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Enkelkinder stellen erstaunlich kluge Fragen zu den Erfahrungen ihrer Großeltern. Die Großväter mühen sich redlich, diese ehrlich und offen zu beantworten
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Otto
Karl
Klaus
Stefan und Ronny
Alle Personen und deren Handlungen sind frei ersonnen. Starke Ähnlichkeiten oder gar Übereinstimmungen mit Lebenden oder Verstorbenen sind zufällig und ungewollt. Anders ist das aber mit den historischen Begebenheiten.
„Ein Mensch, der sich zwar selber sagt, dass Altersweisheit nicht gefragt, lässt trotzdem noch einmal was drucken und hofft, die Welt wird es schon schlucken.“ (Eugen Roth 1964)
Der Mensch, der hier noch einmal schrieb, hofft auch: Die Leute sind so lieb. Sie werden’s ganz geduldig lesen und denken: Ja, so ist’s gewesen…
„Warum nur liegt der Baum hier, ist der müde, Großvater? Ach, der hat auch keine Äste mehr, komisch.“ Der fünfjährige Klaus sitzt mit baumelnden Beinen neben seinem Großvater Otto Bergmann auf einem dicken frisch gefällten Baumstamm. Seit wenigen Wochen wohnt die Schwiegertochter Erika mit ihren beiden Kindern bei deren Großeltern Emilie und Otto Bergmann im Haus. Elisabeth ist gestern sieben Jahre alt geworden und im April zur Schule gekommen. Erika wollte nicht mehr in der Stadt Friedberg auf ihren Mann Karl warten, von dem sie immerhin seit einiger Zeit weiß, dass er in sowjetischer Gefangenschaft ist. Der wird, wenn er denn irgendwann wiederkehrt, ohnehin in den kleinen Pflastererbetrieb seines Vaters einsteigen. Bevor er Soldat werden musste, hatte er immerhin noch die Meisterprüfung geschafft. Und der Lehrbetrieb in Friedberg, der ihn ausgebildet hatte, ist eh nicht mehr vorhanden. Der Bombenangriff am 4. Dezember 1944 hat diesen mitsamt dem alten Inhaberehepaar zerstört.
Dieses Jahr 1950 ist nicht nur für die Bergmanns, sondern für ganz Restdeutschland ein Jahr des Anfangs und Aufbauens geworden. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten, die einander nicht besonders grün sind, wird hier im Westen ein kräftiger Ruck spürbar, unter dem Schutz und mit der Unterstützung der Amerikaner, der Briten und der Franzosen – soweit letztere beide dafür die Kraft aufbringen können – nach dem Aufräumen der Kriegstrümmer eine neue tüchtige Gesellschaft zu entwickeln.
Für Kläuschen bedeutet der Umzug mit Mutter und Schwester allerlei Lerneffekte. Von der Kleinstadt in ein Wetterau-Dorf mit knapp 800 Einwohnern, eine recht gewaltige Umstellung. Und an jedem Wochenende Spaziergänge – nein, richtige kleine Märsche – mit dem rüstigen Großvater. Aus dem Dorf heraus durch die Felder, zum Steinbruch und oft auch in den nahen Wald. Und sein Großvater erklärt ihm nun ausführlich, was das mit diesem liegenden Baumstamm auf sich hat:
„Du siehst, Kläuschen, wenn du dir die beiden Enden dieses großen Baumstammes anschaust, dass da Leute mit einer Säge gearbeitet haben. Wo der Stamm dünner ist, waren die Äste angewachsen. Das ist bei allen Bäumen oben, man nennt das die Baumkrone. Am dicken Ende ist der Baum von seiner Wurzel abgesägt worden. Schau, da drüben sitzt die noch im Boden, und ein ganz kurzes Stück Baumstamm schaut hervor. Dieses Stück nennt man Baumstumpf. Damit die großen schweren Bäume mit ihren breiten Kronen nicht von alleine umfallen, sind unter der Erdoberfläche die Wurzeln. Die sind so ähnlich wie die Baumkrone weit verzweigt, halten den Baum aufrecht und holen aus dem Boden alles heraus, was der zum Wachsen und zum Leben braucht. Vor allem Wasser und viele Nährstoffe.“
