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Diese Fotokamera macht keine normalen Bilder, sie ollopafiert. Wer ihren unglaublichen Lichtzauber nutzen will, braucht ganz besondere Eigenschaften, wie zum Beispiel Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft. Genau das zeichnet die zehnjährige Hannah aus. In ihrem Gutetatenbuch notiert sie, was sie Sinnvolles für andere macht. Als sie mit ihrem besten Freund Leo versucht, den seltsamen Fotoapparat zu testen, landen die beiden auf einer Insel voller Hollywoodstars, Comicfiguren, Videospielhelden und seltsamer Lichtwesen. Lumeria: Hier leben Hologramme, die nicht nur Hannah kennt. Und hier hat Hannahs Augenpflaster plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Es beginnt ein Abenteuer, das Hannah und Leo zeigt, welche Kraft wirklich in einem Herzen voller Liebe und in der mächtigen Zauberkamera mit den vielen Auslösern steckt. Die Geschichte von Hannah Halblicht in Lumeria! Mit Zeichnungen von Stefan Reinmann.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Stefan Reinmann
Hannah Halblicht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lumeria
Widmung
1. Ein Päckchen voller Licht
2. Eine Kamera mit Zauberkraft
3. Ein verrückter Onkel im Pazifik
4. Eine Anleitung zum Ollopafieren
5. Willkommen in Lumeria
6. Ein Pirat ohne Prinzessin
7. Ein Baby in der Wüste
8. Eine Höhle mit Balkon
9. Ein Freizeitpark ohne Öffnungszeiten
10. Ein Vater mit Lichtkanone
11. Ein Wunschkuchen in einer Baumkrone
12. Eine Ollopafie aus der Vergangenheit
13. Ein Herz voller Sehnsucht
14. Ein Geschenk für die Erinnerungen
Macht mit!
Impressum neobooks
Allen, die mich inspiriert, motiviert und unterstützt haben!
Und allen, die ihr leuchtendes Herz mit mir teilen!
DANKE!
Aus dunkel wird hell. Schatten weicht dem Licht. Die Morgensonne verjagt die Nacht aus Hannahs Schlafzimmer. Sonnenstrahlen werfen durch die Jalousie tanzende Lichttupfer an die Wand. Dieser Morgen bringt das Aufregende eines ganz besonderen Tages mit sich. Aber Hannah weiß noch nicht, wie aufregend dieser Tag für sie wirklich werden soll. Es ist ihr zehnter Geburtstag.
Ihre Mutter ist längst aus dem Haus. Als Kranken- und Altenpflegerin muss Agnés oft schon sehr früh am Morgen zu den Menschen fahren, die nicht mehr selbst aufstehen, sich waschen oder Frühstück zubereiten können, weil sie zu alt und schwach sind. Hannah ist deshalb sehr stolz auf ihre Mutter. Und auch sie selbst findet es toll, anderen zu helfen. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht jemanden unterstützt oder zumindest versucht zu motivieren. Am Ende des Tages schreibt sie dann die Namen der Leute, denen sie geholfen hat, in ein kleines Buch. Ihr kleines Gutetatenbuch. Je mehr Namen sie notieren kann, desto glücklicher macht sie das. Leo steht besonders oft in diesem Buch. Nicht, weil er ihr bester Freund ist, sondern, weil er ein Tollpatsch ist und sehr oft Pech hat. Wenn Leo seinen Geldbeutel vergisst, das Pausenbrot in den Schulranzen fällt oder er stolpert, Hannah ist zur Stelle. Leiht ihm Geld, hilft ihm beim Putzen und reicht ihm die Hand. Jetzt hat Leo gerade an der Haustür geklingelt. Denn heute ist ein gemeinsames Geburtstagsfrühstück geplant.
