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Auf der Flucht vor den Gräueln des syrischen Bürgerkriegs wird die 15-jährige Aysha von ihrer Familie getrennt und kommt als Flüchtling nach Deutschland. Zwei Jahre später hat sie in einem niedersächsischen Dorf ein neues Zuhause und Freunde gefunden. Aber dann macht sie eine verstörende Entdeckung: Vor Jahrhunderten lebte in der alten Mühle, in der sie jetzt wohnt, ein fremdes Mädchen, dessen grausiges Schicksal verblüffende Parallelen zu ihrem eigenen Leben aufweist…
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Nacherzählung der Sage ‚Die Räuberbraut‘ folgt inhaltlich der Version, die man in der Sammlung ‚Deutsche Volksmärchen seit Grimm‘ (Fischer Taschenbuch Verlag, 1971) findet.
Die ‚Mordmühle‘ der Sage ist nicht etwa die große Wassermühle in Heinde, sondern die kleine Mühle an der Lamme, die man am Ortsausgang von Klein Düngen passiert, wenn man Richtung Wesseln fährt.
Sarina Hayat
Halbmond über Heinde
© 2021 Sarina Hayat
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-26190-7
Hardcover
978-3-347-26191-4
e-Book
978-3-347-26192-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dies ist eine Geschichte ohne Anfang und ohne Ende. Seit Jahrhunderten—manche sagen seit Jahrtausenden—haben Menschen in der Handelsmetropole Aleppo gelebt, sind durch die Suks geschlendert, haben Tee in einem der unzähligen Cafés getrunken, haben Handel getrieben, sich verliebt, Familien gegründet, gemeinsam gefeiert, sind friedlich im eigenen Bett gestorben. Von alledem ist inzwischen nichts geblieben, wie es war; anstelle der einst blühenden Stadt ist eine Trümmerwüste entstanden, in der Menschen mit bloßen Händen zwischen Gesteinsbrocken nach den Überbleibseln eines untergegangenen Lebens scharren. Nachts heulen die Sirenen, wenn es überhaupt noch Strom gibt, und dann dröhnt der Boden unter der Wucht der Bombeneinschläge.
Als ihr Vater das Haus betritt, sitzt sie noch beim Frühstück und versucht nicht einzuschlafen. Schon wieder hat sie nicht mehr als zwei Stunden Schlaf bekommen. Ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Hasim geht es nicht besser; den dunklen Ringen unter den Augen der Mutter sieht sie es an, dass auch sie keinen Schlaf gefunden hat.
„Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen“, sagt ihr Vater. „Es hat diesmal die Schule erwischt.“ Er muss gar nicht erst sagen, welche Schule gemeint ist. Es gibt nur noch die eine, in der ihre Mutter als Lehrerin arbeitet und die bis heute allen Kindern und Jugendlichen des Stadtteils als Lernstätte gedient hat.
„Warum will Assad nicht, dass wir in die Schule gehen?“, ruft sie aufgebracht. „Will er, dass alle Syrer dumm und ungebildet sind?“
„Er will, dass wir von hier weggehen.“ Ihre Mutter antwortet gelassen, als ob sie etwas sagte, was jeder schon lange weiß. „Hier leben Menschen, die ihn nicht mögen, die seine Diktatur nie akzeptieren werden. Das weiß er. Deswegen will er die Stadt restlos zerstören, damit alle seine Feinde Syrien verlassen. Dann gibt es hier endlich Ruhe.“
„Ja, wie auf dem Friedhof. Aber den Gefallen tun wir ihm nicht.“ Wenn ihr Vater sich ereifert, funkeln seine Augen wie zwei dunkle Sterne, und er sieht aus wie der Held aus einem alten Märchen. „Wir lassen uns nicht aus unserem eigenen Land vertreiben—auch nicht von Assad und seinen russischen Freunden.“
Sie ist stolz auf ihren Vater. Er ist Arzt und hat bis zuletzt in einem der wenigen verbleibenden Krankenhäuser der Stadt gearbeitet. Seitdem dieses auch noch den Bomben Assads zum Opfer gefallen ist, zieht er mit den Weißhelmen durch die Trümmer von Aleppo und versucht, mit dem wenigen, was ihnen geblieben oder von ausländischen Organisationen gespendet worden ist, den Kranken und Verletzten zu helfen.
„Und wenn es hier kein Wasser mehr gibt? Und keine Lebensmittel?“ Ihre Mutter schaut ihren Mann aus müden Augen an. „Wovon sollen wir dann leben? Seit drei Tagen erreiche ich meine Schwester nicht mehr. Entweder sie sind geflohen, oder…“ Sie mag den Satz nicht zu Ende sprechen.
„Wahrscheinlich haben sie dort keinen Strom mehr und können ihre Handys nicht aufladen.“ Ihr fällt es in dem Moment glühend heiß ein, dass sie vergessen hat, ihr eigenes Handy an das Ladegerät anzuschließen. Man kann nie sicher sein, dass es Strom gibt. Sie entschuldigt sich und geht auf ihr Zimmer.
