Gotcha! - Shelley Hrdlitschka - E-Book

Gotcha! E-Book

Shelley Hrdlitschka

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Beschreibung

Wenn ein Spiel zum Wahnsinn wird ...
Katie steht kurz vor den Abschlussprüfungen an der Slippery Rock High. Und das bedeutet Gotcha-Zeit! Das Spiel war Tradition jedes Abiturjahrgangs – bis es aufgrund gewisser Zwischenfälle in diesem Jahr verboten wurde. Doch für Katies Klasse ist das kein Hinderungsgrund: Heimlich stürzen die Schüler sich in das Spiel, bei dem es nicht nur darum geht, seine Gegner auszuschalten, sondern dessen Gewinner auch noch sehr viel Geld winkt. Und Katie braucht Geld – dringend! Schon bald gerät Gotcha außer Kontrolle. Aus Spiel wird bitterer Ernst, Freunde werden zu Feinden, und Katie wird immer tiefer in einen skrupellosen Kampf gezogen. Sie muss gewinnen, egal mit welchen Mitteln …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Shelley Hrdlitschka

Gotcha!

Aus dem Englischen von Christiane Steen

Rowohlt Digitalbuch

Inhaltsübersicht

Danksagungeinszweidreivierfünfsechssiebenachtneunzehnelfzwölfdreizehnvierzehnfünfzehnsechzehnsiebzehn
[zur Inhaltsübersicht]
Danksagung

Wieder einmal hätte dieses Buch nicht ohne das sanfte Drängen meiner lieben Freunde und Autorenkollegen Beryl Young, Kim Denman und Diane Tullson geschrieben werden können. Ich danke euch für eure Weisheit und beständige Unterstützung.

Ein besonderer Dank gilt den Schülern der Seycove Secondary School in North Vancouver, vor allem den Abschlussklassen von 2004 und 2006, die mich zu diesem Buch inspirierten und ihre Gotcha-Geschichten mit mir teilten.

[zur Inhaltsübersicht]

eins

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Hi

Liebe Katie,

wollte dir bloß sagen, dass ich dich lieb habe und dich vermisse, und hoffe, dass wir uns bald sehen. Ich weiß, ich hätte nicht mitten in der Nacht fortgehen sollen, ohne mich von dir zu verabschieden, aber es war eine sehr spontane Entscheidung. Ich schätze, du weißt, dass deine Mom und ich ein paar Probleme miteinander haben und ein bisschen Abstand brauchen. Sei nicht sauer. Für mich sehen die Dinge gerade ganz gut aus: Ich hatte schon ein Vorstellungsgespräch und habe ein gutes Gefühl. Du wirst bestimmt stolz auf mich sein, Katie.

Wir reden bald.

:D/xo

Dad

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Re: Hi

Du hast recht, Dad, wie könnte ich NICHT wissen, dass ihr 2 Probleme habt? Bin sicher, alle Nachbarn wissen es auch, außer sie sind taub. Und ich bin sehr wohl sauer!!!! Warum hast du mich nicht mitgenommen?!! Du bist nicht der Einzige, den sie bis zum Wahnsinn nervt. Und jetzt zickt sie doppelt so viel an mir rum. Vielen Dank.

Katie

PS Und wo steckst du überhaupt??

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Re: re: Hi

Katie,

sprich nicht so über deine Mutter. Sie bemüht sich, so gut sie eben kann. Und du bist schon beinahe erwachsen, also kannst du damit umgehen, das weiß ich.

Hab dich sehr lieb!

Dad

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Re: re: re: Hi

Du hast überhaupt keine Ahnung, Dad! Ich bin erst 17 und darf nicht wählen oder Alkohol trinken. Und wenn ich dafür nicht alt genug bin, warum bin ich dann deiner Ansicht nach alt genug, um die Trennung meiner Eltern zu verdauen? Du + Mom braucht vielleicht ein bisschen «Abstand» (das erzählen alle Eltern, die sich scheiden lassen wollen), aber was ist mit mir? Vielleicht brauche ich ja auch Abstand von ihr! Wäre es für dich vielleicht okay, wenn ich mitten in der Nacht abhauen würde? Ist das die Art, wie Erwachsene mit ihren Problemen umgehen? Du hast nicht bloß Mom verlassen, sondern auch mich. Du bist der Erwachsene. Hättest du nicht wenigstens versuchen können, deine Familie zusammenzuhalten? Wenn du mich wirklich lieb hättest, dann wäre das das Wichtigste für dich gewesen. Und du hast mir immer noch nicht gesagt, wo du bist.

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Re: re: re: re: Hi

Katie,

das verstehst du nicht. Ich muss ein paar Sachen klären, und das kann ich nicht unter den misstrauischen Augen deiner Mutter. Wir müssen alle unser Leben leben. Vielleicht wohne ich jetzt für eine Weile woanders, aber ich liebe dich so sehr wie zuvor. Nicht mehr lange, dann ziehst du aus, um zu studieren oder zu arbeiten. Heißt das vielleicht, dass wir keine Familie mehr sind? Wir werden diese schwierige Zeit schon überstehen, du wirst sehen.

Xo

Dad

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Re: re: re: re: re: Hi

Okay, du glaubst, du musst ein paar Sachen klären? Was ist mit mir? Es ist schon schwer genug in der 12. Klasse kurz vor den Prüfungen + alle fragen mich, was ich nächstes Jahr machen will + ich habe keine Ahnung … + jetzt das. + ich finde es komisch, dass du mir nicht sagen willst, wo du bist. Hast du Angst, dass ich vorbeikomme und irgendwas sehe, was ich nicht sehen darf?

Komm zurück!

