Harry L - Miriam Lanz - E-Book

Harry L E-Book

Miriam Lanz

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Beschreibung

Innerhalb weniger Wochen findet die Polizei mehrere furchtbar zugerichtete männliche Leichen. Offenbar waren sie alle Kriegsversehrte aus Vietnam. Auch wenn Farrel und Marc nur auf der Stelle treten, können sie Harry nicht konsultieren - das würde wirklich zu weit gehen...

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Miriam Lanz

Harry L

Fall 3 und Fall 4

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Fall 3.

Fall 4

Impressum neobooks

Fall 3.

San Francisco, 1978:

"Und hast du das von Amy gehört? Sie hat mit Steve Schluss gemacht, weil…."

Ein rothaariges Mädchen mit lockigen Strähnen, die ihr auf der schweißnassen Stirn klebten, keuchte nach Luft. Ihre Freundin verdrehte die Augen und erhöhte die Laufgeschwindigkeit.

"Cindy, jetzt konzentrier dich doch einfach mal aufs Laufen. Einfach mal nur atmen und nicht reden! Meine Ohren bluten schon!", stieß sie aus, verfiel jedoch ohne Schwierigkeiten wieder in ihren Atemrhythmus. Die Rothaarige japste und versuchte mit ihrer Freundin Schritt zu halten.

"Wenn ich gewusst hätte, wie schnell du bist, wär ich sowieso nicht mitgekommen, Lynn."

Ein kurzes Lächeln zuckte um Lynns Lippen. Sie hob den Blick und konzentrierte sich auf die Brücke. Sie war früh losgelaufen - nicht so früh, wie gewöhnlich, weil Cindy nur wenig motiviert war. Auf der Brücke war kaum Verkehr – zumindest für Frisco-Verhältnisse. Nebel stieg vom Meer auf und umwaberte die Pfeiler der roten Brücke. Sie wirkte erhaben, beinahe mystisch und Lynn wusste, dass es dieser Anblick war und die für die Stadt ziemlich ungewöhnliche Ruhe, die sie fünfmal in der Woche zu ihrer morgendlichen Joggingrunde antrieb. Und seit heute wusste sie auch, wieso sie bisher immer nur alleine gelaufen war. Cindy zerstörte die Ruhe - und zwar so nachhaltig wie eine Abrissbirne ein Gebäude.

"Lynn, jetzt wart doch mal!" Die blonde junge Frau wandte sich im Laufen um. Cindy war etwa 50 Meter hinter ihr - nicht weit genug, denn ihre Stimme konnte sie noch deutlich hören.

"Jetzt komm schon. Ich dachte, du wolltest ne schöne Strandfigur!", rief Lynn. Sie war beinahe unter der Brücke. Der Lärm der wenigen Autos, den man bis vor einem Augenblick noch nicht gehört hatte, hallte laut unter der Eisenkonstruktion. Die blonde Frau trabte rückwärts und versuchte ihre Freundin anzutreiben, als sie plötzlich gegen irgendetwas stieß und rücklings nach hinten kippte. Mit dem Kopf schlug sie gegen den Sand. Sie konnte Cindy aufschreien hören. Sie kreischte. Lynn drehte benommen den Kopf. Nie wieder würde sie sich breit schlagen lassen, mit ihrer Freundin zu laufen. Als sie die Augen öffnete, glaubte sie, ihr Herz hätte einen Schlag ausgelassen. Neben ihrem Gesicht lag eine Hand - gelblich, unnatürlich, tot.

Cindy kreischte noch immer. Lynn sprang auf die Beine. Sie lag auf einem Menschen. Einem Mann. Seine Augen waren halb geöffnet. Die Augäpfel hatten sich gelb verfärbt. Er war tot.

"Scheiße!", stieß Lynn hervor und sah sich hektisch um. Dann sprintete sie die Böschung hinauf zur Straße. Sie musste Hilfe holen!

