Götterfunken- sieben Höllen - Sabine Claudia - E-Book

Götterfunken- sieben Höllen E-Book

Sabine Claudia

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Beschreibung

Keine Gnade, kein Mitgefühl, nur Macht und Gehorsam- Sie sind in der Hölle Diesmal führt es den Vampir Dorian und seine Gefährten an einen absolut dunklen Ort. Ein böser Hexer und eine geheimnisvolle Bruderschaft bringen sie dazu die Vorwelt aufzusuchen. Auf der Suche nach seiner einzig wahren Liebe, durchquert Dorian die 7 Höllen und tritt den finstersten Dämonen gegenüber. Doch auch seine Freunde, Menschen wie Vampire folgen ihm aus unterschiedlichen Gründen und begegnen in dieser fantastischen Welt ihren eigenen Abgründen. Währenddessen treffen die Götter eine Entscheidung, die für alle Welten die Apokalypse bedeuten kann.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Götterfunken- Sieben Höllen

Roman

Sabine Claudia

Sabine Claudia

Erstausgabe 2019

als Orange Cursor-eBook

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © 2021

by Verlag/Verleger

PLZ Autorenort

Autorenstraße

www.autorenseite.eu

Inhalt

Die Rückkehr

Die Reise

Die Verfolger

Vorwelt, Heim der Hexen

Rumänien, Kloster Varg

Die Erscheinung

Das Ritual

Eleonoras Mission

Gefangen

Arban Krul

In der Falle

Gezähmt

Götterwelt, Entscheidungen

Im Reich der Parth

Ausgestoßen

Loredanas Rache

Menschen in der Hölle

Kurnugia, Ereshkigals Reich

Im Reich der Xul

Der Fluss der bitteren Tränen

Götterwelt, Der Götterrat

Der dunkle Shargaz

Der Auftrag

Am Anfang war die Dunkelheit

Glossar

Über die Autorin

Impressum

Die Rückkehr

Er kreisch­te, schrie und heul­te.

Die Flam­men, die der Dolch ver­ur­sacht hat­te, brann­ten auf ihm und in ihm. Er fiel in bo­den­lo­se Tie­fen, wäh­rend sein Kör­per im­mer wie­der gegen fel­si­ges Ge­stein prall­te, was ihm zu­sätz­li­che Schmer­zen be­rei­te­te. Pech­schwar­ze Fins­ter­nis war rund um ihn. Er spür­te wie die Ener­gie, die ihn mit der Men­schen­welt ver­band, schwä­cher wur­de, bis die Ban­de völ­lig zer­ris­sen.

End­lich schlug er hart auf stei­ni­gem Bo­den auf. Er über­schlug sich ei­ni­ge Ma­le, bis er schließ­lich end­gül­tig zum lie­gen kam. Er hus­te­te in der stau­bi­gen Hit­ze, die ihn um­gab. Er fühl­te sich zu elend die Au­gen zu öff­nen. Er wuss­te auch so, dass er an­ge­kom­men war, wo er hin­ge­hör­te.

Er war in der Vor­welt, der Höl­le. Er war zu Hau­se.

Die­se Höl­le hat­te nichts zu tun, mit der christ­li­chen Vor­stel­lung der Höl­le, mit dem Teu­fel oder dem Fe­ge­feu­er. Das wa­ren arm­se­li­ge Sy­no­ny­me für die Vor­welt. Sie war weit­aus äl­ter und schreck­li­cher.

Schrit­te wur­den hör­bar. Je­mand kam auf ihn zu und blieb vor ihm ste­hen.

Als er sich we­der rühr­te, noch die Au­gen öff­ne­te, stieß ihn die Spit­ze eines Stie­fels un­sanft in die Sei­te. Blin­zelnd öff­ne­te er einen Spalt breit sei­ne Au­gen.

Vor ihm stand eine Frau von dä­mo­ni­scher Schön­heit. Sie hat­te blon­des lan­ges Haar, ein fei­nes eben­mä­ßi­ges Ge­sicht und jett­schwar­ze fun­keln­de Au­gen. Trotz der schwar­zen Kut­te, die sie trug, war ihre schlan­ke, stäh­ler­ne Fi­gur er­kenn­bar.

Er schloss ent­mu­tigt wie­der sei­ne Au­gen, als er sie er­kann­te. Lo­re­da­na Xul.

Die Xul wa­ren Dä­mo­nen­fürs­ten. Sie herrsch­ten über die­sen Teil der Vor­welt. Lo­re­danas Bru­der, Cor­bi­ni­an, war der re­gie­ren­de Fürst.

Die Dä­mo­nen-Fa­mi­lie der Yaks, zu der auch er ge­hör­te, wa­ren den Xul ab­so­lu­ten Ge­hor­sam schul­dig. Er war ab­trün­nig ge­wor­den und hat­te von Macht­hun­ger ge­trie­ben, mit einem rang­nied­ri­ge­ren An­ge­hö­ri­gen sei­ner Fa­mi­lie, einen Weg in die Men­schen­welt ge­fun­den.

Er wuss­te, er wür­de hart da­für be­straft wer­den.

»Steh auf!«, fuhr ihn Lo­re­da­na Xul her­risch an und stieß ihn wie­der grob mit ihrem Fuß in die Sei­te.

Er roll­te sich mit einem Kla­ge­laut zu­sam­men. »Tö­te mich gleich hier, mach mich zu einem macht­lo­sen Geist! Wo­zu soll ich noch auf­ste­hen!«, keuch­te er re­sig­niert.

Lo­re­da­na schnaub­te ver­ächt­lich. »Du bist er­bärm­lich Dhe­ros! Wenn es nach mir gin­ge, wür­de ich dich auf der Stel­le ver­nich­ten. Doch mein Bru­der, dein Fürst will dich se­hen. Ge­hor­che!«, zisch­te sie wü­tend und hol­te noch ein­mal mit ihrem Fuß aus.

Er be­eil­te sich, auf die Bei­ne zu kom­men, be­vor ihn noch ein Fuß­tritt traf.

Als er schwan­kend auf­recht stand, wand­te sie sich ab­rupt um und stapf­te mit fes­ten schnel­len Schrit­ten los. Er be­müh­te sich, nicht hin­ter ihr zu­rück­zu­blei­ben. Er wuss­te, er wür­de es be­reu­en, wenn er ihren Zorn er­reg­te.

