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Tante Ilse ist tot. Während der Trauerfeier erfährt Nichte Nik von ihrem Erbe: Ilses alter Bulli gehört nun ihr. Plus eine kleine Geldsumme! Endlich kann sie sich ihren Lebenstraum erfüllen: eine mobile Detektei. Sie plant, die schönsten Orte im Ländle zu besuchen und dabei ihre Dienste anzubieten. Der erste Auftrag ist inklusive, denn schnell wird klar: Der Sturz von Ilse Behringer war kein Unfall. Nik sucht Antworten auf die Frage nach dem Täter im Tagebuch ihrer Tante. Dann verschwindet Ilses Mitbewohner Herbert. Während die Fahndung läuft, stößt Nik auf weitere Verdächtige …
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Lili Lemberg
Haja oder Hanoi? Wehrles Detektivmobil
Ländlekrimi
Detektei, mobil! Als Tante Ilse stirbt und ihre Nichte Nik großzügig bedenkt, beschließt diese, sich als Detektivin selbständig zu machen. Weil zum Erbe ein alter Bulli gehört, mit dem die einstige Hippiefrau die halbe Welt bereiste, will Nik damit die schönsten Orte im Ländle besuchen und ihre Dienste anbieten. Für ihren ersten Fall muss sie nicht weit reisen, denn der Sturz von Ilse Behring war kein Unfall. Wer hat die 77-jährige in der Senioren-WG ermordet? Welche Geheimnisse nahm sie mit ins Grab und was halten die Mitbewohner unter Verschluss? Nik sucht Antworten im rätselhaften Tagebuch ihrer Tante, das sie im Bulli entdeckt. Neue Fragen tauchen auf: Warum fressen die Zwergwidder Haja und Hanoi dem Chefkoch Felix aus der Hand? Bedeutet das Nicken von Haja ja? Was will der Zoofachhändler mit dem Einhorn-Tattoo von ihr oder sie von ihm? Über allem steht die Suche nach Ilses Mitbewohner Herbert, der plötzlich unauffindbar ist. Dabei hat er ein Alibi. Oder nicht?
Lili Lemberg ist das Pseudonym von Linda Graze. Die Übersetzerin war querlandein als Werbetexterin und Redakteurin, später als Personalberaterin tätig. Seit 2018 ist sie Autorin. Erfolge feierte sie bereits mit einer kultigen Schwarzwald-Krimi-Reihe. Ihr erster Thriller „Tief unter der Alb“ erschien 2024 im Gmeiner-Verlag. Sie ist Mitglied bei den Autorenvereinigungen »Mörderische Schwestern« und »Syndikat«.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Dagmar Hijmans / shutterstock.com; Rick / Pixabay; Thomas Schmidt / adobe stock; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volkswagen_Bus_(Hudson).JPG; Creatus / adobe stock
ISBN 978-3-7349-3016-4
Die Sehnsucht ist es, die uns’re Seele nährt, und nicht die Erfüllung.
Arthur Schnitzler
»Tante Ilse!«,
murmelte sie vor sich hin, sprach es wiederholt in diesen herbstlichen Donnerstagvormittag, an dem der Wind die Blätter von den Bäumen fegte und als feurigen Farbenteppich auf den Boden legte. Nikola Wehrle hatte keinen Blick dafür. Sie konnte nicht glauben, was sie gehört hatte. Seufzend ließ die 45-Jährige ihr Handy in die Hosentasche gleiten, drehte sich weg vom Theaterstück des Hin- und Herwiegens der Baumkronen, das vor den Scheiben ihres Wintergartens aufgeführt wurde. Sie plumpste in ihren Sessel. Zitterte. Kein Wunder, bei der Nachricht, die ihr soeben überbracht worden war.
»Überraschend gestorben«, hatte Anke Zähringer am Telefon gesagt. Nik konnte es nicht glauben. Wollte es nicht glauben. Als Optimistin zweifelte sie unangenehme Nachrichten erst einmal an. Falls sich die Nachrichtenüberbringerin getäuscht hatte, regte sie sich unnötig auf. Falls sie sich verhört haben sollte, ebenso. Zu ihrem Bedauern war beides nicht der Fall. Ilse Behring war in der Nacht einem ischämischen Apoplex erlegen. Ins Hochdeutsche übersetzt: Sie hatte einen letalen Schlaganfall erlitten. Auf Schwäbisch gesagt: Das Schlägle hatte ihrer Tante den letzten Schnaufer entrissen.
