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Eine plötzliche Flut von Giftbriefen versetzt das schottische Dorf Lochdubh in Aufregung. Die Dinge nehmen eine tödliche Wendung, als die örtliche Postbotin erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden wird - mit einer bösartigen Notiz unter ihren baumelnden Füßen. Dorfpolizist Hamish Macbeth geht von Mord aus, im Unterschied zu seinen Vorgesetzten, die den Vorfall als Freitod zu den Akten legen wollen. Auf der zunehmend brisanten Jagd nach einem skrupellosen Täter muss Hamish sich auch noch eines Hinterhalts von Lokalreporterin Elspeth Grant erwehren, die es auf eine Sensationsstory - und auf Hamish - abgesehen hat ...
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Über das Buch
Titel
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Über die Autorin
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Eine plötzliche Flut von Giftbriefen versetzt das schottische Dorf Lochdubh in Aufregung. Die Dinge nehmen eine tödliche Wendung, als die örtliche Postbotin erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden wird – mit einer bösartigen Notiz unter ihren baumelnden Füßen. Dorfpolizist Hamish Macbeth geht von Mord aus, im Unterschied zu seinen Vorgesetzten, die den Vorfall als Freitod zu den Akten legen wollen. Auf der zunehmend brisanten Jagd nach einem skrupellosen Täter muss Hamish sich auch noch eines Hinterhalts von Lokalreporterin Elspeth Grant erwehren, die es auf eine Sensationsstory – und auf Hamish – abgesehen hat …
M.C. BEATON
Hamish Macbeth
lüftet ein Briefgeheimnis
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Für meinen Ehemann, Harry Scott Gibbons,und meinen Sohn, Charles David Bravos Gibbons,in Liebe
Ich bin keine eifersüchtige Frau, dennoch sehe ich nicht, was er in ihr sieht, sehe nicht, was er in ihr sieht, kann nicht sehen, was er in ihr sieht!
SIR ALAN PATRICK HERBERT
Jenny Ogilvie lehnte mit angezogenen Beinen auf einem Sofa in der Londoner Wohnung ihrer Freundin Priscilla Halburton-Smythe. Sie hatten fast den ganzen Abend geredet. Jenny war insgeheim neidisch auf Priscillas kühles blondes Äußeres. Obwohl sie selbst mit ihren schwarzen Locken und den rosigen Wangen eine attraktive junge Frau war, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als so stilvoll und allzeit beherrscht zu wirken wie ihre Freundin.
Und um Priscilla ein wenig aus ihrer Gefasstheit zu locken, sagte sie: »Du hast schrecklich viel über diesen Dorfpolizisten geredet, Hamish Macbeth. Ich meine, deinen Verlobten hast du kaum erwähnt. Weißt du, was ich glaube? Du bist immer noch in diesen Polizisten verliebt.«
Priscilla wurde ein klein wenig rot. »Ich bin mal mit ihm verlobt gewesen, und wir haben eine Menge Abenteuer zusammen erlebt. Aber mehr ist da nicht. Was ist mit deinem Liebesleben? Du hast mich die ganze Zeit sprechen lassen.«
»Ach, du kennst mich doch«, antwortete Jenny. »Ich schaue mich gern um und bin noch nicht bereit, mich festzulegen.«
»Was ist denn aus Giles geworden? Ihn schienst du furchtbar gern zu haben.«
»Der hat mich nach einer Weile gelangweilt«, erwiderte Jenny. Es war eine Lüge, doch sie hatte nicht vor, Priscilla zu erzählen, dass Giles in dem Moment mit ihr Schluss gemacht hatte, in dem sie ihn auf eine Heirat angesprochen hatte.
»Du findest den Richtigen, keine Sorge«, sagte Priscilla mit der ruhigen Sicherheit eines Menschen, der im Begriff war zu heiraten.
Jenny kehrte eifersüchtig und verärgert in ihre Wohnung zurück. Es ist ein Jammer, dachte sie, dass Priscillas Polizist in einem abgelegenen Highland-Dorf lebt, sonst würde ich es selbst mal bei Hamish Macbeth versuchen. Er muss ein sagenhafter Mann sein, wenn er Priscilla derart im Kopf herumspukt.
Jenny ging zu ihrem Bücherregal und nahm einen Atlas von den britischen Inseln heraus. Also, was hatte Priscilla noch gleich gesagt, wie das Dorf hieß? Lochdoo oder so. Jenny ging das Register durch. Es gab ein Lochdubh. Das musste es sein. Vielleicht wie »Skeandhu«, dieser Dolch, den Highlander in voller Kostümierung trugen. Sie schlug es im Wörterbuch nach. Das sprach sich Skeandoo aus und wurde auch »skeandubh« geschrieben. Also musste es Lochdubh sein.
Jenny wusste, dass Priscillas Eltern dort das Tommel Castle Hotel gehörte. Um sicher zu sein, erfragte sie die Telefonnummer des Hotels bei der Auskunft und erkundigte sich dort nach der genauen Lage von Lochdubh. Richtig! Sie legte auf.
Sie packte den Atlas zur Seite und hockte sich im Schneidersitz auf den Boden. Ihr stand noch Urlaub zu. Was, wenn sie – nur mal angenommen – in dieses Dorf reiste und sich an den Polizisten heranmachte? Wie würde Priscilla das gefallen?
Kein bisschen, dachte sie grinsend. Sie würde gleich am nächsten Tag Urlaub einreichen.
Das Zielobjekt von Jennys Plan schlenderte am nächsten Morgen mit seinem Hund Lugs am Hafen von Lochdubh entlang. PC Hamish Macbeth war mit einem abscheulichen Fall befasst. Im nahen Ort Braikie gingen seit einer Weile üble anonyme Briefe ein. Zuerst hatten die Leute sie ignoriert, weil die Anschuldigungen in manchen von ihnen so absurd, hanebüchen und falsch waren, dass sie die gar nicht ernst nahmen. Doch als die Briefe mehr wurden, änderte sich die Stimmung.
