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Ein politisch brisanter Küstenkrimi, der Klartext spricht Als ein Ausflugsschiff mitten auf der Flensburger Förde von einer rechtsextremen Regionalpartei gekapert wird, gerät nicht nur die Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins in Bedrängnis, sondern auch die Demokratie selbst. Unter den Geiseln befindet sich zudem die Familie von Ex-Kommissarin Marie, die gemeinsam mit ihrer Freundin Frauke fieberhaft nach einem Ausweg sucht. Während sich die Lage auf See zuspitzt, tickt die Uhr unerbittlich – denn die Entführer wollen mit aller Macht eine Koalitionszusage erpressen. Ein packender Gesellschaftskrimi aus der Schleiregion, der mit authentischem Küstenflair die Themen unserer Zeit auf den Punkt bringt.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Arnd Rüskamp ist am südlichen Rand des Ruhrgebietes am Baldeneysee geboren. Er hat Publizistik studiert, war Reporter und Moderator, Soldat und Biker, Autor und Verleger. Er lebt im Ruhrgebiet und in seiner Wahlheimat zwischen Schlei und Ostsee.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und fast alle Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
www.emons-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: mauritius images/Georg Berg/Alamy/Alamy Stock Photos, shutterstock.com/kuzmaphoto
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept
von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Hilla Czinczoll
E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd
ISBN 978-3-98707-354-0
Küsten Krimi
Originalausgabe
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Für die Demokratie. Mein Hobby ist: Leben.
Dieses Buch ist so, wie es ist, weil: Das Gute und das Böse. Laut und leise. Immer ist alles überall. Wir sind aufmerksam und vergessen nicht zu lieben.
Erst das Alltägliche ermöglicht das Unvorstellbare.
»Un panorama exceptionnel!«
»Allerdings.«
»Du sprichst Französisch?« Ele schaute anerkennend.
»Ich bin eine Frau mit vielen Talenten, ma chérie.«
Auf ihre Räder gestützt, schauten sie über das beinahe weiße Geröllfeld des Mont Ventoux hinaus in die grüne Landschaft Südfrankreichs.
»Nur neunzig Kilometer bis Marseille«, stellte Ele fest.
»Aber eine unendliche Reise zu uns selbst.«
Kaum Wind. Marie hörte Ele atmen. Dann stiegen sie wieder auf. Nur noch wenige Kehren trennten sie vom Gipfel.
Im letzten Sommer hatte sich Marie fest vorgenommen, »ihren« Berg mit dem Rad in Angriff zu nehmen, und zwar von Bédoin im Südwesten aus. Steiler ging es nicht. Sie hatte den Wetterbericht verfolgt, sich für eine kühle, windarme Woche entschieden, und dann hatte sie Ele eine Postkarte geschrieben. Vorgestern war sie auf den gekiesten Parkplatz der Wohnung gefahren, die Ele gemietet hatte. Ele hatte hinter einem der Fenster gestanden. Die Gardine hatte sie zur Seite geschoben. Sie hatte auf Marie gewartet, wie Andreas manchmal auf sie wartete.
Sie hatten wenig gesprochen, die Räder vorbereitet, die Route angeschaut. Schließlich waren sie zu Bett gegangen. Getrennte Schlafzimmer. Beim Anstieg dann in den frühen Morgenstunden waren beide an die Grenze ihrer Ausdauer gestoßen. Sie waren nicht miteinander, sie waren gegeneinander gefahren. Es hatte wehgetan, das Kämpfen und das Schweigen. Was sie verband und was sie trennte, wog schwer.
Vor zehn Jahren hatten sie einander zum ersten Mal in die Augen geschaut. Zwischen ihnen hatte der tote Körper eines Junkies gelegen. Die Kälte des schmucklosen Raumes im Keller der Rechtsmedizin war gewichen.
Oft hatten sie dort gestanden. Ele, die Ärztin, Marie, die Polizistin. Öfter waren sie auf der Kiellinie am Wasser der Förde entlanggeschlendert, waren sich nah und näher gekommen. Vielleicht zu nah. Das jedenfalls hatte Marie gespürt. Ihre Beziehung – ungeklärt. Ein Dilemma, das sie kaum mehr aushielt.
Der Gipfel war überwunden. Die Brasserie Le Vendran gleich unterhalb des Observatoriums, das den Bergriesen der Provence überragte, gar dominierte. Jedenfalls erschien es Marie so. Ein Symbol der menschlichen Überlegenheit, die es tatsächlich nie gegeben hatte. Maries Knie schmerzte, Ele war rechts abgebogen, hatte sich an einen freien Tisch gesetzt, noch bevor Marie ihr Rad gegen Eles gelehnt hatte. Der Atem der Frauen ging laut, vier Unterschenkel teilten sich den Stuhl jenseits des Tisches. Schweiß tropfte von Nasen und rann an den Schläfen herab.
»Da haben wir es uns aber gegeben«, stellte Ele japsend fest. Sie bestellten beide Omelette du sommet, Wasser und Weißwein. Die Frauen erinnerten sich an die gemeinsame Arbeit im Rahmen verschiedener Todesfallermittlungen. Ele hatte als Rechtsmedizinerin bisweilen einen anderen Blick auf die großen Themen von Recht und Unrecht. »Der Tod fragt nicht nach Schuld«, war sie sich sicher. Anekdote reihte sich an Anekdote, bis beide nach oben sahen und mit ihren Blicken einem Raubvogel folgten, der beinahe ohne Flügelschlag nach Beute Ausschau hielt.
»Irgendwann müssen wir Entscheidungen treffen«, orakelte Marie. »Wir weichen einander aus.«
Ele drehte den Kopf zu Marie, die keine Armlänge von ihr entfernt saß. »Ich habe mich entschieden, Marie. Vor langer Zeit. Für dich. Und du weißt das.«
»Vous voulez autre chose?« Der Kellner trat von hinten an den Tisch und hielt erneut die Speisekarte bereit.
»Noch einen Wunsch?« Ele stieß Luft durch die Nase aus und schüttelte den Kopf.
»Non merci, l’addition, s’il vous plaît.« Marie zog eine Kreditkarte aus einer Seitentasche ihres Rucksacks. Sie zahlte, der Kellner ging.
