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Während der erfahrene Dresdner Hauptkommissar Jürgen Lohmann nach zwei traumatischen Schicksalsschlägen bereits mit seiner Pensionierung liebäugelt, bekommt er es mit einem unappetitlichen Mordfall in den besseren Kreisen der sächsischen Metropole zu tun. Der Fund einer Frauenleiche im Nobelstadtteil „Weißer Hirsch“ ist jedoch nur die Ouvertüre zu einem äußerst komplexen Fall. Denn einigen Mitgliedern eines exklusiven Opernstammtisches geht es erst in zweiter Linie um die Musik.
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Henning Drecoll / Alexander Schuller
Große Oper
Kriminalroman
Große Oper, Liebe, Mord »Ich kenne Sie«, sagte der Mann, der 48 Stunden zuvor seine Frau erschlagen hatte, »aus der Oper!«. Jürgen Lohmann, dienstältester Ermittler bei der Dresdner Mordkommission mit hundertprozentiger Aufklärungsquote, lässt sich seine Überraschung nicht anmerken. Wie immer nicht. Überhaupt ist dieser Fall ja so gut wie gelöst: Der Täter ist geständig, und Lohmann, dessen Leben durch zwei Schicksalsschläge aus den Fugen geraten ist, würde seine Dienstmarke am liebsten sofort abgeben. Doch kurz nach der Befragung des Totschlägers erreicht ihn die Meldung eines Leichenfunds nahe des Nobelstadtteils »Weißer Hirsch.« Dabei könnte es sich um die sterblichen Überreste seiner Lebensgefährtin Angela Spengler handeln, die – ebenfalls Kommissarin bei der Kripo – Monate zuvor von Unbekannten entführt wurde. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Lohmann nimmt sich des neuen Falles an und sticht wenig später in ein Wespennest aus Intrigen, fatalen Beziehungen und Mord in den besseren Kreisen der Hauptstadt Sachsens …
Henning Drecoll, 1942 im niedersächsischen Buxtehude geboren, war viele Jahre als Leitender Oberstaatsanwalt in Dresden tätig, wo auch sein Debütroman »Große Oper« spielt.
Alexander Schuller, geboren 1961 in München, arbeitet seit 1995 als freier Journalist, Texter und Autor. Der Absolvent der Henri-Nannen-Schule hat bisher rund 35 Romane, Biografien und Sachbücher veröffentlicht.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Mitarbeit: Kati Hertzsch
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © ManuWe / istockphoto.com
ISBN 978-3-8392-7904-5
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
»Ich kenne Sie«, sagte der Mann, der 48 Stunden zuvor seine Frau erschlagen hatte.
»Ach ja?«, fragte Lohmann, nahm gegenüber dem Tatverdächtigen Platz, legte einen hellgrünen Aktenordner vor sich auf den Tisch, klappte ihn auf, rückte mit dem Stuhl ein Stück näher und schaltete das digitale Aufnahmegerät an. »Donnerstag, 22. September. Es ist 10 Uhr. Vernehmung des Beschuldigten Helmut Wohberg im Tötungsverfahren Sibylle Wohberg. Anwesend sind der Beschuldigte selbst, Polizeiobermeister Günther Quambusch und Hauptkommissar Jürgen Lohmann, Kommissariat 11.«
»Aus der Oper«, sagte Wohberg und nahm die gefesselten Hände vom Tisch. »Sie sitzen doch immer im zweiten Rang links, Herr Hauptkommissar. Vor drei Wochen erst. Ich habe auch ein Abonnement, Wochentagsanrecht, wissen Sie? Man spart 30 Prozent vom üblichen Kartenpreis. Leider nur dritter Rang, aber der Klang ist immer noch sehr gut.«
Lohmann beschloss, sich auf das Geplänkel einzulassen, obwohl die Aufnahme bereits lief. »Puccini ist ja nicht jedermanns Sache«, sagte er.
»›Tosca‹ würde ich mir jedoch niemals entgehen lassen, Herr Hauptkommissar«, sagte Wohberg. Er lächelte. »Wobei Bernd Mandel sicherlich ein guter Cavaradossi ist, aber definitiv kein zweiter Placido Domingo oder Luciano Pavarotti.«
Ausgerechnet ein Opernfan, dachte Lohmann. Er warf einen Blick auf das Blatt des Erkennungsdienstes in der Akte. Helmut Wohberg, wohnhaft im Dresdner Stadtteil Löbtau, Deubener Straße, Jahrgang 1965, geboren in Erfurt, verheiratet – nein, jüngst verwitwet, um genau zu sein; keine Kinder, Musiklehrer und Chorleiter am Robert-Koch-Gymnasium. Und mit ziemlicher Sicherheit jetzt ein Totschläger. Als Tatwaffe hatte man eine Beethoven-Büste aus Bronze sichergestellt, 850 Gramm schwer. Die Fingerabdrücke darauf stammten eindeutig vom Tatverdächtigen.
»Was Domingo und Pavarotti betrifft, stimme ich Ihnen zu, Herr Wohberg«, sagte Lohmann und klappte die Akte zu. »Aber ich glaube nicht, dass es zurzeit außer Mandel einem anderen Tenor gelingen würde, die Gestalt des Cavaradossi so überzeugend zum Ausdruck zu bringen, darstellerisch wie auch stimmlich.«
»Und was ist mit Marcelo Álvarez? Oder José Cura?«, warf Wohberg ein.
»Aber nein! Mandel ist ganz klar die bessere Besetzung. Doch was ich Sie eigentlich fragen wollte, Herr Wohberg …« Lohmann machte eine Pause »Warum?«
»Sie haben doch meine Aussage bestimmt schon gelesen, Herr Hauptkommissar«, entgegnete Wohberg und kratzte sich an seinem ergrauten runden Kinnbart.
Typisches Lehrergestrüpp, fand Lohmann. Er selbst hatte nur ein einziges Mal versucht, sich einen Bart wachsen zu lassen. Vor zwei Jahren, im Urlaub, aber Angela hatte nach den drei herrlichen Wochen in der Toskana gemeint: »Jürgen, das steht dir gar nicht. Ein Bart passt einfach nicht zu dir.«
Nicht an Angela denken. Nicht jetzt. Lohmann atmete tief durch, räusperte sich und versuchte, sich zu konzentrieren. Vielleicht würde das hier sein letzter Fall sein. Ein Fall, der praktisch aufgeklärt war. Im nächsten Frühjahr, nach seinem 58. Geburtstag, wollte er der Kripo Adieu sagen und in den Vorruhestand gehen. Depressionen, hin und wieder auch das Herz. Aber noch war die Sache nicht spruchreif. Wohberg unterbrach ihn in seinen Gedanken. »Ich habe alles aufgeschrieben, und ich wüsste wirklich nicht, was ich dem noch hinzufügen könnte.«
Er sprach vollkommen ruhig, in freundlichem, verbindlichem Ton. Eine Spur zu gelassen für jemanden, der seiner Frau den Schädel so zertrümmert hatte, dass man das Ergebnis an allen vier Wänden des Musikzimmers bis zur Decke hinauf sehen konnte.
Stephanie Walter, die neue Kommissaranwärterin, hatte sich beim Anblick der Leiche sofort übergeben und den Tatort kontaminiert. Brenner von der KTU war stinksauer gewesen.
