Mail: tagtraeumer-verlag@web.de

Buchsatz: Laura Nickel

Lektorat: Sabrina Ehrlich

www.zeilentraumlektorat.de

Korrektorat: Carolin Diefenbach/Jessica Strang

Umschlaggestaltung: Michelle Tocilj

Tocilj Designs

Bildmaterial: © Shutterstock.com

Illustrationen: Maja Köllinger

Druck: Booksfactory

ISBN: 978-3-946843-12-2

Alle Rechte vorbehalten

© Tagträumer Verlag 2017

Gladio

Die Prophezeiung des Schwertes

K. K. Summer

Für Marcus. Weil du mir das Wichtigste bist.

Für Meli und alle anderen Buchknicker: Nicht mit diesem!

Für Milan. Weil du das tust, was du am besten kannst.

Für Anna. Danke, dass du die Flammen entfacht hast.

Prolog

Sie steht auf einerMauer aus Stein – die Mauer,welche das Kaiserreich der Shenya von der Wüste, dem Land der Haru, trennt. Plötzlich fangen die Wachtürme Feuer. Einer nach dem anderen, bis sie alle lichterloh in Flammen stehen. Sie will um Hilfe schreien, das Feuer löschen, doch sie kann nur wie gebannt auf das Spektakel blicken. Während sie in die Flammen starrt, sieht sie aus den Augenwinkeln, wie sich ein Schatten über die Mauer schwingt. Leise wie ein Raubtier landet der Schatten auf der anderen Seite und richtet sich langsam auf. Zu ihrem Entsetzen stellt sie fest, dass der Schatten sie um einiges überragt. In ihrer Magengrube bildet sich ein Knoten und sie weiß nur eines: Sie muss hier weg. Sie versucht sich gegen die unsichtbaren Fesseln zu wehren, die es ihr unmöglich machen, sich vom Fleck zu rühren, doch sie schafft es nicht. Hilflos muss sie mit ansehen, wie der Schatten sich umdreht und direkt auf sie zukommt, mit einem abscheulichenGrinsen auf seinem Gesicht. Als sie ihm in die Augen blickt, schockiert sie zutiefst, was sie in seinen gelben Iriden erkennt: Habgier, Mordlust und Gewalt. Seine Gestalt ist trotz allem nur undeutlich zu erkennen und doch weiß sie, dass er der Feind ist. Vielleicht ein Mörder der Haru. Noch immer hat der dunkle Mann dieses fiese Grinsen im Gesicht und zieht sein Schwert aus der Scheide und ihr bleibt vor Angst die Luft weg. Bevor sie noch einen Laut von sich geben kann, sticht der Fremde zu. Mitten in ihr Herz.

Kapitel 1

Linlu

Weit im Osten des längst vergessenen Landes Shenya befindet sich das friedliche Dorf Linlu. Es liegt versteckt zwischen einem Wald, in dem sich allerlei magische Kreaturen tummeln, und einem großen Meer, hinter dem jeden Abend die Sonne versinkt. Der Wald gibt den Dorfbewohnern viele Rätsel auf und die Dorfbewohner munkeln, dass dort Feen, Elfen und Trolle ihr Unwesen treiben. Immer wieder verschwinden Reisende, Kaufleute und Gaukler, ja selbst Dorfbewohner sollen in den Tiefen des Waldes verschollen sein, so erzählt man sich.

Doch dies ist der einzige Weg, die einzig mögliche Verbindung zwischen dem kleinen Dorf und dem Rest der Welt. Abgeschreckt durch die Legenden, die sich um den Wald ranken, verirrte sich bald nur mehr der ein oder andere Händler nach Linlu oder schreckliches Gesindel. So versank das Dorf im Laufe der Jahre immer mehr in Armut. Nur die jungen Männer, die der kaiserlichen Armee beitreten müssen, scheuen sich nicht davor, den Wald zu durchqueren.

So erreichen das Dorf auch immer wieder Gerüchte aus der Kaiserstadt und anderen Winkeln des Landes.

Linlus Bewohner sind sehr traditionsbewusst und dienen dem Kaiser ihres Landes, der sie vor jeder Gefahr durch feindliche Übergriffe der Haru schützt.

Im Gegenzug dafür muss jedes Jahr ein Jüngling aus jeder Familie der kaiserlichen Armee beitreten, um seiner Familie Ehre zu bringen. Frauen jedoch ist es strengstens untersagt. In Shenya ist es ihnen ebenfalls verboten, einen richtigen Beruf zu erlernen, denn es ist ihre Aufgabe, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Dies gilt als große Ehre, zumindestdann, wenn man Jungen zur Welt bringt.

Jungen sind sehr wertvoll für das Kaiserreich, da sie später zur Armee gehen oder Kaufleute werden. Mädchen hingegen sind eine Belastung für die Familie. Die einzige Chance, der Familie Ehre einzubringen, ist für ein Mädchen, eine Vorteilhafte Partie zu erlangen, indem sie einen vermögenden und hochangesehenen Mann heiratet. Doch meist ist dies nicht möglich, da viele Dörfer in Shenya in Armut leben. Daher ist es keine Seltenheit, dass Familien mit vielen Kindern die Mädchen unter ihnen weggeben.

Aber auch diesen Mädchen bleibt meist eine bessere Zukunft verwehrt. Welcher Mann würde schon ein Straßenmädchen heiraten wollen?

Ihnen bleibt keine Wahl, entweder sie werden von einem Mann aufgenommen und müssen sich wieder um Haushalt und Kinder kümmern, oder sie werden zu Konkubinen.

Eine Konkubine zu werden ist allerdings das größere Übel. Ihr Leben ist für die Kunden und auch für ihre neuen Mütter weniger wert als das eines Käfers.

Die Mädchen werden in jungen Jahren aus Waisenhäusern entführt, einfach von der Straße aufgelesen oder von ihren Eltern an sogenannte Mutterhäuser verkauft. Die Eltern, die ihre Kinder verkaufen, erhoffen sich dadurch ein kleines Einkommen, auch wenn die Mutterhäuser meist nicht viel für die Mädchen zahlen. Sobald sie dann dort ankommen, wird ihnen ihre Identität geraubt. Wer sie waren, ist nicht länger von Bedeutung, denn sie werden nach Blumen benannt, die zeigen sollen, welchen Wert die Mädchen besitzen.

Linlu ist mit nur knapp 300 Einwohnern ein recht kleines Dorf und mit Sicherheit hätte sich niemand erträumen lassen, dass hier, in diesem unscheinbaren Dorf, eines Tages eine Heldin geboren werden würde.

Kapitel 2

Ai

Solange Ai sich erinnern konnte, ist sie ein Kind der Straße gewesen, hier in diesem kleinen Dorf. Als sie jünger war, hatte sie immer davon geträumt, eine tapfere Kriegerin zu werden, für den Kaiser in den Krieg zu ziehen und das Land vor den Haru zu beschützen.

Das Volk der Haru kämpfte schon seit Hunderten von Jahren erbittert mit den Shenyanern und versuchte ihr Land zu erobern.

Sie lebten als Nomaden, doch waren sie so von Habgier und Machthunger erfüllt, dass sie sich alles nahmen, was ihnen in den Weg kam.

Bisher hatten die Shenyaner es immer wieder geschafft, sie abzuwehren, doch in letzter Zeit wurden immer mehr Gerüchte laut, dass der Anführer der Haru mehr und mehr Männer um sich versammelte, um Shenya den Krieg zu erklären und das Land einzunehmen.

Gerüchte, davon kannte sie nur zu viele. Daher wusste sie auch genau, dass die meisten Gerüchte einen wahren Kern hatten oder auch ganz der Wahrheit entsprachen, selbst wenn viele Menschen sich daraus nichts machten.

Tagsüber lauschte sie auf der Straße, um auch kein Wispern zu verpassen, während sie in der Nacht die Betten der Männer wärmte, die sie dafür bezahlten.

Viele der Männer aus ihrem Dorf waren verheiratet, doch jeder kam irgendwann zu ihr, da er zu Hause gelangweilt war, oder einfach nur jemand anderes sehen wollte.

Doch trotz allem hatte sie es besser als manch andere. Sie war eine Rose. Eines der wertvolleren Mädchen. Meist bekam sie die Kunden, die besser bezahlten, oder vielleicht sogar Adelige, die auf der Durchreise waren.

Ihre Freundin Nehala hatte es schlimmer getroffen. Sie war nichts weiter als ein Gänseblümchen und musste sich um die einfachen Leute und Bauern kümmern – was keine besonders schöne Angelegenheit war.

»Ai, wo steckst du denn wieder, du unnützes Ding?«

Das war die Stimme ihrer Mutter, die ihr durch Mark und Bein ging. Nie hatte sie ein gutes Wort für sie übrig und egal, wie viele Freier sie bediente, es waren niemals genug.

»Ich bin hier, liebe Mutter«, rief Ai deshalb, um nicht noch mehr Unmut auf sich zu ziehen.