Mrs. Dunne, die eine Frühstückspension am Wasser namens Sea View betrieb, winkte ihn heran. Sie war eine hibbelige, kleine Frau, die permanent nervös und müde wirkte.
»Guten Morgen«, sagte Mrs. Dunne. »Schreckliche Sache, das mit diesen gemeinen Briefen.«
»Sie haben doch keinen bekommen, oder?«, fragte Hamish.
»Nein, aber ich habe eben gehört, dass Ihre Majestät, Mrs. Wellington, heute Morgen einen hatte.«
»Dann gehe ich lieber mal zu ihr. Läuft das Geschäft gut?«
»Ist kein schlechter Sommer gewesen, aber jetzt, im Herbst, bucht niemand mehr. Ich habe ein paar Waldarbeiter als Stammgäste. Allerdings kommt ein Mädchen aus London für ein paar Wochen, eine Miss Ogilvie. Sie hat heute Morgen angerufen.«
Hamish tippte sich an die Mütze und ging in Richtung Pfarrhaus, denn Mrs. Wellington, groß, stets in Tweed gekleidet und überaus ehrbar, war die Pfarrersfrau.
Mrs. Wellington zupfte gerade Unkraut in ihrem Garten. Sie richtete sich auf, als sie Hamish sah.
»Ich habe gehört, dass Sie einen dieser Briefe, wie sie in Braikie herumgehen, bekommen haben.« Hamish fixierte sie mit bohrendem Blick, um davon abzulenken, dass sein Hund gerade gegen eine ihrer preisgekrönten Rosen urinierte. »Warum haben Sie nicht auf der Wache angerufen?«
Sie wirkte verlegen. »Das war bloß gehässiger Unsinn. Ich habe das Geschmiere ins Feuer geworfen.«
»Ich könnte alle Beweise gebrauchen, die ich kriegen kann«, sagte Hamish ernst. »Jetzt müssen Sie mir erzählen, was in dem Brief stand. Und überhaupt habe ich noch nie erlebt, dass Sie vor Ende Oktober Feuer machen.«
Mrs. Wellington kapitulierte. »Ach, na schön, Moment, ich hole ihn. Halten Sie diesen Hund von meinen Blumen fern!«
Hamish wartete und fragte sich, was so schlimm sein könnte, dass die grundanständige Pfarrersfrau ihn zunächst belogen hatte.
Mrs. Wellington kehrte zurück und reichte ihm einen Brief. Auf dem Umschlag standen ihr Name und ihre Adresse in einer Handschrift, die Hamish mittlerweile von den anderen Briefen in der Akte auf seiner Wache vertraut war. Er öffnete das Kuvert, zog einen Bogen billiges Briefpapier heraus und begann zu lesen. Dann prustete er vor Lachen, denn der anonyme Schreiberling beschuldigte Mrs. Wellington einer Affäre mit dem Polizisten von Lochdubh – Hamish Macbeth.
Als er sich wieder erholte, wischte er sich die Augen und sagte: »Das ist so dämlich! Warum wollten Sie mir den nicht zeigen?«
»Ich kenne doch Ihren Ruf als Weiberheld, Hamish Macbeth, da wollte ich nicht, dass Sie dieser Brief auf komische Ideen bringt!«
Hamishs Belustigung war schlagartig verflogen, und seine haselnussbraunen Augen blitzten ärgerlich. »Ich bin in den Dreißigern, und Sie sind – was? – in den Fünfzigern? Meinen Sie nicht, dass Sie an ein wenig Eitelkeit leiden?«
Sie wurde feuerrot. »Es gibt auch Beziehungen mit großen Altersunterschieden, dass Sie es nur wissen. Ich habe darüber in der Cosmopolitan gelesen – beim Zahnarzt. Und als ich vorletzte Woche mit meinem Mann im Kino war, hat mir ein junger Mann auf der anderen Seite die Hand aufs Knie gelegt!«
»Du lieber Himmel!«, murmelte Hamish. »Und was war, als das Licht wieder anging?«
»Bis dahin war er gegangen«, antwortete Mrs. Wellington steif, weil sie diesem hämischen Polizisten nicht erzählen wollte, dass der junge Mann sich während einer sehr hellen Szene vorgeneigt, sie angesehen und die Flucht ergriffen hatte.
»Und ich bin kein Weiberheld«, erklärte Hamish bestimmt.
»Ach nein? Sie hatten Ihre Verlobung mit der armen Priscilla gelöst, und seitdem sind Sie kaum zu halten.«
»Ich nehme diesen Brief mit«, sagte Hamish, der diese Unterhaltung leid war. »Aber seien Sie beruhigt, ich habe keine Absichten, was Sie angeht, weder jetzt noch irgendwann in Zukunft!«
Auf der Wache legte er den Brief bei den anderen in der Akte ab. Es klopfte an der Küchentür. Er ging hin und sah sich Elspeth Grant, der Lokalreporterin und Astrologin der Highland Times, gegenüber. Sie trug die übliche Kombination aus Wohlfahrtsladenkleidung: alter, ausgeleierter Pullover, langer indischer Baumwollrock und klobige Stiefel.
»Was führt dich zu mir?«, fragte Hamish. »Ich habe dich länger nicht gesehen.« Vor einiger Zeit waren sie zum vertrauten Du übergegangen.