„Hallo Hannah, nkwagaliza amazalibwa go amalungi“, begrüßt Leo Hannah. „Das ist Luganda und heißt alles Gute zum Geburtstag“, fährt er fort. „Hab ich mir schon gedacht“, antwortet Hannah. Sie weiß ja, dass Leos Eltern aus Uganda stammen und man dort auch Luganda spricht. Sie grinst. „Danke, was hast du denn da Komisches dabei?“, fragt sie und zeigt auf ein kunterbunt schillerndes Päckchen, das Leo in seinen Händen hält. „Ach das. Das stand vor deiner Tür. Da steht kein Absender drauf, sondern nur ‚An das Geburtstagskind Hannah‘. Ich glaube, hier in der Gegend wohnt keine andere Hannah, die heute Geburtstag hat. Hier, bitte“, antwortet Leo und reicht Hannah das scheinbar in allen Farben glitzernde Päckchen.
„Was gibt’s zum Frühstück?“, fragt Leo, geht an Hannah vorbei und sofort zum gedeckten Tisch in die Küche. „Ich weiß nicht genau. Meine Mama hat das Frühstück gemacht“, antwortet Hannah und kann ihren Blick nicht vom Paket lassen. Muffins, Marmelade, Brötchen, gekochte Eier, Orangen und Schokocornflakes schiebt Hannah zur Seite und stellt das Päckchen auf den Tisch. „Das ist ja ein komisches Geschenkpapier“, stellt Hannah fest. „Schau! Die eine Seite funkelt wie ein Regenbogen und die andere Hälfte der Verpackung ist rabenschwarz.“ „Zeig mal her“, fordert Leo und nimmt das Päckchen. „Das kommt wahrscheinlich von deinem Augenpflaster“, vermutet Leo. Hannah verdreht ihr linkes Auge und schaut Leo böse an. Scherze über ihr Pflaster hört sie gar nicht gerne. Hannah hat eine Sehschwäche auf dem linken Auge. Es ist schwächer und sie sieht damit nicht so gut. Damit es trainiert wird, muss sie sich das stärkere, also das rechte Auge, an vier Tagen in der Woche mit einem Pflaster zukleben. So wird das schwächere Auge mehr gefordert und Hannah kann bald wieder mit beiden Augen sehr gut sehen. Okklusionspflaster heißen diese Augenpflaster fachmännisch, wie Hannah nach vielen Augenarztbesuchen mittlerweile weiß. Früher hatte sie sich immer ganz bunte Pflaster mit Prinzessinnen und Einhörnern ins Gesicht geklebt. Aber diese Muster passten irgendwann nicht mehr zu ihren Sachen im Kleiderschrank. Fand sie zumindest. Seit etwa einem Jahr verwendet sie nur noch die schwarz-violetten mit den kleinen dezenten Sternen darauf. Die glitzern ein bisschen. Das gefällt ihr. „Quatsch! Das hat nichts mit meinem Pflaster zu tun“, ruft Hannah. Sie stutzt. „Hey, du hast das Paket angefasst und zu dir gedreht. Jetzt leuchtet genau die andere Seite“, sagt sie zu Leo. Hannah nimmt das Päckchen wieder. Und gibt es Leo zurück. Tatsächlich. Hat Hannah es in ihren Händen, leuchtet das Päckchen auf der oberen Seite. Fasst Leo es an, glitzert die Unterseite. „Okay. Das ist tatsächlich seltsam“, gibt Leo zu. „Und ich sehe auch gar kein Klebeband oder eine Stelle, an der man es öffnen könnte. Komm, wir legen gleichzeitig unsere Hände darauf“, schlägt er vor. Beide schauen sich an. Hannah nimmt ihre rechte Hand, Leo führt seine linke Hand langsam in Richtung Schachtel. Gleichzeitig berühren beide Hände den kühlen, glatten Karton. Die Farben auf der Schachtel verschwinden. Der ganze Karton ist nur noch schwarz. „Jetzt haben wir es kaputt gemacht“, sagt Hannah traurig. Im gleichen Moment klappt auf der Vorderseite der Schachtel eine Seite auf. Helles Licht strömt aus dem Inneren der Verpackung. „Wow!“, flüstern Leo und Hannah gleichzeitig. „Schau da bloß nicht rein“, ruft Leo. „Das ist ja irre hell!“ Hannah kippt die Schachtel nach vorne und das Licht verschwindet. Auf dem Tisch landet der Inhalt. „Was ist das denn?“, fragt Leo. „Schaut aus wie eine Kamera!“, antwortet Hannah.
