Good Night, Pretty Girl - Alex Finlay - E-Book

Good Night, Pretty Girl E-Book

Alex Finlay

0,0
11,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Mörder lässt immer ein Opfer am Leben. Sein Abschiedsgruß: »Good night, pretty girl ...«

Hochspannung vom Autor des Thrillers »Allein gegen die Lüge«
Silvester 1999. Vier Mädchen werden bei der Arbeit in einer Videothek überfallen; nur eines lässt der Killer am Leben. Fünfzehn Jahre später werden in derselben Kleinstadt drei Teenager während ihrer Nachtschicht in einer Eisdiele erstochen, und erneut verschont der Täter die vierte von ihnen. Auch ihr flüstert er seinen Abschiedsgruß ins Ohr: »Good night, pretty girl.« Nach dem ersten Fall hatte die Polizei rasch einen Verdächtigen, den Freund eines der Opfer. Doch der junge Mann konnte fliehen und ist seither verschwunden. Nun führt der neuerliche Albtraum drei Menschen bei der Suche nach der Wahrheit zusammen: die einzige Überlebende des ersten Massakers, den Bruder des mutmaßlichen Täters von 1999 und die FBI-Agentin Sarah Keller, die in die abgründigen Geheimnisse von zwei Mordnächten eintauchen muss ...

»Alex Finlay kann es mit den ganz großen Jungs des Genres wie Harlan Coben und Linwood Barclay aufnehmen.« The Sun

»Wow, besser kann ein Thriller nicht sein. Man wird sofort ins Buch hineingezogen, fortgerissen und von immer neuen Wendungen überrascht. Alex Finlay setzt Maßstäbe.« Lee Child

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Buch

Silvester 1999. Vier Mädchen werden bei der Arbeit in einer Videothek überfallen; nur eines lässt der Killer am Leben. Fünfzehn Jahre später werden in derselben Kleinstadt drei Teenager während ihrer Nachtschicht in einer Eisdiele erstochen, und erneut verschont der Täter die vierte von ihnen. Auch ihr flüstert er seinen Abschiedsgruß ins Ohr: »Good night, pretty girl.« Nach dem ersten Fall hatte die Polizei rasch einen Verdächtigen, den Freund eines der Opfer. Doch der junge Mann konnte fliehen und ist seither verschwunden. Nun führt der neuerliche Albtraum drei Menschen bei der Suche nach der Wahrheit zusammen: die einzige Überlebende des ersten Massakers, den Bruder des mutmaßlichen Täters von 1999 und die FBI-Agentin Sarah Keller, die in die Geheimnisse von zwei Mordnächten eintauchen muss.

Autor

Alex Finlay wurde mit dem Thriller »Allein gegen die Lüge« sofort zum Bestsellerautor. Auch seine weiteren Spannungsromane begeistern international zahllose Krimifans und zählen zu den meistbeachteten Neuerscheinungen weit über das Genre hinaus. Sie sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Der Autor schreibt unter einem Pseudonym und ist ein prominenter Anwalt in Washington, D. C., der Klienten in über vierzig Fällen vor dem Obersten Gerichtshof der USA vertreten hat.

Alex Finlay

Good Night, Pretty Girl

Thriller

Aus dem Englischen von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel»The Night Shift« bei Minotaur Books,an imprint of St. Martin’s Publishing Group, New York

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2026

Copyright © 2021 by Alex Finlay

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München

Covermotiv: © Katie Shaw / Arcangel

Redaktion: Regina Carstensen

AB · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-32118-5V001

www.goldmann-verlag.de

Für Trace

Die Welt bricht jeden, und nachher sind viele an den gebrochenen Stellen stärker.

Ernest Hemingway, In einem anderen Land

Prolog

Silvester 1999

Alle rechneten mit einer Tragödie.

Flugzeuge würden vom Himmel fallen. Fahrstühle in den Tod rasen. Weltmärkte zusammenbrechen.

Eine digitale Apokalypse.

Aber abgesehen von diesen Befürchtungen verliefen die letzten Stunden vor dem Jahrtausendwechsel in der Filiale des Blockbuster-Videoverleihs in Linden, New Jersey, wie ein ganz normaler Freitagabend. Seit sechs Monaten arbeitete Steve hier als Filialleiter, und das war gegenüber seinem letzten Job bei Taco Bell auf jeden Fall eine große Verbesserung. Ständig hatten seine Kleider nach gebratenem Fleisch und Fett gestunken, und dann waren gegen 23:00 Uhr scharenweise betrunkene, laute Teenager eingefallen, bis er sie schließlich um 2:00 Uhr morgens wieder rausgeschmissen hatte.

Hier war pünktlich um 22:00 Uhr Schluss und die Kundschaft höflich – heute Abend bestand sie überwiegend aus Pärchen auf der Suche nach einer romantischen Komödie oder »was zum Gruseln«.

Niemand nannte Steve wegen seiner Akne Pizza-Fresse. Niemand machte sich über seine Uniform lustig oder hinterließ zerbröselte Enchiritos auf dem Fußboden. Und auch seine Angestellten waren hier nicht ganz so nervig, mehr oder weniger zumindest. Die Nachtschicht bestand aus vier süßen, wenn auch ziemlich durchtriebenen jungen Mädchen, allesamt Schülerinnen im letzten oder vorletzten Highschool-Jahr, genau wie die Horden, die immer das Taco Bell heimgesucht hatten. Genau wie Steve selbst noch vor wenigen Jahren, aber trotzdem behandelten die Mädchen ihn, als wäre er ihr peinlicher Dad. Im Lauf der wenigen Monate, seit er diesen Job machte, hatte er sehr viel Mitleid mit ihren richtigen Vätern entwickelt.

»Kann ich mal Pause machen?«, fragte Mandy und schob eine VHS-Kassette in den Videorekorder. Das war der Fluch dieses Jobs, der Beweis dafür, dass niemand die BITTE-ZURÜCKSPULEN-Aufkleber auf den Kassetten ernst nahm.

Steve warf einen Blick auf die lange Schlange vor dem Tresen und auf die Neue, Ella, die mehr schlecht als recht die Kasse neben ihm bediente. »Wir schließen in einer halben Stunde«, erwiderte er gereizt. »Kannst du das nicht verschieben? Du musst Kasse drei übernehmen.«

»Aber Steeevie …« Mandys Stimme war nur noch ein Flüstern. »Ich hab meine Tage.«

Steve stieß hörbar den Atem aus. Hatte er in Sexualkunde irgendwas verpasst? Soweit er wusste, war es ausgeschlossen, dass Mädchen an jedem Wochenende ihre Tage hatten, aber was konnte er schon machen?

»Ich kann für sie übernehmen«, sagte Katie, die gerade mit Schneeflocken im Haar aus der Kälte hereinkam. Sie hatte einen Stapel Videokassetten im Arm, weil sie den metallenen Rückgabebehälter auf dem Parkplatz geleert hatte. Katie besaß mehr Verantwortungsbewusstsein als die anderen, besuchte eine katholische Schule und achtete meist auf die Regeln. Aber selbst sie war eine echte Nervensäge. Erst vor einer Stunde hatte er alle Mädchen wieder einmal daran erinnern müssen, dass sie nicht alleine auf den Parkplatz gehen sollten. Immer nur zu zweit – wieso war das bloß so verdammt schwierig zu begreifen?

»Beeil dich«, sagte Steve zu Mandy. »Und wo steckt eigentlich Candy?«

Candy O’Shaughnessy war Mandys Komplizin bei allem, was im Handbuch für die Angestellten von Blockbuster Incorporated als »schwerer Regelverstoß« bezeichnet wurde. Obwohl der Laden aus einem einzigen, fast vierhundert Quadratmeter großen, übersichtlichen Raum bestand, schaffte Candy es immer wieder, spurlos zu verschwinden. Sie behandelte ihn ständig von oben herab und hatte einmal sogar mehrere Flaschen Weißweinschorle in den Pausenraum geschmuggelt. Außerdem war Steve nach wie vor davon überzeugt, dass sie es gewesen war, die Freitag, der 13. in die Hülle für 101 Dalmatiner gesteckt hatte. Die Eltern hatten ihn jedenfalls nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Hatten gesagt, dass sie ihre Kinder in Therapie schicken müssten.

