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Keine Gnade, kein Mitgefühl, nur Macht und Gehorsam- Sie sind in der Hölle Diesmal führt es den Vampir Dorian und seine Gefährten an einen absolut dunklen Ort. Ein böser Hexer und eine geheimnisvolle Bruderschaft bringen sie dazu die Vorwelt aufzusuchen. Auf der Suche nach seiner einzig wahren Liebe, durchquert Dorian die 7 Höllen und tritt den finstersten Dämonen gegenüber. Doch auch seine Freunde, Menschen wie Vampire folgen ihm aus unterschiedlichen Gründen und begegnen in dieser fantastischen Welt ihren eigenen Abgründen. Währenddessen treffen die Götter eine Entscheidung, die für alle Welten die Apokalypse bedeuten kann.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Götterfunken- Sieben Höllen
Roman
Sabine Claudia
Sabine Claudia
Erstausgabe 2019
als Orange Cursor-eBook
Alle Rechte bei Verlag/Verleger
Copyright © 2021
by Verlag/Verleger
PLZ Autorenort
Autorenstraße
www.autorenseite.eu
Die Rückkehr
Die Reise
Die Verfolger
Vorwelt, Heim der Hexen
Rumänien, Kloster Varg
Die Erscheinung
Das Ritual
Eleonoras Mission
Gefangen
Arban Krul
In der Falle
Gezähmt
Götterwelt, Entscheidungen
Im Reich der Parth
Ausgestoßen
Loredanas Rache
Menschen in der Hölle
Kurnugia, Ereshkigals Reich
Im Reich der Xul
Der Fluss der bitteren Tränen
Götterwelt, Der Götterrat
Der dunkle Shargaz
Der Auftrag
Am Anfang war die Dunkelheit
Glossar
Über die Autorin
Impressum
Er kreischte, schrie und heulte.
Die Flammen, die der Dolch verursacht hatte, brannten auf ihm und in ihm. Er fiel in bodenlose Tiefen, während sein Körper immer wieder gegen felsiges Gestein prallte, was ihm zusätzliche Schmerzen bereitete. Pechschwarze Finsternis war rund um ihn. Er spürte wie die Energie, die ihn mit der Menschenwelt verband, schwächer wurde, bis die Bande völlig zerrissen.
Endlich schlug er hart auf steinigem Boden auf. Er überschlug sich einige Male, bis er schließlich endgültig zum liegen kam. Er hustete in der staubigen Hitze, die ihn umgab. Er fühlte sich zu elend die Augen zu öffnen. Er wusste auch so, dass er angekommen war, wo er hingehörte.
Er war in der Vorwelt, der Hölle. Er war zu Hause.
Diese Hölle hatte nichts zu tun, mit der christlichen Vorstellung der Hölle, mit dem Teufel oder dem Fegefeuer. Das waren armselige Synonyme für die Vorwelt. Sie war weitaus älter und schrecklicher.
Schritte wurden hörbar. Jemand kam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.
Als er sich weder rührte, noch die Augen öffnete, stieß ihn die Spitze eines Stiefels unsanft in die Seite. Blinzelnd öffnete er einen Spalt breit seine Augen.
Vor ihm stand eine Frau von dämonischer Schönheit. Sie hatte blondes langes Haar, ein feines ebenmäßiges Gesicht und jettschwarze funkelnde Augen. Trotz der schwarzen Kutte, die sie trug, war ihre schlanke, stählerne Figur erkennbar.
Er schloss entmutigt wieder seine Augen, als er sie erkannte. Loredana Xul.
Die Xul waren Dämonenfürsten. Sie herrschten über diesen Teil der Vorwelt. Loredanas Bruder, Corbinian, war der regierende Fürst.
Die Dämonen-Familie der Yaks, zu der auch er gehörte, waren den Xul absoluten Gehorsam schuldig. Er war abtrünnig geworden und hatte von Machthunger getrieben, mit einem rangniedrigeren Angehörigen seiner Familie, einen Weg in die Menschenwelt gefunden.
Er wusste, er würde hart dafür bestraft werden.
»Steh auf!«, fuhr ihn Loredana Xul herrisch an und stieß ihn wieder grob mit ihrem Fuß in die Seite.
Er rollte sich mit einem Klagelaut zusammen. »Töte mich gleich hier, mach mich zu einem machtlosen Geist! Wozu soll ich noch aufstehen!«, keuchte er resigniert.
Loredana schnaubte verächtlich. »Du bist erbärmlich Dheros! Wenn es nach mir ginge, würde ich dich auf der Stelle vernichten. Doch mein Bruder, dein Fürst will dich sehen. Gehorche!«, zischte sie wütend und holte noch einmal mit ihrem Fuß aus.