„Pack sie wieder ein“, flüstert Leo. „Vielleicht ist das Päckchen doch nicht für dich.“ Doch Hannah kann nicht widerstehen und greift nach dem Gerät. Ihr kommt die Kamera irgendwie bekannt vor. Von vorne ähnelt das Ding einem alten Fotoapparat aus dem vergangenen Jahrhundert. Von hinten sieht es aus wie eine moderne Digitalkamera. Eher wie ein Tabletcomputer. Sie weiß, dass sie schon als kleines Kind gerne fotografiert hat. Ihre Mutter erzählt ihr noch oft, wie Hannah am Apparat ihres Vaters versucht hat, alle Knöpfe zu drücken. Danach waren meistens alle Einstellungen durcheinander. Ihr Vater Noah war ein leidenschaftlicher Fotograf gewesen. Und diese Leidenschaft hat sie wahrscheinlich von ihm geerbt. Es gab damals keinen Tag, an dem er nicht vor oder nach seiner Arbeit als Feuerwehrmann Bilder geknipst hat. Von Blumen, vom Himmel, von Mama und auch von Hannah. Von schönen Dingen. Vielleicht auch, um die schrecklichen Bilder, die er manchmal während seiner Arbeit gesehen hat, zu vergessen. Sich selbst hat er aber nie fotografiert, erzählt Hannahs Mama immer wieder. Nur an eine einzige Aufnahme erinnert sich ihre Mutter. Doch den Film hat sie nie zum Entwickeln gebracht und irgendwann nicht mehr gefunden. Hannahs Vater ist vor sieben Jahren gestorben. Ihre Mutter sagt immer, Papa ist ein Held, weil er eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet hat. Eine Zeichnung ihrer Mutter hilft Hannah jeden Tag, sich ihren Paps immer noch richtig vorstellen zu können. Das Bleistiftgemälde hängt zwischen Küche und Hauseingang und zeigt Noah grinsend in seinem Feuerwehranzug. Mit Helm und Strahlrohr. Immer zum Einsatz bereit. Immer bereit, anderen zu helfen. Jedes Mal, wenn Hannah mit ihrem Handy Bilder macht, muss sie irgendwie an ihren Vater denken. Und das ist gut so, findet sie. Durchs Fotografieren kann Hannah ihrem Papa nämlich immer nah sein. So vergisst sie ihn nicht.
„Ich glaube, du solltest vorsichtig damit umgehen“, sagt Leo, als Hannah die Kamera in die Hand nimmt, um sie sich genauer anzuschauen. Aber er ist mindestens genauso neugierig und nervös wie Hannah. Er schiebt die Teller und das Besteck noch weiter zur Seite, um mehr Platz zu haben. „Klirrrrrrrr!“ Vor lauter Aufregung hat Leo die teure Kristallvase von Hannahs Mutter umgestoßen.Hundert Scherben liegen unter dem Esstisch. „Mist!“, ruft Leo. „Tut mir echt leid!“. Hannah hört Leos Entschuldigung gar nicht richtig. Fasziniert schaut sie in die Glassplitter. Die scharfen Kanten der Glasscherben brechen die Morgensonne, die durchs Fenster scheint, in tausend unterschiedliche Farben. Wie bei einer kleinen Lasershow tanzen bunte Lichter über das zerstörte Glas. „Cool! Das muss ich fotografieren“, ruft sie Leo zu, entfernt die Linsenabdeckung der Kamera, schaut mit ihrem pflasterfreien Auge durch den Sucher und drückt den Auslöser.
Seltsames Quietschen. Dann erstrahlt die Kamera für einen kurzen Augenblick in einem unbeschreiblich grellen Licht: BLITZ!
Hannah lässt die Kamera auf den Tisch fallen und schreit. Leo sitzt da wie erstarrt. Mit offenem Mund. Er traut sich nicht zu blinzeln und starrt die Vase vor sich an, die wie neu vor ihm steht und keinerlei Risse oder Bruchspuren aufweist.
