Good as Gone - Amy Gentry - E-Book

Good as Gone E-Book

Amy Gentry

3,8
9,99 €

Beschreibung

Tom und Anna haben das Schlimmste erlebt, was sich Eltern vorstellen können: Ihre 13-jährige Tochter Julie wurde entführt, alle Suchaktionen waren vergebens, die Polizei hat den Fall längst zu den Akten gelegt. Acht Jahre später taucht plötzlich eine junge Frau auf und behauptet, die vermisste Tochter zu sein. Die Familie kann ihr Glück kaum fassen. Doch schon bald spüren alle, dass die Geschichte der Verschwundenen nicht aufgeht. Anna hegt einen furchtbaren Verdacht. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit über die junge Frau, von der sie inständig hofft, dass es ihre Tochter ist, die ihr gleichzeitig aber auch fremd erscheint und das gesamte Familiengefüge gefährlich ins Wanken bringt …

Good as Gone ist ein von Anfang an atemberaubend spannendes Buch darüber, wie wenig wir die kennen, die wir lieben. Amy Gentry spielt grandios mit verschiedenen Erzählperspektiven und führt die Leser auf zahlreiche falsche Fährten – bis zum fulminanten Finale.

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Seitenzahl: 440

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Buch

Ein jahrelanger Albtraum scheint für die Familie Whitaker endlich beendet: Anna und Toms Tochter Julie, die mit 13 Jahren entführt wurde,  steht als 21-Jährige plötzlich wieder vor ihrer Haustür in Houston, Texas. Endlich wieder vereint – die Familie kann ihr Glück kaum fassen. Doch schon bald spüren alle, dass die Geschichte der Verschwundenen nicht aufgeht. Julie lügt, verpasst Termine und schleicht mit unbekannten Absichten durch die Stadt. Als Anna dann von einem ehemaligen Polizisten geheime Informationen über den Entführungsfall erhält, hegt sie einen furchtbaren Verdacht. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit über die junge Frau, von der sie inständig hofft, dass es ihre Tochter ist, die ihr gleichzeitig aber auch äußerst fremd erscheint und das gesamte Familiengefüge bedrohlich ins Wanken bringt …

Autorin

Amy Gentry hat ihr Studium an der Universität von Chicago mit einem PhD abgeschlossen und lebt in Austin, Texas, wo sie englische Literatur an einer High School unterrichtet. Gleichzeitig arbeitet sie als freie Literaturkritikerin für die LA Review of Books und Chicago Tribune.  Good as Gone ist ihr erster Roman, der noch vor Erscheinen für riesiges Aufsehen sorgte und in über 20 Länder verkauft wurde.

Amy Gentry

GOOD AS GONE

Ein Mädchen verschwindet.Eine Fremde kehrt zurück.

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Astrid Arz

C. Bertelsmann

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Die Originalausgabe Good as Gone erschien 2016 bei Houghton Mifflin Harcourt, Boston New York.

Copyright © 2016 by Amy Gentry

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

beim C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: www.buerosued.de, München

Umschlagmotiv: plainpicture/Demurez Cover Arts/Sonja Losberg

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20493-8 V002 www.cbertelsmann.de

Für Curtis, den besten Menschen auf Erden

Prolog

Jane wachte auf und flüsterte: »Julie?«

Ringsum gähnende Leere. Jane schlief nun seit zwei Jahren in dem neuen Haus im eigenen Zimmer und träumte mittlerweile nicht mehr, dass der Deckenventilator aufs Bett fallen und sie zerstückeln würde. In den Schatten lauerten auch keine Spinnen mehr; bei Zehnjährigen muss man vor dem Einschlafen nicht mehr jede Ecke überprüfen. Nur ab und an, wenn sie mitten in der Nacht von etwas geweckt wurde, fehlten ihr in der Stille Julies leise Atemzüge. Im alten Haus hatte sie immer einen Fuß über das Geländer des oberen Bettes gehängt und gekichert, bis Julie pssst gemacht und schlaf weiter, Janie gesagt hatte. Jetzt kniff sie die Augen fest zu, bevor sie zu den finsteren Winkeln wandern konnten, wo Wände und Decke ineinander übergingen.

Das nächste Geräusch kam eindeutig aus Julies Zimmer.

Jane schlug die Decke zurück und setzte die bloßen Füße auf den Teppich. Im alten Haus war sie beim Aufstehen auf einen rutschigen Flechtteppich über glatten Holzdielen getreten. Jetzt berührten ihre Füße nahezu geräuschlos dichten Teppichflor, während sie zur Tür tappte und den dunklen Flur hinabspähte. Am Ende war unscharf der Umriss eines etwas helleren Rechtecks auszumachen – eine geschlossene Tür.

Sie schliefen selten bei geschlossener Tür: In Janies Zimmer wurde es zu heiß, in Julies zu kalt. Mom klagte über den schlechten Luftaustausch in doppelstöckigen Häusern, aber die Tür zum Elternschlafzimmer unten im Erdgeschoss blieb immer zu, weil Mom und Dad Erwachsene waren. Julie wollte das jetzt offenbar auch sein, seit sie dreizehn war, und schien ständig dafür zu üben: bürstete sich unendlich lange vor dem Badezimmerspiegel die Haare, als würde sie heimlich für ein Theaterstück proben, und saß an ihrem Schreibtisch, um Tagebuch zu schreiben, statt sich wie Jane bäuchlings auf dem Bett zu lümmeln. Und jetzt machte sie also die Zimmertür zu.

Ganz hinten im Flur zitterte das hellere Rechteck, bis sich an einer Seite ein dunkler Spalt auftat. Julies Tür wurde nach innen aufgezogen, von vier großen Fingern, die die Kante umfassten.

Noch ehe Jane einen klaren Gedanken fassen konnte, war sie in ihren Wandschrank geschlüpft, machte sich darin klein und zog die Tür hinter sich zu. Diese Finger – sie waren zu hoch oben am Türblatt gewesen, um zu Julie zu gehören, und zu groß für ihre Mutter. Ihrem Vater gehörten sie auch nicht, doch sie wusste nicht, wieso ihr das klar war, und das beunruhigte sie am allermeisten.

Ein kurzes scheußliches Klicken erinnerte sie daran, dass die Schranktür nie lange zublieb. Sie griff danach, aber zu spät: Die Tür glitt bereits langsam auf.

Jane kniff die Augen zusammen, während leise Sohlen über den Flur näher kamen.

Als sie wieder einen Blick riskierte, war die Schranktür von selbst keine zehn Zentimeter vom Rahmen entfernt stehen geblieben. Der schmale Streifen Flur, den sie aus ihrem Versteck sehen konnte, leuchtete fast vor der tieferen Schwärze im Schrank: Sie sah jede Faser im beigen Teppichboden, jede kleine Delle in der Wandfarbe und das gerahmte Fotostudioporträt im Flur, auf dem eine Jane von ganz früher auf dem Schoß einer Julie von ganz früher saß, in einem Babykleidchen mit aufgesticktem Segelschiff. Das Schiff zitterte auf seinen Garnwellen. Auch alles andere vibrierte. Die Schritte näherten sich Janes Zimmer.

Die laute Bodendiele mitten im Flur knarrte, und die Schritte hielten an. Der Besitzer der Hand war halb bis zu ihrem Zimmer gekommen. Konnte er das Knacken in ihren Ohren hören, jedes Mal, wenn ihr hämmerndes Herz das Schiffchen zum Zittern brachte? Jane widerstand dem Drang, sich tiefer in ihren Kleidern an den klappernden Bügeln zu verkriechen.

Da erschien ein schmaler Fuß auf dem Teppich, mit einem rosa Lackfleck am Nagel des großen Zehs, und Jane atmete auf. Es war bloß Julie. Vor ihrer Geburtstagsparty im Juni hatte sie den pinkfarbenen Lack eine Stunde lang sorgfältig auf ihre Zehennägel aufgetragen, doch im Hochsommer war das meiste davon am rauen weißen Boden des Swimmingpools abgeschabt, sodass sich nur diese kleinen dreieckigen Ränder gehalten hatten. Bei den Fingern hatte Jane sich also getäuscht, sich wieder Sachen eingebildet, wie mit den Spinnen in den Ecken. Na klar, da kam Julie ja schon ins Blickfeld, und ihr vertrautes Micky-Maus-Schlafshirt schlackerte ihr um die vertrauten Knie. Sie ging zur Treppe hinter Janes Zimmer, wahrscheinlich unterwegs in die Küche zu einem Mitternachtssnack. Janes eigenes dazu passendes Donald-Duck-Shirt war in einer braunen Tüte, aussortiert für den Wohltätigkeitsladen; sie war schon rausgewachsen. Mom sagte, eines Tages würde sie größer sein als Julie. Erleichtert schlang Jane die Arme um ihre Schlafanzugknie.