»Um noch einmal auf ›Tosca‹ zurückzukommen«, sagte Wohberg, »in der letzten großen Arie …«
»›E lucevan le stelle‹!«, warf Lohmann ein, um sein Interesse am Gespräch zu bekunden.
»… ja, fantastisch, nicht wahr? Wie sich der Mandel als Cavaradossi vor seiner Erschießung vom Leben verabschiedet und all seine Verzweiflung über den Abschied von seiner Geliebten hineingelegt hat!« Helmut Wohberg schloss träumerisch die Augen und wiegte seinen Kopf wie in Zeitlupe hin und her.
»Der Mandel, das wird einmal ein ganz Großer. Das hat man auch an der Reaktion des Publikums gemerkt«, sagte Lohmann und konnte nicht verhindern, dass Angela erneut vor seinem geistigen Auge auftauchte. Angela Spengler, Oberkommissarin im Kommissariat 13, Organisierte Kriminalität, und die sprichwörtliche Liebe seines Lebens. Sie war vor sieben Monaten während einer Observation an der Autobahnraststätte Elbaue von Unbekannten in einen Lieferwagen gezerrt und entführt worden. Seitdem fehlte von Angela Spengler jedes Lebenszeichen; die Entführer hatten sich nicht gemeldet.
Hinter der einseitig verspiegelten Scheibe wandte sich Stephanie Walter an Werner Schubert. Der bullige Oberkommissar galt schon seit Längerem als der designierte Nachfolger von Jürgen Lohmann. »Über was reden die beiden da?«
Schubert verzog den Mund zu einem dünnen Lächeln. »Das ist so Lohmanns Art. Er folgt keiner klassischen Verhörtaktik. Meistens versucht er, sich einem Tatverdächtigen erst einmal zu nähern. Er wickelt ihn ein, zieht ihn auf seine Seite. Und der Erfolg spricht für ihn. Man sollte diese Plauderei nicht unterschätzen: Damit findet er überraschend schnell heraus, wo jemand eine Schwachstelle besitzt. Wer zuhören kann, Kollegin, liegt meistens vorn.« Schubert neigte zum Dozieren.
»Aber dieser Wohberg hat doch bereits alles zugegeben«, sagte Stephanie Walter verblüfft. Sie selbst hatte dem Musiklehrer in der Küche seiner Wohnung die Handschellen angelegt, und er hatte diese entwürdigende Prozedur beinahe reglos über sich ergehen lassen. Vor ihm auf dem Tisch hatte ein ordentlich zugeklebter Umschlag gelegen, adressiert an die »Sehr geehrten Beamten der Dresdner Kriminalpolizei«. Darin ein handgeschriebenes, siebenseitiges Geständnis, in dem er minutiös alle Gründe für die Tötung seiner Ehefrau Sibylle aufgezählt hatte.
Schubert war während der Lektüre zur Erkenntnis gelangt, dass er diese Frau vermutlich schon auf Seite zwei unten, spätestens aber auf Seite drei oben ebenfalls umgebracht hätte. »Wohberg hat nach der Tat selbst die Polizei gerufen und sich widerstandslos festnehmen lassen. Und er hatte bereits einen Koffer gepackt, für den Knast. Nach was sieht das für dich aus?«, fragte er.
»Er steht zu seiner Tat und ist bereit, dafür zu büßen«, sagte Stephanie Walter.
»Eben«, sagte Schubert, »und genau das wird später vor Gericht für Wohberg entscheidend sein.«
Drinnen im Verhörraum sagte Lohmann: »Ich würde Sie gern noch einmal fragen, Herr Wohberg: Warum? Warum diese ungeheure Wut?« Der Beschuldigte schwieg. »Sie machen auf mich eigentlich einen ausgeglichenen Eindruck.« Lohmann klappte den Ordner erneut auf und legte das erkennungsdienstliche Deckblatt zur Seite. Darunter befanden sich mehrere Dutzend Fotos vom Tatort. Er hatte nicht gefrühstückt, und das war auch besser so.
»Welchen Eindruck mache ich denn auf Sie?«, fragte Wohberg.
»Ruhig, sachlich, gelassen und entspannt. Sie wirken jetzt sogar fast ein wenig erleichtert. Doch was ist wirklich passiert, Herr Wohberg? Was ist da schiefgelaufen zwischen Ihnen und Ihrer Frau?« Natürlich hatte Lohmann das Geständnis des Musiklehrers gelesen. Aber er wollte es aus Wohbergs Mund hören.
»Also gut. Salopp ausgedrückt, denn ich will Ihre Zeit ja nicht unnötig beanspruchen: Meine Frau hat mir in ›Nessun dorma‹ hineingequatscht.«
Lohmann rümpfte die Nase und sah den Tatverdächtigen scheel an.
Wohberg lächelte wieder. »Verrückt, was? Ich sollte den Müll rausbringen – aber sofort. Ich bin sicher, das war der Auslöser. Der berühmte Tropfen, wissen Sie? Ich habe meine Frau dann betont ruhig gefragt, ob der Müll nicht noch ein paar Minuten warten könne, woraufhin sie den Tonarm meines Plattenspielers aus seiner Halterung gerissen hat.«
Lohmann hörte interessiert zu.
»An das, was danach geschah, kann ich mich kaum mehr erinnern.«
Lohmann glaubte ihm nicht. »Na, kommen Sie, was haben Sie dann gemacht?«, fragte er.
»Ich bin aus meinem Sessel aufgestanden, habe nach dem Beethoven gegriffen …«
»Aufgestanden oder aufgesprungen?«
»Ich bin aufgestanden. Ganz normal. Wie fremdgesteuert, würde ich sagen.«
»Und die Büste stand wo?«
»Auf meinem Flügel. Das war wie ein Automatismus. Ich weiß noch, wie Sibylle mich angrinste und mir den abgebrochenen Tonarm triumphierend vor die Nase hielt. Aber dass ich ihr so vehement widersprechen würde, damit hat sie nicht gerechnet.«
Lohmann nickte. »Haben Sie noch etwas zu Ihrer Frau gesagt, bevor Sie zugeschlagen haben?«
»Nein. Aber sie hat gesagt, dass ich mich sowieso nicht trauen würde. Sie wollte mich auslachen, wie immer, aber dieses Mal kam sie nicht mehr dazu.« Wohberg seufzte. »Ich weiß übrigens nicht, wie oft ich zugeschlagen habe.«
»Der Gerichtsmediziner erwähnt in seinem Bericht insgesamt 17 Schläge, von denen mindestens sieben für sich allein tödlich gewesen wären«, sagte Lohmann. »Hat Ihre Frau sich nicht gewehrt?«
»Nein. Sie lag bereits nach dem ersten Schlag auf dem Boden und rührte sich nicht. Irgendwann bin ich wie aus einem Rausch aufgewacht und wusste sofort, das ist jetzt das Ende.«
»Hat es in Ihrer Ehe schon vorher handgreifliche Auseinandersetzungen gegeben, Herr Wohberg? Fälle von häuslicher Gewalt?«
»Jedenfalls nicht von meiner Seite aus«, sagte der Lehrer und schaute peinlich berührt auf seine Hände.
»Ihre Frau hat Sie geschlagen?«
Lohmann wurde hellhörig.
