Gourrama: Historischer Roman - Friedrich Glauser - E-Book
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Friedrich Glauser

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Beschreibung

In dem historischen Roman 'Gourrama' von Friedrich Glauser wird die faszinierende Geschichte des gleichnamigen Dorfes im besetzten Westafrika des 19. Jahrhunderts erzählt. Glauser's literarischer Stil zeichnet sich durch tiefgründige Charakterstudien aus, die die politischen und sozialen Umstände der Zeit reflektieren. Der Roman bietet einen Einblick in die koloniale Periode und die Auswirkungen des europäischen Imperialismus auf lokale Gemeinschaften. Glausers Schilderung des Lebens in Gourrama ist sowohl detailreich als auch einfühlsam, was zu einem eindringlichen Leseerlebnis führt. Als literarisches Werk reflektiert 'Gourrama' die historischen Realitäten und regt zum Nachdenken über die Menschlichkeit angesichts von Unterdrückung und Widerstand an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Friedrich Glauser

Gourrama: Historischer Roman

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Melina Bauer
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Gourrama: Historischer Roman
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Gehorsam und Gewissen spannt sich in Gourrama eine stille, unerbittliche Spannung, die sich im Sand der Wüste, im Rhythmus militärischer Routinen und in den feinen Verschiebungen menschlicher Beziehungen spiegelt, während an einem abgelegenen Posten der französischen Fremdenlegion die Frage, wie man in einem System aus Befehl und Gewalt Mensch bleibt, ohne große Gesten, dafür mit scharfen Beobachtungen und leisen Erschütterungen verhandelt wird, sodass sich aus Alltagsdetails, klimatischer Härte und moralischer Ambivalenz ein Sog bildet, der weniger auf Spektakel als auf Wahrnehmung, Haltung und Verantwortlichkeit zielt und damit die tiefere, oft überhörte Dramatik des Daseins freilegt.

Gourrama ist ein historischer Roman von Friedrich Glauser, der die Welt eines marokkanischen Garnisonsortes der französischen Fremdenlegion in den Blick nimmt. Das Werk verknüpft die Strenge militärischer Ordnung mit der Fremdheit einer Grenzlandschaft, die zugleich realer Schauplatz und moralischer Prüfstein ist. Entstanden aus intensiver Kenntnis der Legion und ihrer Rituale, wurde der Text erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht, was ihm im Œuvre den Rang einer besonderen, lange nachwirkenden Stimme verleiht. Statt auf exotisierende Kulissen zu setzen, konzentriert sich Glauser auf Strukturen, Stimmungen und soziale Mechanismen, die das Leben am Rand des Empire bestimmen.

Die Ausgangssituation ist nüchtern: In einer abgelegenen Station hält eine kleine Einheit den Betrieb aufrecht, zwischen Wachgängen, Versorgungssorgen und der ständigen Aufmerksamkeit, die die Landschaft erzwingt. Das Personal ist bunt zusammengesetzt, verbunden durch Disziplin, getrennt durch Herkunft, Sprachen und Erwartungen. Kontakte zur Umgebung bleiben von Misstrauen, Aushandlung und Alltagspragmatik geprägt, während die Hitze jede Geste beschwert und die Nacht die Geräusche schärft. Unerwartete Vorkommnisse stehen im Raum, doch der eigentliche Druck erwächst aus der Wiederkehr des Immergleichen, das unbarmherzig Charaktere formt. Ohne dramatische Überhöhung tastet der Roman ab, wie Menschen unter äußerem Zwang eigene Maßstäbe behaupten.

Glausers Erzählstimme ist konzentriert und illusionslos, zugleich von einer zurückgenommenen Empathie getragen, die Beobachtetes nicht kommentiert, sondern präzise beleuchtet. Die Prosa arbeitet mit knappen Bildern, wiederkehrenden Motiven und fein gesetzten Rhythmusverschiebungen; Dialoge sind funktional, Silenzen beredt. Der Ton bleibt sachlich und doch spannungsvoll, weil jede Beschreibung eine Entscheidung über Blick und Distanz markiert. Aus der Summe kleiner Details entsteht eine dichte Atmosphäre, in der Handlung nicht als Kette von Sensationen, sondern als Prozess der Wahrnehmung spürbar wird. So entfaltet sich ein Leseerlebnis, das an die Aufmerksamkeit appelliert und ethische Spannungen leise hörbar macht.

Zentrale Themen kreisen um Macht und Ohnmacht, Zugehörigkeit und Entfremdung, Verantwortung und Selbstschutz. Der Roman beobachtet, wie Institutionen Haltungen formen, wie Gehorsam Sicherheit verspricht und doch mit Schuld auflädt, und wie die Wüste als physischer und symbolischer Raum Bewährungsproben stellt. Koloniale Strukturen erscheinen nicht als Theorie, sondern als Alltagspraxis: Regeln, Blicke, Tauschbeziehungen, Sanktionen. Kameradschaft ist ambivalent, zugleich Rettungsanker und Druckmittel. Sprache, Missverständnis und Schweigen prägen das Miteinander, während Herkunftslinien porös werden. Im Brennglas der Station reflektiert das Buch die Frage, worauf ein Mensch Anspruch hat, wenn Institution und Umgebung ihn auf die Rolle reduzieren.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Gourrama relevant, weil es Mechanismen beleuchtet, die weit über seinen historischen Rahmen hinausreichen. Fragen nach Autorität, Loyalität und der moralischen Preisgabe im Dienst von Organisationen sind in militärischen, zivilen und digitalen Strukturen gleichermaßen virulent. Das Buch sensibilisiert für die Grauzonen kolonialer Machtverhältnisse, ohne sie zu simplifizieren, und lädt dazu ein, Perspektiven und blinde Flecken im eigenen Blick mitzudenken. Auch die Darstellung belasteter Männlichkeitsbilder, der Umgang mit Angst und der stille Verschleiß des Alltags wirken erstaunlich gegenwärtig. So wird Geschichte nicht museal, sondern als Prüfung unserer Gegenwart erfahrbar.