»Wieso bist du nicht bei dem Herrn in Zimmer sieben? Der wartet schon länger auf seine weibliche Begleitung und scheint auch einen dicken Geldbeutel zu haben. Aus dem bekommen wir sicher ein hübsches Sümmchen heraus«, erklärte sie mit einem wölfischen Grinsen im Gesicht.

Wie immer ist sie nur auf das Geld aus, ihre Mädchen sind ihr egal, dachte Ai sich, neigte jedoch unterwürfig ihren Kopf. »Es tut mir leid, liebe Mutter, ich wusste nicht, dass der Herr wartet. Hat er denn besondere Wünsche geäußert?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wenn du deinen hübschen Kopf auch nur einmal zum Denken nutzen würdest … Wie viele Sommer bist du jetzt in meinem Haus? Zehn? Elf? Muss ich dir wirklich immer wieder erklären, was deine Aufgabe ist?«, schnaubte sie verächtlich.

»Ganz einfach: Erfülle seine Wünsche – egal was und egal wie! Sieh zu, dass du ein ordentliches Trinkgeld bekommst und uns keine Schande bereitest, der Rest ist mir egal!«

Die letzten Worte schrie sie schon und Ai sank in sich zusammen.

Sie wusste genau, was ihre Aufgaben beinhalteten. Trotzdem hoffte sie immer noch, dass es einmal anders sein würde.

»So, Kind, jetzt zieh dir ein ordentliches Kleid an und richte deine Frisur! So kannst du dich nicht bei dem werten Herrn sehen lassen.«

Ihre Mutter seufzte resigniert.

»Was soll bloß aus dir werden?«

Ai eilte in den Umkleideraum und betrachtete die Kleider. Die meisten waren aus schwerem Stoff, mit tiefen Dekolleté und eng zu schnürenden Korsetts. Sie wählte eines ihrer Lieblinge. Ein blutrotes Kleid, welches über und über mit schwarzen Samtrosen bestickt war und ihre leicht gebräunte Haut und die schwarzen Haare gut zur Geltung brachte.

Sie betrachtete sich im Spiegel und strich sanft über ihre Kette. Diese trug sie schon ihr Leben lang, zumindest soweit sie sich erinnern konnte. Es war eine feingliedrige Silberkette mit einem filigran gearbeiteten Schwertanhänger. Von wem auch immer diese Kette geschmiedet wurde, er musste ein wahrer Meister sein. Die Kette war das Einzige, was sie besaß. Woher sie kam, wusste sie nicht, doch die Vermutung lag nahe, dass sie einst ihren Eltern gehört hatte. Seit sie sich erinnern konnte, war sie ein Waisenkind gewesen, das auf den Straßen Linlus ums Überleben kämpfte.

Doch sie hatte jetzt keine Zeit, sentimental zu werden. Vorsichtig drückte Ai die Kette an sich und legte sie dann in eine Schatulle, um sie nicht zu beschädigen. Mit geübten Bewegungen schlüpfte sie in ihr Kleid und rief nach dem Hausmädchen, damit es ihr das Korsett schnüren konnte. Die Hausmädchen waren keine richtigen Angestellten, sondern einfach nur Mädchen, welche noch zu jung waren, um Männer zu empfangen. Oder zu hässlich.

Während dieser Prozedur blickte sie in den gegenüberstehenden Spiegel und war erneut erstaunt, was aus ihr geworden war. Aus dem dreckigen Straßenmädchen war eine sehr schöne junge Frau geworden, deren Augen wie zwei Smaragdeim Sonnenlicht glänzten. Auch ihr Haar, welches sie zumeist offen über ihre Schultern fallen ließ, war nicht mehr zerzaust und schmutzig, sondern glänzte seidig schwarz im Sonnenlicht. Das alles machte ihr Aussehen noch nicht besonders, erst ihre leicht gebräunte Haut hob sie deutlich von den anderen Mädchen ihres Hauses ab. Normalerweise wurden die Shenyaner mit einer sehr hellen Haut und dunklen Augen geboren. Nicht selten hatte sie spezielle Anfragen von Freiern erhalten, weil diese sie für exotisch und aufregend hielten. Auch war sie größer als die meisten Frauen des Landes, welche meist gut einen halben Kopf kleiner waren als sie selbst. Zwar brachte ihr das oft argwöhnische Blicke ein, doch sie störte sich nicht daran. Die abergläubischen Menschen ihres Dorfes nahmen an, dass sie von Elfen oder anderen Zauberwesen abstammen musste, denn kein Mensch könne von alleine so groß werden – was für ein Unsinn.

Als das Hausmädchen endlich fertig war, fühlte sie sich wie in einen Käfig gesperrt, in dem sie kaum noch Luft bekam. Doch wie immer zählte nur eines: Ein großer Auftritt. Sie machte sich auf den Weg zum Zimmer ihres Kunden, öffnete die Tür und blickte den Mann auf dem Bett mit ihrem verführerischsten Blick an. »Wie kann ich Ihnen dienen, werter Herr?«

Kapitel 3

Jie

»Stillgestanden! Euer General wird jede Minute hier eintreffen!«, schallte es durch das Lager der shenyanischen Armee.

Für Jie war dies nichts Neues, schließlich hatte er schon sein ganzes Leben in solchen Lagern verbracht, wurde zu dem Krieger ausgebildet, der er ist, um eines Tages General zu werden und seine eigenen Truppen zu führen.

Die Ausbildung der vielversprechendsten Jungen begann bereits im Alter von vier Jahren. Sie wurden in die Schwertkunst eingeführt und zu Meistern ausgebildet. Gehorsam, Disziplin und Ehre waren die wichtigsten Werte eines Soldaten. Eine Familie war für diese Jungen niemals vorgesehen. Sie sollten sich für ihr Heimatland einsetzen und der Tod im Kampf war der Ehrenvollste, den ein Krieger erlangen konnte.

»Kommandant Xiang! Auf Ihren Posten – sofort!«

Jie hörte seinen Oberbefehlshaber und wusste, jetzt war Eile geboten, sonst würde er wieder Strafarbeiten verrichten müssen. Das Heer arbeitete gern mit Bestrafung, da es der Meinung war, dass negative Bestärkung einen Mann weiter brachte als positive.

Als er am Anfang der Reihe stand, seinem Platz als Kommandant, erklangen schon die Hörner, die den General ankündigten. Keine Sekunde zu früh, Jie verfluchte sich dafür, dass er nicht eher in Reih und Glied gestanden hatte. Egal was ich mache, es wird doch niemals gut genug für ihn sein, dachte er sich im Stillen, verzog nach außen hin aber keine Miene.

»Euer General reitet gerade durch das Tor! Salutiert!«, schallte die Stimme des Oberbefehlshabers durch das Lager.

Jie führte den Ehrengruß der Armee aus, der nur dem General vorbehalten war. Seine rechte Faust legte er aufs Herz und seine flache linke Hand an die Schläfe. Normale Soldaten wurden begrüßt, indem sich beide Gegenüber die Faust an die eigene Brust schlugen.

»Kommandant Jie, in mein Zelt – sofort!«, rief der General für alle hörbar.

Jie wurde innerlich unruhig, zeigte dies allerdins nicht nach Außen. Keiner seiner Kameraden wusste um seine Beziehung zum General und er fürchtete den Tag, an dem es ans Licht kam. Sie würden, verständlicherweise, denken, dass er die Erfolgsleiter nur deshalb so schnell erklommen hatte, und nicht, weil sein Können ihn so weit gebracht hatte.

Im Zelt des Generals angekommen, sank Jie auf sein rechtes Knie, neigte den Kopf und wartete darauf, wieder hochgebeten zu werden.

»Erhebe dich, mein Sohn.«

»Vater …«, wollte Jie ansetzen, doch er wurde unterbrochen. »Ich habe dich aus einem bestimmten Grund hierherrufen lassen. Die Haru haben im Osten unseres Landes die Grenzen überschritten und unsere Verteidigung durchbrochen. Ich muss mit der kaiserlichen Armee dorthin, um unser Land zu verteidigen.«

Jie zog scharf die Luft ein. Ihre größte Angst hatte sich bewahrheitet: Die kriegerischen Haru waren in ihr Land eingefallen, nach all den Jahrhunderten der Verteidigung. »Was habe ich damit zu tun, Vater?«

Er konnte das leichte Zittern in seiner Stimme nicht verbergen. War nun endlich seine Zeit gekommen?

»Du wirst nun die Möglichkeit haben, dich zu beweisen. Ich weiß, wie sehr du darauf brennst, dich als würdiger Nachfolger zu erweisen. Hier ist nun deine Chance. Ich werde dir eine Kompanie überlassen, welche aus allen Teilen des Landes rekrutiert wurde. Aus jeder Familie, in jedem Dorf, muss mindestens ein Mann dem Heer dienen. Deine Aufgabe wird es sein, diese Rekruten kampffähig zu machen und zu Kriegern auszubilden. Ich werde nach dir schicken, sobald wir dich an der Front brauchen. Bis dahin bist du nun nicht mehr länger Kommandant, sondern Hauptmann. Alles liegt jetzt in deiner Hand.«

Für einen Moment schien es Jie, als hätte er seine Stimme verloren. Die Gedanken und Gefühle, welche in ihm wüteten, erschlugen ihn förmlich. Er konnte seinen Ohren nicht trauen, sollte er wirklich so viel Glück haben? Würde sein Vater ihm wirklich so viel Verantwortung übertragen? Doch von seinen widersprüchlichen Gefühlen ließ er keines durchscheinen. »Danke, Vater, für die Chance, mich als dein würdiger Nachfolger zu erweisen«, erklang seine eigene Stimme stumpf und emotionslos.

