Gockel und Ochsen - Florian Kalenda - E-Book

Gockel und Ochsen E-Book

Florian Kalenda

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Beschreibung

Das jährliche Ochsenrennen in Bad Bründlholz hat eine lange Tradition, und es ist eine Riesensache für Touristen wie Einheimische gleichermaßen. Aber umstritten bleibt es halt trotzdem. Jedes Jahr bricht wieder der Streit los. Viele sagen, es ist zu gefährlich. Der Bürgermeister will nicht die Schuld haben, wenn was passiert. Das muss man verstehen. Dazu kommen die Tierschützer, die es eine Quälerei nennen. Kein Wunder also, dass die Gemeinde es heuer verboten hat. Na gut, sagen die Burschen von der Feuerwehr, dann machen wir ein privates Rennen. Mit nur einer Einschränkung: keine Mädchen! Obwohl wir beinahe schon das 21. Jahrhundert haben. Also ehrlich, Lisi Hufnagel kann sich nur wundern über diese Gockel. Sie wird um jeden Preis mitreiten, und sie wird es ihnen zeigen, jawohl.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gockel und Ochsen

Florian Kalenda

Das jährliche Ochsenrennen in Bad Bründlholz hat eine lange Tradition, und es ist eine Riesensache für Touristen wie Einheimische gleichermaßen. Aber umstritten bleibt es halt trotzdem. Jedes Jahr bricht wieder der Streit los. Viele sagen, es ist zu gefährlich. Der Bürgermeister will nicht die Schuld haben, wenn was passiert. Das muss man verstehen. Dazu kommen die Tierschützer, die es eine Quälerei nennen. Kein Wunder also, dass die Gemeinde es heuer verboten hat. Na gut, sagen die Burschen von der Feuerwehr, dann machen wir ein privates Rennen. Mit nur einer Einschränkung: keine Mädchen! Obwohl wir beinahe schon das 21. Jahrhundert haben. Also ehrlich, Lisi Hufnagel kann sich nur wundern über diese Gockel. Sie wird um jeden Preis mitreiten, und sie wird es ihnen zeigen, jawohl.

Über den Autor:

Florian Kalenda hat im Leben schon einiges geschrieben: Spickzettel, Quittungen, Tagebücher (maximal bis März), Kaufberatungen, Testberichte, Textadventures, Glückwunschkarten, Nachrichten, Einkaufszettel, Rollenspiele und einen dicken Roman. Er bewundert Anton Pawlowitsch Tschechow und alle Möwen.

2. Auflage, 2024

© Florian Kalenda, Oktober 2024

Alle Rechte vorbehalten. Der Text dieses Werks ist urheberrechtlich geschützt, eine Reproduktion ohne Zustimmung des Autors unzulässig.

Kontakt:

Florian Kalenda

Bürgermeister-Bestle-Straße 13

85256 Vierkirchen

[email protected]

www.eisenglanz.de

Auch als Hardcover bei story.one und im Buchhandel erhältlich.

»Gockel und Ochsen« basiert auf »Lange Schatten in Bad Bründlholz«, einem Rollenspiel desselben Autors. Lektorat: Nicole Kalenda und Thomas Seligmann.

Gockel und Ochsen

16 Geschichten aus Bad Bründlholz

aufgeschrieben und ins Hochdeutsche übersetzt von Florian Kalenda

INHALT

 

Der lange Schlaf7

Vogelscheuche11

Das andere Geschlecht15

Monstrum19

Hormone23

Freundinnen27

Rosinen31

Empfindlich35

Schmerzen39

Blitzgewitter43

Arme Sau47

Die Schuldigen51

Copa de la vida55

Kleinvieh59

Angespannt63

Hufedonnern67

 

 

Der lange Schlaf

Das rotweiß karierte Muster der Tischdecke ist kaum zu sehen. Überall liegen Bücher. So ist das immer am frühen Samstagabend im Café Rosi. Hier im Nebenzimmer treffen sich die alten Damen vom Krimiclub. Sieben Rentnerinnen sind es. Manche lesen drei oder vier Bände pro Woche. Die Bücher wandern um den Tisch. »Kennst du das schon?«

Elfriede sitzt an der Stirnseite. Vor ihr liegt Der große Schlaf. Wie oft hat sie das gelesen. Rosi bringt ihr eine Tasse Arabica-Kaffee extra stark. »Hast du gehört, dass sie das Rennen verboten haben?« Sie spricht vom Dorffest am kommenden Wochenende. Traditionell organisiert die Freiwillige Feuerwehr ein Ochsenreiten. Ein Höhepunkt im Ortsleben. Doch dieses Jahr soll es ausfallen. Zu gefährlich. »Das ist bitter für die jungen Burschen«, sagt Elfriede. »Die haben Schneid.« – »Ja freilich«, lacht Rosi. »Die sind so stur wie die Viecher, die sie reiten!« Sie muss wieder hinter die Theke, Gäste warten.