Er beeilte sich, auf die Beine zu kommen, bevor ihn noch ein Fußtritt traf.
Als er schwankend aufrecht stand, wandte sie sich abrupt um und stapfte mit festen schnellen Schritten los. Er bemühte sich, nicht hinter ihr zurückzubleiben. Er wusste, er würde es bereuen, wenn er ihren Zorn erregte.
Dheros fügte sich in sein Schicksal. Was immer Corbinian für ihn beschlossen hatte, es gab kein Entrinnen. Hier gab es keine Gnade, keine Nachsicht, kein Mitgefühl, nur Macht und Gehorsam. Sie waren in der Hölle …
Corbinian sass auf dem mächtigen schwarzen Thron. Seine Augen glühten wie Kohlen. Er trank ein Gebräu aus einem wuchtigen Becher, das bei jedem Schluck rauchte und zischte. Hinter ihm brannte ein riesiges Feuer, und ein gesichtsloses Geschöpf in einer schwarzen Kutte legte massige Holzscheite nach.
Corbinian hörte die lauten Schritte seiner Schwester, bevor sie mit Schwung den Raum betrat. Ihr folgte der furchtsam hinterherhaspelnde Yak.
Ein Lächeln der Genugtuung und Vorfreude umspielte die Lippen des Dämonenfürsten, als Loredana hinter sich griff, Dheros am Genick packte und zu Boden stieß, sodass er auf den Knien lag vor seinem Herrscher.
»Hier bringe ich dir diesen Abschaum, Bruder, der es gewagt hat sich dir zu widersetzen.«
Dheros atmete ängstlich und wagte nicht seinen Blick zu heben, als Corbinian sich langsam erhob und um den Knienden herum schritt. »So sieht also ein Wurm aus. Ein Wurm, der glaubte, er könnte ein Herrscher sein. Sag dummer Yak, was hast du dir nur dabei gedacht?«
Corbinians Stimme klang fast sanft, doch Dheros ließ sich nicht täuschen. Er wusste, wie gefährlich es war, sich seinem Herrn zu widersetzen und dass auf diesen Verrat der Tod stand.
Dennoch winselte er los. »Gnade, mein Gebieter. Ja, es war grenzenlos dumm von mir, dass ich versucht habe diese Welt zu verlassen, doch ich bereue diesen Fehler zutiefst.«
Corbinian ließ ein schnaubendes kurzes Lachen hören. »Deine Reue kommt etwas spät. Hätten die Menschen dich nicht zurückgejagt, so würdest du jetzt bereits Siegesgeheul hören lassen, wenn du deine Herrschaft errichtet hättest in ihrer Welt.«
»Es waren nicht nur Menschen, die mich vertrieben haben. Sie hatten Unterstützung durch einen Shargaz (Vollstrecker) der goldenen Göttin, der mich zurückschickte.«
Der Dämonenfürst runzelte verwundert seine Stirn. »Die goldene Göttin hat einen Shargaz gesandt, um dich unschädlich zu machen?«
Der Yak nickte eifrig mit gesenktem Kopf. »Ein Shargaz stand den Menschen zur Seite und Vampire haben ihnen geholfen. Besonders ein Vampir. Er war ständig an der Seite des Shargaz.«
Nun war Corbinian wirklich verblüfft. Er wechselte einen fragenden Blick mit Loredana, die zuckte jedoch nur mit den Schultern, als Zeichen ihrer Unwissenheit.
Corbinian kehrte langsam zu seinem Thron zurück, ließ sich nachdenklich darauf nieder und nahm einen Schluck seines zischenden Getränkes. Dheros wagte kaum, zu atmen, und wartete in nervöser Anspannung ab, was nun geschehen würde.
»Berichte mir Alles. Von deiner Flucht angefangen bis zu deiner Rückkehr hierher.«
Der Yak schöpfte ein wenig Hoffnung, schluckte und erzählte alle Einzelheiten. Wie er geflohen war aus der Vorwelt. Wie er sein Unwesen trieb in der Welt der Menschen, in der Zeit eine Rolle spielte, und seine Untaten 4000 Menschenjahre zurücklagen. Von den Magiern, die ihn dort schließlich gefangen hatten und in ein fernes Land brachten, eine öde Wildnis, in der sie ein magisches Grab aus Stein errichteten und ihn mit den Worten der Macht bannten. Den Worten des goldenen Tempels von Uruk.
Er verschwieg, wie langweilig die Gefangenschaft in dem engen Grabmal gewesen war, nur in Gesellschaft dieses Tölpels, des anderen Yak, der weit unter ihm stand im Gefüge ihrer Familie. Er wusste, das würde Corbinian nicht interessieren und nur seinen Zorn erregen.
