Goldblond - Verheerende Torheit - Tom Wolf - E-Book

Goldblond - Verheerende Torheit E-Book

Tom Wolf

4,7

  • Herausgeber: BeBra Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Honoré Langustier, inzwischen 76, genießt in einer Villa am Heiligen See seinen Ruhestand eher schlecht als recht. Nichts als Langeweile - selbst in seiner Freimaurerloge. Doch da erschüttern plötzlich seltsame Todesfälle den Orden. Prinz Heinrich, ebenfalls Freimaurer, bittet Langustier um Hilfe. Und schon bald stoßen der ehemalige Leibkoch, seine zauberhafte Urenkelin Gerardine, der Reisebegleiter des gerade in Berlin eingetroffenen Weimarer Großherzogs, der Legationsrat Goethe, auf die Spur eines Serienmörders...Weitere Titel der PreußenKrimi-Reihe als ebook:Königsblau (1740)Silbergrau (1743)Muskatbraun (1746)Purpurrot (1750)Rosé Pompadour (1755)Schwefelgelb (1757)Smaragdgrün (1759)Glutorange (1760)Rabenschwarz (1766)Kreideweiß (1772)Kristallklar (1786)

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Seitenzahl: 360

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Tom Wolf

Goldblond

Verheerende Torheit

Die Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichem Geschehen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2012

© der Originalausgabe:

berlin.krimi.verlag im be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2005

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Gabriele Dietz, Berlin

Umschlag: Hauke Sturm, Berlin, unter Verwendung eines

Ausschnitts des Gemäldes von Pieter van der Willigen, »Vanitas«,

Moskau, Staatliches Puschkin-Museum

ISBN 978-3-8393-6114-6 (epub)

ISBN 978-3-8393-6115-3 (pdf)

ISBN 978-3-89809-501-3 (print)

www.bebraverlag.de

Den löblichen Mitgliedern der Mitnahme-Gesellschaft

Verzeichnis der historischen Personen und fiktiven Hauptakteure

Bärbaum, Georg – Hofmeister beim Prinzen Ferdinand

Beeren, Gerardine von – Urenkelin Honoré Langustiers

Büsching, Anton Friedrich – Direktor des Gymnasiums zum

Grauen Kloster

Distel, Georg – Polizei-Kommissar

Friedrich II. – König von Preußen

Göthe, Wolfgang – Wirklicher Geheimer Legationsrat und Reisebegleiter des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach, vormals freier Autor

Heim, Ernst Ludwig – Stadtphysikus in Spandau und Kreisphysikus des Havellandes

Heinrich, Prinz von Preußen – Bruder Friedrichs II.

Hordt, Karl Gustav von – Oberst beim Regiment Prinz Heinrich, Sohn des Erbherrn auf Sacrow

Hupfuff, Jakob Hesekiel – Küster zu Sacrow

Kamecke, Alexander Friedrich von – Sohn des Erbherrn auf Prötzel

Klaproth, Martin Heinrich – Betreiber der Berliner Apotheke Zum Weißen Schwan, Chemiker

Kuckuck, Elise – Betreiberin des Elisiums

Langustier, Honoré – Zweiter Hofküchenmeister Friedrichs II. i. R.

Lüdicke, Wilhelm – Diener des Grafen von Hordt

Maußhardt, Theodor – Pfarrer zu Sacrow, Religionslehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster

Neuhof, Karl Ahasverus – Amtsrat und Hofarchivar; Groß-Archivar der Großen National-Mutterloge in den preußischen Staaten

Sello, Anselm – Gärtner des Grafen von Hordt

Wallner, Johann Christoph – Rentmeister der Domänenkammer des Prinzen Heinrich von Preußen, altschottischer Obermeister der Großen National-Mutterloge in den preußischen Staaten, Prediger an der Reformierten Parochialkirche

Zinnendorf, Johann Wilhelm Kellner von – Generalfeldstabsmedikus, Ordensmeister der Großen Landesloge

Um selber ruhig zu sein,ist kein ander Geheimnis,als die anderen zu beunruhigen.

Friedrich II.

Wenn du willst, dass eine Arbeitrichtig getan wird, dann erledige sie selbst.