Doch da waren die Finger wieder, diesmal um Julies Schulter gekrallt, packten den Stoff ihres T-Shirts und klemmten ihre langen blonden Haare zwischen knubbeligen Knöcheln ein. Jane bekam gerade noch mit, wie stocksteif Julie ging, wie eine Puppe mit weit aufgerissenen Augen, bevor sie den großen fremden Mann sah, der direkt hinter ihr war. Wie in Zeitlupe bewegten sich Julie und der fremde Mann zusammen, so als wäre sein langer Arm mit der behaarten Hand eine Kette, die sie miteinander verband.

Wach auf, wach auf, wach auf, befahl Jane sich selbst, doch nichts geschah. Alles, auch sie, war erstarrt, wie in einem Traum; nur Julie und der Mann gingen weiter. Langsam, aber nicht erstarrt; langsam, aber schon fast an ihrem Zimmer. Jane wollte losschreien.

Da fiel Julies Blick auf sie.

Jane verschluckte ihren Schrei, als Julie direkt in ihr Versteck im Wandschrank sah. Sie erwiderte den Blick, flehte Julie stumm an, ihr zu sagen, was sie tun sollte, sie würde gehorchen: schreien, heulen oder vielleicht sogar lachen, falls das Ganze bloß ein Spaß war. Julie würde sie doch sicher nicht in diesem Albtraum alleinlassen. Wenn Julie ihr nur sagte, was zu tun war, gelobte sie sich selbst, würde sie ab jetzt immer auf sie hören und sich nie wieder beschweren.

Ohne den Kopf zu bewegen, zog Julie die Brauen hoch und wies mit den Augen auf den Mann hinter ihr, dann wieder auf Jane, wie um ihr zu sagen, sie solle ihn sich genau ansehen, aber Jane wollte nicht: lieber behielt sie Julie im Blick. Mädchen und Mann bogen auf dem Flur ab, ohne an ihrer Tür anzuhalten, und da sah Jane, warum Julie so steif ging: Der Mann hielt ihr die Spitze eines langen scharfen Messers an den Rücken. Jane spürte einen gemeinen Stich wie von einer Mücke zwischen den eigenen Schulterblättern, und Tränen schossen ihr in die Augen.

Sie hatten schon die Treppe erreicht, als es vom Dachboden her laut knackte. Jane wusste, es war nur das Holz, das arbeitete, doch der Mann blieb stehen und sah sich nervös um. In diesem Sekundenbruchteil drehte Julie, wie von einem Zauberbann befreit, den Kopf zu Jane, legte den Zeigefinger an die gespitzten Lippen zu einem lautlosen Pssst.

Jane gehorchte. Julie stieg die Treppe hinab, gefolgt von dem Mann mit dem Messer.

Und das ist, der einzigen Augenzeugin zufolge, die Geschichte, wie ich in einer Nacht meine Tochter – nein, meine beiden Töchter, einfach alles – verloren habe.

1

Julie ist seit acht Jahren fort, aber tot ist sie schon viel länger – seit Ewigkeiten. Ich trete in die schwüle Luft hinaus, um meine letzte Seminarstunde des Frühjahrssemesters zu halten. Mitte Mai ist es in Houston so schwül, als würde einem jemand seinen heißen Atem ins Gesicht blasen. Noch bevor ich die Haustür abgeschlossen habe, bildet sich ein feuchter Film zwischen Haut und Kleidern; fünf Schritte zur Garage, und jede noch so versteckte Körperstelle ist glitschig geworden. Als ich schließlich am Auto bin, läuft mir der Schweiß sogar zwischen die Finger, sodass mir der Thermobecher mit Kaffee beim Einsteigen in den Geländewagen fast entgleitet und heiße Tropfen herausspritzen. Ein paar landen auch auf meiner Hand, aber ich ignoriere den brennenden Schmerz und stelle die Klimaanlage an.

Jedes Jahr kommt der Sommer ein Ideechen früher.

Ich setze den Wagen zurück durch das eiserne Sicherheitstor, das wir einbauen ließen, als es schon zu spät war, und fädele mich auf Anliegerstraßen zum Zubringer und auf die Interstate 10 durch, wo sich massive Autobahnauffahrten aus Beton wie geriffelte Dinosaurierschwänze in den Himmel schwingen. Um acht Uhr, wenn die Hauptverkehrsadern in der Rushhour völlig verstopft sind, schleiche ich durch den vierzehnspurigen Verkehrsinfarkt, eine Landschaft aus glänzenden Motorhauben und roten Rückleuchten, die im diesigen Morgenlicht matt blinken.

Weil ich freie Sicht über die Autos brauche, steht der benzinsparende Prius in der Garage, während ich tagein, tagaus mit Toms Koloss von schwarzem Range Rover – nicht, dass er ihn brauchen würde – über drei verschiedene Freeways zur Universität und zurück fahre. Wenn ich im Schneckentempo dahinkrieche, kann ich die anderen Fahrer im Berufsverkehr vergessen und mich auf die abblätternden Buchstaben an den Betonvordächern von Ladenzeilen konzentrieren: BIG BOY DOLLAR STORE, CARTRIDGE WORLD, L-A HAIR. Das neonpinke Grinsen eines Tex-Mex-Restaurants, ein gelb-blaues IKEA-Ungetüm ragen hinter der Mautstraße auf, die gelbstichigen Backsteine von Apartmentanlagen, durch wuchernde Hecken aus Kräuselmyrten kaum vom Freeway abgeschirmt – alles erinnert mich daran, dass das Schlimmste bereits geschehen ist. Ich brauche das, wie meine Mutter ihren Rosenkranz brauchte. Gegrüßet seist du, Mister Carwash, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Bitte für uns, o Qwik-Fast-Copyshop. Heilige Mutter des Self-Storage, zu dir seufzen wir.

Selbst Julies Plakatwände sind weg. Genau hier war mal eine, an der Kreuzung zwischen der I-10 und der Umgehungsstraße 610, am Seniorenhochhaus, das zwischen Baptistenkirche und Betonüberführung eingepfercht ist, doch die Treuhänder haben vor fünf Jahren beschlossen, dass die Plakate weg sollten. Oder ist es noch länger her? Ich glaube, es wurde ihnen zu teuer, auch wenn ich nie wusste, was sie kosteten – der Julie-Fonds ist Toms Terrain. Heute strahlt das überdimensionale zahngeweißte Lächeln des Predigers einer Megakirche von der Plakatwand, neben den Worten STATT JEDERMANNSGLAUBEN: JEDEN TAG NEU GLAUBEN! Ich wüsste gern, ob sie ihn einfach direkt auf ihr Gesicht gepappt oder ob sie sie zuvor in Streifen heruntergerissen haben. Was für ein unsinniger Gedanke; seither war so vieles andere plakatiert. Zahnärzte, Vasektomie-Rückoperationen. Aus dem Seminarplan von heute geistert mir ein Vers von Wordsworth durch den Kopf: Wohin ist nun die Strahlung der Vision,/Wohin die Herrlichkeit des Traums entflohn?

Ich setze den Blinker und fädele mich auf die Umgehungsstraße ein. Trotz all der Jahre, in denen ich die Lyrik von Wordsworth gelesen und erforscht habe – obschon ich nun also gleich in einem Seminarraum voll formbarer junger Studenten darüber dozieren werde und das auch weiterhin vorhabe, solange meine Universität mich auf meinem Posten belässt, ohne Publikationen, Gremienarbeit oder sonstige Turnübungen zusätzlich zu der großen Überwindung, die es mich kostet, mich jeden Morgen aus dem Bett zu quälen und einer Welt zu stellen, in der meine schlimmste Befürchtung wahr geworden ist und ich dennoch irgendwie weiterlebe –, trotz alledem glaube ich weder an die Strahlung der Vision noch an den Traum. Sondern an Statistiken.

Statistiken besagen, dass die meisten entführten Kinder von Tätern verschleppt werden, die sie kennen; Julie wurde von einem Fremden entführt. Laut Statistik versuchen die meisten Kindesentführer, ihre Opfer in ein Fahrzeug zu locken; Julie wurde mitten in der Nacht mit vorgehaltenem Messer aus ihrem eigenen Zimmer entführt, während meine andere Tochter Jane in einem Schrank versteckt zusah. Und schließlich kommen statistisch gesehen drei Viertel aller entführten Kinder, die ermordet werden, in den ersten drei Stunden ihrer Entführung ums Leben. Wir nehmen an, dass Jane ziemlich genau drei Stunden lang im Wandschrank hockte, starr vor Schreck, bevor sie Tom und mich mit panischem Schreien weckte.

