Große Erwartungen Teil 2 - Charles Dickens - E-Book

Große Erwartungen Teil 2 E-Book

Charles Dickens.

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Beschreibung

Von den nebligen Marschen von Kent bis in die rußigen Straßen des viktorianischen Londons: Pips Reise ist eine der gewaltigsten Erzählungen der Weltliteratur. Eine furchteinflößende Begegnung mit einem entflohenen Sträfling und der Ruf in das verfallende Satis House verändern das Leben des jungen Waisenjungen für immer. Dort trifft er auf die exzentrische Miss Havisham und die eiskalte Estella – eine Begegnung, die in ihm den brennenden Wunsch nach "großen Erwartungen" entfacht. Charles Dickens' Meisterwerk ist eine tiefgründige Untersuchung von Ehrgeiz, Klasse und der Frage, was einen wahren Gentleman ausmacht. Es ist eine packende Geschichte voller Geheimnisse und unerwiderter Liebe, in der die Schatten der Vergangenheit lang in die Zukunft reichen. Ein zeitloser Klassiker über die Suche nach der eigenen Identität und die Zerbrechlichkeit von Träumen.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Große Erwartungen - Teil 2

Charles Dickens

1. Auflage –2026

Vorwort

„Ich bin gebogen und gebrochen worden, aber – so hoffe ich – in eine bessere Form.“

Von den nebligen Marschen von Kent bis in die rußigen Straßen des viktorianischen Londons: Pips Reise ist eine der gewaltigsten Erzählungen der Weltliteratur. Eine furchteinflößende Begegnung mit einem entflohenen Sträfling und der Ruf in das verfallende Satis House verändern das Leben des jungen Waisenjungen für immer. Dort trifft er auf die exzentrische Miss Havisham und die eiskalte Estella – eine Begegnung, die in ihm den brennenden Wunsch nach „großen Erwartungen“ entfacht.

Charles Dickens’ Meisterwerk ist eine tiefgründige Untersuchung von Ehrgeiz, Klasse und der Frage, was einen wahren Gentleman ausmacht. Es ist eine packende Geschichte voller Geheimnisse und unerwiderter Liebe, in der die Schatten der Vergangenheit lang in die Zukunft reichen. Ein zeitloser Klassiker über die Suche nach der eigenen Identität und die Zerbrechlichkeit von Träumen.

Teil I

Pips Kindheit und Jugend

Begegnungen mit Magwitch und Miss Havisham

Erste Hoffnungen auf gesellschaftlichen Aufstieg

Übergang nach London und Beginn der „großen Erwartungen“

Teil II

Leben und Desillusionierung in London

Enthüllung des wahren Wohltäters

Innere Krise und moralische Entwicklung

Schuld, Verantwortung und Abschluss von Pips Lebensweg

Einunddreissigstes Kapitel - Ein Bühnenkünstler.

Als wir in Dänemark anlangten, fanden wir den König und die Königin dieses Landes in zwei Lehnsesseln auf einem Anrichtetisch sitzen und ihren Hof halten. Der ganze dänische Adel war zugegen, bestehend aus einem edlen Knaben in den waschledernen Stiefeln eines gigantischen Vorfahren, einem ehrwürdigen Pair des Reichs mit einem schmutzigen Gesichte, der erst in seinen späteren Lebensjahren aus dem Volke emporgestiegen zu sein schien, und der dänischen Ritterschaft, die einen Kamm im Haar und ein Paar weiße seidene Beine und eigentlich ein weibliches Aussehen hatte. Mein begabter Mitbürger stand finster und mit verschlungenen Armen allein, und ich hätte gewünscht, daß seine Locken und seine große Stirn etwas wahrscheinlicher gewesen wären.

Es trugen sich mehre merkwürdige kleine Zwischenfälle zu, während das Stück seinen Verlauf nahm. Der verstorbene König des Landes schien nicht bloß zur Zeit seines Ablebens von einem Husten belästigt gewesen zu sein, sondern denselben auch mit ins Grab genommen und jetzt aus demselben mit zurückgebracht zu haben. Auch trug das königliche Phantom um sein Scepter geschlungen ein gespenstisches Manuscript, zu dem es gelegentlich seine Zuflucht nahm, und zwar mit einer so besorgten Miene und einem Talent, die Stelle zu verlieren, welche stark auf einen Zustand der Sterblichkeit hindeutete. Dies, glaube ich, wars, was die Galerie bewog, dem Schatten den Rath zu ertheilen, »schlag’s Blatt um,« eine Empfehlung, die jener außerordentlich übel aufnahm. Zugleich war es sehr bemerkenswerth an diesem majestätischen Geiste, daß, während er stets mit einer Miene auftrat, als sei er lange fortgewesen und habe eine große Entfernung zurückgelegt, er augenscheinlich hinter einer dicht angrenzenden Wand hervorkam. Dies bewirkte, daß man ihn, anstatt mit Grausen, mit lachendem Hohn empfing. Die Königin von Dänemark, eine corpulente Dame, hatte dem Publicum zu viel Messing an sich; ein Messingreif hielt ihr Kinn und verband sich dann mit ihrem Diadem, ein zweiter umschlang ihre Hüfte und noch zwei ihre beiden Arme, so daß man ihrer offen als der »Pauke« erwähnte. Der edle Knabe in den Vorfahrenstiefeln war inconsequent, indem er in seiner Person zu gleicher Zeit, und gewissermaßen in einem Athem, einen befahrenen Matrosen, einen umherziehenden Schauspieler, einen Todtengräber, einen Geistlichen, und eine Person darstellte, die bei einem Wettfechten bei Hofe von der äußersten Wichtigkeit war, nach deren Autorität, wegen ihres geübten Auges und ihrer seinen Unterscheidungsgabe, die schwierigsten Stöße beurtheilt wurden. Dies bewirkte allmälig, daß man ihn nicht länger dulden wollte, und sogar — da er sich als Geistlicher zeigte und den Begräbnißdienst zu vollziehen sich weigerte — ihn mit allgemeiner Entrüstung (in der Gestalt von Nüssen) verfolgte. Endlich war Ophelia eine Beute so langweiligen musikalischen Wahnsinnes, daß, als sie im Verlaufe der Zeit ihren weißen Shawl abgenommen, zusammengelegt und begraben hatte, ein verdrießlicher Mann, der schon seit langer Zeit seine ungeduldige Nase an einem Eisenstabe von der ersten Reihe der Galerie gekühlt hatte, herausbrummte: »Da ’s Kind jetzt zu Bette gebracht ist, wollen wir zum Abendbrot gehen!« was, um mich mild auszudrücken, nicht mit der Scene im Einklange war.

Alle diese Zwischenfälle häuften sich mit scherzhaftem Effecte auf meinem unglücklichen Mitbürger. Jedes Mal, wo dieser wankelmüthige Prinz eine Frage oder einen Zweifel auszusprechen hatte, kam ihm das Publicum zu Hülfe. Wie zum Beispiel: auf die Frage, ob es höher für den Geist, zu dulden,« brüllten Einige Ja, und Einige Nein, und Andere neigten sich beiden Ansichten zu und riethen ihm, zu »loosen«; worauf sich eine förmliche Debatte erhob. Als er fragte, »wozu solche Bursche wie er zwischen Erde und Himmel kröchen«, ermuthigte man ihn, indem man laut »Hört! Hört!« ausrief. Als er mit unordentlichem Strumpfe erschien (die Unordnung drückte sich wie gebräuchlich in einer einzigen sehr zierlichen Falte am obern Ende desselben aus, von der ich stets überzeugt gewesen bin, daß sie mit einem Platteisen hineingelegt worden), fand auf der Galerie eine Unterhaltung über die Blässe seines Beines Statt, und ob dieselbe wohl durch den Schreck hervorgebracht sei, den ihm das Gespenst verursacht.

Als er die Flöte nahm — die sehr einer kleinen schwarzen Flöte glich, die man im Orchester gespielt und ihm durch die Thür hindurch gereicht hatte — wurde er einstimmig aufgefordert, Rule Britannia zu blasen. Als er dem Schauspieler empfahl, nicht so die Luft zu sägen, sagte der verdrießliche Mann: »Und das könnt Ihr ebenfalls bleiben lassen; Ihr seid ein gut Theil schlimmer als er!« Und es betrübt mich, zu berichten, daß sich Mr. Wopsle bei jeder dieser Gelegenheiten mit schallendem Gelächter begrüßt sah.

Das Härteste hatte er jedoch auf dem Kirchhofe zu erleiden, der wie ein Urwald aussah, auf dessen einer Seite eine Art kleines geistliches Waschhaus und auf der andern ein Schlagbaum stand. Als man Mr. Wopsle in einem weiten schwarzen Mantel durch den Schlagbaum eintreten sah, erhielt der Todtengräber die freundschaftliche Warnung: »Aufgepaßt! Hier kommt der Leichenbitter!« Ich glaube, daß es in einem constitutionellen Lande allgemein bekannt ist, daß Mr. Wopsle den Schädel, nachdem er über denselben moralisirt, unmöglich wieder hätte hinlegen können, ohne sich mit einer Serviette, die er aus seiner Brusttasche zog, die Finger vom Staube zu reinigen; aber selbst dieses unschuldige und unvermeidliche Verfahren konnte nicht ohne den Commentar »Kell—ne—er!« vorübergehen. Als die Leiche zum Begräbniß anlangte, und zwar in einem leeren schwarzen Kasten, dessen Deckel abfiel, so war dies das Signal zu einem allgemeinen Jubel, welcher noch dadurch erhöht wurde, daß man mit den Trägern eine sehr unbeliebte Persönlichkeit identificirte. Dieser Jubel folgte Mr. Wopsle durch den Kampf hindurch, den er mit Laertes am Rande des Grabes und Orchesters hatte, und hörte nicht eher auf, als bis er den König vom Küchentische herabgeworfen und dann von den Fersen aufwärts zollweise gestorben war.

