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2010: Bei einer Ausgrabung machen Archäologen einen sensationellen Fund: Sie entdecken ein antikes Grab, das Symbole der sumerischen Kultur trägt und ein besonderes Geheimnis birgt. Diese Entdeckung lockt nicht nur führende Experten des Altertums an, sondern auch Vampire und übernatürliche Wesen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Rückblende: 1768: Der junge Landadelige Dorian, ist wie viele Aristokraten seiner Zeit vom Leben gelangweilt. Als ein Zufall ihm eine schicksalhafte Begegnung beschert, erfährt er von der Einen, die er vor undenklichen Zeiten geliebt und verloren hat. Um seine große Liebe wiederzufinden trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die ihm ewiges Leben bringt. Er wird ein Vampir. Dieser Entschluss reißt jedoch auch Jene mit ins Verderben, die ihm zur Seite stehen. Im Hintergrund brodelt der ewige Kampf der Götter, gegen die universellen Wächter, um die Vorherrschaft im Universum. Während sich das Rad des Schicksals für alle Beteiligten eifrig dreht, sind sie Alle mit den Abgründen ihrer eigenen Persönlichkeit und deren Versuchungen konfrontiert.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Götterfunken-Schatten der Ewigkeit
Roman
Sabine Claudia
© 2018 Sabine Claudia
Alle Rechte vorbehalten
Buchcover: Pixabay, CCO Creative Commons, User Kai Kalhh
Alle Rechte bei Verlag/Verleger
Copyright © 2018
Sabine Dittrich
1110 Wien 11.Bezirk
Simmeringer Hauptstrasse 140
Buchcover: Pixabay, CCO Creative Commons, User Kai Kalhh
1768, Dorian
2010, Der Fund
Das Grab
1768, Cordelia
Die Vampire
Entscheidungen
1875, Eleonora
Das Missgeschick
Begegnungen
Götterwelt, Inanna
Versuchungen
2010, Mona
Götterwelt, Inoa
Das Bündnis
Der Shargaz
Freundschaften
Rüdiger
Vollmond
Götterwelt, Die Wächter
Anmerkungen der Autorin
Glossar
Über die Autorin
Die Schenke war gut besucht und voller Rauch. Es roch nach ranzigem Fett, ungewaschenen Körpern und säuerlichem Wein. Als Dorian eintrat, wurde er von den Anwesenden verstohlen gemustert, denn er trug feine Kleider, die ihn als Edlen kennzeichneten, während die übrigen Besucher eher einfache Leute waren. Es war kein Ort, an dem Dorian sich sonst aufhielt, er bevorzugte die feinen Salons seiner Freunde. Doch er war aus einem bestimmten Grund in diese Spelunke gekommen.
Die 24 Jahre seines Daseins, waren von Langeweile und Lebensüberdruss gekennzeichnet, wozu es absolut keinen Grund gab. Dorian sah blendend aus mit seinen dunklen Haaren und den hellen grünen Augen, war hochgewachsen, von schlanker Statur, gesund und stark. Er war privilegiert geboren, der einzige überlebende Sohn eines reichen Gutsbesitzers und somit sein Erbe. Doch sein Vater, der kalt und distanziert war, weigerte sich standhaft, ihn in die Geschäfte einzubeziehen, oder zu sterben, somit hatte Dorian nichts zu tun, als tagaus tagein sein Leben mit Sinnlosigkeit zu füllen.
Der einzige Mensch, an dem ihm etwas lag, seine Schwester Cordelia, hatte vor sechs Monaten ihre große Liebe geheiratet. Siegbert Swann, einen benachbarten Gutsbesitzer. So oft wie möglich, besuchte er die beiden, um der trostlosen Öde des großen Hauses und der Gesellschaft seines Vaters zu entgehen. Sein Schwager Siegbert, der eine Schwäche hatte für Zauberei und Übernatürliches, nahm ihn bei seinem letzten Besuch auf dessen Landgut, zur Seite und erzählte ihm von der Hexe, die in der Schenke Quartier bezogen hatte und den Leuten die Zukunft voraussagte.
Ungläubig lächelnd hatte er ihm zugehört und alles mit einem Kopfschütteln abgetan. Doch seine Frustration hatte ihn wieder eingeholt, als er alleine auf seinem Landsitz war und so entschied er sich doch dazu, die Hexe aufzusuchen.
Der Wirt kam katzbuckelnd auf ihn zu, pries ihm seine verschiedenen Gerichte an und versuchte ihn zu einem der Tische zu bugsieren.
Zwei Dirnen waren auf ihn aufmerksam geworden. Sie kamen mit tänzelnden Hüften und verführerischem Lächeln näher.