Helmut Wohberg nickte. »Und bis vergangenen Samstag habe ich es geschehen lassen. Ich habe alles geschehen lassen. Immer. Glauben Sie mir oder auch nicht, Herr Hauptkommissar. Fragen Sie unsere Freunde, obwohl wir am Ende nicht mehr viele gehabt haben. Und erkundigen Sie sich auch gern im Städtischen Klinikum.« Er verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln. »In der Notaufnahme war ich in den vergangenen Jahren so etwas wie ein Stammgast.«
Der Polizeiobermeister, der schräg hinter dem Tatverdächtigen Aufstellung genommen hatte, unterdrückte ein Grinsen. Lohmann ignorierte sein unangebrachtes Verhalten.
»Wie lange waren Sie eigentlich verheiratet, Herr Wohberg?«
»Fast 24 Jahre. Aber gute Erinnerungen, wenn überhaupt, habe ich nur an die ersten beiden. Danach begann das, was ich heute als Hölle bezeichnen möchte.«
»Warum haben Sie sich nicht von Ihrer Frau getrennt, Herr Wohberg?«
»Warum? Warum? Warum dies nicht, warum das nicht? Ich glaube, das versteht niemand, der nicht selbst in einer solchen Situation gesteckt hat. Sind Sie verheiratet?«
»Das tut nichts zur Sache«, sagte Lohmann leise, aber bestimmt.
»Es geht mich ja auch nichts an«, sagte Wohberg. »Entschuldigung. Irgendwann habe ich wohl einfach resigniert.«
Wohberg senkte den Kopf und fummelte, behindert durch die Handfesseln, zwei Teilgebisse aus seinem Mund. »Das war vor vier Jahren. Da hat Sibylle mir mit einem gusseisernen Bräter alle Vorderzähne ausgeschlagen. Mein Unterkiefer war zertrümmert. Acht Wochen war meine Fresse verdrahtet. Wissen Sie, was das heißt, Herr Hauptkommissar?«
»Ich stelle es mir unangenehm vor«, sagte Lohmann, ehrlich betroffen.
Auch dem Polizeiobermeister war jetzt nicht mehr nach Lachen zumute.
»Sibylle, meine Frau … Nun, sie war natürlich psychisch krank. Doch sie weigerte sich, zu einem Therapeuten zu gehen«, sagte Wohberg. »Tja, und ich, ich habe mich immer mehr in die Musik geflüchtet.«
»Und Sie fühlten sich Ihrer Frau verpflichtet?«, vermutete Lohmann, der sich nun wie ein Therapeut vorkam.
»Wie es so schön heißt: in guten wie in schlechten Tagen. Und so wie ich die Sache sehe, Herr Hauptkommissar, hatten meine Frau und ich vorgestern einen ziemlich schlechten Tag.« Er steckte sich die beiden Teleskopschienen wieder in den Mund. »Im Grunde war die Musik das Einzige, wofür ich noch gelebt habe.«
»Und was ist mit Ihren Schülern? Glauben Sie, dass Sie ein beliebter Lehrer sind?«
»Ich denke schon. Ich hatte jedenfalls keine Probleme, nie.«
»Wann haben Sie Ihr Geständnis aufgeschrieben?«
»Als alles vorbei war. Also erst, als sie tot war.«
»Und wann haben Sie Ihren Koffer gepackt?«
»Nachdem ich meine Angelegenheiten geregelt hatte. Es hätte ja gar keinen Sinn gehabt zu fliehen.« Helmut Wohberg sah Lohmann aus wässrigen Augen an. »Ich bin übrigens noch nie weggelaufen. Aber ich habe es einfach nicht länger ausgehalten, Herr Hauptkommissar, können Sie das vielleicht verstehen?« Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. »Über 20 Jahre habe ich Sibylles Demütigungen ertragen müssen. Unsere Freunde … Wie ich schon sagte, irgendwann hatten wir praktisch keine mehr, und auch mit meinem Bruder habe ich mich nur heimlich in Verbindung gesetzt. Er lebt in Heilbronn. Meine Frau war selbst in ihrer eigenen Familie nicht gut gelitten. Und dann die Hausgemeinschaft … Die anderen Mieter schnitten uns. Fragen Sie, wen Sie wollen! Meine Frau ist – sie war – eine Teufelin in Menschengestalt. Trotzdem hatte ich es nicht geplant, sie … wirklich nicht.«
»›Turandot‹«, sagte Lohmann unvermittelt, »›Nessun dorma‹ ist ja auch eine der ganz großen Arien.«
»Sie kennen sich wirklich gut aus, Herr Hauptkommissar!«
Lohmann wich Wohbergs Blick nicht aus. Er war geneigt, dem Musiklehrer zu attestieren, dass der seine Frau nicht heimtückisch, sondern im Affekt getötet hatte. Fürs Erste jedenfalls. Aber das zeigte er ihm nicht. Er tippte auf Wohbergs schriftliches Geständnis. »Sie bleiben bei Ihren Ausführungen?«
»Es hat sich alles genau so abgespielt«, beteuerte Wohberg, beinahe schon feierlich, und richtete sich auf.
»Sie haben eben gesagt, ›nachdem ich meine Angelegenheiten geregelt hatte‹. Was meinen Sie damit?«
»Ich musste doch ein paar Briefe schreiben. An meinen Bruder, an die Wohnungsverwaltung, an meine Bank, an eine Möbelspedition, an die Rektorin meiner Schule, Frau Ritzenhoff. Und natürlich an ein Bestattungsinstitut.«
»Sie haben also Ihre persönlichen Angelegenheiten geordnet – für den Fall, dass Sie längere Zeit im Gefängnis verbringen müssen.«
»Ich mag nun einmal klare Verhältnisse.«
»Von diesen Briefen haben Sie bisher nichts erwähnt.«
»Ich sah dazu keine Veranlassung. Ich habe mich geduscht und umgezogen, bin anschließend raus zum Briefkasten und habe die Schreiben eingeworfen. Dann bin ich zurück nach Hause, habe die 110 gewählt und meine Tat gemeldet.«
»Haben Sie einen Anwalt, Herr Wohberg?«
Wohberg schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Brauche ich denn überhaupt einen Anwalt?«
»Später vor Gericht ja«, meinte Lohmann ausweichend, denn er war sich nicht 100-prozentig sicher – er konnte einfach nicht 100-prozentig sicher sein –, ob Helmut Wohberg ein genialer Schauspieler, ein ausgekochter Hund oder beides oder einfach doch nur ein gedemütigter Ehemann war, der nach einer langen Leidenszeit einen schrecklichen Moment lang die Beherrschung verloren hatte.
»Sie haben vorhin von Ihren Freunden gesprochen. Können Sie mir sagen, um wen es sich dabei handelt?«
Wohberg nannte ihm drei Namen, die Lohmann sich zusätzlich zur Bandaufnahme in sein Notizbuch schrieb.
»Und wie geht es jetzt weiter, Herr Hauptkommissar?«
Lohmann klappte das Notizbuch zu und steckte es ein. »Die Staatsanwaltschaft wird einen Haftbefehl gegen Sie beantragen. Sie werden noch heute dem Haftrichter vorgeführt und mit ziemlicher Sicherheit in die JVA Dresden überstellt.«
»Aber ich würde doch nicht weglaufen, Herr Hauptkommissar. Ich weiß, was ich getan habe«, sagte Wohberg ernst.
»Das mag sein«, erwiderte Lohmann, »hier geht es allerdings um ein Tötungsdelikt, und daher wird Ihnen die Untersuchungshaft nicht erspart bleiben.«
»Obwohl die Gefahr einer Wiederholungstat ja ziemlich gering ist«, sagte Helmut Wohberg und lachte kurz auf.