Während sie ihre 166 Zentimeter aufrichtete, schob Nik das Hoodiekleid, das ihr über den Po gerutscht war, nach unten und zupfte es über den Leggins zurecht. Als sähe jemand, dass sie ein paar Kilo zu viel auf den Hüften hatte. Als ginge es irgendeine Seele etwas an, was sie in ihrem Reihenhäuschen trug! Es geschah aus einer Gewohnheit heraus. Ihre beste Freundin Birte behauptete, das ständige Zupfen an der Kleidung habe seine Wurzeln in Niks Kindheit. Geschwisterlos hatte Nik diese mit sieben Barbies verbracht. Genau genommen waren es siebeneinhalb, denn Ken durfte durchaus mitgezählt werden – zumindest zur Hälfte, denn eine winzige Taille konnte sogar er vorweisen. Die kleine Nikola stellte sich immer wieder vor ihren Spiegel und versuchte, sich die Speckröllchen in ihrer Mitte wegzudenken. Birte sagte, so ein Trauma sei tief in einem verankert. Nikola hatte längst aufgegeben, sich ein Leben mit einer Wespentaille vorzustellen. Die Einzige, die sie hätte fragen können, wie sich das anfühlte, weil mit 77 Jahren noch immer gertenschlank, konnte sie nicht mehr fragen. War Tante Ilse wirklich tot?
Nikola, von ihren Freunden Nik, von Birte Nikky, von Neidern und ähnlich düsteren Gestalten die Wehrle genannt, tupfte ihre Wangen trocken. Tante Ilse war ihre Lieblingstante. Gewesen. In fünfeinhalb Wochen wäre sie 78 Jahre alt geworden. Der 12. November war ein Sonntag. Nik hatte sich fest vorgenommen, sie in der Senioren-WG zu besuchen, in der Ilse seit wenigen Jahren lebte. Sie hätten einen gemeinsamen Ausflug machen können! Warum hatte sie ihren Besuch immer wieder verschoben? Nik hätte ihr noch so viel sagen wollen. Sie hätte der Tante Löcher in den Bauch fragen müssen. Über die 1960er- und 70er-Jahre, über Politik, über Männer. Über das Altern. Über … ach, Mensch.
Seufzend verließ sie den kleinen Wintergarten, durchquerte das Wohnzimmer, stapfte in die Küche und ließ einen dreifachen Espresso aus der Maschine. Sie stützte sich mit dem Ellbogen auf dem Küchentisch ab, während sie versonnen ihren Kaffee schlürfte. Wann hatte sie die Tante das letzte Mal gesehen? Es musste im September des vergangenen Jahres gewesen sein. Nik erinnerte sich an einen herrlichen Spätsommertag. Sie hatte Ilse mit einer Einladung zum Frühstück überraschen wollen, also war sie um 7 Uhr in Schönweil losgefahren. Kurz nach acht hatte sie ihre Tante in Bad Dürrheim abgeholt. Sie hatten auf der Terrasse eines hübschen Cafés im Kurviertel ein Frühstück eingenommen, aus dem ein Brunch geworden war. Ilse war ausgelassen gewesen, sie hatten gegessen, gequatscht, gelacht. Ilse hatte vorgeschlagen, den Nachmittag auf der Insel Mainau zu verbringen. Nik sah die Autofahrt nach Meersburg noch immer vor sich, sie hatte sogar die Musik im Ohr, die im Radio gespielt wurde – Don’t stop me now von Queen. Sie grölten mit, führten sich wie Teenager auf, bis sie mit dem Schiff auf die Mainau übersetzten und bald vor gigantischen Blumenfeldern standen, in denen sich Blüte an Blüte reihte. Staunend betrachteten sie die 11.000 Dahlien, die Herbst für Herbst die Blumeninsel übersäen. Dieser Duft! Nik konnte nicht genug davon bekommen. Ilse machte einen Schritt zurück, nahm Abstand von den Blüten, bestaunte deren Farben aus der Ferne und stieß Laute des Entzückens aus. Es war aber auch unglaublich schön! Manche Rabatten waren in Rosétönen gehalten, andere trugen Orange in allen Schattierungen, dritte erstrahlten in sonnigem Gelb. Bald debattierten sie den Unterschied zwischen Dahlien und Chrysanthemen, überlegten, zu welcher Gattung die gefüllten Pomponblüten gehörten, riefen sich die Namen zu, die sie auf den Schildern lasen: Nebelrose! Ordensstern! Bienchen. Der Nachmittag blieb unvergesslich. Warum hatte Nik den Besuch nicht wiederholt? Trauer überflutete sie und Tränen schossen in ihre Augen. Es war so vieles dazwischengekommen. Kurz nach dem Treffen war ihre Tochter nach Dresden gezogen, Nik hatte einen Sprinter gemietet und Monique geholfen, ihre erste kleine Wohnung einzurichten. Weihnachten hatte sie bei ihrer Mutter verbracht, Nik dachte nicht gerne daran, es hatte Streit gegeben. Im Frühjahr hatte sie sich eine Schleimbeutelentzündung zugezogen, unter der sie bis heute litt. Überdies war es Sommer geworden. Nun war Herbst. Nik hatte sich darauf gefreut, mit Ilse Geburtstag zu feiern. Wie oft in ihrem Leben war es auch diesmal: Scheißtiming.