»Ich musste den neuen Reporter einarbeiten.«
»Pat Mallone«, sagte Hamish. »Der attraktive Ire.«
»Ja, genau der. Und, ja, er ist attraktiv. Willst du mich nicht reinbitten?«
»Doch, klar.« Er trat zur Seite. Elspeth setzte sich an den Küchentisch. Es war ein diesiger Tag, und die Feuchtigkeit hing in winzigen Tropfen in ihrem krausen Haar. Sie musterte ihn neugierig mit ihren großen silbergrauen Augen, und Hamish empfand einen Anflug von Bedauern. Elspeth hatte ihm einmal bedeutet, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, doch er hatte sie abgewiesen. Und als er sich eines anderen besonnen hatte, war sie nicht mehr interessiert gewesen.
»Also«, begann Elspeth, »wie ich höre, hat Mrs. Wellington einen dieser Briefe bekommen.«
»Woher weißt du das denn?«
»Sie hat es Nessie Currie erzählt, und die hat es allen in Patels Laden weitererzählt. Was stand da denn bloß drin?«
»Kümmere dich um deinen eigenen Kram.«
»Na gut, Constable. Was unternimmst du wegen der Briefe? Die sind seltsam und voller wilder Anschuldigungen, aber eines Tages wird einer ins Schwarze treffen, und es wird Tote geben. Hast du einen Handschriftenexperten angefordert?«
»Oh, ich habe natürlich in der Zentrale nachgefragt, aber es ist immer dasselbe. Handschriftenexperten kosten Geld, das Budget ist knapp. Es ist bloß ein Sturm im Wasserglas und hört bald wieder auf, sagen sie dort.« Hamishs Highland-Akzent wurde immer ausgeprägter, wenn er aufgeregt oder wütend war. »Deshalb kann ich nur rumsitzen und gehässige Briefe sammeln.«
»Es gibt etwas, was du tun könntest, und ich verrate es dir, wenn du mir einen Tee machst.«
Hamish stellte den Kessel auf den Herd und holte zwei Becher aus dem Küchenschrank. »Und was ist deine Idee?«
»Es ist doch so: Irgendwer weiß immer etwas. Du könntest eine Notfallversammlung im Gemeindesaal von Braikie einberufen und die Leute bitten, dir zu helfen. Ich könnte in der Redaktion Flugblätter ausdrucken, und wir könnten sie in Läden und an Laternenmasten aufhängen. Irgendjemand weiß etwas, da bin ich mir sicher. Na los, Hamish. Ich spüre in den Knochen, dass der Tod kommt, und das schnell.«
Hamish wurde unbehaglich. Er hatte Elspeths hellseherische Kräfte schon erlebt und erfahren, dass sie bisweilen unheimlich waren. »In Ordnung«, antwortete er. »Ich mache es. Mal sehen. Heute ist Montag, also bitten wir alle am Samstagabend zur Versammlung.«
»Nein, lieber mittags. Sagen wir, um eins. Am Samstagabend findet ein großes Bingo statt.«
»Okay. Ich überlasse es dir.« Hamish goss den Tee auf. »Was für ein Mensch könnte deiner Meinung nach hinter den Briefen stecken?«
»Jemand, der allein lebt, keine Familie hat. Vielleicht eine Person, die in Rente ist und einst Macht über andere hatte. Wahrscheinlich eine Frau.«
»Es gibt furchtbar viele Witwen und alte Jungfern in Braikie.«
»Egal. Hoffen wir, dass die Versammlung etwas an die Oberfläche spült.«
Nachdem Elspeth gegangen war, bemerkte Hamish, dass sie ihm eine Ausgabe der Highland Times dagelassen hatte. Neugierig blätterte er zu dem Horoskop, das Elspeth regelmäßig schrieb, und sah unter »Waage« nach. Er las:
Romantik ist auf den Weg zu Ihnen, aber es ist eine, die Sie nicht wollen. Am Mittwochmorgen werden Sie Kopfschmerzen haben. Sie arbeiten nicht genug. Sie sind von Ihrer Veranlagung her faul, aber bedenken Sie, dass Fehler, die aus Faulheit resultieren, den Tod nach sich ziehen können.
Hamish kratzte sich am feuerrot behaarten Kopf. Was in aller Welt meinte die Frau?
Am Samstagmorgen blickte Jenny Ogilvie aus dem Busfenster, als sie gen Norden fuhr, und hatte das Gefühl, die Zivilisation hinter sich zu lassen. Sie war bis Inverness geflogen und dort in den Lochinver-Bus gestiegen. Allerdings sagte man ihr, der Bus von Lochinver nach Lochdubh wäre schon weg, bis sie dort ankämen; für das letzte Stück müsse sie ein Taxi nehmen. Zu beiden Seiten erstreckten sich Moor und Berge. Schäumende Wasserfälle rauschten von karstigen Felshängen. Rotwild stand oben auf den Hügeln, als posierte es für den Maler Landseer, während der Bus die gewundenen Straßen entlangfuhr und hin und wieder scharf bremste, wenn ein lebensmüdes Schaf auf der Fahrbahn auftauchte.
Jenny hatte entschieden, sich ein Zimmer in einer Pension in Lochdubh zu mieten, statt im Tommel Castle Hotel zu wohnen. Sie wollte vermeiden, dass Priscilla von ihren Eltern von ihrer Anwesenheit erfuhr. Schließlich fuhr der Bus bergab nach Lochinver hinein und hielt am Hafen. Es war ein schöner Tag, und Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser.
Jenny stieg mit steifen Gliedern aus dem Omnibus und holte ihr Gepäck. Dann nahm sie ihr Mobiltelefon hervor und rief die Nummer eines Taxidienstes in Lochdubh an, die sie telefonisch bei der Sutherland-Touristeninformation erfragt hatte. Es war besser, sich von jemandem aus Lochdubh abholen zu lassen, als ein Taxi von Lochinver aus zu nehmen.