Dorian stoppte den eifrigen Gastwirt mit einer abwehrenden Handbewegung und fragte nach der weissagenden Hexe. Dieser verbarg seine Enttäuschung nur mangelhaft, doch er verbeugte sich ehrerbietig und geleitete ihn in ein stilles Hinterzimmer, in dem es stark nach Kräutern duftete.
Der schmale Raum war nur schwach von einigen Kerzen erleuchtet und Dorian sah vor sich einen kleinen runden Tisch mit zwei Stühlen.
Der Wirt bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, waren die Geräusche aus der Schenke nur noch gedämpft zu vernehmen.
Dorian setzte sich und maß mit gelangweiltem Blick, den spärlich eingerichteten Raum, während er wartete.
»Ihr seid gar nicht neugierig, mein Freund«, vernahm er eine dunkle Stimme, die aus dem hinteren Teil des Zimmers näher kam. Eine Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, trat zu dem erleuchteten Tisch. Sie nahm ihm gegenüber Platz und musterte ihn.
»Kommt darauf an, was ihr mir zu sagen habt«, antwortete er ihr ruhig und erwiderte ihren Blick.
»Den Hauch des Schicksals werdet ihr spüren bei meinen Worten und wenn ihr diesen Raum wieder verlasst, wird nichts mehr so sein, wie es war. Wollt ihr das?«
Dorian musterte sie verwundert, doch er musste sich eingestehen, dass sie nun seine Neugier geweckt hatte. Er nickte.
»Zuerst das Geschäftliche. Ihr habt das Geld doch dabei?«, sagte sie kühl. Wortlos griff er in seine Tasche und holte einen Beutel mit Münzen hervor, den er ihr gab.
Sie wog ihn kurz in der Hand, warf einen Blick hinein und nickte lächelnd. »Ihr wisst nicht, warum ihr hier seid und damit meine ich nicht diese Schenke, sondern euer gesamtes Leben. Nichts macht euch wirklich Freude oder erscheint euch von Wert, sodass es sich zu leben lohnt«, begann sie und ihre Augen hielten seinen Blick fest.
Es erstaunte ihn, dass sie seinen Gemütszustand so deutlich erkannte, doch er ließ es sich nicht anmerken und behielt seine undurchdringliche Miene bei.
Sie schenkte ihm ein sparsames Lächeln, denn sie konnte seine Anspannung fühlen. »Der Grund eures Desinteresses liegt darin, dass ihr nicht wisst, wonach ihr sucht.«
»Wisst ihr es denn?«, fragte er knapp.
»Vielleicht ja. Doch findet ihr es nicht seltsam, diese Frage einer Fremden zu stellen?«
»Nicht, wenn sie eine Hexe ist, oder vorgibt eine zu sein.« Ein Anflug von Spott schwang in seiner Stimme.
Ihr Lächeln war verschwunden. Stolz hob sie das Kinn an und sprach weiter, während ihre schwarzen Augen sich in seinen Kopf bohrten. »Du suchst die, die du vor undenklichen Zeiten verloren hast, deine einzig wahre Liebe. Dies ist der einzige Grund, warum du hier bist, und weil es den Göttern gefällt, Schicksal zu spielen.«
Dorian wollte lachen, aufstehen und das Gerede der Hexe spöttisch abtun. Doch er blieb wie angewurzelt auf seinem Stuhl sitzen, während sich ein prickelndes Gefühl in ihm ausbreitete. Er fühlte in seinem tiefsten Inneren einen seltsamen Widerhall ihrer Worte, so als hätten sie den Grund seiner Seele berührt. Er musste sich räuspern, bevor er sprechen konnte. »Wenn dem so ist, dann erzähl mir mehr davon.«
Voller Genugtuung lachte sie auf. »Du hast dieses Wissen in deiner Seele. Die Erinnerung an die Liebe zu der einen Frau, die du niemals hättest lieben dürfen und wofür du mit deinem Leben bezahlt hast. Niemals solltest du sie wiedersehen, doch die Götter haben eine Schwäche für aussichtslose Fälle. Wenn du dir klar geworden bist, ob du sie wiederfinden willst, dann komm erneut zu mir und ich werde dir den Weg dazu zeigen. Doch sei gewarnt! Es wird ein bitterer Weg sein, von dem es kein zurück gibt.«
Sie war aufgestanden und an ihn herangetreten. Sanft nahm sie seine Hände, zog ihn von seinem Stuhl und schob ihn zur Tür hinaus.