Willkommen im Club.

»Gerade war sie noch in der Kinderabteilung, glaub ich«, erwiderte Mandy mit einem frechen Grinsen und schlenderte in Richtung Pausenraum davon.

Kopfschüttelnd drückte Steve dem nächsten Kunden eine kleine Plastiktüte mit Videokassetten in die Hand.

Kurz vor Ladenschluss waren weder Candy noch Mandy wieder aufgetaucht. Das würde ein Nachspiel haben. Garantiert. So eine Dreistigkeit!

Steve gab Ella den Auftrag, sich an die Tür zu stellen, immer wieder abzuschließen, sobald ein Kunde den Laden verlassen hatte, und auf keinen Fall noch jemanden hereinzulassen. Das traute er ihr gerade noch zu. Dann bat er Katie, die Einnahmen zu zählen. Er selbst würde sich um die beiden anderen kümmern. Immer war irgendwas. Er wollte nur noch raus hier, kurz bei seinem Dad vorbeischauen und mit einem Pabst darauf anstoßen, dass er wieder ein Jahr geschafft hatte, bevor der Alte dann einschlief. Dann vielleicht rüber in Corky’s Tavern, ein paar weitere Bier zischen und zuschauen, wie im Fernseher hinter dem Tresen die große Kugel auf dem Times Square herabgelassen wurde. Wer weiß, vielleicht brachten die Nachrichten auch ein paar Meldungen, ob dieser Jahrtausend-Computervirus, von dem ständig alle redeten, wirklich irgendwo ernsthafte Probleme verursacht hatte. Nicht gerade eine »Party like it’s 1999« – Hauptsache, er musste sich diesen Song nie wieder anhören –, aber immer noch besser, als allein in seinem abgewrackten Apartment herumzusitzen.

Er ging an den Regalen entlang, vorbei an der neuen Abteilung mit den DVDs und betrat den Pausenraum. Hier war es eiskalt.

»Verdammt noch mal«, sagte er ins Leere, nachdem er die offene Hintertür und das Heulen des Windes bemerkt hatte. Falls die da draußen standen und rauchten, dann … Er hatte ihnen schon eine Million Mal gesagt, dass die Hintertür aus Sicherheitsgründen immer geschlossen bleiben musste. Steve konnte ernsthafte Schwierigkeiten mit der Zentrale bekommen, falls irgendjemand …

Als er auf dem Fußboden hinter dem Tisch zwei Beinpaare entdeckte, erstarrte er.

Während die Angst ihn in Besitz nahm, spürte er, wie er an den Haaren gepackt und sein Kopf in den Nacken gerissen wurde. Und dann eine seltsame Kälte an seinem Hals.

Jetzt lag er auf dem Boden, während ein grässliches, gurgelndes Geräusch aus seiner Kehle drang. Er sah, wie eine Gestalt das Licht im Pausenraum löschte. Es kam ihm vor wie eine kleine Ewigkeit, bis die Tür wieder aufflog und es hell im Raum wurde. Das fröhliche Geschnatter verstummte abrupt.

Steve wollte Ella und Katie etwas zurufen, wollte sie warnen. Doch dann spürte er, wie sein Körper sich verkrampfte, wie die Welt schwarz wurde.

Das Letzte, was er hörte, waren die Schreie.

Erster Tag

Fünfzehn Jahre später

Kapitel 1

Ella

April 2015

Während Ella darauf wartet, dass der Parkwächter ihr den Schlüssel abnimmt, wirft sie eine Xanax ein. Mit dem Auto nach Manhattan zu fahren, das setzt sie jedes Mal unter Stress – dieses ganze hektische Durcheinander aus wutschnaubenden Taxifahrern, Streifenwagen mit jaulenden Sirenen und Fußgängern, die allem Anschein nach überfahren werden wollen, so provozierend, wie sie die Straßen überqueren.

Was, verdammt noch mal, macht sie eigentlich hier?

Das letzte Mal hat sie sich hoch und heilig geschworen, dass es das letzte Mal sei.

Jetzt steht ein junger Kerl in Pagenuniform neben ihrem Fenster. Sie lässt die Scheibe herunterfahren.

»Möchten Sie einchecken?«, erkundigt er sich. Er ist Mitte zwanzig und mustert sie einmal von Kopf bis Fuß.

»Nein. Ich habe eine Verabredung mit einem Bekannten.«

Er nickt, als würde ihm ihre euphemistische Formulierung gefallen. In dem Outfit, na klar. Mit einem Bekannten.

Ella steigt aus ihrem Wagen und steckt dem Pagen einen Fünfer zu. Sie erwischt ihn dabei, wie er einen schnellen Blick auf den Geldschein wirft. Unbeeindruckt.

Hat der sie noch alle? Sie ist Therapeutin und verdient dreißigtausend im Jahr, verdammt noch mal. Sie ist keine Geschäftsfrau mit Spesenkonto.

Kaum hat sie das Foyer des Carlyle Hotel betreten, steuert sie die Bar an. Und dann, gegen jeden vernünftigen medizinischen Rat – am College in Wellesley hatte sie einen Kurs in Pharmakologie besucht –, schluckt sie noch eine von den winzigen blauen Pillen.

Als sie den mahagonigetäfelten Raum betritt, spürt sie, wie alle Blicke auf sie gerichtet sind. Eine Inneneinrichtung, die altes Geld vorgaukelt, und ein grauhaariger Pianist, der Franz Liszt spielt und sich alle Mühe gibt, im Angesicht dieses Höhepunkts seiner Musikerkarriere nicht allzu niedergeschlagen zu wirken.

Wobei … sie hat gut reden. Schließlich kriegt sie nur mit Mühe und Not ihre Hälfte der Miete zusammen und fährt in die Stadt, nur um nicht zufällig einem Freund ihres Verlobten über den Weg zu laufen. Oder einer Klientin aus ihrer gerade erst flügge gewordenen Praxis. Sie denkt an die Sitzung mit der sechzehn Jahre alten Layla heute Vormittag, die wieder angefangen hat, sich zu ritzen. Layla braucht ihr nichts zu erklären. Ella versteht das.

Sie lässt das Auge den Tresen entlangschweifen und fängt den Blick eines Mannes auf. Er trägt einen teuren Anzug und hält ein Glas Scotch in der Hand. Sie trinken immer Scotch. Und sie reden wahnsinnig gerne darüber. Die speziellen Fässer, die einzigartige Region, bla, bla, bla. Abgesehen von dem Whisky-Gebrabbel haben die meisten einen blassen, ringförmigen Hautstreifen an ihrem linken Ringfinger. Ella macht sich gar nicht erst die Mühe, ihren Verlobungsring abzuziehen. Den Scotch-Typen ist das sowieso egal.

Der Mann lächelt sie an.

Er wird es tun.

Ella ist jedes Mal wieder verblüfft, wie einfach es ist. Solange sie dieses schwarze Kleid hat, braucht sie kein Tinder.

Sie gesellt sich zu ihrem neuen Bekannten.

Etliche Stunden später plingt ihr Handy. Sie befindet sich jetzt in einem Hotelzimmer. Nur unter dem Türspalt dringt ein wenig Licht herein. Bei ihren Eskapaden stellt sie sich den Wecker immer auf fünf. So vermeidet sie jede peinliche Begegnung am Morgen danach.