Anke Zähringer
berief eine Versammlung ein. Um 9 Uhr im Treff, schrieb sie an die Bewohner der Senioren-WG. Die Gruppe hieß Little Smile, wie die WG. Fast alle hatten einen Zugang. Wer seine Nachrichten nicht regelmäßig abrief oder kein Smartphone hatte, erfuhr, was es zu erfahren galt, im Gemeinschaftsraum, den sie Treff nannten. Er lag am Ende des Flures und bestand aus einer hochwertigen Küchenzeile und einem geräumigen Wohn-Essbereich. Dieser war von der Küche durch eine Schiebetür aus massivem Holz getrennt, die meistens – so wie jetzt – offen stand.
Kurz vor 9 Uhr baute sich Frau Zähringer vor dem Esstisch auf. Sie war eine imposante Erscheinung, eine stolze Frau Anfang 50, die niemand übersehen und schon gar nicht überhören konnte.
Anke eröffnete das Gespräch mit ihrer tiefen, kräftigen Stimme. »Ilse«, sagte sie.
»Was ist mit Ilse?«, fragte Herbert Würfel. Der 82-Jährige drehte sich von der Küchenzeile weg, während ein Kaffee aus der Maschine tropfte. Obwohl er leicht gebückt dastand, war er größer als die übrigen Bewohner. Er reckte der Vermieterin seine spitze Nase entgegen, als wollte er sie damit stechen.
»Herbert, setz dich bitte zu den anderen.«
Herbert blieb stehen. Natürlich blieb er stehen. Herbert Würfel ließ sich nicht herumkommandieren. Schon gar nicht von einer Frau, die er bezahlte!
»Wo ist Ilse?«, fragte Lotte Laible und schaute sich suchend um. Zu ihrer Rechten schlürfte ihr Mann Egon seinen Milchkaffee, zu ihrer Linken klopfte Mitbewohnerin Helga Schuh ein Frühstücksei auf. Alle waren im Treff, nur Ilse Behring fehlte.
Anke sah Lotte lange an. Dann schickte sie ihre Blicke auf Wanderschaft. Sie musterte Helga, danach fixierte sie Egon, so freundlich sie es vermochte, was nicht sehr freundlich war. »Es tut mir leid, euch das mitteilen zu müssen«, fuhr sie fort. »Ilse ist heute Nacht von uns gegangen.«
Lotte riss die Augen auf, während Egon seinen Spazierstock auf den Boden hämmerte. Wollte er die Nachricht ans Untergeschoss weiterleiten? Dort hielt sich keiner auf. Auch in Zimmer Nummer drei sollte künftig niemand mehr sein?
»Was soll das heißen, von uns gegangen?« Herbert sah Anke ungläubig an. Um seine Mundwinkel zuckte es merklich.
»Es bedeutet genau das, was du darunter verstehst, Herbert. Ilse ist bedauerlicherweise gestorben.«
Helga Schuh sprang hoch. Sie ging auf Anke zu, ihr Zeigefinger wirbelte durch die Luft, ihr Leichtgewicht schien über dem Boden zu schweben wie eine Drohnenfliege. »Das kann nicht sein, sie war gestern noch quicklebendig!«
»So was kommt in eurem Alter schon mal vor, Helga, das weißt du so gut wie ich.« Beschwichtigend legte Anke einen Arm auf die Schulter der aufgebrachten Frau mit dem wachen Blick.