Wer Gourrama liest, erhält keinen Abenteuerroman im herkömmlichen Sinn, sondern ein präzises, unaufgeregtes Panorama, das lange nachhallt. Glauser zeigt, wie erzählerische Ökonomie große Spannung erzeugen kann, und erweitert sein weithin bekanntes Krimiwerk um eine ernsthafte, historisch grundierte Studie über Macht und Moral. Die Lektüre schärft die Sinne für Zwischentöne, beobachtet Menschen ohne Urteilsgeste und vertraut darauf, dass Komplexität auszuhalten ist. Gerade darin liegt ihr Wert: in der Einladung, die eigenen Kriterien zu prüfen. Wer sich auf die ruhige Intensität einlässt, entdeckt ein Buch, das beharrlich fragt, was Standhalten bedeutet und woran es sich letztlich bewährt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Gourrama ist ein historischer Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser. Er führt in ein abgelegenes Fort der Fremdenlegion im marokkanischen Binnenland, wo eine kleine Garnison den kolonialen Anspruch Frankreichs sichern soll. Der Roman setzt auf genaue Beobachtung statt dramatischer Geste und entfaltet von Beginn an die Kargheit von Landschaft, Alltag und Sprache. Aus dem Wechsel von Routine und latenter Bedrohung entsteht eine dichte Grundspannung. Glausers Erfahrung mit der Legion ist spürbar; sie verleiht Schauplatz und Figuren eine nüchterne Glaubwürdigkeit. Im Mittelpunkt stehen keine Helden, sondern Menschen, die mit Hitze, Regeln und Selbstbildern ringen.

Der Erzählfluss folgt der Ordnung des Forts: Weckruf, Appell, Wartungsarbeiten, Patrouillen, Wachgänge, knappe Mahlzeiten. Dienstgrade und Herkunft mischen sich; Sprachen prallen aufeinander, gestikulierter Pragmatismus füllt die Lücken. Ein erfahrener Unteroffizier hält die Truppe zusammen, ein junger Offizier sucht zwischen Vorschrift und Verantwortung seinen Ton, Rekruten versuchen, im Staub der Kaserne einen Rhythmus zu finden. Auch einheimische Hilfskräfte und Händler tauchen auf – nicht als Folklore, sondern als Teil eines fragilen Gefüges. Schritt für Schritt zeigt der Roman, wie Disziplin funktioniert, woran sie scheitert und wie der Sand jede Kategorie von Stärke relativiert.

Zunächst wirken die Gefahren fern, doch Gerüchte über Spannungen in den umliegenden Stämmen dringen durch die Mauern. Eine Erkundung ins Umland legt Versorgungsprobleme und Verwundbarkeit offen; zugleich verschärfen sich interne Reibungen. Der Umgangston verroht, kleine Nachlässigkeiten bekommen Gewicht, und die Frage, ob Ruhe mit Härte oder mit Umsicht zu sichern sei, spaltet die Führung. Glauser steigert die Unsicherheit nicht über Sensation, sondern über Beobachtungen: zögernde Blicke, unruhige Tiere, verdächtige Spuren. Aus dem Nebeneinander von banaler Arbeit und alarmierten Routinen entsteht der erste Wendepunkt: Die Garnison muss anerkennen, dass Normalität nur noch als dünne Oberfläche besteht.

Die Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung sind von Praktik und Misstrauen geprägt. Dolmetscher, Scouts und Zwischenhändler verhandeln Wege, Wasserstellen und die Bedingungen des Nebeneinanders. Märkte, Mokka in der Hitze, das Abwägen von Geschenken und Drohungen – der Roman zeigt die Mechanik kolonialer Nähe, ohne sie zu romantisieren. Mehrdeutige Absprachen mit regionalen Autoritäten schaffen Spielräume und Fallen zugleich. Fehlhörungen und kulturelle Zuschreibungen verschärfen Missverständnisse. Das Relief der Landschaft – Oasen, Geröllfelder, trockene Flussbetten – fungiert als zweite Handlungsebene und macht jeden Entschluss prekär. So tritt neben die äußere Bedrohung eine moralische Frage: Was bedeutet Ordnung, wenn sie Misstrauen erzeugt?

Aus dem steigenden Druck heraus entsteht eine kritische Lage, die den Fortbetrieb erschüttert. Ein Vorstoß gerät ins Stocken oder verläuft anders als geplant; Verantwortlichkeiten werden verhandelt, Schuldzuweisungen liegen in der Luft. Ein Disziplinarfall – exemplarisch und doch alltäglich – zeigt, wie schnell Gesichter der Kameradschaft zu Masken werden. Einige halten an Routinen fest, andere verfallen schweigender Abwehr; körperliche Erschöpfung frisst Entscheidungen an. Der Roman macht keinen großen Skandal daraus, sondern lässt die Brüche in Anweisungen, Blicken und kleinen Gesten aufleuchten. Damit verschiebt sich der Fokus: Nicht der äußere Gegner, sondern das Innere der Truppe wird zum Prüfstein.

Die Führung reagiert mit verschärfter Kontrolle, doch der Gewinn an Ordnung ist trügerisch. Die Stimmung schwankt zwischen Trotz und Müdigkeit, und die Versorgungslage bleibt knapper als die Parolen. In dichten, unspektakulären Szenen nähert sich der Text mehreren Figuren: Was als Pflicht begann, wird zu einer Frage nach Sinn, Schuld und Selbstachtung. Kleine Akte der Fürsorge stehen neben bürokratischem Eifer; Fremdheit lässt sich weder wegkommandieren noch romantisieren. Die Landschaft bleibt indifferent, die Tage wiederholen sich, während sich das Unvermeidliche andeutet. Der zweite Wendepunkt kündigt sich als Lage an, nicht als Ereignis: Eine Entscheidung kann nicht länger vertagt werden.

Auf diese Spannung hin bündelt der Roman seine Bewegungen in einer Zuspitzung, deren konkreten Ausgang er ohne pathetische Auflösung vorbereitet. Entscheidend ist weniger das Ergebnis als die Erkenntnis, die es stiftet: Bilder von Tapferkeit, Zivilisation und Kontrolle werden auf ihre Kosten geprüft. Glausers präzise, unaufgeregte Prosa, hörbar geschult an eigener Erfahrung, hält Distanz und Nähe zugleich und lässt Urteile beim Leser entstehen. So hinterlässt Gourrama die nachhaltige Wirkung eines antiheroischen Kolonialromans: Er zeigt Institution und Individuum als verletzliche Größen und deutet an, dass Ordnung im Grenzraum nur als Balance von Wahrnehmung, Verantwortung und Zweifel bestehen kann.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der Roman ist in den frühen 1920er Jahren im französischen Protektorat Marokko situiert, an einem abgelegenen Legionärsposten namens Gourrama am Rand der Sahara. Prägend für Zeit und Ort sind die Institutionen der Kolonialherrschaft: die französische Fremdenlegion als bewaffnetes Instrument, die Résidence générale in Rabat unter Generalresident Hubert Lyautey, sowie der militärisch-zivile Dienst der Affaires indigènes, der über lokale Caïds und Notablen verwaltet. Das Postennetz, zu dem Gourrama gehörte, diente der Überwachung von Oasen und Karawanenwegen. Die Legion hatte ihr Hauptquartier in Sidi Bel Abbès (Algerien) und stationierte Kompanien in marokkanischen Grenz- und Wüstenposten.

