Güllefund - Suta Wanji - E-Book

Güllefund E-Book

Suta Wanji

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Beschreibung

Daaje Wiemers ist Ostfrieslands Geisterjägerin. Sie gehört einer übergeordneten Polizeieinheit an. Zusammen mit ihren Kollegen Ihno Coordes, Fritjof Jansen, Baldwin Behrends und ihrer Freundin Petra Wolfram bekämpft sie das Böse, das ja bekanntlich nie schläft. Intrigen innerhalb der Polizei und gefürchtete Gegner, die es zu bekämpfen gilt, sind ihr Lebensinhalt.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Impressum:

Daaje Wiemers – Ostfrieslands Geisterjägerin

Suta Wanji

Copyright: by Suta Wanji 2018

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Suta Wanji 

[email protected]

Haar-Siedlung 19 

49733 Haren

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Daaje Wiemers - Ostfrieslands Geisterjägerin
Güllefund

Daaje Wiemers - Ostfrieslands Geisterjägerin

Gruselserie von Suta Wanji

Güllefund

Montag

Isebrand, mein dicker, fetter Kater, stopfte gerade seine Schale Nassfutter in sich hinein,

als mein Handy klingelte. Ich hatte keine Lust an das Telefon zu gehen. Mein Wochenende war hart gewesen, aber das schien niemanden zu interessieren. Ich blickte auf das Display meines Handys. Mein Vorgesetzter, Baldwin Behrends, versuchte mich zu erreichen. Dabei wusste er genau, dass ich das ganze Wochenende gearbeitet hatte, und mir heute ein freier Tag zustand. Mir waren nur ein paar Stunden Schlaf vergönnt gewesen, und meine müden Knochen bewegten sich immer noch im Zeitlupentempo.

Eine Zeitlang würde ich ihn wohl noch hinhalten können, dann musste ich wohl oder übel das Gespräch annehmen. So beschloss ich, das Unvermeidliche nicht weiter aufzuschieben.

„Moin Baldwin! Ich habe heute frei! Sollte dir das entgangen sein?“, stänkerte ich ins Telefon.

„Hallo Daaje,“ versuchte er es auf seine stets freundliche Art. „Ausgeschlafen?“

„Dank dir und meinem verfressenen Kater eher abgebrochen!“, stöhnte ich ungehalten.

„Och, nu sei doch nich so! Du bist nun mal Kopf eines Spezialistenteams. Wir haben doch nur Petra, Ihno, Fritjof und dich.“

Nun, mit dem Spezialistenteam hatte er recht, wir waren ein zusammengestelltes Team. Nein, eher eine Schicksalsgemeinschaft, die sich mit außergewöhnlichen Vorfällen beschäftigt. Die da wären Vampire, Werwölfe, Hexen und andere Wesen, die in unserer Welt existierten, uns Menschen aber nicht unbedingt gut gesonnen waren. Denn eigentlich wissen wir ja alle: Das Böse schläft nie!

„Ich hab mich das ganze Wochenende mit einem Blutsauger herumgeschlagen, bin noch bedient und wirklich hundemüde, Baldwin!“

„Ich weiß doch, vielleicht ist ja auch nichts dran, aber ich habe hier so eine Sache auf dem Tisch liegen, die mir Kopfzerbrechen bereitet.“

„Mensch, Baldwin! Wieso tausche ich mein Haus nicht gegen eine Pritsche in der Zentrale? Mein Kater kann sich seine Dosen auch bald alleine aufmachen!“

„Ich weiß, ich weiß. Nur kommen und schauen, dann sehen wir weiter! Danach kannst du schlafen und dich ausruhen!“

„Du gibst ja doch keine Ruhe, ich muss noch duschen und meine heutigen Termine absagen. In einer Stunde bin ich da!“

„Ganz wunderbar, ich sag im Team Bescheid.“, klang es fröhlich durch den Hörer zurück.

„Mach das!“, seufzte ich und klingelte bei meiner langjährigen Freundin und Vertrauten Petra durch.

„Sag nicht, dass du absagst!“, donnerte sie durchs Telefon.

„Lass gut sein, ich kann nur nicht gleich um eins heute Mittag. Etwas später könnte klappen.“

„Hat Ostfriesland eigentlich nur eine Polizeibeamtin?“

„Nur eine, die besondere Fälle in einer bestimmten Kategorie bearbeitet, weißt du doch!“

„Na gut, dann koche ich eben für meinen Mann. Schade! Ich dachte, ich komme heute aus der Nummer raus!“

„Sorry, ich melde mich, sobald ich fertig bin, Petra!“

„Mach das, bis dann!“

Eine Stunde später betrat ich unsere Zentrale, die nach außen hin als PC - Werkstatt fungierte, aber im unteren Teil des Gebäudes über hochkarätige High - Tech verfügte.