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"Ben?" Harry drückte die Tür zu Bens Zimmer auf. Wenn es für Leute wie ihn eine sinnvolle Methode gab, Türen zu öffnen, hatte er sie noch nicht herausgefunden – nicht, dass ihn das besonders störte. Nur mit Schwierigkeiten schob er sich in den Raum. Er hatte Ben den ganzen Morgen nicht gesehen - nie ein gutes Zeichen.

"Ben? Bist du hier?" Harry sah sich um; starrte für einen Augenblick direkt in die hässliche große Kamera in der oberen Zimmerecke, die den Raum überwachen sollte, tatsächlich jedoch nur einen kleinen Teil einfing. Nathan hatte längst ausgearbeitet, wo die Kamera ihren toten Winkel hatte.

Harry wendete den Rollstuhl, als er ein Scheppern im Bad hörte.

"Scheiße!" Er drückte sich gegen die Tür - in der Psychiatrie gab es glücklicherweise keine Schlösser. Die Badtür schwang geräuschlos auf; Harry rutschte aus dem Rollstuhl und zog sich in das Bad.

Ben kauerte zitternd neben der Dusche. Der Kopf dunkelrot angelaufen, ein T-Shirt um seinen Hals gewickelt.

"Ben! Nein! Das ist ganz schlecht. Ganz schlecht!" Harry griff nach dem Stoff um seinen Hals, lehnte sich gegen die Wand und zog den blonden Mann zu sich.

"Sie haben gesagt…. ganz schlecht? Ich bin schlecht!" Harry schüttelte den Kopf. Er würde sie erschlagen - wenn er könnte, würde er ihre dämlichen Schädel einschlagen.

"Mr. Bennet!" Nancy trat in das Zimmer - hatte vermutlich erst durch Harry Lunte gerochen. Livingston konnte das nervtötende Quietschen der Gummisohlen hören. Bei ihrer Stimme zuckte Ben zusammen. Harry drückte ihn enger an sich. „Schon gut. Alles gut, Ben!"

"Mr. Bennet?" Die betagte Schwester steckte den Kopf durch die Tür. Noch bevor sie die Szene vor ihren Augen richtig begriff, sah sie sich Harrys stechendem Blick gegenüber.

"Halten Sie den Mund, verdammt!"

Nancy riss die Augen auf. Sie öffnete den zu stark geschminkten Mund, wollte protestieren, doch Harry ließ sie nicht zu Wort kommen.

"Verschwinden Sie!", zischte er tonlos und wandte sich wieder uneingeschränkt Ben zu.

Nancy war wie vor den Kopf geschlagen, doch sie gehorchte - brauchte Verstärkung.

Ben hatte den Kopf in Harrys knochige Schulter gegraben; er zitterte noch immer, verhielt sich jedoch ruhig.

"Alles gut, Ben. Alles in Ordnung. Hör nicht auf sie, nur auf mich. Es ist alles gut!" Ben rührte sich nicht. War zumindest besser als sich mit einem T-Shirt zu strangulieren. Diese Idioten. Diese saublöden inkompetenten, weißgekleideten Affen.

Schritte auf dem Korridor kündigten die Verstärkung an.

Nancys hastige quietschende Schritte; Andy - eher schwerfällig mit gleichmäßigen Gang und Dr. Ryan; seine neuen John-Spencer-Schuhe erinnerten vom Klang an hochhackige Damenschuhe - passte hervorragend zum gesamten Erscheinungsbild mit Lacoste-T-Shirt und einer Corvette vor der Anstalt - der schöne Wagen war viel zu gut für diesen Hochstapler.

Harry machte sich nicht die Mühe aufzusehen, als sie in das kleine Badezimmer kamen.

„Sehen Sie", zischte Nancy und wies zu Ben.

Ryan trat einen Schritt vor, beugte sich jedoch nicht zu seinem Patienten hinunter - selbstverständlich nicht, man konnte sich doch nicht mit dem Pöbel einlassen.