Alte Weisheit

Sonntag, 3. Mai 1778

Eine Sanduhr, ein dreiarmiger Leuchter, ein Totenschädel, eine Bibel und ein beschriebenes Blatt Papier – mehr erblickte der Gefangene nicht. Zum wiederholten Male las er den aufgeschlagenen Bibeltext Am Anfang war das Wort, was seine Verzweiflung nicht minderte. Betrachte diese Sanduhr, mein Bruder, hatten sie gesagt. So, wie ihr Sand verrinnt, läuft auch die Zeit deines Lebens ab, unaufhaltsam. Sieh auf diesen Schädel – dein Antlitz wird ihm bald schon gleichen. Blicke auf diese Kerzen: so kurz sind sie schon! So wie sie wird dein irdisches Leben in Kürze verlöschen.

Der traurige Geselle wusste, dass es mit ihm zu Ende ging. Er schien unfähig, sich dagegen zu wehren, seine Glieder waren schon wie leblos. Anfangs hatte er sich noch gesträubt und an Flucht gedacht. Jetzt erkannte er die Zwecklosigkeit dieses Ansinnens. Es gab nur einen Weg aus dieser fensterlosen Kammer, und dieser Weg war der Tod.

Es klopfte dreimal an die Tür seines Gelasses. Der Schlüssel ging. Ein Mann trat ein. Er hieß ihn seinen Rock ausziehen, das Hemd aufknöpfen und die Hemdsärmel aufrollen. Langsam folgte er diesen Befehlen. Er wurde umgedreht und rückwärts ins Dunkel geführt. Allein stand er da in der Schwärze. Die Tür, auf die er sah, wurde geschlossen. Hinter ihm flammte ein Licht auf. Er spürte die Anwesenheit seiner Richter.

Das Gericht fällte in seinem Beisein das Urteil. Peinigend, wie sie ihn befragten, ohne dass er die Fragenden sah! Quälend zu hören, wie das eigene Testament vor einem unsichtbaren Publikum verlesen wurde!

»Bruder Erster Aufseher, warum brennen die Lichter so schwach?«, fragte der Mann, der ihn hereingeführt hatte und noch immer neben ihm stand.

»Wir befinden uns in der Nähe des Todes, Ehrwürdiger Meister«, antwortete eine tiefe Stimme. Er hörte diese Stimmen mit Erschauern und gleichzeitigem Behagen. Ja, er wollte sterben! »Wie können wir Meister der Kunst werden?«

»Indem wir an unser vergängliches Leben den Maßstab des Ewigen anlegen.«

Gemurmel.

»Es geschehe also.«

Die tiefe Stimme sprach zu ihm:

»Bruder, du wirst sterben, doch dein Tod führt zur Wiedergeburt. Erst heute weihst du dich uns ganz für Leben und Tod.« Hiernach herrschte Ruhe.

»Die Stille des Todes ist in den schwarz verhüllten Tempel eingekehrt. Die Trauernden sind versammelt. Du befindest dich in dem Raum, in dem die Meister arbeiten. Schau in dich, schau um dich, schau über dich. Den rauen Stein zu behauen, ist die Aufgabe des Lehrlings. Mutig und fröhlich in der Gemeinschaft zu arbeiten, lernt der Geselle. In dunkler Stunde einsam den Tod zu bestehen, das ist die Kunst des Meisters. Nicht werde und stirb lautet deine Aufgabe, sondern stirb und werde!«

Ein Schlag ertönte und das Kerzenlicht mehrte sich. Ein Totenhaupt wurde ihm gereicht. Er stand noch immer mit dem Gesicht zur Tür, während die Stimmen von hinten kamen, aus dem großen Raum. Die tiefe Stimme gehörte dem Meister vom Stuhl:

»Der, dessen Schädel du nun in Händen hältst, mein Bruder, war einst ein Mensch wie du!«

Honoré Langustier, ehemaliger Zweiter Hofküchenmeister des Königs von Preußen, sah in die knöchernen Augenhöhlen des Totenkopfes und begriff im Angesichte dieser Mahnung, wie nahe das Ende ihm war. Dass man ihn so spät im Leben noch einen symbolischen Tod sterben ließ, durfte ungewöhnlich genannt werden. Viele der Freimaurermeister, die hinter ihm im Tempel der Großen National-Mutterloge standen, waren in einem recht jugendlichen Alter, etwa dem vergleichbar, das er selbst gehabt hatte, als er 1740 in dieses Land gekommen war. Sich auf das Sterben vorzubereiten, konnte nie früh genug geschehen. Gut in seinem Falle, dass es überhaupt noch passierte. Man schrieb das Jahr 1778 und er hatte – die ersten beiden ausgenommen – alle Jahre dieses glorreichen Jahrhunderts ausgekostet.