Mein Kollege, Ihno Coordes, saß an einem seiner Basteltische und warf mir einen kurzen Blick zu, schenkte mir dabei aber sein perfektes Zahnpasta-Lächeln. Wenn er arbeitete, dann stets mit Leib und Seele. Was er innerhalb der letzten zwei Jahre an außergewöhnlicher Munition für meine Beretta 950 jetfire entwickelt hatte, grenzte für mich an die Arbeit eines Genies. Er war ein hart arbeitender Kripobeamter, der effizient und gleichzeitig sehr umsichtig arbeitete. Stets behielt er einen kühlen Kopf. Die Zusammenarbeit mit ihm machte Spaß, ebenso die mit meinem anderen Kollegen Fritjof Christoffers, der eigentlich in der Pathologie in Oldenburg arbeitete, aber uns immer zur Verfügung stand.

„Moin! Ihno, ist Baldwin in seinem Büro?“

„Moin, Daaje! Yepp ist er und der Tee ist frisch!“

„Ich nehme aber auch den herrlich erfrischenden Geruch von Kaffee und Donuts wahr“, stellte ich wohlwollend fest.

„Liegen hier, kannst dich bedienen, Sommersprosse!“

„Du sollst mich nicht so nennen! Du weißt, meine Feuerwehrhaare und meine Sommersprossen sind mein höchst persönliches Trauma!“, maulte ich.

„Ich liebe deine Sommersprossen und das rote Lockengewusel. Einfach unwiderstehlich.“ Sein äußerst intensiver Blick ließ mich Richtung Büro verschwinden. Ihnos fettes Grinsen entging mir jedoch nicht.

Ich klopfte kurz an die Tür und wartete auf Baldwins: „Komm rein!“, das sofort ertönte.

„Daaje! Danke, dass du so schnell gekommen bist. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich an deinem freien Tag behelligen muss. Aber ich denke, ich hab hier eine Sache, der du nachgehen solltest. Setz dich doch hin. Ich wollte mir gerade einen Tee holen, möchtest du auch?“

„Danke nein! Hatte vor noch nicht langer Zeit Kaffee!“

Kurz darauf war er zurück und balancierte eine zarte ostfriesische Teetasse mit Rosendekor in seiner riesigen Pranke. Baldwin war an die zwei Meter groß und gut mit Muskeln bestückt. Er war fast sechzig, spielte aber immer noch regelmäßig American Football. Gelegentlich hinkte er oder trug einen Arm kurzfristig in einer Schlinge. Tribut an sein außergewöhnliches Hobby. Sein Schädel war kahl und glänzte in der Morgensonne, deren Strahlen durchs Fenster fielen und sich auf seinem Kopf zu bündeln schienen. Auch wenn er auf viele wie ein gutmütiger Teddy wirkte, im Inneren wohnte ein ausgewachsenes Grizzly Männchen, das erbarmungslos zuschlagen und vernichten konnte.

„Was ist denn so dringend, das es nicht bis Morgen warten konnte, Baldwin?“, fragte ich missmutig.

„Ein Bauer aus Ardorf hat einen mysteriösen Vorfall gemeldet. Er hat gestern am späten Abend einen Mann auf seinem Hof gesichtet. Er will rote Augen, lange Eckzähne und eine entstellte Fratze gesehen haben. Der Kerl hatte wohl viel Blut am Kinn. Die örtliche Polizei hat das zwar aufgenommen, aber natürlich nicht weiter verfolgt. Ihno hat die Meldung gefunden, als er heute Morgen routinemäßig die Datenbank durchforstete. Hier ist die Adresse. Ich finde, wir sollten der Sache nachgehen!“

Er schob mir einen seiner Spickzettel rüber, die er sich immer aus Papierresten und Altpapier zusammenschnippelte, sparsam wie er war. Das Paradoxe dabei war, alles was mit unserer Ausrüstung zu tun hatte, wurde von ihm ohne Frage nach den Kosten gefördert und unterstützt. Ihnos und Fritjofs Projekte verschlingen viel Geld, und er zahlt immer ohne Murren.

„Hm, könnte was dran sein, hat der Mann sonst noch etwas zu Protokoll gegeben?“, fragte ich wesentlich handzahmer als noch vor ein paar Minuten.

„Nein, zumindest haben die Örtlichen nichts aufgenommen, aber das heißt ja nichts. Wahrscheinlich haben sie den Bauern gar nicht ernst genommen oder vermutet, er habe zu viel Kööm intus“

„Gut, ich fahre hin und red` mal mit dem Mann, vielleicht ist ja was dran. Am Wochenende hatte ich es mit einem Vampir in Willen zu tun, das ist bekanntlich nicht weit von Ardorf entfernt.“

„Hast du ihn erwischt?“

„Das schon, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass er nicht der Einzige dort war. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich jemand beobachtet hat! Aber mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen. Ich kümmere mich mal. Sehen wir uns noch heute Abend im Kükelnüst?“

„Kann ich noch nicht sagen, ich will meine Frau nicht zu sehr reizen!“, antwortete er lachend.

Ich gab die Adresse ins Navi ein und begab mich Richtung Ardorf, um Bauer Reent Jansen aufzusuchen. Eine halbe Stunde später fuhr ich auf seinen Hof und stellte meinen klapprigen Mercedes namens Störtebekker (nach unserem beliebten ostfriesischen Piraten benannt, nur dass meiner zwei k aufwies) in der Nähe des Hauses ab. Eine Schar Hühner kam direkt gackernd auf mich zu, in Erwartung irgendwelcher Leckerbissen. Außer einer Katze, die sich in der Sonne aalte, konnte ich niemanden ausmachen. Ich suchte nach einer Haustür und einer Klingel.