Wir hatten zu Anfange einige schüchterne Versuche gemacht, Mr. Wopsle zu applaudiren; doch waren dieselben zu hoffnungslos, als daß wir dabei hätten beharren können. Deshalb hatten wir still gesessen, indem wir tief für ihn fühlten, aber dessenungeachtet von einem Ohre bis zum andern lachten. Ich lachte wider Willen unausgesetzt; die ganze Geschichte war so furchtbar komisch; und dennoch hatte ich ein geheimes Gefühl, als ob in Mr. Wopsles Vortrag etwas entschieden Schönes liege — nicht um alter Bekanntschaft willen, wie ich fürchte, sondern weil der Vortrag so außerordentlich langweilig, so sehr traurig, so sehr bergauf und bergab, so vollkommen jeder Art und Weise unähnlich war, in der irgend ein Mensch unter natürlichen Verhältnissen des Lebens oder Todes, sich über irgend Etwas ausgedrückt haben würde. Als die Tragödie zu Ende war und man ihn herausgerufen und ausgepfiffen hatte, sagte ich zu Herbert: »Laß uns gleich hinausgehen, wir könnten ihm am Ende begegnen.«

Wir eilten so schnell wie möglich die Treppen hinunter, aber wir waren dennoch nicht schnell genug. An der Thür stand ein jüdisch aussehender Mann mit unnatürlich schwerfälligen Klecksen als Augenbrauen, der, als wir ihm näher kamen, meinen Blick auffing und dann, als wir an seiner Seite standen, zu mir sagte:

»Mr. Pip und Freund?«

Worauf wir uns als Solche zu erkennen gaben.

»Mr. Waldengarver«, sagte der Mann, »würde sich freuen, die Ehre zu haben.«

»Waldengarver?« erwiederte ich — als Herbert mir ins Ohr flüsterte: »Wopsle wahrscheinlich.«

»O!« sagte ich. »Jawohl. Sollen wir Ihnen folgen?«

»Ein paar Schritte, wenn ich bitten darf.« Als wir uns in einem Seitengange befanden, wandte er sich um und sagte: »Wie fanden Sie, daß er aussah? Ich habe ihn angekleidet.«

Ich weiß nicht, wie er ausgesehen hatte, ausgenommen wie ein Leichenbegängniß; dazu noch ein großer dänischer Orden, den er sich an einem blauen Bande um den Hals gehangen, wie das Zeichen einer ungewöhnlichen Feuerassecuranz, bei der er versichert war. Aber ich sagte, er habe sehr hübsch ausgesehen.

»Als er an das Grab trat,« sagte unser Führer, »zeigte er seinen Mantel prachtvoll. Aber von den Coulissen aus gesehen, schien es mir, daß er, als er im Zimmer der Königin das Gespenst erblickte, mehr Effect mit seinen Strümpfen hätte machen können.«

Ich stimmte ihm bescheiden bei, worauf wir Alle durch eine schmutzige kleine Thür in eine Art von heißer Packkiste unmittelbar dahinter stürzten. Hier entledigte sich Mr. Wopsle eben seiner dänischem Gewänder, und wir hatten, indem wir die Thür oder den Deckel der Packkiste weit geöffnet hielten, gerade Platz genug um ihm, Einer über die Schultern des Andern, zuzusehen.

»Meine Herren,« sagte Mr. Wopsle, »es macht mich stolz, Sie zu sehen. Ich hoffe, Mr. Pip, Sie werden mirs verzeihen, daß ich zu Ihnen herumschickte. Ich hatte das Glück, Sie in früheren Zeiten zu kennen, und das Drama hat bei den Edlen und Wohlhabenden stets seine Rechte geltend gemacht.«

Inzwischen versuchte Mr. Waldengarver, in furchtbarer Transpiration, sich von seinen fürstlichen Gewändern zu befreien.

»Streifen Sie die Strümpfe ab, Mr. Waldengarver,« sagte der Eigenthümer jenes Besitzthums, »oder sie werden Ihnen platzen. Und wenn sie Ihnen platzen, da platzen Ihnen fünfunddreißig Schillinge. Shakspeare besaß nie ein schöneres Paar. Bleiben Sie jetzt ruhig auf Ihrem Stuhle sitzen und überlassen Sie sie mir.«

Mit diesen Worten kniete er nieder und begann sein Opfer zu schinden, welches, da der erste Strumpf herunterfuhr, sicherlich mit seinem Stuhle hintenüber gefallen sein würde, falls überhaupt noch Platz zum Fallen da gewesen wäre.

Ich hatte mich bis daher gefürchtet, auch nur ein Wort über die Vorstellung zu sagen. Aber Mr. Waldengarver schaute uns jetzt wohlgefällig an und sagte:

»Meine Herren, wie schien es Ihnen von da aus, wo Sie saßen, zu gehen?«

Herbert sagte (mich in die Seite stoßend) hinter mir: »Prächtig!« Demnach sagte ich ebenfalls: »Prächtig!«

»Wie gefiel Ihnen meine Auffassung der Rolle, meine Herren?« sagte Mr. Waldengarver, beinahe, wenn nicht wirklich, mit Gönnermiene.

Herbert sagte (mich abermals in die Seiten stoßend und hinter mir): »Solid und monumental.« Und das wiederholte ich auch diesmal.

»Ich freue mich, Ihren Beifall zu haben, meine Herren,« sagte Mr. Waldengarver, ungeachtet daß er in diesem Augenblicke gegen die Wand gequetscht wurde und sich am Sitze des Stuhls festzuhalten hatte, mit Würde.

Mr. Waldengarver lächelte mir zu, wie wenn er sagen wollte: Ein treuer Diener — ich sehe ihm seine Thorheit nach; und sagte dann laut: »Meine Auffassung ist ein wenig zu classisch und durchdacht für sie; aber sie werden sich bilden; sie werden sich bilden.«

Herbert und ich sagten gleichzeitig: »O, ohne Zweifel werden sie sich bilden.«

»Haben Sie wohl bemerkt, meine Herren,« sagte Mr. Waldengarver, »daß in der Galerie ein Mann anwesend war, welcher den Gottesdienst, wollt ich sagen, die Vorstellung zu verhöhnen versuchte?«

Wir entgegneten niedrigerweise, wir glaubten, einen solchen Mann bemerkt zu haben. Ich fügte hinzu: »Er war ohne Zweifel betrunken.«

»O nein, Sir, durchaus nicht betrunken. Sein Herr hätte das verhütet. Sein Herr würde ihm nicht gestatten, sich zu betrinken.«

»Sie kennen also seinen Herrn?« sagte ich.

Mr. Wopsle schloß seine Augen und öffnete sie dann wieder, welche beide Ceremonien er sehr langsam vollzog. »Sie müssen, meine Herren,« sagte er, »einen unwissenden, schreienden Esel mit einem heisern Halse und einem Gesichtsausdrucke niedriger Bosheit bemerkt haben, welcher (falls man mir ein französisches Wort hingehen lassen will) die rôle des Claudius, Königs von Dänemark, hatte — ich will nicht sagen gab. Das ist sein Herr, meine Herren. So gehts in der Kunst!«

Ohne mir bestimmt bewußt zu sein, ob mir Mr. Wopsle mehr leid gethan hätte, falls ich ihn in Verzweiflung gesehen, that er mir so schon in dem Grade leid, daß ich die Gelegenheit wahrnahm, wo er sich von uns abwandte, um seine Hosenträger zu befestigen — wobei wir zur Thür hinausgedrängt wurden — um Herbert zu fragen, ob wir ihn zum Nachtessen mit nach Hause nehmen wollten? Herbert sagte, er denke, es würde von mir freundlich sein, dies zu thun; deshalb lud ich ihn ein, und er ging bis an die Augen verhüllt mit uns nach Barnards Inn, und wir thaten unser Bestes für ihn, und er saß bis zwei Uhr früh, Rückblicke auf seine Erfolge werfend und Pläne entwickelnd bei uns. Ich habe die Einzelnheiten der letzteren vergessen, doch bleibt mir eine allgemeine Erinnerung, daß er damit anfangen wollte, das Drama wieder in die Mode zu bringen, und damit enden, es gänzlich zu unterdrücken; indem nämlich sein Ableben dasselbe (das Drama) jeder fernern Aussicht und Hoffnung berauben würde.

Endlich ging ich, mich tief elend fühlend, zu Bette, dachte mit kummervollem Herzen an Estella und träumte dann auf das traurigste, daß meine Erwartungen alle annuillirt, daß ich mich mit Herberts Clara zu vermählen oder vor zwanzigtausend Menschen mit Miß Havishams Gespenste die Rolle des Hamlet zu spielen habe, ohne zwanzig Worte von derselben zu wissen.

