Götterfunken - Sabine Claudia - E-Book

Götterfunken E-Book

Sabine Claudia

0,0

Beschreibung

2010: Bei einer Ausgrabung machen Archäologen einen sensationellen Fund: Sie entdecken ein antikes Grab, das Symbole der sumerischen Kultur trägt und ein besonderes Geheimnis birgt. Diese Entdeckung lockt nicht nur führende Experten des Altertums an, sondern auch Vampire und übernatürliche Wesen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Rückblende: 1768: Der junge Landadelige Dorian, ist wie viele Aristokraten seiner Zeit vom Leben gelangweilt. Als ein Zufall ihm eine schicksalhafte Begegnung beschert, erfährt er von der Einen, die er vor undenklichen Zeiten geliebt und verloren hat. Um seine große Liebe wiederzufinden trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die ihm ewiges Leben bringt. Er wird ein Vampir. Dieser Entschluss reißt jedoch auch Jene mit ins Verderben, die ihm zur Seite stehen. Im Hintergrund brodelt der ewige Kampf der Götter, gegen die universellen Wächter, um die Vorherrschaft im Universum. Während sich das Rad des Schicksals für alle Beteiligten eifrig dreht, sind sie Alle mit den Abgründen ihrer eigenen Persönlichkeit und deren Versuchungen konfrontiert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Götterfunken-Schatten der Ewigkeit

Roman

Sabine Claudia

© 2018 Sabine Claudia

Alle Rechte vorbehalten

Buchcover: Pixabay, CCO Creative Commons, User Kai Kalhh

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © 2018

Sabine Dittrich

1110 Wien 11.Bezirk

Simmeringer Hauptstrasse 140

Buchcover: Pixabay, CCO Creative Commons, User Kai Kalhh

Inhalt

1768, Dorian

2010, Der Fund

Das Grab

1768, Cordelia

Die Vampire

Entscheidungen

1875, Eleonora

Das Missgeschick

Begegnungen

Götterwelt, Inanna

Versuchungen

2010, Mona

Götterwelt, Inoa

Das Bündnis

Der Shargaz

Freundschaften

Rüdiger

Vollmond

Götterwelt, Die Wächter

Anmerkungen der Autorin

Glossar

Über die Autorin

1768, Dorian

Die Schen­ke war gut be­sucht und vol­ler Rauch. Es roch nach ran­zi­gem Fett, un­ge­wasch­enen Körpern und säu­er­li­chem Wein. Als Do­ri­an ein­trat, wur­de er von den An­we­sen­den ver­stoh­len ge­mus­tert, denn er trug fei­ne Klei­der, die ihn als Ed­len kenn­zeich­ne­ten, wäh­rend die üb­ri­gen Be­su­cher eher ein­fa­che Leu­te waren. Es war kein Ort, an dem Do­ri­an sich sonst auf­hielt, er be­vor­zug­te die fei­nen Salons sei­ner Freun­de. Doch er war aus ei­nem be­stimm­ten Grund in die­se Spe­lun­ke ge­kom­men.

Die 24 Jah­re sei­nes Da­seins, waren von Lang­ewei­le und Lebens­über­druss ge­kenn­zeich­net, wo­zu es ab­so­lut kei­nen Grund gab. Do­ri­an sah blen­dend aus mit sei­nen dunk­len Haaren und den hel­len grü­nen Augen, war hoch­ge­wach­sen, von schlan­ker Sta­tur, ge­sund und stark. Er war pri­vi­le­giert ge­bo­ren, der ein­zi­ge über­le­ben­de Sohn ei­nes rei­chen Guts­be­sitz­ers und so­mit sein Er­be. Doch sein Vater, der kalt und dis­tan­ziert war, wei­ger­te sich stand­haft, ihn in die Ge­schäf­te ein­zu­be­zie­hen, oder zu ster­ben, so­mit hat­te Do­ri­an nichts zu tun, als ta­gaus ta­gein sein Le­ben mit Sinn­lo­sig­keit zu fül­len.

Der ein­zi­ge Mensch, an dem ihm et­was lag, sei­ne Schwes­ter Cor­de­lia, hat­te vor sechs Mo­na­ten ih­re gro­ße Lie­be ge­hei­ra­tet. Sieg­bert Swann, ei­nen be­nach­bar­ten Guts­be­sit­zer. So oft wie mög­lich, be­such­te er die bei­den, um der trost­lo­sen Öde des gro­ßen Hau­ses und der Ge­sell­schaft sei­nes Vaters zu ent­ge­hen. Sein Schwa­ger Sieg­bert, der ei­ne Schwäche hat­te für Zau­be­rei und Über­na­tür­li­ches, nahm ihn bei sei­nem letz­ten Be­such auf des­sen Land­gut, zur Sei­te und er­zähl­te ihm von der He­xe, die in der Schen­ke Quar­tier be­zo­gen hat­te und den Leu­ten die Zu­kunft vor­aus­sag­te.

Un­gläu­big lä­chelnd hat­te er ihm zu­ge­hört und alles mit ei­nem Kopf­schüt­teln ab­ge­tan. Doch sei­ne Frus­tra­tion hat­te ihn wie­der ein­ge­holt, als er allei­ne auf sei­nem Land­sitz war und so ent­schied er sich doch da­zu, die He­xe auf­zu­su­chen.

Der Wirt kam katz­bu­ckelnd auf ihn zu, pries ihm sei­ne ver­schie­de­nen Ge­rich­te an und ver­such­te ihn zu ei­nem der Ti­sche zu bugs­ie­ren.

Zwei Dir­nen waren auf ihn auf­merk­sam ge­wor­den. Sie ka­men mit tän­zeln­den Hüf­ten und ver­füh­re­ri­schem Lä­cheln nä­her.

Do­ri­an stopp­te den eif­ri­gen Gast­wirt mit ei­ner ab­weh­ren­den Hand­be­we­gung und frag­te nach der weis­sa­gen­den He­xe. Die­ser ver­barg sei­ne Ent­täu­schung nur man­gel­haft, doch er ver­beug­te sich eh­rer­bie­tig und ge­lei­te­te ihn in ein stil­les Hin­ter­zim­mer, in dem es stark nach Kräu­tern duf­te­te.

