4,99 €
Sie wurde noch nie geküsst. Er will das ändern.
Paige hat jeden Punkt ihrer Bucket List für ihr Abschlussjahr abgehakt - außer einen. Denn sie hat noch nie jemanden geküsst. Schuld daran ist ihr bester Freund Grayson Darling. Der ist ein berüchtigter Eishockey-Spieler bei den Ransom Devils - und keiner traut sich, seine beste Freundin anzusprechen. Zeit, dass sich das ändert! Grayson hat kein Recht, Paiges Liebesleben im Weg zu stehen. Doch zugleich merkt sie, dass sie ein wenig Nachhilfe in Sachen Dating dringend nötig hat, um ihren Crush für sich zu gewinnen. Also bittet sie ihren besten Freund um Hilfe. Doch was Paige nicht weiß: Grayson ist seit Jahren in sie verliebt und verfolgt eigentlich eine ganz andere Agenda ...
Die perfekte Sports-Romance ohne Spice für YA-Leser:innen und Fans von Icebreaker und Better than the Movies
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 510
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Titel
Widmung
Eins – Grayson
Zwei – Paige
Drei – Paige
Vier – Grayson
Fünf – Paige
Sechs – Grayson
Sieben – Grayson
Acht – Paige
Neun – Paige
Zehn – Grayson
Elf – Grayson
Zwölf – Paige
Dreizehn – Grayson
Vierzehn – Paige
Fünfzehn – Grayson
Sechzehn – Paige
Siebzehn – Grayson
Achtzehn – Paige
Neunzehn – Paige
Zwanzig – Grayson
Einundzwanzig – Paige
Zweiundzwanzig – Paige
Dreiundzwanzig – Grayson
Vierundzwanzig – Paige
Fünfundzwanzig – Grayson
Sechsundzwanzig – Paige
Siebenundzwanzig – Grayson
Achtundzwanzig – Paige
Neunundzwanzig – Paige
Dreißig – Grayson
Einunddreißig – Paige
Zweiunddreißig – Grayson
Epilog – Grayson
Danksagung
Feedback
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Übersetzung aus dem australischen Englisch von Stephanie Pannen
Für Pete. Mein Ein und Alles.
Sich in seine beste Freundin zu verlieben, war immer gefährlich, aber dies war das erste Mal, dass ich befürchtete, meine Gefühle für Paige könnten mich wirklich umbringen. Der Muffin sah zwar unschuldig aus, als sie ihn mir anbot, doch ich hätte es besser wissen sollen, als Paiges Kochkünsten zu vertrauen.
Ich bereute meine Entscheidung, einen so großen Bissen genommen zu haben, und es fiel mir schwer, ihn herunterzuschlucken. Er schmeckte, als hätte sie irgendwo im Rezept Zucker und Salz verwechselt. War ihr aus Versehen auch eine Prise Chilipulver hineingeraten? Ich presste mir eine Hand auf die Brust, während sich der Muffin seinen Weg zu meinem Magen hinunterbrannte. Meine Eingeweide fühlten sich an, als würden sie in Flammen stehen, und ich begann mich zu fragen, ob dieser Tag für mich mit einem Abstecher ins Krankenhaus enden würde.
»Und, was denkst du?« Paige lächelte mich an, ihre großen braunen Augen voller Hoffnung und Stolz. Sie hatte mich immer schon an eine Märchenprinzessin erinnert: liebenswert, unbekümmert, und wenn sie singen könnte, würden sich Vögel zweifellos von ihrer Stimme angezogen fühlen. Es war einfach Pech, dass mir die bezaubernde Prinzessin meines Märchens einen vergifteten Apfel in die Hand drückte.
Ich konnte ihr auf keinen Fall sagen, was ich wirklich von ihrem Muffin hielt, also zwang ich mich zu einem Lächeln und bemühte mich, den verwirrenden Geschmack in meinem Mund zu ignorieren. »Ich glaube, das sind deine bis jetzt besten.« Und das war nicht weit von der Wahrheit entfernt. Das Backen war Paiges neuestes Hobby, und ich war schon die ganze Woche ihr Versuchskaninchen. Die Muffins waren wenigstens eine Verbesserung zu ihren Cookies, an denen ich mir fast einen Zahn ausgebissen hätte.
»Wirklich?« Paige sah zu den anderen Jungs in der Umkleide, die alle entsetzt auf ihre Muffins starrten. Es war schlimm genug, dass sie sich in den Kopf gesetzt hatte, mich mit ihren Kochkünsten zu vergiften, aber musste sie wirklich noch meine komplette Mannschaft mit ins Verderben stürzen? Zumindest passierte es nach dem Spiel und nicht davor.
»Was sagt ihr anderen?«, fragte Paige. »Schmecken sie euch?«
Ich wollte nicht, dass sie die Abscheu der Jungs bemerkte, also verwandelte sich mein Lächeln in einen Todesblick, mit dem ich die anderen davor warnte, etwas Negatives zu sagen. Mein Zwillingsbruder Reed mochte der Mannschaftskapitän sein, aber als Haupt-Enforcer der Ransom Devils hatte ich immer noch genug Autorität gegenüber den Jungs.
Als sie meinen Blick sahen, begannen alle zu nicken und stießen kleine zufriedene Stöhnlaute aus.
»Die sind toll, Paige.«
»Hab noch nie so was Leckeres gegessen.«
»Ich wünschte, meine Mom könnte so gut backen.«
Sie trugen ein bisschen dick auf, aber ich hielt sie nicht davon ab. Denn ich sah, wie glücklich es Paige machte. Sie hüpfte vor Freude praktisch auf der Stelle.
Reed arbeitete sich neben mir langsam durch seinen Muffin, und ich bemerkte, wie er ein kleines Stück Alufolie aus seinem Mund zog. Unsere Blicke trafen sich, und ich zog erwartungsvoll eine Augenbraue hoch, während ich darauf wartete, dass er sich dem Lob der anderen anschloss.
Schnell ließ er die Alufolie in seiner Hand verschwinden. »Danke, Paige. Am tollsten finde ich diesen besonderen Kick, den sie haben.« Ich stieß ihn mit dem Ellbogen an, damit er weitersprach. »Schmecke ich Zimt?«
»Richtig«, sagte Paige und drehte sich zu ihm um. »Oh, ich bin so froh, dass ihr sie alle mögt. Ich muss zu eurem Spiel nächste Woche unbedingt noch mehr machen.«
Ich wollte ihr gerade sagen, dass das nicht nötig war, doch da meldete sich mein jüngerer Bruder zu Wort. »Das wäre toll.« Seine Worte waren fast nicht zu verstehen, da er mit vollem Mund sprach.
Das Lustige war, dass er wohl nicht mal log. Er hatte den ersten regelrecht verschlungen, und noch bevor er damit fertig gewesen war, Paige mit einer Geste aufgefordert, ihm die Schachtel mit den übrigen zu geben. Aber eigentlich war es nicht überraschend. Was Essen anging, hatte Parker etwas von einem Müllschlucker. Ihm war völlig egal, was er sich in den Mund steckte. Es war ihm ebenfalls völlig egal, was aus seinem Mund herauskam, denn er war die Art von Mensch, die so ziemlich jeden Gedanken aussprach, der ihm in den Kopf kam. In dieser Hinsicht konnten wir wirklich nicht verschiedener sein.
»Okay, also dann mach ich mich besser mal wieder auf«, sagte Paige. Sie winkte allen, doch bevor sie ging, richtete sie sich ein letztes Mal an meinen kleinen Bruder. »Denk ans Teilen, Parker.«
Er war zu sehr damit beschäftigt, einen weiteren Muffin zu vernichten, um zu antworten, aber ich konnte spüren, wie die restlichen Jungs im Raum beim bloßen Gedanken an einen Nachschlag zusammenzuckten. Ich führte Paige schnell zur Tür, bevor sie es bemerken konnte.
Sobald wir draußen im Gang waren, sah sie mich an. »Sie waren nicht so gut, oder?«
Plötzlich war ich unglaublich dankbar dafür, dass mein Gesicht die emotionale Bandbreite eines Goldfischs hatte. »Keine Ahnung, was du da redest. Ich liebe sie.« Und das stimmte sogar. Ich liebte alles an Paige, selbst ihre schrecklichen Muffins. Offenbar war Liebe nicht nur blind, sondern hatte auch keinen Geschmackssinn.
Sie lachte und schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass du das nur sagst, um nett zu sein. Aber keine Sorge, die nächsten werden besser. Ich muss dieses Backen richtig hinbekommen, wenn ich es von meiner Liste streichen will.«
Ich murmelte zustimmend. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass ich diese nächsten Muffins nicht überleben würde, doch ich wollte Paige nicht entmutigen, was ihre Bucketlist anging. Sie hatte damit während des Sommers angefangen, denn ihre karrierebesessenen Eltern wollten, dass sie sich Gedanken darüber machte, was sie nach der Schule machen wollte. Zuerst ging es bei der Liste um Dinge, die Paige vielleicht mal beruflich machen konnte. Doch inzwischen hatte sie einen viel breiteren Fokus. Auf dieser Liste waren ein paar Sachen, mit denen sie niemals ihren Lebensunterhalt würde verdienen können. Allerdings wusste ich nicht genau, was sich noch alles darauf befand, denn ich hatte sie nie selbst zu Gesicht bekommen.