Zweiunddreissigstes Kapitel - Ein Besuch in Wemmicks Gewächshaus.

Eines Tages, als ich mit Mr. Pocket bei meinen Büchern beschäftigt war, erhielt ich mit der Post ein Briefchen, dessen bloße Außenseite mir Herzklopfen verursachte; denn obgleich ich die Handschrift der Adresse nie vorher gesehen, so errieth ich doch sogleich, von wem dieselbe geschrieben sei. Das Briefchen begann mit keiner herkömmlichen Anrede, wie zum Beispiel: Lieber Pip, oder: Lieber Mr. Pip, oder: Lieber Herr, oder: Lieber Sonstetwas, sondern folgendermaßen:

»Ich werde übermorgen mit der Mittagskutsche in London eintreffen. Wie ich mich zu erinnern glaube, sollten Sie mich auf der Post erwarten? Jedenfalls denkt Miß Havisham, daß Sie diese Uebereinkunft mit ihr getroffen, und ich schreibe deshalb auf ihren Wunsch. Sie sendet Ihnen ihren Gruß,

Die Ihrige,

Estella.

Falls es noch Zeit gewesen wäre, so würde ich wahrscheinlich für diese Gelegenheit mehre neue Anzüge bestellt haben; da dies jedoch nicht der Fall, so war ich genöthigt, mich mit denjenigen Kleidern zu begnügen, die ich bereits besaß. Mein Appetit wich augenblicklich von mir, und ich kannte weder Frieden noch Ruhe bis der Tag da war. Nicht, daß mir die Ankunft desselben Appetit, Ruhe oder Frieden zurückgebracht hätte; im Gegentheil, mir wurde jetzt schlimmer denn je, und ich begann mich in der Umgegend des Posthofes in Wood-Street, Cheapside, umherzutreiben, ehe noch die Kutsche den »Blauen Eber« in unserm Städtchen verlassen haben konnte. Und obwohl ich dies vollkommen wußte, so war mirs dennoch, als ob es nicht sicher sei, den Posthof länger als auf fünf Minuten aus den Augen zu verlieren; und in diesem Zustande des Blödsinns hatte ich bereits die erste halbe Stunde meines vier- bis fünfstündigen Schildwachstehens hingebracht, als Mr. Wemmick gegen mich anrannte.

»Halloh! Mr. Pip,« sagte er; »wie gehts Ihnen? Ich hatte kaum gedacht, daß dies Ihr Revier sein könnte.«

Ich erklärte ihm die Sache, indem ich ihm sagte, ich warte hier auf Jemand, der mit der Landkutsche ankommen werde, und erkundigte mich dann nach dem Schlosse und dem Alten.

»Beide im besten Gedeihen, danke Ihnen,« sagte Wemmick, »und besonders der Alte. Er hält sich prächtig. Er wird an seinem nächsten Geburtstage zweiundachtzig Jahre alt, und ich denke halb und halb daran, bei der Gelegenheit zweiundachtzig Schüsse zu thun, wenn sich nur die Nachbarschaft nicht beklagt und meine Kanone es aushält. Doch dies ist keine Unterhaltung für London. Wohin glauben Sie wohl, daß ich jetzt gehe?«

»Nach der Expedition?« sagte ich, denn er ging in dieser Richtung.

»Nach einem Orte, welcher dem zunächst kommt,« erwiederte Wemmick, »Ich gehe nach Newgate. Wir sind augenblicklich mit einem Banquierdiebstahlsfalle beschäftigt, und ich bin eben die Straße hinunter gewesen, um den Schauplatz der That in Augenschein zu nehmen, und habe in Folge dessen ein paar Worte mit unserm Clienten zu sprechen.«

»Hat Ihr Client den Diebstahl begangen?« fragte ich.

»Gott bewahre und behüte Sie, nein,« sagte Mr. Wemmick sehr trocken. »Aber man hat ihn dessen beschuldigt. Und das könnte ebenso gut Ihnen, oder mir passiren. Der Eine sowohl, wie der Andere von uns könnte dessen beschuldigt werden, wissen Sie.«

»Nur ist es weder der Eine noch der Andere,« bemerkte ich.

»Ah!« sagte Mr. Wemmick, meine Brust mit seinem Zeigefinger berührend, »Sie sind aber pfiffig. Mr. Pip! Haben Sie Lust, sich in Newgate umzusehen? Haben Sie Zeit übrig?«

Ich hatte so viel Zeit übrig, daß der Vorschlag, ungeachtet seiner Unverträglichkeit mit meinem geheimen Wunsche, den Posthof im Auge zu behalten, mir höchst willkommen war. Indem ich murmelte, ich wolle mich zuvor erkundigen, ob ich Zeit haben werde, mit ihm zu gehen, ging ich ins Postbureau hinein und befragte den Secretär mit der peinlichsten Genauigkeit und zur äußersten Probe seiner Geduld über den frühesten Augenblick, wo die Landkutsche eintreffen könne — den ich längst vorher ebenso gut wußte wie er. Dann kehrte ich zu Mr. Wemmick zurück und nahm sein Anerbieten an, nachdem ich nach meiner Uhr gesehen und gethan hatte, als ob ich durch das, was ich auf meine Nachfragen erfahren, überrascht sei.

Wir langten nach wenigen Minuten in Newgate an und gingen durch die Thürhüterloge, wo wir an der kahlen Wand zwischen den Anschlagezetteln, welche die Gefängnißregeln enthielten, einige Fesseln hängen sahen, in das Innere des Gefängnisses hinein.

Zu jener Zeit warm die Gefängnisse in sehr vernachlässigtem Zustande, und der Zeitpunkt übertriebener Reaction — der eine Folge alles öffentlichen Unrechts, und stets die schwerste und dauerndste Strafe desselben ist — noch in weiter Ferne. Demnach hatten die Verbrecher damals nicht bessere Wohnung und Nahrung als die Soldaten (der Armen gar nicht zu erwähnen), und steckten ihre Gefängnisse nur selten unter dem verzeihlichen Vorwande, dadurch den Geschmack ihrer Suppe zu verbessern, in Brand.

Es war die Zeit, wo Besuche gestattet wurden, als Wemmick mich hineinführte, und der Aufwärter aus der benachbarten Bierschenke machte seine Runde mit Bier; und die Gefangenen hinter ihren Gittern in den verschiedenen Höfen kauften Bier und unterhielten sich mit ihren Bekannten; und es war eine schmutzige, häßliche, unordentliche drückende Scene.

Es schien mir, als ob Wemmick unter den Gefangenen, etwa wie ein Gärtner unter seinen Pflanzen, umherwandelte. Dieser Gedanke kam mir zuerst in den Kopf, als er eine Pflanze erblickte, welche erst in der Nacht aufgeschossen war, und sagte:

»Wie, Capitän Tom? Sind Sie da? Ah, wahrhaftig!« Und dann: »Ist das nicht der schwarze Bill da hinter der Cisterne? Ei, ich hab Euch vor zwei Monaten nicht hier zu sehen erwartet; wie gehts Euch?«

Dann stand er an den Gittern still, um ängstliche Flüsterer anzuhören — stets Jeden einzeln — wobei Wemmick sie mit unbeweglichem Briefkasten während der ganzen Conferenz betrachtete, als ob er besondere Beobachtungen darüber anstelle, wie weit sie, seit er sie zuletzt gesehen, gediehen seien, um zur Schlußverhandlung in voller Blüthe zu sein.

Er war außerordentlich beliebt, und ich entdeckte, daß er das vertrauliche Departement in Mr. Jaggers Geschäften besorgte, obgleich ihn zu gleicher Zeit auch etwas von Mr. Jaggers Wesen umgab, welches bis zu gewissen Grenzen fernere Annäherung ausschloß. Sein persönliches Erkennen jedes einzelnen Clienten bestand in einem Nicken und darin, daß er mit beiden Händen seinen Hut etwas bequemer auf seinem Kopfe zurecht rückte, den Briefkasten fester schloß und die Hände in die Taschen steckte.

In ein paar Fällen erhob sich eine Schwierigkeit über das Aufbringen der Advocatengebühren, und bei diesen Gelegenheiten wich Wemmick so weit als möglich vor dem dargebotenen, unzureichenden Gelde zurück und sagte:

»Es nützt nichts, mein Junge. Ich bin nur ein Untergeordneter. Ich kanns nicht annehmen. Ihr müßt nicht auf diese Weise mit einem Untergeordneten sprechen. Wenn Ihr nicht im Stande seid, Euer Quantum aufzubringen, mein Junge, so wendet Euch lieber an den Principal; es giebt eine Menge Principale in unserm Berufe, und was dem Einen nicht der Mühe werth scheinen mag, scheint dem Andern vielleicht annehmbar; das ist Alles, was ich Euch als Untergeordneter empfehlen kann. Gebt Euch nicht mit unnützen Maßregeln Mühe. Denn wozu? Nun, wer kommt jetzt?«

Auf diese Weise wanderten wir durch Wemmicks Gewächshaus, bis er sich zu mir wandte und sagte:

»Geben Sie auf den Mann Acht, dem ich die Hand geben werde.«

Ich hätte dies gethan, selbst wenn er mich nicht dazu aufgefordert hätte, da er bisher noch Niemand die Hand gegeben.