Der schma­le Raum war nur schwach von ei­ni­gen Ker­zen er­leuch­tet und Do­ri­an sah vor sich ei­nen klei­nen run­den Tisch mit zwei Stüh­len.

Der Wirt be­deu­te­te ihm, Platz zu neh­men. Als sich die Tür hin­ter ihm schloss, waren die Ge­räu­sche aus der Schen­ke nur noch ge­dämpft zu ver­neh­men.

Do­ri­an setz­te sich und maß mit ge­lang­weil­tem Blick, den spär­lich ein­ge­rich­te­ten Raum, wäh­rend er war­te­te.

»Ihr seid gar nicht neu­gie­rig, mein Freund«, ver­nahm er ei­ne dunk­le Stim­me, die aus dem hin­te­ren Teil des Zim­mers nä­her kam. Ei­ne Frau mit schwar­zen Haaren und schwar­zen Augen, trat zu dem er­leuch­te­ten Tisch. Sie nahm ihm ge­gen­über Platz und mus­ter­te ihn.

»Kommt da­rauf an, was ihr mir zu sa­gen habt«, ant­wort­ete er ihr ru­hig und er­wi­der­te ih­ren Blick.

»Den Hauch des Schick­sals wer­det ihr spü­ren bei mei­nen Wor­ten und wenn ihr die­sen Raum wie­der ver­lasst, wird nichts mehr so sein, wie es war. Wollt ihr das?«

Do­ri­an mus­ter­te sie ver­wun­dert, doch er muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass sie nun sei­ne Neu­gier ge­weckt hat­te. Er nick­te.

»Zu­erst das Ge­schäft­li­che. Ihr habt das Geld doch da­bei?«, sag­te sie kühl. Wort­los griff er in sei­ne Ta­sche und hol­te ei­nen Beu­tel mit Mün­zen her­vor, den er ihr gab.

Sie wog ihn kurz in der Hand, warf ei­nen Blick hin­ein und nick­te lä­chelnd. »Ihr wisst nicht, wa­rum ihr hier seid und da­mit mei­ne ich nicht die­se Schen­ke, son­dern eu­er ge­sam­tes Le­ben. Nichts macht euch wirk­lich Freu­de oder er­scheint euch von Wert, so­dass es sich zu le­ben lohnt«, be­gann sie und ih­re Augen hiel­ten sei­nen Blick fest.

Es er­staun­te ihn, dass sie sei­nen Ge­müts­zu­stand so deut­lich er­kann­te, doch er ließ es sich nicht an­mer­ken und be­hielt sei­ne un­durch­dring­li­che Mie­ne bei.

Sie schenk­te ihm ein spar­sa­mes Lä­cheln, denn sie konn­te sei­ne An­span­nung füh­len. »Der Grund eu­res Des­in­ter­es­ses liegt da­rin, dass ihr nicht wisst, wo­nach ihr sucht.«

»Wisst ihr es denn?«, frag­te er knapp.

»Viel­leicht ja. Doch fin­det ihr es nicht selt­sam, die­se Fra­ge ei­ner Frem­den zu stel­len?«

»Nicht, wenn sie ei­ne He­xe ist, oder vor­gibt ei­ne zu sein.« Ein An­flug von Spott schwang in sei­ner Stim­me.

Ihr Lä­cheln war ver­schwun­den. Stolz hob sie das Kinn an und sprach weiter, wäh­rend ih­re schwar­zen Augen sich in sei­nen Kopf bohr­ten. »Du suchst die, die du vor un­denk­li­chen Zeiten ver­lo­ren hast, dei­ne ein­zig wah­re Lie­be. Dies ist der ein­zi­ge Grund, wa­rum du hier bist, und weil es den Göt­tern ge­fällt, Schi­cksal zu spie­len.«

Do­ri­an woll­te la­chen, auf­ste­hen und das Ge­re­de der He­xe spöt­tisch ab­tun. Doch er blieb wie an­ge­wur­zelt auf sei­nem Stuhl sit­zen, wäh­rend sich ein pri­ckeln­des Ge­fühl in ihm aus­brei­te­te. Er fühl­te in sei­nem tief­sten In­ne­ren ei­nen selt­sa­men Wi­de­rhall ih­rer Wor­te, so als hät­ten sie den Grund sei­ner See­le be­rührt. Er muss­te sich räu­spern, be­vor er spre­chen konn­te. »Wenn dem so ist, dann er­zähl mir mehr da­von.«

Vol­ler Ge­nug­tu­ung lach­te sie auf. »Du hast die­ses Wis­sen in dei­ner See­le. Die Er­in­ne­rung an die Lie­be zu der ei­nen Frau, die du nie­mals hät­test lie­ben dür­fen und wo­für du mit dei­nem Le­ben be­zahlt hast. Nie­mals soll­test du sie wie­der­se­hen, doch die Göt­ter ha­ben ei­ne Schwäche für aus­sichts­lo­se Fäl­le. Wenn du dir klar ge­wor­den bist, ob du sie wie­der­fin­den willst, dann komm er­neut zu mir und ich wer­de dir den Weg da­zu zei­gen. Doch sei ge­warnt! Es wird ein bit­te­rer Weg sein, von dem es kein zurück gibt.«

Sie war auf­ge­stan­den und an ihn her­an­ge­tre­ten. Sanft nahm sie sei­ne Hän­de, zog ihn von sei­nem Stuhl und schob ihn zur Tür hin­aus.

Be­vor er sich ver­sah, stand er wie­der in der lau­ten muf­fi­gen Schän­ke. Die Tür zu dem Hin­ter­zim­mer war ge­schlos­sen. Kurz über­leg­te er, noch ein­mal hin­ein­zu­ge­hen um ihr weite­re Fra­gen zu stel­len, doch er fühl­te sich selt­sam auf­ge­wühlt, woll­te allei­ne sein und über ih­re Wor­te nach­den­ken.

Er ließ den Wirt ei­ne Kut­sche ho­len und wäh­rend er in ihr da­hin schau­kel­te, dach­te er über die selt­sa­men Wor­te der He­xe nach.