Eine angenehme Highland-Stimme am anderen Ende teilte ihr mit, dass man in einer Dreiviertelstunde bei ihr sei. Sie solle in dem Café am Hafen warten.
Jenny ging ins Café, bestellte sich einen Kaffee und zwang sich, nicht zu den verlockenden, selbst gebackenen Kuchen in der Vitrine zu schauen. Für Priscilla mochte es gut und schön sein. Sie konnte essen, was sie wollte, ohne je ein Gramm zuzunehmen. Jenny hingegen fühlte schon, dass ihr Bund enger wurde, wenn sie nur Süßes ansah.
Sie war der einzige Gast, und auf dem Tisch vor ihr stand ein großer gläserner Aschenbecher. Jenny versuchte, weniger zu rauchen, doch sie hatte den ganzen Tag noch keine Zigarette gehabt. Sie steckte sich eine an, worauf ihr schwindlig wurde. Aber nach zwei weiteren Zügen fühlte sie sich besser. Die Sonne ging bereits unter, sodass sich das Wasser draußen schwärzte, als ein Mann zur Tür des Cafés hereinschaute. »Miss Ogilvie?«
Jenny stand auf und zeigte zu ihrem Gepäck.
»Das Taxi ist draußen«, sagte er. »Ich würde Ihnen ja mit den Koffern helfen, aber ich habe einen schlimmen Rücken.«
Jenny schleppte ihre beiden großen Reisekoffer nach draußen und blickte unglücklich auf das »Taxi«. Es handelte sich um einen Minibus, der vorn leuchtend rot lackiert war, aber da dem Besitzer, Iain Chisholm, die Farbe ausgegangen war, hatte er den Rest schwefelgelb lackiert. Drinnen waren die Sitze mit grellbuntem Chintz bezogen, mitsamt Volants unten.
Jenny hievte ihr Gepäck durch die Seitentür in den Kleinbus und beschloss, sich nach vorn zu Iain zu setzen, denn vielleicht könnte sie ihm einige Informationen entlocken.
Der Motor sprang stotternd und hustend an, und der Minibus machte sich auf den Weg aus Lochinver hinaus und die Sutherland-Küste hinauf nach Lochdubh.
»Ich komme aus London«, sagte Jenny.
»Ach was?« Iain fuhr um eine Haarnadelkurve, und Jenny blickte nervös über den Klippenrand nach unten, wo der Atlantik gegen die rissigen Felsen krachte.
»Wie ist es in Lochdubh?«, fragte sie.
»Oh, es ist ein tolles Dorf. Nett und ruhig.«
»Keine Verbrechen?«
»Nicht viele. Aber jetzt gerade ist da schon was Gruseliges. Irgendein anonymer Briefeschreiber treibt in der Gegend sein Unwesen.«
»Wie unheimlich. Haben Sie einen Polizisten im Ort?«
»Ja, Hamish Macbeth.«
»Wie ist der so?«
»Ein guter Mann. Hat schon eine Menge Verbrechen aufgeklärt.«
»Und warum sitzt so ein kluger Polizist hier oben fest?«
»Er mag es bei uns, genau wie ich«, antwortete Iain merklich verärgert.
Jenny wollte dringend fragen, wie Hamish aussah, wagte jedoch nicht, noch neugieriger zu sein. Sicher musste jemand, der Priscilla derart beschäftigen konnte, über ein blendendes Aussehen verfügen. Wahrscheinlich war er groß und dunkelhaarig mit einem markanten, wettergegerbten Highlander-Gesicht und sehr grünen Augen. Wenn er nicht in Uniform war, trug er gewiss Kilt und spielte Dudelsack. Jenny klammerte sich an den Seitengriff der Tür des alten Minibusses, als er auf Lochdubh zurumpelte, ganz versunken in rosige Träume.
Früher an dem Tag hatte Hamish sich im Gemeindesaal von Braikie an die Bewohner gewandt. »Manche von Ihnen müssen etwas wissen – oder eine Ahnung haben, wer diese gemeinen Briefe verschickt«, sagte er. Ihm fiel auf, dass sich alle im Saal wütend umschauten. »Aber ziehen Sie bitte keine voreiligen Schlüsse«, ergänzte er rasch. »Vielleicht gehen Sie lieber nach Hause und denken gründlich nach. Es könnte sein, dass Sie sich erinnern, wie jemand einen solchen Brief in einen Briefkasten gesteckt hat.« Er hielt einen Umschlag in die Höhe. »Und nur für den Fall, dass unser Briefeschreiber hier im Saal ist, möchte ich ihn warnen: Sollten Sie überführt werden – und das werden Sie, seien Sie sicher –, droht Ihnen eine Gefängnisstrafe. Ich werde einen Handschriftenexperten einschalten …«
»Wieso hat das so lange gedauert?«, rief eine wütende Stimme vorn. »Das hätten Sie längst machen sollen!«
»Mir wurde gesagt, dass ich wegen der Budget-Kürzungen bei der Polizei keinen anheuern darf«, antwortete Hamish. »Auf dem Weg nach draußen werden Sie eine Petition auf dem Tisch an der Tür sehen, die einen Handschriftenexperten beantragt. Ich möchte, dass Sie die alle unterschreiben.«
Hamish war ein wenig genervt, Elspeth mit Pat Mallone, dem neuen Reporter, in der ersten Reihe zu sehen. Für diese Angelegenheit war nur ein Reporter nötig. Nahm sie den Mann denn überallhin mit? Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, und sie kicherte wie ein Teenager.
