Grenzüberschreitungen - Marita Ruess - E-Book

Grenzüberschreitungen E-Book

Marita Ruess

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Beschreibung

Kaum befindet sich Kommissar Marco Fois in seinem Urlaub in Italien, schon passiert ein Mord. Im Ferienidyll von Marcos Eltern im ligurischen Hinterland wurde ein Mann mit einer Armbrust erschossen. Es handelt sich um René Eckart, der mit anderen Deutschen dort seine Ferien verbrachte. Während Marcos italienische Kollegen vor Ort ermitteln, führen ihn, den deutsch-italienischen Kommissar, die Spuren über Ulm und Heidenheim nach Thüringen. Vieles deutet darauf hin, dass die Lösung des Falles in der Vergangenheit zu finden ist, als mitten durch Deutschland noch eine gefährliche Grenze verlief.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Marita Ruess ist in Ulm geboren und in Neu-Ulm aufgewachsen. In Freiburg und Rom studierte sie deutsche Linguistik und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft. 1992 machte sie sich mit einer Sprachenschule in Ulm selbstständig. Seit 2002 macht die Mutter von drei Kindern genau das, was sie immer schon tun wollte: Sie schreibt Bücher.

Bisher erschienen:Tödliche BilderFarbe des Schattens

Marita Ruess

Grenzüberschreitungen

Ein Kriminalroman

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel+Spörer Verlags-GmbH+Co. KG 2016Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: ullstein bild – Jürgen Ritter Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-88627-787-2

Besuchen Sie unsere Homepage und informierenSie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Wir sind den ganzen Abend und die halbe Nacht gelaufen. Bergauf, bergab, immer durch den Wald. Im Rucksack hatten wir warme Sachen, einen Kompass, eine Karte und auch etwas zu essen. Wir gingen schweigsam, immer leicht geduckt. Ich weiß nicht, wie sie auf unsere Spur gekommen sind, aber irgendwann hörten wir die Männer und die Hunde. Sie verfolgten uns, hetzten uns durch das Gelände, lange, bestimmt über eine Stunde, bis wir in ein Gebüsch krochen. Unser Atem war laut, die Stimmen draußen waren noch lauter, man spürte ihre Erregung, weil sie uns in eine Falle getrieben hatten.

»Rauskommen!« brüllte dann einer der Männer, »macht schon! Raus aus

dem Gebüsch und auf den Boden!«

Es war hell in der Nacht, Vollmond, und ich sah den Mann, der gesprochen hatte neben seinem Hund, der aussah wie ein Wolf. Dahinter die anderen, die standen um ihn und schwiegen. Ich trat aus dem Busch, ging auf die Knie und legte mich auf den Boden. Gerd blieb, wo er war. Der Mann brüllte weiter, ein, zwei Minuten lang, er wusste, dass wir zu zweit waren. Endlich kam auch Gerd heraus, er blieb stehen und weigerte sich, auf den Boden zu gehen. Das ging eine Zeit lang hin und her, der Befehl und die Weigerung, ein Brüllen wie ein Bellen und ein entschlossenes »Nein!«

Dann kam der Schuss. Mein Freund stürzte zu Boden und stöhnte, aus seinem Bauch schoss Blut. Sie befahlen mir, ihm zu helfen und drückten mir eine Binde in die Hand.

»Ich habe so Durst«, sagte er zu mir, als ich ihn zu verbinden versuchte, mit Händen, die ich nicht unter Kontrolle hatte.

»Können wir etwas zu trinken haben?«, fragte ich die Männer. Keiner reagierte. Das ist so lange her, es war ein Freitag, der 6. August 1971.

Das waren die Worte, die ich immer wieder gelesen hatte, die Notizen von Gerds Freund. Sie lagen in der Schublade meines Nachtkästchens, griffbereit und doch verborgen, all die Jahre schon. Gerd, mein großer Bruder, der Mopeds reparieren konnte. Gerd, der nichts Anderes wollte, als über die Grenze zu gehen, in den Westen, nur raus aus der DDR. Der Rock ’n’ Roll hören wollte, ohne Angst zu haben, für diese westliche Musik verpfiffen zu werden. Keinem hatten sie etwas gesagt. Nach der Flucht wollten sie eine Karte aus dem Westen schicken, um die Eltern zu informieren. Doch sie kamen nur bis zum Zaun, trafen auf die Grenzsoldaten mit ihren Hunden. Neunzehn Jahre alt war er geworden, mein großer Bruder Gerd. Und ich, ich bin nun fast schon ein alter Mann.

Jahrzehnte sind vergangen, der Schmerz war geblieben.

Coburger Land, Frühjahr 2001

Der Turm stand mitten im Wald. Es war ein Beobachtungsturm, ein Hochstand, der noch nach Holz roch und an Sägerei und Späne denken ließ. Hell hob er sich ab von dem Laub der Birken zur linken Hand und den dunkelgrünen halbhohen Fichten auf der anderen Seite. Hinter dem Nadelholz zog sich eine Wiese über den Hang.

Er war früh unterwegs an diesem Morgen. Nie hätte er gedacht, dass er nun so früh aufstehen würde. Freiwillig, im Rentenalter, was war das für ein Wort! Er war nicht mehr erwerbstätig, das war es, aber er war noch jung, nicht einmal sechzig Jahre alt war er. Rolf Müller-Bender stellte sein Fahrrad an die Stützen des Hochstands und kletterte die Leiter hoch. Oben stand jemand. Als er die letzte Sprosse nahm, grüßte der Mann.

»Hallo, hätte nicht gedacht, dass so früh jemand hier rauf kommt«, sagte er. Der Mann war in Rolfs Alter, er hatte auch seine Statur, die eines großen Mannes mit Kraft und Bauchansatz. Rolf grüßte und lächelte, der andere Mann grüßte zurück und zeigte bei seinem Lächeln große Zähne, er behielt das Lächeln bei, als er sich umdrehte und in sein Fernrohr schaute. Die Anspannung war der Konzentration auf irgendein Geschehen im Wald gewichen. Rolf freute sich, es war ein guter Morgen, und es war ein gutes Gefühl mit diesem Fremden da oben, auch wenn er sich nicht genau erklären konnte, woher das kam.