Er hatte kaum ausgeredet, als ein stattlicher, gerader Mann (den ich vor mir sehe, während ich schreibe) in einem abgetragenen olivenfarbenen Fracke, in dessen Gesicht eine eigenthümliche Blässe sich über die Röthe seiner Haut hinzog, und dessen Augen umherwanderten, wenn er sie auf einen Gegenstand zu richten versuchte, an einen Winkel des Gitters herantrat und mit halb ernstem, halb scherzhaftem militärischen Gruße die Hand an den Hut legte, welcher Letztere eine schmierige, fettige Oberfläche hatte, etwa wie kalte Fleischbrühe.

»Ihr Diener, Oberst!« sagte Wemmick; »wie gehts Ihnen, Oberst?«

»Alles in Ordnung, Mr. Wemmick.«

»Es ist alles geschehen, was nur gethan werden konnte, aber der Beweis war zu offenbar gegen uns, Oberst.«

»Ja wohl: er war zu klar, Sir — aber ’s ist mir einerlei.«

»Freilich,« sagte Wemmick leichthin, »Ihnen ist es einerlei.« Dann bemerkte er, sich zu mir wendend: »Hat Sr. Majestät gedient, dieser Mann. War Soldat in den Linientruppen, und erkaufte sich seinen Abschied.«

Ich sagte »Wirklich?« und des Mannes Augen blickten auf mich, dann über meinen Kopf hinweg, und rund um mich herum, und dann fuhr er sich mit der Hand über die Lippen und lachte.

»Ich denke, ich werde mich wohl am Montag auf den Marsch zu machen haben, Sir,« sagte er zu Wemmick.

»Vielleicht,« entgegnete mein Freund, »aber man kanns nicht wissen.«

»Ich freue mich, diese Gelegenheit zu haben, Ihnen Lebewohl zu sagen, Mr. Wemmick,« sagte der Mann, seine Hand zwischen zwei Eisenstäben hindurch reichend.

»Danke, und gleichfalls, Oberst,« sagte Wemmick, ihm die Hand schüttelnd.

»Wäre das, was ich bei meiner Verhaftung bei mir hatte, echt gewesen, Mr. Wemmick,« sagte der Mann, der seine Hand nicht gern fahren ließ, »so würde ich es mir von Ihnen als Gunst erbeten haben, noch einen Ring zu tragen — als Dank für Ihre mir bewiesenen Aufmerksamkeiten.«

»Ich will den Willen für die That annehmen,« sagte Wemmick. »Beiläufig — Sie waren ein Taubenliebhaber.« Der Mann schaute zu den Wolken empor. »Ich höre, Sie hatten eine ganz besondere Zucht von Tummlern. Könnten Sie vielleicht irgend einen Ihrer Freunde beauftragen, mir ein Paar von ihnen zu bringen, falls Sie ferner keinen Gebrauch mehr davon machen können?«

»Es soll geschehen, Sir.«

»Gut,« sagte Wemmick,»es soll gut für sie gesorgt werden. Guten Tag, Oberst. Leben Sie wohl!« Sie drückten einander abermals die Hände, und als wir davongingen, sagte Wemmick zu mir: »Ein Falschmünzer, ein sehr guter Arbeiter. Der Syndicus hat heute seinen Bericht erstattet, und er wird ganz sicher am Montage gehangen werden. Aber ein Paar Tauben sind dessenungeachtet auf ihre Weise auch bewegliches Eigenthum, sehen Sie.« Mit diesen Worten schaute er zurück und nickte seiner todten Pflanze zu, und warf dann im Hinausgehen seine Blicke umher, wie wenn er überlege, welchen andern Blumentopf er wohl am besten an ihre Stelle thun könne.

Als wir durch die Thürhüterloge gingen, um das Gefängniß zu verlassen, bemerkte ich, daß meines Vormundes große Bedeutung von den Gefangenwärtern nicht geringer angeschlagen wurde, wie von Denen, die unter ihrer Obhut standen. — »Nun, Mr. Wemmick,« sagte der Thürhüter, welcher uns zwischen den beiden mit Nägeln und scharfen Eisenstäben versehenen Thoren aufhielt, von denen er das eine sorgfältig verschloß, ehe er das andere öffnete, »was gedenkt Mr. Jaggers aus dem Morde an der Themse zu machen? Will er es Todtschlag nennen, oder was?«

»Warum fragen Sie ihn nicht selbst?« sagte Wemmick,

»O, ich werde mich hüten!« sagte der Thürhüter.

»Sehen Sie, Mr. Pip, so machen sie es hier,« bemerkte Mr. Wemmick, mit verlängertem Briefkasten zu mir gewendet. »Es kommt ihnen nicht darauf an, welche Fragen sie an mich, den Untergebenen, richten; aber Sie werden sie nie dabei ertappen, daß sie meinen Principal befragten.«

»Ist dieser junge Herr einer von den Lehrlingen oder Schreibern in Ihrer Expedition?« fragte der Thürhüter, über Mr. Wemmicks launige Bemerkung grinsend.

»Da ist er schon wieder, wie Sie sehen!« rief Wemmick aus. »Hab ichs Ihnen nicht gesagt? Ist mit einer zweiten Frage an den Untergebenen bei der Hand, ehe noch die erste trocken geworden. Nun, angenommen, Mr. Pip wäre einer von ihnen?«

»Nun,« sagte der Thürhüter abermals grinsend, »dann weiß er, was Mr. Jaggers ist.«

»Bah!« rief Mr. Wemmick, indem er auf scherzende Weise nach dem Thürhüter schlug. »Sie wissen recht gut, daß Sie so stumm, wie einer Ihrer eigenen Schlüssel sind, wenn Sie irgend etwas mit meinem Principal zu thun haben. Lassen Sie uns hinaus, Sie alter Fuchs, oder ich lasse Sie von ihm wegen ungesetzlicher Einkerkerung unserer Personen verklagen.«

Der Thürhüter lachte und bot uns einen guten Tag, und stand uns nachlachend hinter den Eisenstäben des Pförtchens, während wir die Stufen in die Straße hinabgingen.

»Und ich will Ihnen was sagen, Mr. Pip,« sagte Wemmick mir ernst ins Ohr, indem er meinen Arm nahm, um vertraulicher sprechen zu können; »ich wüßte nicht, daß Mr. Jaggers in irgend einer Sache sich gescheidter zeigte, als in der Art und Weise, in der er sich von ihnen fern hält. Er hält sich stets so fern. Und diese Zurückhaltung stimmt ganz mit seinen ungeheuren Fähigkeiten überein. Jener Oberst würde ebenso wenig daran denken, ihm Lebewohl zu sagen, wie der Gefangenwärter wagen würde, ihn um seine Ansicht in Bezug auf einen Criminalfall zu befragen. Und dann läßt er zwischen sie und seine Zurückhaltung seinen Untergebenen schlüpfen, sehen Sie wohl? — Und so fängt er sie — Leib und Seele.«

Meines Vormundes Klugheit machte großen Eindruck auf mich, und zwar nicht zum ersten Male. Um die Wahrheit zu gestehen, wünschte ich, und zwar auch nicht zum ersten Male, daß ich irgend einen andern Vormund von geringeren Fähigkeiten gehabt hätte.

Mr. Wemmick und ich schieden an der Expedition in Little Britain, wo, wie gewöhnlich, Leute umherstanden, welche sehnlichst Mr. Jaggers Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wünschten, und ich kehrte mit noch drei Stunden zu meiner Disposition zu meiner Wache in der Straße zurück, in der das Postbüreau lag. Ich brachte die ganze Zeit in Grübeleien darüber zu, wie seltsam es sei, daß ich von all diesem Schmutze von Gefängnissen und Verbrechen umringt sei; daß ich demselben in meiner Kindheit an einem Winterabende draußen auf unseren einsamen Marschen zuerst begegnet; daß er sich bei zwei verschiedenen Gelegenheiten wieder gezeigt, indem er wie ein Flecken wieder aufgetaucht, der wohl verblichen aber nicht ausgegangen war; und daß er sich jetzt auf diese neue Art und Weise in mein Glück und mein Vorwärtskommen mischte. Ich gedachte der jugendschönen Estella, die, während mein Geist auf diese Weise beschäftigt war, mir stolz und fein gebildet entgegen kam, und dachte mit wahrem Abscheu an den Contrast zwischen ihr und dem Gefängnisse. Ich wünschte, daß ich nicht Wemmick begegnet wäre, oder wenigstens mich nicht von ihm hätte bewegen lassen, mit ihm zu gehen, um von allen Tagen des Jahres wenigstens an diesem Tage nicht den Hauch von Newgate in meinem Athem und in meinen Kleidern gehabt zu haben. Ich stampfte den Gefängnißstaub von meinen Füßen, während ich auf und ab ging, schüttelte ihn aus meinen Kleidern, und ließ ihn aus meiner Lunge in die Luft hinausströmen. Ich fühlte mich, indem ich bedachte, wen ich erwartete, so befleckt, daß die Landkutsche am Ende doch sehr bald da war, und ich noch nicht von dem Bewußtsein von Mr. Wemmicks beschmutzendem Gewächshause frei war, als ich ihr Gesicht am Kutschenfenster erblickte und ihre Hand mir zuwinken sah.