Ich fühle mich, als hätte man mich direkt in einen Bienenstock geworfen. Das Summen um mich herum ist ohrenbetäubend. Ich schließe die Augen und zwinge mich dazu, etwas Energie aufzubringen, aber diese schmerzende Leere frisst mich von innen auf, und ich fühle mich immer noch total schlapp. Dann werfe ich wieder einen Blick auf die Schüler des Abschlussjahrgangs, die auf der kalten Metalltribüne Platz nehmen, und bin dankbar für meinen Stuhl, der ganz vorn mit Blick auf die Menge steht. Das ist einer der Vorteile, wenn man zum Abschlusskomitee gehört.

Nach einem kurzen Blick auf mich steht Warren neben mir von seinem Stuhl auf und hebt ein Einmachglas von überdimensionalen Ausmaßen über den Kopf. Die glänzenden bunten Perlen, die uns die Absolventen vom letzten Jahr vererbt haben, rollen an der glatten Innenwand herum. Das summende Gemurmel in der Turnhalle verstummt langsam.

«Liebe Mitschüler des Abschlussjahrgangs», schmalzt Warren mit seiner aufgesetzten Radiosprecherstimme. Ich wette, dass er nur deswegen zum Präsidenten des Komitees gewählt worden ist. Auf jeden Fall nicht wegen seiner Intelligenz. Okay, er ist vielleicht ganz charmant und er sieht ziemlich gut aus, aber ist das vielleicht ein Grund, ihn zum Präsidenten zu wählen?

«Es ist mal wieder so weit», fährt er fort und hypnotisiert einen gesamten Jahrgang mit seiner verführerischen Stimme. «Der Abschlussjahrgang von Slippery Rock High spielt …» Er macht eine Pause, und man kann spüren, wie das Summen wieder anhebt. «… Gotcha!»

Die Halle explodiert. Ich würde mir gern die Ohren zuhalten. Das Johlen, Pfeifen und Füßetrampeln auf der Metalltribüne ist ohrenbetäubend.

Ich bin eigentlich nicht darüber genervt, dass Warren der Präsident ist. Er macht seinen Job gut. Was mich nervt, ist, dass ich dazu verdammt bin, seine Sekretärin zu sein und nicht die Vizepräsidentin. Wie lahm ist das denn? Und werden Sekretärinnen heute nicht zumindest ‹Teamassistentinnen› oder so genannt? In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

«Ich glaube, ihr kennt alle die Regeln dieses Spiels», fährt Warren fort, als der Lärm langsam abebbt, «aber ich werde sie euch noch einmal erklären, nur um sicherzugehen, dass wir alle auf dem gleichen Stand sind.» Er tippt gegen das Einmachglas. «Diese Perlen werden von Abschlussjahrgang zu Abschlussjahrgang weitervererbt. Heute werden wir an euch alle eine davon verteilen, gemeinsam mit dem Namen eines Mitschülers, der ebenfalls an diesem Spiel teilnimmt. Wir haben ’ne Schnur hier, oder ihr befestigt sie anderweitig. Auf jeden Fall müssen alle Mitspieler ihre Perle von heute an irgendwo an ihrem Körper tragen, bis sie getaggt worden sind.»

Jemand stößt mich mit dem Ellenbogen an. Ich drehe mich zu Paige um, die zu den fünf weiteren Schülervertretern gehört und neben mir sitzt.

«Wir sind ein Team, Katie, oder?», flüstert sie. «Abgemacht?»

Ich zucke die Schultern und drehe mich zurück zu Warren. Die Wahrheit ist, dass ich mich bei Spielen lieber an die Regeln halte, aber Paige wird sowieso alles tun, um zu gewinnen.

Noch ein Stoß mit dem Ellenbogen. «Katie!», flüstert Paige.

«Na gut, okay!» Ein Gefühl der Besorgnis verdrängt für einen kurzen Augenblick die schmerzende Leere. Ich schätze, ich bin hier die Einzige, die keine Lust auf dieses blöde Spiel hat. Wir wissen doch alle, was in den letzten Jahren passiert ist, wie die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Genau darum treffen wir uns schließlich im Gemeindezentrum und nicht in der Schule. «Gotcha» ist offiziell als Abschlussaktivität verboten worden, was es natürlich nur noch interessanter macht. Noch nie haben sich so viele Schüler zu dem Spiel angemeldet wie in diesem Jahr. Ich bezweifle, dass sich nur einer von ihnen dazu genötigt fühlt, so wie ich. Ich habe versucht, das Abschlusskomitee dazu zu überreden, das Ganze abzublasen, aber das kam für die gar nicht in Frage, und dass ich vom Rest des Jahrgangs auch keine Unterstützung bekommen würde, war mir klar.

«Der Name, den ihr heute zieht», sagt Warren, «ist der Name eures Opfers, also der Person, der ihr die Perle abnehmen müsst, indem ihr sie taggt. Wenn ihr die Perle habt, fädelt ihr sie neben eurer eigenen auf und übernehmt den Namen des Opfers der getaggten Person. Wenn die Person, die ihr getaggt habt, schon mehr als eine Perle besitzt, bekommt ihr alle. Wenn ihr selbst getaggt werdet, gebt ihr alle Perlen an diese Person ab und seid offiziell raus aus dem Spiel.»

Wir wissen alle genau, wie das Spiel geht, aber trotzdem hören wir zu.

«Und denkt daran», warnt er jetzt, «dass ihr keine Person taggen und ihr die Perlen abnehmen dürft, solange sie sich in der Schule oder auf dem Schulgelände aufhält. Außerdem darf man niemandem die Perle abnehmen, der sich bei einer anderen Person eingehakt hat, die noch offiziell mitspielt.» Warren macht wieder eine Pause und überlegt vermutlich, welche Regeln es noch gibt. Es fallen ihm aber keine mehr ein, also sagt er: «Gibt es noch Fragen?»

«Wie viel Geld kriegt der Gewinner?», fragt Tyson Remmer.

Unterdrücktes Gemurmel schwappt über die Tribüne. Tyson braucht das Geld von uns allen am wenigsten, und zwar nicht, weil er reiche Eltern hat oder einen vernünftigen Job.