Sein Vater nickte, nichts anderes hatte er von seinem Sohn erwartet. »Noch heute Abend werde ich an die Front aufbrechen. Ich werde dir einen Schreiber an die Seite geben, der mir Bericht erstatten wird. Also nutze deine Chance. Du bekommst nur diese eine!«

Mit diesen Worten schritt der General aus dem Zelt und ließ einen sprachlosen Jie zurück. »Hauptmann Jie Xiang«, murmelte er. Das klingt doch gar nicht so schlecht.»Ich werde diese Bauern schon zu brauchbaren Kriegern machen,immerhin habe ich die beste Ausbildung genossen, die ein Mann bekommen kann. Wenn ich es nicht schaffe, wer sonst?«, fragte er selbstsicher in das leere Zelt.

Kapitel 4

Ai

Ai schreckte aus dem Schlaf hoch. Immer, wenn sie einen Freier bedient hatte, wurde sie von quälenden Alpträumen heimgesucht.

Seit Monaten schon war es derselbe. Doch das nahm ihm keineswegs seine Grausamkeit. Noch jetzt wurde ihr gesamter Körper von Gänsehaut überzogen und sie zitterte am ganzen Leib.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«, flüsterte Nehala, ihre beste Freundin.

»Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur schlecht geträumt.Mal wieder.«

»Ist es immer noch derselbe Traum?«, fragte Nehala mit unverhohlener Neugier in der Stimme.

»Du hast mir nie erzählt, was so schrecklich ist an diesem Traum. Wirst du es mir heute erzählen?«

Ai wusste, dass ihre Freundin sie nicht drängen würde, doch sie brauchte einfach jemanden, der ihr zuhörte und ihr Halt gab. Also setzte sie sich auf und begann zu erzählen.

»Ich stehe auf einer Mauer – die Mauer, die Shenya von der Wüste trennt. Und plötzlich fangen alle Wachtürme Feuer. Ich möchte jemanden warnen, um Hilfe schreien, doch ich kann nicht. Auf einmal schwingt sich ein Schatten auf die Mauer und kommt auf mich zu, während ich wie festgewachsen bin. Er zieht sein Schwert und …«

Ai stockte kurz, nicht sicher, ob sie ihrer Freundin dieses Detail nicht lieber ersparen sollte.

»Das Schwert, es sieht genauso aus wie der Anhänger an meiner Kette. Das hat mich schon immer verwundert und ich habe ein wenig Recherche betrieben und bin tatsächlich auf etwas gestoßen! Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich dabei um Gladio handelt.«

»Gladio? Habe ich noch nie gehört – was ist das?«, unterbrach Nehala sie.

»Gladio ist ein lange verschollenes Schwert, seit Hunderten von Jahren weiß kein Mensch, was mit ihm passiert ist oder wo es sich zurzeit befindet.«

Nehala, die ihrer Freundin aufmerksam gelauscht hatte, zog nun die Augenbrauen zusammen, so, als würde sie angestrengt nachdenken.

»Aber Ai, warum meinst du zu wissen, dass es Gladio heißt?«

Ai zögerte, denn so sehr sie Nehala auch vertraute, was sie jetzt sagen würde, durfte unter keinen Umständen an fremde Ohren gelangen, denn darauf standen mindestens zwanzig Peitschenhiebe, wenn nicht sogar Schlimmeres.

»Vor ungefähr einem Mondlauf habe ich mich nachts heimlich rausgestohlen, als die Mutter schon tief und fest schlief. Ich bin durch die Gassen geschlichen, bis ich schließlich zum heiligen Tempel kam, dort bin ich eingestiegen, um …«

»Um was?«, fragte Nehala energisch.

»Na ja, um mir ein paar Ahnenbücher anzuschauen. Du brauchst mich gar nicht so anzusehen, ich weiß, dass es Frauen bei Todesstrafe untersagt ist, in den heiligen Tempel zu gehen ohne den Priester, geschweige denn ohne männliche Begleitung. Ich wollte allerdings herausfinden, ob in einer der alten Schriftrollen etwas zu finden ist, das mir ein bisschen über meine Familie sagen kann. Und tatsächlich! Meine Kette, sie ist sehr detailliert, siehst du? Genau dieses Schwert habe ich auf einer der Schriftrollen gefunden, daneben stand nur ›Gladio‹, das verschollene Schwert.« Als Ai geendet hatte, blickte Nehala sie ungläubig an.

»Ai, du kannst lesen?!«, war alles, was sie herausbrachte.

»Ich erzähle dir, dass ich womöglich einen Hinweis auf meine Herkunft gefunden habe, und alles, was dich interessiert, ist, dass ich lesen kann?«

Sie konnte nicht fassen, dass ihre Freundin so ignorant war. »Ja, ich kann lesen. Als ich noch auf der Straße gelebt habe, aß ich oft mit einem Bettler zusammen, welcher früher ein angesehener Kaufmann war, bevor er sein ganzes Gold verspielt hatte oder so ähnlich. Jedenfalls brachte er mir für eine kleine Gegenleistung das Lesen bei. Ich hielt es für wichtig, auch wenn ich damals noch nicht wusste wofür. Nun, jetzt weiß ich es.«

Immer noch ungläubig blickte Nehala sie an.

»Und woraus bestand diese … Warte, nein, ich komme vom Thema ab: Du weißt, ich mag dich, Ai, aber wieso sollte ich solch eine abenteuerliche Geschichte glauben?«

»Ganz einfach«, erwiderte Ai, stand auf und ging zu ihrer Truhe, der einzigen, die sie besaß.

Vor der Truhe kniete sie sich auf den Boden und öffnete mit einem Löffel die Seite, sodass ein kleiner Hohlraum zum Vorschein kam. Nehala sog erschrocken die Luft ein.

»Ai, was machst du denn da? Bist du wahnsinnig geworden? Wenn das jemand sieht, dann …«

»Krieg dich wieder ein, nicht einmal du hast es gemerkt, wie soll es da jemand anderes wahrnehmen?«, fragte Ai und zog mit diesen Worten eine Rolle aus der Seite der Truhe.

»Siehst du: Das ist die Schriftrolle, von der ich gerade noch erzählt habe, und hier, schau dir das Bild an! Es sieht aus wie meine Kette, nicht wahr?«

Ai strahlte über das ganze Gesicht.

Nehala, die, wie es schien, in eine Schockstarre verfallen war, erwachte nun zu neuem Leben. »Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?«, zischte sie. »Wenn auch nur eine Menschenseele davon erfährt, bist du tot. Und ich gleich mit, weil ich auch davon wusste! Wie kommst du nur auf die dämliche Idee, nachts in den Tempel zu steigen und dann auch noch eine der Rollen zu klauen und in unserem Zimmer zu verstecken? Du wirst sie auf der Stelle zurückbringen!«

Solch eine Strenge hätte Ai ihrer Freundin gar nicht zugetraut, da sie meist eine so liebenswerte und zurückhaltende Persönlichkeit war. »Beruhige dich, mich hat niemand gesehen und es weiß auch keiner davon. Allerdings gibt mir der Rest der Rolle Rätsel auf. Sieh nur, das sind sehr seltsame Schriftzeichen. Die kenne ich nicht und weiß auch nicht um deren Bedeutung.«

Sie deutete auf ein paar schnörkelige Zeichen, die eher gemalt als geschrieben waren. Nachdem die beiden Frauen sich die Zeichen eine Zeit lang angesehen hatten, entfuhr Nehala ein leiser Laut des Entsetzens.

»Ai …«, flüsterte sie.

»Ich glaube, ich weiß, was das für Zeichen sind. Aber du musst mir schwören, dass du ihnen nicht weiter auf den Grund gehst!«

Ai blickte sie verständnislos an. »Wieso sollte ich …«

»Schwör es!«

»In Ordnung, ich schwöre es dir«, gab Ai nach. »Doch nun sag schon, was ist das?«

»Das, meine liebe Freundin, sind Elfenrunen.«

»Elfenrunen?«, fragte Ai fassungslos. »Bist du dir da auch sicher?«

»Natürlich bin ich mir sicher! So etwas Gefährliches würde ich dir sicher nicht einfach zum Spaß sagen. Wenn das jemand hört …«

Kein Wunder, dass Nehala solch ein Schreck in die Glieder gefahren war, als sie die Runen erkannt hatte.