Bevor er sich versah, stand er wieder in der lauten muffigen Schänke. Die Tür zu dem Hinterzimmer war geschlossen. Kurz überlegte er, noch einmal hineinzugehen um ihr weitere Fragen zu stellen, doch er fühlte sich seltsam aufgewühlt, wollte alleine sein und über ihre Worte nachdenken.
Er ließ den Wirt eine Kutsche holen und während er in ihr dahin schaukelte, dachte er über die seltsamen Worte der Hexe nach.
Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass er auf der Suche war, nach der Liebe einer Frau, die er vor langer Zeit verloren hatte. Er konnte sich nicht über mangelndes Interesse des weiblichen Geschlechts an seiner Person beschweren. Zuweilen waren ihm die Annäherungsversuche der Frauen und Mädchen, denen er begegnete geradezu lästig. Konnte es wirklich sein, dass er in einem anderen Leben eine Frau so sehr geliebt hatte, dass er für sie gestorben war?
Er fand diesen Gedanken absurd, doch sein Gefühl ließ ihn ahnen, dass es so war. Die Fahrt aus dem Dorf zu dem Gut wo er zuhause war, dauerte lange und er döste ein, eingelullt durch das Schaukeln der Kutsche.
Bilder stiegen vor seinem inneren Auge auf. Er sah eine große steinerne Halle mit Kohlebecken und Fackeln an den Wänden. Vor sich erblickte er eine Frau in einem weißen Kleid. Sie trug goldene Spangen um Hals und Arme. Auch ihr Gürtel war aus Gold. Sie hatte langes schwarzes Haar und stand mit dem Rücken zu ihm. Er sah, dass sie ein Gefäß mit beiden Händen in die Höhe hielt und hörte sie seltsame Worte in einer unbekannten Sprache murmeln. In seinem Traum ging er auf sie zu und fasste nach ihrer Schulter um sie umzudrehen, denn er wollte ihr Gesicht sehen. In dem Moment da er sie berührte, sah er einen grellen Blitz aufzucken, der ihn zu Boden schleuderte.
Erschrocken fuhr er hoch und erwachte aus seinem Traum.
Die Kutsche hatte mit einem Ruckeln vor seinem Zuhause gehalten. Nachdenklich und noch benommen von seinem kurzen Schlaf ging er in seine Räume. Er legte seine Kleider ab und warf sich nackt auf sein Bett. Der Traum hatte dieses eigenartige Gefühl in ihm verstärkt.
Was hatte die Hexe gesagt? Die Erinnerung und das Wissen wären in ihm.
Dorian schloss die Augen und rief sich das Bild der Frau, die er nur von hinten gesehen hatte, ins Gedächtnis. Was war da noch gewesen? Er konnte sich an einen schwachen Duft von Rosenblättern und Weihrauch erinnern. Der Geruch war für ihn verbunden mit einem tiefen Schmerz, der ihm das Herz zerriss.
Doch er kannte die Ursache dieses Schmerzes nicht. Wieder schlief er ein über seinen Grübeleien.
Er fühlte die kühlen Laken auf seiner nackten Haut. Jemand saß bei ihm, es war die Frau aus seinem Traum, doch ihr Gesicht lag im Dunkeln verborgen. Er versuchte, sich zu bewegen, doch er konnte sich nicht rühren. Bleischwer lag sein Körper auf dem Bett. Er fühlte die Berührung ihrer Hand, als sie ihm sanft über das Gesicht strich und hörte sie zärtliche Worte murmeln, doch er verstand die Sprache nicht.
Er wurde von seinen Gefühlen überwältigt. Plötzlich empfand er Liebe, wie er sie noch nie verspürt hatte, die wie eine Woge über ihn hereinbrach und ihn mitriss und gleichzeitig einen so scharfen Schmerz der Trauer, in seinem Inneren, dass er das Gefühl hatte daran zu sterben.
Er rang nach Atem, die Luft wurde ihm knapp und Panik überfiel ihn, als er meinte er würde ersticken.
Entsetzt erwachte er aus seinem Traum. Sein Herz schlug wie wild in seiner Brust und er lag schwer atmend da mit weit aufgerissenen Augen.
War das die Erinnerung gewesen, welche die Hexe gemeint hatte?
Es musste so sein, denn er hatte noch nie so empfunden.
Ruhelos stand er auf, wickelte sich in einen Morgenrock und öffnete ein Fenster. Die kühle Nachtluft trocknete den Schweiß auf seinem Körper und sein Atem wurde ruhiger. Er fragte sich, ob ihn die Hexe mit einem Fluch belegt hatte, doch er konnte keinen Grund dafür finden.
Tief in seinem Inneren wusste er bereits, das sie die Wahrheit gesprochen hatte, und er sich in seinen Träumen an ein vergangenes Leben, erinnert hatte.