»Ich heiße übrigens Dieter«, sagte der Mann eine halbe Stunde später, nachdem sie ihre Entdeckungen und Beobachtungen im Wald ausgetauscht hatten. Beide waren Experten des Vogelgesangs, sie lauschten, diskutierten und lachten.

»Und ich heiße Rolf. Du bist auch von hier, das hört man.«

»Wenn du dich mal nicht täuschst!«, sagte Dieter und grinste, »vor fünfzehn Jahren hätten wir hier nicht stehen können.«

»Wie denn auch, da gab’s die Mauer, ich meine den Zaun, die Grenze.«

»Nicht nur das, da war ich auf der anderen Seite, oder du, wie man es nimmt«, sagte Dieter und lachte, »das ist alles eine Frage der Definition. Ist es nun eigentlich ein Zaun, eine Mauer oder ein antifaschistischer Schutzwall gewesen? Was meinst du?«

»Es ist von allem etwas, oder besser: es war von allem etwas!«, antwortete Rolf, »und jetzt ist es Gott sei Dank ein Naturschutzgebiet, oder wie heißt es doch beim Grünen Band: Vom Todesstreifen zur Lebenslinie.«

»Wie wahr!«, sagte Dieter, aber sein Lächeln war verschwunden.

Dann gingen sie zusammen Mittagessen und wieder in den Wald. Verabschiedeten sich und verabredeten sich für ein nächstes Mal. Sie trafen sich und sprachen und lachten, erzählten sich Geschichten. Sie hörten Musik, lauschten der Oper und den Vogelstimmen.

Nur politische Themen, die ließen sie aus. Beide vermieden es, über die Grenze zu reden, erst recht, als sie entdeckten, dass sie sich einmal gegenübergestanden hatten. Rolf Müller-Bender beim Bundesgrenzschutz und Dieter Herfurth bei den Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik.

Lieber schwiegen sie im Wald und machten den Tag zur Nacht. Es war ein Vogel, für den sie ihre Leidenschaft entdeckt hatten, gleich einer fixen Idee. Ziegenmelker hieß das Tier, eine Nachtschwalbe, die einzige ihrer Art in Europa. Nachtschatten nannte man sie auch, Hinweis auf die Zeit ihrer Jagd.

So verbrachten die beiden Männer von den frühen Abendstunden an bis weit in die Dunkelheit hinein im Wald ihre Zeit. Sie beobachteten die Jagdzüge des Vogels, seinen besonderen Flug, der zwischen einem Schweben und Schwenkungen aller Art pendelte, der Jagd eben, in welcher er Insekten fing, Käfer und Schmetterlinge. Das Faszinierendste des Ziegenmelkers war für sie seine Stimme, vor allem während der Paarungszeit: der Liebesgesang, den er vom Wipfel eines Baumes aus abzugeben pflegte, ein eigenartiges Schnurren.

Ja, der Ziegenmelker wurde ihre Leidenschaft, und nach Studien und Beobachtungen begannen sie selber Führungen durch den Wald zu veranstalten. Sie erbaten wetterfeste Kleidung, gutes Schuhwerk und eine Taschenlampe, organisierten Fahrgemeinschaften, kassierten eine kleine Gebühr als Spende für den Wald. Und dies mit wachsendem Erfolg.

Frühjahr 2002

In der Nacht, die sie so schnell nicht vergessen sollten, waren sie mit zwölf Personen unterwegs. Es waren je zur Hälfte Männer und Frauen im Alter von fünfzig bis siebzig Jahren. Ein Samstag im Mai war es, ein Tag, der diesem Monat alle Ehre machte, mit Luft, Licht und Farben, auch noch am Abend.

Die Gruppe hatte sich am üblichen Wanderparkplatz versammelt und war die ganze Dämmerung über den Zügen mehrerer Vögel gefolgt. Sie befanden sich auch auf der Suche nach einer Besonderheit, welche sie von der üblichen Route abbrachte: Die Kreuzkröte kam ihnen dazwischen in ihrer Paarungszeit, die Balztöne des Männchens, die dem Schnurren des Ziegenmelkers so ähnelten, von ihm fast nicht zu unterscheiden waren.

So gerieten sie zu dem offenen Gelände mit dem See. Die Dämmerung war weit fortgeschritten, der Mond stand am Himmel und die Taschenlampen leuchteten in die Dunkelheit. Hinter ihnen befand sich der Wald, der sich den Hügel hinabzog, ohne Wege, so wie auch sie durch das lichte Unterholz gekommen waren. Die Männer und Frauen standen und lauschten auf die Laute, die so schwer zu unterscheiden waren, sie sprachen miteinander, wiesen in eine Richtung oder in eine andere, jemand aus der Gruppe lachte.

Eine Frau ging auf Dieter zu und fragte ihn etwas, aber er reagierte nicht. Rolf sah, wie er die Frage gar nicht wahrzunehmen schien, und wandte sich selber der Frau zu.

»Ich habe gar nicht gewusst, dass es hier so einen See gibt, wie heißt das hier?«, fragte sie, »das ist eine ganz andere Landschaft als eine Heidelandschaft, soweit man das erkennen kann, aber das ist bestimmt ein natürlicher See, hübsch mit den Büschen da herum, oder sind das kleine Bäume?«

Sie sprach dann noch vom Mondlicht, das sich im See spiegelte, und wie sehr sie es liebte, um diese Tageszeit im Wald zu sein, aber natürlich nicht alleine, sondern nur in einer Gruppe, die so groß war wie ihre, denn nachts im Wald sei es ja so unheimlich, und es könnten einem auch Wildschweine begegnen, und da geriete man sehr schnell in Lebensgefahr, wenn man so einer Bache mit Frischlingen über den Weg liefe, auch die Keiler, die konnten doch schmerzhafte Verletzungen zuführen. Rolf konnte ihr keine Antwort geben auf ihre Frage nach dem See, er hörte auch nur halb zu, ließ die Frau erzählen. Er beobachtete Dieter, der sich so anders benahm. Die Frau stapfte dann zu dem Mann zurück, neben dem sie zuvor die ganze Zeit gelaufen war.

Rolf legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Er spürte, wie der andere unter der Berührung zuckte. Dann fragte er:

»Dieter! Was ist los? Ist dir nicht gut?«

Dieter zeigte keine Reaktion, er stand und starrte geradeaus zu irgendetwas in der Dunkelheit, erst nach zwei oder drei Minuten schien er Rolf an seiner Seite zu bemerken.