In dem Moment, in dem wir Julies Verschwinden bemerkten, war ihr Schicksal bereits besiegelt.

Die Unerbittlichkeit hat sich auf alles übertragen, wie eine ansteckende Krankheit oder wie Benzingestank. Um mir selbst einzubläuen, dass Julie tot ist, sage ich mir, dass sie es schon immer war: schon vor ihrer, schon vor meiner Geburt. Bevor Wordsworth zur Welt kam. Wenn ich an den Kiefern des Memorial Parks vorbeikomme, stelle ich mir vor, wie sie unter einer Decke rötlich-goldener Nadeln mit leerem Blick nach oben starrt. Wenn ich am Crestview-Wohnkomplex vorbeifahre, sehe ich sie im Azaleenbeet begraben liegen. Die Ladenzeile mit dem SunRay Nagelstudio und Spa ruft vor meinem inneren Auge Bilder vom Müllcontainer hinter dem SunRay Nagelstudio und Spa auf. Das ist meine Vision, mein Traum.

Früher wollte ich die ganze Welt für Julie. Jetzt will ich nur etwas zum Bestatten.

Mein Seminar – das letzte vor den Sommerferien – verstreicht wie auf Autopilot. Wordsworth könnte ich im Schlaf herbeten, und auch wenn ich jetzt wach bin, träume ich vor mich hin. Ich sehe den kristallblauen Pool, glitzernd wie ein Juwel, umgeben von einem frisch abgeschliffenen Sonnendeck unter hohen, hageren Kiefern. Die Mädchen waren völlig aus dem Häuschen wegen dieses Pools, und ich weiß noch, wie ich Tom, den Buchhalter, gefragt habe, ob wir ihn uns wirklich leisten konnten. Der gehobene Stadtteil Energy Corridor mit seinem Mehrwert an Starbucks und gut erreichbaren Country Clubs war eigentlich nicht unser Stil – vor allem nicht meiner. Aber die Mädchen fanden den Pool toll, sogar noch toller, als eigene Zimmer zu bekommen. Sie hatten nichts daran auszusetzen, dass wir aus einer schäbigen, von der Universität zu Verfügung gestellten Dienstwohnung in eine noble Wohngegend der Einfamilienhäuser mit Doppelgaragen und grünen Rasen zogen, bestückt mit Schildern zur Unterstützung von Highschool-Footballteams. Wir hatten verschiedene Gründe dafür, aber natürlich wollen alle nur hören, dass es uns sicherer schien.

»Das war’s für heute. Und nicht vergessen, Abgabetermin für Ihre Seminararbeiten ist der achtundzwanzigste, in meinem Postfach, spätestens fünf Uhr.« Als ich bei »einen schönen Sommer noch« angelangt bin, sind die meisten schon zur Tür raus.

Ich gehe über den Flur zu meinem Büro und spüre ein leises Vibrieren an der Hüfte. Eine SMS von Tom.

Kannst du Jane abholen? IAH 4:05, United 1093.

Ich lege das Handy weg, setze mich an meinen Computer und googele »universität washington akademischer terminkalender«. Dann sehe ich im Telefonverzeichnis nach, rufe eine Verwaltungsangestellte der Uni Washington an, mit der ich auf der Graduiertenschule war, und unterhalte mich kurz mit ihr.

Ich schreibe Tom zurück: Soll ich auch Abendessen holen?

Ein paar Minuten später: Nee.

Mehr haben wir beide uns offenbar nicht dazu zu sagen, dass Jane kurz vor dem Ende ihres ersten Studienjahrs nach Hause kommt.

Zurzeit ist es eine Kunst für sich, Jane in einer Menschenmenge zu erkennen. Man weiß nie, welche Farbe ihre Haare gerade haben. Ich warte in der Nähe von Gepäckkarussell neun, bis sich ein großes Mädchen mit schwarz-burgunderrotem Schopf aus dem Passagierknäuel löst. Nur eine ausgebleichte grüne Stirnlocke hat die letzte Färbeaktion unversehrt überstanden und baumelt ihr nun vor den Augen.

»Hi, Mom.«

»Hallo, Jane.« Wir umarmen uns, ihre schwere Büchertasche schlägt gegen meine Hüfte, als sie sich vorbeugt, und dann erzittert das leere Gepäckförderband mit einem kreischenden Geräusch, nach dem wir uns beide umsehen, während ich mir strikt verbiete, sie nach ihrem vorgezogenen Besuch auszufragen.

»Du hast die Haare wieder anders«, stelle ich fest.

»Jap.«

Alles, was Jane sagt oder tut, ist eine Variation des Türenknallens, das sie in der Mittelstufe zu ihrem Markenzeichen erhob, ein paar Jahre nach Julies Entführung. Auf der Highschool nahm sie zusätzlich laute Musik, gefärbte Haare und das eine oder andere Piercing ins Repertoire auf, doch das Türenknallen war und blieb die Hauptattraktion ihrer Auftritte. Tom folgte ihr dann immer pflichtschuldigst die Treppe rauf, wo er das Schluchzen und Schreien über sich ergehen ließ, das nur in gedämpfter Lautstärke zu mir durchdrang. Ich ließ ihr lieber ihre Ruhe.

»Hattest du einen guten Flug?«

»War okay.«

Lang war er. Ich habe Jane im Verdacht, dass sie sich hauptsächlich wegen der Entfernung von Houston für die Uni Washington entschieden hat. Als kleines Mädchen hat sie gesagt, sie wolle dort zur Uni gehen, wo ich unterrichte, doch damit war es etwa um die Zeit vorbei, als es mit dem Türenknallen losging. Sie hätte in Alaska enden können, wenn sie nicht auf einer Uni mit Quartalen statt Semestern bestanden hätte – auf jedes nur erdenkliche Unterscheidungsmerkmal kam es an. Sicher, alles typisches Teenagerverhalten, doch bei Jane nahm es eine besondere, verquere Bedeutung an, wie auch der Umstand, dass sie jetzt laut der Dame im Prüfungsbüro keins ihrer Frühjahrs-Module vollständig abgeschlossen hat.

Und das, nachdem sie ein ganzes Jahr ununterbrochen in Seattle geblieben ist. Thanksgiving machte mir nicht viel aus, Studenten im Quartalssystem lassen das meistens ausfallen, weil die Uni im Herbst so spät anfängt. Doch als sie uns Mitte Dezember am Telefon schonend beibrachte, dass sie noch dabei sei, sich einzuleben, dass eine Professorin sie zu einem Weihnachtsessen eingeladen habe, dass unsere Familie doch sowieso nie so richtig Weihnachten feiere, oder?, und dass sie das Gefühl habe, es täte ihrer Entwicklung zur Selbstständigkeit gut, zu bleiben, konnte ich förmlich hören, wie Tom, der an seinem Anschluss mithörte, das Herz brach. Ich überspielte sein Schweigen mit der einzig vernünftigen, wenn nicht einzig möglichen Antwort: »Du wirst uns natürlich fehlen, aber wir haben Verständnis dafür.«

Jetzt kommt es mir so vor, als sei die ganze Weihnachtssache noch so eine zugeknallte Tür gewesen, auf die ich nicht angemessen reagiert habe.

»Und«, setze ich erneut an. »Gefällt’s dir noch an der Uni?«

»Go Huskies«, imitiert sie den Washingtoner Schlachtruf mit schlaffer Siegerfaust. »Klar, Mum. Seit unserem letzten Telefonat hat sich eigentlich nichts geändert.« Die ersten Gepäckstücke fallen aufs Band, und wir beugen uns beide vor.

»War die Jacke warm genug für Januar da oben? Wintersachen sind gerade herabgesetzt, wir könnten shoppen gehen.«

Sie zupft verlegen an dem Parka, den sie trägt, seit sie sechzehn ist. »Der hier geht schon klar. Ich hab euch doch gesagt, so furchtbar kalt wird’s da gar nicht.«

»Alles gut mit deinen Seminaren?«

»Ja«, sagt sie. »Warum?«

»Ich frag ja nur.«

»Eigentlich läuft’s sogar richtig gut«, sagt sie. »Und zwar so gut, dass meine Profs mich Hausarbeiten einreichen lassen, als gleichwertige Prüfungsleistung statt Klausuren.«

Gleichwertige Prüfungsleistung! Wenn sich das nicht amtlich anhört. Ich frage mich, wie sie sie dazu gebracht hat, ihr einen zweiten Prüfungsversuch einzuräumen, statt sie durchfallen zu lassen. Meine Studenten sagen normalerweise einfach »Notfall in der Familie« und bauen darauf, dass ich nicht weiter nachhake.