Er konnte noch immer die Intensität, dieser überwältigenden Liebe fühlen und ihm war bewusst, er wollte wieder so fühlen, so lieben. Er wollte diese eine Frau wiederhaben, für die er so empfunden hatte. Die Hexe hatte ihm gesagt, wenn er das wollte, so würde sie ihm den Weg dazu zeigen.
Am Horizont sah er die Sonne aufgehen.
Er schloss das Fenster und schlüpfte in seine Kleider vom Vortag. Im Stall ließ er sich ein Pferd satteln und ritt in scharfem Galopp den langen Weg zum Dorf hinunter.
An der Schenke angekommen, sah er eine Gruppe von Leuten, in deren Mitte der Pastor stand. Sie diskutierten aufgeregt. Dorian trat zu ihnen und der Pastor richtete das Wort an ihn. »Ah, gut dass ihr hier seid junger Herr, wir haben vor, eine Hexe der Gerichtsbarkeit auszuliefern«.
Dorian erschrak bei seinen Worten, doch er ließ sich nichts anmerken und lächelte den Pastor freundlich an.
»Eine Hexe sagt ihr Hochwürden, wer glaubt denn an so etwas.« Das Gesicht des Pastors war ernst. »Leider ja, es gibt sie und meine Aufgabe ist es harmlose Menschen vor Kreaturen der Dunkelheit zu bewahren.«
Dorian hob beschwichtigend die Hände. »Hexerei ist eine schwerwiegende Anschuldigung, das muss sorgfältig geprüft werden. Wo ist denn diese vermeintliche Hexe?«
»Sie hat sich hier in der Schänke eingenistet«, antwortete der Geistliche.
»Nun dann werde ich sie mitnehmen auf Gut Hohenberg, während ihr nach Beweisen für ihre Schuld sucht.« Dorian lächelte überheblich. Seinem Vater stand als Gutsherr die oberste Gerichtsbarkeit im Dorf zu.
Der Pastor zeigte sich wenig erfreut über die Aussicht, die Hexe nicht selbst in Gewahrsam nehmen zu können und sie, wie er vorgehabt hatte, in den feuchten Kerker bei den Gewölben unter seiner Kirche zu werfen, der noch aus der Zeit der Inquisition stammte. »Das ist zu gefährlich junger Herr«, wandte er schwach ein.
Dorians Lächeln wurde breiter. »Aber nicht doch. Es gibt gewiss ein paar kräftige Burschen hier im Dorf, die mich und die Gefangene begleiten werden, auf meinem Weg zum Gutshof.«
Der Pastor verbeugte sich knapp mit sichtlicher Verärgerung.
Gemeinsam betraten sie das Hinterzimmer der Schenke, wo die Frau sie ruhig erwartete. Der Pastor wollte sie grob von ihrem Stuhl zerren, doch Dorian wehrte ihn ab und sah ihn warnend an. »Wir behandeln sie zuvorkommend, bis wir Beweise für ihre Schuld haben«, sagte er kühl zu dem Geistlichen. Sanft nahm er ihren Arm und sie folgte ihm zu der wartenden Kutsche vor der Schenke. Er war ihr beim Einsteigen behilflich und setzte sich ihr gegenüber in den Wagen. Die zwei kräftigen jungen Burschen aus dem Dorf verwies er, auf dem Kutschbock Platz zu nehmen.
Dorian klopfte gegen die Tür der Kutsche und gab dem Fahrer das Signal loszufahren. Der Pastor blieb mit wütender Miene zurück und Dorian winkte ihm grinsend zu.
Als sie aus dem Dorf heraus fuhren, sah er die Frau mit ernstem Gesicht an. »Ich habe dich gerettet, das ist dir doch bewusst, nicht wahr?«
Die Frau lächelte ihm überlegen zu. »Ja, warum wohl, habt ihr das getan?« Ihre Stimme troff vor Sarkasmus.
»Das weißt du bereits«, gab er knapp zurück.
Sie lehnte sich entspannt in die weichen Polster der Kutsche. »Ich will einen Beutel Gold und das schnellste Pferd, das ihr im Stall habt«, merkte sie an.
»Und eure Freiheit, wie ich annehme«, ergänzte Dorian lächelnd.
Sie erwiderte sein Lächeln und nickte. »Und meine Freiheit.«
Dorian sah aus dem Fenster auf die Landschaft, die an ihnen vorüberzog.
»Du hast dich erinnert, nicht wahr«, fragte sie ihn mit leiser Stimme.
Er nickte, ohne sie anzusehen.
