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Eine Tote, die aus der Straßenbahn geworfen wurde, eine Leiche im Park. Keine Motive, keine brauchbaren Zeugen. Lieutenant Farrel und Sergeant Glaser kommen nicht mehr weiter. Ihre letzte Möglichkeit ist der Weg in die Psychiatrie, wo ein Ermittler der besonderen Art wartet.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Miriam Lanz
Harry L.
Fall 1 und Fall 2
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Fall 1.
Fall 2.
Impressum neobooks
Eine Menschenmenge hatte sich an 'Iris Cafe' versammelt - so viele Menschen, wie das kleine Cafe sonst nur an einer ungewöhnlich warmen Augustwoche verzeichnen konnte, mit sehr viel Glück.
Die untersetzte Eigentümerin schüttelte nur den Kopf. Verdammte Bande! Wegen einer Leiche treten sie ihr fast die schöne Fensterfront ein und an normalen Tagen wird der gute Kuchen trocken.
Das hohe, rhythmische Geheul eines Martinhorns durchriss den Lärm der Stadt, ertönte in einem Moment entsetzlich laut, im nächsten trug es der Wind in weite Ferne. Wenigstens würde die Leiche bald weggeschafft werden.
Ein dunkelblauer Audi raste heran und kam mit quietschenden Reifen vor dem Cafe zum Stehen.
Ein großer dunkelhäutiger Mann mit einem beinahe lächerlich hellen Jackett stieg schwungvoll aus dem Wagen - der Audi gab sichtbar unter der kraftvollen Bewegung nach.
Auf der Beifahrerseite trat ein weißer Mann um die 50 Jahre auf den Asphalt. Die Aufmerksamkeit der Passanten richtete sich auf die Polizisten. Gleich nach ihnen hielt ähnlich schwungvoll ein Krankenwagen, der von drei Streifenwägen eskortiert wurde.
Die Sanitäter sprangen mit einer Trage und einer großen Tasche heraus. Die Eigentümerin des Cafes, die an der geschlossenen Tür lehnte und die Szene durch die zugezogenen Vorhänge beobachtet hatte, zuckte zusammen, als die beiden uniformierten Polizisten, die die verdammte Leiche in ihr schönes Cafe gebracht und auf Verstärkung gewartet hatten, die Tür aufrissen und auf die Straße traten. Die Passanten stoben eher verschreckt als respektvoll zur Seite, um die Sanitäter und Polizisten passieren zu lassen. Als die kleine Gruppe allerdings im Cafe verschwunden war, drängten sich die Menschen hälsereckend um die Tür, um einen ersehnten Blick auf die Leiche zu werfen, bevor sie ins Schloss fiel.
Die Eigentümerin schüttelte erneut den Kopf - dieses Mal beinahe angewidert - und wandte sich den Männern in ihrem Cafe zu.
Die Sanitäter waren um die Leiche gescharrt. Der große schwarze Polizist im hellen Jackett stand mit dem älteren ein wenig abseits und sprach mit leiser Stimme zu ihm, ihre beiden Blicke auf die Sanitäter gerichtet. Schließlich hob der Schwarze den Kopf, nickte knapp und zog einen kleinen Notizblock aus der Tasche, bevor er an die Eigentümerin herantrat.
"Guten Tag, Ma'am. Ich bin Sergeant Glaser. Das hier ist Lieutenant Farrel von der Mordkommission. Kennen Sie die Tote?" Er hatte eine ausgesprochen tiefe Stimme - wie ein Soulsänger.
"Das soll wohl ein Scherz sein! Ihre Kollegen haben sie mir ins Haus geschleppt. Ich hab' nicht einmal gemerkt, dass die auf der Straße lag. Und jetzt versaut sie mir auch noch meine guten Tischtücher!" Bei der letzten Bemerkung wandte Glaser den Kopf und betrachtete die kitschig gemusterten Tischdecken - ohne Frage von der Aussteuer aus den 50-er Jahren.