Die Handlung spiegelt die Nachkriegszeit nach 1918: Europa war von wirtschaftlichen Krisen, Arbeitslosigkeit und Entwurzelung geprägt, und die Fremdenlegion rekrutierte zahlreiche Ausländer, oft ehemalige Frontsoldaten, mit Fünfjahresverträgen und der Aussicht auf Anonymität. Neben französischen Truppenteilen (u.a. Tirailleurs und Spahis) bildete die Legion einen Kern der kolonialen Garnisonen in Marokko. Kompanien wurden an entlegene Orte wie Gourrama verlegt, um Grenzen zu sichern, Straßen zu bauen und Präsenz zu zeigen. Der militärische Alltag war von strenger Disziplin, kargen Ressourcen und einer multinationellen Truppe geprägt, deren Umgangssprache Französisch und Soldatenargot war. Anwerbungen liefen über Depots in Frankreich und über das Hauptquartier in Sidi Bel Abbès.

Im Protektorat verfolgte Lyautey eine Politik der „tache d’huile“: schrittweise Ausweitung der Kontrolle von gesicherten Zentren aus, gestützt auf Verkehrswege, Telegraphie, kleine Forts und ständige Patrouillen. Offiziere des Dienstes der Affaires indigènes wirkten als Bezirksverwalter, sammelten Informationen und stützten sich auf verbündete Autoritäten. In Süd- und Ostmarokko entstand in den 1910er und 1920er Jahren ein Netz befestigter Posten entlang von Oasen und Flusstälern wie dem Ziz; solche Bordjs strukturierten Handel und Steuererhebung. Gourrama ist als solcher Posten historisch belegt und steht im Roman für diese Mischung aus Militärstation, Verwaltungsstelle und Kontaktzone.

Die Kolonisierung stieß weiterhin auf Widerstand. Im Norden führte der Rifkrieg (1921–1926) zunächst gegen Spanien, später unter französischer Beteiligung, zu einer umfassenden Militärkampagne. Auch südlich und im Hohen Atlas setzten sich Aufstandsbewegungen fort; die Aït-Atta-Konföderation leistete bis 1933 erbitterten Widerstand, der in der Schlacht am Bou Gafer gipfelte. Bereits in den frühen 1920er Jahren lebten abgelegene Posten mit Spannungen, unsicheren Verbindungen und periodischen Scharmützeln. Der Roman vermittelt, ohne Schlachtenepos, die Atmosphäre von Patrouillen, Verhandlungen und einer jederzeit möglichen Eskalation, wie sie die Garnisonen im Protektorat prägte. Französische Entscheidungen in Rabat und Paris wirkten sich direkt auf die Versorgung und Einsatzpläne der abgelegenen Posten aus.

Der Alltag der Legionäre war von Routinen bestimmt: Wachdienst, Exerzieren, Wegebau, Instandhaltung von Brunnen und Befestigungen, gefolgt von Patrouillen in kleinem Rahmen. Nachschub war wetter- und wegeabhängig; Hitze, Kälte und Sandstürme belasteten Mensch und Material. Häufige Krankheiten in Nordafrika waren u.a. Malaria, Ruhr und Trachom; Lazarette versorgten die Garnisonen mit begrenzten Mitteln. Disziplinarmaßnahmen reichten von Arrest bis zu Strafkommandos. Die Truppe setzte sich aus Deutschen, Österreichern, Osteuropäern, Spaniern, Italienern und anderen Nationalitäten zusammen, verbunden durch Reglement und Drill. Solche Bedingungen rahmen die Figuren und Konflikte, die Glauser zeigt, ohne Sensation zu suchen.

Militärische Präsenz und zivile Verwaltung überlagerten das Gefüge lokaler Gesellschaften. Vermittlerrollen spielten Caïds, Schreiber und Übersetzer; französisch geführte Goumiers dienten als Hilfstruppen. Posten wie Gourrama fungierten als Knotenpunkte von Karawanenverkehr, Marktwirtschaft und Steuererhebung, weshalb Kontakte zwischen Soldaten, Händlern und Bewohnern unvermeidlich waren. Informationsgewinnung, Verträge, aber auch Misstrauen und kulturelle Missverständnisse gehörten zum Alltag. Der Roman spiegelt diese Interaktionsräume und zeigt, wie koloniale Ordnungsvorstellungen mit regionalen Autoritäten, religiösen Praktiken und ökonomischen Zwängen kollidierten, ohne die Perspektive der Beteiligten zu romantisieren. Sprachbarrieren prägten Verhandlungen; Dolmetscher waren unverzichtbar, konnten aber Missverständnisse und Interessenlagen nicht vollständig ausgleichen.

Friedrich Glauser (1896–1938), ein Schweizer Autor, diente 1921–1923 in der französischen Fremdenlegion in Nordafrika und war in marokkanischen Posten stationiert. Er verarbeitete diese Erfahrungen literarisch; das Manuskript zu „Gourrama“ entstand in den folgenden Jahren. Der Roman erschien postum 1940 und zählt neben Glausers Kriminalromanen zu seinem zentralen Prosawerk. Stilistisch verbindet er Beobachtungsgabe und knappe, sachliche Darstellung mit einer deutlichen Sensibilität für soziale Verhältnisse. Damit reiht sich „Gourrama“ in die zwischenkriegszeitliche Literatur ein, die militärische Institutionen und Kolonialalltag nicht als Abenteuer, sondern als Arbeits- und Herrschaftsverhältnisse schildert. Glausers eigene Legionserfahrung ist in zeitgenössischen Briefen und Berichten dokumentiert und bildet die faktische Grundlage der Darstellung.

Historisch gelesen, fungiert „Gourrama“ als Kommentar zur Zwischenkriegszeit im französischen Marokko: Es legt die Mechanik der Protektoratsverwaltung, die Abhängigkeit der Truppe von Logistik und lokalen Bündnissen sowie die fragilen Loyalitäten in Grenzräumen offen. Zugleich macht das Buch die Entfremdung der Soldaten sichtbar und konterkariert zeitgenössische Verklärung der „Mission civilisatrice“. Ohne agitatorische Thesen dokumentiert der Roman Alltag, Sprache und Hierarchien und erreicht so eine kritische Perspektive auf Kolonialherrschaft und Militärdisziplin. Dadurch behält er Wert als literarisches Zeugnis und als historisch anschlussfähige Darstellung einer spezifischen europäischen Epoche. In der Rezeption wird das Werk daher häufig als nüchternes Gegenbild zu exotisierenden Legionserzählungen gelesen.

Gourrama: Historischer Roman

Hauptinhaltsverzeichnis
Alltag
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
Fieber
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Auflösung
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel

Alltag

Inhaltsverzeichnis
La solitude bleue et stérile a frémi…
Mallarmé, Don du poème

1. Kapitel

Der vierzehnte Juli

Inhaltsverzeichnis

Nur noch zwei Kilometer«, sagte der alte Kainz. »Du kannst schon den Turm vom Posten sehn… Jetzt! Schau! Dort, wo's blitzt, liegt das Zimmer vom Alten.«

Er hielt sich am Steigbügel fest und keuchte, denn er war alt.

