Harte Kerle heiraten nicht - Karin Koenicke - E-Book

Harte Kerle heiraten nicht E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

Sein Job steht auf dem Spiel – und nur sie kann ihm helfen: Die Frau, die er einst vor dem Altar stehenließ.
- Der knallharte Cop Magnus hat einen Undercover-Auftrag, den er nicht vergeigen darf. Das klappt nur, wenn Hochzeitsplanerin Kalinda ihm hilft. Doch die hat er vor zehn Jahren verlassen.
- Kalinda schlägt sich mit einem Problemfall herum: Bräutigam Thore hat keine Lust auf Hochzeitsplanungen und delegiert diese auf seinen Bruder. Das ist ausgerechnet Magnus – der Mann, der ihr Leben ruiniert hat! Schlimm genug, dass er sie hat sitzenlassen. Aber jetzt soll sie ihm auch noch aus der Patsche helfen? Garantiert nicht!
Kann Magnus seine Kripo-Karriere retten, indem er eine Hochzeit organisiert? Und wieso ist da immer noch dieses Knistern zwischen Kalinda und ihm?

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1. Das Braut-Problem
2. Im Kommissariat
3. Thore weiß nicht, was er will
4. Die Erpressung
5. Die Hochzeitsplanerin
6. Aufträge
7. Apfelgrün und Pastell
8. Wrestle-Mega-Mania
9. Gewürzkugel-Gespräche
10. Chauffeur wider Willen
11. Drei scheue Jungfrauen
12. Der Bordell-Bote
13. Couch-Talk
14. Satisfaction
15. Heißkleberattacke
16. Besuch bei Lady Liz
17. Damals
18. Verbockt
19. Was Altes und was Neues
20. Bretter-Brüder
21. Howdy im wilden Westen
22. Live on stage
23. Träume
24. Der Big Boss
25. Begegnung der besonderen Art
26. Die blütenreine Weste
27. Im Trockenen
28. Dschory und die Gang
29. Apfelstrudel
30. Wellness-Ölwechsel
31. Blütenzauber
32. Hoch hinaus
Die Harte Kerle-Reihe

 

 

 

 

 

 

 

Harte Kerle heiraten nicht

 

 

Von

Karin Koenicke

 

 

 

 

 

 

 

1. Edition, 2021

© 2021 All rights reserved.

Karin Koenicke

Primelstr. 9

85386 Eching

Coverdesign: Rebecca Russ, Sturmmöwen.at

www.karinkoenicke.de

[email protected]

 

 

Kurzbeschreibung:

Sein Job steht auf dem Spiel – und nur sie kann ihm helfen: Die Frau, die er einst vor dem Altar stehenließ.

Der knallharte Cop Magnus hat einen Undercover-Auftrag, den er nicht vergeigen darf. Das klappt nur, wenn Hochzeitsplanerin Kalinda ihm hilft. Doch die hat er vor zehn Jahren verlassen.

Kalinda schlägt sich mit einem Problemfall herum: Bräutigam Thore hat keine Lust auf Hochzeitsplanungen und delegiert diese auf seinen Bruder. Das ist ausgerechnet Magnus – der Mann, der ihr Leben ruiniert hat! Schlimm genug, dass er sie hat sitzenlassen. Aber jetzt soll sie ihm auch noch aus der Patsche helfen? Garantiert nicht! Kann Magnus seine Kripo-Karriere retten, indem er eine Hochzeit organisiert? Und wieso ist da immer noch dieses Knistern zwischen Kalinda und ihm?

 

1. Das Braut-Problem

Kalinda

 

„Buahhh“, heulte die Braut. „Ich krieg das nicht hin, ich hab alles vergessen, was ich in der Kirche sagen muss und überhaupt!“

Sie saß vor der Frisierkommode, gekleidet in ein viertausend Euro-Traumkleid aus weißer Spitze und Satin, hatte Schmuck von ähnlicher Preisklasse an den Ohren sowie in der Hochsteckfrisur, und versank gerade in einem Pre-Wedding-Durchdreh-Anfall.

Kalinda blieb wie üblich ruhig.