»Ich kann die Liebe und den Schmerz in deinen Augen sehen. Ich nehme an, du willst sie wiederhaben?«
Dorian wendete ihr sein Gesicht zu und sah sie an. »Du hast gesagt, es gibt einen Weg.«
»Den gibt es. Doch ich sagte auch, dass es ein bitterer Weg ist, ohne Wiederkehr.«
»Muss ich dafür sterben, um sie in einer anderen Welt wiederzusehen?« Er sah sie fragend an.
Die Hexe genoss die Überlegenheit ihres Wissens offensichtlich. »In gewisser Weise wirst du sterben, doch du wirst sie in dieser Welt wiedersehen.«
Dorian wurde nicht schlau aus ihren Worten. »Das verstehe ich nicht«, antwortete er ihr.
»Ich werde es dir erklären, nachdem ich mein Gold und das Pferd habe.«
Dorian waren Gold und Pferde gleichgültig, er besaß genug von Beiden.
Er zügelte seine Ungeduld und sah wieder aus dem Fenster. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.
Als sie beim Gutshof ankamen, lud Dorian die Burschen und den Kutscher ein, sich in der Gesindeküche verköstigen zu lassen, und sie stimmten erfreut zu.
Er stellte mit Erleichterung fest, dass sein Vater auf die Jagd gegangen war. So konnte er, ohne lästige Fragen beantworten zu müssen, die Hexe in seine Räumlichkeiten bringen. Er schickte eine Magd um Essen und Getränke.
Die Frau setzte sich, trank einen Becher Wein auf einen Zug und knabberte an dem kalten Wildbret. Dorian holte aus einem Sekretär einen Beutel mit Goldmünzen und gab ihn ihr.
Sie wischte sich die fettigen Hände an ihrem Rock ab, warf einen Blick in den Beutel und sah ihn mit zufriedenem Lächeln an.
Dorian klingelte nach einem Diener und trug ihm auf, ein Pferd satteln zu lassen. Dann lehnte er sich bequem in einen gepolsterten Stuhl.
Die Frau hatte ihn nicht aus den Augen gelassen.
»Du bist dran, ich habe meinen Teil erfüllt. Erzähle mir nun, was ich wissen muss.«
Die Hexe stand auf schritt zum Fenster, sah kurz hinaus und wandte sich dann zu ihm um. »Einiges hast du schon herausgefunden. Ihr habt euch geliebt und du bist für sie gestorben. Die Wächter des Schicksals waren gegen eure Verbindung. Doch die Götter wollten, dass ihr eine zweite Chance bekommt, darum wurdest du wiedergeboren.« Sie hielt kurz inne, schenkte sich Wein ein und trank einen Schluck.
»Heißt das, dass auch sie wiedergeboren wurde?« Dorian sah sie gespannt an.
Sie lächelte und stellte ihren Becher ab. »Nicht ganz. Sie ist noch nicht wieder auf dieser Welt. Die Wächter wollten euch endgültig entzweien, und haben eine Zeitverzögerung eingefügt, um eure erneute Zusammenkunft zu verhindern.«
Verblüfft sah Dorian sie an. »Wie soll ich sie dann wiederbekommen? Wie lange wird es dauern, bis sie wiedergeboren wird?«
Sie sah ihn ernst an. »Ein paar Jahrzehnte, ein paar Jahrhunderte, wer weiß das schon.«
Dorian lehnte sich zurück. Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann bin ich längst tot«, sagte er hoffnungslos.
»Es gibt einen Weg, wie ich schon sagte, doch du musst dir darüber klar sein, ob du ihn wirklich gehen willst.« Ernst sah sie ihn an.
»Erkläre mir wie, dann kann ich entscheiden, ob es mir das wert ist«, flüsterte er mit einem schiefen Lächeln.
»Du wirst zu einem Wesen der Nacht werden, zu einem Vampir, der sich vom Blut seiner Mitmenschen ernährt.«
Er sah sie fassungslos an.
»Du wirst so lange leben, solange du Menschenblut trinkst. Das einzige das dich töten kann, wird ein hölzerner Pfahl sein, den man dir ins Herz stößt.«
Dorian starrte sie mit offenem Mund an. Schließlich schluckte er und fragte: »Wie soll ich zu einem solchen Wesen werden?«
»Du wirst ein Elixier trinken. Dann wirst du sterben müssen. Denn dein menschlicher Tod ist die Voraussetzung dafür, dass du zu einem Vampir wirst.«
Dorian lehnte sich zurück und blickte in die Ferne. Er wusste nicht, was er ihr sagen sollte, seine Gedanken wirbelten in seinem Kopf.