«Wir haben von euch allen zehn Dollar eingesammelt», antwortet Warren, «sodass in diesem Jahr zweitausendeinhundertundzwanzig Dollar im Topf sind. Das ist bisher der Rekord und wird einem von euch das Studium erleichtern. Oder vielleicht ist es die Anzahlung für ein Auto? Oder vielleicht muss ja auch jemand von euch ein paar Schulden begleichen.» Er zwinkert, ohne dabei jemanden direkt anzusehen, und ich schwöre, die gesamte weibliche Hälfte des Abschlussjahrgangs hält verzückt den Atem an. «Und das, meine Freunde, sind die Regeln. Das Spiel beginnt in genau» – er wirft einen Blick auf die Uhr an der Wand – «einer Stunde. Und wenn es keine weiteren Fragen gibt …» Er lässt seinen Blick über die Tribüne gleiten. «Dann kommt runter und holt euch eure Perlen!»

Hier wird mal wieder Warrens Inkompetenz deutlich. Anstatt eine ordentliche Schlange zu organisieren, zieht er sein dämliches Showmaster-Ding durch und lässt alle Zwölftklässler die Tribüne runterrasen und sich mit Ellenbogen bis zum «Präsidenten» vordrängeln, der ihnen das Glas mit den Perlen hinhält. Ich stehe neben ihm und halte eine wollene Skimütze mit den Namen, die wir auf kleine, gefaltete Zettel geschrieben haben. Paige hält die Schnüre bereit.

Ich schätze, dass diese ganze Verteilung der Perlen, Schnüre und Namen in den vorigen Jahrgängen, als noch der Lehrervertreter aus dem Abschlusskomitee mitgeholfen hat, irgendwie anders gelaufen ist, aber Mrs. Barter hat sich nicht bloß geweigert, uns zu helfen, sie wollte uns noch nicht mal irgendeinen Tipp geben.

Es ist das reinste Chaos, aber schließlich haben alle eine Perle, einen Namen und jeder, der wollte, auch ein Stück Schnur. Alle bis auf uns verlassen das Gemeindezentrum in kleinen Gruppen. Es sind noch sieben Perlen und Namen übrig.

Warren hält mir das Glas zuerst hin. «Das ist doch gut gelaufen, findest du nicht?», fragt er.

Ich stecke meine Hand rein und hole eine türkisblaue Perle heraus. Dann ziehe ich einen der übrig gebliebenen, gefalteten Zettel aus der Mütze. Ich werfe einen Blick auf den Namen – und zwinge mich, mein Pokergesicht aufrechtzuerhalten –, dann stecke ich mir beides in die Tasche. «Ja, ist gut gelaufen», sage ich.

«Du warst toll, Warren», schwärmt Paige und greift in das Glas, um sich selbst eine Perle zu nehmen. «Ich finde es so gruselig, vor allen zu sprechen, aber bei dir sieht es immer so leicht aus.»

Warren strahlt Paige an. Er könnte echt Werbung für Zahnpasta machen, und das Grübchen in seinem Kinn ist so perfekt, dass ich mich frage, ob er es sich vielleicht hat reinoperieren lassen. Paige wird rot.

Paige ist vielleicht meine beste Freundin, aber ich bin sicher, dass sie Warren bei der Wahl zum Präsidenten sofort ihre Stimme gegeben hätte, selbst wenn mir nur eine Stimme zum Sieg gefehlt hätte.

[zur Inhaltsübersicht]

zwei

«Also, wir brauchen einen Plan», sagt Paige. Wir sind zurück zur Schule gegangen, um unsere Sachen zu holen. Paige zieht an ihrem Strohhalm, der in einer Safttüte steckt, und nimmt einen großen Schluck, während ich meine Bücher aus meinem Spind hole. Sie zerdrückt die leere Packung und wirft sie in Richtung Mülleimer, der auf der anderen Seite des Ganges steht. Die Packung landet daneben. Paige hebt sie nicht auf.

«Mrs. Kennedy recycelt solche Verpackungen», erkläre ich ihr. Ich kann nicht anders. Paige ist vielleicht meine beste Freundin, aber manche Sachen schnallt sie einfach nicht.

«Keiner außer Mrs. Kennedy würde auf die Idee kommen, Müll zu sammeln», seufzt Paige. «Aber jetzt konzentrier dich mal, Katie. Wie sieht es mit einem Plan aus?»

«Sie sammelt keinen Müll.» Ich mache meinen Spind zu und mache das Vorhängeschloss zu. «Sie bringt ihn zurück und kauft von dem Pfandgeld Sachen für den Kunstraum. Ich mag ihre Ideen, wie man zu Geld kommt.»

«Typisch.» Sie schüttelt den Kopf. «Also?», fragt sie und blickt den leeren Flur entlang. «Welchen Namen hast du gezogen?»

«Deinen.»

«Nein!» Einen Moment lang glaubt sie mir. Bei ihrem Gesichtsausdruck muss ich einfach loslachen. «Du Miststück!» Sie schlägt mir auf den Arm. «Jetzt mal ehrlich: Wen hast du gezogen?»

«Das werde ich dir nicht verraten.» Ich gehe rüber, hebe die leere Safttüte auf und stecke sie mir in die Jackentasche.

«Aber wie sollen wir uns dann gegenseitig helfen?», jammert Paige. «Katie, du hast versprochen, dass wir ein Team sind!»

Ich gehe einfach los, ohne auf sie zu warten. «Ja, aber wenn ich es dir sage, dann erzählst du es jemand anderem, und der erzählt es wieder jemand anderem und so weiter, bis es schließlich die Person erfährt, die ich gezogen habe. Niemand kann ein Geheimnis für sich behalten, schon gar nicht du.» Und schon gar nicht bei dem Namen, den ich gezogen habe, denke ich.