Niemand öffnete, trotz mehrfacher Betätigung dieser. Mir blieb also nichts anderes übrig, als um das Haus zu laufen. An der hinteren Seite des Hauses war ein wunderschöner Bauerngarten angelegt, der mein Herz erwärmte. Wie gern hätte ich so einen Garten an meinem Haus, aber ich habe keine Zeit dafür.

Ich bemerkte nichts Ungewöhnliches und es war eindeutig niemand da. Auch die Hintertür war verschlossen, was für Ostfrieslands Landbevölkerung ja eher ungewöhnlich ist.

Mein Pentagramm, das bei Erkennung einer dunklen Präsenz oder bei Wesen, die nicht in diese Welt gehören, anfängt zu vibrieren, verhielt sich still. Auch der magische Stein meines Ringes änderte nicht seine Farbe.

Auf dem Weg zurück zum Auto hörte ich in einiger Entfernung einen Trecker tuckern und versuchte die Richtung zu orten. Auf den Feldern hinter dem Haus sah ich einen Punkt, der sich hin und her bewegte . Ich besah mir den Weg, der in die Richtung führte und beschloss, dass mein alter Benz das schaffen würde. Langsam fuhr ich den Sandweg hoch, wobei ich mich total konzentrieren musste, da der Weg über so einige Schlaglöcher verfügte. Kein Hindernis für einen Trecker, aber für Störtebekker sah das schon anders aus.

Nach zehn Minuten Kriechtempo kam ich am Rand des Feldes an und wendete den Benz, um in Fahrrichtung zu parken. Ich ließ den Schlüssel stecken und lief das Feld hoch Richtung Trecker. Auch hier verhielten sich Pentagramm und Ring ruhig.

Nach zehn Minuten kam ich dort an, wo der Trecker bald eintreffen müsste und wartete, wobei ich den gewöhnungsbedürftigen, intensiven Geruch der Landluft genoss.

Langsam tuckerte der uralte Fendt auf mich zu und ich konnte einen Blick auf den Fahrer werfen, der genauso alt zu sein schien wie sein Trecker. Er hielt vor mir an und stellte seinen Trecker aus.

„Moin, mien Deern, kann ik di helpen?“

„Moin, ik bünn Daaje Wiemers un ik söök Reent Jansen!“

„Dat bünn ik, woh kann ik di helpen?“

Ich beschloss es offizieller werden zu lassen und wechselte ins Hochdeutsch.

„Herr Jansen, ich bin von der Polizei, ich melde mich wegen Ihrer Beobachtungen.“

„Hebbt dee kien Mannlü bij joh?“

„Die sind heute alle beim Kosmetiker!“, frotzelte ich. Ich war es leid, dass diese Uraltostfriesen immer nach Männern suchten.

„Büst `n ganzen Wiesen, wah?“

„Joo, dat bünn ik!“

„Machst `n Tass Tee?“

„Joo, dat is mui!“

„Foar man to d´t Huus, ik kumm achter di an!“

Lächelnd setzte er sich auf seinen Trecker und wartete, dass ich los fuhr. Kurz darauf parkte ich Störtebekker auf dem Hof und er parkte seinen Fendt hinter mir.

Als wir in der Küche unseren ersten Tee genossen, begann er auf Hochdeutsch zu sprechen, was ihm anscheinend einige Schwierigkeiten bereitete. Immer wieder glitt er ins Platt ab.

„Ich bin nachts raus, wollte nach einer kalbenden Kuh gucken. Hinten beim Güllepott. Door stunn hee! Sah unheimlich aus, rote Augen und ganz verzerrtes Gesicht und sien Gesücht war voll Blood! Als ich mit der Forke auf ihn los bin, hat er sich einfach in Luft aufgelöst. Aber die Kälber im Stall und die Schweine waren total unruhig., hebbt all Biss up Steert haat. Un in`t Höhnerstall weer de Düwel los, as ob de Foss toot Besöök weer.“

Genüsslich schlürfte er seinen Tee.

„Machst noch een? Du wätst doch , dree mal is Ostfreesenrecht!“

Ich legte einen dicken Kluntje in die Tasse und schob ihm die Tasse rüber. Langsam ließ er die dunkelbraune Flüssigkeit über den Kluntje laufen.

„Beten Rahm drup, as een Wulkje, hier mien Deern!“ Lächelnd schob er mir die Tasse zurück.

Ich bedankte mich und fragte, ob ihm sonst was aufgefallen sei, was er verneinte. Nur die große Unruhe der Tiere war ihm in den letzten Nächten aufgefallen.

Nach einer weiteren Tasse Tee stellte ich den Löffel in die Tasse, womit ich ihm mitteilte, dass ich keine weitere Tasse mehr wollte. Das wird in Ostfriesland verstanden und von allen Ostfriesen und allen Nichtostfriesen, die in die ostfriesische Teetrinkkunst bereits eingeweiht wurden, respektiert. Ich hinterließ meine Karte und fuhr zurück nach Wittmund, wo ich mich über unser Gespräch nachdenkend direkt zum Essen ins „Kükelnüst“ begab. Ich telefonierte mit Petra, die versprach gleich loszufahren und bei mir auch gleich eine Essensbestellung für Lüko, den Wirt, in Auftrag gab.

