Glanz der Ferne - Iny Lorentz - E-Book

Glanz der Ferne E-Book

Iny Lorentz

0,0
9,99 €

Beschreibung

Berlin in den Jahren 1897–1900: das dramatische Finale der großen historischen Saga um eine Berliner Fabrikanten-Familie von Bestseller-Autorin Iny Lorentz Den Familien von Hartung und von Gentzsch stehen im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts unruhige Zeiten bevor. Mittlerweile hat Theo von Hartung die Leitung der Tuchfabrik von seinem Vater übernommen, doch immer häufiger werden Aufträge storniert oder unter fadenscheinigen Begründungen die Preise gedrückt. Zur selben Zeit macht Viki von Gentzsch, die Nichte von Theo und Rieke, die Bekanntschaft einer zauberhaften Dame, die sie in die mondänen Kreise der hochgeborenen Berliner Gesellschaft einführt. Hier scheint Viki ein Leben zu erwarten, das um so vieles interessanter und freier ist, als ihr steifes Zuhause bei ihrem strengen Vater Gustav. Doch der Schein trügt: Vikis neue Freundin hat keineswegs im Sinn, dem Mädchen zu einem besseren Leben zu verhelfen ... Die historischen Romane von Iny Lorentz bieten spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau. Mit ihrer Berlin-Trilogie um die Fabrikanten-Familie von Hartung lässt die Spiegel-Bestseller-Autorin das 19. Jahrhundert in Deutschland lebendig werden und verknüpft geschickt politische Wirrnisse mit persönlichen Schicksalen. Die historische Familien-Saga besteht aus den Romanen »Tage des Sturms« (1846–1849), »Licht in den Wolken« (1864–1870) und »Glanz der Ferne« (1897–1900)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 795




Iny Lorentz

Glanz der Ferne

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Auf einem Internat für höhere Töchter lernt Rieke, Tochter eines verarmten Offiziers, 1864 Gunda von Hartung kennen. Während eines Ferienbesuchs bei deren Familie trifft sie auch auf Gundas Bruder Theo. Der verhält sich dem selbstbewussten Mädchen gegenüber anfangs äußerst schroff, doch als Riekes Vater im Kampf schwer verwundet wird, steht er ihr selbstlos zur Seite. Noch bevor die beiden einander allerdings ihre Gefühle gestehen können, kommt es zu einem folgenschweren Missverständnis. Theo tritt in die Armee ein und zieht mit in den Deutsch-Französischen Krieg. Wird Rieke ihn jemals wiedersehen?

Inhaltsübersicht

Das schwarze Schaf1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. KapitelDie Schule1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelDie Sorgen mehren sich1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelZu Hause1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelEin fehlgeschlagener Plan1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelDes Meeres sanftes Rauschen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelStille Tage an der See1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelEin übles Spiel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelDas Netz des Bösen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelAllianzen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelSchicksalswege1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelAbschied1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelHistorischer ÜberblickGlossarPersonenDie Familie von GentzschDie Familie von HartungDie Familien Dobritz und BaruschkeDie Familie von Tiedern und FreundeWeitere PersonenLeseprobe »Die Saga von Vinland«
[home]

Erster Teil

Das schwarze Schaf

1.

Zum ersten Mal seit langem war die Familie wieder vollzählig versammelt. Friedrich hätte sich gefreut, dachte Theresa von Hartung und kämpfte für einige Augenblicke mit den Tränen. Über vierzig Jahre lang waren ihr Mann und sie verheiratet gewesen, doch vor zwei Jahren hatte der Allmächtige im Himmel ihn zu sich gerufen. Dieser Verlust schmerzte sie noch immer.

Um ihre trüben Gedanken zu vertreiben, sah Theresa ihre Kinder und Enkel an. Ihr gegenüber saß ihr Sohn Theodor, der neue Besitzer der Hartung-Werke. Er war ein großer, schlanker Mann Anfang vierzig, der ihrem Vater ähnlich sah, dem einstigen Freiherrn auf Steben. Doch anders als dieser konnte Theodor gut wirtschaften und zählte zu den erfolgreichsten Fabrikbesitzern in Berlin. Seltsamerweise wirkte er an diesem Tag, der eigentlich sehr erfreulich war, so ernst, als bedrückten ihn zu viele Sorgen.

Rechts von Theodor saß dessen Ehefrau Friederike, eine mittelgroße, schlanke Frau mit einem ebenmäßigen Gesicht und Augen, denen so leicht nichts entging. Neben ihr hatten die Kinder der beiden Platz genommen, aufgereiht nach dem Alter. Zuallererst Fritz, der dem Vater im Werk hätte nachfolgen sollen, sich aber entschieden hatte, Offizier zu werden. Die Uniform stand ihm auch besser als seinem Bruder Egolf, der noch studierte, jedoch bald in die Firma eintreten und den Vater unterstützen würde. Nach ihm kam Theodor junior oder Theo, wie er genannt wurde. Auch er studierte noch, um später Geistlicher zu werden.

Theresa lächelte, als ihr Blick zu Theodors und Friederikes drei Töchtern weiterglitt. Früher hatte ihr Mann ein wenig gespottet, ihre Schwiegertochter gebäre ihre Kinder mit militärischer Präzision. Die drei Jungen waren nämlich jeweils genau fünfzehn Monate auseinander geboren worden, aber dennoch so, dass sie zu drei aufeinanderfolgenden Jahrgängen zählten. Nach drei Jahren Pause waren dann jeweils wieder mit fünfzehn Monaten Abstand die drei Mädchen Auguste, Lieselotte und Silvia zur Welt gekommen. Auguste würde im nächsten Jahr in die Gesellschaft eingeführt werden, noch besuchte sie ebenso wie ihre Schwestern die Höhere-Töchter-Schule von Frau Berends. Auf derselben Schule waren einst auch Friederike und Theresas Tochter Gunda gewesen, doch damals hatten die Schwestern Schmelling sie geführt.

Beim Gedanken an Gunda rann eine Träne über Theresas Wange, und sie richtete rasch ihren Blick auf die andere Seite der Tafel. Dort sah Gustav von Gentzsch, ihr Schwiegersohn, mit seiner zweiten Ehefrau Malwine. Gustav war ein schöner Mann mit edlen Gesichtszügen, blonden, langsam ergrauenden Haaren und Augen, so blau wie der Sommerhimmel. Es war kein Wunder, dass Gunda sich seinerzeit in ihn verliebt hatte, dachte Theresa. Ihre Tochter hatte neun glückliche Jahre mit ihm verlebt und in der Zeit mit Otto und Heinrich zwei Söhne geboren. Die Geburt des dritten Kindes, Victoria, hatte sie das Leben gekostet.

Theresa betrachtete Victoria, die mit ihren siebzehn Jahren genauso alt war wie Theos älteste Tochter Auguste, sich aber in ihrem Benehmen deutlich von der wohlerzogenen Cousine unterschied. Im Augenblick saß Vicki, wie sie von Theodors und Friederikes Kindern genannt wurde, schief auf ihrem Stuhl und achtete nicht auf das mahnende Hüsteln ihrer Stiefmutter. Gustav hatte Malwine geheiratet, um seinen Kindern eine neue Mutter zu geben. Von Leidenschaft oder gar Liebe war dabei nicht die Rede gewesen. Theresa ahnte, dass er im Herzen noch immer um Gunda trauerte und seine zweite Ehe als Pflicht ansah. Trotzdem hatte seine Frau ihm mit Karl und Waldemar zwei weitere Söhne geschenkt, von denen der Ältere bereits aufs Gymnasium ging. Sein Bruder würde ihm im nächsten Jahr folgen.

Die Nächsten am Tisch waren Theresas jüngste Tochter Charlotte, verwitwete von Harlow, und deren Zwillinge Eicke und Dagmar. Neben Victoria war Charlotte Theresas zweites Sorgenkind, wenn auch in weit geringerem Maße. Mit siebzehn hatte Charlotte ihren Willen durchgesetzt und einen mehr als vierzig Jahre älteren Gutsbesitzer geheiratet. Zwei Jahre später hatte sie die beiden Kinder geboren und war mit einundzwanzig Jahren Witwe geworden. Mittlerweile war sie dreiunddreißig und führte für Theresas Gefühl ein zu freies Leben.

Trotzdem war Theresa bewusst, dass sie selbst es in allem sehr gut getroffen hatte. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn sie ihr Leben noch ein paar Jahre mit Friedrich hätte teilen können. Doch auch so konnte sie zufrieden sein.

Die Familie ließ die Musterung der Matriarchin schweigend über sich ergehen. Theodor von Hartung und sein Schwager hingen ihren Gedanken nach, von Victoria abgesehen verhielten sich die Enkel wohlerzogen, und die drei Frauen wollten Theresa nicht in ihren Betrachtungen stören.

Unterdessen wurde aufgetragen. Noch immer überwachte Adele Klamt das Personal wie ein Zerberus, bereit, beim kleinsten Fehler dem Betreffenden die Leviten zu lesen. Theresa hätte es ihr gegönnt, einen ruhigen Lebensabend zu verleben, doch in der Beziehung war mit Dela, wie sie sie manchmal noch nannte, nicht zu reden.

