Goethe in Schwaben - Andrea Hahn - E-Book

Goethe in Schwaben E-Book

Andrea Hahn

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  • Herausgeber: 8 Grad
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2023
Beschreibung

Als Goethe 1779 an der Seite seines Dienstherrn Herzog Carl August durch Schwaben reiste, begegnete er in Stuttgart auch dem jungen Carlsschüler Friedrich Schiller. Er konnte damals nicht ahnen, dass er sich 1797 ein zweites Mal in dem südwestdeutschen Herzogtum aufhalten würde – ausgerüstet mit Schillers Reiseempfehlungen. Heilbronn, Stuttgart und Tübingen waren dieses Mal die Hauptstationen des Dichters. Menschen, Bauwerke, Gesteinsarten, Pflanzen – detailliert hielt er in Briefen und Tagebüchern seine Eindrücke fest und zeichnete dabei ein Land, das sich eben auf den Weg in die Moderne machte. Bis heute klingt sein Bekenntnis gegenüber dem Bildhauer Johann Heinrich Dannecker nach: »Nun habe ich Tage hier verlebt, wie ich sie in Rom lebte.«

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Goethe im Haus des Stuttgarter Kaufmanns Gottlob Heinrich Rapp. Scherenschnitt von Luise Duttenhofer. 1797.

akg-images

Andrea Hahn

GOETHE IN SCHWABEN

Wer braucht da noch Italien?

Inhalt

Einleitung

Reiseauftakt

Schwabenreise zum Ersten

Stürmer und Dränger unterwegs

Besuch auf dem Jammerbuckel?

Schulbesuch

Abseits vom Hof

Reise mit Veränderungspotenzial

Schwabenreise zum Zweiten

Zuerst einmal nach Italien

Zwei Geistesantipoden unter sich

Ein Verleger aus Schwaben

Grünes Land und einsames Schloss

Schulschluss

In der Schlösserlandschaft

Kriegstrommeln und Kunst

Rom am Nesenbach

Rom rückt in die Ferne

Länderhüpfen

Nachklang

Dank

Anmerkungen

Literaturhinweise

Personenregister

Ortsregister

Einleitung

Johann Wolfgang Goethe war in der Schweiz, in Italien, im Elsass … und er war in Schwaben, zweimal sogar, immer auf der Durchreise. Die erste Reise unternahm er als Begleiter seines Arbeitgebers, des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie kamen aus der Schweiz, trafen via Hechingen am 10. Dezember 1779 in Tübingen ein und fuhren am nächsten Tag in die Landeshauptstadt Stuttgart weiter. Dort blieben sie bis zum 17. Dezember, bevor sie nach Karlsruhe und damit ins Badische sowie weiter ins Kurpfälzische und Hessische entschwanden. Es war eine Reise, die sie auf deutschem Boden vor allem zu Fürstenhöfen und in die Welt des höfischen Zeremoniells führte.

Anders sah es 1797 bei Goethes zweitem Besuch in Schwaben aus. Er befand sich auf dem Weg in die Schweiz, kam am 27. August abends in Heilbronn an, fuhr zwei Tage später weiter, blieb kurz in Ludwigsburg und traf am 29. August abends in Stuttgart ein. Dort hielt er sich bis zum 6. September auf, bevor er auf dem Weg nach Schaffhausen und in die Schweiz noch einige Tage in Tübingen Station machte. Sieht man einmal davon ab, dass er dieses Mal im Sommer und damit in einer sehr viel angenehmeren Jahreszeit auf Tour war, so hatte diese Reise einen ganz anderen Charakter als die erste. Goethe war selbstbestimmt und ohne Herzog unterwegs, er konnte das höfische Leben links liegen lassen und sich seinen eigenen Interessen widmen. Doch nicht nur das, er selbst hatte sich inzwischen verändert, und er kam in ein anderes Land als noch 1779, ein Land, das sich eben der Moderne öffnete. Bis heute klingt das Bekenntnis des Dichters gegenüber dem Bildhauer Johann Heinrich Dannecker nach: »[…] nun habe ich Tage hier verlebt, wie ich sie in Rom lebte.«1