Er fühlte, wie seine große Anspannung langsam schwand. Er würde sterben. Mochte geschehen, was geschehen musste. Auf dem großen rechteckigen Teppich hinter seinem Rücken sah man am Boden schon sein Grab oder seinen Sarg als schwarze Fläche, umgeben von Tränensymbolen. Auf dem schwarzen Viereck lag ein weiterer Totenkopf, in der Mitte stand Gottes Name Jehova und oben lümmelten sich zwei nach Art eines Andreaskreuzes oder Schragens gekreuzte Totenbeine. Vor dem Sarg oder Grab befand sich ein in westlicher Richtung, zum Okzident hin, offener rechter Winkel; und darüber, am Teppichende, vor dem im Osten oder Orient stehenden Altar, schwebte ein Zirkel. Rechts davon war ein Hügel mit einem Akazienzweig dargestellt, dem Symbol der Meisterschaft und der Überwindung des Todes. Zuletzt waren noch drei mal drei Lichter, Kerzen in Haltern, südöstlich, südlich und west-südwestlich positioniert.

Der im Westen wartende Langustier gelobte auf Meisterwort, seine Reisen zu tun, ohne nach hinten oder seitwärts zu schauen. So sah er noch nicht, was ihm bevorstand. Sein Weg führte ihn dreimal um die Arbeitstafel, den Teppich, herum. Beim Durchgang im Norden wies man ihn auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin, im Osten wurde ihm Zuspruch zuteil und die Verheißung des Überirdischen und Unvergänglichen. Im Süden forderte man ihn auf, so zu leben, dass ihn seine letzte Stunde jederzeit bei ruhigem Gewissen ereilen könnte. Als er nach den vollendeten Reisen wieder am Startpunkt im Westen anlangte, drehte man ihn abrupt um 180 Grad herum, so dass ihm nun sein Grab vor Augen stand. Zwölf symbolische Glockenschläge ertönten, dabei war es gerade einmal zehn Uhr am Abend – seine Zeit, hieß dies, war um!

Die Tafel wurde von den Meistern der Mutterloge und der Tochterlogen Zur Eintracht, Zum flammenden Stern, Zu den drei Seraphim und Zur Verschwiegenheit zu den drei geschlossenen Händen flankiert, die jetzt ernsthaft behaupteten, er habe sich hinterrücks mit verbrecherischen Gesellen verbündet. Ja, sie begegneten ihm sichtlich misstrauisch. Ein erzürnter Bruder stürzte gar plötzlich auf ihn zu, riss ihm seinen Gesellenschurz herunter und schleuderte diesen in den Nordwesten des Tempels, wo die Finsternis und die geistige Gegenkraft angesiedelt waren. Er sei unwürdig, hieß es, man wolle ihn nicht! Das traf ihn nicht so hart, wie man vermuten könnte, durfte er sich doch damit beruhigen, dass dieser Affront Teil eines für Außenstehende mysteriösen, symbolisch sehr reichhaltigen Theaterstückes war, welches sie gemeinsam aufführten.

Dreimal musste er seinen Sarg überschreiten. Der erste Schritt von Westen nach Norden symbolisierte den Abstieg zu den Müttern im Schoß der Erde, Aussaat zu künftigem Leben. Der zweite Schritt, von Norden nach Süden getan, war der Wiederaufstieg, das Streben nach Erleuchtung. Mit dem dritten Schritt schließlich erfolgte die Verwandlung des Irdisch-Sterblichen in ein höheres Wesen. Langustier überwand die Materie und fügte sich in die große kosmische Ordnung ein. Auf Knien sprach er:

»Ich gelobe auf Maurerwort, mich der Bruderschaft in unauflöslicher Gemeinschaft zu verbinden, verschwiegen zu sein wie der Tod und an mein vergängliches Leben fortan den Maßstab des Ewigen anzulegen.«