"Ich denke, die Flecken lassen sich gut entfernen… Sie haben diese Frau also noch nie gesehen, Mrs. …?"
"Fouler, Martha Fouler. Noch nie. Als ob ich alle kennen würde, die an meinem Cafe vorbeikommen." Martha Fouler schnaubte - beinahe verächtlich.
"Die Frau wurde erstochen - dazu braucht man keinen Pathologen. Sie hat nichts bei sich. Keiner hat etwas gehört", fasste Farrel zusammen, als Glaser und er dem Krankenwagen beim Abtransport der Leiche nachsahen.
"Niemand kennt sie. Keiner kann sich an sie erinnern", setzte Glaser fort. Er sah sich um. Eine Straßenbahn schob sich die Anhöhe hinauf. Glaser griff nach dem Ellenbogen seines Kollegen und zog ihn auf den Bürgersteig.
Die Menschenmenge löste sich allmählich auf.
Der farbige Polizist ließ die Straßenbahn nicht aus den Augen.
"Wenn sie rausgeworfen wurde?", fragte er schließlich. "Die Bahn fährt direkt am Cafe vorbei." Farrel nickte. "Gut möglich. Macht unsere Arbeit aber nicht leichter. Im Gegenteil." Glaser nickte zustimmend und stieg in den dunkelblauen Audi.
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Männer und Frauen verschiedenen Alters waren im Park. Einige spielten ausgelassen - wie kleine Kinder. Andere saßen in sich gesunken im Gras. Pflegepersonal - ganz in weiß gekleidet - leistete den Patienten Gesellschaft.
Im Schatten unter einer Linde saßen zwei Männer. Erst nach einem genaueren Blick erkannte man, dass einer von ihnen in einem Rollstuhl saß. Seine wachen Augen waren auf eine der Krankenschwestern gerichtet. Vor ihm auf dem alten Holztisch lag ein kleines Notizbuch; ohne den Blick von der Frau zu nehmen wanderte seine Hand schnell über das Papier.
Sie war neu. Erst gestern angekommen. Eine der erfahrenen Schwestern hatte sie herumgeführt. Sie hatte die Schwester einmal Betsy genannt. Sie hieß also Elizabeth. War um die dreißig. Sie wirkte unsicher, warf immer wieder einen flüchtigen Blick zu den erfahrenen Pflegekräften, bevor sie sich Joe wieder zuwandte - einem schizophrenen, paranoiden Veteran, der in unregelmäßigen Abständen auf Patienten und Pfleger losging, weil er sie für sowjetische Spione oder den Vietcong hielt. Im Moment hatte man ihn mit Medikamenten ruhig gestellt.
Neben der deutlichen Unsicherheit - oder vielleicht auch einer Unbeholfenheit - der neuen Schwester, mischte sich eine neue Komponente immer stärker in ihr Verhalten. Sie genoss es zusehends Joe vermeintlich überlegen zu sein. Das Lächeln, mit dem sie seine wirren Geschichten kommentierte, wurde zunehmend gönnerhaft, fast herablassend.
Ihrer Figur nach zu urteilen hatte sie bereits ein Kind. Trotz der ekelhaft dicken Schicht Make-up waren die dunklen Augenringe deutlich zu sehen und die antoupierten Haare hätten eine Wäsche dringend nötig. An ihrem rechten Ringfinger war ein schmaler Streifen Haut heller als die übrige Hand. Private Probleme. Aller Wahrscheinlichkeit nach lag sie in Scheidung oder war kurz davor.
"Harry, willst du auch ein Eis?" Erst als ihn eine Hand schüttelte, nahm er den Blick von der neuen Schwester. Harry musterte den Mann zu seiner Rechten kurz, dann schüttelte er den Kopf.
"Wieso nicht? Ich und Maxi wollen eines", erklärte er mit unnatürlich hoher Stimme.
"Frag doch, ob du ein Eis bekommst, Ben", erwiderte Harry und lächelte das etwa sechsjährige Ich seines Gegenübers kurz an.