Vielleicht sind die unterschiedlichen Sphären, die er auf den beiden Reisen erlebte, und die damit verbundenen Gefühle der Grund, warum wir über den ersten Aufenthalt in Schwaben fast kein Zeugnis von Goethes Hand haben, während er den zweiten sehr genau dokumentierte. Diesem Ungleichgewicht in der Überlieferung ist es vermutlich zuzuschreiben, dass sich die Nachwelt vor allem mit der zweiten Reise beschäftigte und die erste gar nicht oder nur am Rande beleuchtete. Doch obwohl sich Goethe weitgehend ausschweigt, lassen sich viele Hinweise finden. Sie rücken die Stationen, die er und der Herzog in und um Stuttgart besuchten, näher ins Blickfeld und erzählen uns ihre Geschichten.

Auch die Wirkung dieser Reise auf Goethe und andere wird Thema sein. Allen voran steht Friedrich Schiller, denn bei beiden Reisen Goethes gab es Bezugspunkte zu dem schwäbischen Dichterkollegen und später so wichtigen Freund. Schon beim ersten Besuch 1779 sind sich die beiden begegnet, damals aber von Goethes Seite her völlig unbewusst. Der zehn Jahre jüngere Schiller, ein mittelloser Offizierssohn, der von Dichterruhm träumte, war zu jener Zeit Schüler in Stuttgart, wenn auch auf einer Eliteschule des württembergischen Herzogs Karl Eugen. Das Land im Südwesten war bitterarm und hatte sich dennoch lange einen prachtvollen Hof mit Künstlern geleistet, die auf dem europäischen Parkett brillierten. Als Karl Eugen all diesen Glanz nicht mehr bezahlen konnte, wurde versucht, Nachwuchs im eigenen Land zu finden und zu erziehen. Goethe, der reiche Patriziersohn aus der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, lebte als gefeierter Dichter und Staatsmann in Diensten des Herzogs Carl August, Landesherr in dem nicht minder armen Sachsen-Weimar-Eisenach, das sich aufgeschwungen hatte, zu dem Musensitz Deutschlands aufzusteigen. Die Grenzen, die Goethe und Schiller trennten, schienen damals unüberwindbar.

Erst drei Jahre vor der Reise 1797 fanden die Dichter, die inzwischen beide im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach lebten und wirkten, zögerlich zu einer Freundschaft und einem äußerst produktiven Arbeitsverhältnis. Schiller war gerade von dem einzigen Besuch zurückgekehrt, den er nach seiner Flucht aus Württemberg in die frühere Heimat unternahm. Er hatte alte Kontakte wiederbelebt und neue geknüpft. Als Goethe zu seinem zweiten Aufenthalt aufbrach, war er mit Schillers Empfehlungen unterwegs und traf auf Menschen, die ihm zu einem besonderen Erlebnis verhalfen. Vielfach prägten sie das Gesicht des Herzogtums und später – Jahre nach Goethes Besuch – das des Königreichs Württemberg. Deshalb soll nicht nur Goethe mit den Beschreibungen seiner Reisestationen hier zu Wort kommen, zugleich fällt auch ein Schlaglicht auf jenes Württemberg, in dem er sich bewegte – das Württemberg des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Reiseauftakt

Goethe war also zweimal in Schwaben – das sagt man gemeinhin, aber mit Schwaben ist es so eine Sache. Schwaben ist und war schon damals kein klar definiertes Territorium. Wenn wir »Schwaben« sagen, meinen wir meistens »Württemberg« oder zur damaligen Zeit das »Herzogtum Württemberg«. Das war im 18. Jahrhundert um einiges kleiner als das heutige Württemberg. Heilbronn im Norden und Hechingen im Süden zählten beispielsweise bereits zum Ausland, Ersteres als Freie Reichsstadt, Letzteres lag im Hoheitsgebiet der Hohenzollern. Wobei … ganz so einfach war es nicht, denn Balingen war wieder württembergisch, so auch die Festung Hohentwiel, um die herum sich Vorderösterreich ausbreitete.