»Wüllst net du jetzt reiten?« fragte Todd, während er sich den Schweiß aus den spärlichen Barthaaren wischte. – »Na, na!« Kainz schüttelte den vertrockneten Kopf und fuhr mit seinem Nastuch unter den Tropenhelm. Es war erst neun Uhr morgens, aber die Sonne brannte schon heiß. Die dritte Sektion der 2. Compagnie montée[1] vom 3. Fremdenregiment[2] hatte ein Detachement von zwanzig Mann, das aus Algerien zur Verstärkung gekommen war, von Atchana abgeholt. Die Truppe marschierte nach Gourrama zurück, einem kleinen Posten im südlichen Marokko.

Grau war die Ebene und tiefe Gräben zerteilten sie. Die Ränder fielen steil ab, und es sah aus, als habe Hitze und Trockenheit die Erde auf weite Strecken gespalten. Aber im Winter flossen in den Spalten Bäche – herab von den Bergen aus rotem Stein, die fern in der Sonne flimmerten. Und im Osten, hinter ihnen, bauten sich die Schneegipfel des Hohen Atlas auf, weißblendend wie glühendes Silber, gegen den dunkelblauen Himmel.

An der Spitze der Kolonne ritt Sergeant Hassa, ein Böhme mit falschen Augen, der in Colomb-Béchar das Kommando über die ›Neuen‹ übernommen hatte. Freiwillige für Marokko aus Saida, Le Kreider, Bel-Abbés. Hassa selbst kam mit zwei Korporalen und drei Mann aus Géryville. Neben Hassa ritt der Adjutant Cattaneo, Befehlshaber der dritten Sektion, ein Piemonteser, der im aufgedunsenen Gesicht einen graugesprenkelten Schnurrbart trug; seine Haut hatte der Schnaps blau gefärbt – außerdem war er ein Analphabet, und nur mit großer Mühe gelang es ihm, seinen Namen zu unterzeichnen. Aber stets fand er Freiwillige genug, die ihm seine Rapporte schrieben, denn er war gefürchtet ob seiner Grobheit. Wie viele Ungebildete, denen unerwartet Macht zuteil wird, liebte er es, belehrende Vorträge zu halten. Und er war froh, daß Sergeant Hassa ein aufmerksamer Zuhörer war.

Adjutant Cattaneo erzählte von den Zuständen in der zweiten Compagnie montée. Capitaine Chabert führe sie, ein ruhiger, anständiger Mann, der jedoch nicht viel auf Disziplin halte. Mit den Unteroffizieren sei sein Benehmen manchmal unter jeder Kritik – unter jeder Kritik –, denn er gebe immer dem gemeinen Manne recht. Dann wurde die Stimme giftig, denn nun wurde Leutnant Lartigue durchgehechelt. Ein hocheleganter Herr sei dies – un moossiööö! – der sich viel mit Büchern beschäftige, ja, diese Bücher sogar lese! Und elegant sei dieser Herr Leutnant! Fünf weiße Uniformen besitze er und drei khakifarbene! Zum Zeitvertreib –, denn anders könne man wohl seine militärische Tätigkeit kaum nennen – befehlige er die Sektion der Maschinengewehre. Ein Herr, der den Größenwahn habe! Weiter sei über ihn wohl nichts zu sagen… Hassa nickte zu diesen Eröffnungen und sein Lächeln hatte die richtige Nuance der Untertänigkeit.

Nun kam ein anderer Mann an die Reihe, der, obwohl Korporal, doch eine gewisse Rolle in der Kompagnie zu spielen schien.

Lös heiße dieses Individuum, sagte der Fuhrmann aus dem Piemont –, denn dieses ehrliche Handwerk hatte Cattaneo betrieben, bevor er es zu einem kleinen Tyrannen in einem Söldnerheere gebracht hatte. Was diesen Korporal Lös angehe, so habe er vor zwei Monaten die Administration vom Sergeanten Sitnikoff übernommen. Und das Merkwürdige an dieser Verpflegung – an dieser Administration – sei, daß sie nicht eigentlich dem Kommandanten der Kompagnie, dem Capitaine Chabert, unterstehe, sondern dem Intendanzbüro in Bou-Denib. Bitter fuhr der Adjutant fort, sich über das Individuum Lös zu beklagen. Ihm, seinem Vorgesetzten –, denn es sei doch klar, daß dem Range nach ein Adjutant höher stünde als ein Korporal –, ihm also, seinem Adjutanten, habe dieser Lös den Morgenschnaps verweigert!… Und dabei lagerten in der Administration mindestens fünf Fäßlein zu je dreihundert Liter! Fünf Fäßlein!… Kartoffelschnaps!… Wie wohl tat es dem Adjutanten, seinen Grimm über diesen Administrationskorporal Lös auszuspucken! Und wie wohl taten ihm die Bestätigungen von einem Untergebenen! Sie hoben das Selbstbewußtsein, hoben es derart, daß Cattaneo seinen Wallach Trésor mit den Sporen kitzelte – das Roß griff aus und Hassas gemütliches Maultier folgte dem leichten Trab kopfschüttelnd, schnaufend und unwillig…

Die weißen Mauern des Postens waren schon nah und glitzerten in der Sonne wie Firnschnee[1q].

»Ein paar anständige Leut' gibt's schon bei uns«, meinte der alte Kainz hinauf zum Reitenden, denn auch er fühlte sich verpflichtet, den neuen Freund aufzuklären… Sie verstanden sich gut, denn sie waren beide Wiener. Das hatten sie gleich festgestellt. »Der Chabert – das is der Capitaine, der schaut auf uns. Prison und Kriegsgericht –, das kennen mir net. Wenn einer beispülsweis an Rausch hat, so muß er ihn in der Zellen ausschlafen. Und dann laßt ihn der Alt' wieder springen. Dann ham mer noch den Leitnant Lartigue, an feinen Menschen! Groß, fest! Der nimmt dir a Mitraillös mitsamt dem Dreifuß auf eine Hand und stemmt's mit ausgestrecktem Arm; aber Fieber hat er halt immer! Des is schod! Aber wenn du einmal kane Spreizen mehr hast, so gehst einfach zu ihm. Dann schenkt er dir zwei oder drei Packerln… ja…!«

Todd verstand die Anspielung. Die algerischen Zigaretten, die ›Job‹ waren rar in Marokko… Darum suchte er in seiner Tasche, fand ein angebrochenes Paket und reichte es dein alten Kainz. »Na, na… Geh weg… Sei stad! So hab i's net g'meint! I hab noch genug zum Rauchen, und mein Korporal gibt mir, wenn ich brauche…« In der Verlegenheit verfiel er in ein komisches Hochdeutsch. Doch da Todd nicht nachgab, nahm er die Zigaretten doch an.