»Eine unendliche Reise zu uns selbst also. Hast du einen Sommerkurs Philosophie an der VHS belegt, Marie?«
»Mir ist nicht zum Scherzen zumute. Du bist ein wichtiger Mensch in meinem Leben, in das du aber nicht passt, weil du gewissermaßen mit Andreas um die Position an meiner Seite konkurrierst.«
»Ich konkurriere mit niemandem.« Ruckartig zog Ele ihre Beine vom Stuhl, den sie sich geteilt hatten.
»Ele, wir waren und sind einander sehr nah. Aber ich stelle meine Beziehung zu Andreas nicht in Frage. Du bist so was wie meine Privatdroge, von der ich nicht lassen kann.«
»Droge?« Ele war laut geworden, zog die Augenbrauen nach oben und stand auf. »Da hilft leider nur Entzug.« Sie zuckte mit den Achseln, küsste Marie auf die Stirn, stieg auf ihr Rad, wendete und trat so kräftig in die Pedale, dass kleine Steinchen vom Hinterrad in Maries Richtung flogen.
»Aus den Augen, aus dem Sinn«, wisperte Marie und fragte sich, was sie hoffen sollte, was sie hoffen durfte. Sie hatte Ele verletzt, und sie hatte sich selbst verletzt. Privatdroge, wie war sie nur darauf gekommen? So sehr hatte sie sich Klarheit gewünscht, und so unmöglich erschien es ihr noch immer, mit oder ohne Ele zu sein. Eine Zwickmühle, aus der sie nicht herausfand.
Sie stand auf und verzog das Gesicht. Der steile Anstieg hatte ihrem linken Knie nicht gutgetan. Aufs Rad zu steigen fiel ihr schwer. Nur gut, dass es von hier an bergab ging.
Als sie anderthalb Stunden später das Ferienhaus in Bédoin erreichte, war Ele bereits abgereist.
Blätter lagen auf dem Weg. Manche waren leuchtend gelb, andere intensiv rot. Es raschelte, wenn sich seine Schuhe zwischen sie schoben. Er ging langsam. Was die Natur hervorbrachte, behandelte er mit Respekt. Beinahe zärtlich waren die Schritte, die ihn über den Parkplatz hinweg dem Haupteingang des vielgeschossigen Gebäudes näher brachten.
Ob er die grüne Cordjacke ausziehen sollte? Es war Oktober, aber der Herbst war warm wie ein später Sommer. Sie sollte nicht sehen, dass er schwitzte.
Für die Prüfung war Raum S 06.23 vorgesehen. Das S markierte die Südseite des Komplexes, in dem die Geisteswissenschaften eine Heimat auf dem Campus gefunden hatten. Die Sonne stand bereits tief an diesem Nachmittag und würde ihm von rechts ins Gesicht scheinen. Die Prüfungskommission säße im Schatten, den der Fahrstuhlschacht warf.
»Soziale Arbeit«, las er auf dem Schild neben der Glastür. Die schwarze Schrift war verblichen.
Den Flur betrat er gleichzeitig mit der Dekanin, die alle nur »die Dekanin« nannten. Noch nie hatte er sie lachen sehen. Alle Jungs standen auf sie. Er auch. Aber er fühlte mehr, er bewunderte sie und war sich sicher, dass er verliebt war. Sie war Juristin und würde ihn heute zum Thema Inobhutnahme befragen. Damit kannte er sich aus, war er doch selbst insgesamt vier Mal von Mitarbeitern des Jugendamtes direkt aus der Schule abgeholt worden.
Eine halbe Stunde später stand er vor der Prüfungskommission und hörte sich sagen: »Das JA ist gemäß Paragraf 42, 8a IIISGBVIII zur Inobhutnahme berechtigt und verpflichtet, wenn eine familiengerichtliche Entscheidung nicht abgewartet werden kann, weil Gefahr im Vollzug ist.«
Die Dekanin fragte nach. »Gefahr im Vollzug?«
Er nickte.
»Und wer vollzieht, wenn Gefahr im Vollzug ist, Herr Hölenborn?«
Er geriet ins Stottern, hatte das Sozialgesetzbuch mit dem Strafgesetzbuch verwechselt und nicht mehr zurück in die Spur gefunden. Verunsicherung war seit der Grundschule seine Begleiterin gewesen.
»Büschen Verzug, Herr Hölenborn. Kein Ding. Sie treten einfach noch mal an, wenn Sie sich gut vorbereitet haben. Schöne Jacke, übrigens. Moin.« Die Dekanin stand auf und ging.
Frederik Hölenborn verließ den Ort seiner Niederlage, kaufte sich im Kiosk am Langsee ein Sixpack Astra und zwei Flachmänner Mariacron, setzte sich in die Laube von Dieter, seinem Nachbarn, und soff, bis er alle Kränkungen vergessen hatte.
Die Tomaten sahen nicht gut aus. Kohl vertrug er nicht. Frederik Hölenborn hatte keine Wahl. Für das Mittagessen blieb nur der Spinat. Welke Blätter, die im Supermarkt aussortiert worden waren. Kartoffeln hatte er noch, Zwiebeln auch. Er würde einen Auflauf kochen. Im Wohnheim konnte er die Gemeinschaftsküche mitbenutzen. Das war hilfreich. Einen Herd würde er sich vorerst nicht leisten können.
Gouda zum Überbacken hatte er schon in den Korb gelegt, den ihm seine Oma vererbt hatte. Oma Gertrud, die er früher Klimperoma genannt hatte. Kein Besuch, bei dem sie ihm nicht ein paar Münzen zugesteckt hatte. Lange hatte er geglaubt, sie sei reich. Vor einem Jahr war sie gestorben und anonym bestattet worden. Die Kosten hatte das Amt getragen. Aber der Korb war handgeflochten. Oma Gertrud hatte ihm erzählt, wie sie ihn bei Korbmacher Sell gekauft hatte. Danach waren sie und ihr Mann mit Frederiks Mutter zu einem Picknick ins Vieburger Gehölz gegangen. Sie hatten Frikadellen und Kartoffelsalat gegessen. Der Korb war ein sogenannter Männerkorb, weil man auch schwere Sachen in ihm transportieren konnte. Frederiks Mutter war vor der Oma gestorben. Gut so.
Hierher zur Tafel kam er gern. Das Angebot brachte ihn auf Ideen, die Leute waren freundlich, und nachher ging er meist noch rüber zur Hörnspitze. Aufs Wasser zu gucken, beruhigte ihn. Fern von Meer und Seen zu leben, konnte er sich nicht vorstellen. In Kiel war es nie weit bis zum Wasser. Er mochte seine Geburtsstadt.