»Wer rastet, der rostet, gnädige Frau«, hatte Adele behauptet, um im nächsten Moment darauf hinzuweisen, dass für eine Dame wie Theresa ein Spaziergang bei Sonnenschein Wunder wirke. »Aber nur mit Sonnenschirm, denn einen Sonnenstich wollen wir nicht haben.«

In der Hinsicht war Adele noch immer die robuste Bauerntochter, die vor mehr als fünf Jahrzehnten nach Berlin gekommen war, um ihren Eltern zu Hause nicht mehr zur Last zu fallen. Verwundert, wohin ihre Gedanken sich verirrten, nahm Theresa ihren Löffel zur Hand, um die Suppe zu essen.

2.

Victoria flegelte sich gelangweilt auf ihrem Stuhl. Sie hasste dieses düstere Schweigen bei den Mahlzeiten, wenn sich die Konversation darauf beschränkte, den Nebenmann zu bitten, einem den Salzstreuer oder das Mostrichfässchen zu reichen.

Da ihr Vater erst in diesem Jahr nach mehr als zwanzig Jahren, die er als Landrat im Westfälischen gewirkt hatte, nach Berlin berufen worden war, kannte sie die Berliner Verwandtschaft nur von gelegentlichen Besuchen. Ihre Tante Charlotte hatte sie jahrelang nicht gesehen, denn diese vertrug sich nicht gut mit ihrem Vater. Als korrektem preußischem Beamten war Gustav von Gentzsch der Lebenswandel der Schwägerin suspekt, und er mied sie daher, so gut es ging.

Mit heimlichem Vergnügen dachte Vicki daran, dass er diesmal in den sauren Apfel hatte beißen müssen, einen ganzen Nachmittag mit ihr im selben Haus zu verbringen. Am Geburtstag ihrer Großmutter hatte er dieser die Enkel nicht vorenthalten können. Jetzt hielten er, Malwine und ihre Brüder einen möglichst großen Abstand zu Charlotte und deren vierzehnjährigen Zwillingen.

Der nächste Gang wurde aufgetragen, ohne dass die Runde redseliger wurde. Vicki empfand es als Folter, so lange sitzen bleiben zu müssen, bis als letzter Gang das Dessert serviert wurde. Ein vernünftiger Mensch aß, wenn er Hunger hatte, und vergeudete nicht seine Zeit, indem er darauf wartete, bis die Diener ihm den Teller erneut füllten.

Füllten? Vicki entschlüpfte ein kurzes Lachen, das von ihrem Vater mit einem strafenden, von ihrer Stiefmutter mit einem tadelnden und von Charlotte mit einem amüsierten Blick bedacht wurde. Die Diener füllten die Teller nämlich nicht, sondern legten von jedem Gang gerade mal ein Löffelchen voll vor. Dies bedeutete, dass man von einer Speise, die man gerne aß, zu wenig bekam und andererseits das essen musste, was man nicht mochte.

Endlich kam das Dessert. Es handelte sich um eine Eisbombe nach Fürst Pückler Art. Das Stück, das Vicki erhielt, war groß genug, um sie mit dem Essen halbwegs auszusöhnen. Auch sonst hatte es besser geschmeckt als zu Hause, wie sie zugeben musste. In der Hinsicht merkte man, dass ihre Stiefmutter die Tochter eines schlichten Landedelmanns war und man sich hier in der Hauptstadt des Reiches aufhielt.

Vicki leckte sich die Lippen und lehnte sich zurück.

»Kannst du nicht gerade sitzen?«, flüsterte ihr Bruder Otto.

Laut zu werden wagte er nicht, um die Großmutter nicht zu verärgern. Auch Gustav von Gentzsch beließ es bei zornigen Blicken. Er beschloss jedoch, seiner Tochter einige deutliche Worte zu sagen, sobald sie wieder in den eigenen vier Wänden waren. Es war eine Schande, wie Vicki sich benahm. Ihr würde es weitaus besser anstehen, demütig zu sein und sich immer daran zu erinnern, dass sie ihre Mutter das Leben gekostet hatte.

»Liebste Mama, hast du etwas dagegen, wenn Gustav und ich auf eine Zigarre in den Rauchsalon gehen?«, fragte Theo, als abgetragen worden war.

Theresa sah ihn erstaunt an, denn Theo rauchte nur selten, und auch Gustav war nicht gerade als Freund des Zigarrenkonsums bekannt. Die ernsten Mienen der beiden zeigten ihr jedoch, dass es etwas gab, über das die beiden Männer unter vier Augen reden wollten.

»Gerne«, sagte sie daher. »Friederike, Charlotte, Malwine und ich werden unterdessen in meinem Salon ein Gläschen Likör trinken. Die Mädchen bekommen Limonade, und die Jungen können Billard spielen.«

Theresa wusste zwar nicht, warum Männer es liebten, mit einem Stock nach irgendwelchen Kugeln zu stochern, nahm es aber als deren Freizeitvergnügen hin.

»Danke, Mama.« Theodor schenkte ihr ein Lächeln und sah dann seinen Schwager an. »Kommen Sie, Gustav! Wir wollen die Familie nicht lange warten lassen.«

Während die beiden Männer im Rauchsalon verschwanden, führte Theresa die anderen durch das Spielzimmer, in dem ihre Enkel bis auf Vickis Bruder Otto zurückblieben, zu ihrem privaten Salon. Sie bat Tochter, Schwiegertöchter und Enkelinnen, Platz zu nehmen, und nahm die Klingel zur Hand.

»Bringen Sie uns drei Gläser Likör, den Mädchen Limonade und Otto ein kleines Glas Bier«, wies sie den Diener an.

»Sehr wohl, gnädige Frau«, antwortete Albert und wollte wieder gehen. Da hielt Theresas Stimme ihn zurück.

»Danach gehst du zu den jungen Herren ins Spielzimmer und fragst sie nach ihren Wünschen. Sorge aber dafür, dass Karl, Waldemar und Eicke Limonade bekommen. Die anderen dürfen meinetwegen etwas Bier trinken.«

»Sehr wohl, gnädige Frau«, antwortete der Bedienstete erneut und verließ gemessenen Schrittes den Raum.

Theresa wandte sich ihren Lieben zu. »Ich freue mich, dass ihr zu so einer alten Frau wie mir gekommen seid, um mir eine Freude zu machen.«

»Aber Mama, das ist doch selbstverständlich«, antwortete Charlotte, die nur selten zu Besuch kam, weil sie oft auf Reisen war.

»Auch ich finde es selbstverständlich, Frau von Hartung«, erwiderte Malwine. Zwar hatte Theresa ihr das Du angeboten, doch sie war es so gewöhnt, die Eltern und auch ihren Mann mit Sie anzusprechen, dass sie es nicht gewagt hatte, auf das Angebot einzugehen.

Mit einem leisen Seufzer dachte Theresa, dass Gustavs zweiter Frau ein wenig mehr Selbstbewusstsein gut anstehen würde. Bei den Jungen fiel es nicht so ins Gewicht, da diese sich der Autorität des Vaters beugten. Victoria hingegen hätte eine festere Hand gebraucht, doch Malwine vermochte sich bei dem Mädchen nicht durchzusetzen.

»Komm zu mir!«, befahl sie Victoria und wies auf den Stuhl neben ihr.

Vicki zögerte einen Augenblick. Bei ihrer Stiefmutter hätte sie sich in mindestens der Hälfte der Fälle geweigert, ihr zu gehorchen. Dies war jedoch nicht Malwine, sondern die Mutter ihrer Mutter. Daher trat sie näher und ließ sich auf den Stuhl nieder.

»Vielleicht können Sie diesem Kind ins Gewissen reden«, sagte Malwine mit einem Seufzen. »Wie oft habe ich Victoria schon gesagt, sie solle sich so benehmen, wie es einem Mädchen ihres Alters und ihrer Herkunft zukommt. Aber sie hört einfach nicht auf mich.«

»Du solltest deiner Stiefmutter gehorchen!«, tadelte Theresa ihre Enkelin.

Vicki stülpte trotzig die Lippen nach vorne, ohne etwas zu sagen.

»Ich finde, Vater sollte öfter die Rute zur Hand nehmen, um Victoria zur Vernunft zu bringen«, erklärte Otto von Gentzsch in einem Tonfall, der deutlich zeigte, dass es wenig Liebe zwischen ihm und seiner Schwester gab.

»Schläge nützen wenig! Ein Kind muss man mit Liebe aufziehen.« Friederike von Hartung war als Mädchen zu oft das Opfer väterlicher Schläge geworden, um Vicki das gleiche Schicksal zu wünschen. Schon seit Jahren ärgerte sie sich darüber, wie abweisend Gustav von Gentzsch und Malwine das Mädchen behandelten. Damit riefen sie nur dessen Trotz hervor.

»Wenn Gustav dazu bereit wäre, Victoria zu uns zu geben, wäre dies gewiss hilfreich«, setzte Friederike an ihre Schwiegermutter gerichtet hinzu.

Theresa nickte nachdenklich, wusste aber gleichzeitig, dass ihr Schwiegersohn niemals darauf eingehen würde. Als Familienoberhaupt fühlte er sich für seine Kinder verantwortlich. Seine Tochter anderen zu überlassen, selbst wenn es die Großmutter und seine Schwägerin war, kam für ihn nicht in Frage.

»Ich bedauere, dass Gustav dies nicht tun will«, sagte sie traurig und strich Vicki mit der Hand über die Wange.

