Beschreibung

Band fünf der spannenden Kinderbuchreihe der Bestsellerautorin Suzanne Collins ("Die Tribute von Panem") nun erstmals auch digital erleben! Für ein etwas jüngeres Publikum, aber ebenso fesselnd und mitreißend! Frieden und Freiheit für das Unterland: Gregor riskiert sein Leben - und seine Liebe Krieg steht bevor! Der Fluch, die weiße Ratte, will zum vernichtenden Schlag gegen die Unterländer ausholen. Für Gregor ist es keine Frage, dass er seinen Freunden hilft - und Luxa, in die er verliebt ist. Bei ihm sind Lizzie, seine ängstliche Schwester, und die kleine Boots, der Liebling der Unterländer. Fieberhaft versuchen alle, den komplizierten Code zu knacken, mit dem die Ratten sich verständigen. Doch damit ist die Katastrophe noch nicht abgewendet, denn die Prophezeiung sagt, dass Gregor, der Krieger, diesen Kampf nicht überstehen wird ... Das Finale der fünfbändigen Gregor-Saga - zum Mitfühlen und Mitfiebern! Atemlos spannend!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 388

oder

Für Kathy, Drew und Joanie

Teil 1

DER CODE

1. Kapitel

Gregor drückte den Rücken auf den kalten Steinfußboden, als er zu den Worten an der Decke hinaufstarrte. Seine Augen und seine Haut brannten noch immer von der vulkanischen Asche, die ihn vor ein paar Stunden eingehüllt hatte. Es stach so sehr in der Lunge und sein Herz schlug so schnell, dass er kaum atmen konnte. Um sich zu beruhigen, umklammerte er den Griff seines neuen Schwerts noch fester.

Er hatte das Schwert aus dem Museum geholt und war dann sofort in diesen Raum gestürmt. Jeder Zentimeter hier – Boden, Decke und Wände – war mit Prophezeiungen über das Unterland bedeckt, diese düstere, kriegerische Welt tief unter der Stadt New York, die Gregor das ganze letzte Jahr in Atem gehalten hatte. Bartholomäus von Sandwich, der Gründer der Menschenstadt Regalia, hatte die Prophezeiungen vor rund vierhundert Jahren hier eingeritzt. Größtenteils bezogen sie sich auf die Menschen in Regalia, aber auch die riesenhaften Wesen in den benachbarten Gebieten kamen darin vor – die Fledermäuse, Kakerlaken, Spinnen, Mäuse und vor allem die Ratten. Ach ja, und Gregor natürlich. Ziemlich viele handelten von Gregor. Aber er wurde nicht mit seinem Namen genannt. In den Prophezeiungen war er immer »der Krieger«.

Gregor hatte niemandem erlaubt, ihn hierher zu begleiten. Wenn er diese Prophezeiung zum ersten Mal las, wollte er ganz allein sein. So, wie sie sich in den letzten Monaten alle bemüht hatten, den Inhalt vor ihm geheim zu halten, musste es etwas sehr Schlimmes sein. Und er wollte nicht, dass ihn jemand beobachtete, wenn er es zum ersten Mal sah. Wenn er weinen musste, wollte er weinen. Wenn er schreien musste, wollte er schreien. Aber dann kam es ganz anders, denn er reagierte fast überhaupt nicht.

Ich muss mich dieser Sache stellen, sagte er sich. Ich muss sie verstehen. Also zwang er sich, die säuberlich eingemeißelten Worte noch einmal genau zu betrachten.

Als er sie zum zweiten Mal las, war ihm, als hörte er beim Lesen eine Uhr ticken. Schließlich war es ja auch die »Prophezeiung der Zeit«.

Tick tack tick tack tick tack tick tack tick tack tick tack tick tack …

Den Krieg habt ihr begonnen

Verbündete gewonnen

den Schlüssel findet nun zum Code

Sonst ist es euer sicherer Tod.