Er berichtete davon, wie ein Mensch nach vielen tausend Jahren das Grab, in dem er gefangen war, geöffnet hatte und er daraus entkam. Fast wäre er tatsächlich frei gewesen, doch bevor das geschehen konnte, kam der Shargaz, der goldenen Göttin und er landete wieder hier in der Hölle.
Als er seine Geschichte beendet hatte, breitete sich Stille aus, in der nur das Prasseln des Feuers zu hören war. Die Stille dauerte so lange an, dass er überlegte ob er es wagen konnte seinen Kopf zu heben und seinen Herrn anzuschauen. Fast wollte er es tun, als er Corbinians Stimme vernahm.
»Anscheinend ist heute dein Glückstag. Du darfst noch eine Weile dein armseliges Dasein fristen.«
Corbinian schnippte mit den Fingern und aus der Dunkelheit hinter ihm traten zwei gesichtslose Kreaturen in schwarzen Kutten, die Dheros ergriffen und auf die Beine stellten. Der Yak ließ den Kopf noch immer gesenkt und wagte nicht Corbinian anzuschauen. Schlaff vor Erleichterung hing er in den Armen seiner Bewacher und ließ sich widerstandslos wegschleifen.
Sie warfen ihn in ein steinernes Verlies und die schwere Eisentür fiel krachend hinter ihm zu. Er konnte hören, wie ein massiver Riegel vorgeschoben wurde. Kraftlos ließ er sich zu Boden sinken.
Er war seinem endgültigen Tod vorerst entgangen. Wieder war er ein Gefangener. Aber er lebte noch und das war ihm im Moment genug.
Corbinian grübelte über das nach, was der Yak erzählt hatte. »Sie schickt also einen Shargaz, für diesen Dummkopf. Und bitte seit wann gibt es wieder Vampire in der Menschenwelt? Und warum in drei Teufels Namen arbeiten die mit einer Gesandten des Lichts zusammen?«
Loredana zuckte wieder die Schultern. »Keine Ahnung? Sollte uns das interessieren? Warum tötest du diesen Idioten nicht?«
Corbinian schüttelte tadelnd den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Du bist zwar meine Schwester, aber Verstand wurde anscheinend nur mir zuteil.«
Sie presste verdrossen die Lippen aufeinander, erwiderte aber nichts.
»So ist es an mir nachzudenken und kluge Entscheidungen zu treffen, du hast nur zu gehorchen.« Corbinian sonnte sich gerne in seiner Eitelkeit.
»Hinter der Rückkehr des Yaks steckt mehr, das kann ich förmlich riechen. Offenbar blieben die Vampire ungeschoren, sonst hätten sie dem Shargaz nicht geholfen. Ich frag mich warum. Und warum sind ein Shargaz der goldenen Göttin und ein Vampir plötzlich Freunde? Nein, nein Schwester, glaub mir! Das stinkt gewaltig.«
»Ja, mag sein. Was kümmert es uns? Und warum lässt du Dheros am Leben? Er hat dir doch schon erzählt, was er weiß.«
Corbinian stand mit Schwung von seinem Thron auf und umkreiste seine Schwester. Sie fühlte sich nicht wohl dabei und warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
»Mich kümmert es, denn ich bin weise und klug.« Loredana verdrehte ihre Augen, wegen seiner Selbstherrlichkeit.
»Dheros lebt noch, weil ich ihn vielleicht noch gebrauchen kann.«
Er blieb vor ihr stehen und tippte ihr mit ausgestreckten Finger auf die Schulter.
»Du hast jedoch eine Aufgabe: Finde heraus, wer dieser Vampir ist, den der Shargaz bevorzugte. Mal sehen, ob die goldene Göttin ein Interesse an ihm hat. Das wäre ja geradezu ein Lichtvampir. Diese Bezeichnung gefällt mir – der Vampir des Lichts.«
Er lächelte selbstgefällig über seinen gelungenen Einfall, dem Vampir einen widersprüchlichen Titel verliehen zu haben.
Loredana verdrehte kopfschüttelnd hinter seinem Rücken die Augen.
Die Vampire verließen, den kleinen Ort am Harzhorn ohne Bedauern. Cordelia hatte befürchtet, Rüdiger wieder zu begegnen, doch sie erfuhr, dass er und Mona ebenfalls abgereist waren.
Sie war erleichtert, ihren Bruder Dorian noch anzutreffen, da sie unbedingt seine Unterstützung brauchte, um dem Ziel ihrer Sehnsüchte nahe zu kommen. Die Mönche in dem rumänischen Kloster, waren sehr bestimmt gewesen, was seine Anwesenheit betraf.