«Das ist echt hart, Katie! Ich dachte, wir wären beste Freundinnen.» Paige holt mich ein, um mir ihren übertrieben zerknirschten Gesichtsausdruck zu präsentieren.

«Krieg dich wieder ein, Paige. Das hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich kenne dich einfach zu gut.» Ich blicke in ihr Schmollgesicht. «Und du weißt selbst, dass du kein Geheimnis für dich behalten kannst.»

«Das kann ich doch!» Sie reißt den Kopf hoch. «Was denn zum Beispiel nicht?»

Hmmm. An welches von den vielen Geheimnissen, die sie nicht bewahren konnte, soll ich sie erinnern? Ich treffe eine Entscheidung. «Erinnerst du dich an das Knackarsch-Thema?»

«Welches Knackarsch-Thema?»

Paige tut ganz unschuldig, aber an der Art, wie sie meinem Blick ausweicht, merke ich, dass sie sich ganz genau daran erinnert. Ich beschließe, es ihr nochmal richtig unter die Nase zu reiben. «Ich hatte ganz nebenbei bemerkt, dass Matt in seiner neuen Jeans ziemlich gut aussah, und du musstest das unbedingt gleich Mariah erzählen, die sich natürlich nichts dabei dachte, es Rachel zu erzählen, die wiederum dachte, dass es Mariah nichts ausmachen würde, wenn sie es Tanysha erzählt, und Tanysha fand, es wäre superwitzig, wenn sie es Matt sagt.»

«Ja, okay, tut mir leid, aber was ist so schlimm daran, wenn Matt weiß, dass du seinen Arsch gut findest?»

«Paige! Darum geht es doch gar nicht.»

«Es geht darum, dass du Matt gut findest, aber zu feige bist, die Sache mal selbst in die Hand zu nehmen.»

«Klar.»

«Ach, komm, Katie. Das ist genau wie bei Survivor: Wir brauchen Verbündete. Du weißt doch, wie das Spiel geht.»

«Seit dieser Geschichte kann ich Matt nicht mehr in die Augen sehen.»

«Ist doch egal. Du guckst dir doch sowieso lieber seinen Hintern an.»

«Paige!»

«Denk doch mal daran, was wir alles mit dem Geld anfangen könnten.»

«Aber es kann nur eine Person gewinnen, Paige, also welchen Sinn soll es haben, Teams zu bilden?»

«O my God, Katie. Für jemanden, der nur Einsen schreibt, bist du manchmal echt schwer von Begriff. Wir teilen uns das Geld natürlich. Mann, jeder kriegt eintausendundsechzig Dollar. Wie cool ist das denn, bitte? Ich weiß, dass du das Geld gebrauchen kannst, und ich kann dir dabei helfen, zu gewinnen. Und jetzt sag endlich, wen du gezogen hast.»

«Nein, ich sage nichts. Aber ich werde eingehakt mit dir nach Hause gehen. Damit wir sicher sind.»

«Oh, Gott», murmelt sie. «Das wird derartig gruselig.»

Während wir an einer Gruppe von Zehntklässlern vorbeigehen, werfe ich die leere Saftpackung in Richtung des Recycling-Containers, der in einer Ecke steht. Ich treffe daneben, und als ich mich bücke, um sie aufzuheben, sehe ich, wie die Jungs Paige von oben bis unten abchecken. Sie merkt es nicht, aber ich werfe ihnen einen wütenden Blick zu. Sie tun ganz cool, ziehen aber ziemlich schnell ab, als sie mein Gesicht sehen. Das ist noch ein Vorteil, wenn man in der Schülervertretung ist. Die Leute behandeln einen mit mehr Respekt, auch wenn ich noch nicht rausgefunden habe, warum.

«Was ist, wenn ich vergesse, meine Tür abzuschließen?», jammert sie.

«Das vergisst du nicht.»

«Und wenn du keine Zeit hast und ich allein nach Hause gehen muss?» Ich höre, wie Panik in ihrer Stimme aufsteigt, und sie starrt mich mit aufgerissenen Augen an.

Sie hakt sich schnell bei mir ein, obwohl wir noch auf dem sicheren Schulgelände sind.

«Dann findest du jemand anderen. Vielleicht sogar Warren.»

Entweder hat sie mich nicht gehört, oder sie übergeht einfach meinen Versuch, sie abzulenken. «Ich muss einfach rausfinden, wer meinen Namen hat, damit ich mich schützen kann.»

«Dir passiert schon nichts.»

«Ich halte das nicht aus!»

«Es ist doch nur ein Spiel, Paige. Mein Gott.»

Ich gebe mich vielleicht unbesorgt, und Paige wird möglicherweise unnötig hysterisch, aber ich verstehe, was sie meint. Es ist irgendwie gruselig, wenn du weißt, dass du verfolgt wirst. Wenn du weißt, dass irgendjemand deinen Namen gezogen hat. Und wenn du weißt, was in den Jahren zuvor passiert ist.

 

«Ich habe Elijah Widawski gezogen.»

«Hä?» Ich starre Paige an.

«Bei Gotcha. Ich habe seinen Namen gezogen.»

«Oh.» Die Mikrowelle piept. Ich hole die Packung raus und schütte das heiße Popcorn in eine Schüssel. Wir haben es nicht weiter als bis zu mir geschafft. Paige hat Angst, die letzten drei Blocks allein zu gehen, also wartet sie darauf, dass ihre Mom von der Arbeit kommt und sie hier abholt oder dass sie im Schutz der Dunkelheit nach Hause gehen kann. «Wer ist das?»

«Ich habe keine Ahnung. Er muss in einem der Uni-Vorbereitungskurse sein. Hast du ein altes Jahrbuch, damit ich ihn mir mal ansehen kann?»

«Ja, in meinem Zimmer.» Ich nehme die Schüssel mit Popcorn und gehe nach oben. «Komm mit.»