„Was hast du gemacht?“, fragt er mit immer noch aufgerissenen Augen. Er blickt ungläubig in Richtung Blumenvase. „Äh, … ich, … ich hab‘ ein Foto gemacht…, dachte ich zumindest“, antwortet Hannah und schaut erst Leo und dann die Kamera an. Auf dem Display ist ein Bild zu sehen. Ein mit einem weißen Strich geteiltes Foto. In der linken Hälfte des Bildes ist das Scherbenmeer der zerstörten Vase zu sehen. Darunter steht ‚10.34 Uhr‘. Im rechten Teil des Fotos ist die heile Vase auf dem Tisch und die Uhrzeit ‚10.33 Uhr‘ zu erkennen. „Sag mal, träum‘ ich? Was ist passiert? Ich hab‘ doch gerade die schöne Vase ‘runter geworfen, oder?“, fragt Leo verdutzt. „Äh… ja. Ich glaube schon“, antwortet Hannah und schaut noch immer auf das Display. „Was starrst du denn dauernd auf die Kamera? Ich frag dich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe und du denkst nur an deine neue, komische Kamera. Ich will wissen, was hier los ist“, sagt Leo jetzt lauter. Er ist nicht nur ungeschickt, sondern auch ungeduldig.
„Schon gut. Beruhig‘ dich, Leo. Ich wollte die vielen schönen Glassplitter und Lichtreflexionen mit der neuen Kamera fotografieren. Ich hab‘ den Auslöser gedrückt. Dann hat es irre geblitzt. Und die Scherben waren weg. Und die Vase war wieder ganz“, fasst Hannah die jüngsten zwei Minuten in der Küche zusammen. „Ja, das hab‘ ich auch gesehen“, entgegnet Leo. „Hier wird ein seltsames Bild auf dem Display angezeigt“, antwortet sie und dreht den Bildschirm der Kamera, damit auch Leo darauf etwas erkennen kann. „Boah, das ist ja Wahnsinn. Du hast ein Zeitsplitterbild erstellt“, antwortet er. „Links eine Aufnahme von 10.34 Uhr und rechts ein Bild, das eine Minute früher entstanden ist. Ich werd‘ verrückt.“ Hannah schaut nur ungläubig. „Was habe ich verstellt?“ „Nicht verstellt. Erstellt! Ich glaube, du hast in die Vergangenheit fotografiert. Ist das genial“, wiederholt Leo. „Meinst du echt?“ Hannah schaut skeptisch. „Ich glaub‘ schon. Ich hab das mal in so einem Science-Fiction-Film gesehen“, erklärt Leo. „Versuche dich zu erinnern. Was hast du genau gemacht?“
„Nur diesen Knopf gedrückt“, erwidert Hannah und zeigt auf einen Auslöser auf der oberen schmalen Seite der Kamera. Darunter ist eine Sanduhr aufgedruckt. „Siehst du! Eine Sanduhr ist ein Symbol für die Zeit“, ruft er und schmeißt diesmal die Vase absichtlich vom Tisch. „Spinnst du?“, ruft Hannah. Doch ehe sie sich versieht, hat Leo sich die Kamera geschnappt. BLITZ!
Hannah und Leo reiben sich die Augen und schauen auf den Boden.