Dabei betrachtete sie das Mädchen eindringlich. Obwohl sie erst siebzehn Jahre alt war, entwickelte Vicki sich bereits zu einer Schönheit, wie sie man sie nur selten sah. Ihr Haar glänzte wie Gold, ihr Teint war so rein wie Milch, und die Augen leuchteten wie zwei blaue Sterne. In gewisser Weise ähnelte sie ihrer Mutter Gunda, doch ihre Züge wirkten noch feiner. Diesem Mädchen würden die Herzen nur so zufliegen.

Auch wenn Theresa die Liebe, die Gustav für ihre Tochter Gunda empfunden hatte, verstand, so machte sie es traurig, dass er Victoria nicht als Gundas letztes Vermächtnis an ihn betrachtete, sondern in ihr nur die Ursache ihres Todes sah.

»Wir mussten Victoria erneut aus dem Internat zurückholen. Sie störte den Unterricht, gab den Lehrerinnen freche Antworten und zwang der Tochter des österreichischen Generals Graf Hollenberg ein Handgemenge auf, bei dem diese ein blaues Auge davontrug«, klagte Malwine eben.

Um die Lippen Friederikes zuckte der Anflug eines Lächelns. In ihrer Jugend hatte sie Franz Josef von Hollenberg als schmucken Leutnant erlebt und als unerträglich arrogant empfunden. Für sie war es daher kein Wunder, dass Vicki mit dessen Tochter aneinandergeraten war.

»Kannst du Gustav nicht doch dazu bewegen, uns Victoria zu überlassen? Zu zweit werden Mama und ich gewiss mit ihr fertig«, sagte sie zu Malwine.

»Soll das heißen, dass ich in Ihren Augen nicht dazu in der Lage bin, sie zu erziehen?«, fragte diese pikiert.

»Aber nein, natürlich nicht«, antwortete Theresa, obwohl sie genau das dachte.

»Meine Schwiegermutter meint, dass es für Victoria von Vorteil wäre, mit ihren Cousinen zusammen zu sein und sich an ihnen ein Beispiel nehmen zu können«, antwortete Friederike mit einem nachsichtigen Lächeln. Auch sie wusste, dass Malwine gegen den Trotzkopf Vicki auf verlorenem Posten stand.

»Ihre Töchter würden sich bedanken, einen solchen Teufel um sich zu haben. Sie würden nur noch mit blauen Augen und zerkratzten Gesichtern herumlaufen«, antwortete Malwine giftig.

Nicht nur Vicki fand, dass dieser Ausbruch überflüssig war. Auch wenn sie ihre Cousinen als langweilig ansah, würde sie sich niemals mit ihnen prügeln. Bei Franziska von Hollenberg war das etwas ganz anderes. Diese war gemein zu einer jüngeren Schülerin gewesen und hatte das blaue Auge wahrlich verdient gehabt.

»Es wäre besser für Victoria, wenn sie zu uns käme«, sagte nun auch Theresa.

Malwine schüttelte den Kopf. »Darauf wird Gustav sich nicht einlassen. Victoria ist seine Tochter, und sie hat zu gehorchen.«

Im letzten Moment konnte Vicki verhindern, ihr die Zunge herauszustrecken. Sie mochte ihre Stiefmutter nicht, da diese keine eigenständige Person zu sein schien, sondern in allem nur das Sprachrohr ihres Mannes war. Ein wenig Zuneigung von Malwines Seite hätte vielleicht manche Härten des Vaters abmildern können. So aber hieb ihre Stiefmutter stets in dieselbe Kerbe wie er und merkte ebenso wenig wie ihre Brüder, wie sehr es schmerzte, ohne eigene Schuld zum schwarzen Schaf der Familie gemacht worden zu sein.

3.

Im Rauchzimmer hielt Theodor von Hartung seinem Schwager die Zigarrenkiste hin und wählte sich dann selbst eine Zigarre aus. Anschließend saßen sie mehrere Minuten schweigend da und sahen den Rauchringen nach, die sie in die Luft bliesen.

»Man sollte meinen, dass mit der Zeit alles besser wird.« Theodor durchbrach die Stille.

»Es wieseln zu viele Laffen um Seine Majestät herum, insbesondere Speichellecker und Nachplapperer, die nichts wissen und nichts können, aber die großen Herren ziehen die Fäden zu ihren Gunsten und zu denen ihrer Verwandten«, antwortete Gustav von Gentzsch voller Groll.

»Vor allem sind diese Herrschaften gierig.« Theodor atmete tief durch und legte seine nur wenig angerauchte Zigarre beiseite. »Letztens wurde eine meiner Tuchlieferungen an die Armee wegen angeblich schlechter Qualität bekrittelt, und man behielt ein Viertel des vereinbarten Preises ein. Es handelte sich jedoch um ein Tuch von ebensolcher Qualität, wie ich sie immer liefere, und ich bin sicher, dass das Geld, welches man mir vorenthalten hat, nicht in die Kassen des Reiches, sondern in die Taschen einiger weniger Männer gewandert ist.«

Theodors Anklage wog schwer, warf er doch den Männern, die über die Heereslieferungen entschieden, nicht nur Bestechlichkeit, sondern auch Betrug und Unterschleif vor. Als Beamter hätte Gustav vehement widersprechen müssen. Stattdessen nickte er mit verkniffener Miene.

»Diesen Eindruck habe auch ich gewonnen. In den letzten drei Jahren wurde meine Amtsführung als Landrat immer häufiger kritisiert. Man hat mich aufgefordert, zusätzliche Summen zu erheben. Da ich mich weigerte, hat man mich von meinem Posten abberufen und nach Berlin geholt. Angeblich sollte ich befördert werden, doch man hat mich mit einer nachrangigen Stelle im Ministerium abgefunden.«

»Es weht ein scharfer Wind durch Berlin, durch Preußen und das gesamte Reich«, fand Theodor.

»Durch Berlin und Preußen ja, im Rest des Reiches dürfte es weniger schlimm sein. Die Könige, Fürsten und sonstigen Potentaten achten streng darauf, dass der Einfluss aus Berlin auf ihre Länder nicht übermächtig wird«, erklärte Gustav.

Theodor packte seine Zigarre und drückte sie verärgert aus. »Das hilft mir aber nicht! Ich kann meine Fabrik nicht in einen Wagen laden und in Schwarzburg, Baden oder Bayern wiederaufbauen.«

»Ebenso wenig kann ich die königlich-preußischen Dienste verlassen und als Amtmann nach Württemberg oder Darmstadt gehen.« Gustav lachte bitter und rauchte weiter, da es ihn ein wenig beruhigte.

Unterdessen starrte Theodor gegen die Wand und überlegte. »Jetzt rächt es sich, dass ich nach dem Ankauf der Dobritz-Werke vor allem auf Heereslieferungen gesetzt habe. Es erschien mir verlockend, jedes Jahr ein gewisses Maß an Uniformstoffen anfertigen zu können, ohne mir über den Absatz Gedanken machen zu müssen. Ich habe zwar nicht übermäßig daran verdient, aber gut genug, um meine Fabriken erweitern und auf den neuesten Stand bringen zu können. Wenn man mir jedoch öfter Preisabschläge zumutet, wird es ein Zuschussgeschäft, und ich werde die Produktion zurückfahren müssen.«

»Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen, Schwager«, antwortete Gustav mit bedrückter Miene. »Doch dafür ist mein Einfluss im Ministerium zu gering. Ich sitze am Schreibtisch, lese eine Unzahl an Akten und gebe eine Expertise darüber ab. Was aber danach geschieht, entscheiden Männer wie mein direkter Vorgesetzter Dravenstein, der angesichts seiner beschränkten Fähigkeiten nur durch Vetternwirtschaft auf diesen Posten gelangt sein kann.«

Theodor verstand den Unmut seines Schwagers. Fast zwei Jahrzehnte hatte dieser wie ein kleiner König in einem westfälischen Landkreis geherrscht und musste sich nun vor Hofschranzen verbeugen, die sie beide aus vollem Herzen verachteten. Man sollte diese Leute weniger verachten als fürchten, korrigierte er sich und besprach mit Gustav, was sie selbst dagegen unternehmen konnten. Sie kamen zu keinem Ergebnis, denn sie kannten weder die Männer, die hinter diesen Aktionen steckten, noch wussten sie, wie diese zu bekämpfen waren.

»Ich sage, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Hoffen wir, dass diese Krüge bald brechen. Es trifft gewiss nicht nur uns, sondern auch andere. Vielleicht verfügt einer davon über Verbindungen zu Herrschaften, die diesen üblen Menschen in die Parade fahren können.«

Theodors Schlusswort klang in seinen eigenen Ohren schwächlich, und er ärgerte sich, weil er keine andere Möglichkeit sah, als abzuwarten, ob sich dieser Vorfall wiederholte oder nicht.

»Ich werde auf jeden Fall die Ohren offen halten«, versprach Gustav und hob dann die Hand. »Bitte kein Wort zu unseren Frauen! Sie sollen nicht mit unseren Sorgen belastet werden.«

Theodor hielt dies für falsch, denn er sprach mit Friederike oft über die Fabrik und hatte auch schon einige ihrer Vorschläge gewinnbringend umsetzen können. Mit Malwine war so etwas wohl nicht möglich. Daher würde er Gustavs Bitte nachkommen, denn wenn seine Frau davon erfuhr, würde sie mit Malwine darüber sprechen. Dabei, so sagte er sich, hätte er Friederikes Ratschläge in dieser Situation gut brauchen können. Er erhob sich.