»Ich war jahrelang nicht hier, ich dachte, ich würde die Stelle nicht mehr wiederfinden.«

Er verstummte und schien wieder nachzudenken. Als er sich umschaute, änderte sich seine Haltung. Er wirkte wie gebückt.

»Vielleicht wollte ich sie gar nicht suchen, diese Stelle, ich weiß es nicht, jedenfalls bin ich jetzt wieder da. Obwohl ich es eigentlich nicht wollte, nie mehr. Und jetzt bin ich wieder hier, wegen einer Kröte, die hier in der Gegend quakt.«

»Was war hier?«, fragte Rolf.

»Hier? Hier starb ein Mensch. Ein junger Mensch. Mein Gott. Ich habe zugesehen, ich war mit daran Schuld.«

Rolf nickte und schwieg.

»Was ist passiert?«

Dieter suchte mit seiner Taschenlampe das Gelände ab, ließ das Licht auf einem Baumstumpf hängen und setzte sich auf diesen Rest eines gefällten Baums. Es war ein großer Stumpf, neben dem sich ein kleiner befand. Rolf zog seine Jacke zu und ließ sich neben seinem Freund nieder.

»Es war hier in der Senke«, fuhr Dieter fort, »wir hörten eine Detonation und sind dann los. Unsere Aufgabe war die Bergung von verletzten Personen. Darin waren wir geschult. Als wir ankamen, hörten wir einen Jungen weinen, er schrie vor Schmerzen. Die Lichtverhältnisse waren trotz der Nacht recht gut, das lag am Vollmond. Deswegen konnten wir sie auch erkennen, es waren zwei. Ein Mädchen versuchte, den Jungen den Zaun hochzuziehen. Die beiden waren jünger als wir. Wir selber waren ja auch noch halbe Kinder, wir befahlen ihnen, die Hände zu erheben. Aber sie hörten nicht auf uns, wollten nur über den Zaun. Ich gab einen Warnschuss ab, aber sie taten einfach nicht, was wir ihnen befahlen. Und plötzlich hat der Horst geschossen. Grenzverletzer waren festzunehmen oder zu vernichten, so hieß es. Ich weiß nicht, ob es ein Versehen war, oder ob Horst genau zielte, jedenfalls sackte das Mädchen in sich zusammen und rührte sich nicht mehr. Es war für einen Moment absolut ruhig, sogar den Jungen hörte man nicht mehr.«

»War das Mädchen tot?«, fragte Rolf.

»Ja.«

»Und der Junge?«

»Den mussten wir dann bergen. Das war auch so etwas. Das heißt, wir mussten den Metallzaun der Minensperre aufmachen und dann mit einer Bergebrücke übers Minenfeld bis zu ihm hin. Hast du mal gesehen, was so eine Mine anrichten kann?«

Rolf nickte.

»Er lag irgendwann auf der Trage und wir ließen den Hansi bei ihm, das war mein bester Freund damals. Ich höre heute noch, wie der heulte und gar nicht wusste, was er tun sollte. Da war nicht nur das viele Blut. Der Junge hatte auch Verbrennungen. Hansis Hände haben gezittert, als er versucht hat, ihn zu verbinden, er hat gefragt, warum sie so etwas gemacht haben. Dabei haben sie ja gar nichts gemacht, bis auf die Tatsache, dass sie versucht hatten, über die Grenze zu kommen.«

Dieter schwieg. Er bemerkte Rolfs Betroffenheit, dann fuhr er fort:

»Und die Bergung an sich war auch eine gefährliche Sache. Das Verlegen der Minen sowieso. Da haben sich auch sehr viele Leute verletzt. Über eine Million Minen waren es, in drei Reihen mit je einem Meter Abstand. Und ich habe gelesen, dass noch immer welche im Boden sind, die man bei den Räumungen nicht gefunden hat. Manche hat’s durch Hochwasser sogar zu euch rüber geschwemmt, andere sind im Lauf der Zeit verrottet.«

»Hat der Junge denn überlebt?«, fragte Rolf.

»Ich weiß es nicht, ich habe es nie erfahren.«

»Und der, der geschossen hat?«

»Horst? Der hat eine Belohnung und Urlaub bekommen.«

»Nein, ich meine danach?«

»Keine Ahnung«, sagte Dieter und stand auf, er schaute auf die Senke mit dem kleinen See im Mondlicht, »ich bin nur froh, dass all das vorbei ist, schon lange vorbei ist.«

Er lächelte, als ihn Rolf kurz und leicht mit der Hand an der Schulter berührte, sie dort einen Moment liegen ließ, bevor sie zu der Gruppe zurückgingen.

Die Männer und Frauen standen immer noch und lauschten auf die Laute der Nacht. Sie sprachen miteinander und wiesen in die eine oder andere Richtung. Ihre Taschenlampen zeichneten Lichtstreifen in die Nacht. Auch durch die Dunkelheit spürte Rolf die Erregung, die er geteilt hatte, die Leidenschaft, die jetzt wie ausgelöscht war nach Dieters Worten.

»Das Faszinierende ist der Liebesgesang«, hörte er einen Mann direkt neben sich sagen, »da produziert der Vogel Laute, die stark an unsere Hauskatze erinnern.«

»Ich hörte, der Vogel wäre ohne den Schutzstreifen schon ausgestorben«, sagte die Stimme einer älteren Frau zu dem Beschreiber des Liebesgesangs.

»Nein, ich denke nicht, aber anscheinend sind viele seltene Tierarten hier erhalten.«

»Unglaublich, auch in den schlechten Dingen gibt es letzten Endes etwas Gutes«, sagte eine dritte Stimme und folgte den anderen beiden mit der Taschenlampe an den Rand des kleinen Sees, in dem sich das Mondlicht spiegelte.