Es war schließlich nicht die erste Hochzeit, die sie plante, und nicht die erste Braut, die eine halbe Stunde vor der Trauung plötzlich einen Riesenbammel hatte. Wahrscheinlich ging das Skispringern genauso, wenn sie auf dem Balken hockten und zum alles entscheidenden Sprung der Vierschanzen-Tournee starten sollten, nur halt ohne weiße Stilettos. Das sagte sich Kalinda zumindest immer, und manchmal erzählte sie diesen Vergleich sogar der Braut, erntete einen Lacher und konnte dann mit ihrem Job weitermachen.

Aber bei der zierlichen Chloé würde das nicht funktionieren, die stand viel zu sehr unter Strom. War ja auch eine riesige Hochzeit, die heute stattfand, denn die halbe Stadt war geladen. Zu allem Überfluss hatte sich das Brautpaar mordskomplizierte Trausprüche für die Kirche und für die Feier zurechtgelegt.

„Jetzt atme mal ganz ruhig durch“, schlug Kalinda vor. „Zähl beim Einatmen bis sechs und beim Ausatmen bis zehn. Das hilft garantiert.“

„Ich kann doch jetzt nicht noch die Luft anhalten!“, rief Chloé und wirkte immer verzweifelter.

„Sollst du nicht, du sollst atmen. Und dich darauf konzentrieren, nur aufs Atmen und Zählen.“ Sie stellte sich neben die Braut, lächelte ihr aufmunternd zu und zählte bis sechs vor.

Doch Chloé hechelte nur irgendwie herum. „Ich werde vor der Pfarrerin stehen und kein Wort mehr wissen, kein einziges. Oh Gott, das wird das Peinlichste sein, was je eine Braut erlebt hat!“

„Das wird ganz sicher nicht passieren“, sagte Kalinda, fühlte aber, wie ihre Kehle eng wurde. „Und glaub mir, ich habe schon echte Peinlichkeiten erlebt.“

Sogar am eigenen Leib.

Nein, weg mit dem Gedanken! Sie zwang sich, weiterhin zu lächeln. „Probier das nochmal mit dem Atmen.“

Chloé versuchte es halbherzig, klammerte sich dann am Tisch fest. „Mir wird schwindlig. Oh verfluchte Kacke!“

Für ein so zauberhaft aussehendes Geschöpf in einem märchenhaften Prinzessinnenkleid, das demnächst den reichsten Hotelier der Stadt heiraten würde, hatte sie ein ganz schön derbes Vokabular.

„Hast du heute schon was gegessen?“, fragte Kalinda.

Die Braut schüttelte den Kopf.

„Okay, ich habe ja meinen Notfallkoffer dabei.“ Manchmal kam sich Kalinda vor wie eine Hebamme, die schleppten doch auch immer so ulkige Taschen mit einem Hörrohr und anderen Utensilien herum. Nur war ihre eigene Ausrüstung deutlich voluminöser, es war nämlich ein echter Koffer, sogar ein mittelgroßer Trolley, den sie zu solchen Einsätzen immer hinter sich herzog. Das Ding hatte ihr schon gute Dienste geleistet und würde es auch heute wieder tun. Sie öffnete den Koffer und zog eine Banane heraus.

„Iss ein bisschen was, dann geht es dir wieder besser. Einen Müsliriegel hätte ich auch noch.“

„Geht nicht!“ Chloé schüttelte den Kopf. „Ich bin allergisch auf Bananen. Und auf Nüsse auch.“

Ihre Schwester Zoé war ins Zimmer gekommen und hatte den letzten Satz gehört. „Hat sie gerade wieder mal die Krise?“, fragte sie Kalinda und sah Chloé mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Das ist die Aufregung und die Unterzuckerung“, erklärte Kalinda und kramte in ihrem gut sortierten Köfferchen. „Mal sehen, ob ich was dabei habe, was keine Allergien auslöst.“

„Eine Valium vielleicht!“, schlug die Braut vor. „Oder besser zwei. Ich steh das sonst nicht durch. In zwanzig Minuten fährt die Kutsche vor, das pack ich nicht!“

Zoé, die deutlich robuster wirkte als ihre zierliche Schwester, schüttelte den Kopf. „Quatsch. Du bist nicht die erste Braut, die sich vorher ins Hemd macht. Du brauchst jetzt etwas Handfestes, dann geht es dir wieder gut.“

„Du meinst ...?“, fragte Chloé und schien mit einem Schlag einen Hoffnungsschimmer am Ende des Tunnels zu sehen.