Wie auch immer, das mittelalterliche Herzogtum Schwaben war größer als das Württemberg des 18. Jahrhunderts. Es zerfiel im 14. Jahrhundert, und zu den Erben der Einzelteile gehörten die Württemberger. Deren Wurzeln kann man bis ins 11. Jahrhundert ins Remstal zurückverfolgen. Benannt haben sie sich nach ihrer Stammburg auf dem Württemberg bei Stuttgart. Die gibt es seit den 1820er-Jahren nicht mehr, sie wurde abgerissen, und an ihrer Stelle entstand die berühmte Grabkapelle für Katharina, eine württembergische Königin aus dem russischen Zarenhaus. Württemberg war inzwischen also ein Königreich geworden, dessen Oberhaupt für gut genug befunden wurde, um eine Zarentochter ehelichen zu dürfen. Zu dieser Zeit haben wir es nämlich nicht mehr mit einem kleinen zerstückelten Territorium zu tun, sondern mit einem Flächenstaat. Die Württemberger waren zwar nicht ohne Rückschläge, aber letztlich doch erfolgreich zu immer mehr Macht und Territorialbesitz gekommen. Aus den Grafen waren dank des römisch-deutschen Königs Maximilian I. 1495 Herzöge geworden und 1806 von Napoleons Gnaden schließlich sogar Könige. Sie waren Herrscher in einem Land, das Württemberg hieß und gern als Schwaben bezeichnet wurde.

Festzuhalten bleibt also, dass der Dichterfürst Goethe nach Schwaben und gleichzeitig nach Württemberg reiste, dass Orte wie Heilbronn und Hechingen damals »Ausland« waren und dass er, auch wenn es südlich von Tübingen ein paarmal hin und her ging, somit schnell durch Schwaben/Württemberg durch war. Letzteres sollte man zumindest meinen, aber so war es nicht.

Reisen im 18. Jahrhundert war nämlich zeitintensiv. Die Kutschen hatten nicht sonderlich viele Pferdestärken und holperten über schlechte Straßen. Wer tagsüber im Tal und durch die freie Landschaft reisen konnte, durfte sich glücklich schätzen. Berge erforderten viel Zeit und Anstrengung, Wälder waren gefährlich, nachts war es stockdunkel, und man blieb besser in einer guten Herberge. Heute rechnen wir im Auto und bei freien Straßen – was in Baden-Württemberg am ehesten nachts der Fall ist (dem Fernlicht sei Dank) – mit etwas mehr als viereinhalb Stunden Fahrzeit zwischen Frankfurt am Main und Zürich, sofern man via Heilbronn und Stuttgart unterwegs ist. Goethes Schreiber Johann Jakob Ludwig Geist hat 1797 auf diesem Weg ganze neunundachtzig Stunden für die »Entfernung der Stationen von einander« festgehalten.2 Von Heilbronn nach Ludwigsburg dauerte es sieben Stunden, von Ludwigsburg nach Stuttgart drei, von Stuttgart nach Tübingen wiederum sieben und von da nach Hechingen, also ins Fürstentum Hohenzollern-Hechingen, fünf. Von Balingen nach Tuttlingen waren sie sogar zehn Stunden unterwegs, wir würden mit dem Auto in einer knappen Stunde dort sein. Schnelles Reisen in unserem Sinn war das nicht, aber es war ein Reisen mit intensivem Eintauchen in die Landschaft und die Orte, durch die man kam.