Dort versucht sie, ihre Lieblingskusine Latifa anzurufen. Schon wieder keine Antwort. Vielleicht ist es wirklich so, dass sie in ihrem Stadtteil keinen Strom haben. Oder sie sind längst in den Norden geflohen, über die türkische Grenze, und dann weiter…. Sie steckt das Netzkabel in ihr Handy und legt es auf die Kommode. Wenn sie in die Ferne fliehen müssen, will sie wenigstens einen vollen Akku haben.
Zwei Tage später werden sie nachts vom Geräusch eines Motors geweckt. Vor ihrem Haus hält ein Militärfahrzeug. Unten hört sie gedämpfte Männerstimmen. Sie zieht sich hastig an und schleicht die Treppe hinunter. Als sie die Küche erreicht, ist ihr Vater schon weg. Ihre Mutter sitzt am Tisch und schaut traurig vor sich hin.
„Was ist mit Papa?“, fragt sie. „Haben Assads Leute ihn geholt?“
Ihre Mutter schüttelt den Kopf. „Das waren Soldaten von der FSA—der Freien Syrischen Armee. Ihr Kommandant ist bei einem Angriff schwer verletzt worden und braucht dringend einen Arzt. Papa ist freiwillig mitgegangen. Er würde keinem seine Hilfe verweigern—nicht einmal Assad.“ Sie lächelt müde und nimmt die Hand ihrer Tochter in ihre eigene. „Mache dir keine Sorgen. Er wird bestimmt bald wieder hier sein.“
Als der darauf folgende Tag vergeht, ohne dass ihr Vater zurückkehrt, sagen sie sich: „Wahrscheinlich geht es dem Kommandanten noch nicht gut genug. Oder die Straßen sind zu unsicher.“ Aber dann vergeht wieder ein Tag, und danach noch einer, ohne dass sie auch nur eine Nachricht von ihrem Vater erhalten. Sie sieht es ihrer Mutter an, dass ihr langsam die Zuversicht schwindet, dass alles in Ordnung ist.
In der Nacht darauf gibt es wieder einen schlimmen Bombenangriff, und danach gibt es auch für sie keinen Strom mehr. Am Vormittag kommt der Bruder ihrer Mutter, ihr Onkel Hasan, vorbei und redet aufgeregt auf seine Schwester ein. Sie lauscht oben an der Treppe. Onkel Hasan versucht offenbar, ihre Familie zur Flucht zu bewegen.
„Er ist ein guter Freund von mir. Er hat mir schon fünf Plätze im Lastwagen zugesichert. So günstig kommt ihr nie wieder dazu.“
„Ich weiß nicht, Hasan—solange Ahmad nicht zurück ist…“
„Solange könnt ihr nicht warten. Es gibt schon jetzt keinen Strom mehr. Wie willst du hier leben, wenn auch noch das Wasser ausfällt? Ich kenne Ahmad, er würde dir unbedingt zur Flucht raten, solange es noch möglich ist.“ Als seine Schwester weiterhin schweigt, sagte er: „Geht es ums Geld? Mach dir deswegen keine Gedanken, ich habe Khalil schon den Gesamtpreis zugesagt. Wenn du noch Bargeld im Hause hast, nimm es bloß für euch selber mit…ihr werdet es brauchen. Packt nur das Nötigste zusammen, nicht mehr, als ihr tragen könnt. Ich hole euch gegen elf hier ab und führe euch zum Sammelplatz.“
Ihr schnürt sich die Kehle zu bei dem Gedanken, dass sie in der kommenden Nacht Aleppo verlassen soll, ohne ihren Vater. Wo wollen sie denn hin? Und was wird ihr Vater denken, wenn er nach Aleppo zurückkehrt und das Haus leer vorfindet? Oder zerstört?
Als Onkel Hasan weg ist, ruft ihre Mutter die beiden Kinder zu sich in die Küche und erzählt ihnen von dem Fluchtplan. Dem kleinen Hasim sieht sie, die große Schwester, an, dass er von allem nichts begreift. Sie schon.
„Und Papa? Wie soll er erfahren, wo wir sind?“
„Es gibt ja auch noch Handys. Wir werden nicht aus der Welt sein. Hasan sagt, dass der Fahrer versuchen will, vor Sonnenaufgang die türkische Grenze zu erreichen. Dort gibt es mehrere Flüchtlingslager. Wir werden da warten, bis Papa nachkommt.“
Dann geht sie mit den beiden Kindern nach oben, holt zwei Taschen aus einem Schrank und gibt ihrer Tochter die kleinere von den beiden.
„Die Sachen für Hasim tu ich in meine Tasche. Diese Tasche hier ist für dich. Aber nimm nur mit, was du wirklich brauchst. Vor allem warme Kleidung, denn wir werden wahrscheinlich hauptsächlich nachts unterwegs sein.“
Sie geht auf ihr Zimmer und holt alles, was sie besitzt, aus ihrem Kleiderschrank und wirft es auf das Bett. Wehmütig betrachtet sie das bunte Sommerkleid, ihr erstes, auf das sie so stolz ist. Nein, sagt sie sich, jetzt bist du ganz vernünftig: Pullover, Jeans, warme Socken und jede Menge Unterwäsche. Nächster Waschsalon 500 km. Als alles verstaut ist, fällt ihr ein, dass sie an Körperpflege und Schuhe noch gar nicht gedacht hat. Also alles wieder raus, das eine oder andere aussortiert, dann wieder rein. Als sie fertig ist, nimmt sie ihre Tasche prüfend in die Hand. Sie hofft sehr, dass sie damit nicht meilenweit durchs Gelände laufen muss.