„Ganz genau das meine ich, Schwesterchen.“ Zoé wusste offenbar, wie man die Braut zur Ruhe bringen konnte. Sie versprach, gleich wieder da zu sein, und verschwand.

Kalinda frischte das Make-up der Braut ein wenig auf und zupfte eine Haarsträhne zurecht. „Was ist das denn für ein Wundermittel, das deine Schwester dir jetzt holt? Ein veganer Shake? Ein grüner Smoothie?“

Kalinda wusste, dass Chloé sich sehr bewusst ernährte und gerade die letzten Wochen vor der Hochzeit quasi null Kohlenhydrate zu sich genommen hatte, um auf jeden Fall in das Designerbrautkleid zu passen und auf den Fotos als modelschlanke Braut in die Familien-Annalen einzugehen.

Als Zoé nach kurzer Zeit zurückkam, traute Kalinda ihren Augen nicht. Zoé hatte nämlich eine Tüte des benachbarten Metzgers in der Hand und packte etwas aus.

„Eine Leberkäse-Semmel?“, fragte Kalinda verdutzt. „Das ist es, was dich runterbringt?“

„Oh, wie die riecht!“ Statt einer Antwort streckte Chloé sofort die Hände aus. „Gib sie mir, ich verhungere. Hab gestern nur zwei Eiweißdrinks zu mir genommen, vorgestern nur drei Gurken. Ich brauche jetzt echt was zwischen die Zähne!“

„Aber nicht so!“, rief Kalinda entsetzt. Sie zog ein Handtuch aus ihrem Koffer und wollte auf Chloé zueilen, um es ihr als Serviette unterzulegen.

Doch zu spät.

Die Braut hatte herzhaft in die Semmel gebissen und glatt war was herausgetropft. Allerdings nicht wie üblich ein wenig Senf, den hätte man ja noch halbwegs leicht entfernen können.

Nein, mitten auf ihrem in weiße Spitze gehüllten und mittels Push-up nach oben geschobenen Busen prangte jetzt eine knallrote Ketchup-Spur.

„Uuups!“, machte Zoé. „Da hättest du vielleicht aufpassen sollen.“

Chloé starrte sich im Spiegel an. „Nein!“, kreischte sie. „Das ist mein Ende! So kann ich doch nicht rausgehen!“ Sie griff zur Box mit den Kosmetiktüchern, doch Kalinda war schneller. Um Gottes willen, wenn die die Ketchup-Spur jetzt über das ganze Dekolleté rubbelte, war das Kleid echt im Eimer! Mit einem beherzten Sprung war Kalinda bei ihr und hielt ihre Hand fest.

„Ich mach das! Fass es nicht an, ich hab was dabei!“

Erst mal kratzte sie die Reste vorsichtig ab, dann gab sie ihren Spezialreiniger auf ein Wattestäbchen und behandelte die Flecken. „Zieh das Kleid aus, ich tupfe es noch mit Wasser ab und föhne es sanft trocken. Aber iss den Rest der Semmel bitte über dem Handtuch.“

Puh, Kalinda kam ganz schön ins Schwitzen, dabei war es noch gar nicht Hochsommer, sondern erst April. Trotzdem musste sie lachen. Eine Braut, die vor der Kirche eine Leberkäse-Semmel mit Ketchup verdrückte, hatte sie in ihrer Karriere als Hochzeitsplanerin noch nicht gehabt, und das sollte was heißen. Sie machte das schließlich schon seit fast zehn Jahren.

Ohne weitere Flecken oder andere Probleme zog sie der Braut mit Zoés Hilfe wieder das Kleid an, puderte ihr die Nase und frischte den Lippenstift auf, der unter der Leberkäse-Attacke gelitten hatte. Einen kleinen Spickzettel hatte sie auch noch verfasst und Chloé gegeben, damit sie ihn in der geheimen Tasche des Brautkleides verstaute. Die war zwar eher für ein Taschentuch gedacht, aber egal.