Helga brauchte eine Weile, bevor sie nickte und leise fragte: »Wann ist es passiert?«
»Gegen 2 Uhr wurde sie abtransportiert.«
Egon Laible mischte sich ein. Mit 86 Jahren war er der Älteste der WG. Ächzend erhob er sich und stützte sich auf seinen Spazierstock. »Woran ist sie gestorben?«, wollte er wissen.
»An einem Schlaganfall.«
»Ein Hirninfarkt?« Egon hob die Augenbrauen so weit an, dass sich seine Querfalten in tiefe Gruben verwandelten. Seine hohe Stimme überschlug sich fast. Hegte er etwa Zweifel an den Worten der Vermieterin?
»Egon«, entgegnete Anke sanft. »Niemand von uns ist davor gefeit. Statistisch gesehen ist ein Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache in unserem Land. Sogar Jüngere sind davon betroffen.«
Während der Ältere den Kopf schüttelte, kniff Herbert Würfel, der noch immer am Küchentresen lehnte, die Augen zusammen, bis winzige Schlitze übrig blieben. Er sagte keinen Ton. Auch Helga Schuh verstummte. Sie senkte ihren Blick. Dass sie still weinte, wen wunderte es.
Die Vermieterin fächelte sich mit der Hand Luft zu, bevor sie weitersprach: »Ich weiß, es ist schwer zu glauben. Aber der Arzt war da, die Leiche wurde wie gesagt bereits abgeholt.«
»Die Leiche?« Lotte Laible schien von allen Geistern verlassen. Die zierliche Frau mit den schlohweißen Haaren presste beide Hände auf ihre schmalen Wangen, was sie aussehen ließ wie die Figur in Edvard Munchs Der Schrei.
Mit den Worten »Ich informiere euch, wann die Beerdigung ist«, ging die Vermieterin zur Tür.
Die anderen blieben reglos sitzen, bis Helga sich an die Runde wandte: »Habt ihr was mitbekommen?«
Lotte schüttelte den Kopf, Egon hämmerte erneut mit seinem Spazierstock auf den Boden ein und Herbert fuchtelte mit der linken Hand herum, während seine rechte gegen die Kaffeetasse stieß. Die Flüssigkeit schwappte über und lief in die Untertasse. Na, wenn schon. »Welcher Arzt hat das diagnostiziert?«, wollte er wissen.
»Welcher wohl«, erwiderte Egon trocken.
»Dr. Huber?«
»Ich gehe davon aus.«
Die beiden Männer wechselten Blicke, dann erhoben sie sich und verließen den Treff. Helga Schuh huschte an ihnen vorbei in den Flur. Sie war leichenblass. Allein Lotte Laible blieb an ihrem Platz sitzen. Sie seufzte. Tief. Laut. Und sehr, sehr lange.
Ein Leichenschmaus
ist im Ländle eine wichtige Sache. Etwas Heiliges geradezu. Wird sonst äußerst sparsam mit Ressourcen umgegangen – insbesondere, wenn es sich um die eigenen handelt –, lässt man es bei einer Beerdigung krachen. Frischer Hefezopf, üppig mit Rosinen bestückt, dazu Kaffee aus großen Kannen, die ausnahmsweise nicht gezählt werden, gehören zur Grundausstattung eines schwäbischen Trauermahls. Sogar die Brezeln werden dick mit Butter bestrichen. Manchmal werden alkoholische Getränke serviert – meist, nachdem sich die Kondolenzbesucher, zu denen keine Verwandtschaft oder Freundschaft besteht und die überall sind, wo es was zu sehen, hören oder holen gibt, verabschiedet haben.