Klaus grübelt ein bisschen, dann fragt er weiter: „Jetzt bekommt der Baum also nichts mehr zum Trinken und zum Essen. Also ist er tot, oder?“ „So ist das.“ Otto ist erstaunt, dass der Junge schon solche Gedanken hat. „Mutti hatte ja lange Angst, auch unser Vati wäre tot.“ „Ja, richtig. Und wir alle sind froh und glücklich, dass wir jetzt wissen, dass er noch am Leben ist. Auch wenn er wohl noch einige Zeit nicht nach Hause kommen kann, weil er eingesperrt ist.“ „Wie wäre denn Vati tot gegangen? Auch abgesägt wie der Baum?“
Otto vermeidet ein Schmunzeln, das sich einstellen will, und antwortet dem kleinen Frager: „Nein, Kläuschen. euer Vati musste kurz nach dem Anfang des Krieges Soldat werden, obwohl er das gar nicht wollte. Soldaten müssen gemeinsam gegen Soldaten eines anderen Landes kämpfen. Das wird mit ganz schrecklichen Waffen gemacht. Und da passiert es ganz schnell, dass viele von diesen Soldaten mit diesen Waffen umgebracht werden. Erschossen, durch Explosionen zerstört oder verbrannt. Und von so etwas ist euer Vati – dafür sind wir alle sehr, sehr dankbar – verschont geblieben.“ Ob der Kleine das nun verstanden hat, weiß er nicht genau einzuschätzen. Aber er weiß, wenn da noch etwas fraglich geblieben ist, wird Klaus irgendwann fragen. Otto kennt seinen Enkelsohn inzwischen gut genug, um das einschätzen zu können.
Wie vermutet, kommt es dann auch ein gutes halbes Jahr später. Ausgerechnet am Heiligen Abend vor dem Weihnachtsbaum. „Großvater, der Weihnachtsbaum ist schön mit den Kerzen und den Keksringen, die daran hängen. Aber – ist der Baum nicht jetzt tot? Wie unser Vati wäre, wenn er kein Glück gehabt hätte?“ „Ja, Klaus, da hast du recht. Aber du weißt ja, dass wir mit Holz, also zersägten toten Bäumen, nicht nur heizen sondern auch bauen und Möbel herstellen können. Ein bisschen lebt der Baum dann weiter – als unser Helfer.“ „Wenn Vati kommt, wird er uns aber auch helfen. Jetzt ist er ja noch eingesperrt.“ Nicht nur Otto, sondern auch seine Frau und seine Schwiegertochter sind über diese kindlichen Gedanken erstaunt. Die siebenjährige Elisabeth hat auch ihre Hoffnungen zu dieser Sache: „Vati kommt bald heim, das ist sicher. Und Mutti ist dann ganz froh, die Großeltern auch. Und wir natürlich, nicht wahr, Klausi?“
Aber auch als dieser – gute anderthalb Jahre später – schon in der Schule ist, vermissen die beiden ihren Vater noch immer. Wieder ergibt sich bei einem Spaziergang am Sonntag, nun mit beiden Enkeln, für Großvater Otto eine Gelegenheit, Fragen zu beantworten. Elisabeth, die in der Schule nur Betti genannt wird, möchte allzu gerne wissen, was das Soldatendasein im Einzelnen ausmacht. Otto greift auf die Erinnerungen an seine eigene Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg zurück: „Als ich im Jahr 1906 18 Jahre alt wurde, regierte in Deutschland noch der Kaiser. Für uns waren es ruhige Zeiten. Mein Vater hatte schon eine kleine Pflasterei mit 2 Gesellen, und mit mir als Lehrbub. Alle jungen Männer, die 18 Jahre alt geworden waren, mussten für 2 oder 3 Jahre Soldaten werden. Das nennt man Wehrpflicht. 3 Jahre dauerte diese Pflichtzeit bei den Einheiten, die geritten sind, 2 Jahre bei den übrigen Truppen. Ich konnte – und wollte auch – gar nicht reiten. So war ich 1908 am 30. September mit dieser Soldatenzeit fertig. Ich hatte dort sogar gelernt, Auto zu fahren.
