Goldfrauen - Jan Beinßen - E-Book

Goldfrauen E-Book

Jan Beinßen

4,4

Beschreibung

Die Nürnberger Antiquitätenhändlerin Gabriele Doberstein bekommt Besuch von einer Journalistin, die sie für den Stadtanzeiger interviewen will. Doch allem Anschein nach interessiert sich die Frau viel mehr für einen alten Biedermeiersekretär. Ebenso wie ein Geschäftsmann, der ein paar Tage später auftaucht. Als in derselben Nacht in den Laden eingebrochen wird, schwant Gabriele nichts Gutes. Zusammen mit ihrer Freundin Sina nimmt sie den Sekretär genauer unter die Lupe - und wird fündig. Unter einer Schublade entdecken die Frauen einen Umschlag mit geheimen Dokumenten, die in das Berlin der Vorwende-Zeit weisen …

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Seitenzahl: 232

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jan Beinßen

Goldfrauen

Kriminalroman

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© 2010 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © mishahu / sxc.hu

3

Gabriele wachte als Erste auf. Viel zu früh. Draußen war es stockfinster, und ein Blick auf den Wecker bestätigte ihr, dass es mitten in der Nacht war. Seltsam, dachte sie sich. Normalerweise hatte sie einen festen Schlaf und wurde so gut wie nie wach, bevor sie der Wecker gegen acht aus dem Schlaf klingelte. Ob das bereits erste Anzeichen des Älterwerdens waren? Die senile Bettflucht?

Gabriele drehte sich zur Seite und schloss die Augen. Doch kurz darauf öffnete sie sie wieder. Ein Geräusch! Jetzt wusste sie, was sie geweckt hatte. Es war dieses Geräusch gewesen! Langsam richtete sie sich in ihrem Bett auf und knipste die Nachttischlampe an. Angestrengt lauschte sie in die Stille.

Sie hörte das Ticken ihres Weckers. Die Motoren vereinzelter Autos, die die Pirckheimerstraße entlangfuhren. Das Tropfen eines Wasserhahns, der nicht ganz zugedreht war. Das Miauen einer Katze. Und dann … – es war eindeutig dasselbe Geräusch, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte: ein Poltern! Ein Quietschen! So, als würde jemand ein schweres Möbelstück verrücken. Gabi war wie elektrisiert: Das Geräusch kam ohne Zweifel aus ihrem Haus. Von unten. Aus ihrem Antiquitätengeschäft!

Für einen Moment war sie starr vor Schreck. Natürlich dachte sie sofort an Einbrecher. Sie überlegte, zum Telefon zu greifen und die Polizei zu alarmieren. Doch was, wenn sie sich täuschte? Wenn alles wieder nur ein Hirngespinst war? Keinesfalls wollte sie sich noch einmal vor den Bullen blamieren.

Also schob sie die Bettdecke beiseite und schlich sich leise ins Wohnzimmer, wo Sina auf dem Sofa lag, Arme und Beine von sich gestreckt, und leise schnarchte. Gabriele rüttelte sie erst sachte, dann stärker an den Schultern.

»Was … was ist denn?« Sina rieb sich die Augen.

»Einbrecher!«, flüsterte Gabriele. »Ich glaube, es sind Einbrecher im Haus!«

»Was?« Sina war sofort hellwach.

»Ich habe verdächtige Geräusche aus dem Laden gehört.« Gabriele wirkte unentschlossen, beinahe hilflos.

Sina setzte sich auf. »Einbrecher sagst du? Das werden wir gleich sehen. Hast du eine Taschenlampe? Und eine Sprayflasche mit Reizgas?«

»Taschenlampe: ja. Reizgas: nein«, antwortete Gabriele. Dann musterte sie ihre Freundin: »Zieh dir erst mal ein T-Shirt über. Halb nackt, wie du bist, wirst du sonst selbst geklaut.«

Sina schnappte sich ihre Bluse und spurtete zur Wohnungstür. »Wo ist jetzt die Taschenlampe?«, trieb sie Gabi zur Eile. »Und nimm irgendeine Waffe mit. Meinetwegen ein Messer oder eine Schere.«

Mit Bratengabel und Kartoffelmesser bewaffnet wagten sich die Frauen ins Treppenhaus. Sie verfluchten bei jedem Schritt abwärts die hölzernen Treppenstufen, die selbst bei sachtem Auftreten verräterische Geräusche von sich gaben. Sehr langsam und überaus vorsichtig näherten sie sich dem Hintereingang des Ladens. Die Tür war mit einer Milchglasscheibe versehen. Sina und Gabriele blieben stehen, konnten jedoch nichts Verdächtiges hören und auch keine ungewöhnlichen Lichtreflexe aus dem Inneren des Verkaufsraums erkennen.