Sie fuhren mit dem Zug nach Frankfurt und bestiegen dort das Flugzeug nach Bukarest. Von Bukarest aus würden sie einen Wagen nehmen und zu dem kleinen Dorf unterhalb des Klosters fahren, wo Eleonora sie erwartete. Zu dritt wollten sie dann die Mönche aufsuchen.
Cordelia begann Dorian zu erzählen, was sie in Rumänien herausgefunden hatte.
»Das Kloster liegt sehr abgeschieden auf einem Berg und die Mönche dort sind seit Generationen damit beschäftigt, ein Weltentor zu hüten. Es kostete eine Menge guter Worte und Geldspenden, um überhaupt ansatzweise aus ihnen heraus zu bekommen, was sie wussten.« Cordelia verzog ihr Gesicht zu einer säuerlichen Miene.
»Gegen Gedankenmanipulation sind sie erstaunlicherweise immun, gegen die Macht der baren Münze zum Glück nicht«, fügte sie grinsend hinzu. »Jedenfalls haben sie uns schließlich anvertraut, dass es eine Möglichkeit gibt, das Weltentor zu öffnen. Hier kommst jedoch du, mein Bruder, ins Spiel. Ihre Bedingung war, dich zu ihnen zu bringen, sonst wollen sie uns nicht dabei behilflich sein, den Weg in die Vorwelt zu öffnen.«
Dorian hörte ihr nachdenklich zu und sah sie bei ihren letzten Worten misstrauisch an. »Warum bestehen sie darauf, dass ich zu ihnen komme? Woher wissen sie überhaupt von meiner Existenz?«
Cordelia zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, doch es schien ihnen außerordentlich wichtig zu sein.«
Dorian dachte nach. Was konnten Mönche in einem abgelegenen Kloster von ihm wollen? Ihm fiel keine schlüssige Erklärung darauf ein. Doch was hatte er schon großartig zu verlieren? Er war unsterblich, er war stärker als jeder Mensch und sie hatten einen Eingang zur Vorwelt, die angeblich in die Götterwelt führte. Sie wollten, dass er kam und er wollte zu ihnen, um in die Götterwelt zu gelangen.
Denn in der Götterwelt war sie. Inoa. Das Einzige wonach er sich schmerzlich sehnte, war ihre Nähe. Jeder Schlag seines Herzens schien ihren Namen zu rufen. Ihm war jedes Mittel recht, den Weg zu ihr zu finden.
Seine Gedanken schweiften zurück zu jenem Augenblick, in dem er sie wiedererkannt hatte, bevor er sie nach einem bittersüßen Kuss wieder verlor. Der Schmerz erzeugte einen unglaublichen Druck auf seiner Brust, sodass er mehrmals tief durchatmete, in der Hoffnung ihn so abschütteln zu können.
Cordelia warf ihm einen Blick zu und erkannte, was in ihm vorging. »Du wirst sie wiedersehen«, flüsterte sie tröstlich und drückte seine Hand. Leise fügte sie hinzu: »Und ich werde Siegbert wiedersehen.«
Sie verstand ihn so gut, weil auch sie ihre große Liebe, Siegbert, verloren hatte. Sie waren beide durch ein ähnliches Schicksal vereint, wobei Dorian sich eingestehen musste, dass er an ihrem Schicksal große Mitschuld trug.
Dorian war froh seine Schwester bei sich zu haben, denn niemand verstand seine Seelenqualen so gut wie sie. Nur sie hatte ihn gekannt, als er noch ein Mensch war, nicht ein übermächtiges unsterbliches Wesen, sondern einfach ihr geliebter großer Bruder, der sie verwöhnte und mit dem sie stets innig verbunden war.
Dorian lächelte ihr zu. »Wer hat dir erzählt, dass der Weg durch die Vorwelt in die Götterwelt führt?«
»Der Abt dieses Klosters, in das wir nun fahren.«
Ihre Anspannung war für Dorian fühlbar und er wusste, dass sie darauf brannte, endlich zu erreichen, was sie so unermüdlich versuchte.
Cordelias Augen waren voll Zuversicht. Sie war diesmal sicher den Weg, in die Vorwelt zu finden, um wieder mit Siegbert vereint zu sein, der dort so lange schon gefangen war.
Dorian fürchtete jedoch insgeheim, dass sie ihr Ziel nicht erreichen würde. Siegbert befasste sich zwar mit Hexerei, doch er war kein unsterbliches Wesen, sondern ein Mensch, als er vor über 200 Jahren in der Vorwelt verschwand. Rein physiologisch musste er längst tot sein.
Der Zug ratterte dahin und sie dösten ein wenig ein, in dem einlullenden Gerüttel. Die Zeit verging schnell und ehe sie sich versahen, waren sie in Frankfurt angekommen. Dort nahmen sie ein Taxi zum Flughafen.