Lohmann schaute ungerührt auf seine Armbanduhr. 10.28 Uhr. »Ende der Vernehmung«, sagte er und schaltete das Aufnahmegerät ab.
»Das war wohl kein so guter Scherz in meiner Lage«, murmelte Helmut Wohberg. »Entschuldigung!«
Lohmann erhob sich und wandte sich an den Polizeiobermeister. »Sie können Herrn Wohberg zurück in die Arrestzelle bringen.«
Der Tatverdächtige erhob sich von seinem Stuhl. »Ich hätte noch eine Bitte, Herr Hauptkommissar«, sagte er.
Lohmann sah ihn an.
»Mein Radio. Ich hatte mir noch rasch ein kleines digitales Radio gekauft. Es hat einen sehr guten Klang.«
»Das haben Sie eben nicht erwähnt.«
»Nein, wozu auch? Könnten Sie vielleicht dafür sorgen, dass ich in der Zelle Radio hören darf?«
»Das wird entschieden, wenn man Sie in die JVA überstellt hat, Herr Wohberg.«
»Ich verstehe«, sagte Wohberg. »Dann auf Wiedersehen, Herr Hauptkommissar.« Er streckte Lohmann seine gefesselten Hände entgegen.
»Bestimmt!«, sagte Lohmann. Fast hätte er Wohbergs Hände geschüttelt.
»Mensch, Jürgen«, sagte Schubert, als Lohmann wenig später ihr gemeinsames Büro betrat, »das ist doch mal ein schöner Fall zum Abschied. Glasklar.«
Stephanie Walter, die an der Kopfseite der beiden zusammengeschobenen Schreibtische saß, nickte.
»Meinst du?«, fragte Lohmann, steckte eine Kaffeekapsel in die kleine Maschine auf dem Sideboard und schaltete sie an. Er fand es hirnrissig, auf diese Weise rund 70 Euro für ein Kilo Kaffee, Sorte Arabica, auszugeben, aber der Bürokaffee aus der Teeküche war ungenießbar. Deshalb gönnte er sich ab und an den Luxus eines frischen Espressos.
»Dieser Wohberg hat sein Geständnis jedenfalls nicht widerrufen«, warf Walter ein.
»Niemand würde wohl ernsthaft daran zweifeln, dass er es getan hat. Aber wie sehen Sie denn die Sachlage in diesem Fall, Frau Walter?« Lohmann stellte eine Espressotasse unter den Auslauf.
»Als der weitaus Ältere darf ich Ihnen sicher das Du anbieten?«
Die junge Frau lief rot an und Lohmann lächelte.
Stephanie Walter kam aus Leipzig. Sie hatte ein auffallend hübsches Gesicht mit grünen Augen, halblange, dunkelblonde Haare und eine gute Figur mit langen, schlanken Beinen. Und sie konnte als Jahrgangsbeste auf der Hochschule der Sächsischen Polizei hervorragende Beurteilungen vorweisen.
Plötzlich fiel Lohmann ein, dass Angela ebenfalls aus Leipzig stammte. Und ebenfalls als Jahrgangsbeste abgeschnitten hatte. Er griff nach der Espressotasse und nahm an seinem Schreibtisch Platz.
»Du glaubst ihm also auch«, fuhr Schubert fort.
»Weiß ich noch nicht. Und ihr?«
»Jedenfalls glaube ich nicht mehr an Mord«, sagte Stephanie Walter, »obwohl Wohberg nach seinem Ausraster extrem cool geblieben ist. Aber der ist einfach so verschroben. Und natürlich auch total verzweifelt. Wenn er allerdings auf Totschlag im Affekt aus ist, sollte er vor Gericht lieber die Klappe halten.«
»Das sehe ich genauso«, meinte Schubert.
Lohmann trank den Espresso in einem Schluck. Schubert fragte ihn immer wieder, wie ihm das gelänge, ohne sich den Mund zu verbrennen. Dabei käme es bloß auf die Zunge an und wie man sie im Mund formt, erklärte Lohmann jedes Mal. Zu einer Art Halbmond nämlich. Dann gleitet der heiße Kaffee wie auf einem Luftkissen die Speiseröhre hinunter.
»Ich tendiere ebenfalls zu dieser Theorie«, sagte er, »die Tat war für Wohberg im wahrsten Sinne des Wortes ein Befreiungsschlag. Aber wenn er später an den Müller geraten sollte, kriegt er vermutlich lebenslänglich.«
»Müller?«, fragte Stephanie Walter.
»Oder auch Richter Hammerhart«, sagte Schubert.
»Der Vorsitzende der zweiten großen Strafkammer am Landgericht«, sagte
Lohmann, »und wie Schubert es eben so treffend formuliert hat, ein strenger Erster Vorsitzender. Es geht zwar nicht mehr um die Täterschaft, trotzdem kommen wir nicht umhin, noch ein paar Zeugen zu vernehmen. Am besten so viele wie möglich.«
»Ich nehme mal an, du meinst Entlastungszeugen«, sagte Walter.
»Ihm nützt jetzt jeder, der möglichst detailliert erzählen kann, wie Wohberg unter dem Joch seiner Ehefrau gelitten hat«, meinte Schubert.
»Aber dieses überlegte Handeln nach seinem Blutrausch«, sagte Lohmann nachdenklich und sah dabei aus dem Fenster. Es hatte ihn schon während des Verhörs nicht losgelassen. Die Blätter an den Bäumen begannen, sich zu verfärben. Angela war inzwischen über sieben Monate lang verschwunden. Sieben Monate, sechs Tage und 12 Stunden, um genau zu sein. Er riss sich zusammen. »Er hat sogar daran gedacht, sich ein Radio für den Knast zu kaufen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir brauchen den exakten Todeszeitpunkt – und die Zeit bis zum Radiokauf.«
»Du denkst, Wohberg hat das geplant? Dass es wie eine Tat im Affekt aussieht?«, fragte Schubert.
»Möglich!«, sagte Lohmann.
»Wo soll ich anfangen?«, fragte die Kommissaranwärterin, »ich meine, bei wem?«
Lohmann holte das Notizbuch aus der Innentasche seines Sakkos hervor und schlug es auf. »Oltmann, Günther. Raduscheit, Inge und Frank. Schneyder, Ludwig«, las er die Namen von Wohbergs Freunden vor. »Sie sollen alle hier in Dresden wohnen.«
»Für Wohbergs Bruder in Heilbronn kann ich ja schon mal ein Ermittlungsersuchen einleiten«, sagte Schubert und wandte sich an Stephanie Walter. »Und dann nehmen wir uns mit zwei Kollegen seine Nachbarn, das Städtische Klinikum und das Kollegium des Gymnasiums vor.«
»Vielleicht war Sibylle Wohberg früher doch mal bei irgendwem in Therapie«, sagte Stephanie Walter, während sie sich in ihren Computer einloggte, »und eventuell hat Herr Wohberg einen Hausarzt, der uns weiterhelfen kann.«
»Überhaupt sollte sich ein Gutachter den Herrn mal genauer ansehen«, sagte Schubert.
»Dafür wird der Staatsanwalt sorgen«, entgegnete Lohmann. »Oder sein Anwalt wird das anleiern.«
»An wen denkst du?«, fragte Schubert.