»Wir sollten uns wieder zu den Damen gesellen, sonst glauben sie noch, wir hätten über weltbewegende Dinge gesprochen.«

Das Lachen, mit dem Theodor diese Worte begleitete, klang gekünstelt, und auch Gustav hatte Mühe, seinem Gesicht eine halbwegs freundliche Miene aufzuzwingen.

4.

Der Rest des Nachmittags verlief harmonisch. Selbst Vicki hielt sich im Zaum. Auch wenn sie nicht glaubte, dass ihre Großmutter sie liebte, da deren Tochter bei ihrer Geburt gestorben war, so war sie ihr dankbar, nie einen Vorwurf deswegen hören zu müssen.

Als es an den Abschied ging, drückte Theresa das Mädchen fest an sich. »Jetzt, da dein Vater in Berlin seinen Aufgabenbereich erhalten hat, wirst du uns gewiss öfter besuchen können.«

»Sie wird zu euch kommen, wenn sie es sich durch gutes Benehmen verdient hat«, erklärte Gustav und bedachte seine Tochter mit einem eisigen Blick.

Das heißt wahrscheinlich nie, dachte Vicki traurig. Als Kind hatte sie verzweifelt versucht, die Liebe des Vaters zu erringen. Ihr war jedoch nur Kälte entgegengeschlagen und der hasserfüllte Vorwurf, schuld am Tod ihrer Mutter zu sein. Selbst ihre Brüder hatten darin eingestimmt und nie erkennen lassen, dass sie zu ihnen gehörte. Irgendwann war sie es leid geworden, um Zuneigung zu betteln. Da man sie zum schwarzen Schaf der Familie ernannt hatte, hatte sie begonnen, sich auch so zu benehmen.

Während sie ihrer Familie nach draußen folgte, wünschte sie sich sehnlichst, sie könnte wirklich bei ihrer Großmutter und Tante Friederike bleiben.

Der Wagen stand bereit. Da er für sieben Personen zu klein war, nahm Malwine ihren älteren Sohn auf den Schoß und forderte Vicki auf, Waldemar den gleichen Dienst zu erweisen. Mit einem leisen Fauchen gehorchte das Mädchen, um die geringe Hoffnung, ihre Großmutter besuchen zu dürfen, nicht von vorneherein begraben zu müssen.

Gustav von Gentzsch und seine Frau saßen in Fahrtrichtung, während Vicki und ihre älteren Brüder sich auf die Gegenbank quetschen mussten. Während der Fahrt hingen alle ihren Gedanken nach. Gustav haderte damit, dass er sein stattliches Heim in der Provinz samt seinem zweiten Wagen hatte aufgeben müssen und ihm nun nichts anderes übrig blieb, als in einer weitaus kleineren Wohnung in Berlin zu hausen. Der Stall, der zu ihr gehörte, war nur für zwei Gespann- und zwei Reitpferde geeignet. Auch waren die Kosten hier in der Hauptstadt viel höher. Es kränkte ihn, dass sein Gehalt kaum ausreichte, seine Bedürfnisse und die seiner Familie zu erfüllen. Sein Blick streifte seine älteren Söhne. Beide machten sich gut und würden wie einst er selbst die Universität mit Auszeichnung verlassen.

Victoria hingegen war bereits von der dritten Höhere-Töchter-Schule suspendiert worden. Die ersten beiden Male hatte er sie noch die Rute spüren lassen. Inzwischen hatte er begriffen, dass sie durch Schläge nur noch renitenter wurde und sich mit voller Absicht unmöglich aufführte.

Ihm kam der Gedanke, dass sie sich beim Besuch der Großmutter überraschend manierlich benommen hatte. Vielleicht war es doch besser, wenn sie gelegentlich die Villa Hartung besuchen durfte und am Beispiel ihrer Cousinen lernte, was es hieß, ein Mädchen an der Schwelle zur Frau zu sein.

Nach einer längeren Fahrt erreichten sie ihr Heim. In Westfalen hatten sie in einen Innenhof einfahren und dort aussteigen können. Hier musste der Wagen vor dem Hauseingang halten. Die Haustür gehörte auch nicht ihnen allein, denn in dem Gebäude wohnten noch drei weitere Parteien. Gustav fand es beschämend, so leben zu müssen, und trieb die Seinen an, sich zu sputen, um in die Wohnung zu gelangen.

Dort begab er sich sogleich in sein Studierzimmer und nahm eine Akte an sich, den er aus dem Ministerium mitgenommen hatte. Er musste ihn durchlesen, kurz beschreiben, was darin aufgeführt war, und durfte auf dem Beiblatt notieren, ob er die Anfrage begrüßen oder ablehnen würde. Für sein Gefühl arbeitete er seinem Vorgesetzten Dravenstein zu, der von der Materie selbst wenig Ahnung hatte, aber durch Protektion zu seiner Stellung aufgerückt war.

Während ihr Vater mit seiner Situation haderte, suchte Vicki ihr Zimmer auf. Es war nur mit den allernotwendigsten Möbeln eingerichtet und völlig schmucklos. Im Gegensatz zu den Zimmern, in denen ihre Brüder schliefen, hing hier nicht einmal ein Bild mit einem Engel an der Wand, der seine segnenden Hände über Kinderköpfe hielt. Außer ihrer Zeichenmappe gab es nichts, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Ihren Brüdern hingegen hatte der Vater nicht nur Dinge gekauft, die sie sich gewünscht hatten, sondern ihnen auch ein gewisses Taschengeld zugesprochen.

»Für mich hat es nie etwas gegeben«, sagte Vicki leise. Sie war es nicht wert, dass man ihr etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenkte, denn sie hatte das Wertvollste zerstört, das ein Kind haben konnte, nämlich die eigene Mutter.

Sie kämpfte gegen die Tränen an, die in ihr aufsteigen wollten. Die Familie durfte sie nicht schwach sehen, sonst nahmen alle an, sie mit weiteren Strafen vielleicht doch noch dressieren zu können. Zwar erhielt sie keine Schläge mehr, aber ihre Stiefmutter war mit Stubenarrest, Verweigerung des Nachtisches und dergleichen rasch bei der Hand. Nur ein Stirnrunzeln des Vaters, und man schickte sie vom Mittags- oder Abendbrottisch in ihr Zimmer. Da sie nicht hungern sollte, musste ihr die Köchin einen Grießbrei kochen, und zwar nach Malwines Anweisung ohne Zucker oder andere Zusätze, die das fade Zeug schmackhafter machten.

Die einzige Freude, die man ihr ließ, war Zeichnen und Lesen, wenn auch nur, um sie ruhig zu halten. Daher nahm sie nun eines der Bücher von dem Stapel, der in der Ecke lag. Sie hätte sich ein Regal gewünscht. Doch um ein solches hätte sie ihren Vater bitten müssen, und dazu war sie nicht bereit.

»Schwarzes Schaf, schwarzes Schaf, bäh, bäh«, flüsterte sie und fühlte, wie die Wut in ihr stieg.

Das hatten ihr ihre Brüder als Kind nachgerufen. Malwines Söhne hatten es auch versucht, aber nur ein Mal. Bei der Erinnerung daran musste Vicki lachen. Karl und Waldemar zu beschimpfen oder gar zu schlagen, hatte sie nicht wagen dürfen. Ein paar tote Mäuse, die von ihrem alten Kater in ihrem damaligen Wohnhaus gefangen worden waren und die sie in die Betten der Jungen gelegt hatte, hatten ausgereicht, diesen genug Respekt vor ihr einzuflößen. Die beiden hatten sich danach nie mehr mit ihr angelegt.

Mit diesen Gedanken setzte sie sich so auf die Bettkante, dass sie in dem Licht, das durch das kleine Fenster fiel, lesen konnte, und entschwand für eine gewisse Zeit in eine Welt, in der ihr niemand den Vorwurf machen konnte, den Tod der eigenen Mutter verschuldet zu haben.

5.

Der Gong rief zum Abendessen. Vicki kam zu spät, da sie erst durch ein kräftiges Klopfen an der Tür aus ihrer Lektüre herausgerissen worden war. Die tadelnden Blicke ihres Vaters und ihrer Stiefmutter nahm sie unbewegt entgegen.

»Trödelliese«, raunte Waldemar ihr zu.

Vicki sah ihn kurz an. »Wenn, dann Trödel-Victoria.«

»Lasst das!« Gustavs Stimme klang scharf. Die Versetzung nach Berlin, die im Grunde eine Herabstufung war, hatte ihn unduldsam werden lassen.

Vicki bedauerte ebenfalls, dass sie hierher hatten ziehen müssen. In dem Landstädtchen, in dem ihr Vater Landrat gewesen war, hatte sie den anderen Familienmitgliedern leichter aus dem Weg gehen können als in der engen Wohnung, die ihnen nun zur Verfügung stand. Diese hatte nicht einmal einen Festsaal, in den man mehr als zwanzig Gäste einladen konnte. Allerdings gab es auch keine Gäste, die man hätte einladen können. Ihre Familie kannte kaum jemanden in Berlin, und da Malwine keine Frau war, die leicht Bekanntschaften schloss, verging ein Tag mit der gleichen quälenden Langeweile wie der vorherige.