Sie checkten ein und während sie auf das Boarding warteten, stillten sie ihren Blutdurst an einigen ahnungslosen Reisenden. Sie verhielten sich dabei unauffällig, brachten keines ihrer Opfer um, sondern tranken in Maßen von ihnen. Danach manipulierten sie ihre Erinnerung, sodass sie nichts mehr davon wussten.
Frisch gestärkt sassen die Geschwister schließlich angeschnallt auf ihrem Flug nach Bukarest und als das Flugzeug abhob, verspürte Dorian neugierige Vorfreude auf dieses abgeschiedene Kloster mit seinen ungewöhnlichen Mönchen.
In Bukarest nahmen sie sich einen Wagen und Cordelia drängte darauf, dass sie trotz der vorgerückten Stunde losfuhren. Es waren 2,5 Stunden bis zu dem Kloster und sie wollte es noch schaffen, am selben Tag dort anzukommen.
Sie konnte es nun kaum erwarten, endlich ihr Ziel zu erreichen. So viele Jahre hatte sie darauf gewartet, einen Weg zu ihrem geliebten Ehemann, Siegbert zu finden. Jetzt war die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zum Greifen nahe.
Auf der kurvigen Straße musste Dorian etwas Tempo zurücknehmen und sie erblickten, eine kleine Raststätte mit einer Tankstelle.
Dorian warf ihr einen fragenden Seitenblick zu, ob er anhalten sollte, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
Cordelia sah flüchtig zu der Tankstelle und ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, als sie meinte den Mann zu erkennen, der dort lässig an sein Auto gelehnt, eine Zigarette rauchte.
Rüdiger! Es musste Rüdiger gewesen sein, oder ihre überreizten Nerven spielten ihr einen Streich und sie sah ihn schon in wildfremden Menschen. Beide Möglichkeiten beunruhigten sie.
Wenn sie in Fremden Rüdiger zu sehen glaubte, so hieß es, dass er ihre Gedanken weit mehr beschäftigte, als ihr lieb war. Wenn er es wirklich gewesen war, umso schlimmer. Dann würde er keine Ruhe geben, bis er sie eingeholt und von ihrem Vorhaben abgebracht hatte.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Sitz herum.
»Bist du so nervös, wegen Siegbert oder wegen Rüdiger?« Dorians Stimme klang sarkastisch.
Cordelia schluckte und warf ihm einen ängstlichen Blick zu. »Hast du ihn gesehen? War er das eben an der Tankstelle?«
Dorian zuckte lässig die Schultern. »Schon möglich. Ich habe nicht so sehr darauf geachtet und mir ist es auch gleichgültig, ob er es war.«
Cordelia atmete tief ein und wieder aus. Sie hatte seinen tadelnden Unterton bemerkt, wollte jedoch nicht näher darauf eingehen. Sie wusste, dass Dorian ihr die Passion für Rüdiger, den er verabscheute, übel nahm.
Zudem hatte sie sich geschworen Rüdiger zu vergessen. Ihr Stolz verbot ihr jedoch, das ihrem Bruder mitzuteilen. Sie sah keinen Grund, sich zu rechtfertigen.
Rüdiger war übellauniger als je zuvor. Er hasste den stinkenden überfüllten Zug. Er hasste die übel riechenden verschwitzten Menschen, deren Blut nach Alkohol schmeckte und die ihn ungeniert anrempelten und anpöbelten.
Er tötete zwei der Reisenden, die ihn besonders geärgert hatten, indem er ihr Blut bis zum letzten Herzschlag aus ihren Adern saugte. Danach warf er sie aus dem fahrenden Zug.
Mona bat ihn eindringlich um mehr Gelassenheit, denn die Beamten, welche an jedem Bahnhof die Reisenden kontrollierten, stellten bohrende Fragen.
Er konnte sie nicht alle töten oder ihre Gedanken manipulieren und so biss er wütend die Zähne zusammen und beherrschte sich.
Bei jedem Halt stieg Mona aus und erkundigte sich an der Information, ob jemand Cordelia oder Eleonora gesehen hatte. Sie hielt Ausschau, nach Leuten, die ihre Hälse verhüllt trugen, doch sie entdeckte nichts dergleichen. Sie kehrte stets mit dem gleichen Ergebnis zurück: Die Beiden waren wie vom Erdboden verschluckt.
Schließlich kamen sie in Bukarest an. Der Lärm und die Menschenmassen, die in alle Richtungen hasteten, hoben Rüdigers Laune nicht im Geringsten. In einem kleinen schmuddeligen Cafe am Bahnhof überlegten sie, wie sie weiter vorgehen wollten.