»Es ist eine ernste Sache«, sagte Hamish ein bisschen lauter. »Und sollte auch von unserer Lokalpresse ernst genommen werden.« Elspeth blickte auf, riss sich zusammen und machte sich rasch Notizen. »Bisher sind die Anschuldigungen in den Briefen unwahr und albern, aber sollte der Verfasser oder die Verfasserin auf etwas Wahres stoßen, vielleicht zufällig, dann könnte es zu Leid und, im schlimmsten Fall, Tod führen. Jetzt unterschreiben Sie die Petition. Es ist Ihre Bürgerpflicht.«
Das Publikum erhob sich. Da ihnen bewusst war, dass Hamish noch vorn auf der Bühne stand und sie beobachtete, unterschrieben sie einer nach dem anderen, bevor sie hinausgingen.
Als der Saal leer war, sprang Hamish von der Bühne und nahm die Petition an sich. Die würde er morgen nach Strathbane bringen und sehen, ob sie ihm dann einen Handschriftenexperten genehmigten.
Jenny Ogilvie wurde vor der Pension Sea View abgesetzt. Sie schleppte ihre Koffer bis zur Haustür, klingelte und wartete. Im Dorf war es sehr still, und am Himmel funkelten unzählige Sterne. Vom Loch wehte ein kühler Wind. Jenny fröstelte und läutete wieder. Schließlich hörte sie Schritte drinnen auf die Tür zukommen.
»Wer ist da?«, rief eine Stimme.
»Ich bin’s, Jenny Ogilvie aus London.«
Das Gemurmel hinter der Haustür erinnerte Jenny an einen uralten Cartoon-Hund. Dann wurde die Tür geöffnet.
»Wer klingelt denn so spät noch?«, fragte Mrs. Dunne.
»Ich komme aus London«, antwortete Jenny frostig. »Und falls Sie alle Ihre Gäste so willkommen heißen, sollte ich vielleicht lieber zu einem Hotel gehen.«
Im schwachen Dielenlicht hatte Jenny für Mrs. Dunne wie ein kleines Mädchen ausgesehen. Ihre Reaktion ließ sie jedoch hastig sagen: »Kommen Sie rein, junge Frau. Sie müssen mir verzeihen. Wir gehen hier sehr früh zu Bett. Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer. Bei mir gibt es aber nur Frühstück, doch wenn Sie Hunger haben, hätte ich etwas da.«
»Ein Sandwich und ein Kaffee wären gut«, antwortete Jenny.
»In Ordnung. Nehmen Sie Ihre Koffer, und folgen Sie mir.«
Offensichtlich ist dies eine Welt, in der niemand einem Gepäck abnimmt, dachte Jenny, als sie sich hinter Mrs. Dunne her die schmale Holztreppe hinaufkämpfte.
Mrs. Dunne öffnete eine Tür. »Das ist Ihr Zimmer. Ich habe Ihnen das beste gegeben, weil es in dieser Jahreszeit ruhig ist.«
Jenny blickte sich unglücklich in dem kleinen Raum um und überlegte, wie wohl die anderen Zimmer aussehen mochten, wenn dies das beste war. Eine Vierzig-Watt-Birne brannte in einem pink-weißen Schirm. Ein schmales Bett mit einem zu glatten Quilt stand an einer Wand, an einer anderen ein mit einem Baumwollvorhang verhängter Schrank. Mrs. Dunne zog den Vorhang zurück wie ein Zauberer, der ein Geheimnis enthüllte. Hier wurde indes nur eine Kleiderstange präsentiert. Es gab eine viktorianische Waschschüssel in der Zimmerecke, über der ein pinker Spiegel hing, und in der anderen Ecke stand ein Sekretär mit einem Stuhl. Vor dem Kamin, der mit einem Fächer aus orangefarbenem Krepp gefüllt war, erblickte Jenny einen Elektroheizer mit einem Heizdraht. Auf dem Fußboden aus glänzend grünem Linoleum lagen zwei kleine runde Teppiche.
»Stecken Sie fünfzig Pence in den Zähler, wenn Sie heizen wollen«, sagte Mrs. Dunne. »Frühstück gibt es von sieben bis neun, nicht später. Um zehn müssen Sie aus dem Zimmer sein, damit ich putzen kann, und da habe ich nicht gern Gäste im Weg. Sie können sich unten ins Wohnzimmer setzen, wenn schlechtes Wetter ist. Wir haben Fernsehen! Jetzt zeige ich Ihnen das Badezimmer.«
Jenny folgt ihr den Flur hinunter bis ans Ende. In dem Bad war eine riesige viktorianische Wanne, über der ein zylindrischer Gasheizer hing. »Wenn Sie baden wollen, stecken Sie fünfzig Pence in den Zähler über der Tür und drücken Sie diesen Hebel nach rechts, um den Durchlauferhitzer einzuschalten.«
»Wie, ich habe nicht mein eigenes Bad?«, fragte Jenny.
»Nein, aber es sind sonst nur noch zwei Forstarbeiter hier, und die sind früh weg und benutzen das Bad kaum.«
Jenny unterdrückte ein Erschaudern. »Was ist mit Wäsche?«
»Was soll damit sein? Können Sie Ihre Schlüpfer nicht in der Schüssel auswaschen?«
»Nein, ich ziehe eine Waschmaschine und einen Trockner vor.«
Mrs. Dunne seufzte. »Na gut, Sie können die Maschine unten in der Küche benutzen, aber nur, wenn ich sie nicht brauche. Einen Trockner gibt es nicht. Im Garten ist eine Wäscheleine. Jetzt packen Sie aus und kommen Sie nach unten, etwas essen.«
Jenny kehrte zu ihrem Zimmer zurück. Sie war schrecklich müde und deprimiert. Hoffentlich war dieser Polizist all das Elend wert. Sie öffnete einen Koffer, packte ein durchsichtiges Nachthemd und einen Seidenmorgenmantel aus und legte beides aufs Bett. Dann hängte sie einige Sachen auf und legte ihre Unterwäsche in die Kommodenschubladen.