Aber das hier ist gar nicht der Wecker. Es ist ein Anruf. Sie schiebt sich unter Ricks behaartem Arm hervor. Ob das sein richtiger Name ist? Er sieht aus wie ein Rick. Obwohl er vermutlich auch gedacht hat, dass sie aussieht wie eine Candy. Etwas Süßes, aber ungesund. Ganz wie die alte Freundin, deren Namen sie sich ausgeborgt hat. Das macht sie immer. Sie benutzt immer einen ihrer Namen. Candy, Mandy, Katie. Sie hat keine Ahnung, wieso.

»Hallo«, flüstert sie in das Handy und trippelt leise ins Badezimmer. Unterwegs sammelt sie das schwarze Kleid vom Boden auf. Der Marmor unter ihren Fußsohlen fühlt sich kalt an.

»Ella, tut mir leid, dass ich so spät noch anrufe. Hier ist Dale.«

»Mr Steadman?« Auch nach all den Jahren bringt sie es nicht über sich, ihn beim Vornamen zu nennen. Gegenüber deinen ehemaligen Lehrern bist und bleibst du dein ganzes Leben lang Kind. Seit einem Jahr hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Damals hatte ihr früherer Lehrer und jetziger Direktor ihrer einstigen Schule sie gebeten, mit seinen Schülerinnen und Schülern zu sprechen, nachdem es an einer benachbarten Schule zu einer Schießerei gekommen war. »Wie geht es dir?« Sie spürt Trommelschläge in ihrer Brust. Warum ruft er so spät noch an? Doch nicht etwa …? Hatten sie ihn endlich geschnappt? Nein, um diese Uhrzeit wurden nur sehr selten gute Nachrichten verkündet.

»Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich weiß, dass das sehr viel verlangt ist, aber kannst du ins Robert Wood Johnson kommen?«

In die Uniklinik? Jetzt?

Bevor sie ihn fragen kann, fährt Mr Steadman fort: »Es hat ein … eine meiner Schülerinnen braucht deine Hilfe.«

Sie will protestieren. Will eine Ausrede erfinden. Aber sie kann nicht. Nicht nach allem, was Mr Steadman für sie getan hat.

»Ja, klar. Natürlich«, erwidert sie. »Ich bin bei einer Freundin in der Stadt. In einer Stunde etwa kann ich da sein.«

»Ich würde dich nicht extra hier rausbemühen, wenn ich jemand anderen wüsste, der …« Er verstummt.

In Ellas Kopf dreht sich alles. Sie ist müde. Immer noch beschwipst. Durcheinander. Sie reißt sich zusammen. »Können Sie mir sagen, worum es geht?«

Mr Steadmans Stimme klingt belegt. »Vier Mädchen wurden überfallen, in einer Eisdiele in Linden. Nur eine hat überlebt. Sie braucht Hilfe von jemandem, der sie versteht, der eine Ahnung davon hat, was …«

»Bin schon unterwegs.« Ella legt auf. Sie weiß, dass sie für diese Aufgabe besser qualifiziert ist als jede andere.

Sie weiß, was es bedeutet, die einzige Überlebende zu sein.

Kapitel 2

Frühlingsnebel liegt über dem Parkplatz des Robert Wood Johnson University Hospital, auf dem, abgesehen von etlichen Streifenwagen, kein Fahrzeug zu sehen ist. Eine Frau in OP-Kleidung geht vor dem Haupteingang auf und ab und telefoniert.

Ella hat ihren Wagen abgestellt. Trotzdem umklammert sie das Lenkrad, während sie auf ihre blassen, nackten Beine hinabschaut. Sollte sie nicht doch erst nach Hause fahren und sich ein bisschen professioneller kleiden? Aber Mr Steadmans Stimme hatte ungewöhnlich erschüttert geklungen. Normalerweise ist er durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Sie wirft einen Blick in den Spiegel an der Sonnenblende und wischt mit dem Daumen über das verschmierte Make-up. Anschließend steigt sie aus ihrem Wagen. Die hochhackigen Fick-mich-Pumps sind vielleicht doch ein bisschen zu viel, darum beugt sie sich nach hinten und holt die Sneakers aus ihrer Sporttasche.

Die Frau in OP-Kleidung geht unverändert hin und her. Ella beobachtet, wie sie diskret die Faust an den Mund legt, tief Luft holt und eine dichte Dampfwolke ausstößt.

Wir haben alle unsere Geheimnisse.

Die Rezeptionistin würdigt sie kaum eines Blickes. Wer in der Nachtschicht der Notaufnahme arbeitet, hat vermutlich schon alles gesehen. Ella war mal mit einem Medizinstudenten zusammen gewesen, der sein Facharztpraktikum in der Notaufnahme gemacht hatte. Er hatte sie mit allerhand Geschichten unterhalten, zum Beispiel die von einem Typen, der sich eine Barbiepuppe in den Hintern gesteckt hatte, einem PCP-Junkie, der während eines miesen Trips zwei seiner Finger aufgegessen hatte, oder einem Bauarbeiter, dem ein Nagel bis zum Anschlag im Kopf steckte und der trotzdem noch bei Bewusstsein war und sprechen konnte. Da schafft es eine Psychotherapeutin im kleinen Schwarzen wahrscheinlich nicht einmal in die Top Ten der seltsamsten Erscheinungen.

Die Rezeptionistin spricht ein paar Sätze in ein Telefon und winkt Ella weiter in den Behandlungsbereich. Die Tür gibt ein schrilles Summen von sich, und Ella betritt einen großen, von grellen Leuchtstofflampen erhellten Raum. Die Betten sind von blauen Vorhängen umgeben, hinter denen piepsende Geräte und Stimmen zu hören sind. Am hinteren Ende sieht sie Mr Steadman mit ein paar weißen Männern reden – drei Polizeibeamte in Uniform und ein streng wirkender Mann mit Schnurrbart, der sich das Polohemd in den Bund seiner Jeans gestopft hat. Er und Mr Steadman scheinen sich über irgendetwas zu streiten.

Für den Bruchteil einer Sekunde macht sich Ellas Fluchtinstinkt bemerkbar. Eine Erinnerung blitzt in ihrem Bewusstsein auf, eine Prozession von Polizisten, Ärzten und Sozialarbeitern, die ihr alle dieselben Fragen stellen. Hast du ihn gesehen? Woran kannst du dich erinnern? Hat er dich angefasst? Sie blickt einen Moment lang zu Boden, versucht sich zu sammeln, betrachtet erneut ihre nackten Oberschenkel und wird zurückversetzt in den Behandlungsraum, wo sie mit hoch gelegten Beinen auf dem Untersuchungsstuhl sitzt.

Nach dem Überfall war Ella nicht ansprechbar gewesen. Die Krankenhaus-Psychologen hatten ebenso wenig Erfolg gehabt wie ihre Eltern. Daraufhin hatte die Schule Mr Steadman geschickt. Er hatte keine Ausbildung im Umgang mit Trauma-Patienten, sondern war lediglich der Ersatz für eine Beratungslehrerin im Mutterschaftsurlaub. Der coole Lehrer. Jung, gut aussehend. Einer, für den die Mütter schwärmten. Aber gleichzeitig war er kompetent und sachlich, ein Mensch, dem man eine verantwortliche Position anvertrauen konnte. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass er später Schulleiter geworden war.

Mr Steadman sieht sie und winkt ihr kurz zu. Er reagiert nicht auf die gedämpften Schreie aus einem Abteil gleich neben der Gruppe. Jetzt kommt ein Arzt mit verzerrter Miene hinter dem Vorhang hervor. Er sagt etwas zu den Männern und schüttelt den Kopf. Mr Steadman legt dem Arzt tröstend die Hand auf die Schulter und nähert sich dann Ella.

»Danke, dass du gekommen bist. Tut mir leid, dass ich dir den Abend verdorben habe.« Davon abgesehen verliert er kein Wort über ihre Aufmachung.