Rolf schaute ihnen hinterher und ließ dieses Bild auf sich wirken. Es war, als spürte er vor Ort die Spuren der Vergangenheit, andere Zeiten, die sich mit der Atmosphäre verdichteten wie ein unguter Geist. Es dauerte, bis er Worte fand, dann sagte er zu Dieter, der an seiner Seite stand:

»Es liegt nicht an mir, zu verurteilen oder zu beurteilen. Das, was du gemacht hast, was ihr gemacht habt, unterliegt nicht meinem Richterspruch. Doch der Mann, der geschossen hat, hat einen Menschen getötet, das ist eine Tatsache, auch wenn das damals bei euch nicht als Unrecht galt.«

»Du hast es doch beurteilt oder verurteilt, siehst du.«

»Nein, ich habe den Sachverhalt beschrieben.«

»Es dauerte viel zu lang, bis Hilfe kam.«

»Ich denke, es dauerte viel zu lang, bis all das aufhörte. All diese Jahre, diese langen Jahre. Jahre, die viele schon wieder vergessen haben.«

»Auch die hier, denke ich mal«, sagte Dieter.

»Die hier nicht, die denken jetzt nur nicht daran. Aber sie haben es miterlebt, nicht so wie du und ich, aber die Grenze war auch ein Teil ihres Lebens. Es sind viele andere, die es nicht wissen, die es gar nicht kennen.«

»Grenzenlos. Sie sind grenzenlos.«

Und dann lachten sie beide. Sie beschlossen, die Nacht durchzumachen. Nach dem Wald und nach dieser Geschichte. Sie gingen zu Dieter und setzten sich ins Wohnzimmer. Sie redeten und fanden Worte für Gefühle, die sie über viele Jahre nicht zum Ausdruck bringen konnten. Über ihre Ohnmacht der Grenze gegenüber und über ihr Alltagsleben im Dienst.

»Vielleicht hätten wir auch damals schon Freunde werden können, so etwas gab es, über den Stacheldraht hinweg«, sagte Rolf, »Blickkontakte, ein Lächeln, kleine Gespräche.«

»Das glaubst du selber nicht!«

»Sei froh, du hast nicht geschossen!«

»Halleluja.«

»Aber du bist zur Grenze!«

»Du ja auch. Siehst du, eure Grenze war wohl was anderes.«

»Mensch Dieter, das weißt du doch auch. Die ganzen Sperranlagen waren auf eurer Seite!«

»Eben, da sind wir wieder beim Thema. Ich bin da hin. Ich hätte auch nicht Grenzer werden können, aber ich war jung, und es gab so viele Vergünstigungen. Aber viele sind gar nicht hin, wer nicht wollte, musste nicht. Und ich weiß nicht, ob ich nicht auch geschossen hätte. Vielleicht hätte ich falsch gezielt, wie so viele, von denen man nicht redet. Vielleicht, und das weiß ich eben nicht.«

Dieter stand auf und schaute aus dem Fenster in einen Morgen, in dem im Osten erstes Licht aufzog. Sie hatten nicht viel getrunken und sich irgendwann einmal Tee gekocht, sind mit ihren Tassen in der Hand auf den Balkon gegangen und suchten die Richtung des Waldes, des Naturschutzgebiets.

»Wir hatten Krieg. Das war es!«, sagte Rolf und wärmte seine Nase am Dampf des heißen Getränks. Bis zum Fall der Mauer 1989 hatten wir Krieg.«

Dieter nickte, er zeigte kein Erstaunen über diese Bemerkung.

»Du weißt, was ich meine«, sagte Rolf, »bis zur Aufhebung des Schießbefehls. Wann war das, im April?«

»Ich weiß es nicht, ein paar Monate vor der Maueröffnung, um die Zeit, als die Ungarn den Zaun aufmachten.«

»Genau, die Ungarn machten den Zaun auf. Aber was ich sagen wollte: Wir hatten Krieg, bis der Schießbefehl ausgesetzt wurde. Als die vom Staat verordnete und legitimierte Form des Tötens. Denn das ist Krieg.«

»Ich weiß. Die befohlene Abkehr von einem der Zehn Gebote. Du sollst nicht töten.«

»Ja, ›du sollst töten‹ ist Krieg, immer und überall.«

Dann schwiegen sie und gingen ins Wohnzimmer zurück.

Gerd war schon viele Stunden tot, und wir wussten nichts von dieser schrecklichen Gewissheit. Nein, wir waren im völligen Unwissen, was mit ihm geschehen war. Er war nicht nach Hause gekommen über Nacht, sein Bett war unbenutzt, und auch auf der Arbeit war er nicht erschienen. Nie hätten wir daran gedacht, dass er einen Fluchtversuch über die Grenze gewagt hatte. Trotzdem war meine Mutter außer sich vor Sorge und brachte den ganzen Tag kaum ein Wort heraus.

Am Abend saß sie dann am Küchentisch und heulte und ich sah, dass Gerds Jacke auf dem Tisch vor ihr lag. Jemand hatte sie gebracht, meine Mutter strich immer wieder über den Stoff, vor allem über ein Loch darin. Die Finger ihrer rechten Hand waren rot, rot vor Blut. »Sie haben ihn erschossen!«, schrie sie, »sie haben ihn umgebracht. Und er sei ein Verbrecher, weil er rüber wollte.«

Wir durften keine Trauerfeier veranstalten, wir durften ihn nicht mehr sehen, wir mussten die Klappe halten, sodass nichts an die Öffentlichkeit kam. Aber alle im Dorf wussten schon, dass Gerd auf der Flucht erschossen worden war. Er wurde eingeäschert, und bei der Urnenbeisetzung waren wir ein paar wenige Trauergäste aus der Familie. Mehr ging nicht.

Ligurien 2. August 2015

Es war ein Geräusch, das ihn geweckt hatte. Er lag und hörte in die Dunkelheit hinein, spürte, wie es ihm kühl geworden war unter dem Leintuch, das ihm als Decke diente. Vielleicht war er auch nur alt geworden, früher hatte ihm in diesen heißen Sommern in der Nacht nur ein dünnes Tuch gereicht, jetzt war ihm das zu leicht, er wollte sich einkuscheln und geborgen fühlen, als ob er mehr Schutz bräuchte.

In der Ferne, weit hinter den Fensterläden, heulte ein Hund. Das war wahrscheinlich einer dieser Streuner, der in der Gegend gesehen worden war, oder war es ein Hofhund? Möglicherweise hatten ihn auch diese Geräusche geweckt.