Auch die Beerdigung von Ilse Behring war eine feierliche Angelegenheit. Die Nachricht von ihrem Tod hatte sich wie ein Lauffeuer im Städtchen verbreitet. Die Leiche war von Bad Dürrheim nach Schönweil transportiert worden. Gudrun, Niks Mutter und Ilses Schwester, hatte es so gewollt. Manche Schönweiler, vor allem die älteren, rieben sich die Augen, denn diesem Leichenzug fehlte ein entscheidendes Detail: die Farbe Schwarz. Nicht einmal der Pfarrer war angemessen gekleidet. Wie konnte der Mann Gottes es wagen, einen blütenweißen Sarg, auf dem sich kunterbunte Blüten tummelten, in einem himmelblauen Anzug aus knittrigem Leinen zu begleiten! An einem Sonntag! Glaubte der junge Mann, er stünde dem Herrgott damit näher? Ganz zu schweigen von der Trauergemeinde. Die Frauen, die hinter dem Sarg her flanierten, trugen Himbeerrot. Taubenblau. Pfirsichgelb! Abrupt schloss sich das eine oder andere Fenster nach Sichtung des Zuges, der in einer ereignisarmen Herbstwoche ein Highlight hätte sein sollen.
Gegen 18.30 Uhr baute die Band ihre Instrumente auf. Die Stimmung, die inzwischen als fröhlich bezeichnet werden konnte, heizte sich weiter auf. Die Gäste rückten Tische und Stühle zur Seite und machten eine Tanzfläche frei. Kurz darauf bewegten sich drei Paare zur Musik. Nik saß am oberen Ende einer langen Tafel im Gemeindehaus und betrachtete die Trauergesellschaft. An Herbert Würfel blieb ihr Blick hängen. Die Tante hatte ihn mehrfach erwähnt. Der Mann, der einen marineblauen Anzug und eine knallrote Krawatte trug, war ein guter Freund gewesen. So wie die Frau im pfirsichfarbenen Kleid, Helga Schuh, Ilses beste Freundin gewesen war. Warum saß Herr Würfel nicht neben den anderen aus seiner WG? Er wirkte verloren bei den Damen des Gesangvereins Octavum e. V., die mit jeder Stunde lauter und lustiger wurden. Er bemühte sich nicht einmal, ein Wörtchen, geschweige denn einen Satz zu ihrer Konversation beizusteuern. Er tat Nik leid. Sie überlegte nicht lange. Lächelnd schlenderte sie ans andere Ende der Tafel und fragte: »Herr Würfel, darf ich bitten?«
Die Damenrunde verstummte, als der einzige Mann in ihrer Ecke erwiderte: »Wenn es sein muss.«
Die Band war nach einem elegischen Blues zu einem schnellen Boogie-Woogie übergegangen. Schnell stellte Nik fest, dass ihr Partner nicht tanzen konnte. Immer wieder verwechselte er ihre Füße mit dem frisch gewienerten Fußboden. Auch ihr Exmann war ein lausiger Tänzer gewesen, ein richtiger Trampel auf dem Parkett. Ihr Tanzpartner war allerdings in einem Alter, in dem man Menschen gewähren lässt. Sie versuchte, den Schmerz wegzulächeln, schließlich platzte es aus ihr heraus: »Herr Würfel, Sie stehen auf meinem Fuß.«
Erschrocken sah Herr Würfel nach unten. Schnell verlagerte er sein Gewicht und befreite Niks knöchelhohe Stiefelette. »Ich war immer ein guter Tänzer gewesen«, sagte er bedauernd.
Sie kehrten zu ihren Plätzen zurück, als die Kapelle eine Pause ankündigte. Kaum hatte sich Nik von den Fußtritten erholt, kam Anke Zähringer auf sie zu. Sie war mit den Bewohnern der Senioren-WG angereist und saß bei Helga Schuh und dem Ehepaar Laible.
Mit den Worten »auf Wunsch Ihrer Tante« überreichte Frau Zähringer, Ilses Vermieterin, Nik einen Briefumschlag. Dabei lächelte sie ihr aufmunternd zu. Kurz wunderte Nik sich über die feierliche Geste, dann öffnete sie vorsichtig das verschlossene Kuvert. Was wollte die Tante ihr mitteilen? Ein Erbe erwartete sie nicht, was sollte Ilse ihr schon hinterlassen? Ja, Ilse Behring war kinderlos gewesen, neben ihrer Mutter war Nik ihre einzige Verwandte. Aber solche formellen Dinge wie Erbangelegenheiten erledigten Notare. Mit zitternden Händen entnahm sie ein zweiseitiges Schreiben, das in einer geschwungenen Handschrift verfasst war.