»Klopft dein Herz auch so wie meins?«, fragte Sina mit gedämpfter Stimme.

Gabriele fasste sich an die Brust und nickte.

»Also dann«, machte sich Sina Mut. »Los geht’s!« Mit Schwung riss sie die Tür auf. Sie knipste die Taschenlampe ein und leuchtete in den Raum. »Kommen Sie raus!«, rief sie in die Leere. »Die Polizei wird jeden Moment hier sein!«

Auch Gabriele traute sich jetzt vor. Sie stellte sich an die Seite ihrer Freundin, folgte mit ihren Blicken dem Strahl der Taschenlampe. Im Kegel des Spots tauchten einzelne Antiquitäten auf, die im diffusen Licht einen unheimlichen Eindruck machten: ein in Stein gehauener Erzengel, der grotesk verzogene Schattenwurf eines mundgeblasenen venezianischen Glasschwans, ein Kruzifix. Gabriele gab sich einen Ruck und ging die wenigen Schritte bis zur Schalterleiste. Mit einem Klick wurde der Verkaufsraum in ein helles Licht getaucht.

Die lähmende Anspannung der Dunkelheit wich dem Adrenalinschock des blendenden Weiß. Beide Frauen, die bis eben mit weit aufgerissenen Augen in die Finsternis gestarrt hatten, hielten zum Schutz vor den aufflackernden Neonleuchten ihre Arme vors Gesicht. Sie brauchten einige Sekunden, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen.

Dann aber taxierte Gabriele den Raum genauso, wie es Sina tat. Beide erkannten schnell, dass sie allein waren. Sie fühlten es mehr, als es zu sehen, doch sie waren sich bald sicher: Der oder die Einbrecher waren längst fort.

Aber es war zweifelsfrei jemand hier gewesen, davon waren sie ebenso fest überzeugt: In dem Laden hatte sich vor gar nicht langer Zeit ein Unbefugter herumgetrieben! Gabriele spürte es in allen Poren. Zielstrebig ging sie auf eine Vitrine zu, deren Tür offen stand und noch leise in den Scharnieren schwang. »Da hat sich jemand dran zu schaffen gemacht!«

Sina sah sie gebannt an. »Was haben die gewollt?«

»Im Zweifelsfall die Kasse.« Gabriele stürzte sich auf die antiquierte Registrierkasse, zog das Geldfach heraus und zählte hektisch nach.

Sina stellte sich neben sie, schaute sich dabei aber wiederholt um. »Und? Ist alles da?«

»Geduld«, beschied sie Gabriele. »Erst noch das Münzgeld überprüfen.«

»Du willst auch das Kleingeld zählen?« Sina fasste Gabriele am Oberarm. »Das kannst du dir sparen. Welcher Dieb klaut Münzen, wenn gleich daneben Scheine liegen?«

Gabriele runzelte die Stirn und ließ die Geldstücke zurück in die Kasse fallen. »Das stimmt natürlich. Wie einfältig von mir.«

»Liegt an der Aufregung«, lieferte ihr Sina einen Grund für die deplatzierte Pfennigfuchserei. »Schau lieber nach den Wertgegenständen. Was ist mit dem Schmuck, dem Tafelsilber?«

Sina hatte kaum ausgesprochen, als Gabriele herumfuhr, um zu einer Vitrine neben dem Verkaufstresen zu eilen. Sie war mit einer Glasplatte geschützt, unter der verschiedene alte Schmuckstücke auf einer grünen Vliesauslage präsentiert wurden. Gabriele beugte sich über das Glas, kontrollierte ihren Bestand und richtete sich mit fragendem Blick wieder auf. »Es ist alles da. Da hat keiner dran gerührt.«