Auch das Essen war schlechter als früher, fand Vicki. Ihre Eltern hatten nur einen Teil ihrer Bediensteten mitnehmen können. Die alte Köchin gehörte nicht dazu. Die neue, die eigentlich nur eines der Dienstmädchen war, die ebenfalls vom Land stammten, beschwerte sich stets wortreich über die schlechte Qualität der Lebensmittel, die hier auf den Märkten angeboten wurden.

»Kannst du nicht still sitzen für das Tischgebet?«, fragte ihr Vater scharf.

Vicki kniff die Lippen zusammen, denn für ihr Gefühl hatte sie sich kaum bewegt. Doch das zählte nicht, sondern nur die Ansicht des Vaters. Wenn dieser sagte, dass Weihnachten Ostern sei, dann stimmte das auch, gleichgültig, was die anderen behaupteten.

Während des Essens legte Malwine mit einem Mal das Besteck beiseite, betupfte sich die Lippen mit der Serviette und sah dann ihren Mann an. »Vielleicht sollten wir doch erwägen, Victoria eine gewisse Zeit zu ihrer Großmutter zu schicken. Sie war heute außergewöhnlich ruhig. Ich glaube, dass ihre Cousinen ein löbliches Vorbild für sie sein könnten.«

Noch während sie sprach, schüttelte Gustav den Kopf. »Ich will den Haushalt meines Schwagers Hartung nicht mit diesem ungebärdigen Ding belasten. Sie mag einmal in der Woche für eine oder zwei Stunden hinfahren, doch ihr Heim ist hier.«

Wenn es denn ein Heim wäre, dachte Vicki bitter, war aber froh, gelegentlich ihre Großmutter und ihre Tante Friederike besuchen zu dürfen. Früher auf dem Land war es besser gewesen. Da hatte sie sich im Freien aufhalten können, und auch der Vater hatte bessere Laune gehabt als in der Stadt. An diesem Ort hier fühlte sie sich eingesperrt.

»Es gibt noch etwas zu besprechen«, fuhr Malwine zaghaft fort. »Victoria ist jetzt siebzehn und sollte noch für ein Jahr eine Höhere-Töchter-Schule besuchen.«

»Sie war auf dreien und wurde überall der Schule verwiesen. Das reicht.« Für Gustav war die Sache damit erledigt.

Zu seiner und auch zu Vickis Überraschung wagte seine Frau es, ihm zu widersprechen.

»Es wäre aber besser, wenn sie die Schule abgeschlossen hätte. Als ihr Vater ist es Ihre Pflicht, sie vorteilhaft zu verheiraten. Um in unseren Kreisen als heiratsfähig zu gelten, ist das Diplom eines solchen Instituts unabdingbar.«

Es war weniger das Diplom als vielmehr die Tatsache, so eine Schule hinter sich gebracht zu haben, dachte Vicki. Vor einem Jahr hätte sie sich noch gesträubt, erneut ein Mädcheninstitut besuchen zu müssen. Damals aber hatten sie noch auf dem Land gelebt, und das erschien ihr jetzt im Vergleich zu Berlin wie das Paradies. Hier durfte sie das Haus nur in Begleitung einer Bediensteten verlassen. Da war es vielleicht besser, sich der Disziplin einer solchen Schule zu unterwerfen, um den unerfreulichen Zuständen zu Hause wenigstens für eine gewisse Zeit zu entkommen.

Gustav überlegte kurz und nickte. »Sie haben recht, meine Liebe! Aber das ist nichts, um das ich mich selbst kümmern muss. Ich überlasse es Ihnen, ein entsprechendes Institut zu finden.«

»Ich werde Friederike von Hartung fragen. Ihre drei Töchter besuchen eine solche Schule. Sie wird mir gewiss raten können.«

Vicki sagte sich, dass ihre Stiefmutter sich gerne von anderen beraten ließ, um die Verantwortung von sich schieben zu können. Trotzdem war sie zufrieden. Nicht mehr lange, dann begann das neue Schuljahr, und da war es besser, wenn sie es fern von ihrer Familie verbrachte. Wenn sie Glück hatte, kam sie sogar auf dieselbe Schule wie ihre Cousinen, denn mit diesen glaubte sie gut auskommen zu können.

6.

Malwine von Gentzsch setzte ihr Vorhaben bereits am nächsten Vormittag in die Tat um. Da sie keine Verwandten und Bekannten in Berlin hatte, besuchte sie Theresa und Friederike öfter, hatte Vicki bislang aber niemals mitgenommen. Doch diesmal forderte sie das Mädchen auf, sich ausgehfertig zu machen.

»Trödle nicht, denn der Wagen wird gleich vorgefahren!«, erklärte sie, während sie sich von ihrer Zofe ins Kleid helfen ließ.

Vicki war noch vor ihrer Stiefmutter fertig, und wenig später stiegen sie in den Wagen. Gustav von Gentzsch wohnte in einem der besseren Viertel Berlins, wenn auch nicht dort, wo die wirklich reichen Leute lebten. Die Straßen waren gepflastert und die Gaslaternen vor kurzem durch elektrische Lampen ersetzt worden. An jeder Ecke stand ein Schutzmann, um übles Gesindel aus dieser Gegend fernzuhalten. Trotzdem sehnten sich sowohl Vicki wie auch ihre Stiefmutter nach dem kleinen Landstädtchen in Westfalen, das bis vor wenigen Wochen ihre Heimat gewesen war.

»Ich werde mich nie in Berlin zurechtfinden«, seufzte Malwine während der Fahrt.

Vicki lächelte mit leichter Verachtung. Ihrer Meinung nach würde ihre Stiefmutter sich bereits verirren, wenn sie von der Wohnung nur einhundert Schritte in eine Richtung ging. Sie selbst hatte die Gegend bereits ein wenig erkunden können. Zu dem Zweck war sie einige Male ausgebüxt und hinterher ziemlich gescholten worden. Für ein Mädchen ihres Standes und ihres Alters zieme es sich nicht, allein herumzustreunen. Allerdings machte es ihr fast genauso viel Freude, von einem Dienstmädchen begleitet durch die Straßen und den kleinen Park in der Nähe zu schlendern. Bei diesen Spaziergängen hätte sie gerne in dem kleinen Café an der Ecke eine Tasse Schokolade getrunken, doch dazu fehlte ihr das Geld.

»Warum erhalten meine Brüder Taschengeld und ich nicht?«

»Was sagst du?«

»Ich war in Gedanken«, redete Vicki sich heraus, da es nichts brachte, ihre Stiefmutter auf dieses Thema anzusprechen.

»Du solltest besser achtgeben! Wenn ein Mädchen oder eine Frau Selbstgespräche führt, heißt es gleich, sie sei im Kopf nicht gesund.« Malwine klang verzweifelt, denn ihrer Meinung nach konnte ein Mädchen, das sich so benahm wie ihre Stieftochter, nicht normal sein. Wenn sich diese Annahme bewahrheitete, würden sie Victoria irgendwann unauffällig in ein Sanatorium geben müssen.

»Wir sind gleich da«, sagte Vicki und wies auf eine prachtvolle Villa, die Theodor von Hartungs Vater Friedrich wenige Jahre vor seinem Tod am Rand des Grunewalds hatte errichten lassen. Mit der von Zinnen gekrönten Umfassungsmauer und dem angebauten Erkerturm erinnerte das Gebäude an eine mittelalterliche Burg. Es war ein Stil, wie ihn derzeit viele reiche Leute bevorzugten. Weiter im Westen des Reiches hatte Vicki während einer Fahrt in die Sommerfrische hoch über Rhein und Mosel etliche burgähnliche Villen entdeckt.

Kurz darauf folgte Vicki ihrer Stiefmutter in das prächtige Haus. Ein Diener führte sie in einen Salon, in dem ihnen eine Bedienstete sofort Kekse, für Malwine einen süßen Wein und für Vicki ein Glas Limonade bereitstellte. Malwine nippte nur am Wein, während Vicki mit Genuss den Keksen zu Leibe rückte.

Sie mussten nicht lange warten, bis Friederike von Hartung eintrat. Diese wunderte sich, Malwine und ihre Tochter so schnell wiederzusehen, begrüßte sie aber freundlich und verwickelte Malwine in ein Gespräch, um deren spürbare Anspannung zu lockern. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis Vickis Stiefmutter in der Lage war, ihre Bitte anzubringen.

»Ich bin ganz verzweifelt, liebe Frau von Hartung. Obwohl ich wirklich alles unternehme, um Victoria die Mutter zu ersetzen, entzieht sie sich meinen Ratschlägen und benimmt sich immer wieder unmöglich. In den letzten drei Jahren wurde sie aus drei Schulen für höhere Töchter verwiesen. Liebe Frau von Hartung, Sie wissen doch, wie wichtig es für ein besseres Fräulein ist, den Nachweis zu erbringen, eine solche Schule mit Auszeichnung absolviert zu haben. Es geht ja auch um Victorias Zukunft! Wie soll sich ein Herr von Stand um sie bewerben, wenn ihr der Nachweis des sittsamen und lehrreichen Besuchs eines solchen Instituts fehlt?«

Du bist ein Kamel, dachte Friederike und konnte gerade noch verhindern, es laut auszusprechen. Sie hatte eine solche Schule absolviert und befunden, dass es im Grunde verlorene Zeit gewesen war. Nicht ganz, schränkte sie ein. Man lernte dort tatsächlich, sich in der besseren Gesellschaft zu bewegen, aber letztlich wurden die Mädchen darauf dressiert, ihren Männern nicht auf die Nerven zu gehen und sie von den Sorgen des Haushalts zu verschonen.