Sie bewahrte den kleinen pinken Zettel in ihrem Schulplaner auf und machte ein Riesengeheimnis darum, selbst bei mir. Das war seltsam, weil sie mich eh in alles miteinbezog, was sie versuchte. Ständig wurde ich von einer Aktivität zur nächsten geschleppt. In der einen Woche strickte sie uns allen Handschuhe, in der nächsten malte sie unsere Porträts. Niemand wusste, was als Nächstes dran war.
»Sobald ich die Muffins perfektioniert habe, versuche ich, einen Kuchen zu backen«, fuhr Paige fort. »Ich weiß ja, wie sehr du Schokolade liebst. Oder vielleicht Zimtschnecken ...«
Ihre Augen funkelten aufgeregt, und das entlockte mir ein Lächeln. Ich liebte es einfach, wie sie strahlte, wenn sie eine Herausforderung spürte. Wenn sie etwas Neues ausprobierte, gab sie immer ihr Bestes. Und auch wenn bis jetzt noch nicht das Richtige dabei gewesen war, zweifelte ich nicht daran, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie die eine Sache fand, die sie liebte.
Paige legte den Kopf schief, als würde sie auf meine Antwort warten. Sie hatte aufgehört zu reden, und ich war offenbar so in Gedanken über sie versunken gewesen, dass ich sie dabei wie ein Idiot angestarrt hatte. Aber immer wenn sie mich ansah, schien die Zeit stehen zu bleiben, und ich wurde vorübergehend in ein alternatives Universum versetzt, in dem meine heimlichen Gefühle für meine beste Freundin nicht völlig einseitig waren.
»Wie bitte?«, fragte ich und zwang mich, in die Realität zurückzukehren.
Sie lachte sanft. »Schokoladenkuchen oder Zimtschnecken? Eine schwierige Entscheidung, ich weiß, aber du schaust mich gerade an, als hättest du vergessen, was Backen überhaupt ist.«
»Ich hab beim Hockey bestimmt die eine oder andere Gehirnzelle verloren, aber so viel wurde ich dann doch nicht gegen die Bande gerammt.«
»Ja, du bist wohl eher der Rammer als der Gerammte.« Sie grinste. »Also, was denkst du?«
»Äh, Zimtschnecken vielleicht?« Ich würde nie wieder einen Muffin essen und wollte nicht, dass sie mir auch noch Schokoladenkuchen verdarb.
»Gute Wahl.« Paige nickte, doch dann erstarb ihr Lächeln. »Obwohl ich wohl in nächster Zeit keine Gelegenheit zum Backen haben werde. Mom ist total besessen von meinen College-Bewerbungen. Und da Dad ab morgen auf einer Geschäftsreise ist, werde ich die einzige im Haus sein, die sie nerven kann. Ich schwöre, diese Frau wird mich eines Tages noch an meinen Schreibtisch ketten, bis ich sie fertig habe.«
Bei der Vorstellung rümpfte sie die Nase, und sie tat mir furchtbar leid. Es kam selten vor, dass man Paige ohne ein Lächeln auf den Lippen und ein Funkeln in den Augen sah, aber wenn, dann lag es meistens an ihren Eltern. Sie waren beide so sehr mit sich selbst und ihrer Arbeit beschäftigt, dass sie sich oft so verhielten, als gäbe es Paige gar nicht. Und wenn sie ihr Aufmerksamkeit schenkten, wünschte sie oft, es wäre nicht so. Insbesondere Paiges Mangel an Zukunftsplänen war zwischen ihrer Mutter und ihr ein wunder Punkt.
»Du hast echt Glück, dass du genau weißt, was du mal mit deinem Leben machen willst«, murmelte sie. »Ich hab ja nicht mal eine Ahnung, was meine Hobbys sind, geschweige denn, bei welchen Colleges ich mich bewerben oder was ich mal werden will.«
Ich hatte wirklich Glück, dass ich Hockey in meinem Leben hatte. Besonders da man mir dadurch bereits ab nächstem Jahr ein volles Stipendium an der Ryker University, meiner Traumschule, angeboten hatte. Leider war es nicht ganz so unkompliziert, wie es klang. Bis jetzt handelte es sich nämlich nur um eine mündliche Vereinbarung. Erst in ein paar Wochen würde es etwas Schriftliches geben. Bis dahin bewegte ich mich auf sehr dünnem Eis.
»Vielleicht kannst du deiner Mom ja sagen, dass du Köchin werden willst?«, schlug ich vor.
»Vielleicht.« Paige lachte. »Denkst du, ich kann sie mit einem meiner Muffins überzeugen?«
»Klar.« In diesem Moment gab mein Magen ein lautes Grummeln von sich und erinnerte mich daran, was für ein schlechter Lügner ich war. »Äh, ich sollte besser wieder rein, bevor sich Coach Ray fragt, wo ich stecke.«
»Du hast wahrscheinlich recht«, stimmte Paige zu, bevor sie mich kurz umarmte. Das war etwas, das sie im Laufe der Jahre tausendmal getan hatte, aber es brachte mein Herz immer noch zum Rasen.
»Dann bis später, Gray.« Sie ließ die Arme sinken, und sofort vermisste ich ihre Wärme. Ihre Mundwinkel hoben sich, während sie sich zurückzog. »Oh, und tolles Spiel heute. Du warst unglaublich. Wie du diesen einen Schuss im zweiten Drittel abgeblockt hast, war unglaublich. Ohne dich hätten wir nicht gewonnen.«
Ich musste dem Drang widerstehen, verächtlich zu schnauben. Die Situation, für die sie mich lobte, war gar nicht so beeindruckend gewesen, und ich war mir bewusst, dass meine heutige Leistung weit unter meinen Möglichkeiten gelegen hatte. Im letzten Drittel hatte ich besonders schlecht gespielt, als sich meine alte Knieverletzung mal wieder gemeldet hatte.
Mein Knie machte mir Probleme, seit ich mir vor ein paar Jahren das Innenband gerissen hatte. Es war zwar besser geworden, aber ich war beim diesjährigen Vorsaison-Training unglücklich gestürzt und hatte mir nicht die Zeit nehmen können, es ordentlich heilen zu lassen. Nicht wenn meine ganze Zukunft davon abhing, dass ich funktionierte.
Ich musste den Schmerz einfach aushalten, bis die Tinte auf diesem Stipendiumsvertrag getrocknet war. Die Trainer der Ryker durften auf keinen Fall sehen, dass meine Leistung nachließ oder ich verletzt war, damit sie es sich nicht doch noch anders überlegten. Aber jetzt, wo die Saison in vollem Gange war, mit ständigen Spielen und Training, war ich mir nicht mehr sicher, ob mein Knie das durchstehen würde.
»Die Jungs hätten das auch ohne mich geschafft.« Paige wusste, dass mir mein Knie zu schaffen machte, aber ich hatte ihr nie gesagt, wie heikel die Lage wirklich war.
»Auf keinen Fall. Die Devils wären ohne den großen bösen Grayson Darling verloren.« Sie schenkte mir ein letztes Lächeln, dann ging sie zum Ausgang. »Bis morgen dann.«
»Abendessen am Sonntag bei uns?«
»Wie immer«, rief sie über ihre Schulter.
Ich sah Paige nach, bis sie um eine Kurve verschwunden war, dann kehrte ich in die Umkleide zurück. Ich war zwar alles andere als zufrieden mit meinem Spiel heute, doch es war schwer, sich nach einem Gespräch mit Paige nicht besser zu fühlen. Dann öffnete ich die Tür zum Umkleideraum.
»Versucht uns Graysons Freundin zu vergiften?«, hörte ich einen der Jungs stöhnen.
Es war nicht das erste Mal, dass jemand Paige als meine Freundin bezeichnete. Wir verbrachten so viel Zeit zusammen, dass ich verstehen konnte, wie man zu diesem Schluss kommen konnte. Die meisten meiner Freunde und Mannschaftskameraden wussten jedoch genau, dass wir kein Paar waren.
»Freundin?«, schnaubte Matt. »Das hätte er nur zu gern.« Normalerweise machte sich Reeds bester Freund nicht über mich lustig. Entweder fühlte er sich mutig oder die Jungs hatten nicht bemerkt, dass ich zurück war.
»Wenigstens ist sie heiß«, fügte Elliot hinzu. »Ihr Hintern, als sie durch die Tür gegangen ist, hat mich vergessen lassen, dass sie meinen Mund mit diesen Muffins vergewaltigt hat.«
Ich ballte meine Hände so fest zu Fäusten, dass meine Fingerknöchel knackten. Paige und ich waren zwar nicht zusammen, aber ich ließ trotzdem niemanden so über sie reden. Noch ein Wort von unserem Torhüter, und ich würde etwas tun, was uns beide für den Rest der Saison auf die Bank befördern würde.
Ich räusperte mich und alle im Raum drehten sich zu mir um. Als Elliot den Ausdruck in meinen Augen sah, wurde er kalkweiß.