»Gut! Wenn d'es wüllst… Aber ich revangschier mi dann. Heut am Abend kommst mit mir in die Administration, es is eh vierzehnter Juli – und dann stell i di meim Korporal vor, dem Lös. Der wird dir g'folln… Weißt, i bin in der Administration Fleischhauer…«

»Tränken!« rief der Adjutant, denn die Truppe kreuzte einen Einschnitt, auf dessen Grunde ein spärlicher Bach sickerte. Verkrümmte Oleanderbüsche säumten seine Ufer ein. Die Tiere schwärmten aus, senkten den Kopf, während die Reiter sich nach hinten lehnen mußten, weit zurück, um nicht abzurutschen. Dann hoben die Esel wieder ihre Schnauzen, und die Wasserfäden, die von ihren Mäulern hingen, schillerten in allen Regenbogenfarben…

Während das Detachement im Gänsemarsch weiterzog (vorn die Fußgänger, dann die Reiter), fragte Cattaneo:

»Und wie sind die Leute, die Sie mitgebracht haben?«

»Die meisten kenne ich zu wenig.« Hassas Französisch war gut, denn er diente schon seit sechs Jahren. »Ich habe sie erst in Colomb-Béchar übernommen. Aber von denen, die sich in Géryville gemeldet haben, kann ich wenig Gutes berichten. Meistens Kranke, und der Capitaine war froh, sie abzuschieben…«

»Die will ich in meine Sektion«, unterbrach der Adjutant. »Die werd' ich mir kaufen! Ich kenn' nämlich keine Kranken und will sie schon dressieren – die Bürschlein, die Vögelein!«

Er lächelte ein ziemlich häßliches Lachen, die Zähne unter seinem Schnurrbart waren gelb und abgefressen, und die Falten, die das Lächeln entstehen ließen, gaben dem Gesicht einen dumm-grausamen Ausdruck – bei Schwachsinnigen läßt sich ein ähnlicher beobachten. – Dann spuckte Cattaneo kunstgerecht durch eine Zahnlücke und traf das Pferd auf die Nüstern. Trésor wollte bocken, aber ein Ruck an der Kandare zwang das Roß wieder zu zitternder Untergebenheit.

Ein kahler Platz – ein richtiger Exerzierplatz. Rechts niedere Häuser mit gelbgestrichenen Lehmmauern – ein vorstehendes Gebäude war mit einer Veranda geschmückt.

»Das ist unsere Pinte«, erklärte der Adjutant. »Und die schöne Farbe, die zum Anstrich verwendet worden ist, habe ich entdeckt… Eine Art Erde, die ganz in der Nähe zu finden ist. Schön! Finden Sie nicht?« Hassa nickte.

»Und dort«, Cattaneo wies auf ein einzelstehendes Haus, das hinter der roten Mauer, die es umgab, kaum zu sehen war, »das ist unser Kloster! Hahahaha!« Er ließ sein Lachen scheppern, zog die Luft geräuschvoll ein und begann es dann von neuem… Hassa stimmte devot ein. »Jaja, Sie werden es nicht glauben! Schöne Weiber haben wir hier! Zehn für zweihundertfünfzig Mann – ohne die durchziehenden Truppen zu zählen. Glauben Sie mir das, mein lieber Sergeant – wie war doch Ihr Name? – Hassa! Ganz richtig! Mein lieber Hassa! – Natürlich, diese Weiber sind nur da für die Mannschaft. Wir (es lag eine Welt von Hochmut in dem ›wir‹), wir Offiziere haben unsere Frauen hier im Dorf (er wies auf die paar Lehmbaracken), die Sergeanten auch, wenn sie es nicht vorziehen, sich eine nette Ordonnanz auszusuchen.« Er verschluckte sich und mußte lange husten. Schweratmend fuhr er fort: »Ich sage Ihnen, Sergeant, diese Weiber! Vergiftet sind sie bis in die Knochen! Zwar kommt der ›Toubib‹ (und ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, daß wir den Arzt hier ›Toubib‹ nennen) von Rich, um sie zu untersuchen. Aber was nützt das? Sie kümmern sich den Teufel drum, ob sie konsigniert sind oder nicht. Wenn sie nur Geld einnehmen! Und die Alte, die das B.M.C[3]. führt…«

»B. M.C.?« unterbrach Hassa fragend.

»Man könnte meinen, Sie seien ein Neuling, lieber Hassa. Ah, Sie haben nur Tonkin gemacht? Dann, ja dann… Nun das B. M. C. ist das ›Bordel militaire de campagne‹. Untersteht der französischen Administration, auf Marsch werden ihm Zelte und Saumtiere zur Verfügung gestellt. B.M.C. Kürzer könnte man es nicht benennen… Die Alte war seinerzeit die Freundin des Sergeanten, der vor dem Vorgänger jenes Lös die Administration führte. Ein dickes Weib!… Aber Liebe macht blind – sagt man nicht so? Der Sergeant nannte die Alte: ›Mutatschu Guelbi!‹ – ›Mein kleines Herz!‹ Prächtig, nicht wahr?«

Der alte Kainz zeigte auf einen Bau, links am Rande des großen Platzes – Feigenbäume wuchsen hinter seinen Mauern. Der Bau glich in der Form dem Posten – nur war er kleiner und nicht von drei Reihen Stacheldraht umgeben. »Schau«, sagte der Metzger. »Das dort ist das ›bureau arabe‹ – Dort darf sich der Bicot über uns beschweren…« Ein Trupp grauer Kapuzenmäntel flatterte aus dem Tor, zerstreute, ballte sich dann wieder zu einer festen Masse… Vor ihr spazierte ein schlanker Mann hin und her, barhaupt, aber die schwarzblauen Haare wirkten wie ein stählerner Kettenhelm.

»Das is der Capitaine Materne«, sagte Kainz. »Auch ein Bicot… Ein Araber… Sein Vater soll Scheich gewesen sein in der Gegend von Rabat – und reich is er a, der Materne… Weißt, unser Alter muß ihm folgen, denn der Materne is Platzkommandant –. Die grauen Leit hinter ihm des san Maghzen; die wern aufbotten ›zu Aufklärungsdiensten‹, wenn mir unterwegs san… Aber der Materne zahlt sie schlecht. Darum muß er si mit eana streiten. Aber ihm kann nix passieren. Denn in dem Bau dort liegen no Gums – marokkanische Kavallerie – aber eigentlich folgen's nur ihrem Sultan in Fez. Das is auch so a G'schicht, wo niemand sich auskennt. Mir kommen gut aus mit die Gums – denn unser Korporal, der Lös, der gibt eane guets G'wicht. – Das Häuserl, das du dort siehst, is das Schlachthaus. Da geh i jeden Morgen meine acht Schaf abstechen… Was für Viecher! Haut und Knochen! I sag dir: zwölf Kilo Lebendgewicht. Und Würm in der Leber! So groß!« Kainz streckte den Zeigefinger aus.