»Machanowski oder Ullreich. Vielleicht noch Mahlmann«, sagte Lohmann.
»Dann Mahlmann«, sagte Schubert.
»Sind das gute Verteidiger?«, fragte Walter.
Schubert nickte. Machanowski und Ullreich säßen jetzt allerdings im Schwurgerichtssaal des Dresdner Landgerichts, wo am Morgen das Urteil gegen mehrere Mitglieder eines Menschenschmugglerrings gefallen war, merkte er an.
»Ach ja: Was hat Vehrenkamp bekommen?«, fragte Lohmann und schaute erneut aus dem Fenster.
»Sieben Jahre, acht Monate«, antwortete Schubert zerknirscht, »die beiden anderen Angeklagten haben vier und zweieinhalb Jahre gekriegt. Die Urteilsbegründung dürfte gerade in vollem Gange sein.«
»Hmm«, knurrte Lohmann, sprang auf und sah auf seine Armbanduhr. »Ich bin verabredet«, sagte er und verließ grußlos das Büro.
»Was war das denn eben?«, fragte Walter, während Lohmanns Schritte sich draußen auf dem Flur entfernten.
Schubert seufzte. »Du kennst die Geschichte nicht?«
»Was für eine Geschichte? Ist doch erst mein sechster Tag heute.«
»Weißt du, wer Angela Spengler ist?«
»Angela Spengler? Die Kollegin, die vor ein paar Monaten entführt wurde, oder? Da gab es doch einen Zusammenhang mit einer groß angelegten Razzia. War sie nicht auch am Fall Vehrenkamp dran? Diesem Menschenschmuggler? Ich glaube ja nicht, dass sie noch …« Sie sprach nicht aus, was jedem inzwischen klar sein musste. Die Chance, dass Angela Spengler am Leben war, war gleich null. Man vermutete ihren Leichnam irgendwo im tschechischen Grenzgebiet an der alten E 55. Nur Lohmann sah das anders. Jedenfalls noch, und auch das konnte niemand genau beurteilen.
Schubert hob die Hand. »Die Sache ist die: Angela Spengler ist Lohmanns Lebensgefährtin. Nicht war. Das ist unsere Sprachregelung, solange noch ein Funken Hoffnung besteht.«
Walter presste die Lippen zusammen und nickte heftig.
»Wenn Lohmann dir was dazu erzählen will, wird er es tun. Aber frag ihn nicht danach!«
Als zur Mittagszeit die Sonne durch die frühherbstliche Wolkendecke brach, wurde es angenehm warm. Lohmann hatte seinen Trenchcoat aufgeknöpft, während Richard Samuel, Oberstaatsanwalt am Dresdner Landgericht, mutig auf einen Mantel verzichtet hatte.
Die beiden Männer waren auf dem Weg vom Landgericht hinunter zum Fährgarten Johannstadt, einem beliebten Biergarten direkt an der Elbe. Samuel blinzelte hinauf in den Himmel. Könnte schwer werden mit einem Tisch im Fährgarten.
»Mir ist so richtig nach einem Bier«, sagte der Oberstaatsanwalt, »auch wenn es erst Mittag ist.«
Lohmann lächelte. Ein Bier wäre wirklich nicht schlecht.
»Sie waren gar nicht bei der Urteilsverkündung.«
»Vielleicht besser so.« Lohmann atmete hörbar aus.
»Ja, vielleicht«, sagte Samuel.
»Auf die Journaille möchte ich jedenfalls gern verzichten. Außerdem haben wir einen neuen Fall.«
»Dieser Lehrer, der seine Frau erschlagen hat?«
Lohmann nickte.
»Staatsanwalt Kirsche hat mir heute Morgen in der Gerichtskantine ein paar Einzelheiten erzählt«, sagte Samuel und fügte an: »Meine Herren!«
»Mit einer Beethoven-Büste. Und es ist einfach alles möglich. Entweder ist der Kerl vollkommen verrückt, oder er ist eiskalt, oder er war tatsächlich nur zutiefst verzweifelt und hat im Affekt zugeschlagen«, sagte Lohmann.
»Wozu tendieren Sie? Die Wohnung soll ja ausgesehen haben wie …«
»… hat sie auch. Tja, schwer zu sagen. Wohberg – der Tatverdächtige – hat offenbar jahrelang unter seiner Ehe gelitten und ist dann einfach explodiert. So gesehen wäre es eine psychologisch motivierte Tat. Dagegen spricht jedoch seine unfassbar kühle und überlegte Handlungsweise. Sie müssen sich das mal vorstellen: Als er den Notruf wählte, hatte er bereits seinen Koffer fürs Gefängnis gepackt und die Wohnung – bis auf das Musikzimmer, in dem seine Frau lag – aufgeräumt und geputzt. Er hatte Briefe an seine Familie und diverse Institutionen geschrieben, um ›seine Angelegenheiten zu regeln‹, und danach hat er noch rasch ein Radio gekauft, damit er im Gefängnis Musik hören kann.«
»Also ist der Affekt vielleicht nur vorgetäuscht?«
»Gut möglich«, sagte Lohmann. »Da wird Ihr Kollege, Herr Kirsche, ordentlich zu tun haben.«
»Der Kirsche, der kann was«, sagte Samuel, »sehr engagiert.«
Schweigend liefen sie an den Elbwiesen entlang, bis Samuel sich einen Ruck gab. »Jetzt sagen Sie mal Lohmann: Wie geht es Ihnen denn mit dem Urteil im Vehrenkamp-Prozess, wenn ich das fragen darf?«
»Tja, das Gericht hat Ihrem Strafantrag ja vollumfänglich entsprochen«, sagte Lohmann, »doch solange Vehrenkamp nicht wegen Entführung oder Mordes verurteilt wird, sondern lediglich wegen Drogen- und Menschenhandels sowie Förderung der Prostitution … Tut mir leid, aber damit kann ich nicht zufrieden sein.«
»Ich muss nicht erwähnen, dass ich für Ihre Gefühle das größte Verständnis habe«, sagte der Oberstaatsanwalt. »Aber die Beweislage war einfach zu dünn.«
Samuel und Lohmann kannten sich schon eine ganze Weile, sie hatten in den vergangenen Jahren hervorragend zusammengearbeitet. Dennoch herrschte zwischen ihnen die stille Übereinkunft, erst im Ruhestand zum vertrauensvollen Du überzugehen. Was den Oberstaatsanwalt betraf, würde das noch etwa sechs Jahre dauern.
Im Gegensatz zu Lohmann konnte Samuel besser über schwere Motorräder philosophieren als über klassische Musik. Auf seiner Harley-Davidson war er bereits bis zum Nordkap gefahren. Lohmanns Zweiradbegeisterung hatte vor vielen Jahren mit dem Unfalltod seines damals 16-jährigen Sohnes geendet, der auf seiner Schwalbe von einem übermüdeten Lastwagenfahrer an einer roten Ampel gerammt worden war.
Dieser Schicksalsschlag hatte das Aus für seine Ehe bedeutet. Und jetzt war auch noch seine Lebenspartnerin auf mysteriöse Weise verschwunden. Der Oberstaatsanwalt hatte sich schon oft gefragt, wie Lohmann mit all diesen persönlichen Katastrophen fertig wurde.