Vorsichtig frage ich: »Gibt’s das öfter an der U-Dub?«

»Mom«, sagt sie. »Sag einfach ›University of Washington‹.«

Ich drücke kurz ihre Schulter. »Wir freuen uns so, dass du zu Hause bist.« Ich lasse den Arm wieder sinken, und wir starren Seite an Seite den glänzenden Metallschacht an, bis die Hälfte ihrer Mitreisenden ihr Gepäck heruntergeholt und weggerollt hat und sich das Rattern des Förderbands wieder lauter anhört. Schließlich purzelt Janes Rollkoffer den Schacht hinab und landet mit einem Plumps vor uns auf dem Band. Er war ein Geschenk zum Schulabschluss – apfelgrün und schon abgenutzt von seinem Jungfernflug nach Seattle und zurück, sodass er fast Ton in Ton ist mit ihrer grün gefärbten Strähne. Sie schnappt ihn sich vor mir, doch als sie nach den automatischen Schiebetüren stehen bleibt, um sich in dem schwülen Luftstoß, der uns draußen entgegenschlägt, aus dem Parka zu schälen, überlässt sie mir ihre Büchertasche.

»Ich merke, wir sind schon im Tropen-Modus.«

»Willkommen zu Hause«, gebe ich zurück und werde mit einem halbherzigen Lächeln belohnt.

Die Autofahrt wird dann wieder heikler. Obwohl ich selbst so viel Zeit an einer Universität zubringe, tappe ich bei ihrem Collegeleben im Dunkeln.

»Wie ist das Wohnheim?«

»Ganz gut.«

»Findest du deine Zimmergenossin noch nett?«

»Sie ist in Ordnung. Wir gehen uns aus dem Weg.«

»Wirst du nächstes Jahr wieder mit ihr zusammenwohnen?«

»Wohl eher nicht.«

Schließlich rette ich mich zu einem Thema, das bestimmt mehr hergibt, obwohl es schmerzhaft für mich ist. »Dann erzähl mir mal von dieser Anglistik-Professorin, bei der du zum Weihnachtsessen eingeladen warst.«

»Sie heißt Caitlyn und ist eigentlich Semiotik-Professorin.«

Caitlyn. »Ich hab nicht gewusst, dass an Anglistik-Instituten noch Semiotik gelehrt wird.«

»Das Seminar heißt ›Intersektionalitäten‹. Es gehört zur Anglistik, wird aber von der Linguistik, der Genderforschung, den Ethnologen und den Anthropologen gleichzeitig angeboten. Es gibt alle möglichen Zugangsvoraussetzungen, aber ich bin einfach am ersten Tag in Caitlyns Sprechstunde aufgetaucht und hab sie überredet, mich aufzunehmen.«

Mich packt unwillkürlich der Stolz. Als echte Professorinnentochter kennt Jane alle Schliche. Außerdem ist dies die längste zusammenhängende Wortfolge, die ich seit Ewigkeiten ohne Tom in der Nähe aus ihrem Mund vernommen habe. »Erzähl mir mehr darüber, was habt ihr gelesen?«

»Ich glaube, damit warte ich lieber, bis Dad auch dabei ist«, sagt sie.

»Aber sicher«, erwidere ich.

»Ich möchte nicht alles zweimal erzählen müssen.«

»Klar, Liebes.«

Ich stelle das Radio an, einen nicht-kommerziellen Sender, und der gemessene, tröstliche Klang von Nachrichtenkommentaren zur Rushhour erfüllt das Auto, während wir an einem Schießstand und an einer Turnhalle vorbeischleichen, wo ein Trainer vielleicht eben gerade auf eine Schar junger Kunstturnerinnen mit Pferdeschwänzen einbrüllt. Jane starrt aus dem Fenster. Wahrscheinlich fragt sie sich, warum nicht Tom sie abholt, sondern ich. Das wüsste ich auch gern.

Wenig später wird es uns beiden klar. Als wir in die Auffahrt einbiegen und am Himmel gerade das erste Abendrot aufzieht, sehe ich Tom durchs Küchenfenster, wie er das Abendessen zubereitet. Ich öffne die Hintertür und gehe rein, da schlägt uns beiden der leckere Geruch von Janes Lieblingspasta entgegen: Fettuccine Alfredo mit panierten Shrimps und gebratenem Spargel, ein absurd dekadentes Rezept, das Tom aus einer Fernseh-Kochshow hat und nur zu besonderen Anlässen zubereitet. Zum Ausgleich steht ein frischer Blattsalat in einer Schüssel neben dem Schneidbrett und wartet darauf, zum bunten Keramikgeschirr auf den Esszimmertisch gestellt zu werden.

»Janie!« Tom macht mit ausgebreiteten Armen einen Schritt auf sie zu, und Jane umarmt ihn stürmisch und drückt sich ihm mit geschlossenen Augen an die Brust. Ich verschwinde ins Bad, dann ins Schlafzimmer, um meine Seminarkleidung gegen eine bequemere Jeans zu wechseln, und vertrödele ein paar Minuten damit, zusammengelegte Wäsche aus einem Korb am Fußende des Bettes einzuräumen. Als ich wiederkomme, unterhalten sie sich angeregt; während Tom Tomaten einer alten Sorte für den Salat schneidet, trommelt Jane mit den Fingerspitzen auf der Echtholz-Arbeitsplatte herum, als spielte sie Klavier.

»Dad, du glaubst es nicht, mit was für Begriffen die Leute in dem Seminar um sich geschmissen haben«, sagt sie. »Derrida, all so was. Alle waren so viel schlauer als ich.«

»Hey, sie hat dich reingelassen, und sie ist die geniale Mac-Arthur-Stipendiatin.«

»Jedes Mal, wenn ich den Mund aufgemacht hab, ist schwachsinniges Zeug rausgekommen.«

»Immerhin hast du den Mund aufgemacht«, sagt er und lässt das Messer kurz ans Schneidbrett gelehnt ruhen, während er ihr in die Augen sieht. »Wetten, andere haben sich nicht getraut, überhaupt was zu sagen.«

Janes dankbares Lächeln, das ich über Toms Schulter eben noch sehen kann, lässt mich wie Milch gerinnen. Als könnte er es spüren, dreht Tom sich um und sieht mich da stehen. Er wirft die gewürfelten Tomaten auf das Grünzeug und nimmt die Salatschüssel in die Hand.

»Alles fertig!«, sagt er. »Schnapp dir die Pasta, Jane. Kommt, Zeit für das erste Familienessen seit Ewigkeiten.«

Und genau in dem Moment klingelt es doch tatsächlich an der Tür.

2

Das Erste, was ich sehe, ist ihr helles Haar, ganz ins schmutzig rosa Licht eines Houstoner Sonnenuntergangs getaucht.

Dann ihr Gesicht: fahle Haut, die sich über breiten Wangenknochen spannt und dort gerötet ist, was die dunklen Ringe unter den eingefallenen grauen Augen betont. Ein Gesicht, das jung und alt zugleich aussieht. Sie hat eine verschlissene Jeans an mit Löchern an den Knien, ein T-Shirt. Sie öffnet den Mund, will etwas sagen, und mein Blick fällt auf ihre bloßen Füße.

Sie kommt mir irgendwie bekannt vor, aber mir ist, als sei mein Körper völlig mit der Umgebung verschmolzen, mein Hirn so neu verkabelt, dass es blind tastenden Händen gleicht und meine Sinneseindrücke vergeblich nach Anschluss suchen: Haare. Augen. Jung. Barfuß.

Ihre Augen weiten sich, und die Farbe weicht aus ihrem Gesicht.