Vor dem Eingangstor war in die drei Reihen Stacheldraht eine Öffnung geschnitten. Aber an der Seite standen Gestelle, ebenfalls mit Stacheldraht überzogen, die genau in die Öffnung paßten. An der Mauerecke, die dem Eingang am nächsten war, drohte das Rohr einer Kanone gegen die Berge im Süden, und dort war der Himmel hell. »Die große Sahara…!« murmelte der alte Kainz noch mit zahnlosem Mund und sprach das Wort wie den bekannten jüdischen Vornamen aus. Dann ließ er Todd absteigen, nahm das Maultier am Halfter und folgte den andern zum Park.

Furchtsam drängten sich die Neuen zu einem Häuflein zusammen, mitten im Hof, den vier niedere Baracken einsäumten. Der Adjutant hatte sich unter einem vorspringenden Dächlein einen schattigen Platz ausgesucht und saß dort mit hochgezogenen Knien, die Hände auf den Schienbeinen gefaltet. Hassa flüsterte aufgeregt auf den buckligen Sergeanten Schützendorf ein, der schmierig aussah. An seinem Uniformrock fehlten Knöpfe, und seine Wangen waren unrasiert. Er kam aus Saida.

Plötzlich rollte um die Ecke der einen Baracke eine khakifarbene Kugel, die viel Staub aufwirbelte. Etwas schien ihren Lauf zu hemmen, denn sie hielt an und war ein kleiner, sehr kleiner und dicker Mann mit zerknitterter Uniform. Die Policemütze, ohne Schirm, aus dickem, resedagrünen Stoff, war tief über den Kopf gezogen. Die Wangen sahen aus wie rote Polster aus einem Puppenbett… Der Adjutant stand gemütlich auf, und sein Kommando: »Auf zwei Reihen!« klang mehr wie eine im Gesprächston gegebene Aufforderung. »Garde à…«, sagte er noch, aber das ›vous‹ mußte er verschlucken, denn die dicke Gestalt winkte ab mit müder Gebärde. Die Neuen betrachteten verwundert den Mann, der mit seinen kurzen Armen eine kreisförmige Bewegung beschrieb. Sie sammelten sich, und ihr Geflüster raschelte.

»Ich bin«, sagte der Unscheinbare, »euer Capitaine, meine Kleinen. Seid ihr gut gereist? Ja?« Erstaunte, fragende Blicke kreuzten sich. Wollte sich der Mann einen Spaß erlauben? Einen solchen Ton war man in der Legion nicht gewohnt. Als alle stumm blieben: »Ich möchte gern eine Antwort! Seid ihr gut gereist? Habt ihr eine Klage vorzubringen? Redet nur ruhig. Oder, wenn einer von euch nicht öffentlich reden will, so mag er sich melden und nachher zu mir ins Büro kommen. Ich bin da, um euch zu eurem Recht zu verhelfen. Nun, nochmals, seid ihr gut gereist?«

Zögernd, im Chor, die Antwort »Oui, mon capitaine.«

»So ist's recht. Ich merke, ihr müßt euch zuerst an meine Art gewöhnen… In Algerien, denk' ich, hat man euch nur angeschnauzt und sich dann nicht weiter um euch gekümmert. Nun, hier bei mir im Posten, ist das anders. Ich fühle mich verantwortlich für euch alle, ja für alle…« Wieder die kreisförmige Bewegung mit den Ärmchen. »Ihr sollt es gut haben hier. Wenn ihr euch Frankreichs Fahne verpflichtet habt, so sollen wir, eure Vorgesetzten, als Vertreter der großen Republik, euch Dank wissen dafür. Jawohl… Nun, heute habt ihr frei – ihr und meine Kompagnie… (das Wort ›meine‹ unterstrich der Capitaine mit stolzer Betonung und Gebärde)… Meine Kompagnie und ihr habt heute frei – der 14. Juli ist ein festlicher Tag, und feierlich wollen wir seinen Abend begehen. Was für ein Tag es ist – heut abend werd ich's euch erklären. Morgen wird der Chef eure Effekten nachsehen – jetzt könnt ihr abtreten.«

Er fuhr mit seiner feisten Hand ganz scharf zur Stirne, die versteckt war unter dem resedagrünen Stoff der Policemütze – aber weder auf ihr noch auf den Ärmeln glänzten die drei goldenen Borten seines Grades. Und dieser ungewohnt korrekte Gruß (in Algerien hatten gewöhnlich die zwei Finger eines Offiziers Mühe, sich in Schulterhöhe zu heben) schien die Zuhörer des kleinen, unscheinbaren Mannes zu begeistern. Es knallten die Absätze, als sie aneinanderprallten, gestreckt fuhren die Hände zu den Korkhelmen und blieben dort, die Handfläche nach außen.

Capitaine Chabert aber trollte sich wieder, ohne den Adjutanten beachtet zu haben.

Die Leitung des abendlichen Festes hatte Sergeant Baguelin übernommen, ein rothaariger Südfranzose, dessen zarte, mit viel Sommersprossen übersäte Haut die Sonne auch nach sechs Monaten noch nicht hatte braun brennen wollen. Er gehörte nicht der Fremdenlegion an, sondern der Kolonialtruppe, besorgte die Post und bediente das Telephon.

Mit Sergeant Hühnerwald von der Cooperative und Korporal Dunoyer (16 Dienstjahre, davon zwölf in den ›Travaux publics‹) hatte er am Nachmittag die Baracke der Mitrailleusensektion ausgeräumt und die Bühne auf zehn Fässern aufgestellt, die Korporal Lös von der Administration geliehen hatte. Wenig Sitzgelegenheiten: ein paar alte Feldbetten, deren Füße mit Draht befestigt waren. In der ersten Reihe standen drei wirkliche Stühle…