Die Schlange rückte vor. Birnen gab es auch. Theodor Fontane, dachte Frederik. Dessen Texte hatte er schon immer gemocht.
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit …
Statt derer kam die Dekanin. Aber er konnte nicht weg. Kein zweiter Ausgang. Er zog den Kopf ein, schlug den Kragen hoch. Zu spät.
»Ach, die Cordjacke. Finde ich gut, dass Sie sich hier engagieren. Das werde ich mir merken.« Dann drehte sie sich um und verschwand mit Matz Mathiesen, dem Minister für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung, im Treppenhaus. Frederik Hölenborn ging den beiden nach.
Das Ministerium lag gleich gegenüber. Die beiden schlenderten, tuschelten, lachten. Sie konnte also doch lachen. Der Minister bog nach links in den roten Backsteinbau der Landesbehörde ab, die Dekanin ging an den Parkbuchten entlang, zog ihr Handy aus der Hosentasche, lehnte sich an ihr Auto, einen Oldtimer mit Verbrennungsmotor. Frederik fand das heiß. Die Frau und das Auto.
Aus der Umhängetasche zog er das zerlesene Exemplar seines Lieblingsbuches. »Soziologie – Kapitalismus – Kritik«, mit Gedanken des Soziologen Hartmut Rosa, den er bewunderte. Die Dekanin mochte alles, was analog war, was sie anfassen konnte. Er wusste das, weil eine Nachbarin im Sekretariat der Dekanin arbeitete.
Die Dekanin telefonierte, hatte sich weggedreht und schaute Richtung Hörn. Ihr Lachen perlte. Wie sie die Beine stellte. Er überquerte die Straße, näherte sich ihr von der Seite. Auf ihrer Höhe, etwa am Rande ihres Blickfeldes, ließ er das Buch fallen, sagte: »Ups«, und bückte sich. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, schob eine Haarsträhne hinter ihr rechtes Ohr, deutete einen Gruß an und drehte den Kopf wieder zurück. Er hob das Buch auf. Das Cover schwarz, die Schrift gelb. Er mochte die Farbkombination. Sein Vater, den er zuletzt als Siebenjähriger gesehen hatte, war Fan von Borussia Dortmund gewesen.
Die Dekanin sprach Spanisch. Die Sprache, die Stimme. Sie sagte: »Hasta luego«, und schob das Handy in die Gesäßtasche der Jeans, die hauteng saß.
»Sie schon wieder. Beim nächsten Mal geben Sie einen aus.«
Er trat einen Schritt näher, sah, dass sie das Buch sah. »Gern lade ich Sie gleich jetzt ein. Ein Eis vielleicht? Es ist heiß.«
Sie lachte. »Heiß? Soso. Süß. Aber – nicht böse sein, wir sind ja keine fünfzehn mehr. Nicht einmal Sie. Moin.« Dann öffnete sie die Tür des roten Alfa Romeos, zog das Handy aus der Gesäßtasche, ließ es auf den Beifahrersitz gleiten. Wie sie sich bewegte, sich setzte. Er wollte diese Frau, wie er nichts sonst wollte.
Der Motor sprang an. Das hörte man immer seltener, dieses kraftvolle Röhren. Sie setzte zurück. Er stand wie angewurzelt auf der Straße, nur anderthalb Meter von ihr entfernt, und doch war sie unerreichbar. War sie das wirklich, unerreichbar?
»Liebe erreicht alles«, hatte seine Oma immer gesagt.
Sie hielt, er stand am rechten hinteren Kotflügel. Im Außenspiegel erhaschte er ihren Blick. Sein Herz schlug höher. Sie legte den ersten Gang ein und gab Gas. Kitschig, dachte er. Wie sich der Traum in Rot entfernt. Alberne Einstellung eines wenig begabten Regisseurs. Dann sagte er laut: »So what!«, und er wusste, dass er sie wollte. Unbedingt.
Frauke warf die Rose ins Meer. Sie schwamm, wo sich Richards Asche mit dem Wasser der Ostsee vermischt hatte. Richard hatte sie bei guter Gesundheit zuletzt vor fünf Jahren gesehen. Beim Abitreffen im Alt Poller Wirtshaus auf der schäl Sick. In Köln-Deutz waren sie zur Schule gegangen. Richard war Schülersprecher gewesen, ein unangepasster Typ. Er hatte Maschinenbau studiert, bei Ford gearbeitet und war vorhersehbar im Reihenhaus verblüht. Nahezu jedenfalls. Kurz vor dem Stadium Fernsehsessel mit Beinauflage hatte er eine Frau kennengelernt, die im Begriff stand, um die Welt zu segeln. Er war ihr Vorschoter und Liebhaber geworden. Drei Jahre später hatte ihn der Krebs aufgefressen. Auf dem Sterbebett hatte er zu Frauke gesagt, dass er dreißig weitere Jahre im Nebel des Vorruhestandes nicht gegen die letzten vier Jahre auf dem Meer eintauschen würde. »Gischt geht immer«, waren seine letzten Worte gewesen.
Die Welle in der Flensburger Förde kam mit viel gutem Willen auf sieben Zentimeter. Mit Gischt war vorerst nicht zu rechnen. Frauke hoffte, dass die Strömungen Richard wohlgesonnen sein würden. Dass er in der mobilen Palliativbetreuung an sie und Andreas geraten war, konnte Frauke nur als Fügung deuten, obwohl sie ihren Glauben inzwischen verloren hatte. Zu seiner Familie in Köln hatte er den Kontakt abgebrochen, und nun war Frauke in seinen letzten Tagen die Verbindung zur eigenen Vergangenheit gewesen. Sie hatten über ehemalige Mitschüler gelacht, »Mer stonn zo dir, FC Kölle« gesungen und wenige Stunden vor seinem Tod ein Kölsch getrunken.
An Bord der »Feodora II« war Richard noch mal rausgefahren und zwischen der dänischen und deutschen Küste seinem Element übergeben worden.
»Ob man sich da wohl trifft?« Fraukes Partner hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt.