Mit weit gespreizten Fingern strecke ich beide Hände aus, wie um mich vor dem atomaren Abendrot zu schützen oder um meinen Sturz aufzuhalten, doch dann fällt das Mädchen auf der Veranda, die Knie geben unter ihm nach, und es sackt auf die Fußmatte, wobei sich das blonde Haar leicht im Rhododendron verfängt. Ich rufe wohl nach Tom, auch wenn ich nichts höre, weil mein Hirn noch betäubt ist vom Licht des Sonnenuntergangs, das von ihrem Gesicht zurückstrahlt. Er kommt angelaufen, hält kurz inne, dann stürmt er auch schon zur Tür hinaus auf sie zu. Beim nächsten Hinsehen ist sie beinahe in seinen Armen verschwunden, ihre wirren, verfilzten Haare zwischen seinen Fingern, während er sie an die Brust drückt, sie in den Armen wiegt. »Julie, Julie, Julie«, schluchzt er, wie der Refrain meiner Albträume, die, das wird mir jetzt klar, nie aufgehört haben, sondern seit acht Jahren Nacht für Nacht abliefen, und vielleicht auch alle Tage, in einer Endlosschleife, die ich bewusst ausgeblendet habe.

Der Anblick von Jane, die reglos im Flur steht, bringt mich wieder zur Besinnung. »Wähl den Notruf«, bringe ich mühsam heraus. »Sag, wir brauchen einen Krankenwagen.« Und zu Tom, der seltsam tierische Trauerlaute ausstößt, wie ich sie auch aus meinen Träumen kenne: »Bring sie rein.«

Und damit wird das Schlimmste einfach so ungeschehen gemacht: Julie ist wieder zu Hause.

Die ersten vierundzwanzig Stunden nach Julies Rückkehr sind den ersten vierundzwanzig Stunden nach ihrem Verschwinden seltsam ähnlich, eine spiegelverkehrte Symmetrie, die jeder Kleinigkeit besondere Bedeutung verleiht. Da ist die Schwüle zu Beginn eines langen heißen Sommers; die Kräuselmyrte, die ihre Blütenblätter verlor, als Julie damals im frühen Herbst entführt wurde, steht nun kurz davor, ihre neuen Blüten zu entfalten, die aussehen wie zerknüllte Fetzen Seidenpapier. Die Sirenen, die sich durch die Nachbarstraßen bis zu unserem Haus durchheulen, genau wie beim letzten Mal, nur diesmal mit dem Rettungsdienst, nicht der Polizei, und bei Sonnenuntergang statt Sonnenaufgang, sodass die Nachbarn, die neugierig die Haustür öffnen, jetzt in Arbeitskleidung statt im Bademantel sind, mit Topfhandschuhen statt Zeitungen in Händen. Alles ist verkehrt herum, wie das Fotonegativ einer Tragödie.

Nur einer von uns darf mit Julie im Krankenwagen fahren, und da Tom sofort vortritt, folgen Jane und ich ihnen im SUV. Als wir vor der Notaufnahme halten, laden sie ihre Trage aus, jetzt verbunden mit einem fahrbaren Tropf, und sie wird hinein und in ein durch Vorhänge abgetrenntes Abteil geschoben, alles in dieser quälenden Kombination von Langsamkeit und Dringlichkeit, wie sie Notaufnahmen zu eigen ist.

Die nächsten dreißig Minuten vergehen wie Stunden unter den Neonröhren. Julie wacht auf, nuschelt etwas, schläft wieder ein. Tom sitzt am Bett, hält ihre Hand und murmelt Unverständliches; ich gehe auf und ab; Jane steht an die Wand gelehnt herum; Krankenschwestern tauchen in unregelmäßigen Abständen auf und gehen wieder, teilen uns nie auch nur das Mindeste mit, sondern fragen uns aus nach Julies Versicherungsstatus und Krankengeschichte – Fragen, die mir so nutzlos und überflüssig scheinen, dass ich überzeugt bin, einige dieser Leute kommen lediglich, um das berühmte Whitaker-Mädchen mit eigenen Augen zu sehen. Eine Krankenschwester rückt an, um ihr Blut abzunehmen, und Julie wird wach von dem kalten nassen Tupfer in der Armbeuge, behält die Augen lange genug auf, um die munteren Fragen der Schwester mit vagem Nicken zu beantworten, und wird nach dem Einstich gleich wieder bewusstlos. Der Vorhang, der uns vom Gang trennt, flattert, wenn Leute vorbeieilen, und tut nichts dazu, die Kakofonie aus quietschenden Rädern, unverständlichen Lautsprecherdurchsagen und von lautem Seufzen und sporadischem Gelächter durchsetzten Unterredungen draußen auszusperren.

Als die Ärztin endlich kommt, schickt sie entgegen Toms und meiner Proteste alle raus.

»Ich brauche sie nur zwei Sekunden«, sagt sie. »Sie, die Eltern, halten sich bitte in der Nähe.«

Selbstverständlich machen wir nichts anderes, aber Jane nutzt die Gelegenheit, zur Toilette zu gehen. Nach einem gedämpften Gespräch, das ich vergeblich zu belauschen versuche, kommt die Ärztin heraus, und im Hintergrund sehe ich kurz Julie, wach, aber schlapp und verwirrt, bevor der Vorhang wieder zugezogen wird. Julie ist dehydriert, erklärt uns die Ärztin, erschöpft und mitgenommen und hat seit ein paar Tagen nichts gegessen, doch es liegen keine Verletzungen oder Krankheiten vor, nichts Alarmierendes in ihrem Blutbild. »Sobald die Infusionslösungen anschlagen, wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach wieder völlig auf dem Damm sein.« Ihre Wortwahl beweist entweder, dass sie unmöglich das Krankenblatt gelesen haben kann oder dass sie noch nie Nachrichten gesehen hat oder von ihrem Beruf so abgestumpft ist, dass ihr die Kraft fehlt, über eine Floskel hinauszudenken, die in ihrem Kopf untrennbar mit dem Begriff »Infusionslösungen« verknüpft ist. »Bringen Sie sie einfach in ein paar Wochen zur Nachuntersuchung in die Klinik. Man wird ihr einen Termin geben, wenn sie entlassen ist.«

Als wir uns wieder zu Julie hineinquetschen, klopft jemand an die Wand, und ein Kripobeamter zieht den Vorhang einen Spalt weit auf und betritt das überfüllte Kabuff. Vor uns steht ein Mann um die vierzig, dunkelhaarig und einem Fernsehkommissar nicht unähnlich, wenn auch weit weniger attraktiv. Er lässt den Vorhang einen Spaltbreit offen und starrt Julie von der behelfsmäßigen Türöffnung aus an.

»Julie Whitaker«, sagt er. »Kaum zu glauben.«

Julie beachtet ihn nicht, sondern lässt sich beim Anblick von Tom und mir ins Kissen zurücksinken und weint tränenlos. Tom eilt zu ihr, um sie in die Arme zu schließen. Als die Ärztin meinen Gesichtsausdruck sieht, sagt sie noch rasch, dass sie Julie in ein Zimmer mit Tür verlegen werden, sobald eins frei wird, und eilt dann davon. Der Polizeibeamte stellt sich als Detective Overbey vor und fängt an, mich nach den Umständen von Julies Ankunft zu befragen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen wiedergebe, wenn man bedenkt, dass sie nach allem, was ich weiß, direkt dem orange glühenden Sonnenuntergang oder der Stirn eines Gottes entstiegen oder aus der Rippe eines schlafenden Mannes geformt worden sein kann. So unwichtig erscheint mir die Frage, wie sie zu uns gelangt ist.

Im Hintergrund höre ich Tom immer wieder sagen: »Jetzt bist du in Sicherheit. Alles wird gut. Die Ärztin sagt, du kommst wieder in Ordnung.« Das sagt er ebenso zu sich selbst wie zu ihr, und obwohl die Worte nicht mir gelten, sind sie so tröstlich, dass ich mich dadurch von Detective Overbeys Fragen ablenken lasse.

Was ihm nicht entgeht. »Ich würde gern ein paar Minuten mit Julie allein reden.«

»Nein«, sagt Julie und packt Toms Arm, während sie mich ansieht. »Geh nicht.«

»Es dauert nicht lange.«

Tom steht direkt vor Julies Bett. Er ist ein großer, breiter Mann, selbst mit Bäuchlein stattlich. »Kommt nicht infrage. Wir haben sie vorhin schon alleingelassen, mit der Ärztin. Noch mal machen wir das nicht.«

Die beiden Männer wechseln hitzige Worte, und das kleine abgetrennte Abteil schrumpft noch mehr. Schließlich wendet sich Detective Oberbey direkt an Julie, ohne weiter auf Tom zu achten. »Ich weiß, dass es Ihnen nicht gut geht, Ma’am, und ich störe Sie gerade jetzt wirklich nur ungern«, sagt er. »Aber ich muss wissen, ob Sie sexuell missbraucht wurden.«

Julie sieht den Detective nur an und nickt. Tom spannt die Kiefermuskeln an, aber ich bin in diesem Moment nur erleichtert, dass Jane noch nicht von der Toilette zurück ist.