„Da sind Stichwörter drauf für deinen Trauspruch“, sagte Kalinda. „Falls du wirklich einen Hänger hast, dann tu so, als wärst du total gerührt und müsstest dir mit einem Tempo die Augen abtupfen, holst aber den Spickzettel heraus.“

Chloé nickte, lächelte dann und drückte Kalinda an sich. „Du bist wirklich die Beste! Ohne dich wäre ich total aufgeschmissen.“

„Ach was, du schaffst das. Jetzt aber rein in die Kutsche, ich höre schon das Hufgeklappere. Wir sehen uns sowieso in der Kirche.“

Die beiden Schwestern machten sich auf den Weg. Kalinda blieb zurück und räumte ihren Koffer ein. Als sie ihn zuklappte, fiel ihr Blick auf den Aufkleber, der die Seitenfläche zierte.

„Kalinda von Wolkenstein – ich mache Ihren schönsten Tag perfekt!“, stand darauf und daneben war eine witzig-elegante Illustration abgedruckt, die zeigte eine Torte, auf der die Brautpaar-Figürchen sich an der Hand hielten.

Schon erstaunlich, was sie erreicht hatte. Der Schritt in die Selbstständigkeit war ihr nicht leicht gefallen, aber sie bereute ihn keine Sekunde. Also, fast keine Sekunde. Es gab natürlich Momente, wo sie ihre Kunden verfluchte, weil die ihre Wünsche alle zwei Tage völlig änderten, sich nicht einigen konnten oder an allem was zu meckern hatten. Eines gab es allerdings, an dem noch nie jemand etwas auszusetzen gehabt hatte, nämlich das Gebäck. Da arbeitete Kalinda nämlich von Anfang an mit den besten Konditoren zusammen, aber seit sie Jasmin vom Café Woll-Lust mit ins Boot geholt hatte, waren die Hochzeitstorten nicht nur geschmacklich ein Traum, sondern auch total ausgefallen. So wie es sich für den schönsten Tag eben gehörte.

Sie verschloss den Koffer, frischte ihr Make-up ein wenig auf und zupfte sich ein paar Strähnen in die Stirn. Die freche Kurzhaarfrisur war eine gute Entscheidung gewesen, die rote Farbe ebenfalls. Manchmal musste man alte Zöpfe abschneiden, nicht nur sprichwörtlich. Sich von ihrer kastanienbraunen Mähne zu trennen, war ihr damals nicht schwergefallen. Es hatte den Start in ein neues Leben markiert und sie fühlte sich wohl damit.

Kalinda ließ den schweren Koffer hier im Hotel zurück, denn nach der Trauung würde die Hochzeitsgesellschaft hierher zurückkommen. Für die Kirche brauchte sie nur ein paar Notfallsachen, die passten in ihre Handtasche. Aber Chloé würde das jetzt bestimmt super machen. Mit Leberkäse im Bauch konnte doch gar nichts mehr schief gehen.

Mit ihrem Hochzeitsflitzer - einem rosa angehauchten Kastenwagen mit Aufdruck – fuhr sie zur Kirche, sah kurz nach der Braut, aber der schien es gut zu gehen. Also setzte sie sich seitlich in eine Bank.

Lange dauerte es nicht, dann spielte der Organist den Einzug. Es war der übliche „Treulich geführt“-Marsch aus Wagners Lohengrin. Kalinda stülpte es zwar immer die Zehennägel auf, weil das Stück so abgedroschen war, aber das Brautpaar hatte es sich gewünscht und nur das zählte.

Wie alle anderen Gäste sah sie zur Kirchentür, wo nun die Braut zusammen mit ihrem Mann hereinkam.

Kalinda musste schlucken. Wie glücklich Chloé aussah! Alle Zweifel und alle Aufregung schienen wie weggewischt zu sein. Sie strahlte, als hätte man in ihrem Inneren ein Licht angeknipst, während sie den Gang entlangschritt. Auch wenn sie ihren Blick kurz über die Gäste streichen ließ, hatte sie im Grunde nur Augen für den Bräutigam.

Ob sie selbst auch so ausgesehen hätte? Kalinda versuchte seit Jahren, diesen Gedanken zu verdrängen, aber er kam immer wieder daherspaziert.