Sie sah Victoria nachdenklich an, bemerkte den trotzigen Ausdruck auf ihrem Gesicht und schüttelte den Kopf. Gustav von Gentzsch hatte Victoria als Mörderin ihrer Mutter abgestempelt und sie dies fühlen lassen. Da war es kein Wunder, dass das Mädchen sich gegen jeden Zwang auflehnte. Da sie selbst lange Jahre darunter gelitten hatte, die ungeliebte Tochter ihres Vaters zu sein, empfand sie Mitleid mit Victoria. Für diese musste es noch schlimmer sein als damals bei ihr. Zwar traute sie Gustav von Gentzsch nicht zu, das Mädchen so zu schlagen, wie ihr Vater es bei ihr getan hatte. Der Vorwurf, am Tod der Mutter schuld zu sein, war jedoch grausamer als alle Rutenhiebe der Welt.

Da Friederike ihren Gedanken nachhing und Malwine auf Antwort wartete, versandete das Gespräch ein wenig. Schließlich wandte Friederike ihre Aufmerksamkeit wieder Malwine zu. »Wie wollen Sie ein Abschlussdiplom für Victoria erreichen?«

Malwine fasste verzweifelt nach Friederikes Händen. »Ich weiß mir keinen Rat mehr! Daher sind Sie meine letzte Hoffnung. Sie haben selbst drei Töchter, die alle ein Institut für höhere Töchter besuchen. Vielleicht könnten Sie …«

Sie brach ab, doch Friederike begriff auch so, was ihre Besucherin von ihr wollte.

»Sie meinen, ich soll die Leiterin der Schule, die meine Töchter besuchen, bitten, Victoria für das letzte Schuljahr bei sich aufzunehmen? Ich sehe da wenig Hoffnung, da Frau Berends’ Institut seit seinem Bestehen nur acht Schülerinnen jedes Jahrgangs aufnimmt.«

»Vielleicht macht die Frau doch eine Ausnahme.«

Malwine klang so flehend, dass Friederike zu überlegen begann. Wilde, ungebärdige Mädchen wurden auf solchen Schulen ungern gesehen. Der Tochter eines Herzogs oder eines Fürsten sah man es vielleicht nach, aber niemals der eines einfachen Landrats.

»Bevor ich irgendetwas verspreche, möchte ich wissen, wie du dazu stehst, Victoria?«, fragte sie das Mädchen.

»Es wäre mir sehr recht, das letzte Jahr auf einer solchen Schule verbringen zu können«, antwortete Vicki mit leiser Stimme.

»Wenn du dort bist, darfst du dich nicht mehr so störrisch zeigen oder gar mit einem anderen Mädchen handgreiflich werden«, mahnte Malwine sie.

»Ist es störrisch, wenn ich einer Lehrerin sage, dass sie unrecht hat, wenn sie die besten Noten an hochwohlgeborene junge Damen verteilt, obwohl einige von diesen so strohdumm sind, dass sie noch glauben, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um diese?«

Friederike spürte in Victoria den gleichen Drang nach Gerechtigkeit, den auch sie empfand, und lächelte ihr zu. »Wenn eine Lehrerin das tut, hat sie ihren Beruf verfehlt.«

»Es war nicht nur eine Lehrerin. Auch den anderen Lehrerinnen wurde von der Schulleitung aufgetragen, diese Mädchen bevorzugt zu behandeln. Als mehrere von ihnen bessere Zensuren erhielten als ich, obwohl sie schlechter waren, habe ich mich beschwert«, erklärte Vicki.

»Aber auf eine Art und Weise, dass man dich sofort nach Hause geschickt hat. Und dann diese unsägliche Begebenheit, als du Franziska von Hollenberg ohne Grund geschlagen hast«, sagte Malwine seufzend.

Über Vickis Lippen huschte ein Lächeln. »Die Hollenberg hat es sich selbst zuzuschreiben. Dieses Biest hat eine jüngere Mitschülerin verächtlich behandelt und ihr mehr als nur eine Ohrfeige gegeben. Da wollte ich ihr eben zeigen, wie es sich anfühlt, selbst geschlagen zu werden.« Es klang fast ein wenig stolz.

Friederike begriff, dass es nicht einfach sein würde, dieses Mädchen dazu zu bringen, sich zu beherrschen. Der Name Hollenberg war für sie jedoch ein weiterer Grund, sich Victorias anzunehmen. In ihrer Jugend hatte sie ebenfalls eine Franziska von Hollenberg als Schulkameradin ertragen müssen und auch deren Bruder Franz Josef nicht gerade als angenehm in Erinnerung.

»Ich werde mein Bestes tun, um Frau Berends dazu zu bewegen, sich Victorias anzunehmen. Ein Schulgeld in doppelter Höhe könnte diese vielleicht überzeugen.«

»Ich danke Ihnen von Herzen!«, rief Malwine erleichtert.

Dabei war nach Vickis Meinung noch gar nichts entschieden, denn die Besitzerin des Instituts konnte immer noch ablehnen.

»Wir werden in den nächsten Tagen noch für drei Wochen nach Steben fahren, danach werde ich die Mädchen zum Institut bringen. Es wäre mir lieb, wenn Victoria uns begleiten könnte, um ihre Cousinen besser kennenzulernen. Sie wird deren Unterstützung brauchen, wenn sie als Neue in die Abschlussklasse kommt.«

»Ich brauche keine Unterstützung«, murmelte Vicki. Sie hatte sich bisher allein durchschlagen müssen und gedachte dies auch in Zukunft zu tun.

Malwine achtete nicht darauf, doch Friederike hatte es ebenfalls gehört und fragte sich, ob sie sich und ihren Töchtern nicht doch eine zu schwere Last aufbürdete. Sie hatte jedoch zugestimmt – und irgendwie mochte sie das Mädchen auch.

7.

Gustav von Gentzsch entnahm Malwines etwas wirrem Bericht, dass Friederike von Hartung seine Tochter in derselben Höhere-Töchter-Schule unterbringen würde wie die eigenen Mädchen. Daher erhob er keine Einwände, als es hieß, Friederike wünsche Victorias Anwesenheit auf Steben, damit diese von ihren Cousinen auf die Richtlinien vorbereitet werden konnte, die in Frau Berends’ Institut zu befolgen waren.

Als es so weit war, wurde Vicki zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Neid ihrer Brüder konfrontiert. Um sich in seinen neuen Aufgabenbereich einzuarbeiten, hatte ihr Vater in diesem Jahr auf eine Fahrt in die Sommerfrische verzichtet und nur Ausflüge in die nähere Umgebung von Berlin unternommen. Da er körperliche Auseinandersetzungen unter den Geschwistern strengstens verboten hatte, blieb den beiden Älteren nur, die Schwester zu ignorieren, während Karl und Waldemar sich bei der Mutter bitter beschwerten.

»Warum darf das Schaf fahren, das schwarze, und nicht wir?«, protestierte das Nesthäkchen Waldemar erbost.

»Zum einen ist Victoria kein Schaf, sondern deine Schwester, und zum anderen ist es so beschlossen. Und damit Schluss!«, fuhr sein Vater ihn an, der soeben hinzugekommen war.

Er ärgerte sich über sich selbst, weil er den beiden jüngeren Söhnen viel hatte durchgehen lassen, um ihnen zu zeigen, dass sie ihm im Gegensatz zu seiner Tochter lieb und teuer waren. Doch mittlerweile waren sie so aufsässig, dass wohl nur noch der Lederriemen sie ein besseres Benehmen lehren konnte.

Vicki kümmerte das alles nicht, sie war einfach nur froh, der väterlichen Wohnung entrinnen zu können. Zwar bedauerte sie die Ohrfeigen nicht, die sie Komtess Franziska von Hollenberg versetzt hatte, ärgerte sich aber im Nachhinein darüber, deswegen von der Schule verwiesen worden zu sein. Die Versetzung ihres Vaters nach Berlin war zwar schon beschlossen gewesen, doch sie hatte den Weg zur Schule noch von Westfalen aus angetreten. In dem großen Haus in dem Landstädtchen hatte sie viel Raum für sich gehabt. Hier hingegen fühlte sie sich wie in einen Pferch gesperrt. Sie war daher Friederike von Hartung zutiefst dankbar, weil die Tante sie für drei Wochen aus diesem Gefängnis befreite, und hoffte, dass diese ihr tatsächlich einen Platz in Frau Berends’ Institut verschaffen konnte.

Mit diesem Gedanken bestieg sie den Wagen, der Malwine und sie zur Villa Hartung bringen sollte, und nahm sich vor, alles zu tun, damit ihre Großmutter und ihre Tante mit ihr zufrieden waren.

8.

Durch die Fahrten zu den Schulen war Vicki das Reisen gewöhnt. Trotzdem verspürte sie einen leichten Stich, als sie im Zielbahnhof aus dem Zug stieg. Das kleine Landstädtchen glich jenem, in dem ihr Vater Landrat gewesen war, und das erschien ihr in der Erinnerung fast wie das Paradies.

»Ich hoffe, du fühlst dich wohl bei uns«, sagte Auguste von Hartung und lächelte sie an.