Er bringt sie auf den Stand der Dinge. Nach Mitternacht waren die Mitarbeiterinnen der Dairy Creamery – allesamt Teenager – ermordet im Hinterzimmer der Eisdiele aufgefunden worden. Zwei von ihnen waren Schwestern gewesen. Die Mutter der beiden hatte sich Sorgen gemacht, als sie nicht von ihrer Schicht nach Hause gekommen waren und nicht auf ihre Textnachrichten reagiert hatten. Jetzt stand sie unter starken Beruhigungsmitteln.

»Aber eine hat überlebt?« Ella kennt die Antwort auf ihre Frage. Deshalb ist sie ja hier.

Mr Steadman nickt. »Eine Schülerin von meiner Schule. Sie hat gar nicht dort gearbeitet. Wir nehmen an, dass sie eine Kundin war. Vielleicht hat sie den Täter überrascht.« Er räuspert sich. »Ich hoffe, dass du mit ihr sprechen kannst. Die Ärzte und die Detectives kommen einfach nicht weiter. Sie ist … na ja, das wirst du schon sehen. Der Bezirksstaatsanwalt hat mich angerufen, weil …«

Er muss seinen Satz nicht beenden. Die Antwort liegt auf der Hand: Weil er Ella nach dem Überfall auf den Blockbuster-Laden geholfen hatte.

»Aber sie will weder mit mir noch mit sonst jemandem sprechen und will sich auch nicht untersuchen lassen. Ich hoffe, dass du vielleicht mehr herausfindest, bevor sie gezwungen sind, sie zu sedieren.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich die …«

»Du bist unsere größte Chance. Lange kann ich sie nicht mehr hinhalten.« Mr Steadman blickt zu dem Mann in Polohemd und Jeans hinüber, vermutlich ein Detective, der das Mädchen zweifellos so schnell wie möglich befragen will. Da draußen läuft ein Killer frei herum.

»Wie heißt sie?«

»Jessica Duvall, aber sie wird Jesse genannt.«

»Wo sind ihre Eltern? Will sie auch mit ihnen nicht sprechen?«

»Sie lebt in einer Pflegefamilie. Ich weiß nicht genau, wieso. Sie ist neu an meiner Schule, und wir werden nur sehr spärlich informiert.«

Das Gemurmel der Polizistengruppe wird lauter. Sie richten ihre Blicke auf Ella.

Sie holt tief Luft und betritt das Abteil.

Kapitel 3

Keller

Sarah Keller greift nach dem piepsenden Handy auf ihrem Nachttischchen. Drei Textnachrichten, um 05:30 Uhr. Aber sie liegt sowieso seit einer Stunde wach. Sie spürt zwei Paar strampelnde Füße in ihrem Bauch – eine Nachwirkung des Thaigerichts von gestern Abend. Während der vergangenen sechzig Minuten hat sie Bobs Schnarchen gelauscht. Hat sich Sorgen gemacht, wie sie ihren Job nach der Geburt der Zwillinge noch bewältigen soll und ob das Geld reichen würde. In den fünf Jahren ihrer Ehe hatte sie noch nie erlebt, dass Bob wegen irgendetwas wach gelegen hatte. Ihr Mann war keiner, der sich Sorgen machte.

Sie liest die Nachrichten ihres Chefs.

Behörden vor Ort brauchen Unterstützung.

Union County.

Das ist ungewöhnlich. Das FBI hat mit den Polizeikräften vor Ort normalerweise nichts zu tun, es sei denn, es geht um etwas Großes – Terrorismus, eine Entführung oder Ähnliches. Und Keller ist immer noch eine relativ junge Agentin.

Die nächste Nachricht. Ein Link zu einer aktuellen Meldung. Während sie die dürftigen Einzelheiten durchliest, macht sich ein Kribbeln in ihrer Brust bemerkbar. Ein Mehrfachmord in einer Eisdiele in Linden. Drei Tote. Eine mutmaßliche Überlebende.

Sie tippt eine Antwort.

Jetzt sofort? Sind Sie sicher?

Eine lange Pause folgt. Sie sieht die drei pulsierenden Punkte, während er eine Antwort formuliert. Wahrscheinlich hat er erst einmal ein paar ärgerliche Worte geschrieben – selbstverständlich jetzt sofort – und anschließend wieder gelöscht. Ein guter Chef löscht ärgerliche Nachrichten, anstatt sie abzuschicken. Und Stan Webb ist, trotz seines kühlen, an einen Schweizer Banker erinnernden Auftretens, ein guter Chef.

Während sie ihren gewaltigen, im achten Monat schwangeren Körper aus dem Bett wuchtet, trifft seine Antwort ein.

Ja.

Stan ist ein Meister der sparsamen Worte. Sie wird ihn vom Auto aus anrufen.

Nachdem sie geduscht hat – in die Wanne zu steigen, ohne auszurutschen und hinzufallen, ist eine sehr wackelige Angelegenheit –, schlüpft Keller in einen der beiden Umstandsanzüge, die ihr noch passen. Aus der Küche dringen Düfte in ihre Nase. Sie hält nicht viel von diesen Ammenmärchen über die Schwangerschaft, aber ihre Sinne sind eindeutig geschärfter als sonst.

Bob ist aufgestanden und wäscht gerade eine Pfanne ab. Auf dem kleinen Küchentisch steht ein Teller mit Rührei und einem Bagel, belegt mit gegrillten Tomaten. Er kocht schon den ganzen Monat lang Rezepte nach, die er auf einer Webseite speziell für Schwangere gefunden hat.

»Du hättest doch nicht extra aufstehen müssen«, sagt sie.

»Wenn Clarice Starling um fünf Uhr morgens eine Nachricht bekommt, dann bedeutet das, dass ich Frühstück machen muss. Sonst kriegen meine Bambini im besten Fall einen Energieriegel, um zu wachsen und zu gedeihen.« Er bietet ihr einen Stuhl an.

»Ich muss los. Stan hat gesagt, dass ich …«

»Ah, ah, ah. Wenn Stan auch mal zwei kleine Menschen im Bauch hat, dann kann er dir gerne sagen, dass du dich beeilen musst.« Bob setzt sich ihr gegenüber. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und sieht erschöpft aus.

»Wann bist du denn gestern Abend nach Hause gekommen?«, erkundigt sie sich. Er arbeitet in einem Aufnahmestudio als Tontechniker, sodass sein Dienstplan sich nach den Launen der Musiker richtet.

»Drei oder so«, antwortet er und fügt hinzu: »Eine chaotische Polka-Truppe«, als sei das eine ausreichende Erklärung für die späte Stunde. Sie hat keine Ahnung, ob er das ernst meint. Manchmal ist es schwierig, den Unterschied zu erkennen.

»Du hättest nicht aufstehen müssen. Ich kann mir schließlich selber …«

»Ach, das hätte ich beinahe vergessen. Ich hab dir was vorbereitet.« Er springt auf und nimmt eine Thermoskanne vom Küchentresen.

»Bitte sag, dass das nicht dieser Schwangerschaftssmoothie ist, von dem du mir schon die ganze Zeit vorschwärmst.«

Er lässt die Augenbrauen auf und ab wippen.

Nachdem sie ihren Bagel aufgegessen hat, hilft Bob ihr beim Aufstehen.

»Ich bin schwanger, nicht behindert, das ist dir doch klar, oder?«

Ohne eine Antwort zu geben, kniet Bob sich vor ihren Bauch. Als sie auf seinen kahlen Kopf hinunterschaut – die Kuppel umgeben von einem eigenwilligen Haarkranz –, wird sie von einem warmen Gefühl durchströmt.

»Passt gut auf eure Mama auf, ihr kleinen Nachwuchsagenten«, sagt Bob zu ihrem Bauch.

Obwohl Keller noch nie einen ernsthaften Schuss aus ihrer Dienstwaffe abgegeben hat, behandelt ihr Mann sie, als würde sie ununterbrochen Jagd auf Massenmörder machen.