Die Scherben liegen noch immer dort. „Sorry, ich dachte, ich kann es dir beweisen, indem ich die Vase noch mal kaputt mache und wieder repariere.“ Hannah weiß nicht so recht, was sie sagen soll. Auf dem Bildschirm der Kamera ist diesmal nur ein Foto der vielen bunten Glasscherben zu sehen. Hannah schaut in die Glitzerbox. Es muss doch eine Gebrauchsanweisung oder so etwas ähnliches für dieses Ding geben. Tatsächlich. Sie zieht einen fast durchsichtigen Zettel aus dem Karton. Erst als Hannah ihn ins Licht hält, erscheinen funkelnde Buchstaben auf der Oberfläche, die plötzlich ganz dunkel wird und die Buchstaben zum Leuchten bringt:„Liebe Hannah! Voller Macht, Spaß, Liebe und Hilfe in der Not: Blau, Gelb, Regenbogen und das Rot. Doch nur Ehrlichkeit, Güte und ein Herz ganz rein, schalten die Lichtkartuschen ein.Aber das weißt du ja sicherlich noch! Viel Spaß damit, alles Gute zum Geburtstag und bis bald!Dein Raito“
Leo schaut Hannah über die Schulter und runzelt die Stirn. „Und was soll das jetzt heißen?“ Hannah beachtet Leos Frage gar nicht, sondern liest sich die Sätze nochmal durch. „Unglaublich! Onkel Raito!“
„Wer um Himmels Willen ist Onkel Raito?“, fragt Leo und schnappt sich den Zettel, um ihn noch mal in Ruhe lesen zu können. „Lichtkartuschen, und Spaß… Ich versteh‘ gar nichts. Und warum hast du mir nie etwas von diesem Onkel erzählt?“ Leo ist sauer. Eigentlich dachte er, dass er Hannah sehr gut kennt und sie ihm immer alles erzählt. Seit drei Jahren sind sie nun schon befreundet. Seitdem Hannah mit ihrer Mutter in das Nachbarhaus gezogen war. Er weiß, dass sie süße Erdbeeren liebt. Dass ihre Lieblingsfarbe hellblau ist, sie gerne lilafarbene Strümpfe anzieht und seine tollpatschige Art mag, weil sie dann meistens etwas in ihr Buch für die guten Taten schreiben kann. Sogar den Unfall ihres Vaters hat sie ihm anvertraut. Und dass deshalb ihre Mutter umziehen wollte, um nicht ständig an Noah, Hannahs Papa, erinnert zu werden. Aber Raito? Diesen Namen hat sie ihm gegenüber noch nie erwähnt. „Klingt komisch, der Name“, sagt Leo beleidigt.
„Onkel Raito wohnt in Japan, oder so. Glaube ich“, beginnt Hannah zu erzählen. „Er ist der Bruder von Paps und war früher oft bei uns zu Besuch. Ich glaube, er ist verrückt. Aber immer witzig drauf. Immer wenn er da war, durfte ich ihn fotografieren. Er hat immer lustige Grimassen gemacht. Warte mal“, sagt sie und steht auf und verlässt das Zimmer. Kurze Zeit später kommt Hannah mit einem Fotoalbum unter dem Arm wieder und lässt es vor Schreck fallen.
„Was ist denn hier los?“, schreit Hannah. Leo sitzt am Tisch und grinst über beide Ohren. Er ist kaum noch zu sehen, denn vor ihm liegt ein riesiger Berg aus Pommes Frites und Würstchen. Der ganze Tisch ist voll davon. Hunderte Pommes. Dutzende Würstchen. Und dazwischen zieren Kleckse von Mayonnaise und Ketchup das Chaos. Er schmatzt laut und kaut genüsslich, während er sich noch ein paar Pommes mit den Fingern in den Mund schiebt. Sein Kinn und die Wangen sind rot und weiß verschmiert
„Was hast du gemacht?“, fragt Hannah. „Nüschhts“, kommt aus Leos Mund, als er einfach seelenruhig weitermampft.
