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Die H.Dv.12, die Heeres-Dienstvorschrift von 1912 zuletzt am 18.08.1937 aktualisiert, war eine "Dienstvorschrift" des deutschen Heeres. Sie befasst sich mit der Ausbildung von Pferd und Reiter für den Einsatz in Kavallerieeinheiten. Viele der Ausbildungsregeln sind nach dem 2. Weltkrieg in die Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) eingeflossen. Wer sich daran orientiert, kann die H.Dv.12 als Reitlehre und als konkreten Leitfaden für die vielseitige Jungpferdeausbildung nutzen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der Krieg fordert vom Reiter die sichere Beherrschung des Pferdes im Gelände, vom Pferd Gehorsam, Gewandtheit und Ausdauer. Diese Anforderungen zu erfüllen, ist das Ziel der Ausbildung von Reiter und Pferd. Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind.
Der Schwadrons- usw. Chef ist verantwortlich für die gleichmäßige Ausbildung aller Reiter und Pferde in der Schwadron usw., für die Erhaltung des Pferdematerials auf lange Sicht und für die Heranbildung von Reitlehrern.
Die Regiments-, Abteilungs- und Bataillons-Kommandeure sind verantwortlich für die Reitausbildung der Offiziere und überwachen die Reitausbildung in den Schwadronen usw.
Der Stand der Reitausbildung wird überprüft durch Besichtigungen, bei denen vor allem festzustellen ist, ob das Endziel der Ausbildung, nämlich die sichere Beherrschung des Pferdes im Gelände, erreicht ist. Solche Prüfungen werden ergänzt durch Vergleich der Zahlen vorgestellter Reiter und Pferde mit den Stärken.
Auch bei großen Anstrengungen lässt sich ein Bild gewinnen von dem Stand der Reitausbildung. Sie muss sich dahin auswirken, dass die Zahl der vorübergehend ausfallenden Pferde gering bleibt.
Der Reitunterricht findet auf dem Reitplatz, im Gelände und in der Reitbahn statt. Im Verlauf der ganzen Ausbildung müssen sich Unterricht in der Bahn bzw. auf dem Reitplatz und im Gelände ergänzen. So oft wie möglich muss der Reitunterricht aller Abteilungen ins Gelände verlegt werden. Dort werden Reiter und Pferd auf langen Linien und über unebenem Boden ausgebildet. Diese Unterrichtsform ist für Rekruten und Remonten besonders wichtig. Im Gelände kann mit dem Reiten auch anderer Dienst verbunden werden. Hier können auch alle Abteilungen einer Schwadron usw. gleichzeitig gehen, wodurch Zeit gespart wird.
Der Reitlehrer muss seine Aufgabe nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch beherrschen. Lehrer von Remontenabteilungen müssen selbst junge Pferde zugeritten haben.
Der Reitlehrer hat auf folgende Punkte zu achten:
Jeder Unterrichtsstunde muss eine vorher durchdachte Zeiteinteilung zugrunde gelegt werden. In den einzelnen Reitstunden müssen sich die Übungen in sachgemäßer Weise folgen und vom Leichteren zum Schwereren fortschreiten. Die in den Abschnitten „Junge Remonten“, „Pferde im 2. Jahr“ und „Rekruten“ gegebenen Ausbildungspläne geben einen Anhalt für weitere Zeiteinteilungen, die sich der Reitlehrer machen muss.
Überraschend auftretende Schwierigkeiten in der Dressur werden den Reitlehrer öfter veranlassen, von der vorher geplanten Einteilung der Reitstunde bewusst abzuweichen.
Eine gründliche und deshalb langsam fortschreitende Arbeit ist geboten. Es ist aber falsch, nicht eher weiterzugehen, bevor das Erreichte vollständig allen Ansprüchen genügt. Man muss berücksichtigen, dass die späteren Übungen auch die vorhergehenden verbessern.
Im Vordergrund der Arbeit steht die Losgelassenheit bei Reiter und Pferd. Erst wenn diese erreicht ist, dürfen Übungen in der Versammlung vorgenommen werden.