Dhe­ros füg­te sich in sein Schick­sal. Was im­mer Cor­bi­ni­an für ihn be­schlos­sen hat­te, es gab kein Ent­rin­nen. Hier gab es kei­ne Gna­de, kei­ne Nach­sicht, kein Mit­ge­fühl, nur Macht und Ge­hor­sam. Sie wa­ren in der Höl­le …

Cor­bi­ni­an sass auf dem mäch­ti­gen schwar­zen Thron. Sei­ne Au­gen glüh­ten wie Koh­len. Er trank ein Ge­bräu aus einem wuch­ti­gen Be­cher, das bei je­dem Schluck rauch­te und zisch­te. Hin­ter ihm brann­te ein rie­si­ges Feu­er, und ein ge­sichts­lo­ses Ge­schöpf in einer schwar­zen Kut­te leg­te mas­si­ge Holz­schei­te nach.

Cor­bi­ni­an hör­te die lau­ten Schrit­te sei­ner Schwes­ter, be­vor sie mit Schwung den Raum be­trat. Ihr folg­te der furcht­sam hin­ter­her­has­peln­de Yak.

Ein Lä­cheln der Ge­nug­tu­ung und Vor­freu­de um­spiel­te die Lip­pen des Dä­mo­nen­fürs­ten, als Lo­re­da­na hin­ter sich griff, Dhe­ros am Ge­nick pack­te und zu Bo­den stieß, so­dass er auf den Kni­en lag vor sei­nem Herr­scher.

»Hier brin­ge ich dir die­sen Ab­schaum, Bru­der, der es ge­wagt hat sich dir zu wi­der­set­zen.«

Dhe­ros at­me­te ängst­lich und wag­te nicht sei­nen Blick zu heben, als Cor­bi­ni­an sich lang­sam er­hob und um den Kni­en­den he­rum schritt. »So sieht al­so ein Wurm aus. Ein Wurm, der glaub­te, er könn­te ein Herr­scher sein. Sag dum­mer Yak, was hast du dir nur da­bei ge­dacht?«

Cor­bi­ni­ans Stim­me klang fast sanft, doch Dhe­ros ließ sich nicht täu­schen. Er wuss­te, wie ge­fähr­lich es war, sich sei­nem Herrn zu wi­der­set­zen und dass auf die­sen Ver­rat der Tod stand.

Den­noch winsel­te er los. »Gna­de, mein Ge­bie­ter. Ja, es war gren­zen­los dumm von mir, dass ich ver­sucht ha­be die­se Welt zu ver­las­sen, doch ich be­reue die­sen Feh­ler zu­tiefst.«

Cor­bi­ni­an ließ ein schnau­ben­des kur­zes La­chen hö­ren. »Dei­ne Reue kommt et­was spät. Hät­ten die Men­schen dich nicht zu­rück­ge­jagt, so wür­dest du jetzt be­reits Sie­ges­ge­heul hö­ren las­sen, wenn du dei­ne Herr­schaft er­rich­tet hät­test in ihrer Welt.«

»Es wa­ren nicht nur Men­schen, die mich ver­trie­ben ha­ben. Sie hat­ten Unter­stüt­zung durch einen Shar­gaz (Voll­stre­cker) der gol­de­nen Göt­tin, der mich zu­rück­schick­te.«

Der Dä­mo­nen­fürst run­zel­te ver­wun­dert sei­ne Stirn. »Die gol­de­ne Göt­tin hat einen Shar­gaz ge­sandt, um dich un­schäd­lich zu ma­chen?«

Der Yak nick­te eif­rig mit ge­senk­tem Kopf. »Ein Shar­gaz stand den Men­schen zur Sei­te und Vam­pi­re ha­ben ih­nen ge­hol­fen. Be­son­ders ein Vam­pir. Er war stän­dig an der Sei­te des Shar­gaz.«

Nun war Cor­bi­ni­an wirk­lich ver­blüfft. Er wech­sel­te einen fra­gen­den Blick mit Lo­re­da­na, die zuck­te je­doch nur mit den Schul­tern, als Zei­chen ihrer Un­wis­sen­heit.

Cor­bi­ni­an kehr­te lang­sam zu sei­nem Thron zu­rück, ließ sich nach­denk­lich da­rauf nie­der und nahm einen Schluck sei­nes zi­schen­den Ge­trän­kes. Dhe­ros wag­te kaum, zu at­men, und war­te­te in ner­vö­ser An­span­nung ab, was nun ge­sche­hen wür­de.

»Be­rich­te mir Al­les. Von dei­ner Flucht an­ge­fan­gen bis zu dei­ner Rück­kehr hier­her.«

Der Yak schöpf­te ein we­nig Hoff­nung, schluck­te und er­zähl­te al­le Ein­zel­hei­ten. Wie er ge­flo­hen war aus der Vor­welt. Wie er sein Un­we­sen trieb in der Welt der Men­schen, in der Zeit eine Rol­le spiel­te, und sei­ne Un­ta­ten 4000 Men­schen­jah­re zu­rück­la­gen. Von den Ma­giern, die ihn dort schließ­lich ge­fan­gen hat­ten und in ein fer­nes Land brach­ten, eine öde Wild­nis, in der sie ein ma­gi­sches Grab aus Stein er­rich­te­ten und ihn mit den Wor­ten der Macht bann­ten. Den Wor­ten des gol­de­nen Tem­pels von Uruk.

Er ver­schwieg, wie lang­wei­lig die Ge­fan­gen­schaft in dem en­gen Grab­mal ge­we­sen war, nur in Ge­sell­schaft die­ses Töl­pels, des an­de­ren Yak, der weit unter ihm stand im Ge­fü­ge ihrer Fa­mi­lie. Er wuss­te, das wür­de Cor­bi­ni­an nicht in­te­res­sie­ren und nur sei­nen Zorn er­re­gen.

Er be­rich­te­te da­von, wie ein Mensch nach vie­len tau­send Jah­ren das Grab, in dem er ge­fan­gen war, ge­öff­net hat­te und er da­raus ent­kam. Fast wä­re er tat­säch­lich frei ge­we­sen, doch be­vor das ge­sche­hen konn­te, kam der Shar­gaz, der gol­de­nen Göt­tin und er lan­de­te wie­der hier in der Höl­le.