Das Volk der Menschen lebte seit mehreren Jahrzehnten mehr oder minder friedlich neben dem der Elfen. Doch immer wieder kam es zu Übergriffen auf junge Frauen. Man erzählte sich, dass die Elfen diese Frauen in die Tiefen ihres Reiches im dunklen Wald verschleppten, um sich dort an ihnen zu vergehen. Die Kinder, die aus diesen Verbindungen hervorkamen, waren meist mit außergewöhnlicher Schönheit, Intelligenz und viel kriegerischem Geschick ausgestattet. Während männliche Halbelfen meist leicht an ihren etwas spitz zulaufenden Ohren erkennbar waren, konnte man weibliche nicht immer von einer Menschenfrau unterscheiden. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie mehr Geschick besaßen. Sowohl in ihren Bewegungen leiser und schneller vorankamen als auch unauffälliger handelten. Nur wenn das elfische Erbe stark genug war, bekamen auch sie spitze Ohren. Wegen ihres ungewöhnlichen Äußeren wurden in der Vergangenheit viele von ihnen als Konkubinen gefangen genommen, da die Menschen sich immer sehr an ihrer Schönheit und Kunstfertigkeit zu erfreuen wussten.

Durch einen zerstörerischen Krieg wurden jegliche Beziehungen zwischen den beiden Völkern zerstört, da in diesen Schlachten die meisten Elfen den Menschen zum Opfer fielen.

Seither lebte das Volk der Elfen zurückgezogen in ihrem Reich und kam nur selten mit anderen Völkern in Berührung.

Den Menschen, habgierig, wie sie waren, war dies allerdings nicht genug. Sie mussten die Elfen immer weiter zurücktreiben, bis diese eines Tages beschlossen sich zur Wehr zu setzen. Sie sabotierten das Reich der Menschen und ließen niemanden mehr durch ihre Wälder, egal ob Bauern, Händler oder Adelige.

Viele Dorfbewohner kamen bei dem Versuch um, ihren Familien etwas zu essen zu beschaffen oder einfach nur zum nächsten Dorf zu gelangen.

Als der Kaiser darauf aufmerksam wurde, verhängte er ein Gesetz über sein gesamtes Kaiserreich. Jeder Einwohner, zugereist oder eingeboren, Durchreisender oder Besucher, der sich einem Elfen näherte, ihm half oder mit ihm paktierte, war des Todes. Allerdings waren die einfachen Menschen sehr abergläubisch, so reichte oft nur die Erwähnung der Elfen und man wurde dem Kaiser vorgeführt.

»Aber was haben diese Elfenrunen auf der Schriftrolle zu suchen? Auf der meiner Ahnen …? Denkst du vielleicht …«

Ai traute sich gar nicht weiterzureden, denn schließlich war sie schon bei genug Hinrichtungen gewesen, um zu wissen, was Menschen drohte, die sich zu sehr mit den Elfen beschäftigten.

»Ich weiß es nicht«, gab Nehala nachdenklich zurück. »Allerdings muss es etwas mit dem Schwert zu tun haben, welches du um den Hals trägst.«

Ihr Blick fiel auf Ais Kette. Sehr selten legte sie diese ab, denn sie wollte diese Kette unter keinen Umständen verlieren. Und da die Besuche meist nur von kurzer Dauer waren, musste Ai sie niemals lange aus den Augen lassen. Sonst trug sie die Kette immer, auch in der Nacht. »Ich kann dir leider nicht weiterhelfen. Ich kann noch nicht einmal unsere Schrift lesen, da sind Elfenrunen erst Recht ein Rätsel für mich. Ich habe gehört, nur die Elfen könnten diese besondere Schrift lesen.«

Während Ai ihrer Freundin zuhörte, nahm in ihrem Kopf ein Plan Gestalt an. In ein paar Tagen sollte der Vollmond wieder am Himmel stehen, diese Nacht wäre wohl am günstigsten, um ihn in die Tat umzusetzen. Es bot sich an, sie zu nutzen, um sich hinauszuschleichen und in den Wald zu gelangen, der Linlu umgab. Dort konnte man sicherlich die Elfen finden, deren Hilfe sie so dringend brauchte. Sie würden ihr hoffentlich weiterhelfen. Nehala wollte sie nicht weiter in diese Sache mit hineinziehen. Sie musste so schnell wie möglich die Vorbereitungen treffen, dann sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

»Hast du mir überhaupt zugehört?«

Ai wurde plötzlich aus ihren Gedanken gerissen. »Was? Wie?« Sie blinzelte verwirrt.

»Natürlich hast du mir nicht zugehört, daher nun die Kurzfassung: Lass das Thema besser ruhen. Ich bitte dich. Handel dir nicht noch mehr Ärger ein, als du ohnehin schon hast. Und auch ich kann keinen mehr gebrauchen.«

Gerade, als Ai zu einer Erwiderung ansetzen wollte, erschall von draußen ein wütender Schrei: »Wollt ihr dummen Gänse wohl ruhig sein? Bei dem Krach kann doch kein Mensch schlafen!«

»Ja, liebe Mutter, es tut uns leid«, antworteten die beiden Mädchen synchron auf die wütende Stimme ihrer Mutter.

»Das will ich auch hoffen und schlaft nun endlich, sonst könnt ihr euer Essen morgen vergessen!« Man hörte noch eine Tür knallen und dann war alles wieder still.

Schnell stiegen beide Mädchen wieder in ihre Betten und kurz bevor Ai einschlief, hörte sie noch einmal Nehalas Stimme: »Bitte, Ai, bring dich nicht unnötig in Gefahr und denke lieber noch einmal drüber nach, bevor du etwas Dummes tust.«

In all den Jahren war Nehala zu ihrer Familie geworden, doch nun war es für Ai an der Zeit, mehr über ihre richtige Familie zu erfahren.

In wenigen Tagen würde sie sich aufmachen, um ihrer Geschichte auf den Grund zu gehen. Und wenn es das Letzte war, was sie tat.

Kapitel 5

Jie

Vollkommen erledigt sank Hauptmann Jie auf das Feldbett in seinem Zelt und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Vor ein paar Tagen waren die ersten Rekruten aus allen Ecken des Landes eingetroffen. Es waren einfache Bauern, die hofften, den Krieg heil überstehen und wieder nach Hause zurückkehren zu können. Keiner von ihnen hatte je eine Rüstung getragen, geschweige denn ein Schwert in den Händen gehalten.

Das machte seine Aufgabe, die Rekruten in kürzester Zeit zu Soldaten auszubilden, nicht gerade leichter. War er anfangs noch sehr zuversichtlich gewesen, dass seine Truppe bald zu den Besten des Landes gehören würde, so schmolzen diese Träume mit jedem Tag weiter dahin. Was soll nur aus unserem Land werden, wenn unsere Armeen zu großen Teilen aus Bauern bestehen?, überlegte er. Allein beim Dauerlauf sind schon sieben ohnmächtig geworden und weitere vier, als sich einer ihrer Kameraden an einem Schwert geschnitten hatte. Wobei die Tatsache, dass sie es lange genug in der Hand halten konnten, um sich zu schneiden, ein Fortschritt war, denn die meisten können das Katana noch nicht einmal länger als zwei Minuten anheben, von einem Zweihänder ganz zu schweigen …

Er seufzte resigniert. Und dann sitzt mir auch noch der verdammte Schreiberling meines Vaters im Nacken und notiert jeden Fehler, den sie machen. Wie sollen wir so jemals an die Front kommen? Und was wird mein Vater von mir denken, wenn er von meiner Schande erfährt? Werde ich alles verlieren, was ich mir in den letzten Jahren hier erarbeitet habe? Er schüttelte vehement den Kopf. Nein! Das kann und werde ich zulassen!

Voller Tatendrang sprang er auf und machte sich auf zum Küchenzelt, in dem gerade das Abendessen serviert wurde. Schon von Weitem hörte er lautes Gelächter, Schmatzen und Rülpsen – die Neuen schienen, trotz des harten Trainings, das er ihnen angedeihen ließ, gute Laune zu haben. Immer ein Zeichen dafür, dass sie nicht hart genug trainiert haben, dachte Jie und musste grinsen. Genau das gleiche hatte auch sein Ausbilder immer zu sagen gepflegt, wenn er abends mal wieder mit seinen Kameraden herumgealbert hatte. ›Ein Soldat hat nicht fröhlich zu sein und herumzualbern!‹, hatte der Alte immer gebrüllt. ›Am Krieg ist nichts Lustiges zu finden und ihr tätet gut daran, härter zu trainieren, statt euch den ganzen Abend vollzustopfen!‹

Ab morgen wird hier ein anderer Wind wehen!

Was damals bei Meister Zento geklappt hat, das sollte doch auch heute bei diesen Männern hier funktionieren – na ja, schaden kann es jedenfalls nicht, überlegte er. Bevor er durch den Eingang des Zeltes trat, wischte er das Grinsen aus dem Gesicht und ersetzte es durch eine strenge Maske, welche er als Hauptmann stets zur Schau trug.