»Im Wasser?«
»Oder später im Fisch. Sind ja irgendwie alles doch nur Moleküle. Vielleicht sehen wir uns einst im Obstgarten von Maries Schwiegereltern wieder. Du als süßes Früchtchen und ich als wilder Wesperich.«
»Fröbe, das Schaukeln bekommt dir nicht.« Frauke schaute auf die Uhr. »In einer Viertelstunde haben wir festen Boden unter den Füßen. Das wird schon wieder. Ich habe übrigens eine Idee.«
»Hör auf. Eine Idee. Sachen gibt’s.« Fröbe zog Frauke auf eine der Bänke des Oberdecks. Die anderen Gäste der Seebestattung saßen im Salon. Es gab, was Leib und Seele zusammenhielt – Fischbrötchen und Flens. Für Richards Freund Jochen aus Köln auch ein Kölsch. Alkoholfrei. Jochen musste noch fahren.
»Pass auf. Marie und Andreas haben doch Silberhochzeit. Ich weiß das von Andreas. Marie verschweigt mir so was ja immer. Fünfundzwanzig Jahre. Das ist echt ein Brett, und ich finde, das gehört gefeiert.«
»Du meinst, gesägt.«
»Ach, Fröbe. Du bist albern. Das ist eine Beerdigung hier. Also, wir chartern die ›Feodora II‹ und brennen ein Fest ab, das niemand mehr vergisst. Was sagst du?«
»Riiiisiko«, unkte Fröbe.
Marie war eine Spielverderberin, wenn es ums Feiern in eigener Sache ging. Sie trug diese sprichwörtlich spröde norddeutsche Mentalität in sich, ohne es zuzugeben. Stur qua Geburt sozusagen. Aber immerhin hatte sie eine wilde Jugendzeit im Ruhrgebiet gehabt. Da sollte doch zumindest eine kleine Partymaus in ihr stecken. Solange andere im Mittelpunkt standen, konnte sie tatsächlich richtig abgehen. Bei eigenen Geburtstagen oder anderen Jubiläen glänzte sie durch Abwesenheit. Sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Früher, als sie noch Polizistin gewesen war, hatte sie ganz zufällig an ihrem Geburtstag immer Dienst gehabt.
»Fröbe, wir machen das einfach sehr clever. Wir sagen nichts.«
Fröbe nickte anerkennend. »Frauke, Raffinesse ist wirklich dein zweiter Vorname.«
»Brauchst dich nicht lustig zu machen. Es gibt eben solche und solche Patienten. Die einen wollen en détail wissen, wie lang die Klinge des Skalpells ist, und den anderen ist gedient, wenn man eine Friseurgeschichte erzählt. Oder eben nichts. Marie ist am besten, wenn sie unvorbereitet ist.«
Kurz hob Frauke beide Hände. »Nicht missverstehen, sie ist auch sonst gut, aber wenn plötzlich Flammen aus dem Küchencontainer schlagen, ist sie unbesiegbar. Und auf dem Schiff hier, da kann sie nicht weg. Das ist doch Bombe, oder?«
»Bombe. Ich will nichts damit zu tun haben. Soll sie dir den Kopf abreißen.«
Matthias, einer der Eigner der »Feodora II«, erklomm die Treppe, die achtern das Ober- mit dem Unterdeck verband.
»Matthias, gut, dass du kommst. Hast du einen Moment?«
Matthias setzte sich neben Frauke.
»Habt ihr übrigens schön gemacht, das mit Richard.« Frauke deutete mit dem Daumen in unbestimmte Richtung über die Schulter. »Kann ich mir für mich auch vorstellen.«
»Erstens danke, und zweitens, hoffentlich dauert das noch.«
»Man weiß das nicht. Es kann jede jederzeit erwischen. Und darum ist es ja so wichtig, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Ich möchte euer schönes Schiff chartern.«
Fröbe stand auf. »Die Fischbrötchen«, sagte er und verschwand im Salon.
Matthias und Frauke einigten sich auf Termin, Abfahrtszeit und die Anzahl der Gäste.
»Um das Essen kümmerst du dich mit deinem Catering-Service bestimmt selbst, oder?«, fragte Matthias.
»Auf gar keinen Fall. Das ist Freizeit. Ihr macht das schon. Die Fischbrötchen sind wirklich klasse. Dazu Currywurst, einen veganen Snack und bitte alles glutenfrei. Maries künftige Schwiegertochter hat Zöliakie.«
Kenn ich. Kein Problem. Ungefähr ein Prozent der Menschen schlagen sich damit rum. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.«
»Wow, du weißt gut Bescheid.«
»Eine Freundin hat die Diagnose relativ frisch. Ziemlich kompliziert, dem Gluten auszuweichen. Es reicht ja nicht, wenn du kein Getreide zu dir nimmst. Eine mit Mehl angedickte Soße, und schon hast du ein Problem.«
Die »Feodora II« drosselte das Tempo.
»So, wir legen gleich an. Sind wir so weit klar?«
Frauke nickte.
»Das freut mich. Ich schicke dir eine Auftragsbestätigung, und du guckst bitte noch mal drüber.«
Matthias ging. Fröbe kam.
»Du Drückeberger«, begrüßte ihn Frauke.
»Ich drück mich nicht. Ich akzeptiere die Abneigungen und Vorlieben meiner Mitmenschen.«
»Marie ist nicht mein Mitmensch.« Frauke malte Gänsefüßchen in den strahlend blauen Himmel über Langballigau. »Sie ist meine beste Freundin, und du solltest wissen – über deine Vorlieben und Abneigungen setze ich mich auch hinweg, wenn das gut für dich ist.«
Fröbe schüttelte den Kopf. »Da kommen wir nicht zusammen. Ich verstehe deine gute Absicht. Aber die Unantastbarkeit der Autarkie des Einzelnen bewerte ich höher.«
Ein kaum merklicher Ruck ging durchs Schiff, als die »Feodora II« mit dem Rumpf an der Backbordseite die Anlegedalbe touchierte. Der Kapitän hatte ein sensibles Händchen.
»Mein Handy. Verfluchter Mist. Wo ist mein Handy?« Fröbe drehte sich hektisch um sich selbst.