Schwerfällig erhob er sich wie vorgeschrieben aus eigener Kraft. Vielleicht war dies sogar die herbste Prüfung, die es für ihn an diesem Abend gab. Der Meister vom Stuhl sprach:

»Die Meister haben dein Gelöbnis vernommen. Möge dir die Kraft gegeben sein, es zu halten bis ans Ende deiner Tage!«

Manche Brüder, das wusste Langustier, schämten sich für diesen Hokuspokus, wie sie die überlieferten Zeremonien bei den Einweihungen und Erhebungen nannten, und ja, auch er hatte früher einmal zu diesen geistig Armen gehört, die den Symbolgehalt der Rituale, Proben und Gelöbnisse nicht begriffen. Ein im echten Sinne des Wortes Eingeweihter war man erst, wenn man das Rätsel entziffern konnte und den verborgenen Sinn verstand. Alle Maurerei beruhte auf der Einsicht in die Gewissheit, dass es tiefe Wahrheiten gab, für die menschliche Begriffe nicht hinreichten. Daher bediente man sich einer wohldefinierten Menge von Symbolen, um sich ihnen zu nähern. Der Mathematiker Johann Bernoulli III. aus der berühmten Bernoulli-Familie, Leiter des Astronomischen Observatoriums, der wenige Schritte von Langustier entfernt unter den Brüdern stand, hätte diesen Gedanken nicht besser formulieren können. Selbst Martin Klaproth, der Schwanenapotheker und Chemiker, sah hierin keinen Widerspruch zu seiner wissenschaftlichen Arbeit. Nach Langustiers Gelöbnis erfolgte seine eigentliche feierliche Erhebung. Der Bruder Redner, Kaufmann Friedensreich Hundertmark, begann eine alte Geschichte vorzulesen, deren Ursprung keiner genau kannte, die aber immerhin genügend prominente, biblisch bezeugte Akteure besaß, um sie unwiderleglich erscheinen zu lassen: den weisen König Salomo etwa und einen Baumeister namens Hiram, der nach den Berichten der Chronik und des Buchs der Könige den Bau des Salomonischen Tempels in Jerusalem beaufsichtigt hatte. Um diesen Hiram und seine Legende war die ganze Freimaurerei aufgebaut, einem Tempel aus lauter Zeichen vergleichbar. Langustier kannte die Geschichte natürlich längst und hatte ausgiebig ihrem Sinngehalt nachgespürt. Da war Hiram, Architekt und Erzgießer, der über magische Kräfte verfügte. Auf der Tempelbaustelle demonstrierte er sie einmal der Königin von Saba, auch Bilitis genannt, welche – warum auch immer – alle Arbeiter auf einem Fleck versammelt sehen wollte; möglicherweise wollte sie einen Toast ausbringen. Jedenfalls brauchte Hiram, dessen Name soviel bedeutete wie Sohn der Witwe, bloß den griechischen Buchstaben Tau in den Sand zu malen, und schon strömten alle 25000 Arbeiter zusammen. Nun kam es, dass 15 mit ihrer Arbeit unzufriedene Gesellen die Baustelle verlassen wollten, da sich das Werk dem Ende näherte. Sie beschlossen, Hiram gewaltsam Meisterwort und Meisterzeichen abzupressen, um selbst in anderen Ländern als Meister auftreten zu können und künftig besser entlohnt zu werden. Zwölf von ihnen bekamen aber Gewissensbisse und standen von dem Plane ab. Nur drei wollten es weiterhin wagen und lauerten Hiram auf, als er nach seinem täglichen Mittagsgebet aus dem Tempel trat. Der erste stand am Osttor und gab dem Meister, da er das Geforderte nicht herausrücken wollte, einen Schlag mit dem Zollstock auf die Kehle. Hiram floh zum Südtor des Tempels, wo ihn der zweite Attentäter erwartete und ihm nach der wiederholten Weigerung mit dem Winkelmaß links auf die Brust schlug. Zum Westtor fliehend, wurde Hiram von Attentäter drei empfangen, der ihn aus Ärger über seine Standhaftigkeit kurzerhand mit dem Hammer erschlug. Der Sterbende konnte gerade noch sein Meisterzeichen, das er an einer Kette um den Hals trug, ein goldenes Amulett, in einen nahen Brunnenschacht werfen. Die Mörder verscharrten ihr Opfer und steckten einen Akazienzweig auf sein Grab.