Bei solchen Fahrzeiten und den Anstrengungen des Unterwegsseins blieb es nicht aus, dass man gerne etwas länger an dem einen oder anderen Ort weilte. Ein solcher Aufenthalt diente der Erholung von den Reisestrapazen, dem Kennenlernen von Land und Leuten sowie dem Wiedersehen mit Verwandten und Freunden. In Zeiten, in denen Telefon oder gar Onlinemeetings noch den Schlaf des Nichtentdeckten schliefen, waren zudem der Wissensaustausch und das Anbahnen geschäftlicher oder politischer Bande normalerweise auf den Brieftransport durch Boten und Botinnen oder die Postkutsche angewiesen. Ein persönlicher Austausch auf weitere Entfernung war nur auf Reisen möglich. Wer also verreisen konnte, versuchte gleich mehrere Dinge auf einmal zu erledigen, was zumindest an Orten, die einem wichtig waren, längere Aufenthaltszeiten zur Folge hatte. Das war auch bei Goethes Reisen durch Schwaben beziehungsweise Württemberg der Fall. Er rauschte nicht durch, sondern lernte Menschen kennen, von denen er bereits vorher gehört hatte oder die ihm empfohlen worden waren, und er beobachtete sehr genau die Gegend, durch die er fuhr.

Goethe im Jahr seines ersten Aufenthalts in Württemberg, Ölgemälde von Georg Oswald May, 1779.

Foto: akg-images

Schwabenreise zum Ersten

Stürmer und Dränger unterwegs

Als Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach und sein Minister Johann Wolfgang Goethe 1779 in die Schweiz reisten, waren sie vier Monate unterwegs. Eine Woche davon machten sie auf dem Rückweg in der württembergischen Residenzstadt Stuttgart Station, von wo aus sie verschiedene Besichtigungstouren unternahmen. Zuvor hatten sie am 10. Dezember noch Halt in der Universitätsstadt Tübingen gemacht, wo sie Carl Augusts früheren Lehrer Johann Christian Majer getroffen hatten. Der gebürtige Ludwigsburger, der in Tübingen Philosophie und Theologie studiert hatte, war außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Jena gewesen und hatte als solcher Carl August in Staatsrecht und Reichsgeschichte unterrichtet. 1776 war er als Professor der Rechte nach Kiel berufen worden, zwei Jahre später war er einem Ruf an seine alte Universität gefolgt und nach Tübingen zurückgekehrt. Als Lehrstuhlinhaber für Lehnrechtswesen und Staatsrecht stand er dort in großem Ansehen und wurde später nobilitiert.

Von Tübingen aus, so schreibt der Weimarer Herzog an seine Gattin Luise, eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt, seien sie »in aller Stille« nach Stuttgart gefahren. Er erwähnt, dass geplant sei, die »Militar Schule« samt Examina, Rede des württembergischen Herzogs und Jahresfeier zu besuchen. Viel wichtiger schien ihm aber, zumindest in Anbetracht der weiblichen Adressatin, die Bemerkung zu sein: »Wie wir unsern Morgen zugebracht, liebe Frau, erräht[st] du gewiß nicht. Mit anmeßen der Prächtigsten Hofkleider, mit aussuchen der schönsten Waaren ist er vergangen, um?«3 Ja, warum? Um an der nächsten Station, Karlsruhe, von wo aus sie am 21. Dezember nach Mannheim weiterfuhren, dem Hofzeremoniell Genüge zu tun.

Weder der Herzog noch Goethe beschrieben damals die württembergische Residenzstadt. Kurz nach ihnen kam aber ein Reisender nach Stuttgart, der in seinem Reisebericht ausführlich auf sie eingeht. Der Berliner Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai, der zu Goethes Verdruss seinem Werther mit den Freuden des jungen Werthers eine Parodie mit Happy End entgegengestellt hatte, hielt sich 1781 in Stuttgart auf. Ein paar Jahre später urteilte er in seinem Werk Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 17814:

»Die Bauart der Häuser in Stuttgard ist sehr verschieden [von Berlin], und die Straßen sind hin und wieder ziemlich uneben; denn nach der sogenannten reichen Vorstadt steigt man mehrere Fuß herauf. In der eigentlichen Stadt sind die meisten Gassen krumm und unangenehm, und es giebt da mehrere enge und finstere Kehrwieder [Sackgassen].«

Die Häuser findet er »obgleich zum Theile modern«, so doch ohne »vorzügliches Ansehn«. Bei denen, die seinen Gefallen finden, wundert er sich: »Aber bey diesen wirklich schönen Häusern fällt es doch einem Fremden auf, daß in einer Stadt, wo eine Academie des Arts ist, sich nicht mehr gute Architektur findet.« Rund um die Residenz hat es ihm offensichtlich besser gefallen:

»Die Gegend um das Schloß ist die heiterste; auch stehen da einige schöne Häuser, besonders die ehemalige Hohe-Karls-Schule oder so genannte Militärakademie, ein sehr großes Gebäude, das der Einsicht und dem Geschmack des Baumeisters, Herrn Hauptmann Fischer, Ehre macht.«

Die Militärakademie oder Hohe Karlsschule sollte beim Besuch der Weimarer eine besondere Rolle spielen.