Nie wä­re es ihm in den Sinn ge­kom­men, dass er auf der Su­che war, nach der Lie­be ei­ner Frau, die er vor lan­ger Zeit ver­lo­ren hat­te. Er konn­te sich nicht über man­geln­des In­te­res­se des weib­li­chen Ge­schlechts an sei­ner Per­son be­schwe­ren. Zu­wei­len waren ihm die An­nä­her­ungs­ver­su­che der Frau­en und Mäd­chen, de­nen er be­geg­ne­te ge­ra­de­zu läs­tig. Konn­te es wirk­lich sein, dass er in ei­nem an­de­ren Le­ben ei­ne Frau so sehr ge­liebt hat­te, dass er für sie ge­stor­ben war?

Er fand die­sen Ge­dan­ken ab­surd, doch sein Ge­fühl ließ ihn ah­nen, dass es so war. Die Fahrt aus dem Dorf zu dem Gut wo er zu­hau­se war, dau­er­te lan­ge und er dös­te ein, ein­ge­lullt durch das Schau­keln der Kut­sche.

Bil­der stie­gen vor sei­nem in­ne­ren Au­ge auf. Er sah ei­ne gro­ße stein­er­ne Hal­le mit Koh­le­be­cken und Fa­ckeln an den Wän­den. Vor sich er­blick­te er ei­ne Frau in ei­nem wei­ßen Kleid. Sie trug gold­ene Span­gen um Hals und Ar­me. Auch ihr Gür­tel war aus Gold. Sie hat­te lan­ges schwar­zes Haar und stand mit dem Rü­cken zu ihm. Er sah, dass sie ein Ge­fäß mit bei­den Hän­den in die Hö­he hielt und hör­te sie selt­sa­me Wor­te in ei­ner un­be­kann­ten Spra­che mur­meln. In sei­nem Traum ging er auf sie zu und fass­te nach ih­rer Schul­ter um sie um­zu­dre­hen, denn er woll­te ihr Ge­sicht se­hen. In dem Mo­ment da er sie be­rühr­te, sah er ei­nen grel­len Blitz auf­zu­cken, der ihn zu Boden schleu­der­te.

Er­schro­cken fuhr er hoch und er­wach­te aus sei­nem Traum.

Die Kut­sche hat­te mit ei­nem Ru­ckeln vor sei­nem Zu­hau­se ge­hal­ten. Nach­denk­lich und noch be­nom­men von sei­nem kur­zen Schlaf ging er in sei­ne Räu­me. Er leg­te sei­ne Klei­der ab und warf sich nackt auf sein Bett. Der Traum hat­te die­ses eigen­ar­ti­ge Ge­fühl in ihm ver­stärkt.

Was hat­te die He­xe ge­sagt? Die Er­in­ne­rung und das Wis­sen wä­ren in ihm.

Do­ri­an schloss die Augen und rief sich das Bild der Frau, die er nur von hin­ten ge­se­hen hat­te, ins Ge­dächt­nis. Was war da noch ge­we­sen? Er konn­te sich an ei­nen schwa­chen Duft von Rosen­blät­tern und Weih­rauch er­in­nern. Der Ge­ruch war für ihn ver­bun­den mit ei­nem tie­fen Schmerz, der ihm das Herz zer­riss.

Doch er kann­te die Ur­sa­che die­ses Schmer­zes nicht. Wie­der schlief er ein über sei­nen Grü­be­lei­en.

Er fühl­te die küh­len La­ken auf sei­ner nack­ten Haut. Je­mand saß bei ihm, es war die Frau aus sei­nem Traum, doch ihr Ge­sicht lag im Dun­keln ver­bor­gen. Er ver­such­te, sich zu be­we­gen, doch er konn­te sich nicht rüh­ren. Bleisch­wer lag sein Körper auf dem Bett. Er fühl­te die Be­rüh­rung ih­rer Hand, als sie ihm sanft über das Ge­sicht strich und hör­te sie zärt­li­che Wor­te mur­meln, doch er ver­stand die Spra­che nicht.

Er wur­de von sei­nen Ge­füh­len über­wäl­tigt. Plötz­lich emp­fand er Lie­be, wie er sie noch nie ver­spürt hat­te, die wie ei­ne Wo­ge über ihn her­ein­brach und ihn mit­riss und gleich­zei­tig ei­nen so schar­fen Schmerz der Trau­er, in sei­nem In­ne­ren, dass er das Ge­fühl hat­te da­ran zu ster­ben.

Er rang nach Atem, die Luft wur­de ihm knapp und Pa­nik über­fiel ihn, als er mein­te er wür­de er­sti­cken.

Ent­setzt er­wach­te er aus sei­nem Traum. Sein Herz schlug wie wild in sei­ner Brust und er lag schwer at­mend da mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen.

War das die Er­in­ne­rung ge­we­sen, wel­che die He­xe ge­meint hat­te?

Es muss­te so sein, denn er hat­te noch nie so emp­fun­den.

Ru­he­los stand er auf, wi­ckel­te sich in ei­nen Mor­gen­rock und öff­ne­te ein Fens­ter. Die küh­le Nacht­luft trock­ne­te den Schweiß auf sei­nem Körper und sein Atem wur­de ru­hi­ger. Er frag­te sich, ob ihn die He­xe mit ei­nem Fluch be­legt hat­te, doch er konn­te kei­nen Grund da­für fin­den.

Tief in sei­nem In­ne­ren wuss­te er be­reits, das sie die Wahr­heit ge­spro­chen hat­te, und er sich in sei­nen Träu­men an ein ver­gan­ge­nes Le­ben, er­in­nert hat­te.

Er konn­te noch immer die In­ten­si­tät, die­ser über­wäl­ti­gen­den Lie­be füh­len und ihm war be­wusst, er woll­te wie­der so füh­len, so lie­ben. Er woll­te die­se ei­ne Frau wie­der­ha­ben, für die er so emp­fun­den hat­te. Die He­xe hat­te ihm ge­sagt, wenn er das woll­te, so wür­de sie ihm den Weg da­zu zei­gen.