Detective Overbey erklärt uns, dass eine auf forensische Untersuchungen an Opfern von Sexualdelikten spezialisierte Krankenschwester benötigt wird. »Wir müssen etwaige Missbrauchsspuren sichern. Eine Krankenschwester ist schon unterwegs«, sagt er. »Sie müsste bald hier sein, um das Untersuchungszimmer herzurichten. Sobald Sie vom Tropf sind, kann sie anfangen.«

Julie schüttelt ablehnend den Kopf, und Tom tritt vor, offenbar wild entschlossen, sie mit Fäusten zu verteidigen.

Detective Overbey, ebenso achtunggebietend, lässt sich nicht einschüchtern. »Bei Spuren von sexueller Gewalt muss das gerichtsmedizinisch …«

»Hören Sie«, sagt Tom und zeigt mit dem Finger auf den Detective, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Wir haben vom ersten Tag an alles gemacht, was Sie von uns verlangt haben, und nie auch nur eine unerwünschte Frage gestellt. Acht Jahre später, nachdem wir …« Seine Stimme wird brüchig. »Nachdem Jahre vergangen sind, ohne dass wir irgendwelche Neuigkeiten erfahren haben, taucht unsere vermisste Tochter an unserer Haustür auf, was nicht Ihr Verdienst ist. Und jetzt wollen Sie sie die ganze Nacht wachhalten und verhören, sie einer solchen Tortur unterziehen? Wir kommen morgen aufs Revier.«

Detective Overbey setzt zu einer Erwiderung an, doch ein schwaches Geräusch aus Julies Bett hält ihn davon ab.

»Das letzte Mal ist schon … lange her«, sagt sie leise. »Mindestens sechs Monate.«

Detective Overbey seufzt, als sei die Nachricht, dass unsere Tochter seit einem halben Jahr nicht vergewaltigt wurde, zwar enttäuschend, aber hinnehmbar. »Na gut. Wir empfehlen Ihnen immer noch, zur Untersuchung wiederzukommen, aber aus gerichtsmedizinischer Sicht besteht kein Grund zur Eile. Ruhen Sie sich erst mal aus, und wir nehmen morgen im Revier Ihre vollständige Zeugenaussage auf.«

Ein schwaches Nicken von Julie. Tom sackt nach vorn, die Hände auf den Knien.

Jane kommt wieder rein, ein Trinkpäckchen in der Hand. Sie muss es im Schwesternzimmer bekommen haben. Als sie bemerkt, dass Julie wach ist, lächelt sie ihr schüchtern zu und sagt: »Willkommen zurück.«

Sechs Stunden später, mitten in der Nacht, wird Julie entlassen, nicht mehr dehydriert und im Patientenhemd statt speckigem T-Shirt und Jeans, die die Polizei als Beweismaterial beschlagnahmt hat. Sie stützt sich auf Toms Arm, während ich alles in meine Handtasche packe: Antibiotika gegen Geschlechtskrankheiten, ein Valium-Rezept, falls sie Schlafstörungen hat, und eine prall gefüllte Sammelmappe mit Broschüren über sexuellen Missbrauch sowie Telefonlisten mit Opferberatungsstellen der Houstoner Polizei und etlichen Frauenhäusern. Auch die Visitenkarte des Detective befindet sich darin, auf der vorderen Umschlagklappe in vier Schlitze gesteckt, damit sie nicht verloren geht, doch ich nehme sie an mich und stecke sie in die Gesäßtasche meiner Jeans.

Tom fährt uns nach Hause. Julie schläft auf dem SUV-Rücksitz mit dem Einwegkissen, das sie ihr gelassen haben. Jane, die im Krankenhaus eine ganze Menge geschlafen hat, starrt sie jetzt still an. Niemand sagt etwas – nicht nur, weil wir Julie nicht wecken, sondern auch, weil wir selbst nicht aufwachen wollen. Oder vielleicht geht es nur mir so.

Mitternacht ist lange vorbei, als wir die Hintertür öffnen und nacheinander durch die Waschküche in die Küche gehen. Es kommt einem vor wie das Haus einer fremden Familie, an einem ganz normalen Tag konserviert, ein Museum des Alltäglichen: Über der Waschmaschine ist eine Bluse zum Trocknen aufgehängt; auf dem Schneidbrett liegt das Messer, an dem noch Tomatenreste hängen. Durch die Esszimmertür ist Janes aufwendig zubereitetes Willkommensessen verlassen auf dem Tisch zu sehen, der Salat welk, die Panade der gebratenen Shrimps matschig, die Soße auf den kalten gummiartigen Nudeln geronnen. Während die anderen durch die Küche ins Wohnzimmer tapern, schnappe ich mir hastig die Teller und werfe die Nudeln in den Müll. Es dauert nicht lange, und die Beweise unseres Weiterlebens stapeln sich in der Küchenspüle.

Ich gehe zu den anderen ins Wohnzimmer, und da stehen Julie, Jane und Tom verlegen um das Sofa herum, wie beim Übernachtungsbesuch einer entfernten Verwandten. Tom, ganz rot im Gesicht, schüttelt den Kopf, und als ich merke, worüber sie beraten, scheinen meine Bemühungen in der Küche sinnlos.

Tom hat sein Büro vor sieben Jahren in Julies Zimmer verlegt, ohne es vorher mit mir zu besprechen. So wie er mir auch nichts davon sagte, dass er seine Stelle als Buchhalter kündigen wollte, wegen der wir überhaupt in den Energy Corridor gezogen waren, und sich als Steuerberater selbstständig machen würde. Eines Tages ging ich an ihrem Zimmer vorbei und sah, dass es in einen sorgfältig gepflegten Schrein verwandelt worden war, mit einem Schreibtisch und Aktenschrank, wo zuvor ihr Bett gestanden hatte, und gerahmten Fotos von Julie statt Postern an den Wänden. Da verstand ich, auch ohne dass wir ein Wort darüber verloren, dass dieses neue Büro seine Kommandozentrale für die Suche war, dass er aus seiner Sehnsucht nach ihr eine Vollzeitbeschäftigung machte. Erst jetzt, da Julie vor uns steht, hat es etwas von Exorzismus.

»Das Sofa reicht mir völlig«, sagt Julie.

»Sie kann mein Zimmer haben«, beteuert Jane, die sich immer noch ein wenig im Hintergrund hält, als habe sie Angst, zu nah zu kommen. Verlegen den einen Ellenbogen umklammernd, sieht sie ihrem früheren Ich mit zehn Jahren ähnlicher, als ich für möglich gehalten hätte, obwohl mir schmerzlich bewusst wird, dass sie fast eine Handbreit größer als Julie ist. Jane starrt Julie an, nicht gierig wie Tom, der aussieht, als wollte er sie nie wieder aus den Augen lassen, sondern eher wachsam. »Es macht mir nichts aus.«

»Nein, wirklich«, sagt Julie. »Ich will niemandem das Zimmer wegnehmen.«

Plötzlich möchte ich sie am liebsten zwischen Tom und mich ins Bett legen, wie damals mit sieben, als sie Fieber und Schüttelfrost hatte. Freilich wäre das nicht machbar, und unterdessen umschließt uns das Wohnzimmer wie ein gähnendes Maul, mit dunklen Fenstern hinter den Gardinen.

»Tom, die Luftmatratze?«, schlage ich vor. »Darauf könnte sie erst mal in ihrem Zimmer schlafen, bis wir deinen Schreibtisch rausstellen.«

»Eine richtige Tür wär super«, sagt sie, und damit ist es entschieden. Sie hat weder Kulturbeutel noch sonstiges Gepäck, und niemand will nach dem Grund fragen, also gibt Jane ihr ein T-Shirt und Shorts zum Schlafen, und ich suche eine noch verpackte Zahnbürste heraus. Als wir nicht mehr geschäftig zugange sind, verschwindet Julie hinter der Tür zu Toms Arbeitszimmer wie die Sonne hinter Wolken. Ich frage mich, ob die vielen Fotos von ihr dort drin sie trösten oder eher beunruhigen werden.

Als wir auch Jane gute Nacht gesagt haben, mit vielen Umarmungen und Versicherungen, es liege ganz bei ihr, ob sie morgen früh mit uns zum Revier fahren wolle, ist es nach drei Uhr morgens. Die Schlafzimmertür schließt sich, und die Beine wollen unter mir wegsacken, aber zugleich fühle ich mich so wach wie schon lange nicht mehr. Meine Gedanken überschlagen sich nicht direkt, kullern aber umeinander und stupsen sich gegenseitig an, als ich mich im Bad bettfertig mache.