Die Hexe beobachtete ihn. Schließlich kramte sie aus dem kleinen Beutel, der an ihrem Gürtel hing, eine Phiole hervor. Sie trat vor ihn und lächelte wissend. »Hier, für dich, das Elixier. Wähle mit Bedacht. Ich muss gehen, bevor die Schergen des Klerus einen Grund finden, mich doch noch in den Kerker zu werfen.«
Er wollte nicht, dass sie ging, denn in ihm brannten so viele Fragen.
Dorian ergriff ihre Hand mit dem Elixier und hielt sie fest. »Wo kann ich dich finden, wenn ich Fragen habe?«
Sie zuckte die Achseln, ließ die Phiole in seine Hand gleiten und befreite sich aus seinem Griff. »Antworten auf deine Fragen, werden dir deine Entscheidung nicht abnehmen.«
Sie nahm den Beutel mit dem Gold und befestigte ihn am Gürtel. Dann nickte sie zum Abschied und verließ ihn. Er saß lange da und starrte wie betäubt auf die kleine Phiole in seiner Hand.
Das Gelände war großräumig abgesperrt worden, nachdem hier am Harzhorn Funde einer römisch-germanischen Schlacht aus dem 3. Jahrhundert nach Christus aufgetaucht waren. Seit zwei Jahren wimmelte es von zahlreichen Sondengängern und Archäologen, die sich abmühten, dem Boden die Geheimnisse längst vergangener Zeiten zu entlocken.
Severin Bergmann war als Professor für antike Schlachten der Ausgrabungsleiter der Uni Berlin auf diesem Areal. Er hatte ein Dutzend eifrige Helfer, die alle Funde kartografierten und erfassten. Akribisch versuchten sie, die antike Schlacht zu rekonstruieren, für die es keine schriftlichen Belege gab.
Es war ein sonniger Aprilmorgen und sie waren schon seit ein paar Stunden an der Arbeit. Vertieft in seine Aufzeichnungen, saß Severin an seinem kleinen Klapptisch als aus dem Wäldchen hinter dem Feld aufgeregt rufend, eine Gruppe seiner Leute herbeieilte. Robert Sachs, ein Kollege und guter Freund lief auf ihn zu.
»Severin, das musst du dir ansehen! Wir sind auf ein Grab oder eine Grotte, oder was auch immer für Überreste eines verschütteten Gebäudes gestoßen.«
Er zog ihn am Ärmel seiner Jacke mit sich und sie liefen zu dem Fundort zurück, an dem schon eine kleine Gruppe von Kollegen auf sie wartete. Robert deutete auf einen Haufen Steine, die aus dem Erdreich ragten, inmitten einer Baumgruppe.
Severin ging in die Hocke und kratzte vorsichtig mit den Fingern die Erde von den Steinen.
Es hatte in den letzten Tagen geregnet und anscheinend hatte das Wasser die Steine freigeschwemmt. Bei näherer Betrachtung erkannte Severin, dass es sich dabei um die Überreste eines Gemäuers handeln musste, da die Steine schwach als kleine Quader erkennbar waren. Susanne Fuchs, eine Kollegin, kam angelaufen mit einer Schaufel in der Hand.
Severin nahm sie ihr ab und grub behutsam Zentimeter um den Steinhaufen herum die Erde auf. Er legte weitere Steinquader frei und einige seiner Leute, hatten sich Werkzeug besorgt und taten es ihm gleich.
Innerhalb der Baumgruppe legten sie mehrere Zentimeter hoher steinerner Überreste frei, die kreisförmig angeordnet waren. Severin befürchtete schon, dass es sich um einen simplen Brunnen handeln würde, doch der Kreis wurde immer größer.
Was war das bloß?
Mit zäher Verbissenheit arbeiteten sie sich weiter vor. Am späten Nachmittag hatten sie Teile der Steinmauer einen Meter tief ausgegraben und stießen auf Steinstufen. Als sie begannen sie freizulegen, machten sie den ersten Kleinfund.
Es handelte sich um einen dicken goldenen Armreif, was sie erkannten als sie den Dreck von ihm gewaschen hatten.
Es wurde langsam dunkel. Sie sicherten die Fundstelle, die während des Tages von allen Anwesenden ungläubig bestaunt worden war, mit Absperrbändern und gingen auf das Feld zurück.
Dort hatten sie ein Lager mit Zelten und Schlafsäcken errichtet, sodass sie sich den Weg zum Hotel in das 15 km entfernte Ebershalde, sparen konnten.
Severin putzte und spülte weiter an dem goldenen Armreif, den sie gefunden hatten. Er hatte Gravuren entdeckt und brannte nun darauf sie völlig freizulegen, um sie zu entschlüsseln.