Die Zeit ist bald um

ist bald um

ist bald um.

Mein Schwert muss bei dem Krieger sein

Nur so könnt ihr die Sieger sein

Doch vergesst niemals das Tick

Und das Klick-klick-klick.

Gebt auf die Rattenpfote acht

mit ihr halten sie die macht.

Denn die Pfote ist der Bote

In dem Krallencode.

Die Zeit steht still

steht still

steht still.

Der Prinzessin kann’s gelingen

Dieses Rätsel zu bezwingen

Studieren muss sie und vergleichen

Das Kratzen, Kratzen, Kratzen

Hinterlistiger Rattentatzen

Denn der Name stellt die Weichen.

Mit einem Blick sah sie den Trick

In dem Klick-klick-klick.

Die Zeit läuft zurück

läuft zurück

läuft zurück.

Fliesst das Blut des Monsters rot

Ist der Krieger endlich tot

So hört dennoch auf das Pock

Und das Tick-tack-tock.

Wollt ihr schlafen, wollt ihr warten

Haben die Nager die besseren Karten.

Dann sind sie die Herrscher im Land

Und ihr für alle Zeit verbannt.

Mit dem letzten Wort hörte auch das Ticken auf.

Gregor schloss die Augen, als die eine Zeile in seinem Kopf hämmerte:

Ist der Krieger endlich tot

Das waren die entscheidenden Worte. Über die niemand mit ihm sprechen wollte.

Ist der Krieger endlich tot

Nicht einmal Ripred – und der war es bestimmt gewohnt, schlechte Nachrichten zu überbringen, nach all den Jahren, die er im Krieg gekämpft hatte.

Ist der Krieger endlich tot

Nicht einmal Luxa – die erst zwölf war und doch viel älter wirkte, weil sie die Königin war und ihre Eltern verloren hatte. Was hatte sie vor wenigen Stunden an der Klippe zu ihm gesagt? »Solltest du nach Hause zurückkehren, nachdem du die Prophezeiung gelesen hast, so könnte ich es dir nicht verdenken.«

Stimmt das, Luxa?, dachte Gregor. Würdest du es mir wirklich nicht übel nehmen? Denn wenn es andersherum wäre … nicht in hunderttausend Jahren würde ich dir verzeihen.

Ist der Krieger endlich tot

Theoretisch könnte Gregor natürlich nach Hause zurückkehren. Könnte sich seine dreijährige Schwester Boots schnappen, seine Mutter aus dem Krankenhaus holen, wo sie sich von der Pest erholte, und sich von seiner Fledermaus Ares in den Wäschekeller ihres Hauses in New York zurückfliegen lassen. Ares, mit dem er verbunden war, der ihm unzählige Male das Leben gerettet hatte und der, seit er Gregor kannte, nur gelitten hatte. Gregor versuchte sich den Abschied vorzustellen. »Ares, es war echt super bei euch. Jetzt muss ich wieder nach Hause. Ich weiß, dass damit alle, die mir hier unten geholfen haben, zum Untergang verdammt sind, aber diese Kämpferei hier ist einfach nicht so mein Ding. Also dann, fliege hoch, alles klar?«

Nicht sehr wahrscheinlich.