Aber heute stimmt es vielleicht sogar.

Kapitel 4

Ella

Das überlebende Opfer des Überfalls, Jesse Duvall, sitzt in der Ecke auf dem Fußboden. Sie hat die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf gesenkt.

Das Licht ist viel zu grell und die Papierunterlage auf dem Untersuchungstisch zerknittert und zerrissen.

Ohne den Blick zu heben, erklärt das Mädchen: »Ich hab doch schon gesagt, dass ich keine Untersuchung brauche, ihr Arschlöcher. Und jetzt verpisst euch und lasst mich verdammt noch mal in Ruhe.«

Es klingt nicht aggressiv, sondern vielmehr erschöpft. Sachlich.

Ella erwidert: »Niemand fasst dich an, solange du nicht einverstanden bist.«

Jesse hebt ruckartig den Kopf. Sie hat ein hübsches Gesicht mit großen, mandelförmigen Augen. Ein neugieriges Gesicht. »Wer bist du?«

»Ich heiße Ella. Ich bin Therapeutin.«

Jesse wirkte belustigt. »Und wo therapierst du? In einem Stripclub?«

Humor – auch schwarzer Humor – ist ein gutes Zeichen. Ella spürt instinktiv, dass dieses Mädchen stark ist. Ohne auf ihre spitze Bemerkung einzugehen, erwidert sie: »Ich weiß, dass du im Moment nur noch alleine sein willst. Dass du nach Hause gehen und dich in dein Bett legen willst.«

»Nach Hause.« Verächtlich wiederholt Jesse dieses Wort.

Ella wird klar, dass das bereits ihr erster Fehler war. Mr Steadman hat ihr doch gesagt, dass Jesse bei einer Pflegefamilie wohnt.

»Es ist nur so«, fährt Ella fort, »dass derjenige, der dich und deine Freundinnen überfallen hat, immer noch auf freiem Fuß ist. Wir müssen ihn erwischen, damit er niemandem mehr etwas antun kann. Möglicherweise hast du etwas gesehen, was der Polizei helfen könnte …«

Jesse hat den Kopf wieder auf ihre Knie gelegt und murmelt leise etwas vor sich hin.

»Was hast du gesagt?«

Jesse bleibt stumm.

»Ich weiß, dass das schwer ist, und …«

Jesse reißt den Kopf nach oben. »Woher willst du das denn wissen? Weil du was drüber gelesen hast? Oder weil du mit irgendwelchen Hausfrauen über ihre Gefühle redest? Oder mit reichen Kindern, die unbedingt auf ein gutes College wollen und mit dem Druck nicht klarkommen? Ich habe mit Dutzenden Leuten wie dir geredet, und der einzige Unterschied zwischen denen und dir ist, dass die nicht wie eine Nutte aussehen.«

»Aber ich weiß es, Jesse, ich weiß es wirklich.«

Jesse hört zu, während Ella ihr alles erzählt. Wie sie an Silvester 1999 den Pausenraum betreten hat. Wie sie einen Schlag auf den Kopf bekommen hat. Dass sie sich an praktisch gar nichts mehr erinnern kann, bis man sie im Schnee gefunden hat, mitten in einem roten Kreis, nachdem sie zu sich gekommen und nach draußen gerannt war. Sie versucht, so sachlich wie möglich zu bleiben, aber trotzdem füllen ihre Augen sich mit Tränen. Sie lässt aus, wie sie beim Aufwachen Katies praktisch abgetrennten Kopf auf ihrem Schoß vorgefunden hat, als sei ihre Freundin Hilfe suchend zu ihr gekrochen und dort gestorben. Und auch ihren immer wiederkehrenden Albtraum lässt sie unerwähnt, in dem diese Gestalt sich über sie beugt, ihr das Messer in den Leib stößt und dazu flüstert: »Gute Nacht, du hübsches Ding.«

»Das waren nicht meine Freundinnen«, sagt Jesse, nachdem Ella fertig ist. »Ich hab die kaum gekannt.« Zum ersten Mal bricht ihre Stimme.

»Du wolltest dir ein Eis kaufen?«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich wollte bloß die Toilette benutzen. Als ich dann wieder rausgekommen bin …«

»Hast du gesehen, wer …?«

»Nein. Er hat mich niedergeschlagen. Es hat sich angefühlt wie ein Baseballschläger. Und alles, was danach passiert ist, ist total verschwommen.«

Ella versucht, keine Reaktion zu zeigen. Das klingt so vertraut, so grauenhaft, so … Hör auf. »Waren noch andere Kunden da, als du in den Laden zurückgekehrt bist?«

»Nein. Sie waren gerade am Zumachen.«

Ein dicker Kloß bildet sich in Ellas Kehle. Sie schluckt ihn hinunter. »Hast du außerhalb jemanden bemerkt? Oder ist dir sonst etwas Verdächtiges aufgefallen?«

Erneut schüttelt Jesse den Kopf.

»Hat er dich angefasst?« Mehr bringt Ella nicht über die Lippen. Sie verschränkt die Hände im Nacken, damit Jesse nicht merkt, wie sehr sie zittert.

»Nein.« Aber es klingt nicht besonders überzeugt.

»Du warst bewusstlos. Bist du sicher? Weil …«

»Ich bin mit vierzehn in ein Heim gekommen. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn jemand versucht, dich im Schlaf zu begrapschen.«

Ella nickt und schluckt erneut.

Um 6:30 Uhr erklärt Jesse sich bereit, ihnen zum DNA-Abgleich und zur kriminaltechnischen Untersuchung ihre Kleidung zu überlassen. Sie ist auch bereit, mit einer Ärztin zu sprechen. Und sie bleibt zur Beobachtung im Krankenhaus wegen ihrer Gehirnerschütterung.

»Ich komme später noch mal vorbei«, sagt Ella.

Jesse nickt.

Ella überlegt, ob sie sie umarmen soll. Ihre Hand berühren. Aber sie entscheidet sich dagegen. Jesse Duvall ist nicht so zerbrechlich, wie Ella es war. Sie hat einen Schock erlitten und ist traumatisiert, aber Ellas instinktiver Eindruck war richtig: Sie ist stark. Aus irgendeinem Grund schämt Ella sich deswegen.

Als sie schon bei der Tür ist, sagt Jesse etwas, was sie beinahe umwirft.

»An eine Sache kann ich mich erinnern.«

»Und was ist das?«

»Ich hab ihn nicht gesehen, aber ich hab da eine nebulöse Erinnerung an eine Gestalt, die sich neben mich kniet und mir was ins Ohr flüstert.«

Ella spürt Hitze im Gesicht. Die Welt kippt zur Seite.

»Er hat gesagt: ›Gute Nacht, du hübsches Ding.‹«

Kapitel 5

Chris

Chris betrachtet den Mann, der ihm in dem schmutzigen Besprechungsraum des Bezirksgefängnisses gegenübersitzt. Er hat miserable Zähne und kratzt an den verschorften Wunden auf seinen blassen Armen. Ein ganz gewöhnlicher Anblick für einen Pflichtverteidiger.

Die meisten sitzen wegen irgendwelcher Drogenvergehen hier ein. Für sie empfindet er hauptsächlich Mitleid. Die Jugendlichen ohne Arbeit und Einkommen, die hier unverhältnismäßig stark vertreten sind, trifft es am härtesten. Aber er hat auch schon genügend einstigen Schönheiten gegenübergesessen, die sich in glatzköpfige, pockennarbige Monster verwandelt hatten. Collegestudentinnen, die eine Apotheke überfallen, um sich die nächste Dröhnung zu besorgen. Ihre am Boden zerstörten und ratlosen Angehörigen. So was ist bei uns noch nie vorgekommen. Aber dann probiert irgendjemand Crystal Meth. Oder erlebt das Hochgefühl, das die Schmerztabletten aus Mutters Arzneischränkchen auslösen.