Paige lässt sich auf mein Bett fallen. Ich hole das Buch und setze mich neben sie. Sie betrachtet mein Bücherregal. «Ich fasse es nicht, wie organisiert du bist, Katie. Ich würde eine Woche brauchen, um mein Jahrbuch zu finden. Es könnte überall sein.»

Ich gucke mir mein Regal an. «Ja, ich habe alle Bücher nach Autorennamen alphabetisch sortiert. Und die Jahrbücher nach Jahren.»

«Du bist pervers.»

«Nein, du.» Ich remple sie an, und wir kippen beide aufs Bett.

«Nein, du!», lacht sie und versucht, sich wieder aufzusetzen. Ich drücke sie mit meinem ganzen Gewicht runter.

«Hm-mh. Du.»

«Katie, geh runter!»

«Nicht, bis du zugibst, dass du noch perverser bist als ich.»

«Niemals!»

Ich drücke sie mit der Schulter runter. Sie ist so winzig, dass es total einfach ist, sie festzuhalten.

«Katie!», schreit sie.

«Sag es.»

«Okay!»

«Ich warte», sage ich.

«Ich bin perverser als du.»

«Lauter.»

«O my God!», stöhnt sie unter meinem Gewicht.

«Sag es!»

«Ich bin perverser als du!», schreit sie.

«Braves Kind», sage ich und gehe von ihr runter.

Sie schlägt mir gegen die Schulter. «Brutalinksy!»

Ich lächle auf sie herab. «Perversling.»

Wir blättern durch das Jahrbuch, bis wir Elijah finden. Dann starren wir sein unbekanntes Gesicht an.

«Das ist doch so was von unfair!», jammert Paige. «Wie kann ich ihn taggen, wenn ich noch nicht mal weiß, ob er existiert?»

«Jetzt mach mal kein Drama draus, Paige. Natürlich existiert er. Und offenbar will er mitspielen. Sonst wäre sein Name ja nicht in der Mütze gewesen.» Das stimmt nicht ganz, merke ich. Mein Name war immerhin auch in der Mütze, und ich will definitiv nicht mitspielen. Ich spiele bloß mit, weil ich zur Schülervertretung gehöre und beim Organisieren mitgeholfen habe. «Du musst nur ein bisschen Schnüffelei betreiben, um rauszukriegen, wer er ist.»

«Schnüffelei?»

«Ja, Schnüffelei.»

«Was zum Teufel soll Schnüffelei?»

«Spionagearbeit.»

«Aha. Toll. Es fällt ja auch gar nicht auf, wenn ich plötzlich vor den Uni-Vorbereitungskursen abhänge. Ich. Paige Harrington. Ich bin noch nie auf diesem Flur gewesen.»

«Irgendwann muss er sich ja mal zeigen. Zumindest, wenn er nach Hause geht. Und außerdem darfst du ihn sowieso nicht auf dem Schulgelände taggen.»

«Ja, aber ich muss doch wissen, wie er aussieht.»

Wir stopfen uns Popcorn in den Mund, während wir über die Existenz von Elijah Widawski philosophieren. «Okay, jetzt habe ich dir gesagt, wer mein Opfer ist», sagt sie. «Jetzt bist du dran.»

«Oh, ist das hier so eine Art … Tauschbörse?», ich lächle sie an.

«So ungefähr», sagt sie und lächelt zurück. «Aber nicht ganz so lustig.»

«Tut mir leid, Paige, aber ich habe nichts versprochen.»

«Das brauchst du auch nicht!»

«Ich habe dich nicht drum gebeten, dass du mir dein Opfer verrätst.»

«Aber das machen Freundinnen nun mal. Wir erzählen uns so was.»

Vielleicht, denke ich. Aber nicht wenn es bei so was um ausgerechnet diese Person geht. «Wenn wir jetzt Schach spielen würden, würdest du es mir sagen, wenn du noch zwei Züge brauchtest, um mich schachmatt zu setzen?»

«Ich weiß nicht, was schachmatt setzen heißt. Hört sich irgendwie anrüchig an.»

«Ja, total.» Ich versuche, nicht die Augen zu verdrehen.

«Dann würde ich es bestimmt tun.»

«Nein, würdest du nicht! Darum spielt man ja solche Spiele», erkläre ich ihr. «Es gibt Gewinner und Verlierer. Und man spielt gegeneinander.»

«Nicht bei Survivor. Da bildet man Teams.»

«Ja, aber Survivor ist bescheuert. Und irgendwann betrügen sie sich doch alle gegenseitig. Ich weiß nicht, warum du Gotcha ständig mit dieser dämlichen Fernsehshow vergleichen musst.»

«Weil man es so macht», beharrt Paige. «Ich habe mich mit den Abschlussschülern vom letzten Jahr unterhalten. Du musst deine Freunde schützen.»

«Dann ist das Spiel ja nie zu Ende.»

«Na ja, in der Vergangenheit ist es immer zu Ende gegangen. Irgendwie.»

 

Es stellt sich heraus, dass Paiges Mom heute länger arbeitet, sodass Paige doch allein nach Hause gehen muss. Sie ruft mich nach dem Abendessen an.

«Hab’s geschafft», sagt sie. «Falls es dich interessiert.»

«Ich hab nicht daran gezweifelt.» Ich sehe sie direkt vor mir, wie sie auf dem Weg von einer dunklen Stelle zur anderen springt. Die Straßenlaternen sind ihr größter Feind. «Als ob dein Tagger schon all deine Gewohnheiten kennen würde.»

«Ach nein? Mariah hat mich auf dem Handy angerufen, als ich auf dem Nachhauseweg war, und sie hat gesagt, dass Minas schon von Jelani getaggt worden ist. Und dann wurde Jelani von Tyson getaggt, also hat er jetzt schon drei Perlen.»

«Niemals!»