Er tastete nach seiner Frau, die neben ihm lag und sich offensichtlich durch nichts in ihrem Schlaf stören ließ, auch wenn sie fest in das Tuch eingewickelt war, es schien fast, als ob es auch ihr im Schlaf kühl war. Also stand er auf und ging zu dem alten Wäscheschrank, dessen kleines Glasfenster ein weißes Spitzendeckchen zierte. Wie sehr man an manchen Dingen doch hängt, dachte er, als er die graue Wolldecke aus dem Schrank nahm, die einst zur Aussteuer seiner Großmutter gehört hatte. Er strich langsam über das Tuch, spürte den Stoff unter seiner Hand und breitete schließlich die Decke über dem Bett aus, bedeckte den Körper seiner Frau.

Wer weiß, ob unsere Kinder auf all diese Sachen noch Wert legen, den Schrank, diese Decke, das Haus und den Weinberg. Diese schwere Arbeit in den steilen Hängen, Fertigkeiten und Kenntnisse, die bis zu ihm schon in der sechsten Generation weitergegeben worden waren. Doch die Kinder lebten in der Stadt, wie so viele andere junge Leute vom Dorf. Wer weiß, vielleicht verkaufen auch sie all diese Sachen an Fremde, an all diese Leute von draußen, die ins Dorf kommen und aus den alten Gehöften Ferienhäuser mit Ferienwohnungen machen, dachte er. Er wusste nicht einmal, ob er das seinen Kindern verdenken würde, die Arbeit war schwer, und er wusste auch nicht, wie lange er sie ohne Hilfe noch verrichten konnte. Doch ich liebe das, all das, diese Aufgaben, die es hier gibt, ich mache sie gerne, ich liebe diese Terrassen mit ihren Trockenmauern. Heute werde ich einen Teil der unteren Mauer reparieren, ein Teil der Steine bröckelt ab, vielleicht mache ich das zusammen mit Antonio, der ist mit einer der Letzten im Dorf, die sich bei den Mauern und ihren Natursteinen auskennen. Was für Gedanken an einem so frühen Morgen, dachte er.

Er schaute auf die Uhr, die auf seinem Nachtkästchen tickte, die Zeiger wiesen eine Viertelstunde nach fünf Uhr, er ging ans Fenster und machte die Läden auf. Er schob sie, anstatt sie aufzustoßen, doch seine Frau schlief weiterhin tief und fest mit einem Atem, der etwas von einem Pfeifen hatte, wie so oft am Morgen. Für ihn waren das die glücklichsten Momente des Sommers, dieser Übergang von der Nacht in den neuen Tag, diese Morgen mit der Dämmerung, die er vom Schlafzimmer aufziehen sah, als einen Streifen Lichtschimmer im Osten weit hinter den Kuppen der Berge.

Draußen war es noch dunkel, der Duft von feuchter Erde und den Rosen seiner Frau neben ihm am Spalier strömte in den Raum.

Gerade als er die Läden schließen wollte, hörte er es wieder, das Bellen. Diesmal war es nicht ein einziger Hund, es waren viele oder alle Hunde. Sie bewachten die Gehöfte, wie Pluto, sein Deutscher Schäferhund drunten im Erdgeschoss. Sein Bellen antwortete nun auf den Ruf seiner Artgenossen draußen. Was für ein Lärm um diese Zeit dachte Oliveri, vielleicht schlich da ein Einbrecher herum, oder nein, noch viel wahrscheinlicher war, dass Antonios Sohn, wieder ins Haus huschte, nachdem er bei seiner Freundin gewesen war. Das ganze Dorf wusste von der Geschichte, zumindest der Rest, der von den Einheimischen geblieben war, und Beppe dachte immer noch, er könnte was vertuschen. Wenn sich dessen Frau so hinters Licht führen ließ, dann war das deren Problem. Bei meiner ginge das nicht, dachte Giovanni Oliveri und schaute auf seine Frau, die sich auf die andere Seite gedreht hatte.

Er machte die Läden und die Fenster wieder zu und beschloss, sich noch eine Viertelstunde hinzulegen, um den neuen Tag zu planen, bevor er dann aufstand und als Erster im Haus den Kaffee kochte und dem Hund frisches Wasser und Futter gab. Wie sein Vater und sein Großvater und wohl all seine Vorfahren liebte er es, in den Morgenstunden im Weinberg zu arbeiten. Eine Tradition, die der Hitze geschuldet war, in den Sommern in dem Dorf, aus dem er sein Leben lang nicht weggegangen war. Bald würde die Zeit der Weinlese beginnen, dann waren die Frauen auch gefragt.

So dachte er an diesem Morgen, der anders sein sollte, als all die Morgen zuvor. Doch das wusste er noch nicht. Es war ein Sonntag und er war früher dran als sonst an Sonntagen, aus einem Grund, über dessen Tragweite er noch keine Ahnung hatte.

Marco Fois hatte Urlaub von seinem Dienst als Kommissar im süddeutschen Heidenheim. Er war als Letzter dran, seine Kollegen waren bereits einer nach dem anderen aus den Ferien zurückgekommen. In der Zwischenzeit war es gegen Ende August und erste Zeichen des Herbstes zogen in der Luft auf. Er dachte dabei immer an eine Inzision und wusste nicht einmal, ob es das Wort auf Deutsch gab. Dieses Bild eines Schnitts, eines Einschnitts da draußen, wie eine Gravur von Pastell in einem Sommerhimmel, der nichts davon ahnen wollte, dass seine Tage gezählt waren.

Ich habe nichts als Flausen im Kopf oder Fusel, dachte Marco dann auch, als er nach der ersten Nacht dieses Urlaubs erwachte und die Nachwirkung des Alkoholgenusses in seinem Kopf verspürte. Denn dummerweise hatte er diese Tage der Erholung gleich bei einem Kumpel in Genua gestartet, den er schon Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Und so kam es nicht nur zu einem Blick aufs nächtliche Ligurische Meer in Form des Golfs von Genua und die Lichter eines der größten Häfen Europas. Nein, es kam auch sehr oft zu einem Blick in den Kühlschrank, den Marco und sein Jugendfreund Roberto dort abwechselnd hineinwarfen. Abteilung eisgekühlte Spirituosen mit einem süffigen Limoncello und einem noch süffigeren Myrtenlikör, den Marco als Gastgeschenk mitgebracht hatte. Beiden Getränken zugrunde lagen zwar Früchte, hier die Zitronen, dort die etwas herben Myrthenbeeren von der sardischen Küste, doch zur Rezeptur gehörte auch hochprozentiger reiner Alkohol. Zumindest bei dem Mirto, denn den stellte Marcos Mutter in einer wochenlangen Prozedur selbst her.