Ist der Krieger endlich tot

Es kam ihm so unwirklich vor. Alles. Vielleicht lag es daran, dass er so müde war. Er hatte seit Tagen nicht geschlafen. Seit er in den Feuerländern gesehen hatte, wie die Ratten Hunderte von Mäusen in einer Grube am Fuß eines Vulkans ermordet hatten. Von den giftigen Dämpfen, die bei dem Vulkanausbruch ausgetreten waren, war er eine Weile bewusstlos gewesen. Zählte das als Schlaf? Vielleicht. Aber schon bald war er wieder zu sich gekommen, war durch hohe Asche gestapft und hatte seine Freunde gesucht. Und ehe er sich darüber freuen konnte, dass er sie gefunden hatte, musste er schon erfahren, dass Thalia, die niedliche kleine Fledermaus, die nur rein zufällig auf dieser unglückseligen Reise dabei war, auf der Flucht vor dem Vulkan erstickt war. Hazard, Luxas siebenjähriger Cousin, hatte sich mit Thalia verbinden wollen, und er war so außer sich, dass sie ihm ein Beruhigungsmittel geben mussten. Später, als sie auf einer Klippe hoch über dem Dschungel endlich saubere Luft fanden, meldete Gregor sich freiwillig zur Wache, während die anderen sich ausruhten. Auf dem Heimflug saß Gregor mit Boots, Hazard, dem Kakerlak Temp und Cartesian, einem Mäuserich, den sie ruhig gestellt hatten, auf Ares und konnte kein Auge zutun. Jetzt war er wie betäubt …

Ist der Krieger endlich tot

Und wenn er die Prophezeiung las, empfand er rein gar nichts. Was ist mit mir los?, überlegte Gregor. Ich müsste doch eigentlich ausrasten. Natürlich, ja. Aber nach allem, was passiert war, fühlte er sich leer. Der Schreck kommt bestimmt später, dachte er. Vielleicht in ein paar Tagen. Wenn ich dann noch lebe …

Die Prophezeiung war schrecklich, aber sie hätte noch schlimmer sein können, fand Gregor. Immerhin sah es so aus, als könnten Boots und seine Mutter heil aus dem Unterland rauskommen. Und offenbar spielte Boots, die unter den Riesenkakerlaken als »Prinzessin« bekannt war, eine entscheidende Rolle beim Entschlüsseln des Krallencodes. Davon, dass außer Gregor irgendwer sterben sollte, war in der Prophezeiung nicht die Rede.

Oder ja, doch.

Fliesst das Blut des Monsters rot

Nach allem, was Gregor in den letzten Tagen mit angesehen hatte, konnte mit dem Monster nur der Fluch gemeint sein. Die gigantische weiße Ratte, die er, als sie noch ein Baby gewesen war, verschont hatte, war jetzt ein bösartiger Anführer, voller Hass und ziemlich wirr im Kopf. Das Leben hatte aus dem zarten Rattenbaby ein Monster gemacht, und jetzt war dem Fluch nicht mehr zu helfen. Er hatte den Befehl erteilt, die Mäuse zu vernichten, und keiner wusste, was er als Nächstes vorhatte. Man musste ihn aufhalten. Im Überland würde man ihn wahrscheinlich lebenslang ins Gefängnis stecken. Im Unterland kam das nicht infrage. Hier musste man ihn umbringen.

Ich sollte mich allmählich aufraffen, dachte Gregor. Zumindest mal was essen. Nicht mehr lange, dann würde eine Rattenarmee hier einfallen. Ares war auf dem Weg nach Regalia über sie hinweggeflogen. Gregor musste sich bereithalten. Er wusste, dass er kämpfen musste.

Aber er war wie erstarrt, als wäre auch er zu Stein geworden. Er erinnerte sich an etwas, das er auf einer Exkursion zu The Cloisters in New York gesehen hatte. The Cloisters war ein altes Museum mit lauter Sachen aus dem Mittelalter. In einem Raum waren ganz viele Gräber zu sehen. Auf jedem Grab war eine lebensgroße Statue des Toten aus Stein. Ein Mann – war es ein Ritter gewesen? – hatte die Hände über dem Griff seines Schwerts gefaltet. Er hatte fast genauso dagelegen wie Gregor jetzt. Das bin ich, dachte Gregor. Das bin ich. Ich bin zu Stein geworden und ich bin so gut wie tot. Wie passend, dass Sandwich die Prophezeiung der Zeit mitten an die Decke gemeißelt hatte, sodass Gregor daliegen musste wie jetzt, um sie zu lesen. Und wie passend, dass das Schwert unter Gregors Händen einmal Sandwich gehört hatte und jetzt seine Visionen wahr machen würde. Wie schrecklich passend das alles war.