Die Vorstellung begann nach dem Nachtessen, das überaus reichlich gewesen war. Vier Mundharmonikabläser eröffneten das Programm: sie spielten die Marseillaise und stampften dazu im Takt über die Bretter, die sich in der Mitte bogen. Die Zuschauer hatten sich erhoben, der Capitaine sang laut mit, einige brummten die Melodie, die andern standen schweigend und gelangweilt, mit gefalteten Händen, wie in der Kirche. Dann traten die Spieler ab, und alles ließ sich wieder nieder. Die Feldbetten aber konnten das schwere Gewicht nicht tragen, sie brachen zusammen, worauf sich die Versammlung verpflichtet fühlte, ein lautes Lachen erschallen zu lassen. Auch der Capitaine, bequem zurückgelehnt auf seinem Stuhl, ließ ein überzeugtes Wiehern hören. Er hatte in der ersten Reihe Platz genommen. Rechts von ihm hockte seine Ordonnanz, der ungarische Kommunist Samotadji, dessen blonder Bart am Gürtel spitz auslief; links saß der Korporal Hans Lös mit verschränkten Beinen, in einer Stellung, die er vom Scheich des nahen Dorfes gelernt hatte. In weitem Halbkreis umgaben den Capitaine noch etwa zwanzig Mann, als eine Art Leibgarde, und unter dieser befand sich ein einziger Gradierter, eben jener Korporal Lös. Die Vorliebe des Capitaines für den gemeinen Mann war allzu bekannt. Er trug noch immer seinen verwaschenen Khakianzug, der nirgends die drei goldenen Streifen seines Grades sehen ließ.

Aus seinem wohlausgestatteten Zimmer hatte Peschke, Leutnant Lartigues Ordonnanz, einen Klubsessel geschleppt, in dem der Leutnant mit langausgestrecken Beinen lag. Die weiße, gut gebügelte Uniform ließ seine massigen Glieder noch dicker erscheinen. Sein blondes Haar zitterte im Luftzug über der gelben Rundung seiner Stirne; Müdigkeit hatte rund um die Augen und um die trockenen, weißlichen Lippen Falten eingegraben. Am Morgen hatte er einen Fieberanfall gehabt und darum zwei Gramm Chinin geschluckt. Außerdem hatte ihm seine kleine arabische Freundin draußen im Dorf einen Aufguß von Hanfblättern bereitet. Deshalb glänzten seine starkvorgewölbten Augen im Flimmern der vielen Kerzen, die rings an den Wänden auf kleinen Holzbrettern brannten. Nur vorn an der Bühne waren Karbidlampen aufgestellt, deren Pfeifen in der bisweilen einsetzenden Stille deutlich zu hören waren. In einer Ecke, auch in der ersten Reihe, saßen, wie auf einer Insel, voneinander wie durch eine gläserne Wand getrennt, Leutnant Mauriot und Adjutant Cattaneo. Leutnant Mauriot, dessen glattes Bubengesicht vergebens versuchte, sich in verächtliche Falten zu legen – zu gespannt und jung war noch seine braune Haut – und des Adjutanten versoffenes Gesicht, das im gelben Licht grünlich leuchtete, wie das Gesicht eines Ertrunkenen, waren trotz dem Platzmangel von einem kleinen, leeren Raum umgeben, der unübersteigbar schien. Von Zeit zu Zeit warf Leutnant Lartigue aus seinen Kugelaugen einen spöttischen Blick nach den beiden, und ein andauerndes inneres Gelächter, das sich nicht entladen konnte, durchschüttelte seinen Körper.

Endlich, nach einer langen Pause, erschien Sergeant Baguelin auf der Bühne. Um seine knochige Hüften hatte er ein buntes Tuch gewunden, und um den nackten Oberkörper, in der Höhe der Brustwarzen, ein gepolstertes Bändchen geknüpft, das wohl einen Büstenhalter vorstellen sollte. Eckig, mit den Hüften pendelnd kreuzte er über die Bretter, wobei die hölzernen Absätze, die er an seine Tuchschuhe geleimt hatte, im Steptakt klappten. Er sang mit hoher Stimme:

»Et puis si par hasard, Tu voyais ma tante…«

Dazu zwinkerte er. Das Wort ›Tante‹ löste ein lautes Brüllen aus. Chabert beugte sich zu Lös, klopfte ihm auf die Schulter und kniff das linke Auge zu. Lös fühlte sich geschmeichelt; er war der einzige Unteroffizier, dem der Capitaine Freundschaft bewies, wahrscheinlich weil er kein Kommando hatte.

Leutnant Lartigues Gesicht war naß. Das endlich ausgelöste Gelächter hatte einen Schweißausbruch zur Folge gehabt, und seine Haare waren strähnig geworden. Sein Gesicht schien nun eingefallen, alt und durchfurcht, der Nasenknochen trat deutlich hervor, schmal und spitz, unter der dünnen Haut.

Aber der Lärm verstummte plötzlich, und eine schier ehrfurchtsvolle Stille legte sich auf die Köpfe der vielen, die wie abgelöste Kugeln auf der dunstigen Luft schwammen. Eine Frauengestalt stand auf der Bühne, in einem einfachen braunen Kleid, das von den Schultern geradlinig herabfiel. Die Haut, von einem warmen Braun, war wenig heller nur als die Augen, die ruhig und ein bißchen matt in die Ferne sahen.

Erst stand die Gestalt reglos und ließ die Arme entspannt herabhängen. Der Scheitel, der ihr dunkles Haar auf der rechten Seite teilte, war ein sehr weißer Strich, das einzige Weiße an der Erscheinung. Und sie begann zu singen, in deutscher Sprache, ohne merkliche Bewegung, nur der Kopf schwankte sanft auf langem Halse im Takte der Melodie:

»Wir sind die Dollarprinzessen, Mädchen aus lauter Gold.«

Deutlich war die Wirkung des Gesanges in der schweren Stummheit; die gespannten Körper der Lauschenden füllten den Raum mit einer harten Sehnsucht, und die Seufzer, die laut wurden, rissen bunte Fetzen aus den vielen Vergangenheiten und warfen sie in die Baracke, die umgeben war von einer hellen Nacht, einer fremden und feindlichen.

Als sie geendet hatte, verbeugte sich die Frauengestalt leicht und bescheiden, und hielt dabei die Hände in ihrem Schoß gefaltet. Nun schwoll Klatschen an und Füßegetrampel, immer stärker wurde der Lärm. Pfiffe zerschnitten ihn und begeisterte Schreie; all dies schien die Gestalt nicht zu berühren. Sie verbeugte sich noch einmal und ging dann ab, mit leicht wiegenden Schritten. Aber der Beifall rief sie noch einmal hervor. Mit gut gespieltem Zögern betrat sie die Bretter von neuem, verneigte sich, streckte beschwichtigend die flache Hand aus. Der Lärm brach ab.

Die gleiche Stimme, leise, farblos, ein wenig belegt, so, als müsse sie sich durch einen dünnen Stoff durcharbeiten, begann wieder zu singen: das gleiche Lied. So, ohne jegliche Begleitung, einzig getragen von ihrer eigenen Schwäche und unterstützt von den spärlichen Bewegungen des Kopfes, drang sie doch bis in die hinterste Ecke. Aber die braunen Augen verschmähten es, all die Blicke aufzufangen, die sich wie in einem Knotenpunkt auf ihrem Gesicht trafen. Sie waren in die Ferne gerichtet, sahen wohl nichts, enthielten weder Sehnsucht noch Erinnerung.