Jedenfalls wusste Marco nicht, was ihn geweckt hatte, das Licht, ein Brennen in der Kehle oder das Telefon. Seiner Gewohnheit entsprechend schaute er zuerst einmal auf das Handy, welches prompt einen entgangenen Anruf signalisierte. Es war 9.55 Uhr und der entgangene Anruf war von seiner Mutter. Dann hatte er über neun Stunden geschlafen. Seine Mutter musste warten, schließlich konnte er ihr im Moment auch unmöglich mitteilen, dass es ihm gut ging, was Anderes wollte sie sicher nicht hören. Außerdem kam in ihm Ärger auf, denn diese Zeit war zu früh, schließlich wusste sie, dass er Urlaub hatte. Ein Zustand, den seine Eltern im Gegensatz zu ihm immerhin schon jahrelang genießen konnten. Denn als was anderes konnte man deren Rentner-Dasein an der ligurischen Küste nicht bezeichnen.

Marco stand auf und schlurfte in die Küche. Von Roberto und Marisa, seinen Gastgebern, war noch keine Spur zu sehen, dafür aber Unmengen von Hinterlassenschaften des Vorabends. Nicht nur fürs Auge, auch für die Nase und das Ohr. Es roch nach dem vielen Knoblauch im Pesto und über dem zerschmolzenen und angetrockneten Pistazieneis tummelten sich Wespen, genau sieben Stück an der Zahl. Er konzentrierte sich eine Weile auf sie, um zu sehen, wie seine Sinne reagierten. Dann stellte er den Teller mit dem Nachtisch mitsamt den Wespen auf den Balkon.

Nachdem er als offensichtlich Einziger auf war, setzte er die mittelgroße Mocca-Kanne auf und trank einen halben Liter Wasser vom Hahn. Hunger hatte er auch. Er bröselte den Rest eines aufgeschnittenen Weißbrots in seinen Mund. Als der Espresso aus dem Kännchen sprudelte, kippte er ihn samt Zucker in die einzig saubere Tasse, die er fand, und ging wieder auf den Balkon. Dort setzte er sich auf einen alten Klappstuhl, die Tasse in der Hand.

Das Wasser, das Brot und seine eigene Bewegung hatten Linderung gebracht, Marcos Kopf fühlte sich leichter an, und irgendwie begann der Tag, sich gut anzufühlen. Er schaute über den Balkon über rote Ziegeldächer hinweg, die sich stufenartig zur Uferstraße hin verloren. Dahinter glitzerte der Golf in der Morgensonne. Schiffe und Boote schienen unbeweglich in der Entfernung, wie festgebunden am Horizont. Doch er meinte, ihre Bewegung zu spüren, die Gischt, die aufspritzte und hinter ihnen in einen weißen Streifen mündete, der aufsprudelte und dann in der glatten blauen Oberfläche wieder verschwand. Sommer in Italien! Endlich! Seine Mutter konnte auf den Rückruf noch warten, sie wusste ja, dass er sie ohnehin besuchen wollte. Seine Eltern waren umgezogen und endlich eingerichtet, das musste er sich natürlich ansehen und es sollte auch ein Einweihungsfest geben mit einer Gruppe von deutschen Freunden und italienischen Nachbarn. Gerade in dem Moment, als Marco sich eine zweite Tasse Espresso nachschütten wollte, klingelte wieder das Telefon, schon wieder sah er die Nummer seiner Mutter. Diesmal ging er ran.

»Marco, es ist etwas Schreckliches passiert«, hörte er statt einer Begrüßung, »einer von uns ist tot, wie es aussieht, war es ein Verbrechen.«

Marco spürte, wie akute Angst in ihn schoss: »Was heißt uns? Was ist passiert?«

»Einer aus unserer Gruppe, der René, lag tot in seinem Garten, beziehungsweise, es ist alles noch schlimmer, er versuchte anscheinend vor seinem Mörder zu fliehen, aber der hat ihn doch noch erwischt.«

Marco atmete tief durch und bekam dabei gleich ein schlechtes Gewissen, weil er so froh war, aber er hatte schon gedacht, seinem Vater sei etwas zugestoßen, das war offensichtlich nicht der Fall.

»Mama, das ist schrecklich, wie ist er denn gestorben?«

»Anscheinend wurde er erschossen.«

»Tut mir leid, doch das ist Sache der italienischen Polizei. Ich darf mich da nicht einmischen, auch wenn es mir sehr leidtut um den Herrn René …«

»Eckart, René Eckart. Hast du den Namen noch nie gehört?«

»Nein!«

»Der gehört doch zu unserer Clique von früher, da haben wir den Namen bestimmt schon erwähnt. Seine erste Frau hieß Irmgard, die von damals, aus Heidenheim, besser gesagt aus Heidenheim-Aufhausen, das musst du doch noch wissen.«

»Und wohnte der immer noch in Heidenheim?«, fragte Marco in der leisen Befürchtung, dass seine Urlaubstage bald gezählt sein könnten.

»Ja, klar, der wohnt immer noch da, der hat da ja auch das große Haus.«

»Au Scheiße«, zischte Marco leise vor sich hin, aber seine Mutter schien es nicht gehört zu haben, »das heißt dann auch Arbeit für mich.«

Er beschloss aufzubrechen. Immerhin waren Roberto und Marisa dann auch wach, denn sonst hätte er sie wecken müssen, um sich zu verabschieden und für den Abend zu danken. Einen Zettel schreiben ging bei so einer Einladung gar nicht. Marisa verpasste ihm noch einen frisch gepressten Orangensaft und bereitete ihm einen zweiten Kaffee, der so stark war, dass Marco ihn nur zur Hälfte trank. Roberto dagegen begleitete ihn aus dem Haus ein Stück weiter nach unten, dorthin, wo Marco seinen Wagen am Abend geparkt hatte. Denn Roberto wollte unbedingt eine frische Focaccia holen, vom besten Handwerksbäcker der Stadt, wie er betonte, auch um Marco eine als Proviant mitzugeben. Zuerst wollte der ablehnen, weil er noch keinen Hunger hatte, er konnte aber bei dem Duft des Fladenbrots nicht widerstehen. Er griff sich die einfache Variante mit Olivenöl und Salz oben drauf, und auch die andere, auf der zusätzlich noch schwarze Oliven thronten.