«O ja!»

«Hä?» Ich kann es einfach nicht glauben.

«Und weißt du, was noch?», fragt sie mich mit überdrehter Stimme.

«Was?»

«Mariah hat Tanysha gefragt, ob sie mit ihr die Namen tauschen will.»

«Was? Warum denn?»

«Weil Tanysha Chads Namen gezogen hat, und du weißt, was das bedeutet.»

«Weiß ich das?» Ich habe das Gefühl, dass die Verbindungen in meinem Hirn irgendwie unterbrochen sind. «Chad wird sich doch nicht in Mariah verlieben, weil sie ihm seine Perle abnimmt.»

«Das sieht Mariah aber anders. Sie will bloß eine Ausrede haben, um ihn zu stalken.»

O Gott. Was kommt als Nächstes? «Dieses Spiel ist krank.»

«Wem sagst du das?», antwortet sie mit einem dramatischen Seufzer, aber irgendwie glaube ich ihr nicht, dass sie das Spiel für krank hält. Sie genießt jede einzelne Sekunde.

Vielleicht ist sie auch krank.

«Ich frage mich, ob Warren vielleicht meinen Namen hat», überlegt Paige. «Oder Justin. Wenn sie mich stalken … das ist doch mal ein interessanter Aspekt an der Sache.»

Damit ist es offiziell: Sie ist krank.

«Ich habe es bis zur Bank geschafft und wieder zurück, ohne getaggt zu werden», erzähle ich ihr.

«Du hast was gemacht?»

«Ich musste doch das Geld auf die Bank bringen.»

«Welches Geld?»

«Das Gotcha-Geld.» Aus irgendeinem Grund ist die Sekretärin der Schülervertretung auch als Schatzmeisterin eingesetzt.

«Ich dachte, die Schule kümmert sich darum.»

«Das haben sie früher auch gemacht, aber jetzt ist Gotcha verboten, also sind sie nicht mehr verantwortlich. Ich fand es total gruselig, so viel Geld zu Hause aufzubewahren, also habe ich mir Moms Auto geliehen, als sie nach Hause kam, und es auf meinem Konto eingezahlt.»

Darüber muss sie offenbar nachdenken. «Dann pass bloß auf, dass du das Geld nicht aus Versehen ausgibst.»

«Soll das ein Witz sein? Ich verschwinde damit natürlich nach Hawaii. Pfeif doch auf das Spiel. Willst du nicht mitkommen?»

«Na klar.» Ihr Ton hat sich verändert, und ich sehe praktisch, wie ihre Augen anfangen zu glänzen. «Aber lass uns lieber nach Brasilien gehen. Die Jungs da sollen viel heißer sein.»

«Okay. Und die Strände auch.»

«Wer interessiert sich denn für Strände?» Sie lacht, bis ihr plötzlich klar wird, was ich getan habe. «Katie, du bist doch völlig verrückt, allein loszufahren! Du hättest getaggt werden können!»

«Na und?»

Sie seufzt über meine fehlende Begeisterung. «Nichts, na und. Spiel endlich mit!»

«Ja, ja.»

«Gehen wir morgen zusammen zur Schule? Selbe Zeit? Ich bitte meine Mom, dass sie mich bei dir absetzt.»

«Okay, bis morgen dann.» Als ich auflege, stelle ich mir vor, wie Paige zu Hause noch mal alle Türschlösser überprüft. Die Bilder der Vorkommnisse vom letzten Jahr sind ihr noch ziemlich im Gedächtnis geblieben. Ich beschließe, unsere Schlösser ebenfalls zu kontrollieren.

 

Das Gefühl, von einem Bienenschwarm umschwirrt zu werden, hat sich verstärkt. Die ganze Schule summt vor Neuigkeiten über das Spiel. Gotcha wird zwar nur von den Abschlussklassen gespielt, aber die Aufregung überträgt sich auch auf die unteren Stufen. Schon bevor es zur ersten Stunde klingelt, wissen alle, wer noch im Spiel ist und wer nicht. Diejenigen, die getaggt wurden, versorgen jetzt ihre Freunde mit Strategien oder verbreiten Gerüchte darüber, wer hinter wem her ist. Es gibt sogar eine Art Namenstauschbörse, was gegen die Regeln ist, aber bei wem soll man sich beschweren?

Paige rutscht in Englisch auf den Platz neben mir. Mr. Bell ist noch nicht da, und Tyson reitet auf seinem Stuhl und fummelt an seiner Schnur mit drei Perlen herum, die er in weniger als vierundzwanzig Stunden ergattert hat. Ein paar Mädchen umringen ihn, und er sonnt sich in ihrer Aufmerksamkeit.

«Ich glaube, ich weiß, wo Elijah ist», flüstert Paige mir über den Lärm hinweg zu.

«Ach ja? Wo?»

Sie dreht sich um, um sicherzugehen, dass niemand lauscht. «Er ist in diesem Hochbegabtenprogramm. Ein echtes Superhirn.»

«Ahhh. Darum kennst du ihn nicht.»

Sie schlägt mir auf den Arm. «Du kennst ihn doch auch nicht!»

Mr. Bell schreitet in den Klassenraum und klatscht in die Hände. «Okay, alle setzen sich bitte hin.» Er lehnt sich gegen den Schreibtisch, verschränkt die Arme vor der Brust und wartet. Heute dauert es länger als sonst, bis sich alle hingesetzt haben. Das ist die Gotcha-Energie. Als das Reden aufgehört hat, erklärt er: «Das Verbot von Gotcha hat ganz offensichtlich nicht den erwünschten Effekt erzielt.» Er nickt. «Und irgendwie hatte ich das schon geahnt.»

«Das ist eine große Tradition der zwölften Klassen, Mr. Bell», platzt Tyson heraus. «Mit Traditionen soll man nicht brechen.»