Ein Aneinanderreihen vieler schwieriger Übungen ruft beim Reiter Steifheit hervor und veranlasst ihn, sich festzuziehen; beim Pferd sind schwunglose Gänge die Folge. Besonders bei Rekruten und jungen Remonten sind kurzes Arbeiten, häufiges Rühren und Absitzen zur Schonung der Reiter oder Pferde erforderlich.
Der Neigung der Reiter, sich meist in kurzen, schwunglosen Gängen zu bewegen und nur die für sie bequemsten, das Pferd jedoch wenig fördernden Übungen zu reiten, muss entgegengewirkt werden.
Ruhepausen, die oft, besonders nach schwierigen Übungen und gegen Schluss der Stunde einzulegen sind, dienen der Erholung der Pferde. Diesen ist dann völlige Zügelfreiheit zu gewähren.
Beim Reitunterricht sind nur kurze, schlagwortartige Anweisungen am Platz. Längere Belehrungen gehören in den Dienstunterricht, der gelegentlich in der Reitbahn unter Zuhilfenahme eines gesattelten und gezäumten Pferdes erfolgen kann. Sind ausnahmsweise längere Erklärungen während des Reitunterrichtes nötig, so lässt der Lehrer halten oder versammelt seine Schüler, auch abgesessen, um sich.
Eine frische, abwechslungsreiche, jedes Schema vermeidende Lehrart schafft aufmerksame, selbsttätige und passionierte Schüler, eine Vorbedingung für einen erfolgreichen Unterricht. Überlautes Kommandieren und viel Sprechen stumpfen ab. Lob und Anerkennung fördern die Ausbildung oft mehr als Tadel.
Der Reitlehrer ist zugleich Erzieher. Er prüft öfters Anzug der Reiter, Aussehen und Putzzustand der Pferde sowie Sattelung und Zäumung. Der Reitlehrer muss bei seinen Schülern Sinn für das Pferd und seine Eigenschaften entwickeln. Er hat auf Wahrung militärischer Haltung der Reiter bedacht zu sein, ohne je das Ziel, sie zur vollen Geschmeidigkeit auszubilden, aus dem Auge zu verlieren.
Der Reitlehrer wählt seinen Platz (s. Bild 1) so, dass er die Reiter nicht nur von der Seite, sondern häufig auch von vorn und von hinten sieht. Von vorn und hinten kann er am besten die Fußsetzung des Pferdes und den Aufbau des Reiteroberkörpers überwachen. In der Bahn steht der daher im Allgemeinen an der kurzen Wand oder beim Zirkelreiten an der Mitte der langen Wand. Im Gelände wählt er zu Fuß seinen Platz so, dass er seine Reiter mit der Stimme erreichen kann.
Reitet er selbst mit ihnen durchs Gelände, dann reitet er meist hinter, seltener vor dem Rudel seiner Reiter. Der Reitlehrer steht zu Beginn einer Besichtigung einen Schritt rechts seitwärts der Abteilung in Höhe der Reiter. Er gibt das Kommando zum Abreiten vor der Mitte der Abteilung mit der Front dorthin. Im Übrigen hält sich der Reitlehrer in der Nähe des besichtigenden Vorgesetzten auf. Nach Beendigung der Besichtigung nimmt er seinen Platz auf dem rechten Flügel oder aufmarschierten Abteilung ein.
Bild 1. Hufschlagfiguren.
Grundlinie ist eine Linie, die man sich durch die Vorderhufe des richtig aufgestellten Pferdes des Mittelreiters gezogen denkt. Abstand ist die Entfernung vom Schweif eines Pferdes bis zum Kopf des ihm folgenden. Die Abstände werden nach Schritten (80 cm) und nach Pferdelängen (3 Schritt) gemessen. Zwischenraum ist die seitliche Entfernung zweier nebeneinander befindlicher Reiter, von Bügel zu Bügel gemessen. Aufstellung der Abteilung erfolgt mit 3 Schritt Zwischenraum. Abweichungen sind zu befehlen.