Leise ging die Tür auf und Schritte kamen näher.

»Gregor? Wie ist dir?«, fragte Vikus. Der alte Mann klang erschöpft, so erschöpft, wie Gregor sich fühlte. Wahrscheinlich hatte auch Vikus nicht viel geschlafen. Als Vorsitzender des Rats von Regalia war er sowieso immer überarbeitet. Gegen seine Frau Solovet, bis vor Kurzem Oberbefehlshaberin der Armee, sollte Anklage erhoben werden, weil sie für ein Forschungsprojekt verantwortlich war, das eine Pest ausgelöst hatte; und Luxa, Vikus’ Enkelin, war in den Feuerländern in großer Gefahr. Nein, Vikus fand bestimmt nicht viel Ruhe.

»Mir? Mir geht es gut«, sagte Gregor gelassen. »Könnte gar nicht besser sein.«

»Was sagst du zu der Prophezeiung der Zeit?«, fragte Vikus.

»Sie ist sehr eingängig«, sagte Gregor und erhob sich langsam, unter Schmerzen. Auf der letzten Reise hatte er sich am Knie verletzt.

»Ich kam, um dich daran zu erinnern, wie leicht Sandwichs Prophezeiungen falsch gedeutet werden können«, sagte Vikus.

Gregor zog das Schwert aus dem Gürtel und zeigte mit der Spitze auf die Zeile, die von seinem Tod handelte. »Das hier? Du meinst, das könnte man falsch deuten?«

Vikus zögerte. »Möglich ist es.«

»Also, mir scheint das ziemlich eindeutig zu sein«, sagte Gregor.

»Glaube mir, Gregor, könnte ich an deine Stelle treten, könnte ich die Prophezeiung selbst erfüllen … ich würde es augenblicklich tun …« Vikus’ Augen füllten sich mit Tränen.

Trotz seiner eigenen Lage empfand Gregor Mitleid. Das Leben hatte Vikus ganz schön übel mitgespielt. »Hör mal, ich hätte hier unten schon fünfzig Mal umkommen können. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe.« Wenn Vikus schon so mitgenommen war, wie würde Gregors Familie erst reagieren? Das wollte er lieber gar nicht wissen. »Sag meiner Muter nichts davon. Oder meinem Vater. Keiner aus meiner Familie darf es erfahren. Okay?«

Vikus nickte.

Als Gregor das Schwert wieder in den Gürtel steckte, streckte Vikus die Hand danach aus. Instinktiv legte Gregor eine Hand auf den Griff. »Es ist meins. Du hast es mir gegeben«, sagte er schroff. Wie er das Schwert jetzt schon verteidigte, geradezu eifersüchtig.

Vikus sah erst überrascht aus, dann besorgt. »Ich hatte nicht vor, es dir abzunehmen, Gregor. Ich wollte dir nur zeigen, wie du es tragen musst.« Er legte seine Hand auf Gregors und drehte den Griff herum. »Wenn du es so trägst, schneidest du dir nicht ins Bein.«

»Danke für den Tipp«, sagte Gregor. »Und jetzt muss ich mal zusehen, dass ich den Mist hier abkriege.« Zwar hatte er sich an der Quelle auf der Klippe gewaschen, so gut es ging, aber noch immer scheuerte vulkanische Asche an seiner Haut.

»Gehe ins Krankenhaus. Dort haben sie eine Salbe dafür«, sagte Vikus.