Sie war im gleichen Alter wie Victoria, aber ein wenig kleiner und schmäler, ohne jedoch kindhaft zu wirken, und hatte brünettes Haar und warme braune Augen. Mit ihrem zarten Gesicht würde sie einmal als sehr hübsch gelten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht gewagt, Victoria anzusprechen. Da sie aber die nächsten drei Wochen und vielleicht das ganze Schuljahr zusammen verbringen würden, wollte sie das Eis brechen.

»Danke, das werde ich gewiss«, antwortete Vicki und sah zu, wie Knechte das Gepäck auf einen Wagen luden. Für die Familie standen zwei Landauer bereit. In dem einen nahmen Theodor, Friederike und ihre beiden jüngeren Söhne Platz. Für Fritz, ihren Ältesten, hatte man einen großrahmigen Hengst gebracht, da der schneidige Herr Leutnant hoch zu Ross auf Steben einreiten wollte. Der zweite Wagen war für die Töchter der Familie und Vicki bestimmt.

Zunächst gab es einen Kampf darum, wer in Fahrtrichtung sitzen durfte und wer nach hinten schauen musste. Auguste setzte ihre Autorität als die Älteste ein und erklärte Lieselotte und Silvia, dass es unhöflich sei, Victoria als ihren Gast auf den schlechteren Platz zu setzen.

»Ich bin es gewohnt, so zu sitzen«, erklärte Vicki, die bei Ausfahren selbst ihren jüngeren Halbbrüdern den Vortritt hatte lassen müssen.

»Gewohnheiten kann man ändern. Also mach Platz, Lieselotte, damit Vicki sich setzen kann!«, wies Auguste ihre nächstjüngere Schwester zurecht.

Da sie von ihrem Vater, der Stiefmutter und ihren Brüdern allezeit nur Victoria genannt wurde, hörte sich das Vicki aus Augustes Mund angenehm an, und sie schenkte der Cousine ein dankbares Lächeln.

Auf dem Weg zum Schloss gab es viel zu schauen. Die Natur stand in vollem Saft, das Gras war ebenso grün wie die Wälder, und auf den Feldern wiegte sich das Korn sanft im Wind. Vicki hätte ewig fahren können. Da stieß Auguste sie leicht an.

»Dort ist das Schloss.«

Vicki sah in die Richtung und sog die Luft ein. So groß und so prächtig hatte sie sich Schloss Steben nicht vorgestellt. Das stattliche Heim, das ihr Vater in der westfälischen Kreisstadt bewohnt hatte, hätte hier in einem Seitenflügel Platz gefunden. Als der vordere Wagen in die Einfahrt einbog und schließlich vor dem Hauptportal anhielt, wurde die Familienfahne der Hartungs gehisst. Sie sah edel aus, und Auguste berichtete stolz, dass sie von einem polnischen Adelsgeschlecht übernommen worden sei, mit dem ihre Großmutter verwandtschaftlich verbunden wäre.

Die Bediensteten des Schlosses hatten Aufstellung genommen, um ihre Herrschaft zu empfangen. Adrett gekleidete Dienstmädchen knicksten, und Lakaien in Livree verbeugten sich vor Friederike und Theodor sowie vor den drei teilweise schon erwachsenen Söhnen. Auch bei den vier Mädchen deuteten alle einen Knicks oder eine Verbeugung an.

»Das ist Victoria, die Tochter meiner Tante Gunda«, stellte Auguste Vicki einer jungen Frau vor, die den Auftrag hatte, sich um die vier zu kümmern.

»Willkommen auf Schloss Steben!«, sagte die Frau und musterte Vicki neugierig. »Sie sehen genauso aus wie Ihre Mutter auf dem Bild, das im Rosa Salon hängt.«

»Der Rosa Salon ist der Salon von Großmama. Sie ist schon gestern angereist, weil sie in der Stadt zuletzt von Atemnot gequält wurde. Unser Herr Doktor schlägt ihr vor, eine Kur an der Nordsee zu machen, aber sie meint, ein Aufenthalt auf Steben würde genügen«, berichtete Auguste.

Vicki hatte sich bereits gewundert, weshalb ihre Großmutter nicht mitgekommen war, aber nicht gewagt zu fragen. Was ist, wenn sie traurig wird und mir vorwirft, Mamas Tod verschuldet zu haben?, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie erinnerte sich noch zu gut, wie ihr Vater sie sogar als Mörderin bezeichnet hatte. Damals war er betrunken gewesen, dennoch schmerzte sie dieses Wort noch immer.

»Komm, wir zeigen dir dein Zimmer! Du hast ebenso wie ich ein eigenes, während die beiden Kleinen sich eines teilen müssen«, forderte Auguste sie auf.

Lieselotte fauchte leise. »Was heißt hier die Kleinen? Ich bin immerhin fast eine Hand breit größer als du.«

»Aber ein Jahr jünger und daher die Kleine«, konterte Auguste gelassen und hakte sich bei ihrem Gast unter.

Ein solcher Körperkontakt war für Vicki ungewohnt. Zu Hause hatten die Eltern und die Brüder sie kaum berührt, und während ihrer Zeit auf den drei Mädchenschulen hatte ihre abweisende Haltung Freundschaften verhindert. Als sie neben Auguste herging, genoss sie daher das Gefühl, jemanden an der Seite zu haben, der sie anscheinend mochte.

»Gibt es in dem Schloss auch Gespenster?«, fragte sie neugierig.

Auguste lachte hell auf. »Als wir noch kleiner waren, wollten unsere Brüder uns das weismachen. Wir haben aber bald gemerkt, dass sie selbst es waren, die nächtens in Leintücher gehüllt durch das Schloss schlichen und mit Ketten rasselten.«

»Da es dunkel war und sie kein Licht hatten, haben sie ihr Spektakel vor der falschen Tür aufgeführt. In dem Zimmer hat nämlich Großpapa geschlafen, und der wurde sehr zornig«, setzte Lieselotte hinzu.

Silvia nickte. »Fritz, Egolf und Theo haben für den Rest der Ferien Reitverbot erhalten.«

»War unser Großvater so streng?«, fragte Vicki.

Auguste schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht! Er konnte in dieser Nacht nach dem Lärm nicht mehr schlafen und war am Morgen ziemlich grimmig. Er hat das Reitverbot am zweiten Tag wieder aufgehoben. Apropos: Kannst du reiten?«

»Ja, das kann ich.«

Auch dieses Vergnügen vermisste Vicki in der Stadt. Auf dem Land hatte sie oft ausreiten können, aber in Berlin stand den Kindern nur ein Reitpferd zur Verfügung, weil sie das ihres Vaters nicht benutzen durften. Ihre Brüder stritten sich oft darum, wer das Tier als Nächster reiten durfte. Sie selbst brauchte nicht einmal zu fragen, da man ihr den Wallach ohnehin nicht überlassen würde.

»Wie gut?«, fragte Auguste weiter.

»Ich falle selten herab.« Vicki lächelte, denn als Kind hatte sie als Reiterin selbst ihre älteren Brüder übertroffen. Allerdings hatte sie fast ein Jahr nicht mehr im Sattel gesessen.

»Ich werde ein wenig üben müssen«, schränkte sie ihre Worte daher ein.

»Heute wird es nicht mehr gehen, aber morgen sollten wir ausreiten. Wohin wollen wir uns als Erstes wenden? Nach Schleinitz oder nach Trellnick?«, fragte Auguste ihre Schwestern.

»Trellnick!«, riefen beide wie aus einem Mund.

»Und warum nicht Schleinitz?«, wollte Auguste wissen.

»Graf Bernulf und sein Sohn sind zu hochnäsig! Dabei verkaufen sie das Korn auf dem Feld bereits, bevor es gesät ist, um an Geld zu kommen.«

Aus Lieselotte sprach die Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes, die nicht verstehen konnte, weshalb sich ein Graf Schleinitz, dem das Dach über dem Kopf unter der Last der Hypotheken beinahe zusammenbrach, sich über ihren Vater und dessen Familie so hoch erhaben fühlte.

»Ist man auf Trellnick nicht hochnäsig?«, fragte Vicki.

Die drei Cousinen schüttelten wie auf Kommando den Kopf.

»Ganz und gar nicht«, antwortete Auguste. »Achim von Gerbrandt, der Herr auf Trellnick, ist sehr freundlich, und mit den Kindern haben wir, als wir noch kleiner waren, in den Ferien oft gespielt.«

»Wir könnten mit Arnold und Ulrike um die Wette reiten«, schlug Lieselotte mit leuchtenden Augen vor.

»Das können wir!« Auguste lächelte und brachte nun Vicki zu dem Zimmer, in dem diese drei Wochen lang schlafen würde.

»Hier ist dein Reich.«

Vicki trat ein und war beeindruckt. Das Zimmer enthielt ein großes Bett, einen Schrank, einen Tisch und zwei Stühle und bot dennoch Platz genug, sich zu bewegen. Es war mit einer hübschen, hellen Tapete ausgekleidet, und auf dem Fußboden lag ein weicher Teppich. Dazu war der Ausblick aus dem Fenster traumhaft schön.

Auguste trat neben sie. »Das Badezimmer liegt gleich nebenan, und eine Tür weiter gibt es ein Klosett mit Wasserspülung. Papa hat sie im vorletzten Jahr nebst einigen anderen Badezimmern und Klosetts einbauen lassen. Das hier müssen wir vier uns teilen. Die Jungen haben ihr eigenes Bad und Papa und Mama ebenso.«

»Das ist wirklich feudal«, entfuhr es Vicki.