Eine halbe Stunde später betrat sie den Schankraum, bestellte sich am Tresen eine Cola und kam zu unserem Stammtisch geschlendert.

„Moin Daaje! Womit musstest du dich herumschlagen?“

„So wie es aussieht mit Erscheinungen, die über rote Augen und Fratzen verfügen und ihr Kinn in Blut tauchen!“

„Spannend! Was kann ich tun?“, neugierig setze sich Petra hin.

„Wolltest du nicht für deinen Mann kochen?“, fragte ich lachend.

„Der hat seit heute ein neues Spielzeug. So`n Männerding! Er testet es gerade im Garten. Einen Volvo Bagger mit Wurzelratte. Hab ihm versprochen, ihm einen von Lükos legendären Eintöpfen mitzubringen. Dann ist die Männerseele befriedigt!“, antwortete sie lachend. „Dann back ich ihm nachher einen Kuchen und er ist glücklich!“

„Du hast echt Glück mit deinem Mann, der reißt sich wirklich für dich den Mors auf!“, bekannte ich neidlos.

„Weiß ich und wir sind auch wirklich glücklich und noch genauso verliebt, wie am ersten Tag!“

„Ich weiß, und ich finde das klasse!“, gab ich ohne Neid zu, denn gesunde Beziehungen brauchen Zeit, und Zeit für Beziehungen ist etwas, das in meinem Leben irgendwie nicht vorkam. Mein Leben kam über hier und da ein Techtelmechtel nicht hinaus, erst in letzter Zeit hatte sich eine lockere Beziehung zu Ihno entwickelt, aber auch ohne Aussicht auf was Festeres.

„Was ist nun mit diesem Fratzengesicht? Daaje, lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen!“

Vorwurfsvoll sah sie mich an, während sie an ihrer Cola nippte.

„Mehr gibt es noch nicht, Petra! Nur eine Sichtung bisher!“

Vier Tage zuvor in Ardorf

Die drei Freundinnen saßen nach der Schule auf einer Bank im Schlosspark. Sie vertrieben sich die Zeit, während sie auf ihren Schulbus warteten.

„Meine Eltern sind heute Abend nicht da, kommen auch erst spät wieder, eventuell übernachten sie auch außerhalb. Das weiß man bei denen nie. Bock auf „Gläserrücken, ihr zwei Süßen?“, fragte Traute ihre beiden Freundinnen. Romea und Sigrid stimmten beide begeistert zu.

„Gut, kommt um acht! Ich muss noch den Raum vorbereiten! Offiziell machen wir `ne Schlafparty, morgen ist Feiertag und dann Wochenende. Niemand wird groß Fragen stellen. Wir müssen übrigens los, der Bus kommt in zwanzig Minuten!“

Schwatzend schnappten sie sich ihre Taschen und liefen zum Marktplatz. Keine von ihnen ahnte, dass sie diesen Weg zum letzten Mal gemeinsam antreten würden.

Um sieben verabschiedeten sich Trautes Eltern und wünschten ihr viel Spaß mit den Freundinnen. Es folgten noch die üblichen Ermahnungen, dann stiegen sie in ihr Coupé und verschwanden in der bereits einsetzenden Dunkelheit.

Traute begann das Esszimmer umzubauen. Sie zog die Vorhänge zu, schloss die Tür zum Wohnzimmer und die Fenster. Der Nippes ihrer Mutter wurde in die Küche gebracht und durch dicke, schwarze Stumpenkerzen ersetzt. Sie vergewisserte sich, dass der Esszimmertisch über keine Metallteile verfügte. Sie platzierte das Trinkglas in der Mitte des Glastisches und die Buchstaben und Zahlen im Kreis darum. Sie legte die JA und NEIN Zettel an die dazu gehörenden Orte auf der Glasfläche des Tisches. Der Spaß konnte beginnen.

Traute brachte Softdrinks und Chips auf ihr Zimmer. Die Stärkung davor und danach. Sie hatte keine Lust, heute nach einem verstorbenen Verwandten zu fragen. Heute wollte sie ein bisschen „Action“. Romea war zwar ein Angsthase, aber Sigrid würde das bestimmt auch spannend finden.

Die Freundinnen waren pünktlich und brachten zuerst ihre Taschen und Betten nach oben in Trautes Zimmer.

„Lasst uns doch erst „SAW“ schauen, dann ist unser Gläserrücken näher an der Geisterstunde und wir können uns vorher noch einstimmen!“, schlug Traute vor.

Die Freundinnen waren begeistert und so nahmen sie das Beschwörungsprojekt gegen halb zwölf in Angriff.

„Denkt dran, während der Séance wird nicht gegessen und getrunken. Es wird nicht gelacht. Unsere Handys bleiben draußen. Wer immer erscheint, wir dürfen den Kreis nicht unterbrechen!“, wies Traute ihre Freundinnen an.