Für die Angehörigen sind in der Regel die Dealer schuld. Aber Chris weiß es besser. Niemand gibt dem Schnapsverkäufer die Schuld daran, dass eine Tante bei den Anonymen Alkoholikern gelandet ist. Sein eigener Bruder hat auch gedealt. Nur kleine Mengen, nichts Besonderes, aber nicht, weil er ein schlechter Mensch war, sondern damit sie etwas zu essen hatten.

»Wenn Sie zu einer Entziehungskur bereit sind«, sagt Chris zu seinem Mandanten, »dann kann ich vielleicht eine Bewährungsstrafe rausholen.«

Das Genie hatte versucht, eine gestohlene Louis-Vuitton-Handtasche zu verpfänden, in der noch der Ausweis des Opfers gesteckt hatte. Da hatte nicht einmal der korrupte Pfandleiher ein Auge zudrücken können.

»Und wer bezahlt das?«

»Ich kann versuchen, staatliche Förderung zu beantragen.«

Sein Mandant denkt darüber nach. Wägt ein Leben ohne Drogen ab gegen einen relativ kurzen Aufenthalt im Gefängnis, wo Drogen leichter zu bekommen sind als Klopapier.

»Ich will einen richtigen Anwalt haben. Nicht so einen staatlichen Rechtsverdreher.«

So etwas tangiert Chris schon lange nicht mehr. Es handelt sich um einen weitverbreiteten Irrglauben: Dass ein Rechtsanwalt, der so bescheuert ist, gegen lächerliche Bezahlung eine Arbeit zu machen, über die alle nur die Nase rümpfen, kein Clarence Darrow sein kann. Vielleicht stimmt das ja. Aber Chris hat vor zwei Jahren seine Zulassung als Rechtsanwalt bekommen und bereits jetzt mehr Verfahren vor einem Geschworenengericht mitgemacht als die meisten selbstständigen Rechtsanwälte in ihrem ganzen Leben. Außerdem sind Pflichtverteidiger Experten im Umgang mit der Staatsanwaltschaft, wenn es – wie in diesem Fall – darum geht, Absprachen auszuhandeln. Sie wissen genau, welchen Hardlinern sie besser aus dem Weg gehen müssen, bei welchen Weicheiern sie auf die Tränendrüsen drücken und welche Faulpelze sie austricksen können.

»Wenn Sie genügend Geld haben, können Sie sich jeden Anwalt nehmen, den Sie wollen«, erwidert Chris. »Wenn nicht, dann haben Sie mich.«

Der Mandant sieht Chris an. Seine Pupillen sind selbst nach einer Nacht im Knast noch groß wie Untertassen. »Einverstanden«, sagt er.

Der Wärter kommt und bringt den Mann mit den nervösen Zuckungen weg. Chris sieht auf seinem Smartphone nach, welche traurige Gestalt als Nächstes auf dem Stuhl gegenüber Platz nehmen wird.

Als sein Blick auf die aktuellen Meldungen in seinem Nachrichtenmenü fällt, setzt sein Herzschlag für einen Augenblick aus: MEHREREJUGENDLICHEBEIÜBERFALLAUFEISDIELEERMORDET. NUREINEÜBERLEBENDE.

Chris spürt, wie die Magensäure seine Speiseröhre emporklettert. Ihm wird irgendwie schwindlig, als wäre er zu lange mit seinem Mandanten in einem zu engen Raum gewesen. Er liest den ersten Absatz:

Gestern Abend wurden drei Beschäftigte einer Dairy-Creamery-Filiale in der Elizabeth Avenue 500 in Linden brutal ermordet aufgefunden. Die ganze Gemeinde steht unter Schock. Nach Polizeiangaben wurden die Leichen der Filialleiterin Beth Ann Hughes, 18, sowie zweier minderjähriger Angestellter nach Mitternacht entdeckt. Ein viertes Opfer, eine Kundin, hat den Überfall überlebt und liegt momentan im Krankenhaus. Ihr Zustand wird als stabil bezeichnet. Diese Tat erinnert an ein ähnliches Verbrechen vor fünfzehn Jahren, als am Silvesterabend, ebenfalls in Linden, in einem Videoshop …

Geistesabwesend starrt Chris auf die zerkratzte Tischplatte. Seine Gedanken kehren zurück zu jenem Abend, als er an ihrem eigenen zerkratzten Küchentisch sitzt und zusieht, wie sein großer Bruder Vince in aller Hast das Essen – eine Packung Nudeln mit Instantsoße – zubereitet.

»Wo warst du?«, fragt er seinen großen Bruder. Es ist kurz vor zehn Uhr. Vince ist gerade erst nach Hause zurückgekehrt und hantiert jetzt mit Töpfen und Pfannen. In der Pfanne brutzelt ein Klumpen Hackfleisch.

Er dreht sich zu Chris um und zieht eine Augenbraue in die Höhe.

Chris bekommt leuchtende Augen. »Ein Mädchen?« Er ist zwölf Jahre alt und vom anderen Geschlecht fasziniert und überfordert zugleich.

Vince kippt die Gewürzmischung und die Nudeln in die Pfanne.

»Sie ist nicht bloß irgendein Mädchen.«

»Ist sie scharf?«

Vince wirbelt herum und starrt ihn durchdringend an. »Was habe ich dir gesagt? Respekt! Willst du sein wie er oder wie wir?« Das sagt er oft zu Chris, um ihn daran zu erinnern, dass sie beide auf keinen Fall so werden wollen wie ihr Dad. Der Mann, der zuerst zuschlägt und dann Fragen stellt. Der Mann, der ihre Mutter in die Flucht getrieben hat.

Chris runzelt die Stirn. Er will Vince nicht enttäuschen, schließlich steckt sein großer Bruder voller Teenager-Weisheit, auch wenn er nebenbei mit Gras dealt.

Vince sagt: »Sie ist … ich kann es nicht genau erklären. Aber, also … wir reden doch ständig davon, dass wir diesem beschissenen Leben entkommen wollen, oder?«

Chris nickt. Nirvana, so sagt Vince dazu. Wie die Band. Deshalb ist es Vince so wichtig, dass Chris gut in der Schule ist.

»Ach, übrigens, hast du diese Buchbesprechung schon zurückbekommen?«, will er jetzt mit gerunzelter Stirn wissen.

»Noch nicht. Erst nach den Ferien«, erwidert Chris.

»Jedenfalls, das neue Leben, das dir mit deiner Intelligenz bevorsteht – genauso duftet sie.«

»Duftet?« Chris setzt eine nachdenkliche Miene auf.

»Das ist bloß ein …«

Die Tür fliegt auf. Hastig schiebt Vince die graue Pampe auf den Teller. Eine Schnapsfahne weht in die Küche, und als Dad sieht, dass das Essen noch nicht auf dem Tisch steht, läuft sein Gesicht dunkelrot an. Ihr Vater arbeitet bei einer Lagerraum-Vermietung in der Nähe der Kläranlage von Linden. Seine Schicht dauert von acht bis acht, anschließend geht er in die Kneipe und trinkt, bis er Hunger kriegt, torkelt nach Hause und erwartet, dass das warme Essen auf dem Tisch steht. Falls nicht, bekommt irgendjemand seinen Gürtel zu spüren. Silvester bildet da keine Ausnahme.

Ihr Dad setzt sich an seinen Platz und schiebt den Stuhl unter lautem Kratzen über das rissige Linoleum. Vince stellt den Teller vor ihn auf den Tisch. Anschließend geht er zur Spüle, um ein Glas Wasser zu holen. Da nimmt Dad den vollen Teller und knallt ihn Vince an den Hinterkopf. Der Teller fällt auf den Boden. Hackfleisch und schleimige Soße verteilen sich über seinen großen Bruder und spritzen durch die ganze Küche.