In Momenten wie diesen machte mir der zweifelhafte Ruf, den meine Brüder und ich über die Jahre bekommen hatten, nichts aus. Es kursierten alle möglichen Gerüchte über die Darling Devils, eines absurder als das andere. Die meisten stimmten nicht, aber manchmal kamen sie gelegen. Zum Beispiel, um Gegner auf dem Eis einzuschüchtern oder unsere Mannschaftskameraden zu zwingen, nach dem Spiel vergiftete Backwaren zu essen. In diesem Fall war es praktisch, um einen Idioten wie Elliot davon abzuhalten, meine beste Freundin als Sexobjekt zu behandeln.
»Oh, äh, sorry, Grayson, ich ...«
»Ich glaube, Elliot wollte damit eigentlich nur sagen, dass die Muffins unvergesslich waren. Stimmt doch, Ford?«, meldete sich Parker zu Wort und warf Elliot einen strengen Blick zu.
»Ja, äh, genau«, erwiderte Elliot und schluckte sichtlich, während er meinem Blick auswich. »Einfach unvergesslich.«
Ich machte ein paar langsame Schritte auf ihn zu, und er presste sich instinktiv gegen seinen Spind. Die anderen waren still, als würden alle ihren Atem anhalten, um zu sehen, was ich als Nächstes tat.
Während Reed und Parker nicht annähernd so bedrohlich waren, wie sie häufig auftraten, fragte ich mich, ob mein schlechter Ruf vielleicht gerechtfertigt war. Als skrupelloser Verteidiger der Mannschaft war es mein Job, unsere Gegner einzuschüchtern, und den Leuten fiel es schwer, das zu vergessen, selbst außerhalb des Eises. Ich tat nur wenig, um ihre Meinung zu ändern. Ich war nicht gerade umgänglich und hatte oft einen finsteren Gesichtsausdruck, den Paige als mein »Resting Storm Face« bezeichnete. Es sorgte dafür, dass die anderen auf Abstand blieben, und das war mir ganz recht.
»Kommt nicht wieder vor.« Elliots Stimme zitterte leicht, und ich fühlte mich fast ein bisschen schlecht. Schließlich wollte ich ihm nicht zu viel Angst machen. Die Mannschaft brauchte ihren Torhüter.
»Gut.« Mehr musste ich nicht sagen. Elliot bibberte schon genug, und der Vorfall würde wahrscheinlich so oder so ein neues Gerücht über mich in die Welt setzen. Ich starrte ihn ein paar Sekunden an, nur um ihn noch ein bisschen länger schwitzen zu lassen, dann drehte ich mich zu meinem Spind um. Es kam mir so vor, als würde der komplette Raum erleichtert aufatmen.
Als ich meinen Spind erreichte, ließ ich mich langsam neben Reed auf die Bank sinken. Zum ersten Mal seit dem Spiel erlaubte ich mir, den Schmerzen nachzugeben, die in meinem Körper wüteten, insbesondere in meinem Knie. Es war ein harter Kampf gewesen, und mir war es schwergefallen zu verbergen, wie sehr mein Knie wehtat. Wie sollte ich so eine ganze Saison durchstehen? Ich war mir nicht mal sicher, ob ich bis nächste Woche durchhalten würde, geschweige denn bis zur Unterzeichnung des Vertrags.
»Wie geht's deinem Knie?«, fragte Reed leise und zeigte auf meine Hand, die ich fest auf das Bein drückte.
»Bestens.« Schnell nahm ich die Hand weg.
Reed sah mich besorgt an. »Du würdest es mir doch sagen, wenn es dir wieder Ärger macht, oder?«
»Ich hab doch gesagt, alles ist bestens.«
»Wenn du meinst«, erwiderte mein Bruder, auch wenn er alles andere als überzeugt zu sein schien.
»Meine ich.«
Seine Mundwinkel krümmten sich kaum wahrnehmbar nach oben. »Paige backt also ... gab es einen besonderen Anlass?«
»Das ist nur so eine Sache, die sie gerade macht«, erwiderte ich. »Du weißt schon, sie probiert alles Mögliche aus.«
»Ah, die Liste.« Reed gehörte zu den wenigen Personen, die davon wussten. »Ich glaube, es war mir lieber, als sie versucht hat, Dudelsack zu spielen.«
Die bloße Erinnerung ließ mich schaudern. Sie hatte damit Klänge erzeugt, die ich nicht für möglich gehalten hätte, und ich war mir sicher, dass auch ein paar darunter gewesen waren, die nur Hunde hören konnten. Meine Ohren klingelten immer noch.
»Zumindest können einen laute Geräusche nicht umbringen«, fügte Reed hinzu.
»Vielleicht musst du nur deinen Magen ein bisschen mehr abhärten.« Nicht mal mein Bruder durfte Paige beleidigen.
»Oh, hat sie uns darum mit Zement gefüttert?«
Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu, doch er grinste nur.
»Vielleicht arbeitet sie ja heimlich für die Sunshine Hills Saints«, sagte Matt, der sich vorbeugte, um von Reeds anderer Seite an der Unterhaltung teilzunehmen. »Und sie versucht, uns alle außer Gefecht zu setzen.«
»Nicht Paige«, erwiderte Reed. »Sie liebt Hockey. Hast du mal gesehen, wie sie uns während eines Spiels anfeuert?«
»Uns?«, fragte Matt. »Oder einen von uns?«
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mich angrinste. Es war klar, was er andeuten wollte, trotzdem entschied er, es auszusprechen.
»Jetzt mal im Ernst, Grayson. Wirst du sie jemals anmachen?« Matt war heute aber wirklich mutig.
»Wir sind nur Freunde«, erwiderte ich durch zusammengebissene Zähne.
»Ja, aber kannst du das nicht ändern?« Matt sah zu Reed, als würde er um Verstärkung bitten. Und obwohl mich mein Bruder ansah, als würde er seinem besten Freund aus vollem Herzen zustimmen, hielt er zum Glück den Mund. Er hatte vor langer Zeit aufgegeben, mir wegen Paige gut zuzureden.
»Willst du nicht mehr?« Matt konnte es einfach nicht lassen.
Ich wollte einfach nur, dass er mit dieser Fragerei aufhörte. Ich konnte mir ja kaum selbst eingestehen, was ich für Paige empfand, geschweige denn mit anderen darüber reden. Und diese Gefühle mussten so tief in mir begraben bleiben, dass ich so tun konnte, als würden sie nicht existieren. Darin war ich inzwischen ein echter Experte. Schließlich tat ich es, seit sie mich in der zweiten Klasse zum ersten Mal angelächelt hatte.
Sie war die Einzige, die in mir mehr sah als einen talentierten Hockeyspieler. Manchmal fragte ich mich, ob überhaupt jemand merken würde, dass ich existierte, wenn ich nicht so gut mit dem Puck umgehen könnte. Ich war kein geborener Anführer wie Reed oder so extrovertiert wie Parker. Aber in Paiges Gegenwart fühlte ich mich nie unsichtbar.
Doch bis ich mir des wahren Ausmaßes meiner Gefühle bewusst geworden war, hatte ich bereits in der Friendzone festgesteckt. Und selbst wenn mich Paige wie durch ein Wunder plötzlich anders sehen würde, wusste ich, dass ich ihrer nicht würdig war. Sie war die menschliche Verkörperung von Sonnenschein, und was für ein egoistischer Mistkerl wäre ich, ihr Leuchten mit meinen dunklen Sturmwolken zu verdüstern?
»Ich will nichts ändern. Die Dinge gefallen mir genau so, wie sie sind.«
»Okay, Mann, was auch immer du sagst.« Matt zuckte mit den Schultern, und ich hoffte, dass dieser Mist jetzt endlich ein Ende hatte, doch dann meldete sich Reed zu Wort.
»Die Dinge werden sich aber ändern«, sagte er. »Und das bald, ob es dir gefällt oder nicht. Wir wollen beide für die Ryker spielen, aber was wird Paige nächstes Jahr machen?«
Bevor ich antworten konnte, kam Coach Ray in die Umkleide und forderte uns auf, ihm zuzuhören. Doch Reed kannte die Antwort auf seine Frage bereits. Paige hatte keine Ahnung.
Aber irgendwann würde sie ein paar Entscheidungen treffen müssen. Und diese Entscheidungen könnten sie an einen Ort führen, an dem ich nicht war. Nicht in der gleichen Stadt und vielleicht nicht mal im gleichen Bundesstaat. Es hatte ihr Spaß gemacht, vor ein paar Monaten für ihre Bucketlist Französisch zu lernen. Was, wenn sie sich plötzlich entschied, nach Europa zu ziehen?
Der Coach erzählte irgendwas über einen neuen Spieler, der sich nächste Woche der Mannschaft anschließen würde, aber ich hörte nicht richtig zu. Stattdessen hallten Reeds Worte in meinem Kopf wider.
Ende dieses Jahres würde sich alles ändern. Und das gefiel mir überhaupt nicht. Doch das bedeutete nicht, dass ich etwas Dämliches tun würde, das meine Freundschaft mit Paige ruinieren konnte. Sie war das Mädchen, das ich für immer in meinem Leben haben wollte, und wenn das nur als Freunde möglich war, reichte mir das.
»Kommst du bitte mal runter, Paige? Ich hab dir etwas Wichtiges zu ...« Statt ihren Satz zu beenden, stieß meine Mom einen markerschütternden Schrei aus, gefolgt von einem schockierten »Was zum Teufel ist das?«.