„Isch hatte sooo Hunger… Nopff gedrückt“, versteht Hannah noch. „Knopf?“, fragt sie Leo. „Schluck erst mal runter!“, fordert sie ihn auf. „Ich versteh‘ kein Wort, wenn du so schmatzt. Wo kommen die Pommes und Würstchen her?“ „Hmpf. Boaaa! Sind die lecker“, antwortet Leo, nachdem er die Pommes hinuntergeschluckt hat. „Ich hab‘ auch keine Ahnung, Hannah. Ich wollte einfach das Frühstück hier fotografieren und schwupps, waren die Würstchen da. Äh… und die Pommes. Cool, oder?“, fragt er Hannah. „Welchen Knopf hast du gedrückt?“, fragt sie und nimmt die Kamera. Leo stutzt. „Ich hab‘ ein Foto gemacht, Hannah. Ich habe also keinen Knopf gedrückt, ich habe den Auslöser benutzt!“ „Welchen von den fünf?“, fragt Hannah. Leo wischt sich mit dem Ärmel seines Pullovers Ketchup aus dem Gesicht und legt ein Würstchen weg, in das er gerade beißen wollte: „Fünf? Willst du mich veräppeln?“, fragt Leo. „Schau selbst“, antwortet Hannah. Sie hält ihm die Kamera hin. Tatsächlich. Wie hatte er das nur übersehen können. Auf der oberen Seite der Kamera befinden sich fünf Auslöser. Wo sich bei normalen Fotoapparaten der Auslöser befindet, sind drei Knöpfe vorhanden, die man mit der rechten Hand bedienen kann. Für die linke Hand sind zusätzlich zwei Knöpfe auf der Oberseite der Kamera angebracht. Dazwischen ein kleiner Blitz, der etwas aus der Kamera ragt. Jeder Auslöser hat eine andere Farbe und darunter ist jeweils ein kleines Bild aufgedruckt.
„Also, welchen Knopf hast du für die Würstchen gedrückt?“, fragt Hanna. „Rot, gelb, schwarz, blau oder den bunten?“ Leo guckt verdutzt. „Ähm… Keine Ahnung. Ich hab‘ die Kamera genommen und gedrückt.“ Er nimmt den Apparat und hält ihn so, wie er ihn kurz vorher wohl auch in der Hand hatte. „Ich glaube den hier“, sagt er und zeigt auf den roten Knopf. Hannah nickt. „Könnte stimmen. Du bist ja Linkshänder und dieser Knopf befindet sich ganz links an der Kamera“, antwortet sie. „Aber warum die Würstchen? Hast du an irgendetwas gedacht, als du das Foto schießen wolltest?“, fragt Hannah weiter. „Ja klar. Als ich die Sachen da auf dem Tisch durch die Kamera gesehen hab‘, hab‘ ich mir gewünscht, dass ich irgendwann mal Pommes und Würstchen zum Frühstück essen kann. Und schon waren die leckeren Sachen da“, erklärt Leo. „Komisch, oder?“ „Ja, sehr seltsam“, antwortet Hannah. Sie nimmt die Kamera wieder in die Hand und schaut sich das Geschenk ihres Onkels nochmal genauer an. Vorne eine große Linse, das Objektiv schwarz. Die Front des Fotoapparates wirkt recht alt, aber schön und stilvoll. Auf der Rückseite dieses riesige, glatte Display. Und dann diese komischen Zeichen und Knöpfe dazu! „Wofür braucht eine Kamera fünf Auslöser?“, fragt sich Hannah.Sie ist sich sicher, dass sie das Bild von der Vase vor einigen Minuten mit dem äußersten Auslöser auf der rechten Seite gemacht hat. Dass sie ihren Zeigefinger wie bei einer ganz normalen Kamera benutzt hat. Vermutlich hat sie auf den regenbogenfarbenen Knopf gedrückt. Und dann war die Vase wieder heil. Unter dem Regenbogenknopf erkennt Hannah eine Sanduhr. Unter dem roten Auslöser, den Leo verwendet hat, ist ein Herz gemalt. Daneben ist ein gelber, unter dem ein Schlüsselloch-Symbol zu sehen ist. In der Mitte ein schwarzer Knopf, darunter ein Pinsel. Und dann ist da noch ein blauer Auslöser, der sich zwischen dem schwarzen und dem regenbogenfarbenen Knopf befindet. Darunter ist eine Art Kompass gezeichnet. Hannah grübelt und drückt auf den Wiedergabe-Knopf auf der Rückseite der Kamera. Auf dem Display erscheint wieder ein zweigeteiltes Foto. Auf der einen Seite sieht man den Frühstückstisch, wie ihn Hannahs Mutter angerichtet hat. Schokocornflakes. Orangen. Brötchen. Gekochte Eier. Auf der anderen Seite ist derselbe Tisch mit Pommes und Würstchen zu sehen.