Man reiste standesgemäß, wenn auch unter falschem Namen. Der Weimarer Herzog Carl August verbat sich »die Ablegung des Inkognito und damit alle öffentlichen Ehrenbezeigungen«, der Württemberger Herzog Karl Eugen akzeptierte es und wollte »gleichwol alles unter dieser Bedingung Mögliche thun«5, um die Gäste ihrem hohen Rang gemäß in seinem Land zu beherbergen. Dabei war Sachsen-Weimar-Eisenach kein mächtiges Herzogtum. Es hatte gerade einmal rund hunderttausend Einwohner, und die Hauptstadt war kaum mehr als ein Dorf, in dem jeder jeden kannte. Das Land war arm, sehr arm, und mächtigere thüringische Herrscher lauerten darauf, es sich eines Tages einzuverleiben. Glücklicherweise war zur damaligen Zeit zumindest die dynastische Nachfolge gesichert. Herzogin Anna Amalia, eine gebürtige Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, hatte am 3. September 1757 ihren ersten Sohn, nämlich Carl August, zur Welt gebracht, ihr Zweitgeborener, Friedrich Ferdinand Constantin, war dem Bruder ein Jahr später gefolgt. Zum Zeitpunkt dieser zweiten Geburt war Anna Amalia bereits Witwe, ihr Mann Ernst August II. Constantin, Herzog von Sachsen-Weimar und Eisenach, war im Mai kurz vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag verstorben. Mit gerade einmal achtzehn Jahren übernahm Anna Amalia dem Testament ihres Mannes gemäß die Regentschaft und führte sie bis zur Volljährigkeit Carl Augusts fort. Die zerrütteten Staatsfinanzen konnte sie nicht in Ordnung bringen, aber sie schuf die Grundlagen für den angesehenen Musensitz, als den wir Weimar kennen und der es 1998 sogar unter die UNESCO-Welterbestätten geschafft hat.

An seinem achtzehnten Geburtstag am 3. September 1775 wurde Carl August für volljährig erklärt und übernahm die Regierung. Kurz darauf reiste er nach Darmstadt, um Luise zu heiraten, dabei machte er in Frankfurt Station und lud zum wiederholten Mal Goethe nach Weimar ein. Erst im Jahr davor hatte der Dichter und Jurist seinen Briefroman Die Leiden des jungen Werthers veröffentlicht, der ihn schlagartig zum europaweit gefeierten Bestsellerautor machte, wobei er bereits durch sein Drama Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand in Deutschland zum gefeierten Dichter geworden war. Goethe, dessen Verlobung mit Lili Schönemann gerade in die Brüche gegangen war, nahm die Einladung an. Er wollte sich erst einmal in dem Herzogtum umschauen, doch Carl August wusste ihn durch seine Freundschaft, ansehnliche Geschenke und die Einbeziehung in die Regierungsgeschäfte zu binden. Der Geheime Legationsrat und langjährige Minister und Berater des Fürsten, Johann Wolfgang (von) Goethe, blieb bis zum Lebensende in Weimar.