Als er sei­ne Ge­schich­te be­en­det hat­te, brei­te­te sich Stil­le aus, in der nur das Pras­seln des Feu­ers zu hö­ren war. Die Stil­le dau­er­te so lan­ge an, dass er über­leg­te ob er es wa­gen konn­te sei­nen Kopf zu heben und sei­nen Herrn an­zu­schau­en. Fast woll­te er es tun, als er Cor­bi­ni­ans Stim­me ver­nahm.

»An­schei­nend ist heu­te dein Glücks­tag. Du darfst noch eine Wei­le dein arm­se­li­ges Da­sein fris­ten.«

Cor­bi­ni­an schnipp­te mit den Fin­gern und aus der Dun­kel­heit hin­ter ihm tra­ten zwei ge­sichts­lo­se Krea­tu­ren in schwar­zen Kut­ten, die Dhe­ros er­grif­fen und auf die Bei­ne stell­ten. Der Yak ließ den Kopf noch im­mer ge­senkt und wag­te nicht Cor­bi­ni­an an­zu­schau­en. Schlaff vor Er­leich­te­rung hing er in den Ar­men sei­ner Be­wa­cher und ließ sich wi­der­stands­los weg­schlei­fen.

Sie war­fen ihn in ein stei­ner­nes Ver­lies und die schwe­re Eisen­tür fiel kra­chend hin­ter ihm zu. Er konn­te hö­ren, wie ein mas­si­ver Rie­gel vor­ge­scho­ben wur­de. Kraft­los ließ er sich zu Bo­den sin­ken.

Er war sei­nem end­gül­ti­gen Tod vor­erst ent­gan­gen. Wie­der war er ein Ge­fan­ge­ner. Aber er leb­te noch und das war ihm im Mo­ment ge­nug.

Cor­bi­ni­an grü­bel­te über das nach, was der Yak er­zählt hat­te. »Sie schickt al­so einen Shar­gaz, für die­sen Dumm­kopf. Und bit­te seit wann gibt es wie­der Vam­pi­re in der Men­schen­welt? Und wa­rum in drei Teu­fels Na­men arbei­ten die mit einer Ge­sand­ten des Lichts zu­sam­men?«

Lo­re­da­na zuck­te wie­der die Schul­tern. »Kei­ne Ah­nung? Soll­te uns das in­te­res­sie­ren? Wa­rum tö­test du die­sen Idio­ten nicht?«

Cor­bi­ni­an schüt­tel­te ta­delnd den Kopf und schnalz­te mit der Zun­ge. »Du bist zwar mei­ne Schwes­ter, aber Ver­stand wur­de an­schei­nend nur mir zu­teil.«

Sie press­te ver­dros­sen die Lip­pen auf­ei­nan­der, er­wi­der­te aber nichts.

»So ist es an mir nach­zu­den­ken und klu­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, du hast nur zu ge­hor­chen.« Cor­bi­ni­an sonn­te sich ger­ne in sei­ner Ei­tel­keit.

»Hin­ter der Rück­kehr des Yaks steckt mehr, das kann ich förm­lich rie­chen. Of­fen­bar blie­ben die Vam­pi­re un­ge­scho­ren, sonst hät­ten sie dem Shar­gaz nicht ge­hol­fen. Ich frag mich wa­rum. Und wa­rum sind ein Shar­gaz der gol­de­nen Göt­tin und ein Vam­pir plötz­lich Freun­de? Nein, nein Schwes­ter, glaub mir! Das stinkt ge­wal­tig.«

»Ja, mag sein. Was küm­mert es uns? Und wa­rum lässt du Dhe­ros am Le­ben? Er hat dir doch schon er­zählt, was er weiß.«

Cor­bi­ni­an stand mit Schwung von sei­nem Thron auf und um­kreis­te sei­ne Schwes­ter. Sie fühl­te sich nicht wohl da­bei und warf ihm einen miss­bil­li­gen­den Blick zu.

»Mich küm­mert es, denn ich bin wei­se und klug.« Lo­re­da­na ver­dreh­te ihre Au­gen, we­gen sei­ner Selbst­herr­lich­keit.

»Dhe­ros lebt noch, weil ich ihn viel­leicht noch ge­brau­chen kann.«

Er blieb vor ihr ste­hen und tipp­te ihr mit aus­ge­streck­ten Fin­ger auf die Schul­ter.

»Du hast je­doch eine Auf­ga­be: Fin­de he­raus, wer die­ser Vam­pir ist, den der Shar­gaz be­vor­zug­te. Mal se­hen, ob die gol­de­ne Göt­tin ein In­te­res­se an ihm hat. Das wä­re ja ge­ra­de­zu ein Licht­vam­pir. Die­se Be­zeich­nung ge­fällt mir – der Vam­pir des Lichts.«

Er lä­chel­te selbst­ge­fäl­lig über sei­nen ge­lun­ge­nen Ein­fall, dem Vam­pir einen wi­der­sprüch­li­chen Ti­tel ver­lie­hen zu ha­ben.

Lo­re­da­na ver­dreh­te kopf­schüt­telnd hin­ter sei­nem Rü­cken die Au­gen.

Die Reise

Die Vam­pi­re ver­lie­ßen, den klei­nen Ort am Harz­horn oh­ne Be­dau­ern. Cor­de­lia hat­te be­fürch­tet, Rü­di­ger wie­der zu be­geg­nen, doch sie er­fuhr, dass er und Mo­na eben­falls ab­ge­reist wa­ren.

Sie war er­leich­tert, ihren Bru­der Do­ri­an noch an­zu­tref­fen, da sie un­be­dingt sei­ne Unter­stüt­zung brauch­te, um dem Ziel ihrer Sehn­süch­te na­he zu kom­men. Die Mön­che in dem ru­mä­ni­schen Klos­ter, wa­ren sehr be­stimmt ge­we­sen, was sei­ne An­we­sen­heit be­traf.

Sie fuh­ren mit dem Zug nach Frank­furt und be­stie­gen dort das Flug­zeug nach Bu­ka­rest. Von Bu­ka­rest aus wür­den sie einen Wa­gen neh­men und zu dem klei­nen Dorf unter­halb des Klos­ters fah­ren, wo Eleo­no­ra sie er­war­te­te. Zu dritt woll­ten sie dann die Mön­che auf­su­chen.