Kein Mörder würde grundlos den Ort markieren, an dem er sein Opfer verscharrt hat, fand Langustier, der nun, am Ende eines langen und ereignisreichen Abends, rücklings auf dem Teppich lag. Die Abmessungen seines Grabes reichten nicht aus, so dass er es völlig abdeckte. Er hatte ein Tuch über dem Gesicht und fühlte sich tatsächlich erschlagen. Es war ein Segen, so im Grab zu liegen.

Hiram-Langustier wurde bald vermisst. Daher ließ Salomo, dessen Rolle Bruder von Köhler übernommen hatte, Nachforschungen anstellen über seinen Verbleib. Die zwölf Gesellen, die sich rechtzeitig von dem Komplott verabschiedet hatten, angeführt von Bruder Bärbaum, dem Erzieher des kleinen Prinzen Louis-Ferdinand, traten zum Zeichen ihrer Unschuld mit weißen Handschuhen vor den König und sagten, was sie wussten – nichts. Sie mussten die Attentäter suchen und fanden sie neben dem Mörder in einer abgelegenen Schlucht, wo sie jammerten: O, dass meine Zunge doch nur bei der Wurzel ausgerissen und ich im Sande des Meeres zur Zeit der Ebbe verscharrt würde, eines Kabeltaus Länge vom Ufer, wo Ebbe und Flut zweimal in vierundzwanzig Stunden wechseln! O, dass mein Herz doch nur aus meiner nackten Brust gerissen und eine Speise der Geier würde! Der, welcher Hiram erschlagen hatte, der Mörder – dargestellt vom zwergenhaften Bruder Neuhof, dem Königlichen Hofarchivar – aber klagte: O, dass mein Körper in zwei Teile gehackt, meine Knochen eingeäschert und mein Staub in alle Windrichtungen hinausgeblasen werde! Die drei üblen Gesellen kamen vor den König, der nun neun Meister aussandte, den Erschlagenen zu suchen, damit er würdig begraben werde. Das erste bei der Auffindung des Toten gesprochene Wort, so bestimmte er, sollte das neue Meisterwort sein. Aus dem Osten, Süden und Norden näherten sie sich dem Grabe und umkreisten es dreimal. Einer, es war der Astronom Bode, wühlte die Hand des Toten aus dem Boden und zog daran. Da riefen alle laut Macbenac!, was den Liegenden vor dem Einschlafen bewahrte und so viel hieß wie Er vermodert schon! Weil dies unmöglich das neue Meisterwort sein konnte, wurde es in stiller Post durch die Reihen der Brüder weitergegeben und dadurch gereinigt, bis es bei dem Bruder Erstem Aufseher, dem Hofbuchdrucker Decker, als Jehova anlangte. Das Menschenwort hatte sich so zum Gotteswort gewandelt, das Pentagramm wurde zum Hexagramm, der Menschengeist erkannte den Gottesgeist.

Zum Glück half man Langustier diesmal beim Aufstehen. Georg von Köhler erhob den Liegenden, die fünf Punkte der Meisterschaft zur körperlichen Hilfestellung benutzend: Fuß gegen Fuß, Knie gegen Knie, Hand in Hand, Brust gegen Brust und die linke Hand um den Nacken. Sicherheitshalber und etwas gegen den Komment traten zwei jüngere Brüder unterstützend hinzu, sonst wäre es wohl nicht geglückt.

Eine jubelnde Musik erklang, von einigen Meistern auf bereitstehenden Instrumenten gespielt. Das Meisterwort wurde Langustier in die Ohren geflüstert, von beiden Seiten für den Fall, dass beim Wiedererwecken ein Ohr ertaubt war. Man nannte ihm die Meisterzeichen: Erkennungs-, Schreckens- und Notzeichen, die nur Freimaurern im Meistergrad bekannt waren; dann endlich durfte er den Tempel kurz verlassen, um seine Kleidung zu ordnen. Zurück in der Loge, trat er Bruder von Köhler gegenüber, der ihm einen blauen Schurz mit drei Kreisen umlegte und diesen mit einer Schlaufe festband.