Ich war gemächlich auf dem Weg nach unten gewesen, doch die panische Stimme meiner Mutter ließ mich in die Küche rennen. Noch nie hatte ich sie so schreien hören. Irgendetwas stimmte nicht.
Ich fand sie mit dem Rücken gegen den Kühlschrank gepresst. Mit zitternder Hand deutete sie auf eine Stelle am anderen Ende des Raums. Ihr Gesicht war kreidebleich. Einen Moment nach mir erschien auch Dad in der Tür.
»Was ist denn jetzt wieder?«, fragte er unwirsch.
»M... M...«
Was auch immer es war, Mom schaffte es nicht, das Wort auszusprechen. Ich warf einen Blick in die Richtung, in die sie zeigte, und lächelte, als ich etwas Kleines, Flauschiges auf dem Boden sah.
»Aww, ist das eine Maus?« Das arme kleine Ding hatte von der ganzen Schreierei wahrscheinlich eine fürchterliche Angst. Doch als ich darauf zugehen wollte, erwachte Mom aus ihrer Schockstarre und hielt mich am Arm fest.
»Paige, nein. Sie ist tot.«
»Was? Wirklich? Wie?« Ich war unwillkürlich traurig, besonders angesichts der Erleichterung in der Stimme meiner Mom, als sie das Ableben des Tiers verkündete.
»Das ganze Geschrei wegen einer toten Maus?« Dad schüttelte den Kopf. »Ich dachte, es gäbe ein richtiges Problem.«
»Ich war einfach überrascht, Steven.«
»Ich habe keine Zeit für Überraschungen, Deborah. In zwei Stunden geht mein Flug, und vorher muss ich noch einen Haufen E-Mails durcharbeiten.«
Ohne ein weiteres Wort marschierte er aus der Küche. Mom atmete tief durch, richtete ihr Jackett und glättete ihre dunklen Haare, die zu einem perfekten Knoten zurückfrisiert waren. Sofort wirkte sie komplett anders, und fast vergaß ich, dass sie noch vor einem Moment zitternd in einer Ecke gestanden hatte.
»Also, wo war ich? Ach ja, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen.« Sie drehte sich um und nahm ihren Kaffee vom Küchentresen, als wäre nichts passiert. »Dein Vater ist nicht der Einzige, der auf Geschäftsreise geht.«
»Oh, okay.« Ich kapierte einfach nicht, warum das wichtiger sein sollte als das tragische Ende der Maus. Meine Eltern waren ständig geschäftlich unterwegs, also war das überhaupt nichts Neues. Hatte sie keinen Respekt vor den Toten?
»Ich muss heute Abend los.«
Ich sah sie überrascht an. »Warte, ihr brecht beide heute auf?«
»Ja.«
»Wie lange wirst du weg sein?«
»Sie brauchen mich morgen früh in Seattle«, erwiderte sie. »Und in der Woche darauf in Chicago. Mindestens zwei Wochen, vielleicht länger.«
Sie trank einen Schluck Kaffee, als hätte sie nicht gerade eine Bombe platzen lassen.
»Aber Dad wird doch noch viel länger unterwegs sein, oder?«
Meine Eltern stimmten ihre Geschäftsreisen meistens so ab, dass einer von ihnen bei mir zu Hause war. Eine Situation wie diese war länger her. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wann Mom und Dad gleichzeitig weg gewesen waren. Das muss vor Grandmas Tod gewesen sein, denn ich erinnerte mich, in einem Winter mehrere Tage bei ihr verbracht zu haben, vielleicht im Freshman-Jahr. So oder so war ich mir sicher, dass meine Eltern noch nie so lange am Stück verschwunden waren. Jetzt, wo ich in meinem Abschlussjahr war, fragte ich mich, ob ich allein daheim bleiben durfte.
»Ich weiß, es ist nicht gerade ideal«, fuhr Mom fort. »Aber dein Vater weigert sich, seine Pläne zu ändern, und mein Boss hat bei seinem Anruf heute Morgen ziemlich deutlich gemacht, wie wichtig dieser Trip ist.«
Während sie mir bis ins kleinste Detail erklärte, warum ihre Anwesenheit in Seattle oder wo auch immer sie hingehen würde so wichtig war, hörte ich mittendrin auf, zuzuhören.
Sie arbeitete im Vertrieb eines Technologieunternehmens – wohl kaum eine Frage von Leben und Tod. Dennoch fühlte es sich oft so an, als wäre meinen Eltern ihr Job wichtiger als ich.
Dieser Gedanke ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder auf das arme kleine Geschöpf richten, das ein paar Meter entfernt auf dem Boden lag. Wenn die Maus noch bei uns gewesen wäre, hätte sie das Gelaber meiner Mutter über starke Kundenbindung wahrscheinlich eh zu Tode gelangweilt. Ich hörte zwar nicht zu, doch sie setzte die einseitige Unterhaltung fröhlich weiter fort. Nach einer Weile schien sie nicht mehr davon zu reden, das Vertrauen der Anteilseigner zu gewinnen, sondern von ihrem Vertrauen darauf, dass ich in ihrer Abwesenheit meinen Bewerbungsaufsatz fürs College fertigstellen würde. Es war wirklich beeindruckend, wie sie fast jedes Gespräch am Ende auf meine fehlenden Zukunftspläne richten konnte.
»Was ist mit der Maus?«, unterbrach ich sie.
»Was ist damit?«
Ich deutete darauf, nur für den Fall, dass Mom vergessen hatte, dass sie immer noch dort lag. »Was machen wir mit ihr?«
»Ich werfe sie in den Müll, wenn wir hier fertig sind.«
»Den Müll?«
Sie stutzte über meine erstaunte Reaktion. »Tja, sie wird jedenfalls keine Beerdigung im Garten bekommen, Paige. Du bist nicht mehr fünf.«
»Aber ...«
»Kein Aber. Das ist völlig unwichtig.« Sie schnipste mit den Fingern, um sicherzugehen, dass sie meine volle Aufmerksamkeit hatte. »Wichtig sind nur deine College-Bewerbungen. Ich weiß, dass du daran gearbeitet hast. Und diese Woche hast du den Termin bei der Berufsberatung. Ich werde natürlich nicht da sein, um dich zu kontrollieren, aber ich erwarte, dass du vorher die Bewerbungen fertig machst, damit du sie mitnehmen und Feedback bekommen kannst.«
»Aber ...« Wieder versuchte ich, zu protestieren, und diesmal unterbrach sie mich noch schneller.
»Was hab ich gerade zum Thema Aber gesagt? Das ist wichtig, Paige. Deine Zukunft ist wichtig. Du schiebst das schon seit Monaten vor dir her, und auch wenn ich nicht hier sein werde, werde ich nicht zulassen, dass du es auch nur eine weitere Sekunde aufschiebst.«
Ich wusste, dass es nichts gab, was ich sagen konnte, um diesen Streit zu gewinnen. Sie hatte recht. Nicht, was die Maus anging. Die hatte eine Beerdigung im Garten verdient. Aber ich hatte meine College-Bewerbungen wirklich aufgeschoben und war jedem Versuch meiner Mutter, mit mir über meine beruflichen Pläne zu reden, aus dem Weg gegangen. Oder wohl eher ihren Plänen für meine berufliche Zukunft. Sie konnte es nicht ertragen, dass ich noch nicht mein ganzes Leben durchgeplant hatte, so wie sie in meinem Alter. Doch je mehr sie mich unter Druck setzte, desto mehr wollte ich die Schule schmeißen und mich dem Zirkus anschließen.
»Also pack bitte die Bewerbungsratgeber ein, die ich dir besorgt habe, genau wie all deine Lehrbücher und Hausaufgaben ...«
»Was meinst du mit einpacken?«
Mom musterte mich über den Rand ihrer Brille hinweg. »Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich dich hier zwei Wochen alleine lasse, oder? Nein, ich habe dafür gesorgt, dass du bei dieser Freundin von dir bleiben kannst ...«
Ich hätte wissen müssen, dass es zu optimistisch von mir war, zu denken, ich hätte das Haus mal für mich. »Meinst du Bonnie?«
»Doch nicht mit dem Neugeborenen im Haus. Bei dem ganzen Lärm kannst du dich doch nicht auf deine Hausaufgaben konzentrieren. Nein, ich meine deine andere Freundin. Die so wie eine Farbe heißt. Amber ... Scarlett ... Ivory ...« Sie schüttelte den Kopf, und gab auf. »Ich komme gerade nicht drauf. Die, wo du jeden Sonntagabend beim Essen bist.«
»Gray?«, keuchte ich. »Du meinst Grayson Darling?«
»Richtig, die meine ich.«
Mir fiel vor Überraschung der Mund auf. »Mom, erinnerst du dich wirklich nicht, dass Gray ein Junge ist?«
»Ach ja, doch, natürlich. Der kleine Junge, mit dem du immer durch die Nachbarschaft gezogen bist.«
Grayson war inzwischen das komplette Gegenteil von klein, aber so etwas bemerkte meine Mutter einfach nicht. Offenbar hatte sie keine Ahnung, dass Gray sehr groß war und einen sehr schlechten Ruf hatte. Natürlich völlig unverdient, aber die Bewohner von Ransom liebten nichts mehr, als Gerüchte über Grayson und seine Brüder zu verbreiten: die berüchtigten Darling Devils.