»Auf der Dalbe, Herr Hauptkommissar. So unsouverän kenne ich dich gar nicht. Erwartest du noch einen wichtigen Anruf?«
»Spitzenkräfte wie ich sind immer im Dienst. Unspezifische Bedrohungslage. Der Feind schläft nicht. Weißt du überhaupt, warum die Dalbe Dalbe heißt? Eher nicht, oder? Hattet ihr sicher nicht in Fachchinesisch für Göttinnen in Weiß.«
Frauke lachte gekünstelt. »Fachchinesisch. Soso. Unsereins spricht hier eher von anatomischer Nomenklatur, oder genauer: Pariser Nomina Anatomica. Die eindeutige Bezeichnung eines Organs kann durchaus lebensverlängernd wirken. Und, um auf deine Frage zu antworten: Nein, ich weiß nicht, warum die Dalbe Dalbe heißt. Bei uns in Köln reicht es, wenn man weiß, warum der Köbes Köbes heißt.«
Fröbe legte seinen Arm um Fraukes Schulter. Eine Geste, die männlich, lässig und dominant gleichzeitig wirken sollte. Frauke wusste das. Sie hatten oft über Körpersprache gesprochen, weil sie in ihren Berufen eine wichtige Rolle spielte.
»Nun, ich erkläre es dir gern. Wir sind so geschichtsvergessen, dass es mich bisweilen schmerzt. Es war der Herzog von Alba, also der Duc d’Albe, der die Pfähle einst in den Niederlanden einführte, damit mehr Schiffe in den Häfen festmachen konnten. Seitdem spricht man nicht nur in Deutschland von Duckdalben. Duc d’Albe, du verstehst?«
»Fröbe, das ist wirklich interessant. Danke. Wann war das, mit dem Herzog?«
»Uff, ich tippe auf Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.«
Frauke nahm Fröbes Arm von ihrer Schulter und umfasste seine Hand. »Schön, dass wir was voneinander lernen können. Und was die Party angeht: Mir ist es auch wichtig, nicht über andere Menschen zu verfügen. Aber in diesem Fall bin ich absolut sicher, dass Marie sich freuen wird, wenn wir erst mal ausgelaufen sind und die richtige Mucke läuft.«
So schlenderten sie den Kai entlang und hatten beinahe vergessen, dass sie gerade von einer Beerdigung kamen.
»Der Köbes heißt übrigens Köbes, weil das die Kurzform von Jakob ist. Hat vielleicht was mit dem Jakobsweg zu tun. Aber genau weiß ich das nicht. Weißt du denn, wie der weibliche Köbes heißt?«
»Klar, Kranzmarie.«
Sergiu stand vor dem Vollernter GRIMME REXOR. Der Rexor köpfte die Rüben nicht, er entblätterte sie. Darauf war sein Chef, der einer der größten Lohnunternehmer Schleswig-Holsteins war, mächtig stolz. Sergiu grinste und schaute auf sein Handy. Raluca hatte sich auch entblättert. Sie stand am Mamaia Beach an der rumänischen Schwarzmeerküste und warf ihm Luftküsschen zu. Im November würden sie heiraten. Aber jetzt war erst mal die Ernte der Frühkartoffeln dran. Sergiu hatte gehört, wie nervös die Landwirte waren. Frühkartoffeln aus Ägypten kosteten im Supermarkt halb so viel wie Kartoffeln aus der Region. Er kannte zwei Höfe, die direkt vermarkteten, anders kamen sie nicht auf ihre Kosten.
Er klickte auf ein Herzsymbol, dann auf Senden und steckte das Handy in die Brusttasche seiner Latzhose. Er konnte es kaum erwarten, Raluca im Herbst wiederzusehen. Bis dahin würde er eine Stange Geld verdient haben und sie mit der Zusage für einen Studienplatz an der Fachhochschule in Kiel überraschen. Er würde Agrarwirtschaft studieren und bei seinem Chef einsteigen. Leider war Ralucas Deutsch noch nicht so gut. Aber sie war schlau, und als Krankenschwester würde sie sicher schnell eine Anstellung finden. Ihre Zukunft lag in Deutschland, da waren sie sich einig.
Bis zum Beginn seiner Schicht hatte Sergiu noch zwanzig Minuten Zeit. Er war eigentlich immer der Erste in der Halle. Aus seinem Spind holte er seine aktuelle Lektüre hervor. »Ernährung, Nahrungsmittelmärkte und Landwirtschaft – Ökonomische Fragestellungen vor dem Hintergrund der Globalisierung«, lautete der Titel des Buches. Eine spannende Lektüre, weil Sergiu darüber nachdachte, wie man die spezifischen Vor- und Nachteile von Standorten zum Wohle von Mensch, Tier und Umwelt clever nutzen könnte.
Kaum hatte er sich auf einen der Strohballen gesetzt, betrat Ulf schlurfend die Halle. Sein schleppender Gang war eine Provokation für alle, die sich schneller bewegten als die Larve einer Kartoffelmotte.
»Moin, Ulf, früh dran heute. Aus dem Bett gefallen?« Sergiu freute sich. Er hatte in den letzten Wochen deutsche Redewendungen gebüffelt.
»Große Fresse, unser Balkan-Bimbo.« Ulf schlurfte auf Sergiu zu, blieb in einem Abstand von gut zwei Metern stehen und zog ein Springmesser aus der rechten Tasche seiner blauen Arbeitsjacke.
»Ho, ho, ho.« Sergiu hob abwehrend beide Hände. »Vorsicht. Gefährlich, solche Messer.«
»Ach, jetzt hast du die Hosen voll? Zu Recht, du hinterlistige Drecksau. Du hast den Stundenzettel gefälscht. Ich weiß das. Am Ende kriege ich weniger raus und du mehr. Ganz schlechte Idee.«
»Ulf, ich habe mit den Stundenzetteln nichts zu tun. Das macht Georg, der Vorarbeiter. Du weißt das.« Er wich einen Schritt zurück, stand nun mit dem Rücken am kalten Blech des Vollernters.
Ulf spielte mit dem Messer. »Red keinen Scheiß. Außerdem hast du Sylvie schöne braune Augen gemacht. Du willst unsere Frauen? Vergiss es.«
»Ich kenne keine Sylvie. Ich bin verlobt mit Raluca.«
»Fresse. Raluca. Klingt wie Rucola. Voll bitter.« Ulf lachte und kam näher. »Wir haben zusammengesessen gestern, und was soll ich sagen? Wir wollen, dass du dich verpisst. Heute noch. Sonst schneiden wir dich in Stücke und machen Balkanwurst aus dir. Hast du das verstanden?« Ulf stieß Sergiu mit der linken Hand gegen den Rexor, der Sergiu den Fluchtweg versperrte.