Schon als er eintrat, merkte er, wie sich die Augen seiner Truppe auf ihn richteten und alle verstummten. Wenigstens so viel Respekt haben sie vor mir, das ist doch ein Anfang – darauf kann ich aufbauen. Er musste bei diesem Gedanken ein Schmunzeln unterdrücken. »Soldaten!«, brüllte er seine Männer an. »Ist dies die Art, wie man seinen Hauptmann begrüßt?«, fragte er voller Wut. »Ich erwarte Haltung, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit! Ihr seid eine Schande für die kaiserliche Armee, wie ihr Abend für Abend hier sitzt, es euch gemütlich macht und euch die Bäuche vollschlagt! So etwas werde ich nicht mehr dulden. Wer etwas zu essen möchte, der muss es sich verdienen! Wir sind hier bei der Armee, nicht auf einer Farm, auf der jedes noch so fette Schwein gemästet wird und nichts dafür tun muss, habt ihr das verstanden?«

Zuerst erklang zögerliches Raunen im Zelt, doch dann, immer klarer, erschallte das »Jawohl, Xiang-sensei!« seiner Männer. Vor allem die Anrede Sensei, welche gemeinhin für Höherrangige Soldaten oder auch Ausbilder reserviert war, erfüllte ihn mit Stolz und Selbstbewusstsein.

»Gut, und wer sich in Zukunft nicht an die Regeln hält, wird bestraft und kann damit rechnen, keine so gemütlichen Abende mehr zu verbringen. In Zukunft wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang trainiert, ohne Wenn und Aber. Wer sich beschwert, wird eine Nachtschicht einlegen! Ich werde keine Widerworte von euch dulden. Ihr werdet so hart trainieren wie niemand sonst! Unser Land braucht uns an der Front und wie wollt ihr das überleben, wenn ihr noch nicht einmal ein Schwert halten könnt?«

So langsam kam Jie wirklich in Fahrt, doch es war ihm egal, er brüllte immer weiter: »Der General hat euch auserwählt und wie sieht es denn aus, wenn ihr einfach wie die Fliegen umfallt? Wollt ihr wirklich solch ein Haufen Jammerlappen sein und zum Gespött des Landes werden?«

Zu seiner Überraschung erklang ein einstimmiges »Nein, Xiang-sensei!«

»Na also. Worauf wartet ihr noch? Trainiert, damit ihr als die stärkste Einheit des Landes geltet und in allen Ecken Lieder über eure Tapferkeit und euren Mut gesungen werden! Alle Frauen der Welt könnten euer sein, wenn ihr das erreicht! Für Ehre, Ruhm und unseren Kaiser!«

»Für Ehre, Ruhm und unseren Kaiser!«, erscholl es und alle Männer stürmten, angeregt durch seine Rede, aus dem Zelt, um augenblicklich mit dem Training fortzufahren – nicht ein einziger blieb im Zelt zurück.

Das hat besser geklappt, als ich mir je zu träumen erhofft hatte, dachte Jie im Stillen, als er wieder zu seinem Zelt zurückkehrte. Die werden sich sicher noch länger an meine ›Rede‹ erinnern. Ich hoffe, ich habe ihren Ehrgeiz geweckt, damit sie heute noch mehr trainieren. Eigentlich müsste er bald schlafen gehen, um für den morgigen Tag bereit zu sein, doch was würde das denn für einen Eindruck machen, wenn der Hauptmann früher schlafen ginge als seine Truppe? Zwar sollten sie ebenso bald ins Bett, aber jetzt, wo ihr Ehrgeiz geweckt war, wollte er sie nicht davon abhalten. So verließ er sein Zelt noch einmal, um ein abendliches Training einzulegen. Das befreite seinen Kopf und er konnte endlich abschalten.

Nach ein paar Stunden Nahkampf und Wurftraining stand ihm der Schweiß auf der Stirn und er atmete schwer. Nun ist aber wirklich genug für heute. Ich brauche trotz allem Schlaf, sonst bin ich morgen zu nichts zu gebrauchen.

So schickte er die Männer ebenso verschwitzt und stinkend in ihre Betten und betrat nur wenige Minuten später sein eigenes. Er sank auf sein Feldbett und in der Sekunde, da sein Kopf das Kissen berührte, war er auch schon eingeschlafen.

Ai

»Aua, verdammt!«, zischte Ai leise und verfluchte die Kiste, die ihr im Weg gestanden und an der sie sich nun den Zeh gestoßen hatte. Nervös wandte sie sich zu Nehalas Bett um, in der Hoffnung, sie nicht geweckt zu haben. Doch ihre Befürchtungen waren unbegründet, denn Nehala schnarchte leise vor sich hin und drehte sich in ihrem Bett, wie sie durch das wenige Mondlicht sehen konnte, das durch das kleine Fenster ihres Zimmers fiel.

Ein letztes Mal sah sie sich in dem kleinen Raum um, zwar würde sie das Haus und die Männer nicht vermissen, doch Nehala war ihr sehr ans Herz gewachsen. Es war kein richtiges Zuhause, war es nie gewesen, aber das Einzige, das sie gehabt hatte.

Auf Zehenspitzen schlich sie zu der Truhe, in der sie vor ein paar Tagen die Rolle mit den Elfenrunen versteckt hatte, um sie an sich zu nehmen. Ai war überrascht, dass bisher alles so glatt verlaufen war. Außerdem war sie froh, dass sie Nehala nicht noch mehr Ärger machte, denn ihre beste Freundin hatte das wirklich nicht verdient. Sie war immer die gute Seele dieses Hauses gewesen und hatte Ai damit schon oft über ihren Job und ihre Erlebnisse hinweggetröstet. Dies war wahrscheinlich auch der Grund, wieso es ihr nun so schwerfiel, Nehala alleine zurückzulassen. Für Ai war sie so etwas wie eine große Schwester oder ihre gute Fee, auch wenn sie nicht einmal wussten, welche von ihnen denn die Ältere war. Ai konnte sich nicht einmal richtig von ihr verabschieden, denn Nehala würde mit Sicherheit versuchen sie aufzuhalten und dadurch wäre der Abschiedsschmerz nur noch größer.

Ai wusste nicht, ob sie es dann noch über sich bringen könnte, ihre Freundin zu verlassen, wenn diese sie bat zu bleiben. Um wenigstens ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, hatte sie vor ein paar Nächten, als Nehala noch einen Freier bedient hatte, ein paar Zeilen an ihre Freundin verfasst, um sich von ihr verabschieden zu können und auch ihrer beider Schmerz zu lindern. Sie wusste zwar, dass Nehala gar nicht lesen konnte, doch wusste sie auch, dass ihre Freundin nicht dumm war und sicherlich jemand vertrauenswürdigen finden würde, der ihr den Brief vorlas, ohne die Konsequenzen zu fürchten.

Nun hielt sie genau diesen Brief in den Händen.

Liebste Nehala,

ich weiß, du wirst enttäuscht von mir sein, wenn du diesen Brief in den Händen hältst, aber auch wütend und traurig. Doch bitte verstehe: Ich hatte keine Wahl. Nun, da ich die Möglichkeit habe, mehr über mich zu erfahren, muss ich diese Chance ergreifen. Auch wenn ich die Waghalsigere von uns beiden bin, denke ich, dass es dir in meinem Fall nicht anders ergehen würde.

Ich gehe, um etwas über mich und meine Familie herauszufinden.

Bitte suche nicht nach mir! Ich möchte nicht, dass du in

Gefahr gerätst.

Du warst immer wie eine Schwester für mich, meine einzige Familie,

daher hoffe ich, dass du weißt, dass ich immer an dich denken und dich vermissen werde, wohin mich mein Weg auch führt.

In der Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen,

Deine Ai

Nun konnte Ai wirklich nicht mehr an sich halten. Die Tränen flossen wie von selbst, als sie die vorerst letzten Worte an ihre Freundin noch einmal las. Nun ist nicht die Zeit für Tränen, rügte sie sich selbst, denn der schwerste Teil stand ihr noch bevor. Also nahm sie den Brief und legte ihn auf Nehalas Nachtkästchen, da sie wusste, dort würde sie ihn sicher finden.

Auf leisen Sohlen schlich sie zum Fenster. Mit einem leisen Knarzen schwang es auf und Ai kletterte auf den Fenstersims.

Ein letztes Mal blickte sie zu ihrer Freundin zurück, welche durch das Mondlicht wie verzaubert aussah.

Dann nahm Ai all ihren Mut zusammen und sprang aus dem Fenster.

Kapitel 6

Jie

Auch wenn noch nicht viel Zeit vergangen war, seit Jie den Posten als Hauptmann bekleidete, wurde er mit jedem Tag zufriedener mit seinen Männern.

Waren sie zu Anfang noch undiszipliniert und schwach, hatten sie sich inzwischen zu einer halbwegs ansehbaren Truppe gemausert. »Irgendwelche Nachrichten von meinem Vater?«, fragte er den Schreiber nun sicher schon zum zwanzigsten Mal an diesem Tag.