Cor­de­lia be­gann Do­ri­an zu er­zäh­len, was sie in Ru­mä­nien he­raus­ge­fun­den hat­te.

»Das Klos­ter liegt sehr ab­ge­schie­den auf einem Berg und die Mön­che dort sind seit Ge­ne­ra­tio­nen da­mit be­schäf­tigt, ein Wel­ten­tor zu hü­ten. Es kos­te­te eine Men­ge gu­ter Wor­te und Geld­spen­den, um über­haupt an­satz­wei­se aus ih­nen he­raus zu be­kom­men, was sie wuss­ten.« Cor­de­lia ver­zog ihr Ge­sicht zu einer säuer­li­chen Mie­ne.

»Gegen Ge­dan­ken­ma­ni­pu­la­tion sind sie er­staun­li­cher­wei­se im­mun, gegen die Macht der ba­ren Mün­ze zum Glück nicht«, füg­te sie grin­send hin­zu. »Jeden­falls ha­ben sie uns schließ­lich an­ver­traut, dass es eine Mög­lich­keit gibt, das Wel­ten­tor zu öff­nen. Hier kommst je­doch du, mein Bru­der, ins Spiel. Ihre Be­din­gung war, dich zu ih­nen zu brin­gen, sonst wol­len sie uns nicht da­bei be­hilf­lich sein, den Weg in die Vor­welt zu öff­nen.«

Do­ri­an hör­te ihr nach­denk­lich zu und sah sie bei ihren letz­ten Wor­ten miss­trau­isch an. »Wa­rum be­stehen sie da­rauf, dass ich zu ih­nen kom­me? Wo­her wis­sen sie über­haupt von mei­ner Exis­tenz?«

Cor­de­lia zuck­te die Schul­tern. »Kei­ne Ah­nung, doch es schien ih­nen außer­or­dent­lich wich­tig zu sein.«

Do­ri­an dach­te nach. Was konn­ten Mön­che in einem ab­ge­le­ge­nen Klos­ter von ihm wol­len? Ihm fiel kei­ne schlüs­si­ge Er­klä­rung da­rauf ein. Doch was hat­te er schon groß­artig zu ver­lie­ren? Er war un­sterb­lich, er war stär­ker als je­der Mensch und sie hat­ten einen Ein­gang zur Vor­welt, die an­geb­lich in die Göt­ter­welt führ­te. Sie woll­ten, dass er kam und er woll­te zu ih­nen, um in die Göt­ter­welt zu ge­lan­gen.

Denn in der Göt­ter­welt war sie. Inoa. Das Ein­zi­ge wo­nach er sich schmerz­lich sehn­te, war ihre Nä­he. Je­der Schlag sei­nes Her­zens schien ihren Na­men zu ru­fen. Ihm war je­des Mit­tel recht, den Weg zu ihr zu fin­den.

Sei­ne Ge­dan­ken schweif­ten zu­rück zu je­nem Au­gen­blick, in dem er sie wie­der­erkannt hat­te, be­vor er sie nach einem bit­ter­sü­ßen Kuss wie­der ver­lor. Der Schmerz er­zeug­te einen un­glaub­li­chen Druck auf sei­ner Brust, so­dass er mehr­mals tief durch­at­me­te, in der Hoff­nung ihn so ab­schüt­teln zu kön­nen.

Cor­de­lia warf ihm einen Blick zu und er­kann­te, was in ihm vor­ging. »Du wirst sie wie­der­se­hen«, flüs­ter­te sie tröst­lich und drück­te sei­ne Hand. Lei­se füg­te sie hin­zu: »Und ich wer­de Sieg­bert wie­der­se­hen.«

Sie ver­stand ihn so gut, weil auch sie ihre gro­ße Lie­be, Sieg­bert, ver­lo­ren hat­te. Sie wa­ren bei­de durch ein ähn­li­ches Schick­sal ver­eint, wo­bei Do­ri­an sich ein­ge­ste­hen muss­te, dass er an ihrem Schick­sal gro­ße Mit­schuld trug.

Do­ri­an war froh sei­ne Schwes­ter bei sich zu ha­ben, denn nie­mand ver­stand sei­ne See­len­qua­len so gut wie sie. Nur sie hat­te ihn ge­kannt, als er noch ein Mensch war, nicht ein über­mäch­ti­ges un­sterb­li­ches We­sen, son­dern ein­fach ihr ge­lieb­ter gro­ßer Bru­der, der sie ver­wöhn­te und mit dem sie stets in­nig ver­bun­den war.

Do­ri­an lä­chel­te ihr zu. »Wer hat dir er­zählt, dass der Weg durch die Vor­welt in die Göt­ter­welt führt?«

»Der Abt die­ses Klos­ters, in das wir nun fah­ren.«

Ihre An­span­nung war für Do­ri­an fühl­bar und er wuss­te, dass sie da­rauf brann­te, end­lich zu er­rei­chen, was sie so un­ermüd­lich ver­such­te.

Cor­de­lias Au­gen wa­ren voll Zu­ver­sicht. Sie war dies­mal si­cher den Weg, in die Vor­welt zu fin­den, um wie­der mit Sieg­bert ver­eint zu sein, der dort so lan­ge schon ge­fan­gen war.

Do­ri­an fürch­te­te je­doch ins­ge­heim, dass sie ihr Ziel nicht er­rei­chen wür­de. Sieg­bert be­fass­te sich zwar mit Hexe­rei, doch er war kein un­sterb­li­ches We­sen, son­dern ein Mensch, als er vor über 200 Jah­ren in der Vor­welt ver­schwand. Rein phy­sio­lo­gisch muss­te er längst tot sein.

Der Zug rat­ter­te da­hin und sie dös­ten ein we­nig ein, in dem ein­lul­len­den Ge­rüt­tel. Die Zeit ver­ging schnell und ehe sie sich ver­sa­hen, wa­ren sie in Frank­furt an­ge­kom­men. Dort nah­men sie ein Ta­xi zum Flug­ha­fen.