»Wie viele Klöster gibt es hier im Umkreis? Wir klappern sie einfach alle ab. Wenn wir keine Spur von ihnen finden, dann überlegen wir weiter.«
Monas Plan war nicht schlecht, würde aber Zeit kosten.
Rüdiger war nicht für seine Geduld bekannt, doch ihm fiel auch nichts Besseres ein. Er nickte und Mona breitete eine Landkarte auf dem Tisch aus. Sie nahm einen Stift und begann die Klöster einzukringeln, die rund um die Stadt auf einem Berg lagen. Es waren drei.
»Besorg uns einen Wagen. Ich habe Mitreisende satt«, wies Rüdiger sie mürrisch an.
Mona machte sich auf den Weg, und kam mit einem klapprigen Lada zurück. Rüdiger schüttelte missbilligend den Kopf und quetschte seinen langen Körper in die Rostlaube. Mona fuhr und Rüdiger gab mit der Karte in der Hand die Richtung an.
Sie verließen die Stadt und fuhren auf schlechten Straßen voller riesiger Schlaglöcher, durch kleine Dörfer mit unaussprechlichen Namen. An einer Tankstelle im Nirgendwo, hielten sie an, um ihren Blutdurst zu stillen.
Mona saugte sich halb voll an dem dürren Tankwart, während Rüdiger sich angewidert, den Mund abwischte, nachdem er sich an einer dicken Reinmachefrau gelabt hatte.
Er lehnte sich an ihren alten Wagen und zündete sich eine Zigarette an, um den schalen Geschmack, der Frau aus seinem Mund zu kriegen. Er sah sich die Gegend an und empfand sie als karg und trostlos.
Motorengeräusche kündigten die Ankunft eines Wagens an und Rüdiger warf einen Blick zu Mona, die noch mit dem Tankwart beschäftigt war. Sie und ihr Opfer waren von der Straße aus nicht zu entdecken.
Er blickte zu dem heranfahrenden Auto, dass seine Geschwindigkeit nicht drosselte und keine Anstalten machte, an der Tankstelle zu halten.
Als das Fahrzeug vorbeibrauste, erhaschte er einen flüchtigen Blick auf die Insassen. Er erkannte in dem Fahrer, Dorian und in der Beifahrerin Cordelia. Verblüfft blieb ihm der Mund offen stehen.
Nach einer Schrecksekunde machte er die Zigarette schleunigst aus, warf sich auf den Fahrersitz ihres Wagens, startete und fuhr mit quietschenden Reifen zu Mona heran, die erschrocken von ihrem Opfer abließ. »Steig ein! Wir haben sie gefunden.« Er brüllte fast vor Aufregung und Mona sprang gerade noch in das Auto, bevor er losfuhr.
»Ich hab ihn nicht manipuliert alles zu vergessen«, schrie Mona alarmiert, als ihr klar wurde, das sie den Tankwart einfach so stehen gelassen hatte. Rüdiger zuckte nur die Schultern. »Wir sind im Land der Vampire. Hier ist es üblich, angezapft zu werden.«
Mona entspannte sich etwas und Rüdiger erklärte ihr mit ein paar Worten, dass er Cordelia und Dorian gesehen hatte. Dabei versuchte er mit Vollgas auf der steil ansteigenden Straße alles aus dem Lada rauszuholen, um das Auto der beiden einzuholen.
Es war zwecklos, er schaffte es nicht. Der andere Wagen war viel schneller als ihr Vehikel.
Als sie an eine Straßengabelung kamen, hielt Rüdiger an und sie durchforsteten die Karte. Mona zeigte auf die Spitze eines Berges. »Hier ist das Kloster Varg. Die Straße rechts den Berg hinauf, führt dorthin. Die linke Straße führt zurück ins Tal und dann weiter einen anderen Berg hinauf zu einem Marienkloster.« Sie sah Rüdiger fragend an.
Er überlegte. »Ich tippe darauf, dass sie zum Kloster Varg gefahren sind. Es liegt auf direktem Weg und sieht abgelegen aus.« Mona nickte.
Sie wandten sich um, als sie hörten, dass ein Fahrzeug sich näherte. Zu Monas Erschrecken war es die örtliche Polizei.
Rüdiger blieb gelassen, als die Beamten neben ihnen anhielten und sie mit einem Wortschwall unverständlichen Gebrabbels überschwemmten. Monas Blick wurde ängstlich, als sie ausstiegen und vom Rücksitz der Tankwart auftauchte, ein Tuch an seine blutende Halswunde gedrückt.