Als sie Mrs. Dunne rufen hörte, ging sie widerwillig nach unten.
»Ich habe Ihnen ein Tablett mit Essen ins Wohnzimmer gestellt«, sagte Mrs. Dunne. »Wenn Sie fertig sind, bringen Sie das Tablett in die Küche – die ist den Flur runter –, und vergessen Sie nicht, alle Lichter auszumachen. Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, plapperte Jenny ihr nach. Sie ging ins Wohnzimmer. Es war ein ungemütlich wirkender Raum mit einer ätzenden Sitzgarnitur, die den orange und schwefelgelb gemusterten Teppich zu verfluchen schien. Über dem kalten Kamin hing eine schlechte Kopie von Landseers Stag at Bay. Der Fernseher funktionierte über einen Münzeinwurf. Auf dem Couchtisch stand ein Tablett mit einem Teller Kochschinkensandwiches, zwei Törtchen und einer Kanne Kaffee. Die Sandwiches erwiesen sich als köstlich, und der Kaffee war heiß und aromatisch. Ein wenig aufgemuntert aß Jenny alles auf und trug das Tablett dann in die Küche. Danach gab sie acht, alle Lichter hinter sich zu löschen, als sie nach oben zu ihrem Zimmer ging.
Es war sehr kalt. London hatte einen herrlichen Spätsommer genossen, und Jenny hatte nicht damit gerechnet, dass es hier so eisig sein würde. Sie suchte in ihrer Geldbörse nach einem Fünfzig-Pence-Stück, konnte jedoch keines finden. Sie wusch sich Gesicht und Hände und beschloss, das Bad auf morgen zu verschieben. Fröstelnd in dem dünnen Nachthemd stieg sie ins Bett. Unter der Decke lagen zwei Wärmflaschen, und die Laken dufteten schwach nach Kiefernseife. Das Bett war verblüffend weich und bequem. Normalerweise schlief Jenny schlecht, doch hier sank sie bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Hamish fuhr am nächsten Morgen nach Strathbane, Lugs neben sich auf dem Beifahrersitz des Polizei-Land-Rovers und die Petition in der Aktentasche hinten. Es war ein schöner, klarer Tag; keine einzige Wolke war über den Bergen zu sehen. Ein Reiher segelte langsam und graziös vor Hamish über die Straße. Die Luft duftete intensiv nach Kiefernharz, Holzrauch und wildem Thymian.
Allerdings änderte sich Hamishs Stimmung schlagartig, als er über den Hügelkamm kam und Strathbane unten im Tal erblickte, die schrecklichste Stadt, die Hamish sich vorstellen konnte. Einst war Strathbane ein florierender Fischereihafen gewesen, doch die EU-Verordnungen und die sinkenden Fischbestände hatten die Fischer in den Ruin getrieben. Hässliche Hochhäuser ragten gen Himmel auf, Monumente des Scheiterns und schlechter Architektur.
Hamish war froh, dass Sonntag war, denn der Fluch seines Lebens, Detective Chief Inspector Blair, arbeitete so gut wie nie sonntags. Und Hamish wusste, dass Blair seinen Vorschlag aus purer Boshaftigkeit ablehnen würde. Doch er hatte Glück, denn er traf Chief Superintendent Peter Daviot unten im Eingangsbereich der Polizeizentrale.
»Was führt Sie her, Hamish?«, fragte Daviot.
Es war ein gutes Zeichen, wenn er Hamish mit Vornamen ansprach. Hamish hielt ihm die Petition hin und erklärte, dass er einen Handschriftenexperten brauchte.
»Unser Budget ist schon ausgereizt«, sagte Daviot. »Meinen Sie nicht, dass sich das einfach wieder legt?«
»Nein, meine ich nicht, Sir. Es geht schon eine ganze Weile. Meine Sorge ist, wenn ich die Person nicht bald finde, die diese Briefe schreibt, könnte sie oder er zufällig auf etwas stoßen, was jemand dringend verbergen will. Braikie ist ein sehr frommer Ort. Jeder dort bildet sich eine Menge auf seinen Anstand ein. Solche anonymen Briefe könnten jemanden in den Selbstmord treiben.«
Daviot betrachtete den hochaufgeschossenen Polizisten mit dem feuerroten Haar. Hamish Macbeth hatte schon häufig eine bemerkenswerte Intuition bewiesen.
»Tippen Sie einen Bericht, und bringen Sie den zusammen mit der Petition zu Helen.«
»Danke, Sir.« Hamish ging ins Büro der Detectives, wo Jimmy Anderson saß, die Füße auf seinem Schreibtisch.
»Ich habe eben überlegt, auf ein Glas rauszugehen«, sagte Jimmy, als er Hamish erblickte.
»Geben Sie mir eine Minute«, entgegnete der. »Ich muss etwas für Daviot tippen.«
»Was ist denn so wichtig, dass der Boss es sehen muss?«
Hamish erzählte es ihm, während er einen Computer hochfuhr.
»Das ist doch nichts Weltbewegendes, Junge. Also, ich gehe schon mal vor ins Wee Man’s. Kommen Sie nach, wenn Sie fertig sind.«
Niemand erinnerte sich mehr, warum der nächstgelegene Pub, das Fraser Arms, hier den Spitznamen Wee Man’s hatte.
Jimmy ging. Hamish tippte rasch seinen Bericht und lief die Treppe hinauf. Oben sah Helen, Daviots Sekretärin, ihn mürrisch an.
»Sie arbeiten an einem Sonntag?«, fragte Hamish sie.