»Nein, Hauptmann, nicht, seitdem Ihr mich das letzte Mal fragtet. Habt etwas Geduld, er wird euch sicher bald an der Front brauchen.«

Wehmütig blickte er in die Ferne. »Ihr könnt froh sein, wenn Ihr nicht so schnell dorthin beordert werdet, Ihr habt schließlich noch Euer ganzes Leben vor Euch. Genießt es, dann ist immer noch genug Zeit für den Krieg.«

Jie schnaubte nur. Er war nicht der Typ für eine Familie und selbst wenn, es wäre eher unwahrscheinlich, dass er einmal eine gründen würde. Das allerdings musste er nicht jedem auf die Nase binden. Mit seinen schwarzen, kinnlangen Haaren kam er bei den Frauen zwar außerordentlich gut an, doch hatte es noch keine geschafft, seine Aufmerksamkeit länger zu fesseln.

Lachend, als hätte er Jies Gedanken erraten, schüttelte der Schreiber den Kopf. »Seid Euch da mal nicht zu sicher, Hauptmann. Einst habe ich ähnlich gedacht, bis ich meiner Frau begegnete. Sie hat zwar alles auf den Kopf gestellt, was ich kannte, doch wollte ich es heute nicht mehr missen. Wartet nur ab, Ihr werdet schon sehen.«

Der Schreiber schien nichts mehr zu sagen zu haben und Jie drehte sich auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg zu seinem Zelt. Unterwegs begegnete er seiner Truppe, welche, trotz der fortgeschrittenen Stunde, immer noch am Trainieren war. »Sensei!«, erscholl es von ihnen. »Neuigkeiten von der Front?«

Sie klangen aufgeregt und übereifrig.

»Nein, bis jetzt nicht.«

Enttäuschte Gesichter blickten ihm entgegen und so fügte er schnell hinzu »Noch nicht. Aber haltet euch bereit, wenn es so weit ist, müssen wir sofort ausrücken können.«

Die Männer wandten sich schulterzuckend wieder ihrem Training zu, welches sie auch alleine absolvieren konnten. Schließlich brauchte er auch Zeit, um sich anderen Dingen zu widmen, immerhin war er ihr Hauptmann. Jie wandte sich ab und betrat sein Zelt.

Es war praktisch eingerichtet: ein Feldbett, eine Öllampe und ein Schreibtisch. Mehr war dort nicht zu finden. Allerdings brauchte er auch nicht mehr. Ein Soldatenleben war ein entbehrliches Leben. Er hatte nie etwas anderes gesehen, dafür hatte sein Vater gesorgt. Er grollt mir noch immer. Auch wenn es schon neunzehn Jahre her ist – er macht mich noch immer für ihren Tod verantwortlich … Schnell verscheuchte er die Gedanken mit einem Schluck aus seiner Feldflasche. Das Getränk schmeckte leicht süßlich und angenehm.

Jie ließ sich auf sein Feldbett nieder, schloss die Augen und schlief augenblicklich ein.

»Hauptmann! Hauptmann!«, aufgeregtes Geschrei riss ihn aus seinem Schlaf. »Verdammt, was gibt es denn jetzt schon wieder? Kann man denn nicht eine Minute schlafen?«

Gerade wollte er die Planen seines Zeltes beiseiteschieben, da stürzte auch schon der Schreiber herein. »Hauptmann! Der General … Ihr müsst gehen! Sofort!«

»Jetzt beruhige dich erst einmal, ich kann dich kaum verstehen! Was ist mit meinem Vater? Braucht er uns an der Front?«

Auf sein Nicken hin wurde Jie sofort hellwach. »Wann? Wo? Ich muss sofort meine Männer sammeln!«

Er stürzte aus dem Zelt und sah, wie seine gesamte Truppe in kürzester Zeit aus den anderen Zelten heraustrat.

»Männer! Wir wurden zur Front gerufen! Der General braucht uns! Seid in einer halben Stunde bereit zum Aufbruch, wir rücken aus!«

Er ließ eine verdutzte Mannschaft hinter sich und stürmte zurück. »An welche Front? Wo werden wir gebraucht?«

Der Schreiber zog eine Schriftrolle aus seinem Gewand und reichte sie Jie. »Hm … Aha … Ja… Der Wald?!«

Erstaunt senkte er die Rolle. »Wir sollen in den angrenzenden Cador Wald aufbrechen, um dort den Platz zu säubern. Es soll sich wohl um eine Bande Elfen handeln, welche unsere Versorgungswagen überfielen, damit unsere anderen Einheiten langsam aber sicher zu Tode hungern.«

Er schlug mit seiner rechten Faust in seine flache Hand. »Vielleicht ist es nicht das, worauf wir gehofft haben. Doch trotz allem werden wir unseren Auftrag zur vollsten Zufriedenheit des Generals ausführen. Er wird es nicht bereuen, uns damit beauftragt zu haben.«

Überpünktlich war die gesamte Einheit auf dem Hauptplatz versammelt, in Reih und Glied. »Folgt mir Männer, wir haben ein paar Elfen zu töten!«

Mit diesen Worten und der Zuversicht in ihren Herzen, machten sich die Soldaten um Jie auf zu ihrem ersten Einsatz.

Kapitel 7

Ai

Nicht umdrehen, einfach weiterrennen. Und atmen nicht vergessen, dachte Ai, als sie durch das unbeleuchtete Dorf rannte und versuchte, dabei so leise wie möglich zu sein. Dies war allerdings schwerer als gedacht, da anscheinend jeder in der Gegend einen Eimer oder ähnliches vor der Tür hatte. Bei Tag waren ihr diese noch nie aufgefallen, doch bei Nacht entpuppten sie sich als tückische Fallen. Dass sie sich bei ihrem Lauf noch nicht den Hals gebrochen hatte, grenzte schon an ein Wunder.

Als Ai endlich unentdeckt den Rand des Dorfes erreicht hatte, huschte sie mit letzter Kraft in die Schatten des angrenzenden Waldes und brach unter einem der Bäume, völlig außer Atem, zusammen. Puh, der erste Teil wäre geschafft, dachte sie bei sich und spähte hinter ihrem Baum hervor.

Linlu sah im sanften Mondlicht so idyllisch aus und nichts und niemand schien diese Stille zu stören. Nur die Grillen zirpten leise vor sich hin. Das war ihr gerade recht, wo sie doch schon, seit sie aus dem Fenster gesprungen war, den Verdacht nicht abschütteln konnte, verfolgt zu werden. Doch nun lag das Dorf vor ihr und sie konnte nichts erahnen, was ihre Befürchtungen bewahrheiten würde. Du siehst schon Gespenster – also wirklich, Ai, wie kannst du solch eine Närrin sein und hinter jeder Biegung jemanden erwarten, der nach dir sucht. Wahrscheinlich wird es erst morgen gegen Nachmittag bemerkt werden, dass du fehlst, schalt sie sich selbst. Hör gefälligst auf dein Dorf so sentimental anzuglotzen, was verbindest du denn damit? Etwa eine schöne Zeit? Eher nicht, los jetzt, es wird Zeit, sich neuen Abenteuern und deiner Geschichte zu stellen, versuchte sie sich aufzumuntern und Mut zuzusprechen. So wandte sie den Blick ab und drehte sich in Richtung des Waldes. Was sie sah, machte die ganze Sache allerdings nicht unbedingt leichter. Sie sah – nichts. Nur von Schwärze umhüllte Bäume, die sie mehr erahnen als sehen konnte. Auch der Blick in den Nachthimmel blieb ihr verwehrt. Da sie nicht einmal die Sterne aufblitzen sah, mussten die Bäume groß genug sein, dass sie ihr den Blick verdeckten. Okay, nur keine Panik, ermahnte sie sich selbst im Stillen und setzte ganz langsam einen Schritt vor den anderen.

»Schuhuuuuuuuu.«

Ai zuckte vor Schreck zusammen, blieb wie angewurzelt stehen und lauschte auf die Geräusche des Waldes. Es ist sicherlich nur ein Herna, schoss es Ai durch den Kopf. Das Bild des nachtaktiven Waldbewohners mit seinem langen, krummen Schnabel und dem samtenen Gefieder erschien vor ihrem inneren Auge. Vielleicht ist es auch einer der Zenmo. Ein Streich ist zwar nicht gerade angenehm, aber immer noch besser, als gefressen zu werden.

Ai wusste, dass die Zenmo ein scheues Volk waren, welches in den Wäldern in ganz Shenya lebte. Zumindest besagten das die Geschichten, die sie über die Völker Shenyas gehört hatte.

Sie traten nur sehr selten in Kontakt mit Menschen, außer sie wollten ihnen Streiche spielen oder ihnen Nahrung klauen, um ihre kleinen Stämme zu ernähren. Die Streiche, die sie spielten, waren zwar nicht besonders schlimm, doch brachten sie viele Dorfbewohner zum Verzweifeln, wenn sie ihre Schuhe nicht finden konnten oder das Gemüse über Nacht von den Feldern verschwunden war. Eigentlich war es beruhigend zu wissen, dass sie in dieser Nacht nicht vollkommen alleine war, doch das Rascheln in den Bäumen machte sie nervös. Auch ihre Hände, die leicht zitterten, zeugten von ihrer Angst.