Sie check­ten ein und wäh­rend sie auf das Boar­ding war­te­ten, still­ten sie ihren Blut­durst an ei­ni­gen ah­nungs­lo­sen Rei­sen­den. Sie ver­hiel­ten sich da­bei un­auf­fäl­lig, brach­ten kei­nes ihrer Op­fer um, son­dern tran­ken in Ma­ßen von ih­nen. Da­nach ma­ni­pu­lier­ten sie ihre Er­in­ne­rung, so­dass sie nichts mehr da­von wuss­ten.

Frisch ge­stärkt sas­sen die Ge­schwis­ter schließ­lich an­ge­schnallt auf ihrem Flug nach Bu­ka­rest und als das Flug­zeug ab­hob, ver­spür­te Do­ri­an neu­gie­ri­ge Vor­freu­de auf die­ses ab­ge­schie­de­ne Klos­ter mit sei­nen un­ge­wöhn­li­chen Mön­chen.

In Bu­ka­rest nah­men sie sich einen Wa­gen und Cor­de­lia dräng­te da­rauf, dass sie trotz der vor­ge­rück­ten Stun­de los­fuh­ren. Es wa­ren 2,5 Stun­den bis zu dem Klos­ter und sie woll­te es noch schaf­fen, am sel­ben Tag dort an­zu­kom­men.

Sie konn­te es nun kaum er­war­ten, end­lich ihr Ziel zu er­rei­chen. So vie­le Jah­re hat­te sie da­rauf ge­war­tet, einen Weg zu ihrem ge­lieb­ten Ehe­mann, Sieg­bert zu fin­den. Jetzt war die Er­fül­lung ihrer Sehn­süch­te zum Grei­fen na­he.

Auf der kur­vi­gen Stra­ße muss­te Do­ri­an et­was Tem­po zu­rück­neh­men und sie er­blick­ten, eine klei­ne Rast­stät­te mit einer Tank­stel­le.

Do­ri­an warf ihr einen fra­gen­den Sei­ten­blick zu, ob er an­hal­ten soll­te, doch sie schüt­tel­te ener­gisch den Kopf.

Cor­de­lia sah flüch­tig zu der Tank­stel­le und ihr Herz­schlag setz­te für einen Mo­ment aus, als sie mein­te den Mann zu er­ken­nen, der dort läs­sig an sein Auto ge­lehnt, eine Zi­ga­ret­te rauch­te.

Rü­di­ger! Es muss­te Rü­di­ger ge­we­sen sein, oder ihre über­reiz­ten Ner­ven spiel­ten ihr einen Streich und sie sah ihn schon in wild­frem­den Men­schen. Bei­de Mög­lich­kei­ten be­un­ru­hig­ten sie.

Wenn sie in Frem­den Rü­di­ger zu se­hen glaub­te, so hieß es, dass er ihre Ge­dan­ken weit mehr be­schäf­tig­te, als ihr lieb war. Wenn er es wirk­lich ge­we­sen war, um­so schlim­mer. Dann wür­de er kei­ne Ru­he ge­ben, bis er sie ein­ge­holt und von ihrem Vor­ha­ben ab­ge­bracht hat­te.

Un­ru­hig rutsch­te sie auf ihrem Sitz he­rum.

»Bist du so ner­vös, we­gen Sieg­bert oder we­gen Rü­di­ger?« Do­ri­ans Stim­me klang sar­kas­tisch.

Cor­de­lia schluck­te und warf ihm einen ängst­li­chen Blick zu. »Hast du ihn ge­se­hen? War er das eben an der Tank­stel­le?«

Do­ri­an zuck­te läs­sig die Schul­tern. »Schon mög­lich. Ich ha­be nicht so sehr da­rauf ge­ach­tet und mir ist es auch gleich­gül­tig, ob er es war.«

Cor­de­lia at­me­te tief ein und wie­der aus. Sie hat­te sei­nen ta­deln­den Unter­ton be­merkt, woll­te je­doch nicht nä­her da­rauf ein­ge­hen. Sie wuss­te, dass Do­ri­an ihr die Pas­sion für Rü­di­ger, den er ver­ab­scheu­te, übel nahm.

Zu­dem hat­te sie sich ge­schwo­ren Rü­di­ger zu ver­ges­sen. Ihr Stolz ver­bot ihr je­doch, das ihrem Bru­der mit­zu­tei­len. Sie sah kei­nen Grund, sich zu recht­fer­ti­gen.

Die Verfolger

Rü­di­ger war übel­lau­ni­ger als je zu­vor. Er hass­te den stin­ken­den über­füll­ten Zug. Er hass­te die übel rie­chen­den ver­schwitz­ten Men­schen, de­ren Blut nach Al­ko­hol schmeck­te und die ihn un­ge­niert an­rem­pel­ten und an­pö­bel­ten.

Er tö­te­te zwei der Rei­sen­den, die ihn be­son­ders ge­är­gert hat­ten, in­dem er ihr Blut bis zum letz­ten Herz­schlag aus ihren Adern saug­te. Da­nach warf er sie aus dem fah­ren­den Zug.

Mo­na bat ihn ein­dring­lich um mehr Ge­las­sen­heit, denn die Beam­ten, wel­che an je­dem Bahn­hof die Rei­sen­den kont­rol­lier­ten, stell­ten boh­ren­de Fra­gen.

Er konn­te sie nicht al­le tö­ten oder ihre Ge­dan­ken ma­ni­pu­lie­ren und so biss er wü­tend die Zäh­ne zu­sam­men und be­herrsch­te sich.

Bei je­dem Halt stieg Mo­na aus und er­kun­dig­te sich an der In­for­ma­tion, ob je­mand Cor­de­lia oder Eleo­no­ra ge­se­hen hat­te. Sie hielt Aus­schau, nach Leu­ten, die ihre Häl­se ver­hüllt tru­gen, doch sie ent­deck­te nichts der­glei­chen. Sie kehr­te stets mit dem glei­chen Er­geb­nis zu­rück: Die Bei­den wa­ren wie vom Erd­bo­den ver­schluckt.

Schließ­lich ka­men sie in Bu­ka­rest an. Der Lärm und die Men­schen­mas­sen, die in al­le Rich­tun­gen has­te­ten, ho­ben Rü­di­gers Lau­ne nicht im Ge­rings­ten. In einem klei­nen schmud­de­li­gen Ca­fe am Bahn­hof über­leg­ten sie, wie sie wei­ter vor­ge­hen woll­ten.