Am Ho­ri­zont sah er die Son­ne auf­ge­hen.

Er schloss das Fens­ter und schlüpf­te in sei­ne Klei­der vom Vor­tag. Im Stall ließ er sich ein Pferd sat­teln und ritt in schar­fem Ga­lopp den lan­gen Weg zum Dorf hin­un­ter.

An der Schen­ke an­ge­kom­men, sah er ei­ne Grup­pe von Leu­ten, in de­ren Mit­te der Pas­tor stand. Sie dis­ku­tier­ten auf­ge­regt. Do­ri­an trat zu ih­nen und der Pas­tor rich­te­te das Wort an ihn. »Ah, gut dass ihr hier seid jun­ger Herr, wir ha­ben vor, ei­ne He­xe der Ge­richts­bar­keit aus­zu­lie­fern«.

Do­ri­an er­schrak bei sei­nen Wor­ten, doch er ließ sich nichts an­mer­ken und lä­chel­te den Pas­tor freund­lich an.

»Ei­ne He­xe sagt ihr Hoch­wür­den, wer glaubt denn an so et­was.« Das Ge­sicht des Pas­tors war ernst. »Lei­der ja, es gibt sie und mei­ne Auf­ga­be ist es harm­lo­se Men­schen vor Krea­tu­ren der Dun­kel­heit zu be­wah­ren.«

Do­ri­an hob be­schwich­ti­gend die Hän­de. »He­xe­rei ist ei­ne schwer­wie­gen­de An­schul­di­gung, das muss sorg­fäl­tig ge­prüft wer­den. Wo ist denn die­se ver­meint­li­che He­xe?«

»Sie hat sich hier in der Schän­ke ein­ge­nis­tet«, ant­wort­ete der Geist­li­che.

»Nun dann wer­de ich sie mit­neh­men auf Gut Ho­hen­berg, wäh­rend ihr nach Be­wei­sen für ih­re Schuld sucht.« Do­ri­an lä­chel­te über­he­blich. Sei­nem Vater stand als Guts­herr die ober­ste Ge­richts­bar­keit im Dorf zu.

Der Pas­tor zeig­te sich we­nig er­freut über die Aus­sicht, die He­xe nicht selbst in Ge­wahr­sam neh­men zu kön­nen und sie, wie er vor­ge­habt hat­te, in den feuch­ten Ker­ker bei den Ge­wöl­ben un­ter sei­ner Kir­che zu wer­fen, der noch aus der Zeit der In­qui­si­tion stamm­te. »Das ist zu ge­fähr­lich jun­ger Herr«, wand­te er schwach ein.

Do­ri­ans Lä­cheln wur­de brei­ter. »Aber nicht doch. Es gibt ge­wiss ein paar kräf­ti­ge Bur­schen hier im Dorf, die mich und die Ge­fan­ge­ne be­glei­ten wer­den, auf mei­nem Weg zum Guts­hof.«

Der Pas­tor ver­beug­te sich knapp mit sicht­li­cher Ver­är­ge­rung.

Ge­mein­sam be­tra­ten sie das Hin­ter­zim­mer der Schen­ke, wo die Frau sie ru­hig er­war­te­te. Der Pas­tor woll­te sie grob von ih­rem Stuhl zer­ren, doch Do­ri­an wehr­te ihn ab und sah ihn war­nend an. »Wir be­han­deln sie zu­vor­kom­mend, bis wir Be­wei­se für ih­re Schuld ha­ben«, sag­te er kühl zu dem Geist­li­chen. Sanft nahm er ih­ren Arm und sie folg­te ihm zu der war­ten­den Kut­sche vor der Schen­ke. Er war ihr beim Ein­stei­gen be­hilf­lich und setz­te sich ihr ge­gen­über in den Wagen. Die zwei kräf­ti­gen jun­gen Bur­schen aus dem Dorf ver­wies er, auf dem Kutsch­bock Platz zu neh­men.

Do­ri­an klopf­te ge­gen die Tür der Kut­sche und gab dem Fah­rer das Sig­nal los­zu­fah­ren. Der Pas­tor blieb mit wü­ten­der Mie­ne zurück und Do­ri­an wink­te ihm grin­send zu.

Als sie aus dem Dorf her­aus fuh­ren, sah er die Frau mit ern­stem Ge­sicht an. »Ich ha­be dich ge­ret­tet, das ist dir doch be­wusst, nicht wahr?«

Die Frau lä­chel­te ihm über­le­gen zu. »Ja, wa­rum wohl, habt ihr das ge­tan?« Ih­re Stim­me troff vor Sar­kas­mus.

»Das weißt du be­reits«, gab er knapp zurück.

Sie lehn­te sich ent­spannt in die weichen Pol­ster der Kut­sche. »Ich will ei­nen Beu­tel Gold und das schnell­ste Pferd, das ihr im Stall habt«, merk­te sie an.

»Und eu­re Frei­heit, wie ich an­neh­me«, er­gänz­te Do­ri­an lä­chelnd.

Sie er­wi­der­te sein Lä­cheln und nick­te. »Und mei­ne Frei­heit.«

Do­ri­an sah aus dem Fens­ter auf die Land­schaft, die an ih­nen vor­über­zog.

»Du hast dich er­in­nert, nicht wahr«, frag­te sie ihn mit lei­ser Stim­me.

Er nick­te, oh­ne sie an­zu­se­hen.

»Ich kann die Lie­be und den Schmerz in dei­nen Augen se­hen. Ich neh­me an, du willst sie wie­der­ha­ben?«

Do­ri­an wen­de­te ihr sein Ge­sicht zu und sah sie an. »Du hast ge­sagt, es gibt ei­nen Weg.«

»Den gibt es. Doch ich sag­te auch, dass es ein bit­te­rer Weg ist, oh­ne Wie­der­kehr.«

»Muss ich da­für ster­ben, um sie in ei­ner an­de­ren Welt wie­der­zu­se­hen?« Er sah sie fra­gend an.