Fühlung haben die Reiter, wenn sich ihre Bügel berühren. Das nötige Maß der Seitenrichtung ergibt sich durch richtiges Aufstellen der Pferde auf der Grundlinie. Fühlung und Richtung sind von jedem Reiter ohne Weiteres zu nehmen. Man reitet auf der rechten (linken) Hand, wenn die rechte (linke) Seite dem Inneren der Bahn (Reitplatz) zugewandt ist.
Inwendige oder innere Seite ist bei geradeaus gestelltem Pferd die nach dem Inneren der Bahn zeigende, sonst diejenige, nach der das Pferd gestellt ist; auswendige oder äußere Seite ist die entgegen gesetzte. Halbe Paraden sind Einwirkungen des Reiters, durch die das Pferd entweder nur für den Augenblick verhalten, versammelt, zum Mäßigen des Tempos oder zum Übergang in eine kürzere Gangart veranlasst wird. Ganze Paraden bringen das im Gange befindliche Pferd zum Halten.
Tempo bedeutet die Geschwindigkeit, mit der das Pferd eine bestimmte Strecke in einer bestimmten Gangart zurücklegt.
Takt nennt man die gleichmäßige Zeitfolge und gleichbleibende Länge der Tritte und Sprünge des Pferdes innerhalb eines bestimmen Tempos.
Das Durcheinanderreiten bildet im Reitunterricht die Regel. Es ermöglicht dem Reitlehrer sowie dem Reiter die Auswahl der für einen bestimmten Zweck und zu einem bestimmen Zeitpunkt günstigsten Gangarten, Übungen und Tempos. Zur ersten Erzielung der Losgelassenheit und Erlernung neuer Übungen muss diese Form der Ausbildung immer angewandt werden.
Der Reitlehrer befiehlt dabei durch Zurufe, die der Kommandotabelle (Ziff. 5) entnommen sein können, entweder der Abteilung oder einzelnen Reitern Gangart, Tempo und Übung.
Er ordnet ferner an, auf welcher Hand geritten wird. Beim Zirkelreiten wird dabei meist auf jedem der beiden Zirkel auf einer anderen Hand geritten.
Der Reitlehrer kann auch beim Durcheinanderreiten vorübergehend das Halten von Abständen fordern. Es hat gegenüber dem Abteilungsreiten den Vorteil, dass die Reiter weiter rühren und dass damit die Gefahr des Versteifens herabgemindert wird. Auch können so einzelne Pferde, die für das Abteilungsreiten noch nicht reif sind, herausgenommen werden.
Beim Durcheinanderreiten muss der Reiter folgende Bahnregeln beachten: Freihalten des Hufschlags im Halten und Schritt, Ausweichen rechts, kein Kreuzen beim Vorbeireiten.
Beim Einzelreiten kann entweder der Reiter sich selbst eine Folge von Übungen auswählen, oder sie werden vom Reitlehrer bestimmt. Beim ersteren Verfahren wird der Reiter zum reiterlichen Denken erzogen, im letzteren werden erhöhte Anforderungen an den Gehorsam des Pferdes gestellt.
Diese Anforderungen sind besonders hoch, wenn die Masse der anderen Pferde an anderer Stelle geschlossen hält. Solche Erschwerung ist daher überall da nicht am Platz, wo bei mangelndem Ausbildungsstand von Reiter und Pferd die Gefahr entsteht, dass der Reiter infolge des Herdentriebs der Pferde und zahlreicher Wendungen zum überwiegenden, daher falschen Gebrauch der Zügelhilfen verleitet wird. Dagegen sind im Einzelreiten Übungen, die zur Kriegsbrauchbarkeit gehören, wie Herausreiten aus der Abteilung auf bestimmte Punkte zu, im Gelände auch Übergang in niedere Gangart und Halten bei sich entfernendem Rudel in allen Abteilungen dauernd zu üben (s. auch Ziff. 44).