Eine so elegante Braut wäre sie wahrscheinlich nicht gewesen. Ihr Kleid war schlichter, der Schmuck nicht so auffällig, die Haare von einer Freundin gemacht. Aber ihr Lächeln hätte genauso glücklich über die Menge geschwebt und wäre immer wieder zu dem Mann neben ihr gewandert, das wusste sie.

Nur war es dazu nie gekommen. Sie war nie einen Gang zwischen den Kirchenbänken entlang geschritten, hatte keine Blumenkinder vor sich gehabt, die Blütenblätter auf den Boden warfen, trug keinen Ring am Finger.

Und würde auch nie einen tragen.

Kalinda versuchte, sich wieder auf die feierliche Zeremonie zu konzentrieren. Atmen war gut. Sie zählte bis sechs beim Einatmen, bis zehn beim Ausatmen. Das übte sie seit zehn Jahren und es half gegen dieses schreckliche Loch, das sich immer noch in ihr auftat, wenn sie einer Trauung beiwohnte.

Vielleicht würde es irgendwann weniger schmerzen. In zwanzig Jahren oder so.

Schluss damit!

Sie richtete ihren Blick auf das Brautpaar, lauschte den Worten der Pfarrerin. Jetzt, wo sie von hinten auf das Brautpaar schaute, war es einfacher. Und es würde mit jeder Minute leichter werden, das wusste sie.

Die Erinnerungen kamen zum Glück nicht bei jeder Hochzeit hoch. Manche Brautpaare lächelten zwar nach außen hin, hatten aber in ihrem Inneren keine wirkliche Hingabe. Und Kalinda konnte das unterscheiden, sie hatte schon immer ein sehr feines Gespür für Menschen gehabt. Vielleicht war sie auch deshalb in ihrem alten Beruf als Floristin so erfolgreich gewesen, denn sie hatte immer ganz genau gefühlt, ob jemand für einen Strauß eher fröhliche Sonnenblumen brauchte, elegante Freesien oder tröstende Iris.

Hier bei dieser Hochzeit bestand der Kirchenschmuck natürlich aus langstieligen Rosen. Üppige Gestecke aus weißen und blutroten Rosen zierten die Kirchenbänke und den Altarraum.

Die Sängerin schmetterte jetzt, wie von Chloé gewünscht, Jennifer Rushs „The Power of Love“, danach kam schon bald die Predigt, die die Pfarrerin sehr persönlich gestaltete.

Dann war es soweit, die eigentliche Trauung fand statt und das Brautpaar tauschte die Versprechen aus. Bei katholischen Priestern ging das manchmal nicht, die bestanden darauf, dass sich die Messe auf den liturgischen Ablauf beschränkte und erlaubten nicht mal weltliche Lieder, aber hier in der evangelischen Kirche war man da offener.

„Ich will immer an deiner Seite sein“, begann Chloé und ihre Stimme zitterte am Anfang, fing sich aber. „Egal, wie dunkel manche Tagen sein werden, ich werde da sein. Nicht nur, wenn die Sonne scheint und die Vögel zwitschern, auch wenn der Regen an die Scheiben prasselt.“

Kalinda lehnte sich zurück und lächelte. Chloé machte das ganz phantastisch. Und ganz ohne Spickzettel.

Der Bräutigam trug ebenfalls seine Versprechen vor und Kalinda lauschte andächtig.

Das lästige Stechen in ihrer Brust versuchte sie zu ignorieren. Für sie würde nie jemand irgendwelche Versprechen abgeben, aber das war in Ordnung so. Wenn sie mal darüber nachdachte, wie viele der Paare, für die sie eine Märchenhochzeit organisiert hatte, inzwischen in einem höllischen Scheidungskrieg steckten, war es sicher besser so. Und bei anderen war der Lack der großen Gefühle schnell abgeblättert und die Schmetterlinge längst woanders hingeflogen. Diese Paare lebten dann eher wie eine WG nebeneinander, kaum dass die ersten Jahre um waren.

Nein, all das brauchte sie nicht. Ihren Anteil an Romantik und Glückseligkeit holte sie sich regelmäßig als Zuschauerin bei den Hochzeiten. Das reichte. Es lebte sich viel leichter, wenn man es damit nicht übertrieb.