Rüdiger ballte die Fäuste und presste die Zähne zusammen, als die Beamten auf sie zukamen. Er würde mit ihnen kurzen Prozess machen und sie aussaugen. Als er die Lippen zu einer Grimasse verzerrte wurden seine spitzen Eckzähne sichtbar und der Tankwart verzog sich eiligst zurück in den Wagen. Die Polizisten fackelten nicht lange. Blitzschnell zogen sie ihre Pistolen, was Rüdiger ein verächtliches Lächeln entlockte.
Er macht sich zum Sprung bereit und die beiden feuerten, ohne Vorwarnung los. Holzgeschoße! Die Erkenntnis durchfuhr Rüdiger, als er zu Boden ging und die Munition schmerzhaft in seinen Körper eindrang. Mona versuchte, in Deckung zu gehen, doch auch sie trafen die Salven der Polizisten.
Sich krümmend lagen die beiden Vampire am Boden und die Beamten hatten leichtes Spiel sie mit Handschellen zu fesseln und in ihren Wagen zu verfrachten. Dort lagen sie wehrlos und stöhnend. Der Tankwart war ausgestiegen, er hatte noch immer zu viel Angst, und wollte nicht auf engem Raum mit den Vampiren sein.
Was für ein Scheiß-Land, dachte Rüdiger noch, bevor ihm die Sinne schwanden. Mona war bereits bewusstlos geworden.
Als Rüdiger erwachte, waren sie in einem fensterlosen Raum eingesperrt. Zum Glück hatte man ihnen die Handschellen nicht hinter dem Rücken angelegt, so hatte er etwas Bewegungsfreiheit.
Sofort ging er daran, die Kugeln mit den Fingern aus seinem Körper zu holen. Nach dieser schmerzhaften Prozedur wandte er sich Mona zu, die noch immer bewusstlos war und befreite auch sie von ihren Geschossen.
Sobald die Kugeln aus Monas Körper entfernt waren, wachte sie auf. Rüdiger klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. Dann setzte er sich auf die Pritsche und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Mona fand seine Gelassenheit aufreizend. Sie wollte hier raus. Rüdiger bemerkte ihre Unruhe und seufzte. »Du bist noch viel zu menschlich, Mona. Als Vampir hast du die ganze Ewigkeit vor dir. Es ist egal, wie viel Zeit du vergeudest. Wir warten auf die passende Gelegenheit, greifen sie an und entkommen. Sie können uns nicht dauerhaft festhalten.«
»Ach, jetzt kannst du plötzlich geduldig sein? Bisher warst stets du es der uns zur Eile antrieb«, brauste sie auf. Rüdiger zuckte die Achseln.
Es war kein Ort, an dem ein lebender Mensch sein wollte. Er war düster, feindlich und unheimlich.
Im Gegensatz zu der Meinung jener, die er zurückgelassen hatte, war er jedoch keineswegs unfreiwillig an diesem Ort.
Dennoch war er gefangen in dieser Welt unfähig, sie ohne Hilfe wieder zu verlassen.
Er wartete schon lange auf eine Gelegenheit, die Macht an sich zu reißen. Doch Zeit spielte hier keine Rolle.
Schon als Mensch war er machthungrig gewesen, auch wenn er diese Gelüste gut zu verbergen wusste, hinter seiner Maske scheinbar freundlicher Bescheidenheit.
O ja! Er hatte diese Rolle sehr gut gespielt!
Vor der Frau, die ihn liebte, die dachte, er würde sie anbeten, während sie ihn nur langweilte, vor ihrem gefühlsduseligen Bruder, der in seiner einfältigen Besessenheit für eine Geliebte aus einem früheren Leben, seine Menschlichkeit aufgegeben und zu einem Vampir geworden war.
Für sie alle war er der nette Landjunker gewesen, den sie in ihm sehen wollten.
Er hatte sie alle getäuscht. Niemand erkannte sein wahres Ich. Niemand wusste von seinem brennenden Ehrgeiz, von seinem unstillbaren Verlangen zu herrschen.
Von Kindheit an hatte er gelernt, seine Absichten zu verbergen. Er lernte zu schweigen, über die Dinge, die ihm schon in jungen Jahren von seiner Erzieherin beigebracht worden waren. Dunkle Dinge.
Er erlernte von klein auf magische Praktiken und er war talentiert. Die Frau, die ihn erzogen hatte, erzählte ihm die Wahrheit über seine Abstammung.
Er war der Nachkomme eines mächtigen Hexengeschlechts, das im Verborgenen seit Jahrhunderten ihre dunkle Magie ausübte.
Nur seine Eltern waren anders gewesen. Sie wollten wie normale Menschen leben und versuchten, jegliches Wissen über Zauberei von ihm fernzuhalten.
Sie ahnten nicht, dass die Erzieherin, die sie für ihren Sohn einstellten, ihrem Wunsch entgegenwirkte. Sie sorgte dafür, dass er sich bewusst wurde, welches Erbe er in sich trug.