Wenn sie mal wieder ein Spiel gewannen, verehrten alle den Boden, auf dem die drei Jungs gingen, im Allgemeinen jedoch eher von weitem. Ich hatte schon gesehen, wie Leute die Straßenseite gewechselt hatten, nur um nicht an Reed, Grayson und Parker vorbeizumüssen. Andere verließen unser Café, wenn sie reinkamen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es viele Mütter gab, die ihre Töchter bei den Devils übernachten lassen würden. Eltern, die zu viel arbeiteten, um sich mit der örtlichen Gerüchteküche zu beschäftigen, hatten also doch ihre Vorteile.
»Du weißt, dass er inzwischen größer geworden ist, oder?«
Sie warf mir einen spitzen Blick zu. »Dessen bin ich mir bewusst.«
»Und er hat zwei Brüder. Schickst du mich wirklich in ein Haus voller Jungs?«
»Als ich mit ihrer Mutter gesprochen habe, hat sie vorgeschlagen, dass du bei ihrer Tochter schlafen kannst. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es Probleme gibt. Du bist ja nicht so verrückt nach Jungs.«
Offenbar wusste selbst meine Mom Bescheid, dass mein Liebesleben eine Katastrophe war. Und sie lag nicht falsch damit. Wie konnte ich verrückt nach Jungs sein, wenn absolut kein Junge nach mir verrückt war?
»Hör zu, Paige, diese Familie war nicht meine erste Wahl«, fügte sie hinzu. »Aber deine Großmutter weilt leider nicht mehr unter uns, und diese Geschäftsreise kam in letzter Minute zustande, also hatte ich keine große Wahl. Wir hatten einfach Glück, dass Mrs. Darling bereit war, dich aufzunehmen.«
Und da war sie, die Wahrheit. Die Darlings waren ihre einzige Option. Meiner Mutter war ihre Geschäftsreise wichtiger als die Frage, wo ihre Tochter die nächsten zwei Wochen bleiben würde. Und wieder war ich mir nicht sicher, warum ich überrascht war.
Doch der Gedanke an den warmen Empfang, den mir Familie Darling bereiten würde, brachte mich zum Lächeln. Ich wusste, dass mir Amy eine feste Umarmung geben würde, und auch Danny würde mich willkommen heißen. Cammie war wahrscheinlich nicht besonders begeistert von der Aussicht, ihr Zimmer mit mir zu teilen, aber Reed würde sich freuen, mich zu sehen, Parker würde Witze reißen und Grayson natürlich keine Miene verziehen. Dennoch war es seine Reaktion, auf die ich am meisten gespannt war, wenn ich mit meinem Koffer dort auftauchte.
»Ich habe Mrs. Darling gesagt, dass sie dich gegen drei erwarten kann, also solltest du besser anfangen, zu packen.« Mom hielt inne und betrachtete mein Outfit. Ihre Miene verdüsterte sich. »Willst du wirklich das tragen?«
Ich warf einen Blick auf den pinken Rock mit Punkten und die gelbe Bluse, die ich trug, und hatte keine Ahnung, was genau meine Mutter dagegen hatte. Es war vielleicht ein bisschen bunt, aber ich hatte mich heute Morgen sehr positiv gefühlt und meine Kleidung hatte das reflektieren sollen. Zumindest bis diese Maus in unserer Küche gestorben war. Jetzt überlegte ich, ob ich nicht lieber etwas Schwarzes anziehen sollte.
»Es sind doch nur ein Rock und eine Bluse, Mom.«
»Du siehst aus, als hätte man dich für einen Kindergeburtstag gebucht.«
»Das passt dann ja, denn ich wollte bei der Berufsberatung nach einer Clownschule fragen.«
Ich sah ihr an, dass mein Witz einen Nerv getroffen hatte, und wurde mit einer weiteren Standpauke bestraft.
»Sei höflich zu den Darlings. Hausaufgaben. Hilf im Haushalt mit. Bitte arbeite an deinen Bewerbungen und verpass deinen Termin nicht. Ich kann es mir nicht leisten, diese Geschäftsreise mittendrin abzubrechen. Ich vertraue dir, Paige.«
Ich widerstand der Versuchung, mit einer weiteren bissigen Bemerkung noch mal ins Wespennest zu stechen. Stattdessen entschied ich, auf Nummer sicher zu gehen und meiner Mutter die Antwort zu geben, die sie hören wollte. »Du brauchst dir keine Gedanken machen, Mom. Ich verspreche es.«
Sie spitzte die Lippen, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie mir glauben sollte. Schließlich nickte sie. »Gut. Danke. Aber ich werde dich trotzdem anrufen, um nachzuhören.« Ich war mir nicht sicher, ob das ein Versprechen oder eine Drohung war. »Und jetzt geh packen.« Sie scheuchte mich aus der Küche. »Du willst doch nicht zu spät kommen.«
Wie betäubt verließ ich den Raum. Nach der Maustragödie und der plötzlichen Ankündigung meiner Mutter, dass sie ebenfalls weg sein würde, kam ich mir vor, als wäre ich auf dem Eis ausgerutscht und wäre mit dem Hinterkopf aufgeschlagen. Alles drehte sich. Es war zwar viel, das ich verarbeiten musste, aber zumindest ließ ich meine ursprüngliche Überraschung allmählich hinter mir. Und um ehrlich zu sein, fühlte es sich immer mehr wie Urlaub an, bei den Darlings zu bleiben, je länger ich darüber nachdachte. Na ja, zumindest so, wie ich mir Urlaub vorstellte. Meine Eltern nahmen sich nie frei. Am nächsten war ich einem Urlaub gekommen, als ich Grayson und seine Familie in einem Sommer in der Middleschool für eine Woche zum Haus am See seines Onkels hatte begleiten dürfen. Leider war es nicht so geworden, wie ich es mir erhofft hatte. Direkt am ersten Tag war ich in Giftefeu gefallen, und Grayson, der aufmerksame Idiot, hatte entschieden, dass ich nicht allein Schmerzen haben sollte, also war er ebenfalls reingesprungen. Und so hatten wir beide die ganze Woche damit verbracht, uns zu kratzen und mit Salbe einzuschmieren.
Ich war gerade auf dem Weg nach oben, als mir meine Mutter nachrief. »Paige?«
Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was sie noch zu sagen hatte, nachdem sie mir bereits mehrere Vorträge gehalten hatte.
»Was denn noch, Mom?«
»Egal, was du tust, bitte koch und back nichts für die Darlings, während du da bist. Ich habe gerade die Maus entsorgt und sie war umgeben von Krümeln von diesen entsetzlichen Muffins, die du gestern gemacht hast.«
»Entsetzliche Muffins?« Ich keuchte entsetzt auf. »Denkst du, ich hab die Maus getötet?«
»Ich denke, mir wäre es lieber, wenn die Darlings deinen Aufenthalt überleben würden.«
»Aber so schlecht können die Muffins doch gar nicht gewesen sein. Viele Leute haben sie gegessen, und es war alles in Ordnung.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Sag das der Maus.«
Ich blieb wie erstarrt auf der Treppe stehen, während sie wieder in der Küche verschwand. Noch nie hatte ich etwas getötet – zumindest nicht wissentlich. Waren die Muffins wirklich so gefährlich, wie meine Mutter behauptete? Die Devils-Spieler hatten ihre alle aufgegessen und begeisterte Rückmeldung gegeben.
Hatten sie gelogen? Unwahrscheinlich. Außer ... jemand hatte sie gezwungen.
Es gab nur eine Person, die die Fähigkeit hatte, eine ganze Hockeymannschaft etwas essen zu lassen, das ihnen nicht schmeckte. Und das war mein bester Freund. Grayson Darling steckte in Schwierigkeiten. Und zu seinem Pech würde ich die nächsten zwei Wochen in seinem Haus verbringen.
»Du bist so ein Arsch, Grayson Darling!«
Er lag dösend auf seinem Bett, als ich ankam, also nahm ich ein Kissen und schlug ihn damit. Er zuckte nicht mal zusammen, sondern nahm mir die weiche, flauschige Waffe mit Leichtigkeit aus der Hand. »Dir auch hallo«, sagte er gähnend.
Ich war durch die offene Hintertür hereingekommen. Mein Gepäck war noch im Wagen, aber nur, weil ich mir nicht sicher war, ob ich es wirklich reinbringen wollte. Trotz Moms Plänen für mich während ihrer Abwesenheit dachte ich darüber nach, mir eine andere Unterkunft zu suchen.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust, doch mein strenger Blick schien ihn nur zu amüsieren, während er das Kissen ruhig zu dem unter seinem Kopf legte. »Ich weiß, dass ich ein Arsch bin, aber warum bin ich heute ein Arsch?«
Seine braunen Haare waren durcheinander, und er trug seine übliche graue Jogginghose, aber ich wusste genau, wie die Mädchen in der Schule reagieren würden, wenn sie dort wären, wo ich war: im Schlafzimmer eines Darling Devils, während er ganz verschlafen und zerzaust auf dem Bett lag. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie sie reagieren würden, wenn sie wüssten, dass ich die nächsten zwei Wochen mit ihm unter einem Dach leben würde.