Gregor wollte zur Tür gehen, doch da sagte Vikus: »Gregor, du hast außergewöhnliches Geschick zum Töten gezeigt. Noch vor einem Jahr wolltest du die Waffe nicht einmal berühren. Vergiss nicht, dass auch im Krieg bisweilen Zurückhaltung geboten ist. Manchmal ist es besser, das Schwert nicht zu ziehen. Wirst du daran denken?«

»Ich weiß nicht«, sagte Gregor. Er war zu müde für hehre Versprechungen. Zumal er, wenn er einmal anfing zu kämpfen, meistens die Beherrschung verlor. »Ich weiß nicht, was ich tun werde, Vikus.« Er merkte, dass das keine ausreichende Antwort war, deshalb fügte er hinzu: »Ich kann es versuchen.« Schnell verließ er den Raum, um weiteren Diskussionen darüber, was er vielleicht tun würde und was nicht, aus dem Weg zu gehen.

Unten im Krankenhaus wurde ihm sofort ein sprudelndes Kräuterbad verordnet, das die Asche von seiner Haut spülen sollte. Als die Dämpfe des Gebräus seine Lunge füllten, hustete er eine Menge Dreck aus, den er in den letzten Tagen eingeatmet hatte. Erst nachdem er drei Mal gebadet hatte, waren die Ärzte überzeugt, dass er frei von Asche war, innen wie außen. Dann wurde er mit einer duftenden Lotion eingecremt. Als Gregor fertig war, bekam er kaum mehr die Augen auf. Er trank Brühe aus einer Schale, die man ihm an die Lippen hielt. Verschwommen nahm er wahr, dass er irgendeine Medizin schluckte. Und dann drohte ihn die Müdigkeit zu übermannen. Gregor packte den erstbesten Arzt am Ärmel. »Ich muss in den Kampf!«

»Nicht in diesem Zustand«, sagte der Arzt. »Keine Sorge. So schnell geht ein Krieg nicht vorüber. Wenn du erwachst, wirst du noch reichlich Gelegenheit zum Kämpfen haben.«

»Nein, ich …«, sagte Gregor. Aber im Grunde wusste er, dass der Arzt recht hatte. Der Ärmel entglitt ihm, er überließ sich dem Schlaf.

Als Gregor die Augen öffnete, wusste er nicht gleich, wo er war. Nach der langen Reise kam ihm das Krankenhauszimmer so schön hell und sauber vor. Schläfrig machte er eine Bestandsaufnahme seines Körpers. Die Lotion war eingezogen, seine Haut fühlte sich weich und kühl an. Sein Knie, das er sich beim Sturz von einem Felsen verletzt hatte, war verbunden worden und tat nicht mehr so weh. Jemand hatte ihm die lädierten Fingernägel geschnitten. Und er hatte frische Sachen an.

Plötzlich setzte er sich kerzengerade auf und fasste sich mit der rechten Hand an die linke Hüfte. Sein Schwert! Wo war sein Schwert? Doch da sah er es auch schon in der Zimmerecke stehen, der Gürtel baumelte daran. Natürlich hatten sie ihn nicht mit Schwert ins Bett gelegt. Das wäre zu gefährlich gewesen. Und niemand hatte es geklaut. Trotzdem bereiteten ihm die vier Meter, die zwischen ihm und dem Schwert lagen, Unbehagen. Er musste es immer griffbereit haben.

Gregor schwang die steifen Beine aus dem Bett, um das Schwert zu holen, als eine Krankenschwester mit einem Tablett hereinkam und ihm befahl, sich wieder hinzulegen. Er wollte nicht mit ihr streiten, also gehorchte er. Aber kaum war sie aus dem Zimmer, schob er das Tablett weg, holte das Schwert und stellte es direkt neben sein Bett. Jetzt konnte er essen.

Nahrung war in den letzten Tagen der Reise knapp gewesen. Ein wenig Fisch, ein paar Pilze. Er war so hungrig, dass er das Besteck liegen ließ und sich das Essen mit den Händen in den Mund stopfte. Die fade Mahlzeit – Brot, Fischsuppe und Pudding – schmeckte ihm köstlich und er ließ kein Krümelchen übrig. Er wischte die Puddingschale gerade mit dem Finger aus, als sein alter Freund Mareth ins Zimmer kam.