Er war über diese Entwicklung nicht unglücklich. Eifrig beschäftigte er sich viele Jahre mit den geheimnisvollen Wissenschaften und versuchte, das Tor zu anderen Welten zu öffnen.
Längst wusste er aus alten Schriften, dass er für einen solchen Zauber Vampirblut benötigte. Doch ganz gleich wie viel er suchte und forschte, es gab keine Vampire.
Bis zu jenem glücklichen Tag, an dem in der eigenen Familie, sein Schwager zu einem wurde.
Heimlich zapfte er ihm Blut ab, um das Ritual zu vollbringen, das ihm ein Tor in eine andere Welt öffnen konnte.
Er gönnte sich seine persönliche Genugtuung, als er den arroganten Einfaltspinsel sogar daran teilnehmen ließ, um ihm die Schmach der Mitschuld, an seinem Verschwinden, aufzubürden.
Selbst jetzt musste er lächeln, bei dem Gedanken daran. Genüsslich stellte er sich das Entsetzen vor, dass er ausgelöst haben musste, als er einfach wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden war.
Als er sein Ziel erreichte und in die Vorwelt eingedrungen war, stand er vor einer weiteren Entscheidung. Als lebender Mensch war er nicht dazu ausersehen in der Hölle zu sein.
Der Meister aller Hexen, der ihn recht wohlwollend in Empfang nahm, bot ihm an, seine Seele dieser Welt zu verpfänden. Somit wurde er zu einem Geschöpf der Vorwelt, zu einem Dämon und konnte bleiben.
Ohne zu zögern, nahm er an. Er war nicht so weit gekommen, um jetzt zu scheitern.
Es war ihm nicht schlecht ergangen bei den Hexen. Sie waren neugierig und suchten seine Gesellschaft, wenn auch niemand verstehen konnte, warum er freiwillig in die Vorwelt, die Hölle gekommen war.
Er erklärte es mit seiner Wissbegierigkeit. Er wollte alles lernen, alles erfahren. Er hatte den Ehrgeiz der größte Hexer aller Zeiten zu werden.
Damit löste er Gelächter aus, bei dem Hexenmeister und allen anderen Hexen und Hexern.
»Wissen kannst du hier wohl finden. Lernen kannst du alles, was mit Magie zu tun hat. Doch wo willst du dieses Wissen anwenden? Hier? Magie verleiht dir Macht in der Menschenwelt. Alle Dinge, die du dort begehrst, kannst du mit Magie erreichen. Doch hier sind diese Dinge nicht von Bedeutung.«
Er hatte den Meister verblüfft angesehen. »Dann lerne ich alles und kehre wieder zurück.« Seine Worte lösten wieder schallendes Lachen bei allen Anwesenden aus.
Er sah den Meister fragend an. Der nickte mit spöttischem Lächeln. »Genau das kannst du nicht mehr. Du gehörst jetzt zur Vorwelt. Wer einmal hier ist, bleibt auch hier.«
Er hatte nicht geantwortet, nur still in sich hineingelächelt.
Hier bleiben, für immer? Das kam für ihn nicht in Frage. Er hatte vorgesorgt, indem er bei seinem Übertritt in die Vorwelt den erstbesten Gegenstand den er in dieser Welt erblickte durch das sich schließende Tor in die Menschenwelt warf: Es war ein Dolch. Dass es ein merengischer Dolch war, der Dämonen zu töten vermochte, ahnte er damals nicht.
Er wusste nur, dass er damit einen Platzhalter für seine Existenz in der Menschenwelt verankert hatte. Der Dolch würde ihm ermöglichen wieder in seine Welt zurückzukehren und dort von seiner Macht Gebrauch zu machen.
Doch erst einmal musste er ein mächtiger Hexer werden. Also machte er sich daran alles zu erlernen, zu erfahren, was es an magischem Wissen gab. Es gab eine ganze Menge.
Bei all seiner Gelehrsamkeit fehlte ihm jedoch eine Möglichkeit, das Erlernte praktisch anzuwenden.
Er wusste nun, wie er sich unendlichen Reichtum verschaffen konnte. Es stand in seiner Macht, Liebe für ihn zu erwecken in allen Geschöpfen. Er kannte den Zauber für ewige Jugend und Gesundheit.
Nichts von all dem brauchte er an dem Ort, an dem er sich befand.
Er alterte nicht, denn Zeit war nicht existent. Krankheiten gab es ebenso wenig. Reichtum ergab sich immer nur aus dem Gegenwert von Begehrlichkeiten. Aber er verspürte keine Begierde, etwas zu besitzen. Er hatte auch kein Verlangen nach Zuneigung oder Liebe.