Mr. Bell denkt eine Weile nach. «Das ist eine interessante Behauptung, Tyson. Warum denn nicht?»

Das ist mal wieder typisch Mr. Bell. Er will, dass wir alles in Frage stellen. Tyson muss noch dämlicher sein, als ich dachte, dass er so eine bescheuerte Bemerkung in Bells Stunde macht.

«Na ja, deswegen eben.»

«Deswegen?»

«Ja, deswegen.» Tyson zerbricht sich ganz offensichtlich den Kopf auf der Suche nach einem guten Grund. «Weil es nun mal schon immer so gemacht wurde.»

Paige und ich gucken uns an. Mr. Bell vergibt Punkte an alle Schüler, die sich an Klassendiskussionen beteiligen. Ich frage mich, wie viele Punkte Tyson für seine dürftigen Antworten bekommt.

«Ich verstehe. Du meinst also, es ist Grund genug, etwas weiterzuführen, weil man es eben schon immer so gemacht hat?»

Tyson schnallt nicht, worauf Mr. Bell hinauswill. «Ja, genau. Und es macht Spaß.» Er lächelt über seine eigene Cleverness und dreht sich um, um zu sehen, wer alles auf seiner Seite ist. Ein paar seiner Kumpel klatschen sich ab. Ich schätze, sie haben es bisher alle geschafft, ihre Perlen zu behalten. Sonst hätten sie vermutlich nicht so viel ‹Spaß›.

«Mh-Hm. Spaß.» Mr. Bell verschränkt seine Hände hinter dem Rücken und geht ein paar Mal in der Klasse auf und ab. Wir lehnen uns alle zurück und machen es uns gemütlich. Wenn Mr. Bell erst mal vom eigentlichen Thema abgekommen ist, dann weiß man nie, wann er wieder zurückfindet. Man kann den kollektiven Seufzer der Erleichterung praktisch hören, weil wir alle wissen, dass mit jeder verstreichenden Minute weniger Zeit bleibt, sich wieder dem literarischen Stoff zu widmen.

Mr. Bell bleibt plötzlich stehen und dreht sich wieder zu Tyson um. «Es ist noch gar nicht so lange her, dass Lehrer ihre Schüler schlagen durften, die sich nicht an die Regeln hielten.»

Tyson setzt sich ein bisschen aufrechter hin, und das dümmliche Grinsen auf seinem Gesicht verrutscht langsam.

«Das könnte man ja auch als Tradition bezeichnen», schlägt Mr. Bell vor.

«Ja, aber das hat keinen Spaß gemacht.» Tyson lacht halbherzig über seinen eigenen Witz, aber ich kann sehen, wie es ihm langsam dämmert.

«Und in diesem Land hat man ziemlich lange die Tradition aufrechterhalten, dass nur Männer wählen durften.»

«Ja, und?» Tyson dreht sich lobheischend um, aber keiner guckt ihn an.

«Manchmal müssen Traditionen und Gewohnheiten bewertet und neu beurteilt werden», fährt Mr. Bell fort. Ich höre eine Predigt kommen und rutsche tiefer in meinen Stuhl. «Es müssen Fragen gestellt werden. Ist diese Praxis immer noch nützlich für diese Gemeinschaft oder Gesellschaft? Ist der Grund für die Entstehung dieser Tradition oder Gewohnheit heute immer noch gültig? Wird durch diese Tradition zum Wohl der Gesellschaft beigetragen? Würde es vielleicht mehr Sinn machen, eine andere Tradition einzuführen? Ist das Ausüben dieser Tradition sicher für die ganze Gemeinschaft? Ist sie …»

«Aber Mr. Bell, das ist doch nur ein Spiel!», unterbricht ihn Tyson. Jetzt hat er offenbar keinen Spaß mehr. «Das ist doch nicht dasselbe wie Wählen oder so was.»

Mr. Bell denkt darüber nach. «Vielleicht nicht, Tyson. Aber uns ist doch allen bekannt, dass dieses sogenannte Spiel aus dem Ruder läuft. Historisch gesehen, waren immer starke Persönlichkeiten nötig, um ausgediente Traditionen oder Gesetze zu verändern. Ich dachte eigentlich, dass diese Abschlussstufe eine solche starke Persönlichkeit hätte.» Er sieht mir direkt ins Gesicht. «Offenbar habe ich mich geirrt.»

Das rüttelt mich auf. Ich spüre, wie die Aufmerksamkeit aller sich auf mich richtet. Meint Mr. Bell das wirklich, was er da gesagt hat? Meint er, wenn irgendwas schiefgeht, dann bin ich dafür verantwortlich?

Ich schlage mein Arbeitsbuch auf. «Ich glaube, wir sollten uns nochmal mit der Perspektive befassen», sage ich.

Ich spüre, wie Mr. Bell mich betrachtet, dann höre ich ihn zu seinem Schreibtisch gehen. «Sehr schlau, Katie. Okay, schlagt bitte alle Seite hundertacht in eurem Buch auf.»

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drei

«Mom, ich habe dir doch gesagt, du sollst die Tür immer abschließen!» Ich drehe den Schlüssel um und hake die Kette ein. «Und lass hier niemanden rein. Auch, wenn ich ihn kenne. Auch wenn er behauptet, dass er mit mir Hausaufgaben machen will. Auch wenn er sagt, ich hätte ihn eingeladen. Mach einfach die Tür zu und ruf mich.»

«Und ich habe dir gesagt, Katie, dass ich gehört habe, dass das Spiel verboten worden ist. Ich werde niemandem die Tür vor der Nase zuschlagen, also finde dich damit ab.» Sie sitzt am Küchentisch und hat die Füße auf den Stuhl neben sich gelegt. Ihre Haare stehen ihr wie ein krauser Heiligenschein vom Kopf ab. Sie nimmt einen großen Schluck Tee, lehnt sich zurück und schließt die Augen. Ich weiß nicht, warum sie nicht einfach ins Bett geht. Diese Nickerchen auf dem Stuhl machen mich irre. Sie sagt immer, sie will nur mal einen Augenblick ihre Augen entspannen, aber dieser Augenblick dehnt sich jedes Mal zu Stunden aus.