Kalinda sah auf die Uhr. Bald würde die Torte angeliefert werden, sie sollte sich auf den Weg in den Festsaal des Hotels machen. Der Organist versuchte sich jetzt gemeinsam mit einer Sängerin aus dem Kirchenchor an: „You, oh you, are like my right shoe“, einer textmäßig fragwürdigen Nummer aus den Charts, im Original von Popqueen Kelly Kay. Die Braut fuhr auf den Song so sehr ab, dass sie ihn sich für die Kirche gewünscht hatte. Da das eher ein fröhlich-lauter Song war, konnte Kalinda sich aus dem Staub machen. Sie stand auf und schlich zum Seiteneingang. Als die Kirchentür hinter ihr zufiel, atmete sie durch. Ja, sie hatte sich inzwischen daran gewöhnt und war mit ihrem Single-Dasein total zufrieden. Aber einen ganz winzig kleinen Stich gab es ihr immer noch, wenn sie eine Kirche betrat, in der geheiratet wurde. Und das würde womöglich immer so bleiben.

 

2. Im Kommissariat

Magnus

 

Scheiße, die Büros hatten immer noch diese dämlichen Glaswände, durch die man auf den Flur sehen konnte. Magnus straffte die Schultern und stapfte einfach weiter. Damals, als er noch hier im Kommissariat gearbeitet hatte, war das okay gewesen. Aber jetzt, wo er nur Besucher war, kam er sich dämlich vor.

Er ging mit aufrechter Haltung den Flur entlang und versuchte, nicht nach rechts oder links zu schauen. Trotzdem spürte er deutlich, wie die Ex-Kollegen ihn anstarrten. Für einen Polizisten war es überlebenswichtig zu fühlen, wann man Blicke in seinem Rücken hatte. Manchmal folgten auf solche Blicke nämlich Projektile, deshalb sollte man sich so ein Gefühl lieber antrainieren. Insbesondere für den Fall, dass man irgendwo entlanglief, wo Pistolen in Holstern steckten.

Okay, hier im Polizeipräsidium war die Gefahr eines Kugelhagels vielleicht nicht ganz so groß. Dafür wurde aber umso mehr geredet. In diesem Moment über ihn. Das war ihm klar.

Er biss die Backenzähne zusammen und stapfte weiter. Verdammt, warum musste das Büro des Bosses nur am hintersten Ende des Flurs sein? Und davor lag auch noch ein Großraumbüro, das er durchqueren musste.

Er öffnete die Glastür, machte ein paar Schritte hinein, und hörte schon die erste Stimme.

„Ich fass es nicht, Mac! Was treibt dich denn hierher?“, rief Karl, den hatte er an der Stimme sofort erkannt.

„Hab was mit Dennis zu besprechen“, erwiderte er knapp. Dennis war der Chef der Bande hier und sein ehemaliger Partner. Magnus hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen und war nicht sicher, ob Dennis ihn mit offenen Armen empfangen würde. Aber egal, er brauchte ihn. Also ging er auf das Büro zu.

Doch die Jungs wollten offenbar noch einiges von ihm wissen.

„Da hast du dir ja was geleistet in Berlin, meine Fresse!“, rief Frank. „Ist das wahr mit der Sache aufm Klo? Das ist ja das Dümmste, was ich je gehört hab!“

Magnus presste seine Fingernägel in die Handfläche. Hätte er sich denken können, dass die Details seines vergeigten Einsatzes selbst hier in der Stadt die Runde machten. Der Polizeiapparat war im Grunde eine Waschküche. Inklusive Waschweibern wie diesem Frank, der seinen Hintern nie aus dem Büro bewegte und schon seit hundert Jahren bei keinem Einsatz mehr dabei gewesen war. Aber jetzt das Maul aufreißen, das konnte er!

„Gut, dass du mir das sagst“, erwiderte er kühl. „Wäre sonst nie drauf gekommen, dass ich da einen Fehler gemacht habe.“

Er hörte die Männer lachen, ließ sich jedoch nicht anmerken, wie sehr ihm das zusetzte, sondern klopfte an die Tür von Dennis.