Die He­xe ge­noss die Über­le­gen­heit ih­res Wis­sens of­fen­sicht­lich. »In ge­wis­ser Wei­se wirst du ster­ben, doch du wirst sie in die­ser Welt wie­der­se­hen.«

Do­ri­an wur­de nicht schlau aus ih­ren Wor­ten. »Das ver­ste­he ich nicht«, ant­wort­ete er ihr.

»Ich wer­de es dir er­klä­ren, nach­dem ich mein Gold und das Pferd ha­be.«

Do­ri­an waren Gold und Pfer­de gleich­gül­tig, er be­saß ge­nug von Bei­den.

Er zü­gel­te sei­ne Un­ge­duld und sah wie­der aus dem Fens­ter. Den Rest der Fahrt ver­brach­ten sie schwei­gend.

Als sie beim Guts­hof an­ka­men, lud Do­ri­an die Bur­schen und den Kut­scher ein, sich in der Ge­sin­de­kü­che ver­kös­ti­gen zu las­sen, und sie stimm­ten er­freut zu.

Er stell­te mit Er­leich­te­rung fest, dass sein Vater auf die Jagd ge­gan­gen war. So konn­te er, oh­ne läs­ti­ge Fra­gen be­ant­wor­ten zu müs­sen, die He­xe in sei­ne Räum­lich­kei­ten brin­gen. Er schick­te ei­ne Magd um Es­sen und Ge­trän­ke.

Die Frau setz­te sich, trank ei­nen Be­cher Wein auf ei­nen Zug und knab­ber­te an dem kal­ten Wild­bret. Do­ri­an hol­te aus ei­nem Se­kre­tär ei­nen Beu­tel mit Gold­mün­zen und gab ihn ihr.

Sie wisch­te sich die fet­ti­gen Hän­de an ih­rem Rock ab, warf ei­nen Blick in den Beu­tel und sah ihn mit zu­frie­de­nem Lä­cheln an.

Do­ri­an klin­gel­te nach ei­nem Die­ner und trug ihm auf, ein Pferd sat­teln zu las­sen. Dann lehn­te er sich be­quem in ei­nen ge­pol­ster­ten Stuhl.

Die Frau hat­te ihn nicht aus den Augen ge­las­sen.

»Du bist dran, ich ha­be mei­nen Teil er­füllt. Er­zäh­le mir nun, was ich wis­sen muss.«

Die He­xe stand auf schritt zum Fens­ter, sah kurz hin­aus und wand­te sich dann zu ihm um. »Ei­ni­ges hast du schon her­aus­ge­fun­den. Ihr habt euch ge­liebt und du bist für sie ge­stor­ben. Die Wäch­ter des Schick­sals waren ge­gen eu­re Ver­bin­dung. Doch die Göt­ter woll­ten, dass ihr ei­ne zwei­te Chan­ce be­kommt, da­rum wur­dest du wie­der­ge­bo­ren.« Sie hielt kurz in­ne, schenk­te sich Wein ein und trank ei­nen Schluck.

»Heißt das, dass auch sie wie­der­ge­bo­ren wur­de?« Do­ri­an sah sie ge­spannt an.

Sie lä­chel­te und stell­te ih­ren Be­cher ab. »Nicht ganz. Sie ist noch nicht wie­der auf die­ser Welt. Die Wäch­ter woll­ten euch end­gül­tig ent­zwei­en, und ha­ben ei­ne Zeit­ver­zö­ge­rung ein­ge­fügt, um eu­re er­neu­te Zu­sam­men­kunft zu ver­hin­dern.«

Ver­blüfft sah Do­ri­an sie an. »Wie soll ich sie dann wie­der­be­kom­men? Wie lan­ge wird es dau­ern, bis sie wie­der­ge­bo­ren wird?«

Sie sah ihn ernst an. »Ein paar Jahr­zehn­te, ein paar Jahr­hun­der­te, wer weiß das schon.«

Do­ri­an lehn­te sich zurück. Er schüt­tel­te un­gläu­big den Kopf. »Dann bin ich längst tot«, sag­te er hoff­nungs­los.

»Es gibt ei­nen Weg, wie ich schon sag­te, doch du musst dir da­rüber klar sein, ob du ihn wirk­lich ge­hen willst.« Ernst sah sie ihn an.

»Er­klä­re mir wie, dann kann ich ent­schei­den, ob es mir das wert ist«, flüs­ter­te er mit ei­nem schie­fen Lä­cheln.

»Du wirst zu ei­nem We­sen der Nacht wer­den, zu ei­nem Vam­pir, der sich vom Blut sei­ner Mit­men­schen er­nährt.«

Er sah sie fas­sungs­los an.

»Du wirst so lan­ge le­ben, so­lan­ge du Men­schen­blut trinkst. Das ein­zi­ge das dich tö­ten kann, wird ein höl­zer­ner Pfahl sein, den man dir ins Herz stößt.«

Do­ri­an starr­te sie mit of­fe­nem Mund an. Schließ­lich schluck­te er und frag­te: »Wie soll ich zu ei­nem sol­chen We­sen wer­den?«

»Du wirst ein Eli­xier trin­ken. Dann wirst du ster­ben müs­sen. Denn dein mensch­li­cher Tod ist die Vor­aus­set­zung da­für, dass du zu ei­nem Vam­pir wirst.«

Do­ri­an lehn­te sich zurück und blick­te in die Ferne. Er wuss­te nicht, was er ihr sa­gen soll­te, sei­ne Ge­dan­ken wir­bel­ten in sei­nem Kopf.

Die He­xe be­ob­ach­te­te ihn. Schließ­lich kram­te sie aus dem klei­nen Beu­tel, der an ih­rem Gür­tel hing, ei­ne Phio­le her­vor. Sie trat vor ihn und lä­chel­te wis­send. »Hier, für dich, das Eli­xier. Wäh­le mit Be­dacht. Ich muss ge­hen, be­vor die Scher­gen des Kle­rus ei­nen Grund fin­den, mich doch noch in den Ker­ker zu wer­fen.«

Er woll­te nicht, dass sie ging, denn in ihm brann­ten so viele Fra­gen.