Meine liebste Lieblingsnichte Nik, las sie. Und schluckte.
Ich weiß nicht, wann du diesen Brief in Händen halten wirst, ich weiß nur, dass ich dabei von oben auf dich herunterblicke. Vielleicht sitze ich genau in diesem Moment neben dir, liebe Nichte! Ich werde dich in hellen wie in dunklen Stunden aufsuchen, denn, sei dir dessen sicher, ich bin immer noch hier, irgendwo da draußen, auch wenn du mich nicht sehen kannst.
Eine Träne kullerte über ihre Wange, Nik stoppte sie nicht.
»Vorlesen!«, rief jemand und fuchtelte mit dem Arm in ihre Richtung. Es war Ihre Mutter, wer sonst. Gudrun. Ilses Schwester. Nik verdrehte die Augen. Ilse hatte ihr nähergestanden als die eigene Mutter. Oft hatte Nik bedauert, nicht die Tochter der Tante zu sein.
»Laut!«, bellte eine männliche Stimme. Ihr Vater war es nicht, denn der hatte sich aus dem Staub gemacht, als sie zwölf gewesen war. Von Niks Freunden war es auch niemand. Es musste einer von Ilses Bekannten sein.
Manche der Gäste waren Nik fremd, andere kannte sie vom Sehen. Ilse Behring war in Schönweil aufgewachsen. Einige ihrer Schulkameraden waren nie weggezogen. Dass Ilse hier und nicht an ihrem letzten Wohnort begraben wurde, war die Idee ihrer Schwester gewesen. Sie sollte ihre letzte Ruhe im Familiengrab finden. Gudrun hatte nicht nur die Leiche überführen lassen, sie hatte auch eine Todesanzeige aufgegeben, die im Schönweiler Tagblatt erschienen war.
Nik räusperte sich. Stand auf. Las vor: »Der Bulli soll dir gehören …« Sie verstummte. Überflog den Satz noch mal. Ihr Herz hüpfte. Der VW-Bus gehörte ihr? Dieses nostalgische Gefährt mit den bunten Stickern, das sie als Kind bewundert hatte! Wie oft hatte sie davon geträumt, mit der Tante damit zu verreisen. Jedes Mal, wenn Ilse von Ländern geschwärmt hatte, deren Namen Nik damals nicht aussprechen konnte, hatte sie sich in die Ferne geträumt. Die Orte hatten exotisch geklungen, wie im Märchen: Transnistrien, Nordmazedonien, Äquatorialguinea. Der Camper dürfte 200.000 Kilometer oder mehr auf dem Tacho haben.
»Die alte Zicke hat mich weit gebracht«, fuhr Nik fort, »bis Westasien und Zentralafrika bin ich gekommen. Wäre der Ozean nicht gewesen, hätte ich mich noch nach Woodstock durchgeschlagen. Die halbe Erdkugel habe ich gesehen. Nun sollst du die andere Hälfte mit dem Bulli erkunden.«
»Bravo!«, rief Birte. Die Ostfriesin saß in der vorderen Reihe, Nik schräg gegenüber. Während sie in die Hände klatschte, hob ihr Mann Felix den Daumen.
Nik konnte es nicht begreifen. Weder dass Tante Ilse tot war noch dass der nostalgische VW-Bus nun ihr gehören sollte. Dennoch bemühte sie sich, gefasst zu bleiben. Die Aufmerksamkeit war auf sie gerichtet, sie wollte nicht in Tränen ausbrechen. Sie sprach weiter: »Eine kleine Geldsumme liegt auf der Sparkasse. Ich weiß nicht, wie viel es ist, es dürften sich ein paar Zinsen hinzuaddiert haben. Für Benzin, Käse und Wein am Lagerfeuer sollte es eine Zeit lang reichen.«
Die Trauergemeinde applaudierte. Manche pfiffen durch die Finger.
»Nur einen Wunsch habe ich, liebe Nik. Bitte sorge dafür, dass die Götter gnädig auf mich schauen.« Nik ließ den Brief sinken und nestelte ein Taschentuch aus ihrer engen Hose. Sie tupfte sich nun doch ein paar Tränen von den Wangen und schnäuzte sich. Was denn für Götter? Was wollte Ilse damit sagen? Nik würde sich später darum kümmern. Nachdem alle gegangen waren.