Tom ruft »Anna?« in einem Tonfall, der darauf schließen lässt, dass es der zweite oder dritte Versuch ist. Als ich aus dem Bad komme, liegt er bereits im Bett und sieht mich erwartungsvoll an.

Statt mich nach seinem Anliegen zu erkundigen, spreche ich zu meiner eigenen Überraschung laut aus, was mir gerade durch den Kopf geht: »Was sollen wir machen?«

»Sie ist wieder da«, sagt er. »Wir müssen gar nichts mehr machen.«

Ich schlüpfe aus der Jeans, behalte das T-Shirt zum Schlafen an.

»Sie ist wieder da«, wiederholt er, bockig wie ein Kind.

»Wir wissen nicht, was sie durchgemacht hat.« Ich denke an die Visitenkarte des Detective in der Gesäßtasche meiner Jeans, die ich an die Innenseite der Wandschranktür hänge. »Wir müssen vorsichtig sein.«

»Wir hätten damals vorsichtiger sein müssen.« Seine Stimme überschlägt sich ein wenig.

Ich trete aus dem Wandschrank. »Sie könnte sich … verändert haben.«

»Haben wir das nicht alle«, sagt Tom. Eine lange Pause entsteht. »Du hast nicht geglaubt, dass sie jemals zurückkehrt.«

Ich setze mich auf die Bettkante, spüre seinen bohrenden Blick im Hinterkopf und schließe die Augen, lasse den Vorwurf sacken.

Dann drehe ich mich zu ihm um. »Ich hab nicht geglaubt, dass wir sie finden würden«, sage ich im Vertrauen darauf, dass er den Unterschied versteht.

Er antwortet nicht. Doch als ich mich vorbeuge, um meine Nachttischlampe auszuknipsen, spüre ich, wie sich etwas verlagert, ein winziger Hauch Nachtluft zwischen uns durchzieht, wie wenn ein Luftstoß durch einen Spalt in der Wand weht. Er dreht sich auf seine Seite, weg von mir, aber etwas an diesem Wortwechsel erinnert mich an unsere Ehe, wie sie früher war, die Streitereien, die nur hochkochten, wenn wir beide im Bett waren. Wie bereitwillig wir uns damals auf jede Auseinandersetzung einließen, in der Gewissheit, dass wir am nächsten Morgen immer noch nebeneinander aufwachen würden.

Jetzt, während ich Toms Rücken betrachte, denke ich: Julie ist wieder da. Alles ist möglich.

Ich sehe wieder ihr Gesicht vor mir, wie ich es an der Haustür gesehen habe, als es mir vage bekannt vorkam, ihre Wangen und der Kiefer so eingefallen, dass die Knochen schmetterlingsförmig hervortraten.

»Gute Nacht«, sage ich.

Ich schlafe bis mittags und wache erst zu Geschirrklappern und Stimmengewirr unten in der Küche auf.

Diesen Traum kenne ich. Es ist der, in dem Julie auftaucht und ich sage: »Ich hab so oft von dir geträumt, aber jetzt bist du wirklich zu Hause.« Jetzt stehe ich auf, klatsche mir im Bad Wasser ins Gesicht und schaue in den Spiegel, warte, dass meine Gesichtszüge verschwimmen und sich auflösen. Alles bleibt, wie es ist. Diesmal ist es die Wirklichkeit.

Kurz überläuft mich ein Schauer, und hinter der Stirn setzt ein leichter Kopfschmerz ein. Ich schlüpfe in meine Jeans von gestern und gehe nach unten.

Der Küchentisch ist lichtüberflutet. Meine leuchtend blonde Tochter sitzt an der Fensterseite, noch in Janes T-Shirt, das ihr zu groß ist. Tom strahlt sie vom Kopfende aus an, während sie reden – offenbar über nichts Besonderes: Orangensaft, das Wetter, ob irgendwer mehr Eier möchte. Man könnte fast meinen, alles wäre normal. Dann kommt Jane mit einem Glas in der Hand herein und setzt sich Julie gegenüber, und mich überlauft es kalt, als ich wieder die seltsame Symmetrie bemerke, zu der unsere Familie zurückgekehrt ist: ein Mädchen an jeder Tischseite, vier Seiten für vier Leute. Blakes Worte vom »entsetzlich Gleichmaß« kommen mir in den Sinn.

»Guten Morgen«, sage ich in der Türöffnung.

»Du hast ewig geschlafen«, stellt Jane fest, aber Julie steht schon auf und hat mich nach drei großen Schritten umarmt. Das überrumpelt mich. Wie lange ist es her, dass eine meiner Töchter zuletzt vom anderen Ende des Zimmers in meine Arme gekommen ist? Als ich gerade anfange, an ihrem Haar zu schnuppern, macht sie sich los und sieht mich an, lässt ihre Hände an meinen Armen herabgleiten und ergreift meine Hände. »Morgen, Mom«, sagt sie ein bisschen befangen, und einen Moment lang schauen wir uns in die Augen.

Ich bin so an Janes Anblick gewöhnt, die meine markanten Gesichtszüge hat, meine kantige Nase und tiefliegenden Augen. Als ich in Julies erwachsenes Gesicht sehe, merke ich, dass es keinerlei Muttermale, Unebenheiten, Schönheitsfehler oder Fältchen aufweist.

Sie ist makellos.

Verlegen macht sie sich los, und da wird mir erst klar, dass ich sie ungehemmt angestarrt habe.

»Tut mir leid«, sage ich. »Ich hab dein Gesicht so lange nicht mehr gesehen.«

»Ich weiß«, sagt Tom.

»Setz dich, ich hol mir nur einen Kaffee«, sage ich. »Hast du gut geschlafen?« Auf dem Herd steht eine große Pfanne mit noch etwas Rührei drin, und mit plötzlichem Heißhunger lade ich mir davon auf einen Teller.

»Sogar sehr gut«, sagt sie wie ein höflicher Gast. »Die Luftmatratze war bequem.«

»Sie ist auch eben erst aufgestanden«, sagt Tom. »Ich hab den ganzen Morgen über die Anrufe von der Polizei abgewimmelt. ›Kommen Sie, wann immer Sie wollen‹ heißt offenbar übersetzt: ›Wenn Sie nicht bis um neun auf der Matte stehen, machen wir Ihnen die Hölle heiß.‹« Sein Gesicht verfinstert sich. »Wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht. Sie sind besorgt wegen der Presse. Damit geht es jetzt bestimmt jeden Moment los.«

Julies Lächeln versiegt. »Dann sollten wir wohl besser los, jetzt, wo Mom wach ist.«

Tom legt auf dem Tisch eine Hand auf ihre. »Lass dir alle Zeit, die du brauchst.«

»Je eher wir aufbrechen, desto eher haben wir es hinter uns«, sage ich.

Tom bekommt feuchte Augen, und mir wird klar, dass er nicht wissen will, was sie durchgemacht hat. Im Gegensatz zu mir, wie mir ebenfalls aufgeht.

Julie sieht mir jetzt ins Gesicht, mit prüfendem, fast dankbarem Ausdruck. »Ja«, sagt sie. »Ich will es hinter mich bringen.« An ihrem Blick erkenne ich, dass Julie mich und sonst niemanden dabei haben will. Tom kann ich unmöglich vom Polizeirevier fernhalten, aber ich werde ihn zu überreden versuchen, dass er draußen im Gang bleibt; also muss Jane mit, damit er jemanden zum Behüten hat.

»Na komm, Julie«, sage ich. »Ich such dir was zum Anziehen aus meinem Schrank.« Einen Rock, denke ich mit einem Blick auf ihren abgemagerten Körper. Und dazu ein paar Sicherheitsnadeln.

»Er hat gesagt, er würde mich töten, wenn ich mich wehre. Er würde meine Familie töten.«

»Sie haben ihm geglaubt?«, fragt Overbey.

Wir sitzen zusammen in der Wache – ich, Julie, Overbey und eine jüngere Kollegin, Detective Harris – in einem separaten Raum mit Milchglasfenstern und einem einzigen Tisch. Tom wartet, auf Julies Wunsch hin, draußen mit Jane im Empfangsbereich. Overbey wollte Julie allein befragen, doch ihr Blick wanderte stumm zwischen seinem und meinem Gesicht hin und her, also bat er mich seufzend mit hinein. Ich halte einen Styroporbecher mit schwarzem Kaffee in der Hand, den ich nicht trinke und der so dünn ist, dass man die Luftblasen an der Innenseite des Bechers sehen und die aufgeprägte Seriennummer am Boden lesen kann. Detective Harris hat ihn mir gebracht – typisch, denke ich –, während Overbey mit der Befragung anfing.