»Okay. Sobald die Saison rum ist, bin ich weg. Und jetzt steck das Messer weg, sonst rufe ich die Polizei.«
»Der Balkan-Bimbo ruft die Polizei? Ich fass es nicht. Was glaubst du, wer hier auf der Wache der Chef ist? Mein Onkel Sören ist da der Chef.«
Sergiu machte einen Schritt nach links, Ulf rammte ihm die doppelt geschliffene Klinge unter die Rippen, zog sie rasch aus Sergius Körper heraus und stieß erneut zu. Er hatte im Internet gesehen, wie man das macht. Er wusste, wie man das Herz erwischt. Sergiu sackte auf die Knie, hielt sich den Bauch und dachte an Raluca. Dann verblutete er.
»Sag doch nicht immer Leo, das kann Leonhard nicht leiden. Hat er schon ein Dutzend Mal gesagt.«
»Ruhig, Marie. Ist ja gut. Ich habe Leonhard jedenfalls versprochen, dass wir ihn im nächsten Jahr zum Bulli-Festival nach Fehmarn mitnehmen. Er hat sich gut eingearbeitet, und ich traue ihm zu, dass er zum Beispiel die Kaffeebude eigenverantwortlich leiten kann.«
Marie war einverstanden. Selten genug, dass Frauke für die Geschmacksverstärker:innen, ihre gemeinsame Cateringfirma, Personalentscheidungen traf. Bei Leonhard war das anders. Sie hatten ihn vor einem halben Jahr eingestellt, und er hatte zufällig Fröbe kennengelernt. Inzwischen spielte er mit ihm und Andreas Snooker. Das war weder Marie noch Frauke wirklich recht, weil sich hier Job und Privates vermischten, aber bisher lief das Arrangement problemlos.
»Entscheidend ist, was hinten rauskommt.« Marie lehnte sich zurück. Das Geflecht des Strandkorbs quietschte. Sie wartete. Frauke hockte unbewegt auf der Kante und aß einen Apfel, wie nur Frauke einen Apfel aß. Sie biss sich mit System durch Schale und Fruchtfleisch, bis das Kerngehäuse samt Stiel entblößt war, wie die Kotflügel des Renaults, die Andreas unlängst sandgestrahlt hatte. Beide, Frauke wie Andreas, versanken in diesen Tätigkeiten, hatten sich im Strahlen und Knabbern verloren, dass ein Zen-Meister vor Neid erblasst wäre.
»Erde an Frauke. Wer hat das gesagt?«
»Was?«
»Entscheidend ist, was hinten rauskommt.«
»Helmut Kohl, 1984. Das war vier Jahre, nachdem er die geistig-moralische Wende gefordert hatte.«
Marie entwich ein gepresstes »Mist«. Frauke war nicht beizukommen. Sie hatte ein Monstergedächtnis. Marie verlieh beeindruckenden Leistungen neuerdings das Prädikat »Monster«. Das störte sie. Eine automatische Zuschreibung, unbewusst vorgenommen irgendwo im Sprachzentrum, und die Schuld gab sie Fußballkommentatoren, die einst die »Monstergrätsche« eingeführt hatten. Jetzt hing sie darauf fest.
Frauke hielt das Kerngehäuse am Stiel fest. Es baumelte leicht vor dem wolkenlosen Himmel über der Eckernförder Bucht. Sie schaute zufrieden über die linke Schulter. »Warum hast du das gesagt?«
»Was?«
»Das mit der Relevanz des Resultats.«
»Weil es stimmt. Wir sitzen hier im Strandkorb rum, du benagst den Apfel, ich starre bräsig auf meine brüchig werdenden Fingernägel, und trotzdem haben wir besprochen, was zu besprechen war, und der nächste Catering-Auftrag ist eingetütet. Während andere noch im Homeoffice schmoren, hören wir den Möwen zu.«
»Normal.«
»Hör mir bloß auf mit normal.« Marie richtete sich auf, sodass sie auf Augenhöhe mit Frauke kam, wenn sie den Kopf nach rechts drehte. »Was heute normal ist, macht mir zunehmend Angst.«
»Du warst eine toughe LKA-Ermittlerin. Gar nicht lange her.«
Marie stand auf und setzte sich Frauke gegenüber in den Sand. »Es geht nicht um Drogenhändler und Serienmörder. Die machen mir immer noch keine Angst. Die stehen auf der einen, der dunklen Seite, und wir, wir stehen auf der anderen, der hellen Seite. Wir kämpfen gegen sie auf einer gemeinsamen Basis, auf einer demokratischen Basis. Unser Konsens ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung.«
Frauke legte das Kerngehäuse auf das Klapptischchen des Strandkorbs und setzte sich ebenfalls in den Sand.
»Mir macht Angst, dass wir als Bürgerinnen und Bürger freier Gesellschaften die Orientierung verlieren«, sagte Marie. »Die Frau beim Bäcker schimpft auf ihre Nachbarn aus Moldau, weil die nach einem halben Jahr noch immer kein fehlerfreies Deutsch sprechen. Ich reg mich auf, weil der südländisch aussehende Typ mit seiner Protzkarre auf dem Behindertenparkplatz parkt, aber ganz offensichtlich sehr durchtrainiert ist, und Andreas, der neben mir sitzt, nickt. ›Typisch‹, sagt er dann auch noch.«
Marie griff nach einer Muschel und schob sie in die linke Hosentasche. Muscheln konnte man nie genug haben.
»Bei der letzten Bundestagswahl hat etwa ein Viertel der Wähler rechts gewählt. Ich weiß noch, wie irritiert ich war, als 2006 zur Fußballweltmeisterschaft überall Deutschlandfahnen hingen. Mit nationalen Symbolen hatten wir uns bis dahin ein bisschen zurückgehalten. Inzwischen sehe ich ganz andere Symbole aus der dunkelsten Zeit unserer Geschichte, und junge Männer fühlen sich männlich, wenn sie rechts sind. Rechts ist das neue Normal. Das macht mir Angst. Ich habe gestern mit einem ehemaligen Kollegen vom Verfassungsschutz gesprochen, der mir erzählt hat, dass sich bei uns eine Gruppe gebildet hat, die sich North Power nennt und dabei auf White Power bezieht.«
Frauke seufzte und rieb sich die Augen. »Fröbe hat gerade auch einen Fall aus dieser Schublade an der Backe. Das Säureattentat auf einen Kreistagsabgeordneten, der als Arzt Abtreibungen durchführt. Auf einem Überwachungsvideo sieht man den Täter mit einem T-Shirt, auf dem ›Leben schützen‹ steht. In einem amerikanischen Bundesstaat, der mir gerade nicht einfällt, wollen sie wieder ein Gesetz aus dem späten neunzehnten Jahrhundert aktivieren, in dem Abtreibung auch nach einer Vergewaltigung verboten wird.«
»Vorsicht«, rief Marie, und Frauke zog den Kopf ein. Hinter ihr holte sich eine Möwe das Kerngehäuse.