„Wissen wir doch, was soll schon passieren?“, maulte Sigrid gähnend. „Lasst uns loslegen, ich werde schon müde!“

Die drei Mädchen setzten sich in den Kreis und legten alle ihren Zeigefinger auf das umgedrehte Trinkglas. Sie konzentrierten sich auf das Geisterreich, die Welt der Toten. Gleichzeitig riefen sie: „Wir rufen dich, großer Geist!“

Immer wieder riefen sie die Geister an, bis sich zum ersten Mal das Glas quietschend über die Glasfläche in Bewegung setzte und dann abrupt stehen blieb. Aufgeregt setzten die Mädchen die Beschwörung fort.

„Wer bist du, großer Geist?“

Wieder quietschte das Glas bei der folgenden Bewegung, um gleich wieder still zu stehen.

Die Raumtemperatur sank und die Mädchen begannen leicht zu frieren. Erneut setzten sie ihre Beschwörung fort. Das Glas bewegte sich nicht, stattdessen begannen die Kerzen langsam zu flackern. Die Mädchen spürten, dass hier jemand mit ihnen spielte und das erfüllte sie mit immer größerem Unwohlsein. Langsam stiegen ihnen die Nackenhaare hoch und Unbehagen machte sich großflächig breit.

„Großer Geist, wir wollten dich nicht stören, bitte verzeih und geh zurück, woher du gekommen bist!”, bat Traute mit zitternder Stimme.

Das Glas quietschte langsam zum NEIN.

„Verdammt, das fängt an aus dem Ruder zu laufen!“, rief Traute ängstlich. Ihre Angst wuchs, als die Kerzen heftig flackerten und dann, bis auf eine in der Nähe der Tür, alle kurz aufflackerten und dann unvermittelt ausgingen. Dadurch wurde der Raum in gespenstisches Licht getaucht, was das Wohlbefinden der Mädchen nicht eben steigerte. Plötzlich schrie Romea und sprang auf.

„Etwas hat in meinen Hals gebissen!“, schrie sie und fasste sich an den Hals, an dem ein kleines Rinnsal Blut herunterlief. Kreischend sprang sie hin und her.

Gleichzeitig flogen die Fenster auf und ein heftiger Windstoß fuhr durch den Raum. In Panik rannten alle Mädchen aus dem Zimmer. Krachend flog die Haustür hinter ihnen ins Schloss. Die Mädchen flohen zum Grundstück von Sigrids Eltern, die fünf Häuser weiter wohnten. Beobachtet von einer riesigen Fledermaus, die sich kurz darauf elegant in den nächtlichen Himmel schwang und in den dunklen Wolken verschwand.

Zwei Tage später hatten sich die Mädchen halbwegs beruhigt. Traute hatte zwar eine heftige Standpauke durch ihre Eltern erhalten, nachdem diese das Zimmer gesehen hatten, aber letztendlich hatte das keine Konsequenzen. Nur Romea war wesentlich ruhiger. Sie hatte das Blut an ihrem Hals nicht vergessen, hervorgerufen durch zwei kleine Löcher, die kaum wahrzunehmen waren. Ihre Freundinnen taten das als Insektenstiche ab. Sie aber spürte, dass etwas mit ihr nicht mehr stimmte. Sie mochte nichts mehr essen, irgendwie schlug ihr alles auf den Magen und verursachte Übelkeit. Zudem war sie tagsüber fast nur noch müde, während sie im Gegenzug nachts von einer unheimlichen Energie durchströmt wurde, die sie am Schlafen hinderte. Ihre Freundinnen taten das als Nachwehen der Beschwörung und der anschließenden Aufregung ab. Romea spürte, dass es sich nicht so verhielt, war aber trotzdem ahnungslos. Sie war knapp achtzehn, vielleicht war es auch nur der letzte Schub aus der Pubertät heraus.

Abends war sie allein ohne ihre Freundinnen. Sie saß vor ihrem PC und durchstreifte die sozialen Netzwerke, fand aber irgendwie nicht wirklich Zerstreuung. Seufzend stand sie auf und zog sich ihre Jacke über. Eine Stunde im Garten würde ihr bestimmt gut tun. Ihre Eltern und Geschwister schliefen bereits. Niemand bemerkte sie, als sie das Haus durch die Terrassentür verließ. Sie setzte sich an den Gartenteich und lauschte in die Nacht. Es war windstill und angenehm kühl. Der Mond stand voll am Himmel und Romea betrachtete ihn, als sie einen riesigen Vogel durch den Garten fliegen und in den dunklen Tannen landen sah. Er hatte rote Augen, mit denen er auf sie niederstarrte. Komischerweise war sie nicht beunruhigt. Ganz im Gegenteil, er schien ihr seltsam vertraut. Lächelnd sah sie in die Tannen und der Vogel verschwand. Stattdessen kam ein junger großer Mann auf sie zu, lächelnd, die Arme ihr entgegenstreckend. Dieser Mann passte genau in ihr Beuteschema, ihr war nur nicht klar, sie auch in seines.