»Du kannst einen Nachschlag bekommen«, sagte Mareth lächelnd. Er rief in den Flur, man solle Gregor noch etwas zu essen bringen. Dann humpelte er zu einem Stuhl neben dem Bett. Gregor fand, dass Mareth mit seiner Beinprothese schon besser laufen konnte, aber er brauchte immer noch eine Krücke. »Du hast den ganzen Tag geschlafen. Wie geht es dir?«, fragte er Gregor und sah ihn vielsagend an.

»Gut«, sagte Gregor. Er war auf der Reise nicht schlimm verwundet worden. Mareth brauchte nicht so besorgt auszusehen. Da begriff Gregor, dass er auf die Prophezeiung anspielte, in der sein Tod angekündigt wurde. »Ach so, du meinst …« Langsam sickerte die Angst in sein Gehirn. Er schob sie beiseite, er konnte immer noch nicht damit umgehen. »Mir geht es ganz gut, Mareth.«

Mareth drückte ihm die Schulter und ließ es dabei bewenden. Gregor war froh, jetzt keine tiefschürfenden Gespräche führen zu müssen. »Wie geht es Boots und Hazard und den anderen?«

»Gut. Ihnen allen geht es gut. Sie wurden alle von der Asche gereinigt. Hazard wird noch das Bett hüten müssen, bis seine Wunde am Kopf ganz verheilt ist. Doch Howards medizinische Ausbildung hat sich bezahlt gemacht. Er hat die Wunde hervorragend genäht«, sagte Mareth.

Sein Freund Howard und dessen Fledermaus Nike. Luxa und ihre Fledermaus Aurora. Ripred. Sie alle lagen nicht gemütlich im Krankenhaus, sie kämpften immer noch um das Leben der verbliebenen Mäuse in den Feuerländern. »Irgendeine Nachricht von den anderen?«, fragte Gregor.

»Nichts«, sagte Mareth. »Zwei Divisionen wurden nach ihnen ausgeschickt. Wir hoffen auf baldige Nachricht. Doch unsere normalen Kommunikationswege sind unterbrochen, jetzt, da Luxa den Krieg erklärt hat.«

Luxa …

Gregor fasste in die Hintertasche seiner Hose, aber sie war leer. Vermutlich waren seine alten Kleider vernichtet worden. Er verspürte leichte Panik. »Ich hatte ein Foto. In der Hosentasche …«

Mareth nahm ein Foto vom Nachttisch und reichte es ihm. »Dies hier?«

Da waren sie. Luxa und Gregor. Wie sie tanzten. Und lachten. Einer der wenigen richtig glücklichen Augenblicke, die sie miteinander erlebt hatten. Erst ein paar Wochen war das her, auf Hazards Geburtstagsfeier. Gregor steckte das Foto in die Tasche seines T-Shirts. »Danke.«

Auch das nahm Mareth einfach hin. Und das war gut so, denn Gregor wusste nicht, wie er in Worte hätte fassen sollen, was sich da zwischen ihm und Luxa entwickelte. Wie sich ihre komplizierte Freundschaft gerade in etwas ganz anderes verwandelte.

»Und meine Eltern?«, fragte Gregor.

»Dein Vater weiß, dass du in Sicherheit bist. Als du hier ankamst, wurde umgehend ein Flieger mit der Nachricht hinaufgeschickt. Dein Vater lässt dir ausrichten, dass es deiner Großmutter und deiner Schwester Lizzie gut geht«, sagte Mareth. Dann hielt er inne.

»Und meiner Mutter?«, half Gregor nach.

»Sie hatte einen Rückfall«, sagte Mareth.

»Du meinst, sie hat wieder die Pest?«, fragte Gregor erschrocken.