Sie waren am Fährgarten angekommen, der wie immer bei warmem Wetter gut besucht war, doch es gelang ihnen, einen einzelnen Tisch direkt am Zaun zum Elbufer zu ergattern. Samuel kümmerte sich ums Bier, Lohmann ums Essen. Der Klassiker: Thüringer Bratwurst mit einem Klacks Kartoffelsalat.
Samuel war für sein Alter erstaunlich durchtrainiert, was man von Lohmann nicht behaupten konnte. Der schleppte seit Längerem ein unübersehbares Bäuchlein mit sich herum. Immerhin war es noch kein Bauch, aber er wusste, dass er höllisch aufpassen musste, um nicht aus dem Leim zu gehen. Die Gewichtszunahme war eine Folge des Antidepressivums, das er seit einigen Monaten schluckte und das bei ihm nicht selten Heißhungerattacken auslöste, denen er nur mühsam widerstehen konnte. Doch davon wusste niemand – außer Werner Schubert.
Auf der Elbe fuhr ein historischer Raddampfer vorbei. Die »Leipzig« musste gegen die Strömung ankämpfen. Lohmann fiel ein, dass Angela eine solche Elbefahrt bis nach Bad Schandau hinunter mit ihm hatte machen wollen.
Der Oberstaatsanwalt stützte die Ellenbogen auf den Tisch. »Ich habe läuten hören, Sie würden eventuell doch früher stiften gehen.«
»Sie wissen ja, die Depressionen seit Angela Spenglers Verschwinden und zuweilen der Kreislauf«, entgegnete Lohmann und nahm einen Schluck von seinem Bier. »Im Prinzip könnte ich also bald Schluss machen, aber ich habe mich noch nicht entschieden.«
»Dann wird’s langsam Zeit. Wobei ich Ihr Ausscheiden sehr bedauern würde.«
»Noch ist es ja nicht so weit. Außerdem hängt das auch davon ab, wie sich der neue Fall entwickelt und was uns in den nächsten Tagen sonst alles auf den Tisch flattert.«
Samuel begann zu essen und sagte mit einem Nicken in Lohmanns Richtung: »Guten Appetit!«
Lohmann nahm langsam Messer und Gabel auf und jeder der beiden Männer hing einen Augenblick seinen Gedanken nach. Im Kopf ging Lohmann wieder und wieder den Fall Vehrenkamp durch – was er auch getan hätte, wenn Samuel das Thema nicht angesprochen hätte. Lohmann war überzeugt, dass der Vehrenkamp aus der Haft heraus irgendetwas organisieren würde. Und seiner Meinung nach hatten sie mit ihm nicht die Nummer eins der Organisation erwischt, sondern da zog noch jemand über ihm die Fäden. Wer einen Mordanschlag auf einen tschechischen Kollegen in Auftrag gab und darüber hinaus die Eier hatte, eine deutsche Kriminalbeamtin entführen zu lassen, musste ganz oben in einer Organisation sitzen. Dafür sprach außerdem, dass Vehrenkamp trotz des Hinweises auf eine mögliche erhebliche Strafmilderung im Falle einer Kooperation keinen Ton gesagt hatte.
»Das Gesetz des Schweigens«, hatte Samuel es genannt. Und als hätte er Lohmanns Gedanken gelesen, sagte der Oberstaatsanwalt nach einem kräftigen Schluck Bier: »Ich bin inzwischen ebenfalls zu Ihrer Überzeugung gelangt, was Vehrenkamp angeht. Da sitzt irgendwo ein Mister X, aber auf der anderen Seite der Grenze – wo auch immer, vielleicht in Tschechien … Auch deswegen glaube ich Ihnen nicht ganz, dass Sie mit dem Aufhören liebäugeln.«
Lohmann tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab und lächelte schmal. »Ich muss einfach wissen, was mit Angela passiert ist. Um jeden Preis.«
Samuel blickte ihn betroffen an. Seiner Meinung nach würde der Hauptkommissar früher oder später über Angela Spenglers sterbliche Überreste stolpern.
»Wie gehen die Eltern mit diesem Trauma um?«, fragte er.
Lohmann legte seine Gabel mit einem Stück Wurst auf den Teller zurück. »Ihre Eltern leben nicht mehr. Sie waren an Bord der Concorde, die bei Paris abgestürzt ist. Angela hat nur noch einen jüngeren Bruder, und der ist in der Psychiatrie.«
»Jesus!«, entfuhr es Samuel.
»Nein, Crystal Meth«, sagte Lohmann und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Der Junge hat sich das Gehirn buchstäblich weggeraucht.«
»Und wer kümmert sich jetzt um ihn? Sie?«
»Nein«, sagte Lohmann, »Angela hatte selbst keinen Kontakt zu ihrem Bruder und hat nie über ihn gesprochen. Ich weiß nicht einmal, wo sich der Junge befindet.«
Er griff nach der Gabel, steckte den inzwischen kalt gewordenen Bissen in den Mund, kaute bewusst langsam und schluckte ihn schließlich hinunter. Bliebe er im aktiven Polizeidienst, könnte er sich nicht 100-prozentig hinter die Ermittlungen um Angelas Verschwinden klemmen. Andererseits verfügte er als Hauptkommissar über weitaus mehr Ressourcen als ein privater Ermittler und befände sich in einem geschützten Bereich. Er schreckte auf, als Samuels Stimme plötzlich wieder zu ihm durchdrang.
»… hat Sie der Vorsitzende in der Urteilsbegründung heute wegen Ihrer effizienten Ermittlungsarbeit explizit erwähnt.«
»Nett von ihm, aber das hätte er besser lassen sollen«, sagte Lohmann. »Die Indizien, die wir gesammelt hatten, haben letztlich nicht ausgereicht, um Vehrenkamp lebenslänglich wegzuschließen.«
»So wie ich das sehe«, fuhr Samuel fort, »werden die Medien die ganze Geschichte noch einmal aufgreifen. Dann könnte Vehrenkamp seine Morddrohung gegen Sie nicht nur aus Rache wahrmachen, sondern auch, um seinen Ruf im Milieu wiederherzustellen – um nach seiner Haftentlassung nicht als König ohne Reich dazustehen. Das macht die Sache eventuell gefährlich.«
Lohmann schüttelte den Kopf. »Meine Wohnung ist inzwischen durch eine Alarmanlage gesichert, und seit Angelas Entführung trage ich sogar meine Waffe ständig bei mir. Die absolute Sicherheit gibt es ohnehin nicht.«
»Ich hab’s ja nicht glauben wollen – Sie haben früher nie eine Pistole dabeigehabt?«, fragte Samuel verwundert.
»Nein, und geschossen habe ich im Dienst auch noch nie. Nur einmal im Jahr auf dem Schießstand, weil es sich nicht vermeiden lässt.« Lohmann blickte auf seine Armbanduhr. »Meine Trefferquote ist übrigens gar nicht schlecht.«
Sekunden später vibrierte sein Mobiltelefon. Schubert war dran. »Was gibt’s denn, Werner?«, fragte Lohmann.
»Ein Leichenfund in der Bühlauer Heide. Kam gerade erst rein«, erwiderte Schubert, der über die Freisprechanlage seines Dienstwagens telefonierte. Lohmann merkte, dass es seinem Stellvertreter schwerfiel, weiterzusprechen.
»Nun rück raus damit!«
»Weiblich, zwischen 30 und 40. Etwa 1,70 Meter groß. Keine Personalien. Sie muss schon eine ganze Weile dort gelegen haben.«
Lohmann fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Schuberts Kurzbeschreibung passte auf seine Lebensgefährtin Angela, die 1,72 Meter groß, schlank und 38 Jahre alt war.