Unser Oberfeldwebel, ein Berufssoldat, hatte wie ich und viele andere Kameraden keine Freude am Reiten. Im Ernst war er der Meinung, Kriegsführung mit reitenden Einheiten gehörten der Vergangenheit an, weil doch motorisierte Fahrzeuge viel mehr Einsatzmöglichkeiten bieten könnten. Scherzhaft behauptete er, Pferde seien ihm ,hinten zu kurz und an den Seiten zu abschüssig‘. Auch deklamierte er immer wieder Spottverse auf die berittenen Einheiten. Die habe ich sogar behalten, so oft habe ich sie gehört:
,Dragoner sind, ich weiß nicht wie, zu Pferd gesetzte Infant´rie.‘ ,Husaren reiten wie der Wind, wenn sie erst aufgesessen sind.‘ ,Ulanen werden in der Schlacht, wie andre Menschen umgebracht.‘ ,Gefährlich ist der Kürassier, er reitet Schritt und trinkt viel Bier.‘ Weil die Berittenen, die man ,Kavallerie‘ nannte, früher ziemlich überheblich gewesen waren, hatten sich bei denen zu Fuß, die man ,Infanterie‘ nannte, schon lange allerlei Vorurteile angestaut. Wir fanden das lustig.
Viele von uns dachten damals nach dieser sogenannten militärischen Grundausbildung, dass nun für unser ganzes Leben das Soldatsein erledigt sei. Aber Pustekuchen! Sechs Jahre später mussten wir alle wieder die Uniformen anziehen und in den echten Krieg ziehen. Dieser Krieg wird heute ,der Erste Weltkrieg‘ genannt. Und war eine schreckliche Zeit mit grausamen Schlachten und unzähligen Toten aus mehreren Ländern der Welt. Deshalb heißt er auch Weltkrieg.“
Klaus schaltet schnell: „Dass du nicht tot gegangen bist, ist also nicht selbstverständlich, sondern ein großes Glück.“ „Ja, mein Kleiner. Vor allem für Großmutter und eure beiden Tanten: Elisabeth, Bettis Patentante, und Anneliese, die älteren Schwestern eures Vaters. Wir hatten 1912 geheiratet. 1913 war unsere Tochter Elisabeth geboren. So musste ich meine Frau und unsere kleine Tochter, die gerade anfing zu laufen, daheim zurück lassen. Und Großmutter hatte sehr viel Angst, ich könnte sterben. In der langen Kriegszeit – es waren ziemlich genau 4 Jahre – hatte ich dreimal Urlaub und war daheim. Einmal davon zur Taufe unserer zweiten Tochter Anneliese.“
„Kannst du uns mal mehr aus deiner Soldatenzeit erzählen, Großvater?“ Beiden Kindern fällt es wohl schwer, sich vorzustellen, wie so ein Krieg abläuft. Otto ist froh, dass die Kinder nicht sofort einen Bericht haben wollen, so kann er sich Zeit nehmen, eine Möglichkeit zu finden, kindgerecht von dieser Kriegszeit zu berichten.
Als die Kinder dann am 7. Februar 1953, einem dick verschneiten Wintertag, vom Schlittenfahren wieder nach Hause gekommen sind, und Großmutter Emilie und Mutti Erika mit warmem Kamillentee und je einem Käsebrot für ordentliche Behaglichkeit gesorgt haben, fragt Klaus plötzlich: „Großvater, du wolltest uns doch erzählen, was du in diesem Ersten Weltkrieg erlebt hast. Machst du das heute mal?“
„Ja, das tue ich heute gerne. Als ich damals mit vielen jungen Männern zusammen zum Kriegsdienst einberufen worden war, bekamen wir alle zu den Kleidungsstücken, die wir seit der Grundausbildung zu Hause hatten, weitere Ausrüstung. Nach der ersten Wehrdienstzeit waren wir ja alle für denkbare Notfälle die Reserve. Ihr wisst, was das bedeutet?“ Die Kinder nicken. „Dann gab es noch einige Übungstage, damit wir wieder alles in Erinnerung bekamen, was wir gelernt hatten. Und am 5. Tag fuhren wir mit einem Sonderzug los, um direkt in das Gebiet der Kämpfe zu kommen. Das lag in Frankreich, schon ziemlich weit hinter der deutsch-französischen Grenze.“