Do­ri­an er­griff ih­re Hand mit dem Eli­xier und hielt sie fest. »Wo kann ich dich fin­den, wenn ich Fra­gen ha­be?«

Sie zuck­te die Ach­seln, ließ die Phio­le in sei­ne Hand glei­ten und be­frei­te sich aus sei­nem Griff. »Ant­wor­ten auf dei­ne Fra­gen, wer­den dir dei­ne Ent­schei­dung nicht ab­neh­men.«

Sie nahm den Beu­tel mit dem Gold und be­fes­tig­te ihn am Gür­tel. Dann nick­te sie zum Ab­schied und ver­ließ ihn. Er saß lan­ge da und starr­te wie be­täubt auf die klei­ne Phio­le in sei­ner Hand.

2010, Der Fund

Das Ge­län­de war groß­räu­mig ab­ge­sperrt wor­den, nach­dem hier am Harz­horn Fun­de ei­ner rö­misch-ger­ma­ni­schen Schlacht aus dem 3. Jahr­hun­dert nach Chris­tus auf­ge­taucht waren. Seit zwei Jah­ren wim­mel­te es von zahl­rei­chen Son­den­gän­gern und Ar­chäo­lo­gen, die sich ab­müh­ten, dem Boden die Ge­heim­nis­se längst ver­gan­ge­ner Zeiten zu ent­lo­cken.

Se­ve­rin Berg­mann war als Pro­fes­sor für an­ti­ke Schlach­ten der Aus­gra­bungs­lei­ter der Uni Ber­lin auf die­sem Are­al. Er hat­te ein Dut­zend eif­ri­ge Hel­fer, die alle Fun­de kar­to­gra­fier­ten und er­fass­ten. Akri­bisch ver­such­ten sie, die an­ti­ke Schlacht zu re­kons­truie­ren, für die es kei­ne schrift­li­chen Be­le­ge gab.

Es war ein son­ni­ger April­mor­gen und sie waren schon seit ein paar Stun­den an der Ar­beit. Ver­tieft in sei­ne Auf­zeich­nun­gen, saß Se­ve­rin an sei­nem klei­nen Klapp­tisch als aus dem Wäld­chen hin­ter dem Feld auf­ge­regt ru­fend, ei­ne Grup­pe sei­ner Leu­te her­bei­eil­te. Ro­bert Sachs, ein Kol­le­ge und gu­ter Freund lief auf ihn zu.

»Se­ve­rin, das musst du dir an­se­hen! Wir sind auf ein Grab oder ei­ne Grot­te, oder was auch immer für Über­res­te ei­nes ver­schüt­te­ten Ge­bäu­des ge­stoßen.«

Er zog ihn am Är­mel sei­ner Ja­cke mit sich und sie lie­fen zu dem Fun­dort zurück, an dem schon ei­ne klei­ne Grup­pe von Kol­le­gen auf sie war­te­te. Ro­bert deu­te­te auf ei­nen Hau­fen Stei­ne, die aus dem Er­dreich rag­ten, in­mit­ten ei­ner Baum­grup­pe.

Se­ve­rin ging in die Ho­cke und kratz­te vor­sich­tig mit den Fin­gern die Er­de von den Stei­nen.

Es hat­te in den letz­ten Ta­gen ge­reg­net und an­schei­nend hat­te das Was­ser die Stei­ne frei­ge­schwemmt. Bei nä­he­rer Be­trach­tung er­kann­te Se­ve­rin, dass es sich da­bei um die Über­res­te ei­nes Ge­mäu­ers han­deln muss­te, da die Stei­ne schwach als klei­ne Qua­der er­kenn­bar waren. Su­san­ne Fuchs, ei­ne Kol­le­gin, kam an­ge­lau­fen mit ei­ner Schau­fel in der Hand.

Se­ve­rin nahm sie ihr ab und grub be­hut­sam Zen­ti­me­ter um den Stein­hau­fen he­rum die Er­de auf. Er leg­te weite­re Stein­qua­der frei und ei­ni­ge sei­ner Leu­te, hat­ten sich Werk­zeug be­sorgt und ta­ten es ihm gleich.

In­ner­halb der Baum­grup­pe leg­ten sie meh­re­re Zen­ti­me­ter ho­her stein­er­ner Über­res­te frei, die kreis­för­mig an­geord­net waren. Se­ve­rin be­fürch­te­te schon, dass es sich um ei­nen sim­plen Brun­nen han­deln wür­de, doch der Kreis wur­de immer grö­ßer.

Was war das bloß?

Mit zä­her Ver­biss­en­heit ar­beit­eten sie sich weiter vor. Am spä­ten Nach­mit­tag hat­ten sie Tei­le der Stein­mau­er ei­nen Me­ter tief aus­ge­gra­ben und stie­ßen auf Stein­stufen. Als sie be­gan­nen sie frei­zu­le­gen, mach­ten sie den er­sten Klein­fund.

Es han­del­te sich um ei­nen di­cken gol­de­nen Arm­reif, was sie er­kann­ten als sie den Dreck von ihm ge­wa­schen hat­ten.

Es wur­de lang­sam dun­kel. Sie si­cher­ten die Fund­stel­le, die wäh­rend des Tages von allen An­we­sen­den un­gläu­big be­staunt wor­den war, mit Ab­sperr­bän­dern und gin­gen auf das Feld zurück.

Dort hat­ten sie ein La­ger mit Zel­ten und Schlaf­sä­cken er­rich­tet, so­dass sie sich den Weg zum Hotel in das 15 km ent­fern­te Ebers­hal­de, spa­ren konn­ten.

Se­ve­rin putz­te und spül­te weiter an dem gol­de­nen Arm­reif, den sie ge­fun­den hat­ten. Er hat­te Gra­vu­ren ent­deckt und brann­te nun da­rauf sie völ­lig frei­zu­le­gen, um sie zu ent­schlüs­seln.

Als es so weit war, stutz­te er. Er nahm an, der Gold­reif wür­de von ei­nem hoch­ge­stell­ten Ger­ma­nen stam­men und ver­mu­te­te in den stein­er­nen Über­res­ten, die sie ge­fun­den hat­ten, ein un­ter­ir­di­sches Grab.

Doch die Sym­bo­le auf dem Arm­reif, waren nicht die ver­schlun­ge­nen Kno­ten der ger­ma­ni­schen Kultur.