»Wo genau muss ich hin?«, schnauzte er ins Telefon.
»Am besten bis zum Ende der Kurparkstraße, dann zu Fuß in den Wald, Richtung Kleingartenverein«, sagte Schubert, »etwa 250 Meter Luftlinie nach Osten. Oder über den Heidemühlweg, aber der Wald sei kaum befahrbar, sagt Brenner, total aufgeweicht.« Schuberts Stimme stockte. »Du musst wirklich nicht …«
»Bin gleich in der Kurparkstraße«, sagte Lohmann bestimmt und beendete das Gespräch. Samuel sah ihn fragend an. »Ein Leichenfund, weiblich, unbekannt, in der Bühlauer Heide.« Die Stimme des Hauptkommissars war jetzt ein Flüstern, nicht nur wegen der Gäste am Nebentisch.
Samuel deutete auf die Thüringer Bratwurst, die der Hauptkommissar nicht aufgegessen hatte. »Hauen Sie schon ab, Lohmann!«, sagte er. »Nehmen Sie die Wurst in die Hand.«
»Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit«, sagte Lohmann, »aber Dienst ist Dienst.« Er steckte sein Mobiltelefon ein, klopfte zum Abschied auf den Tisch und eilte aus dem Biergarten.
Samuel schaute ihm hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war. Der Oberstaatsanwalt war überzeugt davon, dass Lohmanns letzter Fall wohl doch noch einige Zeit auf sich warten lassen würde.
Der Weiße Hirsch, die vornehme Villengegend im Dresdner Nordosten am Rande der Heide, gehört zu den bevorzugten Wohnlagen der Stadt. Doch Lohmann, auf der Rückbank eines Taxis, hatte keinen Blick für die prächtigen Gebäude aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts. Stattdessen hatte er Angst – Angst, in wenigen Minuten die Gewissheit zu haben, dass Angela nicht mehr lebte. Dass ihre Entführer sie umgebracht hatten, mit hoher Wahrscheinlichkeit Mitglieder derselben Organisation, die ihren tschechischen Kollegen Hupka liquidiert hatte. Zwei Schüsse in die Brust, einen in den Kopf, um absolut sicherzugehen. So morden nur Profis. Auftragskiller.
In den vergangenen Wochen hatte Lohmann sich ein paarmal dabei erwischt, dass er sich Angelas Tod herbeisehnte. Nur um endlich nicht mehr mit der quälenden Ungewissheit leben zu müssen.
Mit der Fertigstellung der Autobahn A17 hatte sich die Situation an der deutsch-tschechischen Grenze verändert. Der längste Straßenstrich der Welt entlang der Europastraße 55 zwischen Teplice und Dubí auf tschechischer Seite war inzwischen Geschichte. Von den ehemals rund 50 Bordellen entlang der kurvigen Fernstraße waren nur noch drei in Betrieb. Aber der Menschenschmuggel florierte nach wie vor; er hatte – nicht zuletzt wegen des Flüchtlingsstroms aus dem Nahen Osten – sogar zugenommen. Darüber hinaus hatte Tschechien sich längst zum größten europäischen Produzenten von Designerdrogen, vor allem von Crystal Meth, entwickelt. Dieses Methamphetamin ist erheblich stärker als ein normales Amphetamin wie etwa Speed. Es wirkt anhaltender und intensiver, es lässt sich rauchen, schniefen oder spritzen; es macht rasch süchtig und ruiniert Körper und Geist schneller als viele andere harten Drogen. Wenn der Trip vorüber ist, können schwere Depressionen auftreten. Mögliche Spätfolgen sind neben Zahnausfall auch epileptische Anfälle, Hirnblutungen und Herzversagen. Manchmal dauert der Verfall des Abhängigen gerade mal zwei oder drei Jahre. Angela Spengler hatte sich neben der Bekämpfung des Menschenschmuggels auch dem Kampf gegen diese Droge verschrieben, die sich mittlerweile von Sachsen aus unaufhaltsam in der gesamten Republik ausbreitete.
Seine Lebenspartnerin hatte einer Sonderkommission angehört, die von den Innenministern Sachsens und Tschechiens im Rahmen eines bilateralen Abkommens ins Leben gerufen worden war. Zwei Monate nach ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in der Toskana geriet ein Niederländer namens Marinus Vehrenkamp ins Fadenkreuz der Ermittler, durch einen Zufall, wie so oft: Die tschechischen Kollegen stoppten kurz vor der Landesgrenze einen verdächtigen Kleinlaster mit gestohlenen niederländischen Nummernschildern, in dem sich sechs junge Frauen aus Bulgarien befanden, versteckt hinter einer blinden Wand. Außerdem stellten die Beamten 30 Kilogramm Crystal Meth sicher. Den Frauen, allesamt Roma, hatten die Schleuser Arbeit in der Gastronomie versprochen, aber in Wahrheit sollten sie in deutsche Bordelle gebracht werden.
Einem der Beamten war während der kurzen Verfolgungsjagd mit eingeschaltetem Blaulicht nicht entgangen, dass der Beifahrer des Kleinlasters etwas aus dem Seitenfenster geworfen hatte. Im Straßengraben fand er dann ein Mobiltelefon. Die Auswertung des Telefonspeichers durch die Kriminaltechnik förderte unter anderem die Rufnummer eines gewissen Marinus Vehrenkamp zutage, über den in den Niederlanden sowie bei Interpol bereits eine Ermittlungsakte existierte. Damit änderte sich die Lage der Dinge entscheidend: Denn die SoKo besaß nun einen ersten, griffigen Anhaltspunkt, und nur deshalb, weil einer der beiden Kurierfahrer aus Bequemlichkeit sein eigenes Mobiltelefon nutzte statt eines billigen Prepaid-Handys.
Bei den rumänischen Fahrern des Kleinlasters handelte es sich natürlich nur um Untergebene. Sie schwiegen, weil sie sowieso nichts zu sagen hatten, und nahmen die Verkündung ihrer milden Haftstrafen von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung mit einem Grinsen auf. Direkt nach der Urteilsverkündung wurden sie in ihr Heimatland abgeschoben.
Die verdeckt geführten Ermittlungen konzentrierten sich danach auf Marinus Vehrenkamp. Man fand heraus, dass der Niederländer seit einigen Jahren als vermeintlich seriöser Geschäftsmann regelmäßig zwischen Rotterdam, Aachen und Dresden hin und her pendelte, wo er mehrere einschlägige Etablissements besaß. In Dresden war er darüber hinaus angeblich an einer großen Diskothek beteiligt, dem »Numbers«, in dem mehr oder weniger öffentlich gedealt wurde.
Der Laden gehörte offiziell jedoch einem unbescholtenen Deutschen namens Eberhard Preuss, der nicht einmal einen Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei besaß und daher zu Recht wütend wurde, als man seine Privatwohnung sowie sein Büro im Abstand von wenigen Wochen gleich zweimal ergebnislos durchsuchte. Der SoKo gelangen in der Folgezeit zwar noch einige Festnahmen und Beschlagnahmungen, aber alle weiteren Versuche, Vehrenkamp als Strippenzieher im Hintergrund einer großen Schmugglerorganisation zu entlarven, verliefen im Sande.