Da erklang das Geräusch noch einmal, dieses Mal näher. »Schuhuuuuu.«

Doch dieses Mal erkannte Ai es ganz deutlich. Nur ein Herna, nichts, wovor man sich fürchten muss, reiß dich zusammen. Beruhigte sie sich und ihr rasendes Herz.

Seit Stunden irrte sie nun in diesem dichten und immer dunkler werdenden Wald umher, ohne eine wirkliche Ahnung, wo sie hingehen sollte. Sie musste zu den Elfen, so viel wusste sie. Nachdem Nehala ihr versichert hatte, dass es sich bei den Runen um Elfenrunen handelte, hatte sie sich noch einmal in den Tempel geschlichen, um etwas mehr über das Volk herauszufinden, welches vielleicht den Schlüssel zu ihrer Vergangenheit besaß. Aber wo hielten sich diese sagenhaften Elfen auf?

Die einzigen, welche in Betracht kamen, waren laut einem Buch die Rónin-Elfen. Eine Unterart der Elfen und ein sehr kriegerisches Völkchen. Sie lebten in den Wäldern im Osten des Reiches, alte Legenden sagten sogar im Herz des Waldes, denn dort findet man meist Sümpfe oder Moore, in welchen sie hausten. Natürlich nicht im Schlamm, sondern auf Pfahlbauten, die fest unter der Oberfläche des Moores verankert waren und den Häusern Stabilität und Sicherheit vor feindlichen Angriffen verliehen. Ein weiteres Merkmal der Rónin-Elfen waren ihre meisterlichen Schwertkampfkünste.

Das hieß, sie kämpften nicht nur mit einer, sondern manchmal sogar mit zwei oder drei Waffen. Auch nutzten sie nicht nur Katana, sondern auch sogenannte Wakizashi. Ein Wakizashi war eine kleine, handliche Waffe, welche eine Mischung aus Katanaund Dolch war. Es entzog sich Ais Verständnis, wie so etwas möglich sein sollte, aber wenn sie diese verdammten Elfen endlich fand, könnte sie auch diese Neugier befriedigen.

Des Weiteren hatte sie erfahren, dass dieser Elfenstamm sehr stolz sei und sehr viel auf die Kämpferehre gäbe – also nichts, womit Ai viel anfangen konnte, da sie selbst keine Kriegerin war. Sie hoffte einfach, ohne große Auseinandersetzungen zu den Elfen gelangen zu können, denn sonst war sie hoffnungslos verloren. Nicht, dass sie das nicht ohnehin schon war. Sie hatte sich verirrt! Niedergeschlagen ließ sie sich auf einen großen Stein sinken und barg den Kopf in ihren Händen.

Wenn das so weiter geht, werde ich hier noch umkommen. All die fremden Geräusche, die Dunkelheit und die Einsamkeit machen mich noch verrückt. Außerdem weiß ich doch gar nicht, wie ich zum Herzen des Waldes kommen soll – das Herz des Waldes, was soll das eigentlich für eine Beschreibung sein? Hätte es in den Geschichtsbüchern des Tempels nicht etwas genauer stehen können? Und auch mein Vorrat ist so mager, dass er mir vielleicht für einen schnellen Imbiss reichen wird, nicht mehr.

Ai schnaubte genervt. Sie merkte, dass ihr Körper vom Herumirren am Ende seiner Kräfte war und sie einfach nur noch essen und schlafen wollte. Morgen würde die Welt vielleicht schon ganz anders aussehen, also rollte sie sich unter der Wurzel eines großen Baumes zusammen, aß das bisschen Brot und Obst, das sie hatte mitgehen lassen, und schlief erschöpft ein.

Sie befand sich unter einem großen Baum und konnte nicht lange geschlafen haben, denn als sie erwachte, war es immernoch finstere Nacht. Zwar konnte sie die Umrisse ihrer Umgebung ausmachen, doch viel mehr sah sie noch immer nicht. Da war doch etwas – hat sich in diesem Baum dort hinten nicht gerade etwas bewegt? Oder woher kam dieses Geräusch? Ai schreckte hoch und besah sich ihre Umgebung genauer. Tief durchatmen, das Rascheln hat wahrscheinlich gar nichts zu bedeuten – es war vermutlich nur ein Zenmo, der durchs Blätterdach gehuscht ist. Kein Grund, gleich überzureagieren, versuchte sie sich selbst Mut zuzusprechen.

Doch das war einfacher gesagt als getan. Der Wald war schon bei Tag ein furchteinflößender Ort mit all den großen Bäumen, die dicht an dicht standen, und den dunklen Ecken, in denen sich allerlei Tiere und Schlimmeres versteckten. Doch nun, bei Nacht, schien die Dunkelheit lebendig geworden zu sein und die Schatten fast schon greifbar.

Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was für Gestalten hier bei Nacht unterwegs waren. In ihrer Zeit als Botin hatte sie schon die ein oder andere haarsträubende Geschichte gehört. Über Jünglinge, die hinaus in den Wald gingen, um sich zu beweisen oder einem Mädchen zu imponieren. Sie waren niemals lebend zurückgekehrt. Meist wurden ihre zerfledderten oder verstümmelten Leichen nach ein paar Tagen wiedergefunden, aber wer genau sie waren, konnte man nicht mit Sicherheit sagen, da niemals genug von ihnen übrig war, um sie zu identifizieren.

Im Dorf hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, dass sie einem Raubtier, dem Bajang, zum Opfer gefallen waren. Wie genau dieses Tier aussah, wusste keiner, denn niemand, der es aus nächster Nähe gesehen hatte, war lebendig zurückgekehrt. Seinen Schrei allerdings hörte man vor allem in Nächten, in denen der Mond voll am Himmel stand, laut und bedrohlich durch den Wald schallen. Dann war er auf der Suche nach Beute und die Bewohner Linlus verschanzten sich vorsorglich in ihren Häusern. Auch hieß es, dass die Farbe seines Felles sich seiner Umgebung anpassen konnte, um sich bestens zu tarnen. So war es für ihn ein Leichtes, seine meist ahnungslose Beute zu überfallen und mit seinen messerscharfen Reißzähnen das Fleisch von den Knochen zu reißen.

Doch eigentlich wollte sich Aijetzt keine Gedanken darüber machen, wer, oder besser gesagt was, die armen Männer immer so zurichtete. Sie hoffte nur inständig, dass sie diesem Etwas niemals über den Weg laufen würde.

Ein Geräusch über ihr ließ Ai zusammenfahren und beschleunigte ihren Herzschlag. »Was war das? Ist da wer? Zeig dich!« Obwohl ihre Stimme zitterte, versuchte sie selbstbewusst zu klingen. Keine Antwort. Sie konnte jedoch das Gefühl nicht abschütteln, dass sie beobachtet wurde. Um wenigstens ein bisschen besser sehen zu können, entzündete sie einen Stock, den sie zuvor als Fackel präpariert hatte.

Doch auch im schwachen Schein der Fackel ließ sich nichts Genaueres erkennen. Vielleicht sollte ich besser von hier verschwinden. Wenn dort etwas ist und es weiß, dass ich hier bin, kann das nichts Gutes bedeuten. Mit neu gefasstem Mut, den ihr der Schein der Fackel verlieh, bewegte sie sich langsam durch das Unterholz, immer tiefer in den Wald hinein.

Je länger Ai lief, desto dichter schienen die Bäume zu wachsen, und mit jedem Schritt wurde ihr unbehaglicher. Ihre Fackel war schon zur Hälfte heruntergebrannt und würde nicht mehr lange halten. Doch gerade als Ai dachte, sie hätte sich endgültig verlaufen, stolperte sie auf eine Lichtung. In einem Oval umsäumten die Bäume eine atemberaubende Lichtung, auf der die seltsamsten Blumen wuchsen, die Ai jemals gesehen hatte.

Sie sahen aus wie ganz gewöhnliche, tulpenförmige Blumen, doch leuchteten sie in der Nacht, wie es sonst nur Glühwürmchen taten, und wirkten, als würden sie aus flüssigem Silber bestehen.

Nun war ihre Neugier geweckt. Sie wagte es, sich näher an diese wundervollen Blumen heranzutasten. Nicht nur, dass sie wunderschön aussahen, sie verströmten auch einen Duft, der sie an frisch gebackene Plätzchen erinnerte – einfach herrlich!

Ai beschloss, dass nichts gefährlich sein könnte, was nach Plätzchen roch, also besah sie sich die Blume genauer. Zu ihrer Überraschung befand sich im Blütenkelch eine Flüssigkeit, die ebenso silbrig war wie die Blume selbst. Der Duft, den sie verströmte, war nun geradezu berauschend und Ai konnte nicht umhin, sie berühren zu wollen.