Es waren Schlan­gen da­rauf, Son­ne und Mond und selt­sa­me Zeichen, die an ein Y des Al­pha­bets er­in­ner­ten. Im in­ne­ren des Rei­fens waren Schrift­zeichen ei­ner Keil­schrift ein­gra­viert, die sich von ger­ma­ni­schen Ru­nen völ­lig un­ter­schie­den.

Er hielt den Gold­reif nun für ein ägyp­ti­sches Ar­te­fakt und hat­te kei­ne Er­klä­rung da­für, wie es hier­her kam. Viel­leicht han­del­te es sich da­bei um das Beu­tes­tück ei­nes Römers, der ihn aus Ägyp­ten mit­ge­bracht hat­te.

Ro­bert und Su­san­ne ge­sell­ten sich zu ihm.

»Hast du ei­ne Ah­nung, was die Gra­vu­ren be­deu­ten?«, frag­te Ro­bert ihn.

Se­ve­rin zuck­te die Ach­seln. »Es er­gibt kei­nen Sinn. Der Arm­reif scheint we­der rö­misch noch ger­ma­nisch zu sein. Ich tip­pe da­rauf, dass er aus Ägyp­ten stammt.«

Su­san­ne sah ihn über­rascht an. »Ägyp­ten? Was sucht er dann hier?«

»Ich ha­be kei­ne Ah­nung«, ant­wort­ete Se­ve­rin. Nach­denk­lich be­trach­te­ten sie das Schmuck­stück.

»Zeit, schla­fen zu ge­hen. Wir wer­den mor­gen sein Ge­heim­nis lüf­ten«, sag­te Ro­bert schließ­lich und gähn­te.

Se­ve­rin wi­ckel­te den Arm­reif in ein wei­ches Tuch und ver­stau­te ihn in ei­ner klei­nen Holz­kis­te. Sie wünsch­ten ein­an­der ei­ne gu­te Nacht und gin­gen in ih­re Zel­te.

In sei­nen Schlaf­sack ge­rollt, lag Se­ve­rin noch ei­ne Wei­le wach und dach­te an den eigen­ar­ti­gen Fund die­ses Tages.

Ein stein­er­nes Grab, ja ei­ne Gruft und ein Arm­reif, der of­fen­bar aus Ägyp­ten stamm­te?

Die Ger­ma­nen hat­ten ih­re To­ten in Hügel­grä­bern be­stat­tet.

Es konn­te sich nur um das Grab ei­nes Römers han­deln. Doch so weit von Rom ent­fernt?

Se­ve­rin kam zu kei­ner be­frie­di­gen­den Er­klä­rung. Schließ­lich roll­te er sich zur Sei­te und schlief ein.

Am näch­sten Mor­gen war er früh auf den Bei­nen. Er hat­te ei­ne un­ru­hi­ge Nacht hin­ter sich und war ge­spannt da­rauf, wel­che Ge­heim­nis­se, die stein­er­ne Gruft noch lüf­ten wür­de.

Sei­ne Kol­le­gen er­wach­ten ge­ra­de, als er schon mit Werk­zeug be­packt auf dem Weg zu dem Grab war.

Be­hut­sam grub er Stu­fe um Stu­fe aus. Die an­de­ren ge­sell­ten sich zu ihm und ge­mein­sam leg­ten sie mit schweiß­trei­ben­der Pla­cke­rei gro­ße Tei­le des un­ter­ir­di­schen Bau­wer­kes frei.

Es führ­te viel tie­fer in die Er­de, als er an­ge­nom­men hat­te. Am En­de der letz­ten Stu­fe stie­ßen sie auf ei­ne Tür aus Stein. Zu­min­dest nah­men sie an, dass es ei­ne Tür war, denn ein Schloss, oder ei­nen Rie­gel konn­ten sie da­rauf nicht ent­de­cken.

Nun mach­ten sie sich da­ran die­se vom Er­dreich zu be­frei­en, un­ter dem sie jahr­hun­dert­elang ver­bor­gen war.

Nach­dem der gröbs­te Dreck ent­fernt war, wur­den selt­sa­me Sym­bo­le an dem Stein­tor sicht­bar. Sie waren je­nen des gol­de­nen Arm­rei­fes ähn­lich, den sie am Tag zu­vor ge­fun­den hat­ten.

»Was ist das denn?«, frag­te Su­san­ne er­staunt und deu­te­te auf die Sym­bo­le an der Tür.

Ein jun­ger Mit­ar­bei­ter, namens Klaus kam nä­her ran und be­trach­te­te die Zeichen an der Tür in­te­res­siert. »Ich ha­be letz­tes Jahr ei­nen Lehr­gang für alt­su­me­ri­sche Keil­schrift, bei Pro­fes­sor Fre­de­rik Ah­rens be­legt. Die Schrift­zeichen sa­hen de­nen da sehr ähn­lich.«

Se­ve­rin und die an­de­ren sa­hen ihn er­staunt an. »Su­me­risch? Bist du si­cher? Was macht ein su­me­ri­sches Grab hier mit­ten in Nie­der­sach­sen?«, frag­te Ro­bert un­gläu­big.

Se­ve­rin mus­ter­te das Tor skep­tisch. Dann kram­te er sein Han­dy aus der Ho­sen­ta­sche.

»Wen rufst du an?«, frag­te Su­san­ne ver­wun­dert.

»Wir brau­chen Un­ter­stüt­zung. Ich ru­fe ei­nen Freund von der Uni Ber­lin an, der ein Ex­per­te für die Kultur des al­ten Su­mer ist.«

Schon mel­de­te sich am an­de­ren En­de Je­mand und Se­ve­rin er­zähl­te in gro­ben Zü­gen von ih­rem merk­wür­di­gen Fund. Das Ge­spräch währ­te nur kurz und Se­ve­rin leg­te mit ei­nem Lä­cheln auf. »To­bi­as kommt zu uns. Schon mor­gen wird er hier sein.«

»Wer ist To­bi­as?«, frag­te Su­san­ne ge­nervt. Ihr ge­fiel es gar nicht, dass ein Frem­der sich even­tu­ell die Lor­bee­ren ver­die­nen wür­de, die ih­nen ge­bühr­ten.