Als es so weit war, stutzte er. Er nahm an, der Goldreif würde von einem hochgestellten Germanen stammen und vermutete in den steinernen Überresten, die sie gefunden hatten, ein unterirdisches Grab.
Doch die Symbole auf dem Armreif, waren nicht die verschlungenen Knoten der germanischen Kultur.
Es waren Schlangen darauf, Sonne und Mond und seltsame Zeichen, die an ein Y des Alphabets erinnerten. Im inneren des Reifens waren Schriftzeichen einer Keilschrift eingraviert, die sich von germanischen Runen völlig unterschieden.
Er hielt den Goldreif nun für ein ägyptisches Artefakt und hatte keine Erklärung dafür, wie es hierher kam. Vielleicht handelte es sich dabei um das Beutestück eines Römers, der ihn aus Ägypten mitgebracht hatte.
Robert und Susanne gesellten sich zu ihm.
»Hast du eine Ahnung, was die Gravuren bedeuten?«, fragte Robert ihn.
Severin zuckte die Achseln. »Es ergibt keinen Sinn. Der Armreif scheint weder römisch noch germanisch zu sein. Ich tippe darauf, dass er aus Ägypten stammt.«
Susanne sah ihn überrascht an. »Ägypten? Was sucht er dann hier?«
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Severin. Nachdenklich betrachteten sie das Schmuckstück.
»Zeit, schlafen zu gehen. Wir werden morgen sein Geheimnis lüften«, sagte Robert schließlich und gähnte.
Severin wickelte den Armreif in ein weiches Tuch und verstaute ihn in einer kleinen Holzkiste. Sie wünschten einander eine gute Nacht und gingen in ihre Zelte.
In seinen Schlafsack gerollt, lag Severin noch eine Weile wach und dachte an den eigenartigen Fund dieses Tages.
Ein steinernes Grab, ja eine Gruft und ein Armreif, der offenbar aus Ägypten stammte?
Die Germanen hatten ihre Toten in Hügelgräbern bestattet.
Es konnte sich nur um das Grab eines Römers handeln. Doch so weit von Rom entfernt?
Severin kam zu keiner befriedigenden Erklärung. Schließlich rollte er sich zur Seite und schlief ein.
Am nächsten Morgen war er früh auf den Beinen. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich und war gespannt darauf, welche Geheimnisse, die steinerne Gruft noch lüften würde.
Seine Kollegen erwachten gerade, als er schon mit Werkzeug bepackt auf dem Weg zu dem Grab war.
Behutsam grub er Stufe um Stufe aus. Die anderen gesellten sich zu ihm und gemeinsam legten sie mit schweißtreibender Plackerei große Teile des unterirdischen Bauwerkes frei.
Es führte viel tiefer in die Erde, als er angenommen hatte. Am Ende der letzten Stufe stießen sie auf eine Tür aus Stein. Zumindest nahmen sie an, dass es eine Tür war, denn ein Schloss, oder einen Riegel konnten sie darauf nicht entdecken.
Nun machten sie sich daran diese vom Erdreich zu befreien, unter dem sie jahrhundertelang verborgen war.
Nachdem der gröbste Dreck entfernt war, wurden seltsame Symbole an dem Steintor sichtbar. Sie waren jenen des goldenen Armreifes ähnlich, den sie am Tag zuvor gefunden hatten.
»Was ist das denn?«, fragte Susanne erstaunt und deutete auf die Symbole an der Tür.
Ein junger Mitarbeiter, namens Klaus kam näher ran und betrachtete die Zeichen an der Tür interessiert. »Ich habe letztes Jahr einen Lehrgang für altsumerische Keilschrift, bei Professor Frederik Ahrens belegt. Die Schriftzeichen sahen denen da sehr ähnlich.«
Severin und die anderen sahen ihn erstaunt an. »Sumerisch? Bist du sicher? Was macht ein sumerisches Grab hier mitten in Niedersachsen?«, fragte Robert ungläubig.
Severin musterte das Tor skeptisch. Dann kramte er sein Handy aus der Hosentasche.
»Wen rufst du an?«, fragte Susanne verwundert.
»Wir brauchen Unterstützung. Ich rufe einen Freund von der Uni Berlin an, der ein Experte für die Kultur des alten Sumer ist.«
Schon meldete sich am anderen Ende Jemand und Severin erzählte in groben Zügen von ihrem merkwürdigen Fund. Das Gespräch währte nur kurz und Severin legte mit einem Lächeln auf. »Tobias kommt zu uns. Schon morgen wird er hier sein.«
»Wer ist Tobias?«, fragte Susanne genervt. Ihr gefiel es gar nicht, dass ein Fremder sich eventuell die Lorbeeren verdienen würde, die ihnen gebührten.