»Nein, nein. Aber sie hat eine Infektion der Lunge«, sagte Mareth. »Sie wird genesen, doch sie ist sehr geschwächt.«

Das war gar nicht gut. Gregor wollte seine Mutter um jeden Preis nach Hause bringen. Wenn er sterben musste, dann war das eben so. Doch umso wichtiger war es, dass seine Mutter und Boots wohlbehalten nach New York zurückkehrten. Seine Eltern, seine Großmutter und seine Schwestern brauchten einander.

Die Krankenschwester brachte ihm noch eine Portion Pudding und ging dann wieder. Gregor war auf einmal gar nicht mehr hungrig. Er stocherte mit dem Löffel in seinem Pudding herum.

»Wo sind die Ratten jetzt? Die auf Regalia zumarschierten, als ich mit Ares zurückgeflogen bin?«, fragte Gregor. »Haben sie schon angegriffen?«

»Nein. Sie sind in die Feuerländer zurückgekehrt, als sie unsere Truppen in der Luft sahen«, sagte Mareth.

»Was?«, sagte Gregor verblüfft.

»Gewiss wollen sie die Verteidigung des Fluchs stärken«, sagte Mareth.

»Heißt das … hier ist keiner, gegen den wir kämpfen müssen?« Gregor war plötzlich ganz klar im Kopf. Den ersten Teil seiner Mission hatte er erfüllt. Er hatte die Kinder und die Verwundeten nach Regalia zurückgebracht. Er hatte die Prophezeiung der Zeit gelesen. Und vor allem hatte er Sandwichs Schwert in Besitz genommen. Als Nächstes musste er, so hatte er geglaubt, Regalia gegen einen gewaltigen Angriff der Ratten verteidigen. Doch es gab gar keinen Angriff. »Das ist nicht gut«, murmelte er. Eine Rattenarmee, die vor den Mauern einer gut befestigten Stadt wartete, war beängstigend, aber eine Rattenarmee, die sich auf freiem Feld sammelte, war weitaus schlimmer. Was machte er noch hier? Lag hier im Bett und stopfte sich mit Pudding voll, während seine Freunde in einer Schlacht in den Feuerländern steckten?

Gregor schob das Tablett so schnell von seinen Beinen, dass die Schalen klirrend zu Boden fielen. Er sprang aus dem Bett und griff nach seinem Schwert.

»Was hast du vor?«, fragte Mareth.

»Ich muss zurück«, sagte Gregor. »Ich muss zurück und gegen die Ratten kämpfen.«

2.Kapitel

Mareth stand auf und stellte sich ihm in den Weg. »Warte, Gregor. So einfach ist das nicht. Es herrscht Krieg.«

»Davon rede ich doch gerade«, sagte Gregor. Hastig fummelte er an dem Gürtel herum, um ihn anzulegen. »Ist Ares noch im Krankenhaus?« Ares wollte bestimmt ebenso dringend zu ihren Freunden wie Gregor.

»Ja, sein Zimmer liegt weiter hinten. Aber hör mir mal zu…«, setzte Mareth an.

»Worauf warten wir dann noch?«, sagte Gregor. Er ging zur Tür, als er plötzlich hochgehoben und wieder aufs Bett geworfen wurde. Selbst mit nur einem Bein war Mareth viel stärker als Gregor.

»Hör mir zu!«, sagte Mareth. »Im Krieg bist du ein Soldat. Vielleicht der wertvollste, den wir haben. Du kannst nicht einfach weglaufen, wenn es dir gerade in den Sinn kommt. Es wird von dir erwartet, dass du die Befehle befolgst.«

»Wessen Befehle?«, fragte Gregor.

»Solovets«, sagte Mareth.

»Solovets?«, fragte Gregor. Das haute ihn wirklich um. Soweit er wusste, war sie nicht mehr befugt, irgendwem Befehle zu erteilen. »Ich dachte, sie wäre in ihrem Zimmer eingesperrt und würde demnächst angeklagt, weil sie an der Pest schuld ist.«

»Als bekannt wurde, dass Luxa den Krieg erklärt hat, wurde der Prozess vertagt«, sagte Mareth.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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