„Romea!“, säuselte er, als er vor ihr stand. Sie lächelte ihn an, der moderige Geruch, den er ausströmte, nahm sie nicht wahr. Sie war geblendet von seinem Aussehen. Die Veränderung seiner Augen und seiner Zähne sah sie nicht, als sich sein Mund langsam ihrem Hals näherte und eine Hand sich auf ihren Mund legte. Langsam veränderte sich die Gestalt. Vor ihr stand eine Fledermaus mit menschlichen Zügen, die den anderen Arm um sie legte und mit ihr in die Höhe stieg. Die schlürfenden Geräusche an ihrem Hals störten sie nicht, ganz im Gegenteil. Wohlig ließ sie sich in den Arm, der sie festhielt, zurücksinken. Sie flogen kurz hinaus in die Nacht um dann auf einem abgelegenen Hof langsam zu Boden zu gleiten. Romea bekam davon nichts mehr mit. Die Gestalt trank und trank, bis kein Tropfen Blut mehr in ihrem Körper war. Der Mann hielt die leblose Hülle in seinem Arm und sah sich um. Vor sich sah er eine Luke im Boden, der ein entsetzlicher Gestank entströmte. Er öffnete sie und verzog die Fratze. Achtlos warf er die Überreste des Mädchens hinein und sah zu, wie sie in der braunen, stinkenden Masse versanken. Der Gestank war so übel, dass kein Blutgeruch mehr wahrzunehmen war. Grinsend ließ er den Lukendeckel nach unten knallen und sah sich um. Plötzlich wurde seine Gestalt von einem Lichtkegel erfasst und ein alter Mann kam mit einer Forke auf ihn zu. Er beschloss zu verschwinden, denn alte Männer schmecken bekanntlich nicht.

Das Verschwinden Romeas wurde erst am Mittag des nächsten Tages entdeckt, als Sigrid und Traute ihre Freundin aufsuchten. Irritiert stellten die Freundinnen fest, dass sich Romea im Gegensatz zu den Aussagen ihrer Mutter, nicht in ihrem Zimmer aufhielt.

„Sie ist nicht oben? Keine Ahnung! Mädels, schaut doch im Garten, irgendwo steckt sie bestimmt. Oder sie ist mit ihrem Rennrad unterwegs!“, vermutete Romeas Mutter, bis zu diesem Zeitpunkt immer noch sorglos.

Nach zehn Minuten kamen die Mädel zurück in die Küche.

„Tante Hildegard, sie ist nicht im Garten und ihr Rad steht im Schuppen. Aber wir haben ihr Halstuch bei den Tannen gefunden. Hängt über dem Gartenstuhl zum Trocknen.“

„Dann weiß ich auch nicht, Traute. Geht sie denn nicht an ihr Handy?“

„Springt nur die Mailbox an!“, teilte Traute ihr mit.

„Ich weiß es wirklich nicht, kommt doch später noch mal wieder. Der Hunger wird sie schon nach Hause treiben!“ Lächelnd sah Romeas Mutter sie an.

„Ist gut, wir kommen später noch einmal rüber. Kannst ihr ja sagen, dass wir da waren!“

„Mach ich, bis später.“

Romea Mutter drehte sich wieder zu ihrer Teigschüssel um, und die Mädchen verließen das Haus.

„Verstehst du das?“, fragte Sigrid vorsichtig.

„Nee, aber die war ja schon die beiden letzten Tage so komisch!“, stellte Traute missmutig fest. Das vorher bereits gefühlte tiefe Unbehagen machte sich wieder in den Mädchen breit und sollte sich in den nächsten Tagen zur panischen Angst steigern.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit Petra fuhr ich nach Hause. Die Aktivitäten des vergangenen Wochenendes machten sich langsam wieder bemerkbar, und mir war nach Badewanne und Schlaf. Isebrand kam mir jaulend entgegen und ich öffnete die Katzenklappe an der Hintertür, damit er seinen Freiheitsdrang austoben konnte. Während das Wasser in die Wanne lief, rief ich in der Zentrale an.

„Baldwin, ich war in Ardorf. Scheint eine durchaus ernstzunehmende Sichtung gewesen zu sein, aber mehr noch nicht. Der Bauer hat mir versprochen, dass er die Augen offen hält. Ihno soll die Datenbank im Auge behalten. Mehr kann ich momentan nicht unternehmen, ich geh jetzt baden und danach schlafen. Melde mich Mittwoch, sollte vorher was sein, ruft nicht an! Auf keinen Fall! Ich habe jetzt frei und Ihno und Fritjof sind auch noch da!“

„Das hättest du wohl gerne!“, dröhnte sein Lachen durch den Hörer. „Aber ruhe dich aus, ich gebe Ihno Bescheid. Wir sehen uns, sobald du wach bist und uns wieder mit Freundlichkeit begegnest!“, fügte er süffisant hinzu.

Fassungslos starrte ich den Hörer in meiner Hand an. Wieder beschlich mich das Gefühl, eine Art Leibeigene der Spezialeinheit zu sein, andererseits hatte ich auch viele Freiräume. Man kann eben nicht alles haben.

Dienstag

Ich wurde am nächsten Morgen gegen fünf wach, da Isebrand laut schreiend vor meinem Fenster saß und um Einlass bat. Nach Fütterung des Raubtieres und einem ausgedehnten Frühstück fand ich mich gegen sieben in der Zentrale ein, wo Ihno bereits den Kaffee durch die Maschine laufen ließ und der Geruch unserer heißgeliebten Donuts mein Herz erwärmte.