»Genial«, sagte er, »da bring ich meiner Mutter auch was mit, die steht auf so was, nicht immer diese Pizza.«

Roberto deutete an, dass er auf ihn warten wollte. Marco verschwand in der Bäckerei und kam mit den beiden, in Papier eingeschlagenen, Varianten der ligurischen Spezialität aus dem Laden. Er umarmte seinen Freund zum Abschied und machte sich auf den Weg. Natürlich freute er sich darauf, seine Eltern wiederzusehen, aber ein Besuch nach Genua war sowieso eingeplant gewesen. Er musste nun alles verkürzen, und das, obwohl er Urlaub hatte und in den Tag hineinleben wollte.

Möglicherweise galt es, bei den Vernehmungen beim Übersetzen zu helfen, obwohl dabei auch seine Eltern einspringen konnten, falls überhaupt Bedarf bestand. Marcos Mutter sprach nach den vielen Jahren in Italien und durch die Ehe mit ihrem Mann aus Sardinien ein ausgezeichnetes Italienisch, Marcos Vater dagegen sprach nach einigen Jahren, die er mit seiner Familie in Heidenheim verbracht hatte, ein recht passables Deutsch. Aber es ging noch um mehr: Seine Mutter, Lore Fois, hatte ihn inständig gebeten zu kommen und sich einen Überblick von der Lage zu machen. Im Grunde hatte er herausgehört, dass er ein paar Tage bleiben und Bodyguard spielen sollte. Man fühle sich bedroht hieß es, die deutschen Freunde seiner Eltern hätten nun Angst, auch ihnen könnte etwas zustoßen. Marco konnte sich nun wirklich nicht vorstellen, dass der Mord an einem Deutschen in Civezza da oben, zwischen den Olivenbäumen und Rebstöcken, etwas mit dessen Nationalität zu tun haben könnte. Aber wenn die Leute das mit Fremdenfeindlichkeit in Verbindung brachten, konnte man wenig dagegen sagen. Doch war das schlecht vorstellbar in einem Dorf, das im Sommer zur Hälfte aus Touristen bestand. Zwei Personen von der Gruppe wären anscheinend am liebsten abgereist, sie mussten aber bleiben, um für eventuelle Fragen zur Verfügung zu stehen. Wie die Dinge sich auch immer entwickelten, Marco wollte sich auf gar keinen Fall in die Arbeit seiner italienischen Kollegen einmischen.

Mit diesen Gedanken fuhr er von Genua nach Imperia auf diesem Stück Autobahn, welches die ligurische Küste entlangführte und bis Savona hauptsächlich aus Tunneln und Brücken bestand. Nach einer guten Stunde Fahrt erreichte er die Hafenstadt Imperia, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die direkt an Frankreich grenzt. Von einem früheren Besuch bei seinen Eltern wusste er, dass der Weg bis hinauf ins Dorf Civezza sehr kurvig und eng werden würde.

Seiner Meinung nach war es wieder einmal eine Schnapsidee seiner Eltern gewesen, diesen Ort als neue Residenz zu wählen. Allein die Anfahrt wäre ihm zu aufwendig. Und vielen Einheimischen, die woanders arbeiteten, wohl auch. Tatsächlich bestand der Ort zum großen Teil aus Urlaubern und älteren Einheimischen. So hat er es sich zumindest sagen lassen.

Rund zweihundert Meter Höhenunterschied ging es hoch, auf einen Hügel, einen Bergkamm zwischen der Küste und dem Gebirge im Hinterland. Über sehr viele Serpentinen, die hinter fast jeder Kurve mit einem Hupen aufwarteten. Entweder war es der Postbus oder einer dieser Lieferwagen, die Oliven, Trauben oder Brennholz transportierten. Und so auch jetzt, Marco wusste schon, wo er mit diesen akustischen Signalen zu rechnen hatte, und an diesen markanten Stellen hupte es auch. Einmal war es ein Ape, dieser kleine Transporter, der schon in der italienischen Nachkriegszeit gebaut worden war, ein anderes Mal der Postbus.

Oben im Dorf schließlich war die Hofeinfahrt zum Haus seiner Eltern zugeparkt, allesamt Autos mit deutschen Kennzeichen, alle mit dem von Heidenheim.

Marcos Mutter machte nach dem ersten Klingeln auf und umarmte ihn sofort, jedoch ohne ihm wie üblicherweise ins Gesicht zu kneifen, um ihre Freude zu zeigen und auch zu überprüfen, wie es mit seiner körperlichen Konstitution aussah.

»Mein Gott«, sagte Marco, »ihr habt doch nicht viel gewonnen. Mit dieser Fahrerei bis hier hoch, da hättet ihr ja gleich in der Valle Argentina bleiben können, das ist ja ätzend, dieses Gekurve.«

»Das hast du das letzte Mal auch schon gesagt, aber der Meeresblick ist besser und die Anfahrt ist kürzer«, kam als Antwort, und Lore Fois wies in die Richtung, in die Marco schauen sollte: Sie hatte recht, es war fantastisch, dem Bild ähnlich, das er am Morgen vom Balkon in Genua aus gesehen hatte.

Und wieder wirkte das Wasser auch aus der Entfernung so nah, dass man die Bewegung auf ihm zu sehen glaubte, die Wellen und Gischt, ja, man konnte sich sogar einbilden, das Plätschern der Brandung zu hören und die Brisen mit Salzluft zu riechen, die unten die Blätter der Palmen bewegten.

»Außerdem kann dein Vater von hier oben aus auch Schiffe beobachten, wie sie Richtung Sardinien fahren oder sonst wohin, Einbildung ist alles.«

Marco kannte die Thematik, sein Vater war in Sardinien geboren und aufgewachsen und erst im Erwachsenenalter auf den Kontinent gekommen, so wie die Insulaner Rest-Europa bezeichneten, die Sehnsucht nach den Orten seiner Kindheitstage war ihm immer geblieben, aber seine Frau weigerte sich standhaft auf eine Insel zu ziehen. Trotzdem verbrachte das Ehepaar ausreichend viele Tage bei der Verwandtschaft auf Sardinien, sodass sich Marcos Vater nicht zu beklagen brauchte.