„Herein“, hörte er die Stimme seines Ex-Partners und öffnete die Tür.

Dennis saß an einem abgenutzten Schreibtisch und tippte etwas in den Computer. Als er ihn sah, blieben seine Hände in der Luft hängen.

„Ich glaub`s nicht: Magnus Fuchs? Welches Höllentor hat dich denn ausgespuckt?“

„Freu mich auch, dich zu sehen, Dennis.“ Ohne auf eine Aufforderung zu warten, pflanzte sich Magnus auf einen der Stühle. Er musterte Dennis genau. Obwohl sein ehemaliger Partner nur fünf Jahre älter war als er, hatte er schon die ersten grauen Strähnen im Haar. Dünner als früher war er auch und um seine Augen und den Mund hatten sich eine Reihe Fältchen in die Haut gegraben. Das Lächeln aber, welches er gerade aus irgendeiner Schublade holte, war immer noch warm.

„Mann, wie lange ist das her?“, fragte Dennis.

„Zehn Jahre.“ Das wusste Magnus genau. Er hätte ihm sogar noch die Monate und Tage aufzählen können. Aus der Heimat wegzugehen war etwas, das man sich merkte. Insbesondere, wenn es unter solchen Umständen passierte.

„Wahnsinn. Ich würde gern sagen ‚Hey, Mac, du hast dich gar nicht verändert‘, aber das wäre gelogen. Wobei dir der dunkle Bart gut steht, muss ich zugeben. Passt zu deinem finsteren Gemüt.“ Dennis lachte.

Reflexartig fuhr Magnus sich über das Kinn. Er trug den Bart schon so lange, dass er sich daran gewöhnt hatte und gar nicht mehr wusste, wie es sich ohne anfühlte. In Berlin hatte niemand Mac zu ihm gesagt. Und erst jetzt, wo die alten Kollegen diesen Namen aussprachen, merkte er, dass ihm das gefehlt hatte. Aber es war okay. Er war ein anderer in Berlin, das war gut. Und er war auch nur aus dem einen Grund hier: Weil Dennis ihm helfen sollte, wieder als respektierter Cop nach Berlin zurückzugehen.

„Was führt dich denn in meine bescheidene Hütte? Für einen Plausch über die alten Zeiten treffen wir uns doch lieber in einer Kneipe, meinst du nicht?“, fragte Dennis.

„Ich komme nicht zum Plaudern.“ Magnus sah ihm in die Augen. „Und über die alten Zeiten rede ich eh nicht gern. Aber ich brauche deine Hilfe.“

Dennis lachte kurz auf. „Warum wundert mich das jetzt nicht? Aber ich bin offenbar nicht voll informiert. Dachte nämlich, du wärst derzeit nicht im Dienst.“

„Spricht sich ja schnell rum“, brummte Magnus. „Ich bin aber nicht suspendiert, nur damit das klar ist. Hab mir Urlaub genommen. Und hatte noch eine Wagenladung voller Überstunden, die feiere ich jetzt ab.“

„Aha“, machte Dennis und sah aus, als läge ihm etwas auf der Zunge.

Magnus seufzte, denn er wusste, was jetzt kommen würde. „Jetzt frag schon, ob es wahr ist! Die Jungs da draußen hatten weniger Skrupel.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Kollegen.

„Okay, ich sag dir, was ich gehört habe. Es heißt, du warst undercover im Einsatz und ihr wart an einer ganz großen Sache dran.“

„Stimmt.“ Magnus nickte. „Ein Falschgeld-Ring, in den ich mich eingeschleust hatte. Dazu Prostitution, außerdem haben die auch Drogen vertickt. Alles im großen Stil. Und wir hatten sie fast.“

Es gab ihm wie jedes Mal, wenn er daran dachte, ein Gefühl in der Brust, als würde ihm jemand eine Eisenstange hineinrammen. So verdammt nah war er dran gewesen! Und dann das ...

„Na ja“, fuhr Dennis fort. „Du warst in der Zentrale der Verbrecher, hab ich gehört, und ihr wart kurz davor, alles hochgehen zu lassen. Doch dann warst du auf dem Klo. Und dir ist offenbar was aus der Hosentasche gefallen. Sag bitte, dass das nicht wahr ist.“

Magnus presste die Zähne aufeinander. Shit. Es auszusprechen war eine echte Folter.