Auguste musste lachen. »Wirklich feudal wäre ein Pot de Chambre unter dem Bett oder gar ein Leibstuhl, wie ihn die hohen Herrschaften des barocken Zeitalters verwendet haben.«

»Was machen wir jetzt? Bis zum Abendessen ist es noch ein bisschen hin«, fragte Lieselotte.

»Ich werde die Zeit mit Lesen verbringen«, antwortete Auguste lächelnd.

»Und ich mit Sticken«, meldete sich Silvia, die das Talent und die Freude der Mutter an dieser Betätigung geerbt hatte.

»Stickst du auch?«, fragte sie Vicki hoffnungsvoll.

Diese schüttelte mit verkniffener Miene den Kopf. »Ich hasse es! Meine Stiefmutter will, dass ich es lerne, aber sie hat wenig Freude an den Tüchern, die ich besticke. Letztens meinte sie, die Rose, die ich hätte sticken sollen, sähe aus wie ein schlecht gebackener Laib Brot.«

»Ich bin gerne bereit, dir zu zeigen, wie es geht«, bot Silvia an.

Vicki wollte schon ablehnen, doch da zupfte Auguste sie am Ärmel. »Wenn du mit uns zusammen Frau Berends’ Institut besuchen willst, solltest du es lernen. Man achtet dort sehr auf die Fertigkeiten, die eine Dame von Stand können muss.«

»Also gut! Ich werde es versuchen«, sagte Vicki seufzend.

»Wie steht es mit deiner Schönschrift? Frau Berends’ Lehrerinnen achten auch darauf – und besonders auf ein gutes Benehmen ihrer Schülerinnen.«

Da Vicki bereits dreimal von der Schule verwiesen worden war, befürchtete Auguste, ihre Cousine könnte auch in Frau Berends’ Institut anecken.

Vicki nahm sich jedoch vor, das Schuljahr diesmal durchzustehen. Wenn sie dann nach Hause kam, war sie achtzehn und eine junge Dame. Vater wird mich trotzdem weiterhin als Mörderin meiner Mutter bezeichnen, fuhr es ihr durch den Kopf, und für einen Augenblick überkam sie der Drang, den nächstbesten Gegenstand zu packen und gegen die Wand zu schleudern. Sie beherrschte sich jedoch und ließ sich von Auguste und den jüngeren Mädchen deren Zimmer zeigen.

Als sie Augustes Zimmer betraten, packte ein Dienstmädchen gerade eine Kiste mit Büchern aus. Zuerst nahm Vicki an, es wären Romane, die ihre Cousine zu ihrem Vergnügen lesen würde. Doch als sie ein Buch in die Hand nahm und die Aufschrift »Mathematisches Lehrbuch« las, kniff sie verwundert die Augen zusammen. »Was machst du denn mit dem Zeug?«

»Es sind die abgelegten Schulbücher meiner Brüder. Da ich anders als diese nicht das Gymnasium besuchen durfte, bereite ich mich auf diese Weise auf mein Studium vor.«

»Du willst studieren?«, platzte Vicki heraus. »Ist das überhaupt gestattet?«

»Hier in Preußen ist es für ein Mädchen schwierig. Papa hat aber versprochen, dass ich in der Schweiz studieren darf. Dort ist es Frauen erlaubt, die Universität zu besuchen.« Augustes Augen leuchteten, denn der Abschluss eines Studiums war ihr größter Wunsch.

Vicki schüttelte innerlich den Kopf über ihre Cousine. Sie hatte die Verzweiflung ihrer Brüder erlebt, wenn die Zensuren nicht den Vorstellungen des Vaters entsprochen hatten. Solange sie noch jünger gewesen waren, hatte es Hiebe mit der Rute bedeutet, später die Kürzung oder gar den Entzug des Taschengelds. Ihr Vater hatte sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und wollte, dass seine Söhne ihm in nichts nachstanden.

Dieser Gedanke erinnerte Vicki daran, dass sie im Vergleich zu ihren Brüdern weniger Schläge erhalten hatte. Allerdings wurde diesen nicht die Schuld am Tod der Mutter zugeschrieben und sie nicht als schwarze Schafe bezeichnet.

»Was ist mit dir? Du siehst auf einmal so traurig drein«, sagte Auguste mitfühlend.

Vicki rang sich ein Lächeln ab. »Mit mir ist nichts, danke! Ich finde es schön, dass du dir ein Ziel im Leben gesetzt hast und dein Vater dich darin bestärkt, es zu erreichen.«

9.

Die Tage auf Steben waren wundervoll. Die Mädchen durften herumtollen, wie sie wollten, ritten halbe Tage aus und verbrachten die Abende so, wie es ihnen gefiel. Auguste las in den Lehrbüchern ihrer Brüder und schrieb das, was sie für wichtig erachtete, in ein Heft. Lieselotte spielte mit der Großmutter Schach und freute sich jedes Mal, wenn sie gewann, und Silvia stickte mit Begeisterung.

Um in Frau Berends’ Institut für Höhere Töchter nicht unangenehm aufzufallen, übte Vicki sich ebenfalls im Sticken. Zu ihrer eigenen Überraschung zeigte sie ein ausgesprochenes Talent dafür und schaffte es rasch, sich zu verbessern. Da sie die ersten drei Schuljahre jedes Mal vorzeitig hatte beenden müssen, galt es für sie, auch noch einiges zu lernen, um den Stand ihrer ältesten Cousine zu erreichen.

Theresa lächelte ein wenig über den Eifer, den ihre Enkelin an den Tag legte, und begab sich zu ihrer Schwiegertochter in deren Salon.

»Ich kann über Victorias Vater nur den Kopf schütteln. Wenn er lediglich einen Teil der Liebe, die er für Gunda empfunden hat, auf deren Tochter übertragen hätte, wäre Victoria gewiss nicht das schwarze Schaf der Familie«, sagte sie.

Friederike nickte. »Es erinnert mich an meine Jugend. Ich habe sicher mehr Schläge von meinem Vater erhalten als Victoria, aber mich hat niemand eine Mörderin geheißen. Es ist traurig, dass Gustav, der Gunda so vergöttert hat, ihrer Tochter die Schuld an deren Tod zuschreibt, anstatt in dem Kind das letzte, liebe Angebinde zu sehen, das Gunda ihm geschenkt hat.«

»Wenn ich könnte, würde ich Victoria zu mir holen. Ich glaube, wir beide könnten sie zu einem fröhlichen, jungen Mädchen erziehen.« Theresa seufzte, denn um das zu gestatten, war Gustav zu prinzipientreu. Er war der Herr der Familie, und nur er hatte zu bestimmen, was mit seinen Kindern geschah.

Es klopfte, und die Mädchen kamen herein. »Wo ist eigentlich Papa?«, fragte Lieselotte, da alle gewohnt waren, dass Theodor von Hartung sich am Abend zu ihnen setzte und sich erzählen ließ, was sie tagsüber unternommen hatten.

»Euer Vater ist nach Trellnick geritten, um mit Achim von Gerbrandt zu sprechen«, erklärte Friederike.

»Und was ist mit Fritz, Egolf und Theo?«, meldete sich Silvia.

»Die sind in der Kreisstadt. Dort hat heute Nachmittag irgendein Sportereignis stattgefunden, das Fußball heißt. Sie wollten danach im Gasthof zur Post zu Abend essen.«

»Und ein Bier trinken«, setzte Theresa den Worten ihrer Schwiegertochter hinzu.

»Hoffentlich sind sie danach nicht so betrunken, dass sie ihre Pferde unnötig antreiben, so dass sich eines davon ein Bein bricht.« Auguste klang tadelnd, denn genau das war Meinrad von Schleinitz vor einem Jahr passiert.

»Wenn sie das tun, wird ein Donnerwetter über sie hereinbrechen.« Friederikes Augen blitzten, da auch sie sich an den jungen Schleinitz erinnerte, dessen Pferd damals hatte getötet werden müssen.

»Es heißt, wie man ein Tier behandelt, behandelt man auch Menschen.« Theresas Stimme klang streng, denn in ihrem langen Leben hatte sie viel erlebt und wurde teilweise bis in ihre Träume von üblen Erinnerungen verfolgt. Sie zwang sich zu lächeln und lobte Vicki für das Taschentuch, das diese bestickt hatte. »Deine Mutter wäre stolz auf dich.«

In Vickis Augen traten Tränen. Sie kannte ihre Mutter nur von Bildern und hatte sich schon oft gesagt, es wäre besser gewesen, wenn sie anstelle ihrer Mutter die Geburt nicht überlebt hätte.

»Ich glaube, unsere Helden kommen!«, rief Lieselotte in dem Moment und eilte zur Tür, um nach ihren Brüdern zu sehen. Doch kaum hatte sie Fritz, Theo und Egolf entdeckt, schrie sie erschrocken auf.

»Wie seht ihr denn aus?«

Ihre Worte riefen die anderen herbei. Friederike blickte auf ihre Söhne und zog die Augenbrauen zusammen. »Bei Gott! Ihr seht aus, als hättet ihr euch im Schlamm gewälzt. Und was ist das?« Ihr Finger deutete auf ein Pflaster auf Theos Stirn.