Se­ve­rin lä­chel­te sie be­schwich­ti­gend an. »To­bi­as ist ein net­ter Kerl und hat ein Men­ge Ah­nung von al­ten Kul­tu­ren«.

Zu Klaus ge­wandt, fuhr er fort: »Er ist üb­ri­gens ein gu­ter Freund von Pro­fes­sor Ah­rens«. Der schnitt ei­ne Gri­mas­se.

Je­der von ih­nen wuss­te dass Fre­de­rik Ah­rens, ein ko­mi­scher Kauz war, der sei­ne Be­ses­sen­heit für die su­me­ri­sche Göt­ter­welt voll aus­leb­te.

»Kei­ner fasst hier was an, wir war­ten auf To­bi­as«, rief Se­ve­rin und ging zum La­ger zurück. Mur­rend folg­ten ihm die an­de­ren.

To­bi­as war er­freut, als ihn sein al­ter Freund Se­ve­rin an­rief.

Als er ihm von dem außer­ge­wöhn­li­chen Fund am Harz­horn be­rich­te­te, war Mo­na bei ihm, mit der er seit ein paar Mo­na­ten zu­sam­men war. Neu­gie­rig frag­te sie ihn so­fort über das Ge­spräch aus.

Mo­na war wie er an der Uni Ber­lin be­schäf­tigt. Sie ar­beit­eten an der Er­for­schung an­ti­ker Kul­tu­ren.

Wäh­rend er dank sei­ner Freund­schaft zu Fre­de­rik Ah­rens schon an Aus­gra­bun­gen im Irak, dem ehe­ma­li­gen Su­mer teil­neh­men durf­te, war Mo­na bis­her an kei­ner Aus­gra­bungs­stät­te ge­we­sen.

So­fort fing sie an, To­bi­as zu über­re­den, ihn zum Harz­horn be­glei­ten zu dür­fen.

Ih­re Be­zie­hung war noch ziem­lich frisch und er war sehr ver­liebt in sie, so­dass er ihr kaum et­was ab­schla­gen konn­te.

Er konn­te sein Glück noch gar nicht recht fas­sen, dass ge­ra­de die be­gehr­te Mo­na mit ih­ren dunk­len Man­de­lau­gen und dem schwar­zen Pa­gen­kopf, ihn un­ter all den Män­nern, die sie an­himmel­ten, zum Freund ge­wählt hat­te.

Er war zwar nicht häss­lich, doch eher ein Durch­schnitts­typ, mittel­groß schlak­sig, mit ei­ner zu lan­gen Na­se un­ter den brau­nen Augen, mit der Bril­le da­vor, die ihm ein so bie­de­res Aus­se­hen gab, trotz der wil­den rot­brau­nen Lo­cken auf sei­nem Kopf.

Na­tür­lich über­re­de­te sie ihn, sie mit­zu­neh­men.

Ein klei­ner Kof­fer war schnell ge­packt und sie zwäng­ten sich in Mo­nas Ford Fies­ta, da sie To­bi­as klapp­ri­gem Jeep nicht zu­trau­te, die drei­ein­halb­stün­di­ge Fahrt zum Harz­horn, pro­blem­los zurück­zu­le­gen.

Ein we­nig steif ka­men sie bei der Aus­gra­bungs­stät­te an.

Se­ve­rin be­grüß­te To­bi­as mit ei­ner Um­ar­mung, sie hat­ten sich lan­ge nicht ge­se­hen. Wenn er da­rüber ver­wun­dert war, dass To­bi­as in Be­glei­tung er­schie­nen war, so ließ er sich das nicht an­mer­ken.

Nach­dem sie ei­ne Co­la ge­trun­ken und ein we­nig Small Talk ge­macht hat­ten, brach­te Se­ve­rin To­bi­as zu der Gruft. Dass Mo­na sich ih­nen un­ge­fragt an­schloss, ge­fiel Se­ve­rin nicht, doch er sag­te nichts.

Die Leu­te der Grup­pe, die das Stein­grab ent­deckt hat­ten, be­grüß­ten ihn und Mo­na nur ver­hal­ten. Sie schlos­sen sich ih­nen eben­falls un­ge­fragt an, und so mar­schier­ten sie alle ge­mein­sam zu dem Fun­dort.

To­bi­as be­trach­te­te die Stein­qua­der des Ge­mäu­ers und der Stufen. Dann ging er zu dem stein­er­nen Tor und be­rühr­te es mit den Fin­gern. Mo­na war fas­zi­niert und ver­schlang je­des Detail mit ih­ren Augen.

To­bi­as bat um ei­nen Pin­sel mit dem er über die Zeichen strich. Ei­ni­ge der Sym­bo­le waren ver­wit­tert und kaum noch sicht­bar. Das Tor muss­te ur­alt sein.

»Es sind ein­deu­tig Sym­bo­le aus der alt­su­me­ri­schen Zeit, ca. 2000 vor Chris­tus«, mur­mel­te To­bi­as, wäh­rend er kon­zen­triert das Tor un­ter­such­te.

»Ge­nau­er ge­sagt, han­delt es sich um Schrift­zeichen und Sym­bo­le aus der vor-ba­by­lo­ni­schen Zeit«, ließ sich ei­ne schril­le Stim­me hin­ter ih­nen ver­neh­men. Sie fuh­ren he­rum und da stand er. Das Ge­nie der an­ti­ken Kul­tu­ren, der ver­rück­te Pro­fes­sor, Fre­de­rik Ah­rens.

»Was ma­chen sie denn hier«, ent­fuhr es Se­ve­rin.

Der klei­ne dün­ne Pro­fes­sor mit dem spär­li­chen Haupt­haar und dem Frett­chen­ge­sicht, lä­chel­te pi­kiert und nes­tel­te an sei­ner Bril­le.

»Ich dach­te, ich ho­le den be­sten Ex­per­ten, als ir­gend­ei­nen Ex­per­ten«, mein­te Klaus sar­kas­tisch aus dem Hin­ter­grund.