Welch namenloser Schatten war es nur, der in diesem einzigen Augenblicke abermals vorüberschwebte?

Dreiunddreissigstes Kapitel - Pip als Reisecavalier.

In ihren pelzverbrämten Reisekleidern erschien Estella von noch unnahbarerer Schönheit, als sie selbst meinen Augen je zuvor erschienen war. In ihrem Benehmen gegen mich zeigte sie sich einnehmender, als je früher, und ich glaubte Miß Havishams Einfluß in dieser Veränderung zu erkennen.

Wir standen im Hofe des Gasthauses, während sie mir ihr Gepäck wies, und als dasselbe zusammengebracht war, erinnerte ich mich — indem ich inzwischen außer ihr Alles vergessen hatte — daß ich nichts über ihren Bestimmungsort wisse.

»Ich reise nach Richmond,« sagte sie mir. »Unsere Lection ist, daß es zwei Richmonds giebt, eines in Surrey und eines in Yorkshire, und daß meines das erstere ist. Die Entfernung ist nur zehn Meilen (engl.). Ich soll einen Wagen nehmen und Sie sollen mich begleiten. Dies ist meine Börse und Sie sollen aus derselben meine Ausgaben bestreiten. O, Sie müssen die Börse nehmen! Wir Beide haben gar keine Wahl, als unseren Vorschriften zu gehorchen. Es steht nicht in Ihrem oder meinem Belieben unseren eigenen Ideen zu folgen.«

Da sie mich ansah, indem sie mir die Börse reichte, hoffte ich, daß ihre Worte noch eine geheime Bedeutung hätten. Sie sprach mit einer Miene der Geringschätzung, aber ohne Verdruß.

»Wir werden einen Wagen holen lassen müssen, Estella. Wollen Sie inzwischen hier ein wenig ausruhen?«

»Ja; ich soll hier ein wenig ausruhen, und Thee trinken, und Sie sollen inzwischen für mich sorgen.«

Sie legte ihren Arm, als ob es geschehen müsse, in den meinigen, und ich ersuchte den Kellner, der unterdessen die Landkutsche angestiert hatte, wie ein Ding, das er im ganzen Leben noch nie gesehen, uns in ein Privatzimmer zu führen. Hierauf riß er eine Serviette unter dem Arme hervor, wie wenn dieselbe ein Zauberstab gewesen wäre, ohne den er unmöglich den Weg die Treppe hinauf gefunden haben würde, und führte uns in das schwarze Loch des Etablissements, dessen Ameublement aus einem verkleinernden Spiegel (ein vollkommen überflüssiger Gegenstand, wenn man die Verhältnisse des Loches in Betracht nimmt), einem Fläschchen mit Sardellensauce und Jemandes Holzpantoffeln bestand. Da ich gegen diesen Zufluchtsort Einwendungen erhob, führte er uns in ein anderes Zimmer, in dem eine Speisetafel für dreißig Personen stand, und wo unter einem Scheffel von Kohlenstaub im Kaminherde ein versengtes Blatt Papier auf einem Schönschreibebuche lag. Nachdem er auf diese erloschene Feuersbrunst geblickt und den Kopf geschüttelt, nahm er meine Befehle entgegen, und da diese sich bloß auf »etwas Thee für diese Dame« beschränkten, verließ er das Zimmer in sehr gedrücktem Gemüthszustande.

Ich war und bin mir noch jetzt bewußt, daß die Luft in diesem Zimmer, durch ihren stark ausgesprochenen Duft nach Ställen und Suppen, einen auf die Vermuthung hätte bringen können, daß das Kutschengeschäft nicht sehr glänzend gehe, und der unternehmende Eigenthümer die Pferde für das Erfrischungsdepartement eingekocht habe. Dennoch war das Zimmer, da Estella darin anwesend, Alles in Allem für mich. Es schien mir, daß ich mit ihr mein ganzes Leben in Glückseligkeit zubringen könne. (Man bemerke wohl, daß ich in dem Augenblicke dort durchaus gar nicht glücklich war, und dies vollkommen wohl wußte.)

»Zu wem gehen Sie in Richmond?« fragte ich Estella.

»Ich werde dort mit großem Kostenaufwande bei einer Dame wohnen,« entgegnete Estella, »welche — wie sie wenigstens sagt — die Macht hat, mich in der Gesellschaft einzuführen und mir Leute und mich den Leuten zu zeigen.«

»Vermuthlich freuen Sie sich über diese Aussicht auf Abwechselung und Bewunderung?«

»Ja, wahrscheinlich.«

Sie antwortete auf so gleichgültige Weise zu mir, daß ich zu ihr sagte:

»Sie sprechen von sich selbst, als ob Sie Jemand anders wären.«

»Woher wissen Sie, wie ich von Anderen spreche? Kommen Sie,« sagte Estella mit einem bezaubernden Lächeln; »Sie müssen nicht erwarten, daß ich noch bei Ihnen in die Schule gehe; ich muß auf meine eigene Weise reden. Wie kommen Sie mit Mr. Pocket zurecht?«

»Ich lebe dort ganz angenehm; wenigstens —« Es schien mir, als ob ich hier eine günstige Gelegenheit vorübergehen ließe.

»Wenigstens?« wiederholte Estella.

»Wenigstens so angenehm, wie ich irgendwo, entfernt von Ihnen, leben könnte.«

»Sie thörichter Knabe,« sagte Estella ganz gelassen; »wie können Sie solchen Unsinn sprechen? Ihr Freund, Mr. Matthew, ist seiner übrigen Familie vorzuziehen, glaube ich?«

»Sehr vorzuziehen. Er ist Niemandes Feind —«

»Fügen Sie nicht hinzu: als sein eigener,« unterbrach mich Estella; »denn ich hasse die Art von Männern. Er aber ist, wie ich gehört habe, wirklich uninteressirt und über kleinliche Eifersucht und Bosheit erhaben, wie?«

»Gewiß, ich habe alle Ursache, dies zu sagen.«

»Sie haben indessen nicht alle Ursache, dies von den übrigen Mitgliedern seiner Familie zu sagen,« bemerkte Estella, mir mit einem Gesichtsausdrucke zunickend, der zugleich ernst und neckisch war; »denn sie belagern Miß Havisham förmlich mit nachtheiligen Berichten und Andeutungen über Sie. Sie belauern Sie, stellen Sie in ein falsches Licht, schreiben Briefe über Sie (zuweilen sogar anonym) und Sie bilden die Plage und Beschäftigung ihres Lebens. Sie können sich kaum eine Vorstellung von dem Hasse machen, welchen jene Leute gegen Sie fühlen.«

»Ich hoffe, daß sie mir keinen Schaden thun,« sagte ich.

Anstatt mir zu antworten, lachte Estella laut auf. Dies erschien mir sehr sonderbar, und ich blickte sie mit beträchtlicher Verblüfftheit an. Als sie zu lachen aufhörte — und zwar hatte sie nicht nachlässig, sondern mit wirklichem Hochgenusse gelacht — sagte ich auf die zaghafte Weise, die mir ihr gegenüber eigen war:

»Ich hoffe, annehmen zu dürfen, daß es Sie nicht belustigen würde, falls man mir Schaden zufügte?«

»Nein, nein, darüber können Sie sich beruhigen,« sagte Estella., »Sie können überzeugt sein, daß ich lache, weil es ihnen nicht gelingt. O, diese Leute mit Miß Havisham, und die Qualen, welche sie erdulden!«

Sie lachte abermals, und selbst jetzt noch, nachdem sie mir die Ursache gesagt, schien mir ihr Lachen sehr sonderbar; denn ich konnte nicht bezweifeln, daß es von Herzen kam, und doch schien es zu viel für die Gelegenheit. Ich dachte, es müsse hierunter wirklich mehr stecken, als ich wisse; sie las den Gedanken in meinem Gesichte und beantwortete ihn.

»Es ist selbst für Sie nicht leicht, zu begreifen,« sagte Estella, »welche Genugthuung es mir gewährt, wie sich jene Leute vergebens abmühen, und welch ein köstliches Gefühl des Lächerlichen es für mich ist, sie sich lächerlich machen zu sehen. Denn Sie wurden nicht von frühester Kindheit in jenem seltsamen Hause aufgezogen. — Aber ich. Ihr Kinderverstand wurde nicht dadurch geschärft, daß man, unterdrückt und hülflos wie Sie waren, unter der Maske der Theilnahme und des Mitleids und wessen nicht sonst noch, was gütig und liebevoll ist, gegen Sie intriguirte. — Aber der meinige. Sie öffneten Ihre runden Kinderaugen nicht allmälig weiter und weiter, um die hohle Lüge jenes Weibes zu erkennen, die ihren Vorrath an Seelenfrieden zusammenrechnet, für die Zeit, wo sie in der Nacht aufwacht. — Aber ich.«

Es war jetzt nicht mehr zum Lachen bei Estella, und diese Erinnerungen lagen nicht auf platter Oberfläche. Ich hätte um all meiner großen Erwartungen in Summa willen nicht die Ursache jenes Blickes von ihr sein mögen.