Als sie geendet hatte, beugte sich Chabert zu Lös. Recht anzüglich ließ er das linke Lid einige Male über das Auge klappen und meinte dann: »Hä, Lös, das wäre wohl was für diese Nacht, meinst du nicht, mein Kleiner?«

Lös schreckte auf und wunderte sich über die Sehnsucht, die ihn langgezogen seufzen ließ. Dann zuckte er mit den Achseln.

»Das ist ja nur Patschuli, mon capitaine, und der ist schon so gut wie verheiratet.«

»Verheiratet, haha, verheiratet. Hören Sie doch, Lartigue, was der kleine Lös mir da erzählt.« Der Capitaine beugte sich zum erschöpften Leutnant, um ihm hinter dem Handrücken den guten Witz zu erzählen. Aber Lartigues spröde Lippen blieben fest geschlossen, kein Lächeln vermochte sie zu biegen. Er schien taub zu sein, und der Capitaine wandte sich wieder der Bühne zu.

Dort trat soeben ein sonderbares Wesen auf. Es schien auf einem Schiebkarren einen andern vor sich her zu fahren. Aber bei aufmerksamem Hinschauen erkannte man, daß der Mann den Oberkörper einer Puppe auf den Rücken geschnallt trug, die in seinen lebenden Beinen auszugehen schien, während ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Schiebkarren mit dem Oberkörper des Mannes verbunden waren. Das Ganze sah grob und grausam aus, die Züge der Puppe waren wild bemalt, sie zeigte scharfe Holzzähne und schlenkerte erschreckend mit den toten Armen. Der Mann selbst hatte auch sein Gesicht ganz weiß angemalt, mit schwarzen Kohlefurchen die Schatten nachgezogen, die durch die Wangen liefen und durch die Stirn, und der große, blutige Mund zog sich bis zu den Ohren. Niemand erkannte zuerst das furchtbare Doppelgeschöpf, bis schließlich einer, der Bescheid wußte, flüsternd die Aufklärung weitergab: »Das ist der Hühnerwald.«

Capitaine Chabert bearbeitete ununterbrochen seine Schenkel mit den Händen, er hüpfte auf seinem Stuhl und konnte nicht aufhören mit »Ah« und »Oh« und »épatant«. Selbst der Adjutant schien aus seiner Starrheit zu erwachen, ein lautes befriedigendes Grunzen ließ seine langen Schnurrbarthaare zittern.

»Enfin, j'ai une auto Et j'y proméne ma femme.«

sang oben das weiße Gesicht und stieß den Schiebkarren über die holprigen Bretter.

Als er nach einigen Reigen verschwunden war, erschienen wieder die vier Mundharmonikabläser; sie spielten nun den Sambre-et-Meuse-Marsch, traten dann ab, und Capitaine Chabert bestieg die Bühne. Breitbeinig stand er oben und winkte Lös und den Sergeanten Sitnikoff zu sich herauf. Er wirkte klein und unscheinbar zwischen seinen beiden Untergebenen. Mit zu kurz geratenen Bewegungen erzählte er von der Erstürmung der Bastille, sprach von der Freiheit, die Frankreichs Volk über ganz Europa gebreitet habe. Auch im vergangenen Krieg sei sein Blut für die Befreiung der Menschheit geflossen, und nun folge es weiter seinen edlen Traditionen, wenn es den Flüchtlingen aller Nationen ein Asyl gewähre gegen die Verfolgungen ihrer Regierungen: den Russen gegen die bolschewistische Diktatur, den Deutschen gegen die Reaktion. Frankreich genüge es, zu wissen, daß alle treu zu seiner Ehre stünden, die es aufgerichtet habe vor mehr als hundert Jahren: die Tricolore. Ob Sozialist, Kommunist oder Royalist, ob Verbrecher oder Unglücklicher, Frankreich frage nur nach Tapferkeit und Treue. Und diese Eigenschaften seien stets hochgehalten worden in der Legion.

»So«, sagte Capitaine Chabert und wandte sich zu seinen Begleitern, »nun erzählt ihr meine Geschichte in eurer Sprache, damit alle etwas davon haben.« Damit vergrub er seine Hände in den Taschen seiner verknitterten Hose und lauschte mit gekniffenen Augen den fremden Lauten, die den Mündern seiner Genossen entströmten.

Leutnant Lartigue suchte verschlafen nach Peschke, um sich heimführen zu lassen. Er fühlte sich allzu unsicher auf den Beinen. Und da er seine Ordonnanz nicht fand, winkte er Lös zu sich heran.

»Lös«, sagte er, »der Alte hat gut reden. Asyl! Lächerlich. Parlamentarierschlagworte. Und den armen Leuten spricht er von einer neuen Heimat. Ich bitte Sie! Nun ja, der Alte behandelt sie gut, aber… Na, im Grunde geht mich ja die ganze Sache nichts an.« Er seufzte laut, denn er mußte daran denken, daß er diese Nacht wohl würde allein schlafen müssen. Er war heute nicht stark genug, um seine kleine Freundin unter dem lang herabfallenden Mantel am grinsenden Wachtposten vorbeizuschleppen. Offen konnte er sie nicht in den Posten führen. Der Alte würde sich allzusehr aufregen: Anstand mußte gewahrt bleiben. Lös hatte sich auf die Armstütze des Stuhles gesetzt. Die schwere Hand des Leutnants legte sich auf seine Schulter: »Hören Sie, bringen Sie mir doch heute abend noch einen halben Liter Schnaps. Sie verstehen doch? Ich könnte ja in der Cooperative kaufen, aber dort gibt es nur edlen, den man fast Likör nennen müßte. Während Ihr Schnaps so durchaus gemein und giftig ist, daß er mein anständiges Gemüt erquickt. Auch habe ich die drei letzten Nummern der »Nouvelle Revue Française« erhalten. Sie stehen zu Ihrer Verfügung, zusammen mit ein paar allerneuesten Schmökern. Übrigens, große bittere Neuigkeit: Proust ist gestorben.« Des Leutnants Stimme klang traurig, fast, als habe er den Tod eines sehr nahen Freundes erfahren. »Ich habe ein Bild von ihm.« Lartigue schloß Daumen und Ringfinger zu einem Kreis und zerschnitt damit die Luft in kleine Zylinder. »Darauf sieht er aus wie eine weiße, dicke Spinne, die irgendwo in einem verdunkelten Raume sitzt und die schillernden Fliegen des Klatsches in silberne Fäden einspinnt.« Er schnalzte leise mit der Zunge, als sei er vom Geschmack seines Satzes richtig entzückt.