»Natürlich hab ich ihm geglaubt«, sagt Julie jetzt. »Er hat mir ein Messer an die Kehle gehalten.«

»Ein Messer aus der Küche«, sagt Overbey mit einem Blick in seine Aufzeichnungen, als wüsste er nicht bereits alles, was in der Polizeiakte steht. »Hatte er noch andere Waffen bei sich?«

»Sie war dreizehn«, mische ich mich ein, doch Overbey bremst mich mit erhobener Hand und nickt Julie aufmunternd zu, die tatsächlich einen ganz und gar ruhigen Eindruck macht.

»Nein, ich hab keine gesehen. Aber ich hab ihm geglaubt. Und wenn es mir jetzt noch mal zustoßen würde, nach allem, was ich über ihn weiß, würde ich ihm wieder glauben.« Sie holt Luft. »Als wir aus dem Haus waren, sind wir bei der CVS-Apotheke in einen Bus gestiegen, da am Memorial Drive, und zum Busbahnhof im Zentrum gefahren.«

»Hat irgendwer Sie gesehen?«

»Der Busfahrer vielleicht, aber ich hatte zu viel Angst, um was zu sagen. Am Busbahnhof hat er zwei Tickets gekauft. Wir sind in El Paso ausgestiegen.« Sie unterbricht sich, und ihr Blick wird stumpf. »Da hat er mich das erste Mal vergewaltigt.«

»Wissen Sie noch, wo Sie waren?«

»Irgendein Motel. Ich kann mich nicht erinnern, was für eins.«

»Motel Six? Econo Lodge?«

Sie starrt ihn mit eisigem Blick an. »Sorry. Wir sind nur ein paar Tage dageblieben, dann waren wir wieder weg. Wir waren die ganze Zeit unterwegs. In El Paso hat er ein Auto gestohlen …« Overbey gibt Harris unauffällig ein Zeichen, ohne sie anzusehen, und sie notiert etwas. »… und eine Zeit lang sind wir damit herumgefahren, aber ich schätze, er hat’s irgendwie verkauft. Eines Tages ist er einfach ohne Auto wiedergekommen.«

»Er hat Sie allein gelassen?«

»Ja. Er hat mich gefesselt und geknebelt, wenn er weg musste. Ich glaube, wir waren in Mexiko, als er das Auto verkauft hat, aber ich bin mir nicht sicher, weil meine Augen verbunden waren, und dann war ich lange Zeit hinten in einem Transporter.« Der Mit-Klebeband-gefesselt-in-einem-Transporter-Albtraum spult sich vor meinem inneren Auge ab. »Erst viel später hab ich kapiert, dass er mich verkauft hat.«

»Er hat was?« Overbey schaut abrupt auf.

»Er hat mich verkauft«, sagt sie. »An fünf Männer, vielleicht sechs.«

Harris nickt und wendet sich wieder ihrem Schreibblock zu.

»Haben diese Männer …«

»Aber ja.« Mit kaltem, sprödem Lächeln. »Ja, allerdings.«

Ich muss die Augen schließen.

»Mrs. Whitaker, alles in Ordnung?«, höre ich Harris’ Stimme.

Ich habe das Gefühl, mit geschlossenen Augen in kaltem schwarzen Nebel zu versinken, der an Armen und Beinen kribbelt. Ich höre, wie Overbey seine Kollegin korrigiert – »Mrs. Davalos hat ihren Mädchennamen beibehalten« –, und reiße ruckartig die Augen auf, doch es dauert etwas, bis sich die schwarzen Punkte verziehen.

»Schon gut«, flüstere ich. Ich möchte nach Julies Hand greifen, doch sie hält die Arme fest vor der Brust verschränkt.

»Könnten Sie Einzelne von ihnen identifizieren?«

»Ich hatte verbundene Augen«, wiederholt sie geduldig.

»Irgendwelche Akzente?«

Sie überlegt. »Ein paar von ihnen haben sich untereinander auf Spanisch unterhalten, aber besonders viel hat keiner geredet. Das waren jedenfalls ein paar Tage, glaub ich. Ich kann mich nicht so genau erinnern. Dann haben sie mich weiterverkauft. Diesmal an einen wichtigen Mann.«

Die Detectives tauschen vielsagende Blicke. »An wen?«

»Seinen Namen hab ich nie erfahren. Die anderen Männer haben ihn el Jefe genannt, wenn sie über ihn geredet haben, und ihn mit señor angesprochen.«

»Weiter«, sagt Overbey ruhig, während Harris wie wild kritzelt. »Woher wussten Sie, dass er wichtig war?«

»Er hatte eine riesige Villa, ein richtiges Anwesen, mit Bodyguards und Personal, und jede Menge Typen mit dicken Knarren, die sich von ihm Befehle geben ließen.« Sie macht eine Pause und holt Luft. »Fragen Sie mich bitte nicht, wo es war. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht rausgegangen.«

»Wie lange nicht?«

»Acht Jahre.«

Später erzähle ich Tom so wenig wie möglich; nur so viel wie nötig zur Erklärung der endlos vielen Seiten mit Polizeifotos, die Julie auf dem Revier durchgeblättert hat; Fotos mexikanischer Männer Mitte fünfzig mit hoher Stirn und feistem Kinn. Ich berichte von den verschiedenen Stadien ihrer Gefangenschaft, lasse aber die Zigarettenbrandwunden weg, nachdem sie versucht hatte zu fliehen; von den jahrelangen Vergewaltigungen, aber nicht, wie sie davon gesprochen hat, als schildere sie die Handlung einer eher uninteressanten Fernsehserie. Ich erzähle ihm, dass ihr Geiselnehmer sie sattbekam, aber nicht, dass sie ihm zu alt wurde, als sie kein Teenager mehr war; ich erzähle ihm, dass sie mit verbundenen Augen in einem Hubschrauber zum Dach eines Gebäudes in Juárez geflogen wurde, aber nicht, dass der Bewacher sie aller Wahrscheinlichkeit nach eher töten als freilassen sollte. Ich erzähle ihm, dass sie sich hinten im Laderaum eines Lasters versteckte, um über die Grenze zu kommen, aber nicht, dass sie sich vor der amerikanischen Grenzpolizei fürchtete, weil sie nicht wusste, ob sie nach so langer Zeit noch Englisch – oder überhaupt etwas – sprechen konnte. Dass sie an einer Ampel aus dem Laster sprang und wegrannte, aber nicht, dass sie sich viele Kilometer lang an der Zubringerstraße zur I-10 entlangschleppte, ohne vom Freeway aus gesehen zu werden, genau wie die Leute, die all ihre Habe in Plastiktüten an sich drücken und die man auf Parkplätzen von Raststätten geflissentlich übersieht.

»Mein Gott«, sagt er im Flüsterton. Als die Mädchen oben im Bett sind, sitzen wir beide am Küchentisch; eine sonderbare Rückkehr zu den Diskussionen, die wir vor langer Zeit hatten, über so banale Themen, dass mir unbegreiflich ist, warum wir uns damals die Mühe gemacht haben, das strikt unter uns abzuhandeln. »Sie glauben also, dass sie erst an einen Menschenhändlerring verkauft wurde? Und dann an einen Drogenbaron?«

Seltsam, wie sich das alles erst jetzt, da er diese Sätze laut ausspricht, zu einer Geschichte fügt, anders als bei dem Durcheinander an Worten im Verhörraum. »Es klingt ganz danach, ja.«

Tom beugt sich auf beide Ellenbogen gestützt am Küchentisch vor. Er ringt wirklich um Fassung, jeder Muskel ist angespannt.

»Nun, haben die Detectives das gesagt?«

»Eigentlich haben die kaum etwas gesagt«, antworte ich. »Sie haben nur ihre Aussage aufgenommen und Fragen gestellt.«

»Klar. Sie wollen nichts sagen, was uns aufwühlen könnte, beispielsweise, du weißt schon, Menschenhandel oder Zwangsprostitution. Das könnte ja bedeuten, dass sie davon wissen und nichts dagegen unternehmen können!« Bei diesem letzten Ausruf kippt Tom die Stimme, und er macht sich nicht mehr die Mühe zu flüstern.

»Es kann schon sein, dass sie etwas wissen. Harris hat was von einer Sondereinheit gesagt.«