»Zwei Dinge kann ich Ihnen sagen,« sagte Estella, »Erstens können Sie sich darüber beruhigen, daß, ungeachtet des Sprichwortes, daß fortwährendes Tröpfeln einen Stein auflöst, diese Leute Ihnen niemals — in hundert Jahren nicht, in irgend einem Punkte, ob bedeutend oder gering, bei Miß Havisham schaden können oder werden. Zweitens bin ich Ihnen dankbar dafür, daß Sie die Ursache der vergeblichen Anstrengungen und Niedrigkeiten jener Leute sind, und hier ist meine Hand darauf.«

Als sie mir dieselbe scherzend reichte — denn ihre düstere Laune war schnell vorübergehend gewesen — hielt ich sie einen Augenblick in der meinigen und drückte sie dann an meine Lippen.

»Sie lächerlicher Knabe,« sagte Estella, »wollen Sie sich durchaus nicht warnen lassen? Oder küssen Sie meine Hand in dem Geiste, in welchem ich Sie einst meine Wange küssen ließ?«

»In welchem Geiste thaten Sie dies?« sagte ich,

»Ich muß mirs einen Augenblick überlegen. Verachtung für die Schmeichler und Ränkeschmiede.«

»Falls ich ja sage, darf ich da Ihre Wange noch ein Mal küssen?«

»Sie hätten fragen sollen, ehe Sie die Hand küßten. Doch — ja, meinetwegen.«

Ich beugte mich nieder, und ihr Gesicht war ruhig, wie das einer Statue.

»Jetzt aber,« sagte Estella, sich abwendend, sowie ich sie berührt hatte, »sollen Sie dafür sorgen, daß ich Thee bekomme, und dann mich nach Richmond begleiten.«

Es verursachte mir ein schmerzhaftes Gefühl, als sie wieder in diesen Ton verfiel, als ob unser Zusammensein uns aufgezwungen und wir bloße Drahtpuppen seien; aber Alles in unserm Verkehr verursachte mir Schmerz. In welchem Tone sie auch zu mir sprechen mochte, ich durfte ihm nicht trauen oder Hoffnungen darauf bauen; und dennoch blieb ich dabei, gegen alles Zutrauen, alle Hoffnung. Wozu wiederhole ich es tausend Mal? Es war immer so.

Ich schellte, damit man den Thee brächte, und der Kellner brachte, indem er wieder mit seinem Zauberstabe erschien, allmälig ungefähr fünfzig zu dieser Erfrischung gehörige Zuthaten herein, doch von Thee noch immer keine Ahnung. Ein Theebret, Tassen, Teller, Messer und Kabeln (worunter auch Tranchirmesser); Löffel (verschiedene Sorten); Salzfäßchen; einen bescheidenen kleinen gewärmten Theekuchen, den man mit der äußersten Sorgfalt unter einem großen, starken zinnernen Deckel gefangen hielt; Moses im Schilf, bildlich durch ein kleines, weiches Stückchen Butter in einem Gebüsche von Petersilie dargestellt; ein bleiches Brod mit gepudertem Haupte; zwei Patentabdrücke der Stäbe des Rösteisens auf zwei dreieckigen gerösteten Brodschnittchen, und endlich eine wohlbeleibte Familientheemaschine, mit welcher der Kellner hereinwankte, indem sein Antlitz Überlastung und Leiden ausdrückte. Nach einer längern Abwesenheit bei diesem Stadium in seinen Vorkehrungen zu dem Festmahle, kehrte er endlich mit einem Kästchen von kostbarem Aussehen zurück, welches kleine Zweige enthielt. Diese letzteren übergoß ich mit heißem Wasser, und brachte so aus diesen ganzen Vorkehrungen eine einzige Tasse Ich-weiß-nicht-was für Estella zu Wege.

Nachdem wir die Rechnung bezahlt, und den Kellner bedacht, und den Hausknecht nicht vergessen, und das Stubenmädchen berücksichtigt — kurz das ganze Haus bestochen hatten, damit es von Feindschaft und Verachtung erfüllt und Estellas Börse bedeutend erleichtert sei — stiegen wir in unseren Postwagen und fuhren davon. Als wir in Cheapside einbogen und die Newgate Straße hinaus rasselten, befanden wir uns bald vor den Mauern, deren ich mich so sehr schämte.

»Was ist das für ein Gebäude?« fragte mich Estella Ich stellte mich erst alberner Weise, als erkenne ich es nicht, und gab ihr dann Auskunft. Als sie es betrachtete und dann, indem sie »Die Elenden!« murmelte, den Kopf wieder hereinzog, hätte ich um nichts in der Welt meinen heutigen Besuch dort bekennen mögen.

»Mr. Jaggers«, sagte ich, schlau einen Andern ins Gespräch ziehend, »hat den Ruf, mit den Geheimnissen jenes traurigen Gebäudes vertrauter zu sein, als sonst irgend ein Mann in London.«

»Ich denke, er ist mit allen Geheimnissen vertrauter,« sagte Estella mit leiser Stimme.

»Ich vermuthe, Sie waren gewohnt, ihn oft zu sehen?«

»Ich war gewohnt, ihn, so lange ich denken kann, in gewissen Zwischenräumen zu sehen. Aber ich kenne ihn jetzt um nichts besser, als zur Zeit, wo ich noch nicht deutlich sprechen konnte. Was sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf ihn? Kommen Sie mit ihm zurecht?«

»Nachdem ich mich einmal an sein argwöhnisches Wesen gewöhnt,« sagte ich, »komme ich jetzt ganz gut mit ihm aus.«

»Stehen Sie auf vertrautem Fuße mit ihm?«

»Ich habe bei ihm in seiner eigenen Wohnung zu Mittag gespeist.«

»Ich denke mir,« sagte Estella leicht zusammenschauernd, »das muß ein seltsames Haus sein.«

»Es ist in der That ein seltsames Haus.« Ich würde selbst ihr gegenüber mich vorgesehen haben, ehe ich mich zu frei über meinen Vormund ausgesprochen hätte, doch wäre ich so weit gegangen, ihr das Diner in der Gerard-Straße zu beschreiben, falls wir nicht hier gerade in hellem Gasscheine gefahren wären. Es schien mir, so lange der Lichtglanz währte, in jenem unerklärlichen Gefühle, das ich schon vorher gehabt, als ob Alles hell leuchtete und lebendig sei; und als wir das Licht hinter uns hatten, war ich noch so geblendet, als ob ich in hellen Blitz geschaut hätte.

So verfielen wir denn auf eine andere Unterhaltung, und dieselbe bezog sich hauptsächlich auf den Weg, welchen wir fuhren, und auf die verschiedenen Theile von London, welche auf dieser und auf jener Seite von uns lagen. Sie sagte mir, die große Stadt sei ihr fast ganz neu, denn sie habe Miß Havishams Umgebung nie verlassen, bis sie nach Frankreich gereist, und sei damals auf der Hin- und Herreise nur gerade durchgefahren. Ich fragte sie, ob mein Vormund irgendwie für sie werde zu sorgen haben, so lange sie hier bleiben würde? Worauf sie auf nachdrückliche Weise antwortete: »Das verhüte Gott!« und weiter nichts sagte.

Es war mir unmöglich, nicht zu bemerken, daß sie sichs angelegen sein ließ, mich zu fesseln; daß sie sich einnehmend zeigte, und mein Herz gewonnen haben würde, selbst wenn sie sich erst darum hätte bemühen müssen. Dennoch aber machte mich dies um nichts glücklicher, denn selbst, falls sie nicht jenen Ton angenommen hätte, wie wenn Andere über uns verfügten, würde ich gefühlt haben, daß sie mein Herz in ihrer Hand hielt, weil dies ihre Laune war, nicht aber, weil sie irgend welche Zärtlichkeit in dem ihrigen hätte ersticken müssen, um es zu zertreten und von sich zu werfen.

Als wir durch Hammersmith kamen, zeigte ich ihr das Haus, in welchem Mr. Matthew Pocket wohnte, und sagte, es sei nicht weit von Richmond und ich hoffe, sie zuweilen zu sehen.

»O ja, Sie sollen mich besuchen; Sie sollen mich besuchen, so oft es Ihnen gut dünkt; ich soll Sie der Familie nennen; ja ich glaube, es ist Ihrer bereits Erwähnung gethan.«

Ich fragte, ob es eine große Familie sei, in der sie als Mitglied aufgenommen werden solle?

»Nein; sie besteht nur aus zwei Personen: aus Mutter und Tochter. Die Mutter ist, glaube ich, eine Dame von Stand, obgleich nicht abgeneigt, ihr Einkommen zu vergrößern.«

»Es nimmt mich Wunder, daß Miß Havisham sich schon so bald wieder von Ihnen trennen konnte.«

»Es macht dies einen Theil von Miß Havishams Plänen für mich aus, Pip,« sagte Estella mit einem Seufzer, wie wenn sie ermüdet sei; »ich soll fortwährend an sie schreiben, sie regelmäßig besuchen, und ihr berichten, was ich mache — ich und die Juwelen — denn diese gehören jetzt fast alle mir.«

Es war dies das erste Mal, daß sie mich bei meinem Namen genannt. Natürlich that sie es absichtlich, indem sie wußte, daß ich es als einen Schatz in meiner Erinnerung hegen würde.