»Wenn Sie etwas für Mr. Daviot haben, geben Sie es mir, und verschwenden Sie nicht meine wertvolle Zeit.«
Hamish strahlte sie an. »Wissen Sie was, Helen? Sie sind richtig hässlich, wenn Sie wütend sind.« Und mit diesen Worten verschwand er, ehe ihr eine Erwiderung einfiel.
Trotz Jimmys Drängen wollte Hamish im Pub nur ein Mineralwasser trinken. Er fragte sich oft, warum Jimmy noch nie betrunken am Steuer erwischt worden war. Wenig später machte er sich wieder auf den Heimweg und hielt ein Stück außerhalb der Stadt, um Lugs in der Heide auszuführen. Wie üblich, wenn er sich Lochdubh näherte, hob sich Hamishs Stimmung wieder, und das, obwohl sich der Tag verdunkelte. Nebel waberte von den Berghängen, und dünne schwarze Regenwolken trieben mit dem auffrischenden Wind von Westen heran. Die frische Note war aus der Luft verschwunden, und Hamish fühlte die feuchte Wärme, die vom Golfstrom kam.
Er parkte vor der Polizeiwache und ging in die Küche – wo er verärgert feststellte, dass Elspeth Grant an seinem Tisch saß.
»Wie bist du hier reingekommen?«, fragte er schroff.
»Du hattest die Tür offen gelassen«, sagte Elspeth. »Es war praktisch eine Einladung.«
»Tja, nächstes Mal wartest du, bis ich zu Hause bin.« Ich muss daran denken, die Tür abzuschließen, dachte Hamish. Er war es gewohnt, sie nicht zu verriegeln, wenn er seine Hühner füttern ging oder nach seinen Schafen schaute. Deshalb vergaß er es meist auch, wenn er dienstlich wegfuhr.
»Was konntest du mit der Petition erreichen?«
»Ich habe sie Daviot gegeben. Er sagt, dass er sehen will, was er tun kann.«
»Das wird zu spät sein«, erwiderte Elspeth, die ihn mit ihren silbernen Augen anblickte.
»Ich denke, er wird sich bemühen.«
»Ach, Hamish, du weißt doch, wie es bei Behörden läuft. Die werden Memos hin und her schicken, und das zieht sich über Wochen hin.«
»Warten wir es ab.«
Es klopfte an der Tür. Hamish öffnete und fand sich einer attraktiven jungen Frau gegenüber.
Sie streckte ihm eine kleine Hand hin. »Mein Name ist Jenny Ogilvie. Ich würde gern Hamish Macbeth sprechen.«
»Der bin ich.«
Er war überrascht, einen Ausdruck von Enttäuschung in ihren großen braunen Augen zu sehen. Sie musterten einander.
Jenny war tatsächlich enttäuscht. Dahin war ihr Traum von dem rauen Highlander. Vor ihr stand ein großer, schlaksiger rothaariger Mann mit haselnussbraunen Augen und sanften Zügen. Hamish sah unterdes eine hübsche junge Frau mit schwarzen Locken, großen Augen und einer kurvenreichen Figur. Sie trug einen eleganten Rock, einen Blazer und Schuhe mit hohen, dünnen Absätzen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er.
»Ich bin als Touristin hier«, antwortete Jenny, »und gestern angekommen. Ich kenne diese Gegend nicht und dachte, Sie könnten mir vielleicht sagen, was ich mir ansehen sollte.«
»Kommen Sie rein«, bat Hamish.
Er stellte ihr Elspeth vor. »Setzen Sie sich«, bat er Jenny. Die beiden Frauen beäugten einander so misstrauisch wie zwei Katzen. »Möchten Sie etwas trinken?«
»Ja, gern.«
»Jenny ist als Touristin in Lochdubh und möchte wissen, was sie sich ansehen kann«, erklärte Hamish, während er eine Flasche Whisky und Gläser aus dem Schrank nahm. »Elspeth ist Lokalreporterin und kann Ihnen helfen.«
Elspeth starrte wütend auf Hamishs Rücken.
Lugs erwachte vom Klang der Stimmen aus seinem Schlummer, kam zum Tisch und legte eine große Pfote auf Jennys Bein. Als die Pfote abrutschte, hinterließ sie weiße Laufmaschen in der Feinstrumpfhose.
Jenny quiekte und zog die Beine unter den Tisch.
»Hierher, Lugs«, befahl Elspeth. »Braver Hund. Mach Sitz.« Sie blickte Jenny an. »Wenn Sie sich die Gegend hier ansehen wollen, brauchen Sie einen Wagen. Haben Sie einen?«
»Nein. Ich bin das letzte Stück hierher mit einem Taxi gefahren, mit einem Iain Chisholm.«
»Er hat noch einen zweiten Wagen, den er vermietet, und er ist günstig.«
»Danke, dann versuche ich es morgen bei ihm.«
»Die Leute, die herkommen, sind meistens Wanderer, Bergsteiger oder Angler. Sie haben irgendwelche Hobbys. Aber wenn Sie herumfahren, werden Sie feststellen, dass die Landschaft sehr schön ist. Wo wohnen Sie?«
»Im Sea View.«
»Da sind Sie gleich neben der Redaktion der Highland Times. Kommen Sie morgen früh vorbei, dann gebe ich Ihnen einige Karten und Touristenbroschüren.«
Hamish gesellte sich zu ihnen an den Tisch und schenkte Whisky in drei Gläser.
»Trinken Sie ihn pur?«, fragte Jenny.
»Ja, aber Sie können Wasser dazu haben, wenn Sie wollen.«
»Nein, schon gut«, antwortete Jenny hastig, weil sie sich nicht von Elspeth ausstechen lassen wollte. War die Lokalreporterin seine Freundin? Falls ja, konnte sie ihren Plan gleich aufgeben.