»Na, fein«, sagte Sina, die das genauso merkwürdig fand. »Dann also das Silber!«

Wieder fegte Gabriele durch den Raum. Sie zog die mit rotem Samt ausgelegten Schubladen einer Kommode auf. Zutage kam Besteck verschiedener Dekaden, protzig oder zierlich, filigran graviert oder mit auffälligen Monogrammen versehen. Viele Stücke waren durch die lange Lagerzeit angelaufen. Zwar konnte Gabriele in der Kürze der Zeit nicht jede Gabel und nicht jeden Löffel abzählen. Aber allein die Tatsache, dass die Schubladen bis zum Rand mit Silber gefüllt waren, verriet ihr, dass der Dieb die alten Bestecke links liegen gelassen hatte. »Wieder Fehlanzeige.«

Sina wurde immer unruhiger. Sie sah sich abermals um und stierte düster in jede Ecke des Verkaufsraums. »Auf was konnte es der Einbrecher denn sonst abgesehen haben? Auf ein wertvolles Bild? Hast du gerade etwas Besonderes in der Auslage?«

»Nein, Kleine.« Gabriele schaute missmutig. »Außerdem machst du mich ganz nervös mit deinem Gestarre. Denkst du etwa, hier ist doch noch einer?«

Sinas Körperhaltung blieb angespannt. »Wer kann das denn so genau wissen? Was, wenn im nächsten Moment jemand hinter diesem Ohrensessel hervorspringt? Oder hinter der Theke dort drüben? Oder hinter deinem Biedermeier­sekretär?«

Sina wusste in dem Moment, als sie das letzte Wort gesprochen hatte, dass etwas nicht stimmte. Gabriele, die bei jedem von Sinas Beispielen mit ihren Blicken gefolgt war, schoss der gleiche Gedanke durch den Kopf. Wie benommen näherten sich beide Frauen der Wand, an dem der Sekretär am Tag zuvor noch gelehnt hatte.

Der Schrank war weg! Verschwunden! Wie vom Erdboden verschluckt!

»Das kann gar nicht sein«, meinte Gabriele und ging die Wand von links nach rechts ab. Aber es war nicht wegzudiskutieren: Der Sekretär stand nicht mehr an seinem Platz, und wie die Frauen sehr schnell festgestellt hatten, auch an keiner anderen Stelle im Verkaufsraum.

»Nicht zu fassen«, stieß Sina aus. »Völlig verrückt: Da hat dir wer ein Möbelstück geklaut.« Sie konnte nicht anders und musste auflachen. »Lässt das ganze Geld, den Schmuck und das Silber liegen und türmt mit einem alten Schrank.«

»Das ist gar nicht komisch«, wies Gabriele sie zurecht. »Und auch nicht verrückt. Du weißt doch selbst, wie begehrt der Sekretär war. Der ist ein hübsches Sümmchen wert.«

»Gabi, ich bitte dich! Selbst wenn er ein paar Hunderter auf dem Schwarzmarkt bringen würde, wäre das nicht den Aufwand wert. Überleg doch mal: Da riskiert jemand, als Einbrecher geschnappt zu werden, bloß wegen eines einzelnen Möbelstücks. Und noch dazu musste er es herauswuchten. Wahrscheinlich waren es also sogar zwei, die einen Gefängnisaufenthalt riskiert haben, bloß um einen alten Sekretär zu erbeuten, der noch dazu in ziemlich schlechtem Zustand war.«

»Er war tipptopp gepflegt.«

»Erzähl das deiner Großmutter.«

Gabriele zog sich einen reichlich wackligen Lehnstuhl heran und setzte sich. »Und was machen wir nun?«

»Die Polizei rufen, würde ich vorschlagen.«

Gabriele schüttelte langsam, aber nachdrücklich den Kopf. »Du weißt, was ich von der Polizei halte. Man sollte die Kontakte auf das Nötigste begrenzen.«

»Du willst die Sache unter den Teppich kehren und den Schrank abschreiben?«, fragte Sina etwas erstaunt.

Gabriele sah sie verschlagen an. »Unter den Teppich kehren? Vielleicht. Abschreiben? Nein!« Dann stand sie auf. »Lass uns den Rest der Nacht drüber schlafen. Morgen sehen wir weiter.«

Gabriele hatte ihre überlegene Zuversicht und innere Ruhe wiedererlangt. Doch bevor sie gemeinsam mit Sina zurück in die Wohnung ging, überzeugte sie sich davon, dass die Ladentür diesmal wirklich fest verschlossen war. Sie drehte den Schlüssel entgegen ihrer Gewohnheit sogar zweimal um.

Ende der Leseprobe