Reed war zwar so was wie das Aushängeschild der Ransom Devils, aber die Mädchen fühlten sich alle von Grays stillem Magnetismus angezogen. Ich hörte sie regelmäßig darüber reden, wie umwerfend er war. Wie düster, geheimnisvoll und gefährlich. Zum Glück waren die meisten zu feige, um sich ihm zu nähern, sonst würde er wohl jeden Tag belagert werden. Ich ließ mich weder von seinem gutem Aussehen noch seinem teuflischen Ruf abschrecken. Schon gar nicht, wenn ich ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte.
»Die Muffins, die ich gestern gebacken habe, waren schrecklich, und du hast es mir nicht gesagt.«
Grayson wich meinem Blick aus, während er antwortete. »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«
»Ich rede davon, dass ich den ganzen Tag ahnungslos herumgelaufen bin und giftige Muffins verteilt habe.«
Ich schnappte mir einen Stift von seinem Schreibtisch und warf ihn ebenfalls nach ihm. Obwohl er mich nicht ansah, gelang es ihm irgendwie, ihn in der Luft zu fangen. Das machte mich nur noch wütender.
»Mir war klar, dass es sich vielleicht nicht um die leckersten Muffins aller Zeiten handelt, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie tödlich sind. Warum hast du mir das nicht gesagt? Ich dachte, wir sind immer ehrlich zueinander.«
»Sie waren nicht tödlich.«
»Ach nein?«
»Ich lebe noch, oder?«
»Tja, aber die süße kleine Maus, die wir heute in der Küche gefunden habe, definitiv nicht mehr.«
Er sah aus, als müsse er sich ein Grinsen verkneifen, doch es gelang ihm, ernst zu bleiben. »Deine Muffins haben die Maus garantiert nicht umgebracht. Sie muss eines natürlichen Todes gestorben sein.«
»Sie lag inmitten von Muffinkrümeln.«
»Und hat schon jemand eine Autopsie gemacht?«
»Das ist nicht witzig, Gray.«
»Ich würde nie über Mäusemord scherzen.«
Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
»Vielleicht sollte ich lieber bei Bonnie bleiben«, sagte ich übertrieben nachdenklich. »Ich weiß, dass ihre kleine Babyschwester die ganze Nacht lang schreit. Aber das ist wohl weniger schmerzhaft als das hier.«
»Bei Bonnie bleiben?« Gray richtete sich im Bett auf. »Was meinst du damit?«
»Ach, hast du es noch nicht gehört? Meine Eltern lassen mich wegen ihrer Geschäftsreisen allein und haben mich deshalb deiner Familie aufgedrückt, bis sie wieder zurück sind.«
»Du schläfst bei uns?«
»Soll ich wenigstens, ja.«
»Für wie lange?«
»Zwei Wochen.«
»Zwei Wochen?«
Wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, wütend auf ihn zu sein, hätte ich gelacht. Er sah aus, als würde ihn die bloße Aussicht in Flammen aufgehen lassen. Mir war klar, dass ich nervig sein konnte, aber so schlimm konnte die Vorstellung, dass ich hier blieb, doch nicht sein.
»Keine Sorge, ich hatte nicht vor, dir dein Bett oder deine Cheerios zu stehlen. Deine Mom hat gesagt, ich kann bei Cammie pennen.«
»Kein Witz?«
»Sehe ich aus, als würde ich lachen?« Es fiel ihm sichtlich schwer, sich damit abzufinden. Wenn er mich absolut nicht hier haben wollte, würde ich vielleicht wirklich zu Bonnie müssen.
»Deine Mom muss vorher jede andere Familie in der Stadt angerufen haben.«
»Ja, ihr wart wahrscheinlich wirklich so was wie der letzte Ausweg«, gab ich zu. »Aber seien wir mal ehrlich, meinen Eltern ist es vollkommen egal, wo ich unterkomme, solange es ihre Arbeit nicht beeinträchtigt.«
In Grays Augen blitzte Mitgefühl auf, und sofort bereute ich meine Worte. Ich sollte immer noch sauer auf ihn sein, nicht sein Mitleid suchen, also sprach ich schnell weiter. »Aber wie ich schon sagte, bin ich noch am Überlegen. Ich bin sicher, Bonnies Eltern wären bereit, mich ...«
Ich machte einen Schritt auf die Tür zu, kam jedoch nicht sehr weit. Gray sprang auf und hielt mich an der Hand fest. Offenbar war er doch nicht so schläfrig.
»Nein, warte.« Er klang ein bisschen verzweifelter, als ich erwartet hatte. Während er sprach, wanderte sein Blick zu unseren miteinander verbundenen Händen. Als wäre er über sich selbst entsetzt, zog er schnell seine Hand zurück, wobei er sanft meine Finger streifte.
»Äh, ich meine, du kannst nicht gehen.«
»Warum nicht?«, fragte ich.
»Deine Mutter wollte, dass du hier bleibst. Wir sollten ihre Wünsche respektieren. Ich weiß, dass du sauer auf mich bist, aber lass uns wegen eines kleinen Missverständnisses über Muffins keine übereilten Entscheidungen treffen.«
»Äh, seit wann interessierst du dich für die Wünsche meiner Mom? Außerdem war es kein kleines Missverständnis, und du kannst mich hier nicht als Geisel halten.«
Grays ernste Miene entspannte sich ein wenig und ein Funkeln kehrte in seine Augen zurück. Er lehnte sich gelassen gegen den Türrahmen, und die Dringlichkeit, die er noch vor ein paar Augenblicken gezeigt hatte, war verschwunden.
»Natürlich kann ich das. Du bist so klein, dass es ziemlich leicht wäre.«
Ich schnaubte. »So klein bin ich auch wieder nicht.«
»Doch, bist du. Aber wir wissen doch beide, dass ich dich gar nicht als Geisel halten muss. Du brauchst Schlaf.«
»Was?«
»Du brauchst deinen Schlaf, so wie ich was zum Futtern brauche, und in Bonnies Haus wirst du mit dem Baby, das die ganze Nacht schreit, kein Auge zutun.«
»Ich könnte Ohrstöpsel tragen ...«
»Vielleicht. Aber hat Bonnie auch einen geheimen Süßigkeitenvorrat in ihrem Zimmer, an den sie dich lässt, wann immer du sie besuchst?«
»Na ja, nein ...«
Er musste spüren, dass er die Diskussion gewonnen hatte, denn seine Augen funkelten triumphierend. »Dann ist es entschieden. Ich hole deine Sachen.« Gray verschwand im Flur, ohne auf meine Antwort zu warten. Er wirkte so selbstzufrieden, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn er vor sich hin summen würde.
Grayson als besten Freund zu haben war, als wäre man mit einer Mauer befreundet. Stark, zuverlässig und perfekt, wenn man jemanden zum Anlehnen brauchte. Aber auch unerschütterlich und absolut stur.
Ich folgte ihm zu meinem Wagen, doch als ich in der Einfahrt ankam, war er bereits mit meinen zahllosen Taschen auf dem Weg zurück ins Haus. Leider schaffte ich es einfach nicht, mit leichtem Gepäck zu reisen, also war alles ziemlich vollgestopft.
»Was hast du alles mit?«
»Alles Mögliche ...«
»Alles Mögliche? Was zum Beispiel? Sag mir nicht, dass du deine komplette Schneekugelsammlung eingepackt hast.«
»Natürlich hab ich nicht meine komplette Schneekugelsammlung eingepackt.« Das wäre lächerlich. Ich hatte viel zu viele und sie waren viel zu zerbrechlich, um sie einfach in eine Tasche zu stopfen. »Und mach dich nicht über mich lustig. Schneekugeln sind total cool.«
»Total.« Ich hatte keine Ahnung, wie er so ernst bleiben konnte.
Ich wusste genau, wie uncool meine Schneekugeln waren, aber ich sammelte sie schon seit Jahren, weil mir meine Mutter früher von jeder Geschäftsreise eine mitgebracht hatte. Es war lange her, dass sie daran gedacht oder sich die Mühe gemacht hatte, eine für mich zu kaufen. Inzwischen verstaubten sie in den Regalen meines Zimmers. Ich wusste, dass es albern war, sie zu behalten, doch mir gefiel einfach, wie hübsch sie waren.
Gray murmelte etwas über das Gewicht meiner Taschen, und ich machte Anstalten, ihm eine abzunehmen, aber er hielt sie schnell von mir weg.
»Ich schaff das schon.«
Ich ignorierte ihn und startete einen weiteren Versuch, ihm zu helfen, indem ich meine Schultasche vom Stapel nahm. Er warf mir einen mürrischen Blick zu. Es war, als würde ich seine Männlichkeit anzweifeln, indem ich ihm ein bisschen von seiner Last abnahm.
»Eine Tasche kannst du mich doch tragen lassen. Ich hab Hausaufgaben zu machen«, erklärte ich. »Von wegen die Wünsche meiner Mutter respektieren und so.«
Er brummte nur und schleppte mein Gepäck weiter ins Haus.
»Willst du dir das mit dieser Geiselsache noch mal überlegen?«, rief ich ihm nach.