Gern gesehen wurde er dort nicht von allen. Da kam ein reicher Frankfurter Patriziersohn, ein Dichter noch dazu, der in seinen Werken einem Götz von Berlichingen einen saftigen Fluch in den Mund legte und einen Jüngling an einer Dreierbeziehung scheitern und im Selbstmord Zuflucht suchen ließ, und wurde der beste Freund des Herzogs. Ja, er mischte sich sogar in die Regierungsgeschäfte ein. Die eisernen Standesgrenzen, die zwischen dem Hochadel und dem Bürgertum herrschten, übergingen die beiden frech. Statt sich den Regierungsgeschäften und Nöten des Landes zu widmen, betrugen sie sich in einer Weise, die wir heute als pubertär bezeichnen würden. Dass Goethe die Weimarer Hofgesellschaft zum Schlittschuhlaufen animierte, mag da noch das kleinste Ärgernis gewesen sein. Sehr viel schlimmer war, dass die einfachen Mädchen vor dem jungverheirateten Herzog alles andere als sicher waren und die Schar der illegitimen Nachkommen stetig zunahm. Mit dem legitimen Nachwuchs haperte es allerdings eine ganze Weile, und dass es um die hochwohlgeborene Ehe mit Luise von Hessen-Darmstadt nicht gut bestellt war, pfiffen die Spatzen lautstark von den Dächern.

Es wurde gezecht, getanzt, gespielt, gejagt. Oft dabei: Künstlerfreunde aus dem Kreis des »Sturm und Drang«, der Name ist Programm. Als einen weiteren Anreiz zum Bleiben bekam Goethe von Herzog Carl August den Garten an der Ilm geschenkt, in dessen Gartenhaus er zunächst lebte, bevor er 1782 das palastähnliche Haus am Frauenplan bezog. Im Ilmgarten etablierte er nach dem Philologen und Schriftsteller Karl August Böttiger seine »Geniewirtschaft«. So habe Goethe beispielsweise eines Tages im Haus des Weimarer Verlegers Friedrich Johann Justin Bertuch unter anderem »ein Geniegelag gehalten, das sich gleich damit anfing, daß alle Trinkgläser zum Fenster hinausgeworfen und ein Paar schmutzige Aschenkrüge, die in der Nachbarschaft aus einem Grabhügel genommen worden waren, zu Pokalen gemacht wurden«. Kritisch kommentiert Böttiger auch die Reise im Jahr 1779:

»Zu den kostbarsten Geniestreichen gehörte eine Schweizerreise zu Pferde, die der Herzog mit Goethe machte. Man nahm, um compendiös und wohlfeil zu reisen, kaum ein paar Hemden in einem Mantelsacke mit, bezahlte aber alle Bedürfnisse desto theurer auf dem Wege. In Stuttgart bekam man den Einfall an den Hof zu gehen. Plötzlich mußten alle Schneider herbei und Tag und Nacht an Hofkleidern arbeiten.«6

Dass schnell prächtige Staatsroben angeschafft wurden, bestätigte ja Carl August selbst im oben zitierten Brief an seine Gattin.

Nicht nur in Weimar, auch in der weit entfernten Stuttgarter Hofgesellschaft war bekannt, dass Carl August und Goethe keine unbeschriebenen Blätter waren. So schrieb wenige Wochen nach ihrem Aufenthalt E. F. von Gemmingen dem Schweizer Gelehrten Johann Jakob Bodmer:

»Vor etlichen Wochen hatte ich hier [in Stuttgart] Gelegenheit, ein paar ausserordentliche Pilgrimme kennen zu lernen, den Herzog von Weymar, und Göthe. Letzterer führte sich Zeit seines hiesigen Aufenthaltes sehr bescheiden und vernünftig auf, und von dieser Seite wenigstens, hat er durch sein Hofleben offenbar gewonnen. Auch der Herzog liess keinen von denjenigen Fleken bliken, welche ihn das publicum schuld gibt.«7

Die beiden wussten sich also sehr wohl zu benehmen, wenn sie an einem fremden Hof, in einem fremden Land zu Gast waren. Die Stuttgarter Gesellschaft wird aufgeatmet haben. Oder war sie vielleicht enttäuscht, weil es keinen Skandal zu berichten gab? Wir wissen es nicht.