»Der Küstenkönig«, lachte Marie. »Die Möwen sind ja doch die wahren Chefs. Apropos. Wenn wir das Büfett unter freiem Himmel aufbauen, dann müssen wir uns tatsächlich überlegen, wie wir ungebetene Mitesser fernhalten. Das ist ja auch Naturschutzgebiet da oben. Höftland Bockholmwik. Wir in Schleswig-Holstein haben einfach die schönsten Namen.«
Frauke verzog das Gesicht.
»Du weißt das nicht? Ich erkläre dir, warum der Landstrich so heißt. Unter Holm verstand man im Altenglischen eine Erhebung. Heute ist es eine Bezeichnung für Inseln und Halbinseln. Den Holm in Schleswig wirst du ja kennen. Und Wik ist als Endung der Name für eine umzäunte Fläche. Kommt auch in Städtenamen vor. Sogar in meiner zweiten Heimat an der Ruhr. Kettwig war mal eine eigenständige Stadt, wurde dann aber nach Essen eingemeindet.«
»Stopp!« Frauke hatte beide Hände gehoben. »Wenn mir nach Vorlesung ist, schreibe ich mich wieder an der Uni ein. Ich habe deinen Punkt verstanden. Wir stellen einfach die Fliegenschirme über die Platten. Easy. Und damit erkläre ich den Bürotag für beendet. Wir treffen uns Freitag um siebzehn Uhr auf dem Parkplatz in dieser abgeschiedenen Einöde, servieren Pilze und Kräuter aus der Region, Geschmortes vom Gallowayrind und Joghurt-Kiefernsprossen-Sorbet zum Dessert. Auch easy. Ich gehe jetzt rüber zu Fröbe. Wir haben noch gut zu tun in der neuen Bude. Ahoi.«
Mit dieser Ansage stand Frauke auf, wuschelte Marie durch die Haare und verschwand in Richtung Ostsee-Info-Center.
Frauke und Fröbe waren vor zwei Wochen vom Einfelder See nach Eckernförde gezogen. Sie fühlten sich wohl, aber Fröbe war nicht der geborene Handwerker und arbeitete nur auf Anweisung und unter Aufsicht. Dafür war er ein allseits bewunderter Ermittler, der Instinkt und sachliche Analyse verband und gern mit Fällen beauftragt wurde, an denen sich andere bereits die Zähne ausgebissen hatten. An manchen Tagen sehnte sich Marie zurück ins LKA, an Astrids, Sonjas und Bernds Seite. Im letzten Jahr hatte sie darüber nachgedacht, eine Detektei zu eröffnen. Dann hatten sie mit ihrer Cateringfirma drei Großaufträge hintereinander bewältigen müssen. Aber in diesem Herbst würde sie sich noch mal mit der Idee beschäftigen.
Erneut landete der Küstenkönig auf dem Tischchen des Strandkorbs. Marie fragte sich, ob Möwen im klassischen Sinne zahm werden könnten. Es gab ja noch so viel zu lernen.
Auf dem Weg zum Exer, dem großen Parkplatz direkt am Strand, vibrierte Maries Handy.
»Moin, Marie, hier ist Astrid. Du erinnerst dich an den letzten Käpt’n, wie wir ihn nannten? Der Zahnarzt aus Neumünster. Waffenschmuggel über den Nord-Ostsee-Kanal, du weißt schon. Jetzt sieht es so aus, als ob erneut Waffen nach Schleswig-Holstein gelangen. Womöglich aus derselben Quelle, aber dieses Mal nicht für die Mafia, sondern für gewaltbereite Rechtsextreme. Können wir mal dazu reden? Nicht dienstlich selbstverständlich. Ganz privat.«
»Um ehrlich zu sein, liebe Astrid. Lieber nicht. Ich bin ja keine Polizistin mehr, und –«
Astrid fiel ihr ins Wort: »Klar, kann ich verstehen. Vergiss es einfach. Wir sehen uns.« Dann legte sie auf.
Marie setzte sich in den Sand. Mit dem Rücken lehnte sie sich an die »Brücke über das Meer«, die der Künstler Ojārs Pētersons hier errichtet hatte. Die Holzkonstruktion wies hinaus über die Eckernförder Bucht und war so ausgerichtet, dass sie in Verlängerung der Sichtachse ihre Brückenschwester in Riga traf. Ein Symbol für Freundschaft und Verständigung zwischen Ost und West. Ob in Riga auch jemand an der Brücke saß und sich ein friedliches Miteinander wünschte? Vielleicht war Kitsch der wahre Pragmatismus.
Fünf Minuten später lenkte Marie FRIMO 2, das elektrisch angetriebene Frischemobil ihrer Cateringfirma, auf die B 76 in Richtung Kiel. Eine Verstimmung zwischen ihr und Astrid gehörte rasch bearbeitet.
Auf Schloss Noorgaard residierte Sigmar von Löwenstedt. Die Ahnenreihe war lang und reichte bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück. In Archiven der ostenglischen Stadt Norwich hatten sich gar Belege dafür gefunden, dass Löwenstedts Vorfahren zu den ersten Siedlern von East Anglia gehörten. Von Löwenstedt behauptete, es seien Angeln gewesen, die vor über zehntausend Jahren zu Fuß durch das Gebiet der heutigen Nordsee nach England gezogen seien. »Vergesst mir nicht das Doggerland«, rief er seinen Anhängern bisweilen zu und beschrieb eine Zukunft, in der ein überlegenes Volk aus Angelsachsen und Wikingern von Nordwesteuropa aus die Welt beherrschen werde.