Der Durchbruch gelang erst, als Angela Spengler zwei in Halle festgenommene Prostituierte aus Rumänien, die bei einer Razzia ohne gültige Aufenthaltspapiere angetroffen wurden, zu einer umfassenden Aussage überreden konnte. Marinus Vehrenkamp und zwei seiner Bordelliers wurden durch die Anschuldigungen der beiden verängstigten jungen Frauen, gerade mal 17 und 19 Jahre alt, schwer belastet. Sie berichteten glaubwürdig von Misshandlungen, Vergewaltigungen und Menschentransporten und wurden sofort in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
Von diesem Zeitpunkt an stürzten die Teile des Schmugglerimperiums nach und nach kontrolliert zusammen. Die SoKo fügte die zahlreichen Indizien wie Puzzleteile zusammen, was schließlich eine internationale Razzia und Festnahmen auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze sowie in Belgien und in den Niederlanden rechtfertigte.
Doch genau am Tag des Zugriffs wurde der verdeckte Ermittler Stanislaus Hupka vor seinem Haus im tschechischen Ústí nad Labem von einem Mann, der sich als Angestellter des privaten Stromversorgers CEZ verkleidet hatte, mit einer Maschinenpistole erschossen. Und fast zeitgleich zerrten maskierte Unbekannte Lohmanns Lebenspartnerin Angela Spengler auf dem Rasthof Elbaue in Dresden vor den Objektiven der Überwachungskameras aus ihrem Dienstwagen, warfen sie in den gestohlenen Lieferwagen eines Leipziger Malereibetriebs. Seitdem fehlte von der Oberkommissarin trotz einer sofortigen Großfahndung jede Spur. Es gelang lediglich, den Lieferwagen, restlos ausgebrannt, drei Tage später in einem Waldstück bei Zwickau sicherzustellen.
Lohmann wiederum hatte an jenem schicksalhaften Tag auf dem Balkon seiner Wohnung eine Handgranate gefunden, bei der es sich allerdings nur um eine täuschend echte Attrappe handelte.
Die Razzia wurde trotz der Entführung der Oberkommissarin durchgezogen: In den Niederlanden, in Tschechien sowie in Dresden, Leipzig, Nürnberg und Berlin wurden insgesamt 36 verdächtige Objekte durchsucht. Es gab 17 vorläufige Festnahmen, und die Ermittler stellten genügend Beweismaterial sicher, um später gegen neun Männer Anklage wegen Menschenhandels, Zuhälterei und gewerbsmäßigen Handels mit Betäubungsmitteln zu erheben. Über 120 Prostituierte aus Osteuropa wurden in Abschiebehaft genommen.
Marinus Vehrenkamp selbst hatte sich augenscheinlich zu sicher gefühlt. Er war überrascht, als seine Wohnungstür in der Dresdner Altstadt aus den Angeln flog und er in den Lauf einer Heckler-&-Koch-Maschinenpistole des MEK blickte. Die Wohnung lief auf den Namen eines anderen Niederländers, der jedoch keine Ahnung davon hatte, was sein Mieter trieb.
Bei Vehrenkamp fand man 25 Kilogramm Crystal Meth, drei Kilogramm Kokain, eine brandneue Glock 40 mit zwei Magazinen, dazu rund 240.000 Euro Bargeld.
Der Niederländer schwieg an allen 26 Prozesstagen. Das Angebot der Staatsanwaltschaft, das zu erwartende hohe Strafmaß durch eine umfassende Aussage abzumildern, hatte er schon zu Beginn der Vernehmungen abgelehnt. Für Lohmann war dies ein Anhaltspunkt dafür, dass Marinus Vehrenkamp allerhöchstens die Rolle eines Statthalters spielte. Die eines treu ergebenen Vasallen.
Die Kurparkstraße endete an drei Findlingen. Davor parkte Schuberts Dienstwagen, dahinter ging es nur zu Fuß weiter. Ein verwittertes, dreieckiges Schild, das mit Draht an einem morschen Holzpfahl befestigt war, wies auf ein Naturschutzgebiet hin. Lohmann zahlte die Fahrt, ließ sich eine Quittung ausstellen, stieg aus und blickte sich um. Bis zum Waldrand waren es rund 200 Meter. Auf einmal fröstelte er, trotz der Wärme. Er knöpfte seinen Trenchcoat zu und lief los. Mit jedem Schritt wurde das mulmige Gefühl im Magen stärker.
Kurz bevor er den Waldrand erreichte, bemerkte er Schubert, der ihm im Laufschritt entgegenkam. Der Oberkommissar sah ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dabei lächelte er. Lohmann war augenblicklich erleichtert, denn das hieß, dass es sich bei der weiblichen Toten nicht um Angela handelte.
»Wer ist es dann?«, fragte Lohmann.
»Wissen wir noch nicht. Keine Handtasche, kein Portemonnaie, aber Brenner hat ja gerade erst angefangen«, sagte Schubert.
Lohmann rechnete es seinem Stellvertreter hoch an, dass der ihm extra entgegengekommen war. Andererseits würde ihn jetzt weiterhin die Ungewissheit über Angelas Schicksal quälen.
»Danke, Werner«, sagte Lohmann leise. Schubert nickte stumm. Sie gingen schweigend nebeneinanderher in den Wald hinein und erreichten nach wenigen Minuten die Leiche. Der Fundort war mit einer weit gefassten Absperrung aus rot-weißem Flatterband gesichert und wurde von einem Streifenpolizisten bewacht. Lohmann hielt ihm den Dienstausweis vor die Nase. »Tag, Kollege. Sagen Sie mal, wie weit ist es von hier zur nächsten öffentlichen Straße?«
Der uniformierte Beamte überlegte einen Moment lang. »Etwa 400 Meter, würde ich sagen.«
Lohmann bedankte sich und wandte sich an Schubert. »Dann liegt es nahe, dass derjenige, der die Leiche hier abgelegt hat, sich in der Umgebung auskennt. Was meinst du?«
»Kann sein«, lautete Schuberts ausweichende Antwort. »Aber auffällige Reifenspuren können wir garantiert vergessen. In den vergangenen Tagen hat es zu viel geregnet.«
»Wer hat sie gefunden?«
»Ein Pilzsammler aus dem Kleingartenverein, Rüdiger Polacz. Absolut unverdächtig. Er hatte sein Handy dabei und hat sofort die Polizei angerufen. Er gibt an, nichts berührt zu haben. Die Kollegen nehmen gerade seine Personalien auf.«
»Die Klischees stimmen«, murmelte Lohmann, »es sind immer spielende Kinder, ein Jäger, Jogger oder eben Pilzsammler … Ist er das da drüben?« Lohmann deutete auf einen kleinen, untersetzten Mann, der in einigen Metern Entfernung an einem Streifenwagen lehnte und von einem Beamten in Uniform befragt wurde. Er trug ein viereckiges Bastkörbchen in der Hand.
Schubert nickte. »Herr Polacz meinte, dieses Jahr gäbe es Steinpilze wie noch nie. Ist ja auch ein schöner Mischwald mit altem Baumbestand.«
»Und sie liegt schon länger da?«
»Brenner kann bislang nichts Konkretes sagen«, antwortete Schubert, »soeben ist aber der Rechtsmediziner Dr. Martens eingetroffen, und so wie sie aussieht …«
»Weißt du was, Schubert?«, sagte Lohmann. »Das ist mal wieder eine richtige Scheiße, das alles.«