»Noch nicht«, erwiderte er über seine Schulter. »Aber frag mich später noch mal.«
Schmunzelnd folgte ich ihm ins Haus. Hier zu bleiben, würde Spaß machen. Es war ein bisschen seltsam, mir vorzustellen, dass dies die nächsten zwei Wochen mein Zuhause sein würde. Aber nicht auf eine schlechte Art. Es war seltsam, weil ich mich hier bereits viel willkommener fühlte als in meinem eigenen Zuhause.
Ich liebte alles am Heim der Darlings. Es war immer so warm und gemütlich. Im Winter machte sein Dad oft den Kamin im Wohnzimmer an. Der Duft von Amys blumigem Parfüm erfüllte den Flur und zahllose Familienfotos schmückten die Wände. Es war ein altes Haus, völlig anders als der schicke Neubau meiner Eltern, und ich fand es viel schöner.
Die uralten Teppiche sahen aus, als hätten sie jede Menge Geschichten zu erzählen, und oft flackerte das Licht, weil Danny die Reparatur immer weiter hinausschob. Es dauerte ewig, bis das Wasser heiß wurde, die Türen quietschten und die Bodendielen knarrten. Man musste den Fernseher genau richtig anstoßen, um den Sportsender reinzubekommen, und ständig stolperte man über den ganzen Kram, den die Jungs herumliegen ließen. Das Haus platzte praktisch vor Dingen und Menschen, doch genau dadurch fühlte es sich vollständig an. Ich glaubte, es war das Chaos, das ich am meisten liebte.
Gray war oben, um meine Sachen in Cammies Zimmer zu bringen, aber ich machte mich auf den Weg zur Küche. Das mit den Hausaufgaben war nicht gelogen gewesen. Ich hatte am nächsten Tag einen Test vor mir, und es gab noch einen Haufen Gleichungen, die ich durchgehen musste, bevor das Wochenende vorbei war.
Als ich die Küche betrat, plünderte Parker gerade den Kühlschrank. Stanley, der gutmütige Golden Retriever der Familie, wartete hoffnungsvoll zu seinen Füßen.
»Wo ist Amy?«, fragte ich, während ich mich an den Tresen setzte und meine Bücher herausholte. Graysons Mutter war unheimlich gut in Mathe, und ich konnte ihre Hilfe gut gebrauchen.
»Im Supermarkt.« Parker schloss den Kühlschrank, die Arme voller Junkfood. »So wie sie sich anstellt, um genug Essen für dich zu haben, könnte man meinen, dass die ganze Eishockeymannschaft zu Besuch kommt und nicht nur ein kleines Menschenmädchen.
»Warum sagt ihr Darlings das dauernd?«, murmelte ich. »So klein bin ich gar nicht.«
»Tja, wenn Mom mit dir fertig ist, bist du es garantiert nicht mehr.«
»Ich kann es kaum erwarten«, erwiderte ich und verzog dabei leicht das Gesicht. Ich war fast jeden Sonntagabend zum Essen bei den Darlings. Und fast jeden Sonntag mussten wir uns was liefern lassen, weil Amy Darling in der Küche eine komplette Katastrophe war. Sie war keine schlechte Köchin, nicht so wie ich, doch sie neigte dazu, sonntags Rezepte auszuprobieren, die weit über ihre Fähigkeiten hinausgingen. Aber zumindest war durch ihr Essen noch niemand gestorben, weder Mensch noch Tier.
»Und, bereit für unsere Übernachtungsparty?« Parker stellte seine Snacks auf dem Tresen ab und durchsuchte anschließend den Vorratsschrank. Reed und Grayson waren von ihrem jüngsten Bruder oft genervt, aber ich hatte eine Schwäche für Parker. Auch wenn er oft in Schwierigkeiten geriet und seine Klappe ständig zu weit aufriss, war er normalerweise sehr nett zu mir.
»Ist es noch eine Übernachtungsparty, wenn es für mehr als eine Nacht ist?«, fragte ich.
»Hängt davon ab.«
»Wovon?«
»Ob es halbnackte Kissenschlachten gibt.«
Ich lachte auf. »So definierst du eine Übernachtungsparty?«
»Ich glaube, so definiert das jeder Junge.«
»Dann haben wir auf keinen Fall eine Übernachtungsparty.«
»Schade.« So enttäuscht konnte Parker nicht sein, denn als Nächstes schenkte er mir ein teuflisches Grinsen. »Wo ist Grumpson?«
»Oben. Und du sollst ihn doch nicht so nennen. So mürrisch ist er gar nicht.«
»Vielleicht nicht dir gegenüber.«
»Er ist mir gegenüber nicht anders als zum Rest.«
»Pfft. Sicher.«
»Ich meine es ernst. Nur weil jemand nicht viel lächelt, bedeutet das nicht, dass er unglücklich ist.«
»Bei Grayson schon.«
Ganz egal, wie sehr ich Gray verteidigte, waren die Leute meistens anderer Meinung – selbst sein kleiner Bruder. Seine ruhige Art ließ andere oft denken, dass er schlecht gelaunt oder sogar wütend war. Und um ehrlich zu sein, war er das meistens auch, wenn Parker in der Nähe war. Denn der wusste genau, wie man ihn am besten provozierte.
Parker war nicht der Einzige, der ihn falsch einschätzte. Wegen Graysons Größe und Kraft wurde er regelmäßig für einen Schläger gehalten. Dabei musste man ihm doch nur in die Augen schauen, um zu wissen, dass er die Sanftmut in Person war. Das hatte ich gewusst, seit wir uns als Siebenjährige zum ersten Mal begegnet waren. Es war im Freibad gewesen, und ich hatte ihn dabei beobachtet, wie er eine Biene aus dem Wasser gerettet hatte. Ganz vorsichtig hatte er sie rausgefischt, bevor ich ihm dabei geholfen hatte, eine sichere Stelle in den Büschen für sie zu finden. Mir war bewusst, dass Gray jemand ganz Besonderes war und dass ich Glück hatte, mit ihm befreundet zu sein.
War er manchmal schlecht gelaunt? Auf jeden Fall. Aber wer war das nicht? Wahrscheinlich half es auch nicht besonders, dass er dank einer alten Knieverletzung regelmäßig Schmerzen hatte. Über die Jahre hatte ich es zu meiner persönlichen Mission gemacht, ihm so oft wie möglich ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern – zumindest so nah an einem Lächeln, wie es ihm möglich war. Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, dass Grays Mundwinkel wussten, wie man sich richtig nach oben verzog.
»Ich glaube, du bist die einzige Person, die mit ihm klarkommt«, fuhr Parker fort. »Wenn du ihn nicht heiratest, wird er alt und allein enden.«
»Sei nicht albern.«
»Du hast recht.« Er nickte. »Es ist schon zu spät – Grayson führt sich bereits auf, als wäre er achtzig.«
»Parker!«
»Paige!«, ahmte er mich nach, dann grinste er. »Mal ernsthaft, wann erlöst du ihn endlich aus seinem Elend und kommst mit ihm zusammen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Bitte sag so was nicht. Du weißt genau, dass wir nur Freunde sind.«
»Bist du dir sicher?«
Ich hasste es, wenn man mir diese Frage stellte. Sie ließ mich immer rot werden, aber nicht aus dem Grund, aus dem alle meinten. Grayson war genau so, wie sich jedes Mädchen ihren Freund vorstellte. Er war lieb, treu und freundlich. Und es schadete auch nicht, dass er absolut umwerfend aussah. Doch das war etwas, das ich nicht einmal in Erwägung ziehen wollte. Wir waren schon so lange befreundet, dass er inzwischen die wichtigste Person in meinem Leben war; so viel mehr als nur eine flüchtige Highschool-Romanze. Ich wollte nicht, dass sich das änderte.
Außerdem wusste ich genau, dass er mich auch nicht so sah. Es war schwer, Grayson zu durchschauen, aber bei dieser einen Sache war ich mir sicher. In all der Zeit, die wir zusammen verbracht hatten, hatte er nicht ein einziges Mal versucht, mich anzubaggern. Er hatte mich noch nicht mal so angesehen, als wäre er an mir interessiert. Er freute sich mehr über ein schönes Steak als über mich in einem niedlichen Outfit oder in Badesachen. Erst in diesem Sommer hatte er einen Blick auf mich im Bikini geworfen und den ganzen Tag am See versucht, mich davon zu überzeugen, meinen Kimono wieder überzuziehen. Ich war mir nicht sicher, worauf Grayson stand, da er über so was nicht sprach, doch ich wusste genau, dass ich es nicht war.
»Ja, bin ich. Wir sind nur Freunde.«
Parker schnaubte verächtlich, doch ich wechselte schnell das Thema. »Du bist nicht zufällig ein geheimes Mathegenie, das seine irren Algebra-Künste bis jetzt versteckt hat, oder?«
Parker sah von dem Notizheft auf, das ich gerade geöffnet hatte, und schnaubte erneut. »Äh, nein.«
»Du hast also keine Ahnung von Mathe?«
»Ich bin in Mathe so gut wie du in Hockey.«
»Hey«, protestierte ich. »So schlecht bin ich nicht.«
»Das letzte Mal, als wir auf dem See gespielt haben, hast du dich die ganze Zeit hinter Grayson versteckt.«
»Ziemlich kluge Taktik, wenn du mich fragst. Ich hab euch Jungs lieb, aber euch ist schon klar, dass ihr ziemlich Furcht einflößend seid, sobald ihr das Eis betretet, oder?«
Parker strahlte vor Stolz.