Soll die Jugend stillhalten und staubige Bücher lesen? Elfriede fixiert den Wimpel in der Tischmitte. Er zeigt eine Lupe. Die erinnert sie an die Lesebrille in ihrer Handtasche. Ans Altwerden will Elfriede nicht denken. Sie muss sich beim Aufstehen schon auf ihren Spazierstock aus Kastanienholz stützen. Oder wenn ihr schwummrig wird. Gertrud dagegen wandert noch auf die Berge. Wie sie sich ereifert! Einen Krimi hält sie hoch, Alptraum unter Milchschaum von Judith Jetzendorfer. »Das ist so raffiniert«, sagt sie.

Bärbel widerspricht. »Ich habe ihr voriges Buch besser gefunden, wie hieß das noch?« Bärbel ist Elfriedes beste Freundin. Sie fährt ständig mit dem Rad. Das muss sie aber auch, weil sie eine Schwäche für Kuchen hat. »Meinst du vielleicht Alptraum unterm Weihnachtsbaum?«, wirft Gertrud ein. Bärbel glaubt, ja, das war es. »Am liebsten ist es mir, wenn ein Krimi mit dem Mord losgeht und ich mitraten kann«, sagt sie. »Und wenn ich am Ende überrascht werde.« Elfriede hört nur obenhin zu. Sie spürt dieses Kribbeln. Auch wenn hier ein Aschenbecher steht, will sie nicht als Einzige rauchen. Aber sie will jetzt auch nicht vor die Tür gehen. Sie gehört zum Club.

Neulich, auf dem Weg zum Kiosk, um Zigaretten zu holen, hat sie Gertrud getroffen. Mit einem Fernglas um den Hals. Sie haben kurz durchs Autofenster gesprochen. Die Bergvögel auf dem Grüneck wollte Gertrud beobachten. Sie verschwendet ihre Energie, findet Elfriede. Sie ist eine geborene Detektivin. Genau wie Bärbel, die noch jeden zum Reden gebracht hat. Und Elfriede selbst mit ihrem messerscharfen Verstand.

»Wisst ihr was«, sagt Elfriede. Sie sagt es so laut, dass sich alle sechs Köpfe zu ihr drehen. »Diese Bestseller sind alle furchtbar konstruiert. Die Motive sind zweifelhaft, die Handlung ist voller Lücken.« Sie schiebt den Chandler beiseite. »Eines Tages werden wir einen echten Fall lösen.« Sechs Paar Augen starren sie erschrocken an. Nur das Summen der Fliegen stört die Stille. Dann tritt Rosi ein mit sieben Gläsern und der Likörflasche auf dem Tablett. Die Damen atmen erleichtert auf.

Bald ist es neun Uhr. Das Café schließt. Alle kommen vor dem Gewitter heim.

Vogelscheuche

Die Kartoffeln blühen. Auf dem Feldweg zwischen Bach und Acker fährt Bärbel mit dem Rad zum Erdbeerfeld. Jenseits des Grabens ist der Raps niedergedrückt vom Gewitter. Der Imker hat längst die Bienenstöcke eingeholt. Zwischen den Schoten, keine fünf Meter vom Rand des Erdbeerfelds, steht eine Vogelscheuche. Die ist neu. Warum hat sie keinen Hut? Jeder Schneemann und jede Vogelscheuche braucht einen.

Sie hält, bahnt sich einen Weg. Der Hut liegt neben der Vogelscheuche. Er hat mehrere runde Löcher. Bärbel untersucht den Strohkopf, zieht einen silbernen Gegenstand heraus. Er ist geformt wie eine Figur beim Mensch-ärgere-dich-nicht, aber kleiner als ein Fingernagel.

Die kurze Strecke schiebt sie. Auf dem Erdbeerfeld ist noch niemand. Später wird es sich mit Familien füllen. Schließlich ist Sonntag. Ach, die Erdbeerzeit ist so schnell vorbei. Bärbel pflückt nicht. Sie kauft Körbchen. Das beugt Rückenschmerzen vor. Aus dem Häuschen lacht ihr der Ozan entgegen: »Grüß Sie, Frau Oberwallner!« Ein Charmeur ist er. Sie hat ihm das Lesen und Schreiben beigebracht, vor ihrer Pensionierung. In Deutsch war er einer der Besten. »Ja Ozan, das ist schön, dass ich dich treffe. Was machst du denn jetzt?«

»Ich helf hier aus, wie Sie sehen!« Er zwinkert. »Aber unter der Woche mache ich ein Praktikum bei einer Agentur.« – »Das klingt ja toll. Eine Werbeagentur?« – »Sozusagen. Wir bauen Webseiten.« – »Das ist die Zukunft!« Sie strahlt ihn an. »Sind die Erdbeeren aromatisch? Letzte Woche hat ihnen noch ein wenig Reife gefehlt.« Er springt auf, reicht ihr eine Schale. »Probieren Sie!« Bärbel reibt die Beeren mit einem Tempo ab. »Kein Vergleich«, lobt sie. Er strahlt. Dann sagt sie: »Sag mal, Ozan, willst du Schützenkönig werden?« Er schaut ertappt in die Ecke. Da steht ein Luftgewehr, eine Büchse Diabolos daneben. Die Vogelscheuche wird noch öfter den Hut verlieren.