»Wie vie­le Klös­ter gibt es hier im Um­kreis? Wir klap­pern sie ein­fach al­le ab. Wenn wir kei­ne Spur von ih­nen fin­den, dann über­le­gen wir wei­ter.«

Mo­nas Plan war nicht schlecht, wür­de aber Zeit kos­ten.

Rü­di­ger war nicht für sei­ne Ge­duld be­kannt, doch ihm fiel auch nichts Bes­se­res ein. Er nick­te und Mo­na brei­te­te eine Land­kar­te auf dem Tisch aus. Sie nahm einen Stift und be­gann die Klös­ter ein­zu­krin­geln, die rund um die Stadt auf einem Berg la­gen. Es wa­ren drei.

»Be­sorg uns einen Wa­gen. Ich ha­be Mit­rei­sen­de satt«, wies Rü­di­ger sie mür­risch an.

Mo­na mach­te sich auf den Weg, und kam mit einem klapp­ri­gen La­da zu­rück. Rü­di­ger schüt­tel­te miss­bil­li­gend den Kopf und quetsch­te sei­nen lan­gen Kör­per in die Rost­lau­be. Mo­na fuhr und Rü­di­ger gab mit der Kar­te in der Hand die Rich­tung an.

Sie ver­lie­ßen die Stadt und fuh­ren auf schlech­ten Stra­ßen vol­ler rie­si­ger Schlag­lö­cher, durch klei­ne Dör­fer mit un­aus­sprech­li­chen Na­men. An einer Tank­stel­le im Nir­gend­wo, hiel­ten sie an, um ihren Blut­durst zu stil­len.

Mo­na saug­te sich halb voll an dem dür­ren Tank­wart, wäh­rend Rü­di­ger sich an­ge­wi­dert, den Mund ab­wisch­te, nach­dem er sich an einer di­cken Rein­ma­che­frau ge­labt hat­te.

Er lehn­te sich an ihren al­ten Wa­gen und zün­de­te sich eine Zi­ga­ret­te an, um den scha­len Ge­schmack, der Frau aus sei­nem Mund zu krie­gen. Er sah sich die Ge­gend an und emp­fand sie als karg und trost­los.

Mo­to­ren­ge­räu­sche kün­dig­ten die An­kunft eines Wa­gens an und Rü­di­ger warf einen Blick zu Mo­na, die noch mit dem Tank­wart be­schäf­tigt war. Sie und ihr Op­fer wa­ren von der Stra­ße aus nicht zu ent­de­cken.

Er blick­te zu dem he­ran­fah­ren­den Auto, dass sei­ne Ge­schwin­dig­keit nicht dros­sel­te und kei­ne An­stal­ten mach­te, an der Tank­stel­le zu hal­ten.

Als das Fahr­zeug vor­bei­braus­te, er­hasch­te er einen flüch­ti­gen Blick auf die In­sas­sen. Er er­kann­te in dem Fah­rer, Do­ri­an und in der Bei­fah­re­rin Cor­de­lia. Ver­blüfft blieb ihm der Mund of­fen ste­hen.

Nach einer Schreck­se­kun­de mach­te er die Zi­ga­ret­te schleu­nigst aus, warf sich auf den Fah­rer­sitz ihres Wa­gens, star­te­te und fuhr mit quiet­schen­den Rei­fen zu Mo­na he­ran, die er­schro­cken von ihrem Op­fer ab­ließ. »Steig ein! Wir ha­ben sie ge­fun­den.« Er brüll­te fast vor Auf­re­gung und Mo­na sprang ge­ra­de noch in das Auto, be­vor er los­fuhr.

»Ich hab ihn nicht ma­ni­pu­liert al­les zu ver­ges­sen«, schrie Mo­na alar­miert, als ihr klar wur­de, das sie den Tank­wart ein­fach so ste­hen ge­las­sen hat­te. Rü­di­ger zuck­te nur die Schul­tern. »Wir sind im Land der Vam­pi­re. Hier ist es üb­lich, an­ge­zapft zu wer­den.«

Mo­na ent­spann­te sich et­was und Rü­di­ger er­klär­te ihr mit ein paar Wor­ten, dass er Cor­de­lia und Do­ri­an ge­se­hen hat­te. Da­bei ver­such­te er mit Voll­gas auf der steil an­stei­gen­den Stra­ße al­les aus dem La­da raus­zu­ho­len, um das Auto der bei­den ein­zu­ho­len.

Es war zweck­los, er schaff­te es nicht. Der an­de­re Wa­gen war viel schnel­ler als ihr Ve­hi­kel.

Als sie an eine Stra­ßen­ga­be­lung ka­men, hielt Rü­di­ger an und sie durch­fors­te­ten die Kar­te. Mo­na zeig­te auf die Spit­ze eines Ber­ges. »Hier ist das Klos­ter Varg. Die Stra­ße rechts den Berg hi­nauf, führt dort­hin. Die lin­ke Stra­ße führt zu­rück ins Tal und dann wei­ter einen an­de­ren Berg hi­nauf zu einem Ma­rien­klos­ter.« Sie sah Rü­di­ger fra­gend an.

Er über­leg­te. »Ich tip­pe da­rauf, dass sie zum Klos­ter Varg ge­fah­ren sind. Es liegt auf di­rek­tem Weg und sieht ab­ge­le­gen aus.« Mo­na nick­te.

Sie wand­ten sich um, als sie hör­ten, dass ein Fahr­zeug sich nä­her­te. Zu Mo­nas Er­schre­cken war es die ört­li­che Poli­zei.

Rü­di­ger blieb ge­las­sen, als die Beam­ten neben ih­nen an­hiel­ten und sie mit einem Wort­schwall un­ver­ständ­li­chen Ge­brab­bels über­schwemm­ten. Mo­nas Blick wur­de ängst­lich, als sie aus­stie­gen und vom Rück­sitz der Tank­wart auf­tauch­te, ein Tuch an sei­ne blu­ten­de Hals­wun­de ge­drückt.

Rü­di­ger ball­te die Fäus­te und press­te die Zäh­ne zu­sam­men, als die Beam­ten auf sie zu­ka­men. Er wür­de mit ih­nen kur­zen Pro­zess ma­chen und sie aus­sau­gen. Als er die Lip­pen zu einer Gri­mas­se ver­zerr­te wur­den sei­ne spit­zen Eck­zäh­ne sicht­bar und der Tank­wart ver­zog sich ei­ligst zu­rück in den Wa­gen. Die Poli­zis­ten fa­ckel­ten nicht lan­ge. Blitz­schnell zo­gen sie ihre Pis­to­len, was Rü­di­ger ein ver­ächt­li­ches Lä­cheln ent­lock­te.