«Also gut.» Ich spähe durch zwei Lamellen des Rollos nach draußen. Keine Anzeichen für irgendwelche Rumtreiber. «Stell dir doch einfach vor, dass es gar nichts mit dem Spiel zu tun hat. Es ist bloß vernünftig, die Haustür abzuschließen. Vor allem jetzt, wo Dad weg ist.» Vielleicht bringt sie das ja zum Reden. Bis jetzt tut sie so, als hätte sie gar nicht bemerkt, dass Dad nicht mehr nach Hause kommt. Sollte sie mich nicht eigentlich damit beruhigen, dass sie «einfach nur mal eine Pause« brauchen?

Sie antwortet mir, ohne die Augen zu öffnen. «Als ob wir irgendwas hätten, was man stehlen könnte.»

Mom arbeitet bei einer Reinigung. Man könnte meinen, dass sie bei all der schweren Arbeit, der Hitze und der Schwitzerei so dünn wie eine Bohnenstange sein müsste. Hm-hm. Es ist mir ein Rätsel, wie sie ihren massigen Körper zwischen all den Maschinen und den Regalen voller Klamotten durchquetschen kann.

Ich mache meine Mathe-Hausaufgaben fertig und schlage das Buch zu. Bei dem Geräusch zuckt Mom zusammen. Sie schnarcht im Schlaf, aber sie wacht nicht auf. Ich weiß nicht, wie sie im Sitzen schlafen kann. Ihr Mund steht offen, und ein dünnes Rinnsal Spucke fließt ihr Kinn hinab. Kein Wunder, dass Dad nicht zurückgekommen ist.

Ich stelle einen Topf mit Wasser auf den Herd, schalte ihn an und öffne eine Dose mit Spaghettisoße. Während ich darauf warte, dass das Wasser kocht, checke ich meine E-Mails.

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: Wie geht es dir?

Wie geht’s deiner Mom? Wie läuft’s in der Schule?

Leider muss man für den Job, den ich haben wollte (und von dem ich dachte, dass ich ihn hätte), eine 6-wöchige Ausbildung selbst finanzieren, und das kann ich mir nicht leisten. Also bin ich wieder auf der Suche, aber ich weiß, dass sich bald irgendwas ergeben wird.

Vermisse dich. Alles Liebe,

Dad

 

Von:[email protected]

An:[email protected]

Betreff: re: Wie geht es dir?

Tut mir leid wegen des Jobs, Dad. Das Pech verfolgt dich, was? Versteh immer noch nicht, was mit deinem letzten Job passiert ist. Ich weiß, er war langweilig, aber immerhin konntest du die Rechnungen bezahlen, und damals bist du noch gut mit Mom ausgekommen. Okay, ich kümmer mich jetzt wieder um meinen eigenen Kram. Mom schnarcht gerade in ihrem Stuhl, während ich das Abendessen koche. Manche Sachen ändern sich nie. Das Gotcha-Spiel hat in der Schule angefangen. Alle sind schon total paranoid. Ich aber nicht. Ich finde es dämlich, dass die Leute sich so wegen eines dämlichen Spiels aufregen. Ich wünschte, ich hätte mich nicht angemeldet, das war dumm.

Ich weiß immer noch nicht, wo du bist, aber vermutlich hast du deine Gründe, warum du es mir nicht sagen willst.

Katie

«Ich muss mir allmählich mal Gedanken über das Kleid für den Abschlussball machen, Mom. Es sind nur noch drei Monate hin.»

Ich sehe zu, wie sie ihre Gabel gegen den Löffel drückt und die Nudeln aufwickelt. Sie hat den Stuhl seit ihrem Nickerchen nicht verlassen, sondern ist aufgewacht, als ich ihr eine Schüssel Spaghetti unter die Nase gehalten habe. Aus irgendeinem Grund macht mich das noch wütender. Ich weiß nicht, warum ich so gereizt bin, aber vermutlich hat es was mit den Trallala-Ton von Dads E-Mail zu tun. Seit er weg ist, bin ich ein Wrack, aber er klingt so fröhlich wie immer.

«Drei Monate sind doch noch eine lange Zeit.»

«Nicht wirklich. Ich muss zur Schule und Klausuren schreiben, und meinen Job hab ich auch noch. Da bleibt nicht viel Zeit zum Shoppen.»

Mom schweigt eine Weile, während sie kaut. «Ich hatte ja gehofft, dass du dir selbst eins nähen würdest, Katie. Ich könnte dir dabei helfen.»

«Wir haben keine Nähmaschine.»

«Wir könnten die Maschine in der Reinigung nehmen. Ed hätte bestimmt nichts dagegen. Das wäre doch schön, so ein gemeinsames Projekt von uns beiden.»

«Omygod.» Ich lasse meine Gabel fallen, dass es klappert. «Da würde ich mich ja wie Aschenputtel fühlen. Wie peinlich.»

«Wieso, was meinst du damit?», fragt sie verwirrt, aber dann fährt sie fort: «Ich weiß jetzt schon nicht, wie ich das Abschlussbankett, den Ball, die Fotos und alles bezahlen soll. Aber noch ein neues Kleid kaufen ist einfach nicht mehr drin.»

«Nur um deine Erinnerung aufzufrischen, Mom: Aschenputtel musste zu Hause bleiben und nähte sich sein eigenes Ballkleid, als alle schon auf der Party waren. Und außerdem brauchst du dir keine Sorgen um das Bankett und den Ball und die Fotos zu machen, wenn ich kein Kleid habe.» Ich weiß, wie gemein ich klinge, aber ich kann nicht anders.