»Außerdem«, fügte ich hinzu, »gleiche ich meine fehlenden Hockey-Skills mit Fachwissen aus. Die meisten Mädchen an unserer Schule kommen nur zu den Spielen, um euch anzugaffen. Die können ein Icing nicht von einem Offside unterscheiden.«
»Sorry, Paige, aber das zählt nicht.«
»Es zählt voll.«
»So oder so kann ich dir nicht mit deinen Algebra-Hausaufgaben helfen. Was Mathe angeht, habe ich weder Skills noch Wissen.«
»Mist.« Ich konzentrierte mich auf die Seite, doch da schoss Parkers Hand zu meiner Tasche und zog das pinke Blatt Papier heraus, das oben aus meinem Tagebuch ragte.
»Hey!«, rief ich und versuchte, es ihm wieder abzunehmen.
Aber Parker war zu schnell und war bereits am anderen Ende der Küche.
»Sieh mal einer an, was haben wir denn hier?«, fragte er, während ich ihm nachjagte.
»Gib das zurück, Parker.« Doch er hörte nicht. Stattdessen überflog er die Seite.
»Parker!« Erneut versuchte ich, ihm das Blatt wieder abzujagen, aber er hob es einfach außer meiner Reichweite und las weiter. Es war ein Albtraum. Er war die letzte Person, die meine Liste sehen sollte.
»Was ist das?«, fragte er und blickte mit einem schelmischen Funkeln in den Augen auf mich hinab. Er ließ die Liste sinken, und endlich konnte ich sie ihm wieder abnehmen.
»Nichts.«
»Dann scheinst du dich wegen nichts ja ziemlich aufzuregen.«
»Das ist privat.«
»Nicht mehr.«
Vielleicht hatten Reed und Grayson doch recht mit Parker. Er war das Allerletzte.
»Sieht für mich wie eine Art Liste aus ...«, fuhr er fort.
»Ja, meine Einkaufsliste.«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn das nur deine Einkaufsliste ist, lässt du mich bestimmt noch einen Blick darauf werfen.«
Ich sah stöhnend zur Decke. »Du wirst mich nicht damit in Ruhe lassen, oder?«
»Nö.«
»Nicht mal, wenn ich dich nett darum bitte?«
»Besonders nicht, wenn du mich nett darum bittest.«
Ich seufzte. »Meinetwegen. Du hast recht. Es ist eine Liste. Es ist meine Bucketlist für mein Abschlussjahr.« Er wirkte verwirrt, also versuchte ich, es zu erklären. »Du weißt schon, alles, was ich noch machen will, bevor ich mit der Highschool fertig bin.«
»Ja, ja, schon klar«, erwiderte er. »Ich kapiere nur nicht, warum da ›Stricken‹ und ›Gesellschaftstanz‹ mit drauf ist.«
Ich wollte Parker wirklich nicht erklären müssen, warum diese Liste existierte. Er brauchte nicht zu wissen, dass ich damit angefangen hatte, um meine einzig wahre Bestimmung zu finden, damit ich meinen Eltern beweisen konnte, dass es noch etwas anderes im Leben gab als einen langweiligen Bürojob und einen Aufstieg auf der Karriereleiter. Doch irgendwann waren auf der Liste Dinge aufgetaucht, die ich einfach ausprobieren wollte. Ich entschied, Parker die Kurzversion zu geben.
»Weil ich diese Dinge noch nie gemacht habe und sie ausprobieren will. Stricken war übrigens schon abgehakt. Erinnerst du dich nicht an die Fäustlinge, die ich dir zum Winteranfang geschenkt habe?«
»Ach ja. Hab mich schon gefragt, warum du mir die gegeben hast.« Er hielt einen Moment inne, dann nahm er mir die Liste wieder aus der Hand und ignorierte meine Proteste, während er sie durchging.
»Yoga?«, murmelte er. »Und Backen? Hast du deshalb diese Muffins für uns gemacht?«
»Ja.« Er klang verwirrt, aber ich verstand nicht so genau, warum. »Gibt es ein Problem?«
Er sah mich an, als hätte ich ihn irgendwie enttäuscht. »Das Problem, Paige, ist Folgendes ... Wenn das hier deine Highschool-Bucketlist ist, sollte da nicht so was wie Backen draufstehen. Sondern Kiffen.«
War ja klar, dass Parker so was sagen würde.
»Ich meine es ernst«, fuhr er fort. »Das ist eine der dämlichsten Bucketlists, die ich je ...« Seine Stimme verlor sich, als sein Blick auf etwas am unteren Ende der Liste fiel. Als er wieder zu mir hochschaute, wirkte er perplex. »›Mein erster Kuss?‹«
»Oh nein.« Er hatte den letzten Punkt entdeckt – einen, der bisher alles andere als abgehakt war. Ich hatte ganz vergessen, dass es da stand, wahrscheinlich weil ich inzwischen jegliche Hoffnung darauf verloren hatte. »Bitte vergiss einfach, dass du das gesehen hast.«
»Paige, warum zum Teufel hast du noch nie jemanden geküsst?«
Am liebsten hätte ich mich unter den Tisch verkrochen, um zu sterben. Leider machte Parkers Grinsen ziemlich deutlich, dass er mich deshalb noch weit über das Grab hinaus aufziehen würde.
»Keine Ahnung«, erwiderte ich. »Bin einfach noch nicht dazu gekommen.«
»Noch nicht dazu gekommen? Wir reden hier doch nicht von Hausaufgaben, Paige.« Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht enttäuschter von mir sein. »Weiß Grayson von deinen jungfräulichen Lippen?«
»Oh mein Gott.« Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und spürte, wie heiß meine Wangen waren.
»Tut er?«, fuhr Parker fort, völlig unbeirrt von der Tatsache, dass ich vor seinen Augen vor Scham starb.
»Nein«, antwortete ich. »Und ich wüsste auch nicht, was Grayson das angehen sollte.«
»Weil ihn alles, was dich betrifft, etwas angeht.«
»Wie auch immer.« Ich ließ die Hände sinken. »Sag es ihm einfach nicht. Oder irgendjemandem sonst.«
»Ich habe Besseres mit meiner Zeit zu tun, als Gerüchte über dich zu verbreiten, Paige. Aber du musst wirklich etwas an dieser Situation ändern.« Er deutete angewidert auf meine Lippen. »Und zwar schnell. Du kannst doch nicht deinen Abschluss machen, ohne jemanden geküsst zu haben.«
»Ist mir auch klar. Darum steht es ja auf der Liste.«
Parker rümpfte die Nase, während er weiter den pinken Zettel in seinen Händen betrachtete.
»Also, wie können wir dieses Problem lösen?«
»Wir tun überhaupt nichts. Ich brauche deine Hilfe nicht, Parker.«
Er hielt mir die Liste vor die Nase und zeigte auf den letzten Punkt darauf. »Brauchst du eindeutig schon, denn sonst wäre dieser Punkt schon vor langer Zeit abgehakt worden.« Offenbar fühlte sich Parker genötigt, sich meiner anzunehmen, ob ich wollte oder nicht.
»So leicht ist das nicht ...«
»Sollte es aber sein. Du bist ziemlich heiß. Such dir einfach einen Kerl aus und knutsch ihn ab.«
Parker wollte einfach nur nett sein – auf seine ganz eigene Art –, aber das machte meine Demütigung nur noch schlimmer. »Denkst du, das hätte ich noch nicht versucht?«
»Wenn du es wirklich versucht hättest, wäre das längst erledigt«, erwiderte er. »Ernsthaft, Paige. Es einfach nur auf ein Stück Papier schreiben gilt nicht als Versuch. Du kannst Köder auf einen Angelhaken stecken, aber wenn du ihn nicht ins Wasser tauchst, wird kein Fisch anbeißen.«
»Mein Haken war im Wasser.«
»Ach ja?«
Ich warf die Hände in die Höhe. »Vielleicht stehen die Fische einfach nicht auf diese Art Köder.«
»Du bist das netteste Mädchen, das ich kenne, Paige. Wenn du ordentlich angeln würdest, würden die Kerle auch anbeißen.«
Das Kompliment ließ mich erröten. Zumindest hielt ich es für ein Kompliment. In wahrer Parker-Manier war es ihm irgendwie gelungen, es gleichzeitig nett und vulgär klingen zu lassen.
Seufzend dachte ich über seine Worte nach. Er mochte mich nett finden, aber das war nicht besonders hilfreich. Niemand wollte jemanden nur deshalb küssen, weil er nett war. Ich brauchte mehr als das.
»Und was schlägst du vor, um ›ordentlich zu angeln‹?«, fragte ich. »Denn manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich so was wie eine eingebaute Männerabwehr. Sobald ich denke, dass sich ein Junge für mich interessiert, puff, verschwindet er.«
Parker zog eine Augenbraue hoch. »Eingebaute Männerabwehr?«
»Ja.« Ich verschränkte die Arme. »Das gibt es wirklich.«
»Oh, ja, ganz bestimmt. Aber ich glaube nicht, dass das dein Problem ist.«
»Ach nein?«
»Sagen wir einfach, du solltest vielleicht nach Fischen Ausschau halten, die nicht so leicht einzuschüchtern sind ...«