»Deinen Lehrlingsschurz haben wir dir abgenommen, deinen Gesellenschurz hat dir der Zeremonienmeister abgerissen. Den Meisterschurz, den ich dir jetzt angelegt habe, lass dir von niemandem in der Welt entreißen, trage ihn in Ehren, bis ihn dir einst in hoffentlich recht ferner Zeit der Allmächtigste Baumeister der Welten selbst abnehmen wird. Gehe nun deinen Weg!«

So geschehen im Tempel der Großen National-Mutterloge in den preußischen Staaten, der freimaurerischen Pflanzschule strikter Observanz der VII. Provinz in der Präfektur Templin, bzw. im Bärschen Haus, Leipziger Straße 45, bei den Berliner Tempelbrüdern. Obwohl es bereits auf Mitternacht ging, wurde noch ein kleiner Umtrunk gehalten, bevor der neue Hiram, der würdige Meister Langustier, seinen Weg ins Bett nahm, das in seiner Berliner Stadtwohnung im Hause seiner Tochter in der Roßstraße treulich auf ihn wartete.

Nicht alles schlief bereits in dieser Nacht, als Langustier die Augen schloss. Der silberne Vollmond leuchtete noch manchem späten Reisenden heim und wurde Zeuge vieler geheimnisvoller Dinge im weiten Land ringsum. So beschien er auch einen Hügel am Krampnitz-See nahe Potsdam, wo gerade ein Reiter im schwarzen Cape sein Pferd an einer Kopfweide festgebunden hatte und auf das Plateau der Höhe hinaufstieg, deren steile Flanken ein verfallener Ringwall säumte. Nebelschlieren umflorten die Eiche mit drei Stämmen mitten auf der Schanze. Vor ihr, gleichsam als zerschlagener Altar für längst namenlos scheinende Gottheiten, lag ein geborstener Granitfindling. Der späte Gast betrachtete eine Zeit lang andächtig den Ort. Umsichtig begab er sich auf die Suche nach trockenem Geäst und sammelte es in einer feuchten Kuhle auf dem Stein. Mit Zunder setzte er das Holz in Brand, nährte das junge Feuer mit größeren Stücken, bis Glut da war. Er nahm eine Hand voll Papiere sowie einige gebundene dünne Konvolute aus seinem Felleisen und legte vorsichtig ein Blatt auf das schwelende Holz, andächtig zusehend, was sich ereignete. Erst bildete sich ein Fleck, der alle Schattierungen von Braun zu Grau durchlief. Anschließend begehrte ein blaues Flämmchen auf, gefolgt von einer gelblichen Lohe, die binnen einer kurzen Weile das Blatt ergriff und wieder erlosch. Nur einige verdrehte Spelzen mattschwarzer Asche waren zurückgeblieben. Der Mann baute aus Stöcken einen Rost und legte alles übrige Papier darauf. Bald gelang es der Glut, den lockeren Stapel zu packen. Für einige Momente stand er als brennender Katafalk oder Leuchtfeuer über dem See. Feuchte Äste knackten beim Entflammen. Kurz darauf war von den Hölzern und Papieren nur noch ein weißgrauer Aschekegel übrig, den der Einsame behutsam mit einem Ast zerteilte, darin einem vorzeitlichen Auguren ähnelnd, der sich anschickte, aus den Spuren der Vergänglichkeit die Zukunft zu lesen. Tief atmete er den beißenden Geruch der erkaltenden Esse ein. Ein Dachs tauchte hinter der Eiche auf, schnupperte irritiert und verschwand eilig, Haselmäuse raschelten ringsum im Vorjahreslaub des rückwärtigen Waldes. Ein Käuzchen rief. Urplötzlich sagte eine laute Stimme von hinten:

»Akantus!«

Der Mann im schwarzen Cape drehte sich um und erblickte die weiß verhüllte Gestalt seines Meisters Abaris, des Ritters von der Roten Feder, der lautlos in der Nacht, förmlich aus der Luft zu ihm gekommen war. Akantus neigte sich tief in Ehrfurcht, bis die blonden Locken seiner Perücke zu verrutschten drohten. Abaris trug einen wallenden weißen Mantel, auf dessen Vorderseite ein achtspitziges rotes Kreuz zu sehen war.

»Hast du dich von den Lasten des geschriebenen Wortes befreit?«

»Ja – o Abaris!«

»Bist du nun rein vor dem Auge des irdischen Gesetzes?«

»Vollkommen rein!«

»Willst du auch rein werden vor dem Auge des alles sehenden obersten Wesens, dem selbst das Innere der Menschen nicht verborgen ist?«

»Solches ist mein sehnlichster Wunsch!«

»Willst du auf den Stufen, die dich zum innersten Orden führen werden, munter wie ein junges Reh emporspringen?