Die Zufahrt zum Schloss beherrschten Alleebäume, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten. Die Trockenheit der letzten Jahre hatte den Linden zugesetzt, und von Löwenstedts Gärtner hatten empfohlen, sie zu fällen. »Linden, was wisst ihr über Linden!«, hatte von Löwenstedt ihnen geantwortet, »der Volksmund sagt, dass Linden dreihundert Jahre kommen, dreihundert Jahre stehen und dreihundert Jahre vergehen. Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr sehr viel eher gehen.«
Frederik Hölenborn saß hinter dem Steuer seines Mercedes 200 TE von 1988. Eine Ikone konservativer Kombis, wie er fand. Der Lack seriös steingrau, der Auftritt stets stabil. Konservativ zu denken und zu handeln entsprach ihm. Er hatte gesucht und nun seinen Standpunkt im Leben und für das Leben gefunden. Es galt zu bewahren, was Deutschland zu einem weltweit geachteten Land gemacht hatte. Da war sich Frederik sicher, und Sicherheit war kein Wert wie jeder andere. Sicherheit war das A und O jeder Gesellschaft.
Am Parkplatz wies ihn ein Bursche ein. So nannten sie in der AfW junge Männer, die eine paramilitärische Ausbildung durchliefen. AfW, das stand für Angeliter für Wachstum, und Frederik hatte verinnerlicht, was das bedeutete. Es ging der Organisation, wie sie die Partei intern nannten, nicht etwa vordergründig um Wachstum im volkswirtschaftlichen Sinne, es ging um das Wachstum jedes Einzelnen im Sinne der North-Power-Agenda, es ging um das Wachstum des Volkes, und es ging um das Wachstum der Weltregion, die eine saubere Zukunft der Erde gestalten würde. Sauber war für die AfWler mehr als ein Wort. Saubere Gedanken und sauberes Tun waren die Grundpfeiler für das angestrebte Wachstum.
Frederik, im Rang eines Junkers, stieg aus, der Bursche salutierte, und Frederik erwiderte den Gruß angemessen. Alle Menschen, auch solche, die ihm in der Hierarchie untergeordnet waren, verdienten Respekt, sofern sie die North-Power-Agenda befolgten. Er federte die Stufen der breiten Treppe hinauf, grüßte zwei weitere Burschen, die links und rechts neben dem Portal Wache hielten.
»Herr von Löwenstedt erwartet Sie in der Waffenkammer, Junker Hölenborn.«
Frederik kannte den Weg. Die Waffenkammer war ein unterirdischer Bunker, erbaut zu Zeiten des Kalten Krieges, denn von Löwenstedts Frau, eine polnische Adlige, hatte seinerzeit große Angst und wollte sich gegen Atomangriffe der Roten Armee schützen. Die Frau war verschwunden. Näheres war nicht bekannt, das Bauwerk war umfunktioniert worden.
Der Bunker war grundsätzlich so gebaut worden, wie die Bundeswehr in den sechziger und siebziger Jahren gebaut hatte. In zehn Meter Tiefe war eine drei Meter starke Bodenplatte gegossen worden. Auch die Außenwände und das gewölbte Dach waren ungefähr drei Meter dick. Im Innern bot der Bunker auf hundert Quadratmetern eine vollständig eingerichtete Wohnung sowie alle technischen Einrichtungen, um einen direkten Treffer und den Fallout zu überleben. Wie man auf die Idee kam, einen Atomkrieg überleben zu wollen, war Frederik ein Rätsel.
Von Löwenstedt stand an einer der Wandtafeln, die an der Längsseite der Waffenkammer angebracht waren. Tafeln, wie Frederik sie nicht mehr kennengelernt hatte. In seiner Schulzeit waren alle Klassenräume mit interaktiven Whiteboards ausgestattet gewesen. Das kreischende Geräusch der Kreide, die von Löwenstedt mit eiligen Bewegungen über die Oberfläche der dunkelgrünen Fläche führte, führte bei Frederik zu einer auditiven Missempfindung und Gänsehaut auf den Armen.
»Junker Hölenborn, gut, dass Sie da sind. Ich benötige eine Abschrift dieser Liste und die Einspeisung in den Verteiler Exekutive.«
Frederik grüßte von Löwenstedt und trat in seine relative Nähe. Von Löwenstedt bat sich zwei Armlängen Distanz aus, die unbedingt einzuhalten waren. Über dem einigermaßen unleserlichen Gekritzel las Frederik in großen Druckbuchstaben »Ex-Liste Phase Grün«. Darunter eine Tabelle, die nach Namen, Funktionen, Adressen und dem Ex-Grund geordnet war.
»Diese Liste ist verbindlich. Ich habe die ganze Nacht erneut über einzelnen Positionen gebrütet, aber wir können es uns nicht leisten, mögliche Widersacher aktiv zu lassen. Mag sein, dass es den ein oder anderen trifft, der uns sogar nützlich sein könnte. Aber wir brauchen hundert Prozent Loyalität.«
Auf dem Tisch lag ein Buch. In silbernen Lettern waren der Titel »North-Power-Agenda« und der Name des Autors »Sigmar von Löwenstedt« in das schwarze Leder geprägt. Auf der rechten Aufschlagseite, dem sogenannten Vorsatzpapier, stand: »Für den Kampf um die deutsche und nordeuropäische Kultur«.
Was folgte, waren logisch aufeinander aufbauende Handlungsanweisungen. In chronologischer Abfolge hatte von Löwenstedt unmissverständlich festgelegt, welche Schritte von der Vorbereitung des Umsturzes bis zur Machtübernahme zu erfolgen hatten. Insofern war das Buch ein Handbuch. Es gab aber auch ein Kapitel, in dem die Zwangsläufigkeit der Machtergreifung erörtert wurde. Öffentlich durften die Endziele nicht werden. Von Löwenstedts Strategie war es, langsam in das Bewusstsein der Menschen einzusickern. Auch liberal gesinnten Mitbürgern sollte der Prozess nicht wehtun.
Neben diesem Werk lag das Wahlkampfprogramm der AfW, die seit zwei Legislaturperioden eine der im Landtag vertretenen Parteien war. Sigmar von Löwenstedt war Parteivorsitzender, und er war Fraktionschef.
»Sie hören mir schon zu, Junker Hölenborn?«
»Selbstverständlich. Ich stehe vorbehaltlos und treu zu den Prinzipien der von Ihnen ins Leben gerufenen AfW, Herr von Löwenstedt. Soll ich gleich mit der Transkription beginnen?«
Von Löwenstedt nickte knapp und verließ den Raum. Frederik hörte, wie nebenan eine Flasche entkorkt wurde. Er setzte sich an einen der Tische, startete das Notebook, öffnete ein Tabellenkalkulationsprogramm und schrieb »Ex-Liste Phase Grün«, eine Liste, die man mit Fug und Recht eine Todesliste nennen konnte.