„Moin, Daaje! Schau dir mal die Meldung auf meinem Bildschirm an. Ist vorhin reingekommen.“

„Moin, Ihno! Hast du durchgemacht?“

„Nein, ich wollte ein bisschen Zeit für dich haben, immerhin haben wir vor knapp einer Woche zuletzt den Abend und die Nacht zusammen verbracht.“

„Stimmt! Sorry, war immer eingespannt. Vermisst hab ich dich auch.“

Ich umschlang ihn von hinten und lehnte mich an ihn.

„Holen wir nach, versprochen!“, flüsterte ich und genoss seine Nähe für einen kurzen Augenblick.

Unsere Beziehung war zwar nach außen hin locker, aber wir verstanden uns gut, hatten viel Spaß zusammen. Mehr wollten wir beide im Moment nicht, zumindest ich nicht und das hatte ich ihm auch immer deutlich zu verstehen gegeben. Beide gingen wir in unserer Arbeit auf und so sollte es bleiben.

„Guck dir die Meldung an, Daaje. Könnte losgehen. Ich glaube, es wird nicht bei der Sichtung bleiben. Ich bring dir gleich einen Pott Kaffee mit. Dann kann ich dir noch was über die neueste Entwicklung bei unserem Lähmungsgift erzählen, an dem Fritjof und ich arbeiten.“

Ich lief zu seinem Schreibtisch und schaute mir die Vermisstenanzeige an: Junges Mädchen namens Romea Meents, 17 Jahre, seit knapp 30 Stunden vermisst, Wohnort nicht weit entfernt von Bauer Jansen. Ihre Eltern konnten keine Angaben machen, ob sie das Haus spät abends noch verlassen hatte, ihre Räder waren da und einen Führerschein und Auto hatte sie nicht. Sie war kurz vor dem Abitur und verbrachte wohl die meiste Zeit mit ihren Freundinnen, die auch keine Angaben machen konnten.

„Passt leider gut ins Bild, nicht wahr?“ Er sah mich an und hielt mir den Becher entgegen.

Ich nickte und nahm dankend meinen Kaffeepott in Empfang.

„Ich fahr um acht los nach Ardorf und rede mit den Eltern und den Freundinnen. Bei Bauer Jansen schau ich auch vorbei.“

„Mach das, Daaje! Ich informiere Baldwin. Er kommt gegen neun.“

Nach dem Kaffee verabredeten wir uns für abends bei Lüko und eine halbe Stunde später fuhr ich Richtung Ardorf.

Romeas Eltern waren aufgelöst, ebenso ihre Geschwister. Keiner hatte eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden.

„Wissen Sie, Frau Wiemers, junge Mädchen haben ja immer so ihre Geheimnisse, aber ich bin mir sicher, dass Romea nichts mit Drogen zu tun hat und einen Freund hat sie zur Zeit auch nicht. Das händelt sie immer recht offen mit uns. Wenn überhaupt jemand was sagen kann, dann ihre beiden Freundinnen Sigrid und Traute. Die hängen immer zusammen. Sie sind gemeinsam aufgewachsen und machen jetzt bald das Abitur. Erst danach werden sich wohl ihre Wege etwas auseinanderlaufen!“, erklärte Romeas Vater.

„Herr und Frau Meents, haben sie Romeas Handy gefunden?“, fragte ich die besorgten Eltern. Sie schüttelten beide den Kopf.

„Es springt auch nur die Mailbox an!“, teilte Albertus Meents mit, „und die haben wir bestimmt schon voll gequatscht.“

„Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen? Haben Sie etwas an einem ungewöhnlichen Ort gefunden oder fehlen Gegenstände oder Kleidung aus Romeas Zimmer?“, bohrte ich weiter, wissend dass ich ihnen damit weh tat, aber es ließ sich nicht vermeiden, diese Fragen zu stellen.

„Jetzt, wo Sie danach fragen; Traute und Sigrid haben einen von Romeas Schals gefunden, hinten bei den Tannen, da hat sie sich eigentlich nie aufgehalten. Dort soll er gelegen haben. Die Mädchen haben ihn zum Trocknen auf den Gartenstühlen abgelegt“, fiel es Hildegard Meents ein.

„Kann ich ihn mir ansehen, Frau Meents? Bitte nicht mehr anfassen, ich muss ihn im Labor auf Spuren untersuchen lassen. Ich benötige noch Romeas Zahnbürste oder Haarbürste zum DNA Abgleich. Außerdem müsste ich noch einen Blick in Romeas Zimmer werfen!“

„Natürlich, kommen Sie bitte, Frau Wiemers.“

Ich folgte ihr in den Garten. Als ich mir Handschuhe übergestreift hatte und den Schal zum Eintüten in der Hand hielt, begann mein Pentagramm zu vibrieren. Ich entdeckte Blut auf dem Seidenloop und verbarg es vor Romeas Mutter.