"Mr. Bennet, können Sie mir sagen, was geschehen ist?", fragte er schließlich. Seine Stimme hatte einen Tonfall angenommen, der offenbar beruhigen oder Verständnis ausdrücken sollte, bei Harry löste er stets Würgereize aus.

Ben wimmerte und drückte sich so eng gegen Harry, dass Livingstons Rücken gegen die geflieste Wand gedrückt schmerzte.

"Jetzt halten Sie die Fresse!" stieß er ungehalten hervor.

Ryan machte überrascht einen Schritt zurück.

"Ich habs Ihnen doch gesagt, Doktor", ereiferte sich Nancy. Sie stand mittlerweile im Gang vor der offenen Badtür.

"Herrgott, gehen Sie Ihre Mätresse vögeln oder zur Abwechslung mal wieder Ihr Frauchen, aber machen Sie das Ganze hier nicht noch schlimmer. Kein Wunder, dass sich keiner Ihrer Patienten erholt. Sie hätten ein Puff aufmachen sollen. Damit wäre allen Parteien mehr gedient! Schon gut, Ben, Hör nur auf mich. Nicht auf sie. Alles gut. "

Ryan war blass geworden; er schnappte nach Luft, sah aus wie einer dieser kleinen Goldfische im seinem Büro. Er brachte jedoch kein Wort mehr heraus.

Andy hatte die Szene still beobachtet. Während Harry Ben über den Rücken streichelte, musterte er den langhaarigen Pfleger kurz. Andy schien fast amüsiert oder zufrieden. Weil er Ryan bloßgestellt hatte. Weil er noch nichts gegen Andy gesagt hatte.

Schließlich beugte sich der Pfleger zu den beiden Patienten hinunter.

Er sah Harry kurz an, dann legte er langsam einen Arm auf Bens Schulter.

"Ben? Bist du müde? Komm, wir gehen ins Bett, ja?", fragte er sanft - tatsächlich der einzige, der hier zu gebrauchen war. Andy suchte erneut Harrys Blick, bevor er Ben langsam auf die Beine zog.

"Glaub ihm, Ben, alles ist gut. Schlaf ein bisschen. Wird dir gut tun."

„Sehr gut, sehr gut, Andy. Geben Sie ihm Dormicum", mischte sich Ryan ein. Harrys Blick schnellte hoch.

"Sie inkompetenter Vollidiot. Dormicum? Sind Sie noch ganz dicht? Ben bekommt Valium. 2 mg. Das reicht vollkommen." Andy wechselte den Blick zwischen Dr. Ryan und Harry. Schließlich nickte er.

Er würde Harrys Anweisung befolgen. Wie üblich. Allein schon, weil er wusste, was es für ihn bedeutete, wenn er es nicht tat.

Livingston blieb im Bad sitzen. Lehnte den Kopf gegen die geflieste Wand. Wieso ging es nicht in ihre bornierten Schädel?

Er konnte Ryan, Nancy und Andy im Zimmer sprechen hören – mit gesenkten Stimmen. Harry machte sich nicht erst die Mühe, sie zu verstehen. Brachte ihm nichts.

"Man, bin ich froh, dass ich heute Frühschicht hab. Wenn Sie den Tag schon so anfangen, will ich nicht wissen, in welchem Ausnahmezustand sich die Einrichtung heute Abend befindet." Andy sah auf Harry hinunter. Livingston öffnete langsam die Augen, erwiderte nichts. Der Pfleger packte ihn unter den Armen und zerrte ihn grob in den Rollstuhl.

Als er ihn aus dem Zimmer schob, warf Harry einen kurzen Blick zu Ben. Er schien bereits zu schlafen.

Wie erwartetet brachte Andy ihn ins Behandlungszimmer von Dr. Ryan. Nancy war dort und auch Andy blieb. Sie hatten Angst. Wollten ihm nicht alleine gegenüberstehen. Eine geschlossene Front - war umso amüsanter sie auseinander zu treiben.