»Dieses und nur dieses!«

»Willst du als mein Adlatus zu meiner Seite am Throne des Allerhöchsten sitzen und demütig für mich und für ihn arbeiten?«

»Ja, o Herr, das ist es, was ich glühend erstrebe!«

Der Meister, dessen Gesicht von einer weißen Maske verhüllt war, die nach oben in eine spitze Kapuze auslief, hatte den Altarstein erklommen und hieß Akantus davor niederknien.

»Wenn du noch weißt, was du bei deiner Aufnahme in den Orden geschworen hast, so wiederhole es mir jetzt und hier!« Akantus begann mit zitternder, aber schnell erstarkender Stimme:

»Ich schwöre beim alten allmächtigen Gott, der allerheiligsten Jungfrau Maria, dem heiligen Bernhard sowie allen Heiligen und dir, o Herr, mein ganzes Leben lang die vom heiligen Bernhard von Clairvaux den Tempelrittern gegebene und durch den Papst Honorius II. bestätigte Ordenssatzung zu beachten, in allen Artikeln, lebend in Gehorsam, ohne Eigentum im Orden und in vollkommener geistiger wie leiblicher Keuschheit. Ich gelobe bei allem, was mir heilig ist, die Ungläubigen mit dem Schwerte zu belehren und jeden Verräter seiner wohlverdienten Strafe zuzuführen.«

»Weißt du noch, was man gelobt, wenn man zur Verschwiegenheit vereidigt wird? Wiederhole es mir!«

»Auf dass meine Zunge bei der Wurzel ausgerissen und ich im Sande des Meeres zur Zeit der Ebbe verscharrt würde, eines Kabeltaus Länge vom Ufer, wo Ebbe und Flut zweimal in vierundzwanzig Stunden wechseln, schwöre und gelobe ich Stille gegen jede Seele! Auf dass mein Herz mir aus meiner Brust gerissen und den Harpyien zum Fraße vorgeworfen werde, schwöre und gelobe ich Stille gegen jede menschliche Seele! Auf dass ich bei lebendigem Leibe in vier Teile zerhackt, zuvor meine Knochen mir unter der Haut gebrochen und meine Augen mir geblendet werden, schwöre und gelobe ich Stille gegen jede menschliche Seele!«

Für einen Moment verharrten beide lautlos, vom Monde beschienen. Abaris, offenbar zufrieden mit seinem Eleven, sprach: »So weit reichen die Gelöbnisse der Orden, die sich zu legitimen Nachfolgern des einzigen, heiligsten und obersten Ordens erklären. Doch nun werde ich von dir fordern, nach den echten alten Gesetzen, die einst der heilige Bernhard ausgearbeitet hat, dem Orden der wahren Templer dich zu verschreiben – sprich mir nach, was in den Artikeln 8, 9 und 16 der Regulae et Statua Ordinis Templi geschrieben steht!«

Akantus nickte.

»Ich schwöre jedem eigenen Willen ab und begebe mich ohne Vorbehalt in deine Hände, Oberer. Ich vermache dem Orden all mein bewegliches und unbewegliches Gut. Ich schwöre, allen Weisungen des Ordens, allen Erlassen und Befehlen des Kapitels, die du, Oberer, mir übermittelst, Folge zu leisten, ohne nach ihren Motiven und ihrem höheren Sinn zu forschen, auch dann, wenn sie mir gegen die Grundsätze des gewöhnlichen bürgerlichen oder kanonischen Rechtes zu verstoßen scheinen. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und höchsten Richter über Leben und Tod, der solches Amt an die Oberen des Ordens übertragen hat, dass ich ohne Zögern und Bedauern die Waffen gegen mein Vaterland ergreifen und jeden Verräter an den Idealen des Ordens seiner gerechten Strafe zuführen werde. Ich werde Euphorbia und Aqua Tofana verehren, denn die Getränke, denen ich sie beimenge, stillen den Durst der Verfolger der Wahrheit. Ich werde Trauerpsalmen für die Brüder singen, die ich zu Recht getötet. Auch schwöre ich, dass ich jeden erdrosseln werde, der einen falschen Schwur der Verschwiegenheit ablegt.«