Die beiden »Pilgrimme« wollten eigentlich unerkannt bleiben. Aus der 1780 erschienenen Beschreibung des Neunten Jahrs-Tags der Herzoglichen Militair-Akademie8, der am 14. Dezember 1779 stattfand, geht hervor, dass der Weimarer Herzog unter dem Namen eines Baron von Wedel und in Begleitung Goethes in der Residenzstadt auftrat. Doch das Inkognito hatte offenbar schon in der Schweiz nicht funktioniert, und auch in Stuttgart hat es sich zumindest in den besseren Kreisen schnell herumgesprochen, dass der Weimarer Herzog und – noch viel wichtiger – der berühmte Dichter des Goetz und des Werther angekommen waren. Das blieb auch dem württembergischen Herzog nicht verborgen; Goethe selbst schreibt rückblickend am 20. Dezember an Charlotte von Stein: »In Stuttgard haben wir den Feyerlichkeiten des Jahrstags der Militär Akademie beygewohnt, der Herzog war äußerst galant gegen den unsrigen, und ohne das incognito zu brechen hat er ihm die möglichste Aufmercksamkeit bezeigt.« Weiter: »Uns andre hat er auch sehr artig behandelt.«9

Goethes Freund Johann Caspar Lavater hatte von Zürich aus an den Hof- und Domänenrat Johann Georg Hartmann geschrieben, weil dieser den beiden Weimarer Reisenden die »hiesigen Merkwürdigkeiten« zeigen sollte. In seinen Erinnerungen Meine Dienstjahre hält Hartmann rund fünfundzwanzig Jahre später fest:

»Herzog Karl hatte diesen ihren hiesigen Aufenthalt und ihre Adresse an mich nicht so bald erfahren, als er sie durch einen Kammerherrn an den Hof einladen liess, sie in ihrem Gasthof selbst besuchte und diese Einladung wiederholte, um wie er sagte, dem Herzog die Ehre zu erweisen, die er ihm als Fürsten und Agnaten [Blutsverwandten] schuldig sei.«10

Besuch auf dem Jammerbuckel?

Nicht nur Herzog Karl Eugen erfuhr von der wahren Identität der Reisenden, sondern auch eine verzweifelte Frau. Am 16. Dezember schrieb Helene Schubart, die mit dem auf der Festung Hohenasperg inhaftierten Dichter und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart verheiratet war, in einem Brief:

»[…] daß der grosse Mann Göthe nebst seinem gnädigen Fürsten hier ist, werden Sie schon wissen, ich ward ganz entzükt bey dessen Ankunfft, Gott dachte ich, vielleicht ist auch dieser ein göttliches Werkzeug uns Freunde zu erwerben, ich entschloß mich sobald als möglich Ihm meine Aufwartung zu machen, dieses wird aber schwerlich seyn können«.11

Der Grund für ihren sehnlichen Wunsch, Goethe zu treffen, ist kein Geheimnis, sie hat sich Fürsprache seitens der hohen Gäste für ihren Mann gewünscht. Der war ein Opfer fürstlicher Machtdemonstration geworden, was ein Schlaglicht auf die damalige Situation im Herzogtum Württemberg wirft.

Dreißigjähriger Krieg, Pfälzischer Erbfolgekrieg, die marodierenden Truppen des Generals Ezéchiel du Mas, Comte de Mélac – das 17. Jahrhundert war auch für Württemberg ein kriegswütiges Jahrhundert, das überall Verwüstungen zurückließ. Allein dem Dreißigjährigen Krieg samt seinen Seuchen und Hungersnöten waren im Südwesten zwei Drittel der Bevölkerung zum Opfer gefallen. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts darbte das kriegsgebeutelte Volk, die Kassen waren mager bestückt. Die absolutistischen Herrscher nahmen darauf keine Rücksicht. Was etwa der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. vorlebte, musste in Europa und auch in Württemberg nachgelebt werden. Ludwig XIV. war der Prototyp des absolutistischen Herrschers, der beanspruchte, sein Amt direkt von »Gottes Gnaden« erhalten zu haben und somit unantastbar zu sein.