»Was ist denn genau passiert?«, fragte Marco, als sie bei Wasser und der frischen Focaccia in der Küche saßen, während Vater Fois Erbsen aus ihren Schoten herausrollen ließ und in eine Schüssel beförderte.

»Mit Mittagessen wird es heute wohl nichts?«, knurrte er mit seinem Magen um die Wette.

Merkwürdigerweise sprach er Deutsch, vielleicht deswegen, weil er es möglicherweise schon den ganzen Vormittag über praktiziert hatte.

»Die Erbsen sind für heute Abend, ich mache dir gleich was Warmes«, sagte Lore Fois.

»Ich will nichts Warmes bei der Hitze, aber was Richtiges, nicht nur Brot! Es ist zwölf Uhr! Wenn wenigstens Salami oder Schinken da wäre, dann könnte ich das da reinlegen, ich esse doch nicht Brot pur!«

»Du kannst auch mal eine Focaccia pur essen, und außerdem, wer war denn gestern einkaufen?«, fragte Lore Fois.

»Ich war nur beim Metzger, Braten kaufen.«

»Ja, dann wärst du halt auch noch in die Salumeria«, antwortete Lore Fois mit dem Verweis auf den Laden, in dem es Fleisch in seinen schnittfertigen und haltbar gemachten Varianten gab, vor allem Salami, die mit »sale«, Salz, konserviert wird.

»Sagt mal, habt ihr keine anderen Probleme?«, fragte Marco, dem die üblichen Szenen zwischen seinen Eltern an dem Tag komisch vorkamen. Auch spürte er, seitdem er eingetroffen war, keinen Unterschied zu seinem letzten Besuch. Seine Eltern verhielten sich wie immer. Und das, obwohl einer ihrer Freunde gestorben war, unter diesen Umständen.

»Ich bin nicht betroffen von seinem Tod, das sage ich dir gleich, ich bin nur fassungslos, weil hier oben so etwas passiert ist«, sagte Lore. Marco fragte sich, ob sie seine Gedanken lesen konnte.

»Ich auch nicht«, ergänzte Vater Fois.

»Hm. Und warum? Was war der René Eckart für ein Mensch? Und warum war der überhaupt bei euch dabei, wenn ihr ihn nicht leiden konntet?«

»Das stimmt nicht, wir waren mal mit ihm befreundet, aber dann hat man sich irgendwann voneinander entfremdet.«

»Das ist kein Grund, nicht betroffen zu sein.«

»Er war ein Egoist und hat sich hier öfters mal mit seiner jungen Freundin bei uns durchgefuttert, eine Gegeneinladung gab es nie.«

»Das ist auch kein Grund.«

»Ich hätte ihn nie mitgenommen, das waren die Abeles. Mir hat die Geschichte nicht gefallen, wie er die Irmi, seine erste Frau, behandelt hat.«

»Das ist auch kein Grund.«

»Für manche Leute schon!«, sagte Lore und biss in ein Hörnchen, aus dem Marmelade floss.

»Wie hat er denn seine erste Frau behandelt?«, fragte Marco.

Vater Fois hob seine rechte Hand und deutete mit ihr Hörner an. Eine in Italien beliebte Geste, um darauf hinzuweisen, dass jemand von seinem Partner betrogen wurde. Dabei spreizte er den kleinen Finger und den Zeigefinger in die Höhe ab, der mittlere Finger und Ringfinger zeigten nach unten auf die Handfläche, in dem Fall umklammerten letztere beide auch noch eine Erbsenschote, die schon offen war, denn ihr Inhalt kullerte unter den beiden angedeuteten Hörnern hinweg auf den Boden. Ein Vorgang, den Marcos Vater nicht bemerkt hatte, seine Mutter, die fürs Putzen zuständig war, jedoch schon.

»Questa è la prova che serve il pisello per fare le corna«, sagte sie und fing an zu lachen.

»Mama, das ist nicht in Ordnung«, sagte Marco, der ihren Witz zwar verstand, aber nicht über ihn lachen wollte, er ging ins Schlüpfrige, ins Doppeldeutige, wortwörtlich hieß es: Das war der Beweis, dass man eine Erbse brauchte, um jemandem Hörner aufzusetzen. Aber das Wort für die Erbse war auch das umgangssprachliche Wort für das männliche Glied. Aus welchen Gründen auch immer.

Lore jedenfalls hatte auf Marcos Rüge hin mit dem Lachen aufgehört und zuckte mit der Schulter und Vater Fois kümmerte sich weiter um die Erbsen auf dem Tisch, ohne Anstalten zu machen, die anderen vom Boden aufzuheben.

»Es war nicht in Ordnung, was der René gemacht hat«, sagte er nur.

»Fremdgehen ist bekanntlich nicht das, was man bei einer Eheschließung erwartet«, kommentierte Marco.

»Ich war deiner Mutter immer treu.«

»Vor allem meinem Essen«, entgegnete Lore, die dabei war, das übliche Ehegeplänkel auszuweiten. Um dem zuvorzukommen, beeilte sich Marco, zum eigentlichen Thema zurückzukehren und fragte:

»Hat die Polizei schon mit euch gesprochen?«

»Haja, mit allen, durch die Bank! Gott sei Dank sprechen wir Italienisch, gedolmetscht haben wir auch noch.«

»Also, was ist denn nun mit dem Herrn Eckart passiert?«

»So wie es aussieht, ist er erschossen worden. Aber ich muss sagen, das habe ich nicht genau verstanden, mit einer Pistole war es jedenfalls nicht. Man hat ihn heute Morgen gefunden, er lag auf seinem Grundstück, ganz nah am Zaun, auf dem Boden lag er …«

»Wo sonst, liegen tut man immer horizontal«, knurrte Vater Fois.

»… jedenfalls haben die nicht viel gesagt, sondern nur Fragen gestellt, als ob man nicht ein bisschen was Genaueres wissen will, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis …«

Erstaunlicherweise gehört der Mann nun wieder zum Bekanntenkreis, dachte Marco, er hütete sich aber davor, diesen Gedanken preiszugeben und sagte stattdessen:

»Hat die Lebensgefährtin etwas mitbekommen, wie heißt die eigentlich?«