Wir langten viel zu früh in Richmond an, und unser Bestimmungsort hier war ein Haus an dem freien grünen Platze; ein ehrbares altes Haus, wo Reifröcke, Haarpuder und Schönpflästerchen, gestickte Röcke, gefältelte Strümpfe, Spitzen und Hofdegen gar manchmal ihre Galatage gehalten. Einige alte Bäume vor dem Hause waren noch jetzt auf so steife und unnatürliche Weise beschnitten, wie die Reifröcke, Perrücken und steifen Röcke gewesen, die sie einst beschattet; aber die ihnen in der großen Procession der Todten angewiesenen Plätze waren nicht mehr fern, und sie sollten sie bald einnehmen und den stillen Weg der Uebrigen gehen.

Eine Glocke mit einer alten Stimme — die, wie ich mir denke, wohl oft dem Hause zugeläutet hatte: Hier kommt der grüne Reifrock, hier ist der Degen mit dem Diamantengriffe, hier sind die Schuhe mit den rothen Absätzen — scholl ernst durch das Mondlicht hin, und zwei rothwangige Mädchen eilten heraus, um Estella zu empfangen. Der Thorweg verschlang bald ihre Koffer, und sie gab mir ihre Hand und ein Lächeln, sagte gute Nacht und verschwand ebenfalls. Und ich blieb stehen und schaute das Haus an, indem ich dachte, wie glücklich ich dort mit ihr sein würde, falls ich dort mit ihr lebte, wohl wissend, daß ich nie glücklich, sondern stets nur unaussprechlich unglücklich mit ihr sei.

Ich stieg wieder in den Wagen, um mich nach Hammersmith zurückfahren zu lassen; ich stieg mit bitterem Herzeleid ein, und mit noch bittrerem wieder aus. Vor unserer Hausthür traf ich die kleine Jane, die in Begleitung ihres kleinen Anbeters von einer Gesellschaft heimkehrte, und ich beneidete den kleinen Anbeter, obgleich er Flopsons Tyrannei unterworfen war.

Mr. Pocket war fort, um eine Vorlesung zu halten; denn er hielt herrliche Vorlesungen über Haushaltung, und seine Abhandlungen über die Erziehung von Kindern und Behandlung von Dienstboten wurden als die besten Werke über diese Themen angesehen.

Aber Mrs. Pocket war zu Hause und in einer kleinen Verlegenheit, indem das Kind, um es in der unerklärlichen Abwesenheit von Millers (mit einem Verwandten in der Leibgarde) zu beruhigen, eine Nadelbüchse zum Spielen erhalten hatte, und jetzt mehr Nähnadeln fehlten, als man wohl bei einem Patienten von so zartem Alter entweder äußerlich angewandt, oder als stärkende Medicin innerlich für rathsam halten durfte.

Da Mr. Pocket ebenfalls mit Recht in dem Ruf stand, den vortrefflichsten praktischen Rath zu ertheilen und eine klare gesunde Auffassung der Dinge, sowie ein sehr verständiges Urtheil zu besitzen, dachte ich in meinem Herzeleid daran, ihn zu bitten, ihm mein Vertrauen schenken zu dürfen. Da ich aber zufällig Mrs. Pocket ansah, welche den Hofkalender las und Schlafengehen als Universalmittel für das Kleinste empfahl, da dachte ich: Nein, nein, ich thu’s lieber nicht.

Vierunddreissigstes Kapitel - Pip ordnet seine Angelegenheiten.

Wie ich mich an meine Erwartungen gewöhnt, hatte ich unmerklich angefangen, die Wirkung derselben auf mich selbst und auf meine Umgebung zu beobachten. Ihren Einfluß auf meinen eigenen Charakter verhehlte ich mir, so viel mir dies möglich war, doch weiß ich sehr wohl, daß er nicht in Allem gut war. Ich lebte in einem Zustande fortwährenden Unbehagens über mein Betragen gegen Joe. Mein Gewissen war nichts weniger als ruhig in Bezug auf Biddy. Wenn ich Nachts aufwachte — wie Camilla — pflegte ich mit trübem Sinnen zu bedenken, daß ich glücklicher gewesen wäre, wenn ich niemals Miß Havishams Antlitz erblickt hätte, und zum Manne herangereift wäre, zufrieden damit, Joes Compagnon in der ehrlichen alten Dorfschmiede zu sein. Wohl manches Mal dachte ich Abends, wenn ich allein da saß und ins Feuer schaute, daß es doch kein Feuer in der Welt gebe, das dem Schmiedefeuer und dem Küchenfeuer in Joes Hause gleich komme.

Dabei aber war Estella so unzertrennlich von all der Ruhelosigkeit und dem Unfrieden meines Gemüthes, daß ich wirklich über die Größe meines eigenen Antheils an dem Ursprunge derselben ganz confus wurde. Das heißt, falls ich keine Erwartungen gehabt, und dennoch Estella in meinen Gedanken getragen hätte, konnte ich nicht ausfindig machen, daß es viel besser um mich gestanden hätte. Was indeß den Einfluß meiner Stellung auf Andere betrifft, so befand ich mich da in keiner so großen Schwierigkeit, und erkannte daher — obgleich dieser Eindruck vielleicht auch nur ein undeutlicher war — daß derselbe für Niemand, am allerwenigsten aber für Herbert, vortheilhaft war. Meine verschwenderischen Angewohnheiten verleiteten diesen lenksamen Jüngling zu Ausgaben, die über seine Mittel gingen, verdarben die Einfachheit seiner Lebensgewohnheiten und störten seinen Frieden durch Reue und Sorgen. Es verursachte mir durchaus keine Gewissensbisse, die andern Mitglieder der Familie Pocket ohne mein Wissen zu den erbärmlichen Ränken veranlaßt zu haben, mit denen sie sich abquälten, denn solche Kleinigkeiten lagen in ihrer Natur, und wären von jedem Andern ebensowohl hervorgerufen worden, falls ich sie hätte schlummern lassen. Aber mit Herbert war dies ganz anders, und es gab mir oft einen Stich durchs Herz, wenn ich bedachte, daß ich ihm einen schlechten Dienst geleistet, indem ich seine ärmlich ausgestatteten Zimmer mit unpassenden Mobilien überlud und den Rächer mit der canariengelben Brust zu seiner Verfügung stellte.

Deshalb fing ich jetzt, als ein unfehlbares Mittel, geringes Behagen in großes Unbehagen zu verwandeln, an, eine Menge Schulden zu machen. Ich konnte dies kaum anfangen, ohne daß Herbert es ebenfalls anfing, und so folgte er mir denn bald. Auf Startops Vorschlag ließen wir uns zur Aufnahme in einen Club, genannt, die »Finken des Haines«, einschreiben; doch habe ich nie den Zweck dieses Instituts entdeckt, falls derselbe nicht darin bestand, daß die Mitglieder alle vierzehn Tage ein Mal auf sehr kostspielige Weise dinirten und Ursache waren, daß sechs Kellner betrunken auf der Treppe lagen. Ich weiß jedenfalls, daß diese erfreulichen socialen Resultate unabänderlich erzielt wurden, daß Herbert und ich uns den ersten, stehenden Toast der Gesellschaft: »Meine Herren! Auf daß die gegenwärtige Beförderung gegenseitigen Wohlwollens auf immer unter den Finken des Haines herrschen möge!« als dahin deutend auslegten.

Die Finken vergeudeten ihr Geld auf thörichte Weise (das Hotel, in welchem wir dinirten, war in Covent-Garden), und der erste Finke, den ich sah, als ich die Ehre hatte, im Haine aufgenommen zu werden, war Bentley Drummle, welcher zu jener Zeit in einem ihm eigenthümlich gehörenden Cabriolet in der Stadt umherraste, und den Pfosten an den Straßenecken viel Schaden zufügte. Zuweilen stürzte er sich dann aus seiner Equipage kopfüber über das Schooßleder hinaus; und ein Mal sah ich, wie er sich auf diese unabsichtliche Weise vor der Thür des Haines ausschüttete — wie wenn er ein Scheffel Steinkohlen gewesen wäre. Doch hier greife ich meiner Erzählung ein wenig vor, denn ich war kein Finke und konnte nach den heiligen Gesetzen der Gesellschaft vor meiner Mündigkeit keiner werden.

In meinem Vertrauen auf meine eigenen Hülfsquellen hätte ich Herberts Ausgaben gerne auf mich genommen; aber Herbert war stolz und ich konnte ihm keine solchen Vorschläge machen. So also gerieth er nach allen Richtungen hin in Schwierigkeiten hinein, und fuhr fort, sich nach etwas umzusehen. Als wir allmälig in die Gewohnheit verfielen, späte Gesellschaften zu besuchen, und spät nach Hause zu kommen, bemerkte ich, daß er zur Frühstückszeit mit kleinmüthigem Auge sich nach etwas umsah; daß er gegen Mittag noch hoffnungsloser sich umsah, und um die Zeit unseres Diners vollkommen geknickt erschien; daß er nach dem Mahle Capitalien in der Ferne zu erspähen begann; daß er gegen Mitternacht schon so gut wie ein Vermögen erworben und dasselbe in der Bank angelegt hatte, und daß er etwa gegen zwei Uhr Morgens wieder so niedergeschlagen wurde, daß er davon sprach, sich eine Flinte zu kaufen, und in einer allgemeinen Absicht, die Büffel zu zwingen, sein Glück zu machen, nach Amerika auszuwandern.