»L’état c’est moi«, »Der Staat bin ich«, Ludwigs Leitsatz umschreibt aufs Treffendste die über fast ganz Europa verbreitete Staatsform, die an der Spitze nur den Herrscher und keine Gewaltenteilung kannte, bei der die Stände möglichst ausgeschaltet waren und ein vom Monarchen abhängiger Beamtenapparat die Geschäfte so lenkte, dass dem mächtigen Arbeitgeber möglichst viel Geld und Macht zuflossen. Der württembergische Herzog Karl Eugen machte da keine Ausnahme. »Nichts ist unmöglich« soll sein Leitsatz gewesen sein, und tatsächlich hat man den Eindruck, dass er viele Jahre lang in Sachen Prunk und Verschwendung, Schlösserbau und höfische Feste alles erreichte, was er nur wollte.

Karl Eugen, mit unreifen sechzehn Jahren an die Regierung gekommen, hatte in Berlin, Paris und Bayreuth barocke Repräsentationslust und herrschaftliche Prachtentfaltung in höchstem Grade erlebt, in seinem Herzogtum sollte es nach seinem Willen, und der war ja der maßgebliche, nicht anders sein. Das Land hatte dafür zu bluten: Ämter- und Soldatenschacher, Steuer- und Abgabenerhöhungen, der Gebrauch zahlloser weiblicher Untertanen nach herzoglicher Lust und Laune drückten die Bevölkerung hart. Einer der schärfsten Kritiker dieser Zustände war Christian Friedrich Daniel Schubart.

Der am 24. März 1739 in Obersontheim geborene, in Aalen aufgewachsene Schubart kam 1769 als erster Organist und Musikdirektor an die Ludwigsburger Stadtkirche. Schnell drang er in Hofkreise vor, denn seine musikalische Genialität teilte sich der Ludwigsburger Gesellschaft in Windeseile mit. Er durfte nicht nur den adeligen Damen Klavierunterricht erteilen, sondern hin und wieder auch im Hoforchester mitspielen, ja, er konnte sogar unter Pseudonym eine eigene Kantate dort aufführen lassen. Vor allem aber sein Flügel- und Orgelspiel, das er virtuos beherrschte, machte ihn berühmt. Der englische Musikgelehrte Charles Burney äußerte sich im Tagebuch seiner Musikalischen Reisen voll Bewunderung: »Er war der erste wahre grosse Flügelspieler, den ich bisher in Deutschland angetroffen hatte […]. Er ist von der Bachischen Schule; aber ein Enthusiast und ein Original von Genie.«12

Schubart beschränkte sich nicht darauf, seine Genialität an den Flügeln von Privathäusern auszuleben, auch an der Orgel der Stadtkirche brillierte er. Seine Vor- und Nachspiele dehnte er dermaßen aus, dass kolportiert wurde, die Herren und Damen würden eigens deswegen kommen und während der trockenen Predigt des Dekans das Gotteshaus verlassen.

Darüber hinaus war Schubart ein aufmerksamer Beobachter der deutschen und auch der internationalen Literaturlandschaft, zudem veröffentlichte er eine Sammlung von Gedichten und Prosawerken seines Lieblingsdichters Klopstock. Friedrich Gottlieb Klopstock galt einer ganzen Generation, zu der im Übrigen auch Goethe und Schiller gehörten, als Befreier einer in rokokohafter Tändelei und Formalität erstarrten Dichtung hin zu ungeahnter Individualität und Innerlichkeit. Insbesondere sein Versepos Der Messias war für die jungen Stürmer und Dränger in seiner undogmatischen, ganz privaten Gottessicht eine Art dichterische Bibel. Schubarts Ausgabe, die der Herausgeber selbst als »ein Denkmal der erhabensten Frömmigkeit« bezeichnet, brachte den zu dieser Zeit in Hamburg lebenden Klopstock dem Publikum im Südwesten buchstäblich näher. Auch Goethe war ihm nicht fremd. Schubart traf ihn wohl 1775 in Ulm und schrieb seinem Bruder: »Göthe war auch hier – ein Genie, groß und schreklich, wie’s Riesengebürg.«13 Später in Augsburg las er zunächst in privatem Rahmen, dann im öffentlichen Musiksaal die neuesten Stücke von Goethe und anderen vor.