„Kennen Sie zufällig Romeas Blutgruppe, Frau Meents?“

„0 NEGATIV“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Danke, Frau Meents. Ich weiß, dass es Ihnen sehr schwer fällt. Können Sie mir sagen, wo die Tannen stehen? Ich möchte mir die Ecke zumindest ansehen.“

Sie zeigte mir die Tannenecke und ich besah mir alles genau. Mein Pentagramm blieb ruhig und ich konnte auch nichts Ungewöhnliches feststellen, auch nicht in Romeas Zimmer. Absolut gar nichts wies auf ihr Verschwinden hin.

Ich fragte nach Trautes und Sigrids Adresse und verabschiedete mich, meine Karte hinterlassend.

Sigrids Eltern wohnten nur ein paar Häuser weiter, so war dies meine nächste Anlaufadresse. Traute und Sigrid wurden nach unten bestellt ins Wohnzimmer, wo Sigrids Mutter genauso aufgelöst saß, wie Frau Meents.

„Es ist so schrecklich, wir können uns das gar nicht erklären!“, stammelte sie hilflos. „Wir sind hier alle miteinander befreundet. Die Mütter, die Väter und die Kinder.“

Traute und Sigrid konnten mit nichts behilflich sein und ich spürte, dass beide Mädchen wie gedruckt logen. Die Anwesenheit von Sigrids Mutter machte die Sache nicht leichter.

„Womit verbringt ihr normalerweise eure Zeit?“, fragte ich schon ziemlich angenervt.

„Wie meinen Sie das? Unsere Mädchen machen nichts Unrechtes!“, fuhr Sigrids Mutter wie eine vom Nest hochgescheuchte Glucke dazwischen.

„Das weiß ich doch, ich muss mir nur ein Bild machen können. Das verstehen Sie doch sicher!“, versuchte ich die Frau zu beruhigen. „Jede Kleinigkeit kann wichtig sein und Aufschluss über ihr Verschwinden geben. Je länger sie verschwunden ist, desto geringer sind die Chancen sie lebend wiederzufinden!“ Das saß! Sie wurde deutlich handzahmer und ich begann erneut:

„Traute und Sigrid, denkt bitte nach, jede Kleinigkeit ist wichtig. Unsicher sah Sigrid zu Traute, die offensichtlich die Dominante im Team darstellte.

„Es war nichts, wir waren bis zweiundzwanzig Uhr bei ihr und haben uns ´ne Serie angeschaut. Dann sind wir gegangen!“, zischte sie mir entgegen. Ich sah zu Sigrid, die knallrot wurde und unsicher zu Boden blickte.

„Gut, ich lasse meine Karte hier, mit deinen Eltern werde ich auch noch reden, Traute!“

Sie fuhr hoch und fauchte mich an: „Wieso? Die wissen auch nichts! Suchen Sie sie lieber, als hier Ihre Zeit zu verplempern!“

„Aber Traute!“, fuhr Sigrids Mutter hoch. „Benimm dich mal!“

„Entschuldigung, Frau Wiemers!,“ keifte Traute daraufhin zuckersüß. „Können wir jetzt gehen? Wir müssen noch Hausaufgaben machen!“

Ich nickte und bevor ich mich verabschiedete, flüsterte Irene Eilers, Sigrids Mutter: „Sie ist sehr verwöhnt, Einzelkind und wickelt ihre Eltern immer um den Finger. Sie ist ein nettes Mädchen, nur nicht immer einfach!“

„Schon in Ordnung. Die Mädchen sind um ihre Freundin besorgt, das kann man ja verstehen!“, beruhigte ich sie, obwohl ich den beiden pubertierenden Rotzgören am Liebsten den Hals umgedreht hätte.

Ich unterdrückte die in mir hochkommende kriminelle Energie und fuhr zu Trautes Elternhaus, aber niemand öffnete. Dafür wurde mein Pentagramm wach und vibrierte deutlich unter meinem Hemd. Das Gartentor nach hinten stand offen und so ging ich in den Garten, eventuell waren sie ja dort. Niemand war da, dafür steigerte sich der Tanz des Pentagramms vor einem der Fenster und der Stein meines Ringes veränderte die Farbe zu tiefschwarz. Hier war eindeutig etwas nicht in Ordnung, aber da ich nicht einfach in das Haus einbrechen konnte, verließ ich das Grundstück und fuhr zurück in unsere Werkstatt. Bauer Jansen würde ich versuchen telefonisch zu erreichen.

Ich legte Ihno die Tüte mit dem Tuch ins Labor und telefonierte mit Fritjof.

„Kannst du heute noch vorbei kommen? Ich hab hier ein Tuch liegen, bei dem das Pentagramm getanzt hat. Außerdem hab ich ein Haus aufgetan, das von einer dunklen Präsenz umgeben zu sein scheint. Ich muss da heute gegen Abend noch einmal hin, könntest du dann mitkommen?“

„Ja, geht klar, ich bin in ungefähr zwei Stunden da!“

Ihno und Baldwin saßen in Baldwins Büro und brüteten über Papieren. Als ich eintrat, blickten sie nicht hoch.

„Moin, Daaje!“, ertönte Baldwins dröhnende Stimme.

„Moin, Baldwin! Was macht ihr gerade?“