"Aber…", Ben warf der neuen Schwester einen unsicheren Blick zu und drückte den weißen Plüschhasen Maxi an sich.
"Maxi traut sich nicht", erklärte er und griff nach Harrys Hand. "Kannst du nicht mitkommen?" Harry nickte langsam und stieß sich vom Holztisch weg. Ben folgte ihm, den Hasen fest an sich gedrückt.
"Weißt du, wie sie heißt?", fragte er und trat hinter Harrys Rollstuhl, um ihn zu schieben.
"Betsy, glaub ich."
"Magst du sie?" Ben sprang hinter dem Rollstuhl hervor und griff nach Harrys Hand. Harry zuckte mit den Schultern.
"Entweder du schiebst mich oder du musst meine Hand loslassen, Ben." Der Mann gehorchte, wich allerdings nicht mehr von seiner Seite.
"Du, Betsy, kriegen ich und Maxi ein Eis?", fragte Ben unsicher und drückte den Hasen an sich. Er sah die neue Schwester nur kurz an.
"Ein Eis?", wiederholte sie überrascht. Harry verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete jede ihrer Bewegungen aufmerksam.
"Nein, Mr. Bennet. Essen gibt es um 6 Uhr, das wissen Sie doch", erklärte sie.
Als sie Ben mit 'Mr. Bennet' ansprach, zuckte Ben sichtlich zusammen. Er sah sich zu allen Seiten um, begann zu zittern und Tränen stiegen ihm in die Augen. Er griff nach Harrys Armen, sank auf seinen Schoß und drückte den Kopf gegen Harrys Schulter.
"Schon gut. Er ist nicht hier. Alles gut. Ich hab dich. Keiner tut dir was", flüsterte er und streichelte ihm über den Rücken.
Betsy sah die beiden unsicher an.
"Verbringen Sie lieber mehr Zeit mit Ihrem Kind. Und bringen sie Ihre Beziehungsprobleme lieber wieder in Ordnung, bevor Sie hier neue auslösen", zischte Harry sie kalt an. Die Krankenschwester wurde bleich.
"Woher wissen Sie…?", stammelte sie und wandte sich empört, beinahe hilfesuchend zu ihren weißgekleideten Kollegen um, die herankamen.
Ein breitgebauter Pfleger mit langen Haaren und Bart musterte Harry kurz und seufzte.
"Ist es wieder soweit?", fragte er und trat hinter seinen Rollstuhl.
"Geben Sie ihm was zum Schlafen", meinte Harry knapp und wandte sich flüsternd an Ben, um ihm mitzuteilen, dass man ihn ins Bett bringen würde. Ben reagierte nicht.
"Was hat es ausgelöst?", fragte eine Schwester, die neben ihnen herlief.
"Ihre inkompetente neue Anschaffung. Wäre sinnvoller, wenn sie ihren Mann bekochen würde…"
"Mr. Livingston, werden Sie nicht wieder ausfallend!", unterbrach ihn der Pfleger. Harry wandte mit kalten Augen den Kopf, verfiel allerdings in Schweigen.
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"Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass er mit Ihnen spricht, Mr. Glaser. Ich glaube, er ist noch bei Mr. Bennet im Zimmer, aber wenn er rauskommt, können Sie Ihr Glück versuchen."
Glaser zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Mein Glück?", wiederholte er skeptisch.
Die Krankenschwester nickte.
"Er spricht praktisch nicht und verweigert alles, jede Behandlung. Er spricht nur, um das Pflegepersonal und manchmal die Patienten zu verletzen. Vor ein paar Monaten hat er eine unserer Ärztinnen soweit getrieben, dass sie jetzt selbst in Behandlung ist und den Beruf aufgegeben hat. Mr. Bennet ist der Einzige, mit dem er sich gut versteht."
"Kann ich mir vorstellen. Er war früher auch immer schon etwas schwierig."