Er macht sich zum Sprung be­reit und die bei­den feu­er­ten, oh­ne Vor­war­nung los. Holz­ge­scho­ße! Die Er­kennt­nis durch­fuhr Rü­di­ger, als er zu Bo­den ging und die Mu­ni­tion schmerz­haft in sei­nen Kör­per ein­drang. Mo­na ver­such­te, in De­ckung zu ge­hen, doch auch sie tra­fen die Sal­ven der Poli­zis­ten.

Sich krüm­mend la­gen die bei­den Vam­pi­re am Bo­den und die Beam­ten hat­ten leich­tes Spiel sie mit Hand­schel­len zu fes­seln und in ihren Wa­gen zu ver­frach­ten. Dort la­gen sie wehr­los und stöh­nend. Der Tank­wart war aus­ge­stie­gen, er hat­te noch im­mer zu viel Angst, und woll­te nicht auf en­gem Raum mit den Vam­pi­ren sein.

Was für ein Scheiß-Land, dach­te Rü­di­ger noch, be­vor ihm die Sin­ne schwan­den. Mo­na war be­reits be­wusst­los ge­wor­den.

Als Rü­di­ger er­wach­te, wa­ren sie in einem fens­ter­lo­sen Raum ein­ge­sperrt. Zum Glück hat­te man ih­nen die Hand­schel­len nicht hin­ter dem Rü­cken an­ge­legt, so hat­te er et­was Be­we­gungs­frei­heit.

So­fort ging er da­ran, die Ku­geln mit den Fin­gern aus sei­nem Kör­per zu ho­len. Nach die­ser schmerz­haf­ten Pro­ze­dur wand­te er sich Mo­na zu, die noch im­mer be­wusst­los war und be­frei­te auch sie von ihren Ge­schos­sen.

So­bald die Ku­geln aus Mo­nas Kör­per ent­fernt wa­ren, wach­te sie auf. Rü­di­ger klopf­te ihr auf­mun­ternd auf die Schul­ter. Dann setz­te er sich auf die Prit­sche und ver­schränk­te die Ar­me hin­ter dem Kopf.

Mo­na fand sei­ne Ge­las­sen­heit auf­rei­zend. Sie woll­te hier raus. Rü­di­ger be­merk­te ihre Un­ru­he und seufz­te. »Du bist noch viel zu mensch­lich, Mo­na. Als Vam­pir hast du die gan­ze Ewig­keit vor dir. Es ist egal, wie viel Zeit du ver­geu­dest. Wir war­ten auf die pas­sen­de Ge­le­gen­heit, grei­fen sie an und ent­kom­men. Sie kön­nen uns nicht dauer­haft fest­hal­ten.«

»Ach, jetzt kannst du plötz­lich ge­dul­dig sein? Bis­her warst stets du es der uns zur Ei­le an­trieb«, braus­te sie auf. Rü­di­ger zuck­te die Ach­seln.

Vorwelt, Heim der Hexen

Es war kein Ort, an dem ein le­ben­der Mensch sein woll­te. Er war düs­ter, feind­lich und un­heim­lich.

Im Gegen­satz zu der Mei­nung je­ner, die er zu­rück­ge­las­sen hat­te, war er je­doch kei­nes­wegs un­frei­wil­lig an die­sem Ort.

Den­noch war er ge­fan­gen in die­ser Welt un­fä­hig, sie oh­ne Hil­fe wie­der zu ver­las­sen.

Er war­te­te schon lan­ge auf eine Ge­le­gen­heit, die Macht an sich zu rei­ßen. Doch Zeit spiel­te hier kei­ne Rol­le.

Schon als Mensch war er macht­hung­rig ge­we­sen, auch wenn er die­se Ge­lüs­te gut zu ver­ber­gen wuss­te, hin­ter sei­ner Mas­ke schein­bar freund­li­cher Be­schei­den­heit.

O ja! Er hat­te die­se Rol­le sehr gut ge­spielt!

Vor der Frau, die ihn lieb­te, die dach­te, er wür­de sie an­be­ten, wäh­rend sie ihn nur lang­weil­te, vor ihrem ge­fühls­du­se­li­gen Bru­der, der in sei­ner ein­fäl­ti­gen Be­ses­sen­heit für eine Ge­lieb­te aus einem frü­he­ren Le­ben, sei­ne Mensch­lich­keit auf­ge­ge­ben und zu einem Vam­pir ge­wor­den war.

Für sie al­le war er der net­te Land­jun­ker ge­we­sen, den sie in ihm se­hen woll­ten.

Er hat­te sie al­le ge­täuscht. Nie­mand er­kann­te sein wah­res Ich. Nie­mand wuss­te von sei­nem bren­nen­den Ehr­geiz, von sei­nem un­still­ba­ren Ver­lan­gen zu herr­schen.

Von Kind­heit an hat­te er ge­lernt, sei­ne Ab­sich­ten zu ver­ber­gen. Er lern­te zu schwei­gen, über die Din­ge, die ihm schon in jun­gen Jah­ren von sei­ner Er­zie­he­rin bei­ge­bracht wor­den wa­ren. Dunk­le Din­ge.

Er er­lern­te von klein auf ma­gi­sche Prak­ti­ken und er war ta­len­tiert. Die Frau, die ihn er­zo­gen hat­te, er­zähl­te ihm die Wahr­heit über sei­ne Ab­stam­mung.

Er war der Nach­kom­me eines mäch­ti­gen Hexen­ge­schlechts, das im Ver­bor­ge­nen seit Jahr­hun­der­ten ihre dunk­le Ma­gie aus­üb­te.

Nur sei­ne El­tern wa­ren an­ders ge­we­sen. Sie woll­ten wie nor­ma­le Men­schen le­ben und ver­such­ten, jeg­li­ches Wis­sen über Zau­be­rei von ihm fern­zu­hal­ten.

Sie ahn­ten nicht, dass die Er­zie­he­rin, die sie für ihren Sohn ein­stell­ten, ihrem Wunsch ent­gegen­wirk­te. Sie sorg­te da­für, dass er sich be­wusst wur­de, wel­ches Er­be er in sich trug.