Nach einigen Momenten, in denen man nur die neun Rufe eines Steinkauzes hörte, sagte Abaris:

»Neige dein vergängliches Haupt zur Mutter Erde!«

Akantus roch den vom Tau feuchten Waldboden. Der Meister, dessen weißes Kapuzenhaupt sich nun hoch über Akantus’ Kopf erhob, ließ ihn wiederum einige Zeit in dieser unbequemen Haltung. Er forderte Akantus auf, seinen Mantel, seinen Rock und sein Hemd auszuziehen. Die Nachtluft erfrischte ihn und schärfte seine Sinne. Der Meister reichte ihm eine weiß behandschuhte Hand und zog ihn zu sich auf den Stein. Akantus blickte dem Gespenst mannhaft in die dunklen Höhlen der Gesichtsbedeckung. Er war größer und kräftiger als der Meister. Allein dessen Kapuze überragte ihn.

»Knie nieder und sprich das heilige Gelöbnis nach!«

Akantus kniete auf dem unebenen Granit und wiederholte ohne Zittern in der Stimme all die Beteuerungen der Treue und Folgsamkeit, der Ergebenheit und bedingungslosen Liebe gegen die Gottheit, die der Meister ihm vorsprach. Er zauderte nicht, die Schlussformel dreimal zu repetieren:

»Erfülle ich nicht die größte aller Anforderungen, meinem Meister als eines Mitgliedes vom obersten aller alten Orden stets unwidersprechlichen, unbedingten und alleinigen Gehorsam zu leisten, so möge mich der Zorn des Allmächtigen treffen und mich auf der Stelle vernichten, und er vernichte auch alle, die meines Blutes sind!«

Er erduldete mit mannhafter Härte, dass ihm der Gewaltige mit einem rot glühenden metallenen Stempel, den er aus einer rundlichen, lederummantelten Zunderbüchse holte, in der glühende Kohlen lagen, ein dreieckiges Mal mit einem Auge darin in die Achselhöhle einbrannte. Gewaltig war der Schmerz, doch Stolz und Glückseligkeit trösteten Akantus über die Pein hinweg. Er erhielt ein braunes Übergewand, das mit dem gleichen achtspitzigen blutroten Kreuz bestickt war, welches auch den weißen Umhang des Meisters zierte.

»Zum geistigen Zeichen deiner Erhebung vernimm den Sinn des Namens Akantus: Das Akantusblatt sitzt am korinthischen Kapitell als das allerhöchste dienende Ornament. Es symbolisiert eine schwierige Aufgabe, die mit Bravour gelöst wird. So empfange nun die Befehle, Novize Akantus. Es sind gewaltige Proben auf dem Wege, ein Ritter vom hierosolymatischen Tempel zu werden. Nur Auserwählte erreichten je dies Ziel. Mache somit deinem Namen Ehre, oder sei bald schon vertilgt von der Oberfläche der Erde!«

Freitag, 15. Mai 1778

Viele Blumen zierten die Wiese: Buschwindröschen, Maiglöckchen, Salomonsiegel, Ehrenpreis und Siebenstern. Auf einer Bank im Gartenpavillon hinter seiner respektablen Villa nahe Potsdam saß Langustier in einem mausgrauen Hausrock und las in Georg Forsters »Reise um die Welt«. Sie war Friedrich dem Einzigen, König von Preußen, dem alt und älter werdenden Aufklärer auf dem Thron, zugeeignet, überschwänglich und mit viel Phantasie in den Formulierungen. Der Verfasser stand mit Langustier seit einiger Zeit in Briefwechsel und hatte ihn gefragt, ob der erhabene König eine persönliche Widmung gestatten und schätzen würde. Langustier hatte bejaht und dies als willkommene Gelegenheit angesehen, dem Monarchen durch fremdes Wort seine früheren, hohen Ziele in Erinnerung zu rufen: das Glück der Menschheit zu befördern, die verschiedenen Stände in nähere Verbindung zu bringen, freiere Denkungsart und wohltätige Philosophie zu erwecken, die Wissenschaft in blühenden Stand zu setzen, echtes Genie zu nähren, die Sitten zu veredeln und den reinen Geschmack auszubilden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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