Ich brachte gewöhnlich die halbe Woche in Hammersmith zu und wenn ich dort war, beständig in Richmond, doch davon später ein Näheres. Herbert pflegte oft nach Hammersmith zu kommen, wenn ich dort war, und ich glaube, daß sein Vater dann gelegentlich vorübergehende Ahnungen hatte, daß das Etwas, nach dem sein Sohn sich umsah, sich noch nicht gezeigt habe. Doch war Herberts Aufkommen in der Welt, in dem allgemeinen Auspurzeln seiner Familie, für Mr. Pocket eine Sache, die sich auf eine oder die andere Weise machen würde. Inzwischen wurde Mr. Pockets Haupt immer grauer und er versuchte öfter denn je, sich bei den Haaren aus seinen Verlegenheiten herauszuziehen; während Mrs. Pocket die Familie über ihren Fußschemel stolpern und ihr Taschentuch fallen ließ, uns von ihrem Großpapa erzählte, in ihrem Hofkalender las, und die Jugend erzog, indem sie dieselbe zu Bette schickte, sowie sie ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Da ich hier einen allgemeinen Ueberblick über einen Zeitraum meines Lebens entwerfe, um für Anderes Platz zu gewinnen, kann ich dies kaum besser thun, als indem ich zugleich eine Beschreibung unserer Sitten und Gewohnheiten in Barnards Inn hinzufüge.

Wir gaben so viel Geld aus, wie wir konnten, und erhielten dafür so wenig, wie die Leute sich uns zu geben entschließen konnten. Wir fühlten uns stets mehr oder weniger unglücklich und die meisten unserer Bekannten waren in demselben Zustande. Es herrschte eine fröhliche Einbildung unter uns, daß wir uns fortwährend ausgezeichnet unterhielten, um eine gespenstische Wahrheit, daß dies durchaus nicht der Fall war, von uns fern zu halten. Soviel ich von der Sache verstehe, war in dieser letztern Hinsicht unsere Lage eine ziemlich allgemeine.

Jeden Morgen ging Herbert, mit einer stets neuen Miene, in die City, um sich nach etwas umzusehen. Ich besuchte ihn dort oft in dem finstern Hinterstübchen, wo er mit einem Dintenkruge, einem Hutnagel, einem Kohlenkasten, einer Bindfadenschachtel, einem Kalender, einem Pulte und dreibeinigen Sessel und einem Lineal verkehrte; und ich entsinne mich nicht, daß ich ihn jemals etwas Anderes hätte thun sehen, als um sich schauen. Wenn wir Alle so gewissenhaft wie Herbert das thäten, was wir uns vorgesetzt, so könnten wir in einer Republik der Tugenden leben. Er hatte nichts Anderes zu thun, der arme Junge, außer, daß er jeden Nachmittag zu einer gewissen Stunde »zu Lloyds« gehen mußte — zur Beobachtung einer Ceremonie, wie wenn er dort mit seinem Principale zu sprechen habe, glaube ich. Soviel ich entdecken konnte, that er in Bezug auf »Lloyds« nie mehr als dies — außer daß er wieder zurückkam. Wenn ihm seine Lage als ungewöhnlich ernst vor die Seele trat, und er fühlte, daß er auf jeden Fall jetzt eine Chance suchen müsse, pflegte er zur Geschäftszeit auf die Börse zu gehen, und wie in einer Art finsterer Contretanztour unter den dort versammelten Magnaten umher zu wandeln. Denn wie Herbert zu mir sagte, als er nach einer dieser besonderen Gelegenheiten zu Tische nach Hause kam, ich finde, daß die Chancen nicht zu Einem kommen, sondern daß man ihnen entgegen gehen muß — und deshalb bin ich dort gewesen.

Wären wir einander weniger zugethan gewesen, so, glaube ich, hätten wir uns einander regelmäßig jeden Morgen hassen müssen. Ich pflegte unsere Wohnung zu jenem Zeitpunkte der Reue über allen Ausdruck zu verabscheuen, und der Anblick der Livree des Rächers, welche zu jener Zeit ein kostspieligeres und weniger einträgliches Ansehen hatte, als in all den übrigen vierundzwanzig Stunden des Tages, war mir geradezu unerträglich. Als wir immer tiefer in Schulden geriethen, wurde unser Frühstück nach und nach eine immer leerere Form, und als wir eines Morgens beim Frühstücke (brieflich) bedroht wurden, man werde gerichtliches Verfahren gegen uns einleiten, wegen (wie unsere Ortszeitung es ausgedrückt haben würde) »Sachen, die Schmuckgegenstände betrafen«, ging ich soweit, daß ich den Rächer bei seinem blauen Kragen packte und ihn mit den Füßen von dem Fußboden emporzerrte — so daß er wie ein gestiefelter Amor förmlich in der Luft schwebte — weil er sich unterstanden, zu glauben, wir hätten eine frische Semmel verlangt.

Zu gewissen Zeiten — womit ich meine: zu ungewissen Zeiten, weil dieselben durch unsere Laune bestimmt wurden — pflegte ich zu Herbert zu sagen, wie wenn dies eine merkwürdige Entdeckung gewesen wäre:

»Mein lieber Herbert, es steht schlimm mit uns.«

»Mein lieber Händel,« pflegte Herbert mir dann in aller Aufrichtigkeit zu antworten, »wenn Du mirs glauben willst, so hatte ich durch ein seltsames Zusammentreffen ganz dieselben Worte auf der Zunge.«

»Dann, Herbert,« antwortete ich darauf, »laß uns einen Blick in unsere Angelegenheiten thun.«

Es gewährte uns stets eine außerordentliche Genugthuung, wenn wir zu diesem Zwecke uns eine bestimmte Stunde festsetzten. Ich war dann stets der Ansicht: dies sei geschäftlich; dies heiße der Sache entgegentreten; dies sei die rechte Art und Weise, den Feind am Kragen zu packen. Und ich weiß, daß Herbert dasselbe dachte.

Wir bestellten dann bei diesen Gelegenheiten gewöhnlich etwas Besonderes für unser Mittagsmahl, und dazu eine Flasche von etwas gleich Ungewöhnlichem, um unsern Geist für das Werk zu kräftigen, damit wir ihm gewachsen seien. Nach dem Mahle holten wir dann ein Bund Federn, einen reichlichen Vorrath an Dinte und eine tüchtige Masse Schreib- und Löschpapier herbei. Denn es lag etwas sehr Gemüthliches darin, mit allem zum Schreiben Erforderlichen recht reichlich versehen zu sein.

Dann nahm ich ein Blatt Papier und schrieb als Ueberschrift in sauberer Schrift darüber: »Memorandum über Pips Schulden«, und fügte dann noch sehr sorgfältig Barnards Inn und das Datum hinzu. Herbert nahm ebenfalls ein Blatt Papier und schrieb mit Beobachtung derselben Formalitäten: »Memorandum über Herberts Schulden« darauf.

Jeder pflegte dann einen wirren Haufen von Papieren, der neben ihm lag, zu Rathe zu ziehen, welcher in Schubladen geworfen gewesen, von uns in unseren Taschen zu Fetzen getragen, halb verbrannt war, um Kerzen anzuzünden, wochenlang am Spiegel gesteckt hatte, und auf verschiedene andere Weise beschädigt war. Das Geräusch unserer kratzenden Federn erquickte uns außerordentlich, ja in dem Grade, daß ich es zuweilen schwer fand, den Unterschied zwischen diesem erbaulichen Verfahren und dem wirklichen Bezahlen des Geldes zu entdecken: es schien Beides so vollkommen gleich verdienstvoll.

Wenn wir eine kleine Weile geschrieben hatten, pflegte ich Herbert zu fragen, was er für Fortschritte mache? Herbert hatte sich wahrscheinlich bei dem Anblicke der Zahlenhäufung mit kläglicher Miene den Kopf gekratzt.

»Sie nehmen zu, Händel,« pflegte Herbert zu antworten, »wahrhaftig, sie nehmen furchtbar zu.«

»Sei fest, Herbert,« entgegnete ich dann, indem ich mit großem Eifer meine Feder handhabte. »Schau der Sache gerade ins Gesicht. Schau in Deine Angelegenheiten. Bringe sie außer Contenance.«

»Das wollt ich schon, Händel, wenn sie nur mich nicht außer Contenance brächten.«

Indeß pflegte mein entschlossenes Wesen doch seine Wirkung zu haben, so daß Herbert wieder ans Werk ging. Nach einer kleinen Weile gab er es wieder auf, unter dem Vorwande, daß er Cobbs Rechnung, oder Lobbs, oder Nobbs, noch nicht erhalten,

»Dann schätze es ab, Herbert; schätze es in runden Zahlen ab und schreibe es nieder.«

»Wie Du immer voller Hülfsquellen bist,« sagte dann mein Freund bewunderungsvoll; »Du hast wirklich ganz auffallende Geschäftsanlagen.«