Als sie abends zusammen in der Küche sitzen und ihre letzte Mahlzeit in der Heimat einnehmen, muss sie mit den Tränen kämpfen. Hasim guckt sie verwundert an. Er scheint sich zu freuen, wahrscheinlich weil seine Mama ihm erzählt hat, dass sie in einem Lastwagen fahren werden. Nach dem Essen wäscht sie das Geschirr ab und stellt es zurück ins Regal, wie sie es gewohnt ist, auch wenn es ihr vollkommen sinnlos vorkommt: ebenso gut könnte sie jetzt alles auf den Boden schmeißen. Dann wird es draußen dunkel, und das quälende Warten beginnt.
Irgendwann klopft es an der Tür. Onkel Hasan schaut nur kurz herein, um sie zur Eile zu ermahnen. Sie schnappen sich ihre Taschen und laufen hinaus in die Dunkelheit. Ohne Straßenbeleuchtung kommt ihr die Stadt fremd vor, obwohl sie in dieser Straße ihr ganzes Leben verbracht hat. Der Himmel ist bedeckt und leuchtet in einem trüben Rot wie von fernen Bränden. Onkel Hasan geht voran; ihr fällt auf, dass er an jeder Ecke stehen bleibt und in alle Richtungen schaut, bevor er einen Schritt tut.
Dann biegen sie um die Ecke eines größeren Gebäudes und stehen vor einem Innenhof, der von der dunkeln Masse eines abgestellten Lastwagens beherrscht wird. Eine unübersehbare Menschenmenge wartet schweigend daneben. Da erst versteht sie: sie werden nicht als Passagiere, sondern als Fracht mitfahren, alle hinten im Laderaum zusammengepfercht. Das kann noch heiter werden, denkt sie.
Irgendwie gelingt es Onkel Hasan, in der Dunkelheit seine Frau Fatma und ihr Gepäck zu finden. Kaum sind sie vereint, tritt ein junger Mann in den Hof und öffnet die Ladeklappe. Sofort springen die ersten an Bord und suchen sich einen Platz. Bis alle eingestiegen sind, ist der ganze Boden bis auf den letzten Platz bedeckt. Dann schlägt der Fahrer die Klappe zu. Sofort umfängt sie eine Dunkelheit, gegen die die nächtliche Stadt hell erscheint. Sie fragt sich bange, ob sie jemals wieder das Tageslicht sehen wird. Dann hört sie wie von weitem, wie die Fahrertür dumpf zuschlägt, der Motor beginnt zu grummeln, und der Lastwagen setzt sich in Bewegung.
Erst geht es nur langsam voran, und der Laster wechselt häufig die Fahrtrichtung. Dann hört man am Dieselgeräusch, dass sie schneller fahren, und es geht nur noch in eine Richtung. Nach Norden, zur türkischen Grenze, denkt sie. Die Nacht ist kühl, aber im Laderaum merkt man nichts davon. Die Luft wird schnell stickig und riecht nach Tabak und abgestandenem Essen. Irgendwo weint ein Säugling; die Mutter versucht vergeblich, das Kind zu beruhigen.
Plötzlich fragt Hasim: „Mama, sind wir bald da? Ich muss mal.“
Sie spürt im Dunkeln, wie ihre Mutter nervös wird. „Wir machen bestimmt bald Pause, mein Kleines. Dann kannst du an den Straßenrand gehen und pinkeln. So lange musst du dich noch beherrschen.“
Wie lange sind sie schon unterwegs? In der Finsternis hat sie jedes Gefühl für die Zeit verloren. Sie könnte ihr Handy aus ihrer Tasche holen, aber sie hat keine Ahnung, wo genau ihre Tasche liegt. Seltsamerweise redet niemand, obwohl keiner sehen kann, wer da spricht. Vielleicht ist es die ungewohnte Situation, vielleicht eher die Angst, die ihnen die Zunge lähmt.
Auf einmal bremst der Lastwagen abrupt, und alle fliegen ein Stück nach vorne. Nachdem sie sich wieder sortiert haben, wird der Motor abgestellt. Von draußen hört man schwach Stimmen—Männerstimmen. Dann fällt ein Schuss. Sie merkt, dass es unter ihr warm und nass wird. Hasim hat in die Hose gemacht. Plötzlich gehen die Türen des Laderaums auf, und sie werden vom grellen Schein einer Taschenlampe geblendet. Einen Augenblick schwenkt das Licht hin und her, dann fliegen die Türen wieder zu. Gleich darauf startet der Motor, und der Lastwagen setzt seine Fahrt fort.