Voraussetzung für das Abteilungsreiten auf Kommandos ist Losgelassenheit der Pferde sowie gleichmäßige, durch vorherige Einzelausbildung erzielte Beherrschung der zu kommandierenden Übungen von Reiter und Pferd. Das Reiten in der Abteilung erfordert genaues Halten von Abstand und Tempo, festigt die reiterliche Disziplin, ist ein Prüfstein für die Gleichmäßigkeit des Ausbildungsstandes, eignet sich zur Vorstellung und als Vorbereitung für die Verbandsausbildung. Reiten besonders langer und schwieriger Übungen in der Abteilung wirkt schädlich für die Losgelassenheit von Reiter und Pferd. Es ist daher zu unterlassen.Die Aufstellung einer Abteilung erfolgt mit der Front zur langen Seite. Die Pferdeköpfe bleiben hinter der Mittellinie des Vierecks. Der Mittelreiter hält auf dem Hufschlag der halben Bahn. Alle Pferde stehen senkrecht zur Grundlinie. In der abgesessenen Abteilung berichtigt der Reiter die Stellung seines Pferdes in der beim Vorführen angegebenen Weise (s. auch Ziff. 7).
Der Reitlehrer prüft die Aufstellung einer Abteilung zunächst von vorn, um sich von der Erfüllung der Hauptforderung, senkrechtem Stehen der Pferde zur Grundlinie und richtigem Zwischenraum der Reiter, zu überzeugen. Dann erfolgt die Prüfung der Seitenrichtung.
Nur auf einem richtig gebauten und gut liegenden Sattel kann der Reiter richtig sitzen und einwirken.
Gute und schlechte Zäumung haben weitgehenden Einfluss auf die Willigkeit und damit auf die Dressur des Pferdes.
Ein gut verpasster Sattel liegt mit seinen überall gleichmäßig auf den Rippen aufliegenden Trachten an den Schulterblättern an. Die beiden Enden der Trachten sollen dabei vom Pferdekörper etwas abgebogen sein und mit ihren oberen Kanten nirgends den Rücken klemmen, namentlich nicht am Widerrist. Zwischen Vorderzwiesel und Woilach muss so viel freier Raum sein, dass man mit der Hand hineinfassen kann, solange der Woilach noch nicht in die Kammer gezogen ist.
Der tiefste Punkt der Sitzfläche muss in der Mitte des Sattels liegen. Beim Verpassen ohne Sitzkissen liegt der tiefste Punkt zwischen dem 3. und 4. Schnürloch des Sattelbocks.
Der sechs- oder neunfach zusammengelegte Woilach ist so auf den Rücken des Pferdes aufzulegen, dass er vorn etwa eine Handbreit über den Sattel hervorragt und zu beiden Seiten des Widerrists gleich tief herabhängt. Die offenen Enden des Woilachs müssen nach links unten und hinten liegen.
Bild 2. Sattelung richtig.
Bild 3. Sattelung falsch.
Die Trense ist so zu verpassen, dass das Gebiss (d) an den Maulwinkeln anliegt, ohne diese hochzuziehen. Das Schnallstück (g) liegt auf der Mitte des Genicks, der Stirnriemen (k) dicht unterhalb der Ohren, am Pferdekopf bequem anliegend; die Backenstücke (b) liegen etwa 40 mm breit hinter der Hochbeinleiste. Der Kehlriemen (c) ist so weit geschnallt, dass bei beigezäumtem Pferde zwischen ihm und dem Kehlgang die flache Hand Platz hat.
Das Kopfstück (a), der Kinnriemen (e) und der Nasenriemen (f) der Halfter sind in kleine Ringe (h) eingenäht; ein kleiner Verbindungssteg (i) verhindert das herabfallen des Nasenriemens. Dieser muss so kurz sein, dass die beiden Ringe vor den Backenstücken der Trense liegen.
Das Kopfstück der mit der Trense zu vereinigenden Reithalfter wird unter den Backenstücken der Trense durch die Stirnriemenschlaufen hindurchgezogen.
a = Kopfstück
b = Backenstücke
c = Kehlriemen
d = Gebiss
e = Kinnriemen
f = Nasenriemen
g = Schnallstück
h = Kleine Ringe
i = Verbindungssteg
k = Stirnriemen
Bild 4. Zäumung der Trense.