Mit vor Wut blitzenden Augen dreht Vince sich um, aber ihm ist nichts Ernsthaftes passiert. »Wieso hast du …?«

Ihr Vater ist bereits aufgesprungen und rammt Vince die Faust in den Magen.

»Versalzen, verflucht noch mal!«

Chris will aufstehen, um seinen Bruder zu verteidigen oder wenigstens nach ihm zu sehen. Aber Vince, obwohl er sich nach vorn gebeugt hat, wirft Chris einen verstohlenen Blick zu und schüttelt fast unmerklich den Kopf. Nicht.

Ihr Vater taumelt in sein Schlafzimmer.

Chris läuft zu seinem großen Bruder. »Alles in Ordnung?«

Vince richtet sich auf, fasst sich an den Hinterkopf und betrachtet anschließend seine rötlich braunen Finger. Er lächelt Chris verschlagen an. »Ich hab gedacht, das Salz überdeckt den Geschmack der Spucke.«

Chris erwidert sein Lächeln.

Vince sieht Chris in die Augen. »Versprich mir, dass du einen richtig guten Schulabschluss machst. Und dann haust du hier ab und schaust nie wieder zurück. Weil, wenn du das nicht schaffst, dann klebt sein Gestank dein ganzes Leben lang an dir. Das darfst du nicht zulassen, versprich mir das.«

»Nirvana«, sagt Chris. »Versprochen.«

Später dann wacht Chris von einem lauten Geräusch auf. Holz splittert. Er hört Rufe und lautes Trampeln. Sind das Einbrecher?

Er rennt in Vince’ Zimmer, aber sein Bruder ist nicht da.

Da hört er Dads dröhnende Stimme im Wohnzimmer. »Ich hab gewusst, dass du nichts taugst! Ich bereue den Tag, an dem du geboren worden bist, das schwöre ich!«

Chris nimmt allen Mut zusammen und geht ins Wohnzimmer. Es ist voller uniformierter Männer. Zwei von ihnen stehen vor seinem Vater, der immer noch zeternd auf dem Sofa sitzt. Vince liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden, während ein Polizist auf seinem Rücken kniet und ihm mit groben Bewegungen Handschellen anlegt.

Vince wird auf die Füße gerissen. Eines seiner Augen ist fast vollständig zugeschwollen, und seine Lippe blutet.

Chris hat Angst und ist verwirrt. Das alles bloß, weil sein Bruder ein bisschen Gras vertickt hat?

Die Polizisten zerren Vince nach draußen und lassen einen zersplitterten Türrahmen zurück … und einen Vater, der sauer ist wegen des Schadens und das an Chris auslassen wird.

Zum Glück klingelt jetzt Chris’ Telefon und holt ihn in die Gegenwart zurück.

Das ist Mrs May, seine Adoptivmutter. Er nennt sie immer noch nicht Mom, aber das macht ihr nichts aus. Er überlegt kurz, ob er den Anruf der Mailbox überlassen soll, aber sie ruft ihn eigentlich nie während der Arbeit an. Vielleicht geht es ja um Clint, seinen Adoptivvater. Er hatte in letzter Zeit ein paar gesundheitliche Probleme.

»Christopher, wie geht es dir, Schätzchen?«

»Sehr gut, Mrs May. Ich bin gerade im Gefängnis, dienstlich. Ist etwas passiert?«

»Alles bestens, danke. Ich backe nur gerade einen Apfelkuchen und habe an dich gedacht, weil du den doch so gerne isst. Und da dachte ich, ich ruf mal meinen Lieblingsmenschen an und frage ihn, wie es ihm geht.«

Chris zählt zwei und zwei zusammen, und ihm wird klar, dass sie garantiert nicht wegen des Apfelkuchens seine Nummer gewählt hat.

»Ich weiß gar nicht, ob du die Nachrichten gesehen hast«, fährt sie fort und bestätigt damit seinen Verdacht, »aber es hat einen …«

»In der Eisdiele«, unterbricht er sie. »Ja, das habe ich gelesen. Schrecklich.«

»Oh, dann weißt du also Bescheid. Das habe ich mir fast gedacht. Deswegen wollte ich wissen, ob alles in Ordnung ist. Es könnte ja sein, dass dadurch ein paar unangenehme …«

»Alles in Ordnung.«

Mrs May ist eine freundliche und liebevolle Frau. Im Anschluss an Vince’ Festnahme hatte einer der Staatsanwälte, die mit dem Fall betraut waren – heute ist er Leiter der Bezirksstaatsanwaltschaft des Union County –, Chris befragt. Er schien sich mehr für Chris’ blaue Flecken und seine geschwollene Lippe zu interessieren als für den Aufenthaltsort seines flüchtigen großen Bruders. Kurze Zeit später waren Mrs May und Clint seine Pflegeeltern geworden. Clint ist nicht sein richtiger Name, aber Mrs May und Chris nennen ihn so, seit Chris ihn einmal mit einer grummeligen Figur aus einem Clint-Eastwood-Film verglichen hat, den sie sich zusammen angeschaut hatten.

»Ganz ehrlich, bei mir ist alles bestens. Danke der Nachfrage. Wie geht es Clint? So weit alles okay?«

»Du kennst ihn ja. Der Arzt sagt, dass er sich schonen soll, und jetzt baut er im Garten einen Geräteschuppen.«

Chris grinste: »Schöne Grüße von mir, und er soll sich nicht überanstrengen.«

»Ich werd’s versuchen, Schätzchen«, erwidert sie. »Ich weiß, dass du bei der Arbeit bist, also lasse ich dich weitermachen.« Sie hält kurz inne. »Und du bist sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?«

»Absolut. Wir sehen uns morgen Abend beim Essen.« Sie hatten sein Leben verändert, hatten ihn adoptiert, ihm einen neuen Namen, eine neue Schule, ein neues Leben geschenkt. Er ist jetzt Chris Ford. Er hat Eltern, die ihn unterstützen, eine wunderschöne Freundin und einen Jura-Abschluss von der Columbia University. Das Mindeste, was er tun kann, ist einmal pro Woche mit ihnen zusammen zu Abend zu essen. Das ist das Einzige, worum Mrs May ihn je gebeten hat.

»Ich freue mich darauf«, sagt Mrs May und legt auf.

Chris sieht sich in dem trübsinnigen Besprechungsraum um.

Und du bist sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?

Er ist sich ganz und gar nicht sicher.

Kapitel 6

Keller

»Die verlorene Tochter kehrt zurück.«

Keller lächelt den Bezirksstaatsanwalt des Union County an. Hal Kowalski sitzt, halb verdeckt von einem Aktenstapel, an seinem Schreibtisch im Ruotolo Justice Center.

Mit einem Blick auf Kellers schwangeren Bauch lässt der oberste Strafverfolger des Bezirks ein breites Lächeln sehen. »Heiliger Strohsack, du hast Verstärkung mitgebracht.«

»Wie geht es dir, Hal?«

»Dir ist schon klar, dass man einen Mann meines Alters so was lieber nicht fragen sollte, oder?« Hal sieht eigentlich kaum älter aus als damals, als Keller während der Collegeferien ein Praktikum bei der Bezirksstaatsanwaltschaft gemacht hatte. Er ist immer noch fit und sportlich, hat den Haarschnitt und die Körperhaltung eines Elitesoldaten. Er zeigt auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Als ich Stan um Hilfe vom FBI gebeten habe, da war mir nicht klar, dass er gleich seine Elitetruppe schicken würde.« Hal ist ein alter Freund ihres Chefs, des Leiters der FBI-Zweigstelle in Newark. Keller hat den leisen Verdacht, dass sie über diese Verbindung den Job in Newark bekommen hat, immerhin eine begehrte Stelle für eine Anfängerin. Das ist jetzt fünf Jahre her. Und vermutlich ist sie genau aus diesem Grund auch jetzt wieder hier gelandet.