Er war über die­se Ent­wick­lung nicht un­glück­lich. Eif­rig be­schäf­tig­te er sich vie­le Jah­re mit den ge­heim­nis­vol­len Wis­sen­schaf­ten und ver­such­te, das Tor zu an­de­ren Wel­ten zu öff­nen.

Längst wuss­te er aus al­ten Schrif­ten, dass er für einen sol­chen Zau­ber Vam­pir­blut be­nö­tig­te. Doch ganz gleich wie viel er such­te und forsch­te, es gab kei­ne Vam­pi­re.

Bis zu je­nem glück­li­chen Tag, an dem in der eige­nen Fa­mi­lie, sein Schwa­ger zu einem wur­de.

Heim­lich zapf­te er ihm Blut ab, um das Ri­tual zu voll­brin­gen, das ihm ein Tor in eine an­de­re Welt öff­nen konn­te.

Er gönn­te sich sei­ne per­sön­li­che Ge­nug­tu­ung, als er den ar­ro­gan­ten Ein­falts­pinsel so­gar da­ran teil­neh­men ließ, um ihm die Schmach der Mit­schuld, an sei­nem Ver­schwin­den, auf­zu­bürden.

Selbst jetzt muss­te er lä­cheln, bei dem Ge­dan­ken da­ran. Ge­nüss­lich stell­te er sich das Ent­set­zen vor, dass er aus­ge­löst ha­ben muss­te, als er ein­fach wie vom Erd­bo­den ver­schluckt, ver­schwun­den war.

Als er sein Ziel er­reich­te und in die Vor­welt ein­ge­drun­gen war, stand er vor einer wei­te­ren Ent­schei­dung. Als le­ben­der Mensch war er nicht da­zu aus­erse­hen in der Höl­le zu sein.

Der Meis­ter al­ler Hexen, der ihn recht wohl­wol­lend in Emp­fang nahm, bot ihm an, sei­ne See­le die­ser Welt zu ver­pfän­den. So­mit wur­de er zu einem Ge­schöpf der Vor­welt, zu einem Dä­mon und konn­te blei­ben.

Oh­ne zu zö­gern, nahm er an. Er war nicht so weit ge­kom­men, um jetzt zu schei­tern.

Es war ihm nicht schlecht er­gan­gen bei den Hexen. Sie wa­ren neu­gie­rig und such­ten sei­ne Ge­sell­schaft, wenn auch nie­mand ver­ste­hen konn­te, wa­rum er frei­wil­lig in die Vor­welt, die Höl­le ge­kom­men war.

Er er­klär­te es mit sei­ner Wiss­be­gie­rig­keit. Er woll­te al­les ler­nen, al­les er­fah­ren. Er hat­te den Ehr­geiz der größ­te Hexer al­ler Zei­ten zu wer­den.

Da­mit lös­te er Ge­läch­ter aus, bei dem Hexen­meis­ter und al­len an­de­ren Hexen und Hexern.

»Wis­sen kannst du hier wohl fin­den. Ler­nen kannst du al­les, was mit Ma­gie zu tun hat. Doch wo willst du die­ses Wis­sen an­wen­den? Hier? Ma­gie ver­leiht dir Macht in der Men­schen­welt. Al­le Din­ge, die du dort be­gehrst, kannst du mit Ma­gie er­rei­chen. Doch hier sind die­se Din­ge nicht von Be­deu­tung.«

Er hat­te den Meis­ter ver­blüfft an­ge­se­hen. »Dann ler­ne ich al­les und keh­re wie­der zu­rück.« Sei­ne Wor­te lös­ten wie­der schal­len­des La­chen bei al­len An­we­sen­den aus.

Er sah den Meis­ter fra­gend an. Der nick­te mit spöt­ti­schem Lä­cheln. »Ge­nau das kannst du nicht mehr. Du ge­hörst jetzt zur Vor­welt. Wer ein­mal hier ist, bleibt auch hier.«

Er hat­te nicht ge­ant­wor­tet, nur still in sich hi­nein­ge­lä­chelt.

Hier blei­ben, für im­mer? Das kam für ihn nicht in Fra­ge. Er hat­te vor­ge­sorgt, in­dem er bei sei­nem Über­tritt in die Vor­welt den erst­bes­ten Gegen­stand den er in die­ser Welt er­blick­te durch das sich schlie­ßen­de Tor in die Men­schen­welt warf: Es war ein Dolch. Dass es ein me­ren­gi­scher Dolch war, der Dä­mo­nen zu tö­ten ver­moch­te, ahn­te er da­mals nicht.

Er wuss­te nur, dass er da­mit einen Platz­hal­ter für sei­ne Exis­tenz in der Men­schen­welt ver­an­kert hat­te. Der Dolch wür­de ihm er­mög­li­chen wie­der in sei­ne Welt zu­rück­zu­keh­ren und dort von sei­ner Macht Ge­brauch zu ma­chen.

Doch erst ein­mal muss­te er ein mäch­ti­ger Hexer wer­den. Al­so mach­te er sich da­ran al­les zu er­ler­nen, zu er­fah­ren, was es an ma­gi­schem Wis­sen gab. Es gab eine gan­ze Men­ge.

Bei all sei­ner Ge­lehr­sam­keit fehl­te ihm je­doch eine Mög­lich­keit, das Er­lern­te prak­tisch an­zu­wen­den.

Er wuss­te nun, wie er sich un­end­li­chen Reich­tum ver­schaf­fen konn­te. Es stand in sei­ner Macht, Lie­be für ihn zu er­we­cken in al­len Ge­schöp­fen. Er kann­te den Zau­ber für ewi­ge Ju­gend und Ge­sund­heit.

Nichts von all dem brauch­te er an dem Ort, an dem er sich be­fand.

Er al­ter­te nicht, denn Zeit war nicht exis­tent. Krank­hei­ten gab es eben­so we­nig. Reich­tum er­gab sich im­mer nur aus dem Gegen­wert von Be­gehr­lich­kei­ten. Aber er ver­spür­te kei­ne Be­gier­de, et­was zu be­sit­zen. Er hat­te auch kein Ver­lan­gen nach Zu­nei­gung oder Lie­be.