»Also, was verschlägt Sie so weit in den Norden?«, fragte Hamish. Seine Highland-Stimme war sanft und melodisch. Jenny verstand allmählich, warum ihre Freundin Priscilla so fasziniert von diesem Mann zu sein schien.
»Ich lebe in London, und mir war danach, möglichst weit wegzukommen.«
»Liebeskummer?«, hakte Elspeth nach.
»Nein«, antwortete Jenny verärgert.
Elspeth trank ihren Whisky aus und stand auf. »Ich gehe mal lieber.« An der Tür drehte sie sich um und sagte zu Jenny: »Eine gute Jagd Ihnen, doch Sie werden feststellen, dass die Beute schwer zu fangen ist.«
Jenny wurde sehr rot. »Was meinen Sie?«
»Nur ein Highland-Spruch«, erwiderte Elspeth, ging nach draußen und schloss die Küchentür hinter sich.
»Tut mir leid, dass ich Sie und Ihre Freundin gestört habe«, sagte Jenny.
»Sie ist nur eine gute Bekannte. Und was machen Sie in London?«
»Ich arbeite für eine Computerfirma.«
»Und wie heißt die?«
Jenny sah ihn erschrocken an. Sie war in derselben Firma angestellt wie Priscilla. »Johnson and Betterson in der City«, erklärte sie. Den Namen hatte sie sich gerade ausgedacht.
»Aha. Wenn Sie ausgetrunken haben, begleite ich Sie zurück. Lugs sollte sich noch ein bisschen bewegen.«
Dieser Hund sollte eingeschläfert werden, fand Jenny, die aufstand und ihre ruinierte Strumpfhose betrachtete.
Hamish öffnete die Tür. Bisher regnete es nicht, doch er fühlte, dass es bald anfangen würde.
Sie gingen am ruhigen Ufer entlang. »Ich hoffe, Sie werden sich hier nicht allzu sehr langweilen«, bemerkte Hamish, als sie sich der Pension Sea View näherten.
Plötzlich blieb Jenny stehen und starrte geradeaus.
»Was ist?«, fragte Hamish.
Er blickte nach vorn und sah Jessie und Nessie Currie, die Zwillingsschwestern, mit der Pfarrersfrau und Mrs. Dunne zusammen an deren Pforte stehen.
Mrs. Dunne hielt einen schwarzen Seidentanga hoch und fragte: »Na, was in Gottes Namen sagt man hierzu?«
Hamish, dem Jennys Verlegenheit nicht entgangen war, zählte eins und eins zusammen. Er griff mit einem langen Arm nach vorn und entriss das Dessous der Pensionswirtin. »Das wird eine Schleuder für Miss Ogilvies Neffen. Sie sollten nicht in ihren Sachen wühlen.«
»Habe ich gar nicht«, erwiderte Mrs. Dunne. Sie blickte zu Jenny, die dastand und sich wünschte, die Erde möge sich auftun und Lochdubh mitsamt ihnen allen verschlucken. »Das lag in der Zimmerecke. Ich habe es gefunden, als ich bei Miss Ogilvie sauber gemacht habe. Ich wusste nicht, was das ist, und ich dachte, ein früherer Gast könnte es dagelassen haben.«
Hamish gab Jenny den Tanga, die ihn in ihre Handtasche stopfte, an den Frauen vorbeimarschierte und nach oben auf ihr Zimmer ging. Dort sank sie auf die Bettkante und vergrub das Gesicht in den Händen. Dieser Urlaub war ein furchtbarer Fehler!
Hamish kehrte milde amüsiert zur Wache zurück. Von den Wäscheleinen in Lochdubh wusste er, dass die Damen im Ort gewöhnlich sehr große Baumwollunterhosen trugen, die mit einem Gummizug oberhalb der Knie abschlossen.
Als er die Wache betrat, läutete das Telefon im Büro. Er lief hin.
Es war Elspeth. »Fahr lieber rüber nach Braikie«, sagte sie. »Miss Beattie, die in der Post arbeitet, wurde erhängt aufgefunden. Und auf dem Fußboden unter ihrer Leiche lag einer dieser anonymen Briefe.«
Für manche Menschen ist die reine Wahrheit Gift.
ANDRÉ MAUROIS
Hamish fuhr durch ein aufziehendes Gewitter nach Braikie. Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe, und heftige Böen rüttelten den Land Rover durch.
Er verfluchte die Polizeizentrale und deren Geiz. Vor der Post hielt er an. Es handelte sich um einen kleinen Lebensmittelladen mit einem Extratresen für Postangelegenheiten. Wie Hamish wusste, wohnte Miss Beattie über dem Laden. Eine dünne kleine Frau stand in der Haustür nebenan. »Sind Sie Mrs. Harris, die die Leiche gefunden hat?«, fragte Hamish.
»Ja. Das ist ein entsetzlicher Anblick.«
»Wie sind Sie nur auf die Idee gekommen, es der Highland Times zu melden und nicht der Polizei?«
»Bei Ihnen ist nur der Anrufbeantworter angesprungen«, jammerte sie.
Hamish hörte eine Sirene in der Ferne. Er hatte einen Krankenwagen gerufen und die Polizeizentrale informiert, bevor er von Lochdubh losgefahren war. »Zeigen Sie mir lieber, wo Sie die Frau gefunden haben.«
Mrs. Harris führte ihn zu einer Gasse seitlich des Ladens und öffnete eine Tür, hinter der eine Treppe hinauf zu Miss Beatties Wohnung führte.
Hamish ging voraus. »Ich hoffe, Sie haben nichts angefasst.«
»Ich hatte solche Angst, das konnte ich gar nicht«, antwortete sie.
»Wie haben Sie sie überhaupt gefunden? Haben Sie einen Schlüssel?«