»Gehen Sie denn auch aufs Fest, Frau Oberwallner? Ich könnte Ihnen eine Rose schießen!« Er übertreibt es, findet sie. Das hat er nicht nötig. »Ich glaub, du willst den großen Teddy gewinnen«, sagt sie. »Aber ich frag dich nicht, für wen.« Sein Lachen klingt diesmal nicht ganz so natürlich. Bärbel zeigt mit dem Finger. »Die Schale gefällt mir, die nehm ich. Und vielleicht noch eine zweite … die da ist schön, aber ist da nicht weniger drin als in den anderen?« – »Ich leg Ihnen noch ein paar dazu, Frau Oberwallner!«

»Danke schön. Weißt du, für Marmelade ist es egal, aber für den Kuchen brauche ich extra rote.« Bärbel macht eine träumerische Miene. »Schade nur wegen dem Ochsenrennen.«

Verdutzt sagt der Ozan: »Warum schade, Frau Oberwallner?« Bärbel lächelt milde. »Aber es fällt ja heuer aus. Die Gemeinde hat es verboten.« – »Ja natürlich«, stammelt er. »Extrem schade!«

Das ist jetzt äußerst interessant, denkt Bärbel, der Ozan geht fest davon aus, dass das Rennen stattfindet. Wie jedes Jahr. Obwohl es der Gemeinderat verboten hat. »Vermisst du die Schule manchmal?«, fragt sie noch. »Nur die Deutschstunden«, sagt er.

Das andere Geschlecht

Rockschuppen besagt die Neonschrift auf dem langgezogenen Gebäude. Einzelne Laternen beleuchten den Parkplatz und werfen ein grüngelbes Licht auf die Fahrzeuge der Discobesucher.

Ozan steht neben seinem Fahrrad, an einen Laternenmast gelehnt. In Händen hält er ein Buch. »Man kommt nicht als Frau auf die Welt«, liest er, »man wird es.« Aha! Gilt das für Männer auch? Er grübelt so gründlich, dass er die Schritte hinter sich nicht bemerkt. Das Buch wird ihm aus der Hand gerissen. »Was hast du da?« Triumphierend liest sein Kumpel Vinz den Titel: »Das andere Geschlecht! Darüber wüsste ich auch gern mehr.«

»Ich habe es ausgeliehen, weil ich dachte, es geht um Sex«, erklärt Ozan. »Aber ich versteh kein Wort. Wo hast du das Auto stehen?« Vinz weist ans andere Ende des Parkplatzes. »Du kriegst aber auch nichts mit!« Er fischt in seiner Tasche nach einem Röhrchen und schüttelt eine gelbe Pille heraus, auf der ein Delfin zu sehen ist. »Tu das weg«, sagt Ozan. »Mit glasigen Augen kommst du nicht am Türsteher vorbei.«

Sie stellen sich an. Nur vier Leute vor ihnen. Typisch für Sonntagabend, trotz Happy Hour. Der Türsteher blickt jedem in die Augen, lässt aber alle anstandslos passieren. Dann sind die beiden Jungs dran. »Servus Ar-Ar«, sagte Vinz. Im Telefonbuch steht Ar-Ar als Ralf Rechmann, weiß Ozan. Er hat tiefen Falten im Gesicht und ledrige Haut. Den Kampfnamen findet Ozan lässig. Er will sich auch einen zulegen. Er hat nur noch nicht die rechte Idee.

»Servus Burschen«, sagt Ar-Ar. »Seid’s nüchtern, oder?« – »Eh klar«, antwortet Vinz, »ich bin mit dem Karren von meinem Alten da.« Ozan öffnet seinen Rucksack. Ar-Ar interessiert sich nicht für das Buch mit der Büchereisignatur. Er winkt sie durch.

Zigarettenrauch und zappelnde Leiber füllen den Raum. Sie bahnen sich einen Weg. Es sind doch etliche Dutzend Leute. Lauter Alte! Die meisten mindestens dreißig. Sie wählen einen Stehtisch im dunkelsten Winkel und sondieren erst einmal die Lage. Da schau, die Isolde Pröbstl. Ozan nickt anerkennend. Die Schulschönheit schüttelt ihre blonde Mähne. Selbstverständlich direkt unter der Glitzerkugel.