Ihr Zeigefinger hatte die Blüte noch nicht ganz erreicht, da schoss ein scharfer Schmerz in ihre Fingerkuppe. »Aua, verdammt, was war das?!«, fluchte Ai. Schnell zog sie ihren Finger zurück, um sich die Wunde genauer anzusehen, und tatsächlich: Ihre Fingerkuppe war rot vom Blut, das daraus hervorquoll. »Was zum Teufel …«

Doch zu mehr kam sie nicht, denn aus der seltsamen Blume schoss ein kleines geflügeltes Wesen empor, welches einen Dreizack trug und augenscheinlich für ihren blutenden Finger verantwortlich war. Von den Spitzen des Dreizacks tropfte ihr Blut. Völlig entgeistert starrte Ai das Wesen an. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Es war sehr klein. Ai hätte es mit der Hand fangen können und es hätte noch ein wenig Platz gehabt. Es sah aus wie ein Mädchen, mit braunem Haar und blauen Augen. Sie trug ein Kleid, welches ihr bis über die Füße hing und die gleiche Farbe wie die Blume hatte. An der Hüfte hatte sie einen Grashalm einmal herumgebunden, um ihre schmale Taille zu betonen, und wahrscheinlich, damit das Kleid nicht herunterrutschte. Doch das Sonderbarste waren die Flügel, die aus ihren Schulterblättern wuchsen. Sie waren sehr dünn, filigran und durchscheinend wie eine Glasscheibe. Doch leuchteten sie in einem feurigen Rot, welches so gar nicht zu diesem kleinen Persönchen passen wollte.

Ai versuchte sich gerade vorzustellen, wie solch ein Wesen wohl sprechen würde, da bekam sie auch schon die Antwort geliefert. »Bist du eigentlich noch ganz bei Trost? So einfach einer Götterblume nahezukommen und sie auch noch anfassen zu wollen? Hat dir denn niemand gesagt, dass diese Blumen zwar schön anzusehen, aber für jeden außer den Götterdryaden tödlich sind?«

Ai war kurz sprachlos, denn dieses kleine Wesen hatte nicht mit einer hohen, piepsigen Stimme gesprochen, sondern klang eher wie das Wasser, wenn es auf den Waldboden prasselt.

»Ähm … Götterblume? Dryaden?«, war alles, was sie noch herausbekam.

»Ja, genau, G-Ö-T-T-E-R-B-L-U-M-E«, wiederholte die kleine Dryade, als sei Ai schwer von Begriff.

»Bist wohl nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, was? Aber na ja, macht nichts, dafür bist du hübsch, das kann einen auch weiterbringen, wenn du verstehst, was ich meine.« Dazu machte sie ein paar anzügliche Bewegungen, welche Ai sofort zurück in ihren Job versetzten, was ihr nicht sonderlich gut gefiel. Noch dazu stand sie unter Schock. Wie konnte eine so zarte und kleine Person solch ein vulgäres Mundwerk besitzen? Und noch dazu als Frau – sie kam aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus. »Sind … sind Dryaden nicht normalerweise Bäume? Du … du kamst aber aus dieser … Blume?«

Die kleine Frau seufzte herzhaft. »Meine Güte, seid ihr Menschen denn wirklich so schwer von Begriff oder tut ihr nur so?«, fragte sie gedehnt. »Ich bin natürlich nicht einfach nur eine Dryade, ich bin eine Götterdryade, wie gerade schon erwähnt, und offensichtlich bin ich kein Baum! Siehst du den Dreizack hier? Ja, genau der, mit dem ich dir gerade deinen Finger aufgespießt habe.«

Ai hatte ihre Augen wieder dem Dreizack zugewandt und schaute ihn unbehaglich an. »Keine Sorge, ich werde dich nicht noch einmal pieken, versprochen! Es sei denn, du möchtest meine Blume noch einmal anfassen – oder du möchtest ohne Erlaubnis oder Begleitung über diese Lichtung. Das kann und werde ich nicht zulassen!«

Um ihre Worte zu unterstreichen, steckte sie ihren Dreizack in eine Halterung auf ihrem Rücken, stemmte demonstrativ ihre kleinen Hände in die Hüften und setzte eine entschlossene Miene auf.

Ai war sprachlos. Noch nie war ihr solch ein sonderbares Wesen begegnet wie diese Götterdryade. Sie wusste zwar einiges über mythische Wesen, doch das waren alles nur Legenden und alte Geschichten, nie hätte sie sich träumen lassen, einmal einem dieser Wesen gegenüberzustehen. Was werde ich auf meiner Reise wohl noch alles zu Gesicht bekommen? Schon immer habe ich davon geträumt, einmal die Leaii, die Wassermenschen aus dem Süden des Landes, zu sehen. Der Kentaii-See soll der schönste in ganz Shenya sein, zumindest haben das Reisende berichtet, die dort bereits gewesen sind. Ich kann es mir zwar kaum vorstellen, dass ich alleine, als Mädchen, durch das Land reisen kann, doch das wäre sicherlich ein Anblick, den man nie vergisst.

»Entschuldige?«, riss die kleine Frau sie wieder zurück. »Hat es dir jetzt die Sprache verschlagen? Oder willst du mich weiterhin stumm anglotzen?«, fragte das kleine Wesen.

»Ähm, nein. Entschuldige bitte, wo sind denn meine Manieren? Mein Name ist Ai und ich komme aus dem kleinen Dorf Linlu, welches am östlichen Waldrand liegt. Sicherlich weißt du, welches ich meine.«

Ai sah die Dryade fragend an, doch diese schüttelte nur den Kopf und erwiderte: »Nein, von solch einem Dorf habe ich noch nie gehört. Und auch, dass Menschen in der Nähe des Waldes leben sollen – verrückt …«

Doch Ai beachtete die Dryade gar nicht und fuhr fort: »Nun ja, jedenfalls war dies einmal mein Zuhause …«

Ihre Stimme nahm einen fast wehmütigen Ton an. »Also eigentlich habe ich gar kein Zuhause.«

Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern, denn Ai kämpfte mit den Tränen. Ein lautes Stöhnen riss sie aus ihren Gedanken.

»Ja, du hast keine Eltern und keine Familie und niemand der dich mag – du armes Ding! Ich habe auch keine Eltern, denn ich wurde an meinem vierten Namenstag in eine Götterblume gelegt, in der Hoffnung, dass ihr Nektar mich nicht tötet, sondern in eine Dryade verwandelt. Und glaubst du, irgendjemand hätte in der Zwischenzeit mal nach mir gesehen oder sich um mich gesorgt? O nein! Ich habe nun achtzehn Winter hinter mir, du musst wissen, ich bin ein Winterkind, daher auch die eisblauen Augen, und endlich wurde aus mir eine Dryade. Nun darf ich mein ganzes Leben damit verbringen, diesen blöden Erybaum zu bewachen, und dann ist da auch noch dieser verdammt nervige Dra-«, schimpfte die Dryade vor sich hin, doch sie bremste sich selbst mitten im Satz.

»Oh, da fällt mir auf, ich habe mich dir auch noch gar nicht richtig vorgestellt, oder? Mein Name ist Elenya Dahlia Leonora – jüngste Tochter des Königshauses der Waldfeen. Daher wohl auch die wichtigste, und seit Neuestem: eine Götterdryade. Freut mich deine Bekanntschaft zu machen!«

Sie sank in einen tiefen Knicks, welcher bei ihrer Größe und filigranen Statur sehr anmutig wirkte.

Ai war erstaunt, dass ein so kleines Wesen ohne Unterlass redete. »Und, na ja, wie wurdest du dann zu einer Dryade, wenn du doch eigentlich eine Waldfee bist? Ich dachte immer, man kann nicht ändern, wer man ist … geschweige denn, welchem Volk man angehört?«, fragte Ai sichtlich verwirrt.

Sie sah schon, dass es eine längere Geschichte werden würde, denn die kleine Elenya holte tief Luft und begann zu erzählen. »Also, du musst wissen, dass es bei Waldfeen – und besonders dem Königshaus – sehr wichtig ist, zu welcher Jahreszeit man geboren wird, und somit auch, welche Farbe die Flügel und Augen haben. Normalerweise verhält es sich wie folgt: Ist man ein Frühlingskind, so hat man tiefgrüne Augen, wie die Nadeln einer Tanne, und die Flügel haben einen einen zarten Pastellton als Farbe. Zum Beispiel Rosa oder Pastellgelb – passend zum Frühling eben. Bist du allerdings im Sommer geboren, hast du braune Augen, egal ob hell oder dunkel, und dazu knallige Farben. Meist sind es Pink- oder Lilatöne. Im Herbst sind es dann fast schwarze Augen und Flügel in allen Herbstfarben, also allen erdenklichen Rot–, Gelb- und Orangetönen.«

Bei der Erwähnung von roten Flügeln sah Ai fragend auf die Flügel der kleinen Fee.

»Ja, ich weiß, ich weiß, ich komme gleich noch dazu, wieso ich so seltsam aussehe – habe Geduld!«, versicherte sie Ai und fuhr fort.

»Und schlussendlich gibt es noch die Winterkinder, welche Augen in sämtlichen Blautönen haben und Flügel in Blau-, Silber- oder Grüntö