»Wie geht es Stan?«, will Hal wissen. »Läuft er immer noch mit diesem Stock im Hintern rum?«

»Nein. Er hat tatsächlich mit Yoga angefangen und lässt uns an Achtsamkeitsseminaren teilnehmen.«

Hal betrachtet sie ausführlich. »Das ist doch ein Witz, oder?«

Keller grinst und bestätigt damit seinen Verdacht.

»Immer noch das gleiche freche Mundwerk, wie ich sehe. Gut so. Lass dir das von diesen Anzugträgern nicht vermiesen.«

Nachdem das erforderliche Mindestmaß an Small Talk abgearbeitet ist – weder Hal noch Keller sind besonders scharf darauf –, kommt Hal zur Sache.

»Du weißt über diese Eisdielen-Geschichte Bescheid?«

»Ja. Und wie ich sehe, sind die Medien auch schon da. Die haben Zelte aufgebaut, also richten sie sich wohl auf etwas Längeres ein.«

Hal seufzt und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. »Sobald sie mitkriegen, dass ein Messer im Spiel ist, drehen sie durch.«

Er muss nicht dazu sagen, weshalb. In den fünfzehn Jahren seit dem Blockbuster-Gemetzel hat es zahllose Massenmorde gegeben. Die Welt hatte sich dramatisch verändert. Aber nur in den allerwenigsten Fällen hat der Täter dabei ein Messer verwendet.

»Du glaubst doch nicht, dass Vince Whitaker …« Keller bringt ihren Satz nicht zu Ende.

»Keine Ahnung. Deshalb habe ich euch ja um Hilfe gebeten. Dein Laden soll mal ein bisschen was von seinem Voodoo-Zauber machen, und dann wollen wir mal sehen, welche Ideen ihr so habt.«

»Gibt es schon irgendwelche Hinweise?«

Hal massiert sich die Schläfen. »Negativ«, erwidert er. »Wir versuchen gerade, der Überlebenden ein paar Informationen zu entlocken. Anscheinend hat sie einen Schock, aber vielleicht kann sie uns trotzdem was sagen. Falls nicht, dann dauert es schätzungsweise noch eine Woche, bis sie anfangen, an meinem Stuhl zu sägen.«

»Und an meinem auch.«

»Wozu hätte ich sonst das FBI um Hilfe bitten sollen?« Hals Mundwinkel wandern ein winziges Stückchen nach oben.

»Und was können wir für dich tun?«

»Vince Whitaker als Option ausschließen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er noch einmal hier auftaucht, nachdem er vor fünfzehn Jahren spurlos verschwunden ist. Aber ihr habt ganz andere Möglichkeiten als wir. Und es wäre mir lieber, wenn meine Leute nicht durch eine Gespensterjagd abgelenkt würden. Stan meint, dass ihr die Whitaker-Spur wegen des landesweiten Haftbefehls gut verfolgen könnt.«

Im Normalfall ist das FBI nicht befugt, in Mordermittlungen einzugreifen, da diese in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten fallen. Im Fall Vince Whitaker war jedoch ein landesweit gültiger Haftbefehl ausgestellt worden. Das war das übliche Vorgehen, wenn ein Beschuldigter sich durch Flucht der Strafverfolgung entzogen hatte. Dadurch war es möglich, die Bundesbehörden in die Jagd nach dem Verdächtigen mit einzubeziehen.

Keller nickt. »Und was können wir in Bezug auf die Eisdiele für euch tun?«

»Also, ich würde sagen, dass wir da Schritt für Schritt vorgehen. Mein leitender Detective ist ein völlig humorloses Arschloch. Er heißt Joe Arpeggio, und für den Fall, dass du keine Fernsehkrimis schaust: Die Ermittler vor Ort sind grundsätzlich sauer, wenn das FBI ihnen in die Suppe spuckt.«

»Du weißt doch genau, dass ich niemals …«

»Das weiß ich. Aber da soll er mal schön selber draufkommen. Vielleicht könnt ihr ja den ganzen Schlamassel aufklären, bevor sie mir im Juni meine goldene Uhr in die Hand drücken.«

»Du gehst in Pension?«

»Hab vor ein paar Monaten die Papiere eingereicht.« In Hals Stimme liegt nicht einmal eine Andeutung von Wehmut. »Arpeggio nimmt bestimmt irgendwann Vernunft an, vor allem, wenn er selber nicht weiterkommt, aber vorerst möchte ich, dass du dich auf Vince Whitaker konzentrierst. Und wenn Arpeggio euer Labor oder so was in der Art braucht, dann wäre es schön, wenn ihr ihn unterstützen könntet.«

Keller nickt abermals. Wahrscheinlich bringt das alles sowieso nichts. Sie hat sich Vince Whitakers Akte schon heute Morgen angesehen – der Fall ist eiskalt, die Akte dünn wie eine Rasierklinge. Das FBI wird hinzugezogen, weil es die besseren Möglichkeiten hat, das ist alles.

»Wenn es dir nichts ausmacht, dann gebe ich dir einen von unseren Detectives mit. Er weiß von uns allen noch am meisten über den Blockbuster-Fall.«

Keller runzelt die Stirn.

»Kein Sorge«, meint Hal. »Ist ein guter Junge. Und wird mal ein verdammt guter Detective.«

Ein guter Junge? Wie alt ist er denn? Die Bezirksstaatsanwaltschaft des Union County ist ein einzigartiges Konstrukt, weil sie mehr als zweihundert Angestellte hat, unter anderem auch eine eigene kriminalpolizeiliche Abteilung. Und Keller hat ihr Praktikum damals bei der Mordkommission gemacht. Sie überlegt, ob sie dagegen protestieren soll, dass sie mit einem Anfänger zusammengespannt wird. Aber sie kennt Hal gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht um ihre Zustimmung bittet.

»Er wartet in Zimmer 430. Du kennst ja den Weg.«

Das war damals während des Praktikums auch ihr Büro gewesen.

Jetzt weiß sie, dass die Sitzung beendet ist. Sie bedankt sich und geht zur Tür.

»Sarah«, sagt Hal, und seine Stimme klingt weicher als zuvor.

Sie dreht sich um.

Er zeigt auf ihren Bauch: »Gratulation.«

Kapitel 7

Ella

Ella sitzt in ihrem Auto vor einem verbarrikadierten Gebäude, an dem ein riesiges ZU-VERMIETEN-Schild angebracht ist. Während der Highschool hat sie immer einen Umweg gemacht, nur damit sie das vertraute, wie ein Kinoticket geformte blau-gelbe Schild nicht sehen musste. Später dann, in der Collegezeit, hat sie sich bei ihren Besuchen in der Heimat allen möglichen Unsinn eingeredet, dass sie sich ihren Ängsten stellen müsste und so weiter. Damals hatte sich in den Räumlichkeiten des ehemaligen Videoshops eine Steakhouse-Kette eingemietet. Allein die Vorstellung, dass es Leute gab, die an so einem Ort billiges Rindfleisch vertilgten, kam ihr gotteslästerlich vor.

Ella zieht an ihrem Oberteil. Sie muss dringend nach Hause und sich umziehen. Bei einem Blick auf ihr Dekolleté muss sie an Candy denken. An Ellas erstem Arbeitstag bei Blockbuster hatte die Kollegin an ihrer eigenen, grässlichen Uniform die Schere angesetzt und das blaue Poloshirt mit dem gelben Kragen fast bis zum Bauchnabel aufgeschnitten. Der Filialleiter – sie nannten ihn Stevie – wäre bei dem Anblick beinahe in Ohnmacht gefallen.

Ella muss damit aufhören. Sie verzwirbelt schon wieder ihre Haare – eine Angewohnheit, die sie früher mal niedlich gefunden hatte, die aber nach jenem Abend zwanghaft geworden war. Sie hatte angefangen, die Haare zu verdre