Severin lächelte sie beschwichtigend an. »Tobias ist ein netter Kerl und hat ein Menge Ahnung von alten Kulturen«.
Zu Klaus gewandt, fuhr er fort: »Er ist übrigens ein guter Freund von Professor Ahrens«. Der schnitt eine Grimasse.
Jeder von ihnen wusste dass Frederik Ahrens, ein komischer Kauz war, der seine Besessenheit für die sumerische Götterwelt voll auslebte.
»Keiner fasst hier was an, wir warten auf Tobias«, rief Severin und ging zum Lager zurück. Murrend folgten ihm die anderen.
Tobias war erfreut, als ihn sein alter Freund Severin anrief.
Als er ihm von dem außergewöhnlichen Fund am Harzhorn berichtete, war Mona bei ihm, mit der er seit ein paar Monaten zusammen war. Neugierig fragte sie ihn sofort über das Gespräch aus.
Mona war wie er an der Uni Berlin beschäftigt. Sie arbeiteten an der Erforschung antiker Kulturen.
Während er dank seiner Freundschaft zu Frederik Ahrens schon an Ausgrabungen im Irak, dem ehemaligen Sumer teilnehmen durfte, war Mona bisher an keiner Ausgrabungsstätte gewesen.
Sofort fing sie an, Tobias zu überreden, ihn zum Harzhorn begleiten zu dürfen.
Ihre Beziehung war noch ziemlich frisch und er war sehr verliebt in sie, sodass er ihr kaum etwas abschlagen konnte.
Er konnte sein Glück noch gar nicht recht fassen, dass gerade die begehrte Mona mit ihren dunklen Mandelaugen und dem schwarzen Pagenkopf, ihn unter all den Männern, die sie anhimmelten, zum Freund gewählt hatte.
Er war zwar nicht hässlich, doch eher ein Durchschnittstyp, mittelgroß schlaksig, mit einer zu langen Nase unter den braunen Augen, mit der Brille davor, die ihm ein so biederes Aussehen gab, trotz der wilden rotbraunen Locken auf seinem Kopf.
Natürlich überredete sie ihn, sie mitzunehmen.
Ein kleiner Koffer war schnell gepackt und sie zwängten sich in Monas Ford Fiesta, da sie Tobias klapprigem Jeep nicht zutraute, die dreieinhalbstündige Fahrt zum Harzhorn, problemlos zurückzulegen.
Ein wenig steif kamen sie bei der Ausgrabungsstätte an.
Severin begrüßte Tobias mit einer Umarmung, sie hatten sich lange nicht gesehen. Wenn er darüber verwundert war, dass Tobias in Begleitung erschienen war, so ließ er sich das nicht anmerken.
Nachdem sie eine Cola getrunken und ein wenig Small Talk gemacht hatten, brachte Severin Tobias zu der Gruft. Dass Mona sich ihnen ungefragt anschloss, gefiel Severin nicht, doch er sagte nichts.
Die Leute der Gruppe, die das Steingrab entdeckt hatten, begrüßten ihn und Mona nur verhalten. Sie schlossen sich ihnen ebenfalls ungefragt an, und so marschierten sie alle gemeinsam zu dem Fundort.
Tobias betrachtete die Steinquader des Gemäuers und der Stufen. Dann ging er zu dem steinernen Tor und berührte es mit den Fingern. Mona war fasziniert und verschlang jedes Detail mit ihren Augen.
Tobias bat um einen Pinsel mit dem er über die Zeichen strich. Einige der Symbole waren verwittert und kaum noch sichtbar. Das Tor musste uralt sein.
»Es sind eindeutig Symbole aus der altsumerischen Zeit, ca. 2000 vor Christus«, murmelte Tobias, während er konzentriert das Tor untersuchte.
»Genauer gesagt, handelt es sich um Schriftzeichen und Symbole aus der vor-babylonischen Zeit«, ließ sich eine schrille Stimme hinter ihnen vernehmen. Sie fuhren herum und da stand er. Das Genie der antiken Kulturen, der verrückte Professor, Frederik Ahrens.
»Was machen sie denn hier«, entfuhr es Severin.
Der kleine dünne Professor mit dem spärlichen Haupthaar und dem Frettchengesicht, lächelte pikiert und nestelte an seiner Brille.
»Ich dachte, ich hole den besten Experten, als irgendeinen Experten«, meinte Klaus sarkastisch aus dem Hintergrund.