„Es stimmt“, musste er zugeben. „Mein Büchereiausweis. Ich hatte mir am Abend zuvor was ausgeliehen, lese gern gute Thriller. Und hab das blöde Ding halt nicht richtig in die hintere Tasche gesteckt. Fiel raus, stand mein echter Name drauf, einer von denen fand es. Der hat dann Magnus Fuchs gegoogelt. Den Rest kannst du dir denken.“

„Scheiße“, sagte Dennis mit viel Mitgefühl in der Stimme.

Magnus nickte. „Das trifft es gut. Ich hab zum Glück im Gesicht des Vize-Häuptlings gesehen, dass er es wusste, als er mich zu sich gerufen hat. Das war meine Rettung. Hab ihn mit einem sauberen Schlag niedergestreckt, einen Garderobenständer umgeworfen und bin getürmt. Verdammt knappe Sache. Und verflucht peinlich.“

„Kann man wohl sagen.“ Dennis grinste. „Ein Büchereiausweis, also echt! Aber warum wird irgendwas von Biene Maja rumerzählt.“

Scheiße. Wieso wusste offenbar jeder über dieses kleine Detail Bescheid?

„War halt eine blöde Sache“, nuschelte Magnus. „Als ich mich in der Bücherei angemeldet habe, waren die Ausweise für Erwachsene aus. Da haben die mir einen Kinderausweis gegeben. Übergangsweise. Konnte ich ja nicht ahnen, dass ich mal so ein verfluchtes Problem kriegen würde, weil unter Majas Lesebienchen mein Name stand.“

Dennis lachte. „Unglaublich! Du hast also den Einsatz von mehreren Wochen und von mehreren Beamten zunichte gemacht, indem du aufm Klo deinen süßen Bienchenausweis verloren hast. Wahnsinn. Das muss dir erst mal einer nachmachen.“

„Find ich überhaupt nicht lustig.“ Magnus verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab mir den Arsch aufgerissen für diesen Fall. Und ich war so kurz davor, die Bande auffliegen zu lassen!“

„Hat deinen Boss in Berlin wohl eher nicht gefreut.“

„Eher nicht, stimmt.“

Getobt hatte der Alte! Okay, Magnus konnte ihn verstehen. Er hätte sich selbst ja am liebsten in den Hintern gebissen für diese saudumme Aktion. Aber dass man ihm nicht die Chance gab, das Ganze wieder zurechtzubiegen, fand er zum Kotzen.

Dennis legte den Kopf schräg und kniff die Augen zusammen, um ihn genau zu mustern. „Du bist jetzt aber nicht hier, weil ich dir in dienstlicher Sache irgendwie helfen soll, oder?“

„Pass auf, ich erklär es dir“, begann Magnus, doch Dennis ließ ihn erst gar nicht weiterreden.

„Hab ich’s mir doch gedacht! Das kannst du sofort vergessen. Du bist freigestellt oder beurlaubt oder sonst was und ich lass dich nicht in meiner Stadt mitmischen, nur weil du mit dir selbst nichts anfangen kannst. Kauf dir einfach ein paar Bücher und leg dich auf die faule Haut.“

Oh Mann, Dennis war immer noch so ein Sturschädel wie damals!

„Du verstehst mich nicht, ich will hier nicht einfach herumspielen, weil mir langweilig ist. Ich war vor ein paar Wochen mal hier, im Dezember. Und zwar, weil in deiner Stadt eine Filiale dieser Gang aufgebaut wird!“

„Du warst hier?“ Erstaunt sah Dennis ihn an. „Dachte, du hättest der Stadt auf ewig den Rücken gekehrt. Willst du wieder herziehen?“

„Eher wandere ich nach Tahiti aus! Und du weißt, wie sehr ich heißes Wetter hasse. Nein, es war nur eine einmalige Sache, ich bin einem der Clan-Bosse gefolgt. Hab dann dummerweise ausgerechnet mein Brüderchen getroffen, als der gerade seiner Flamme einen Heiratsantrag gemacht hat. Und die hat prompt ‚Nein‘ gesagt. Schlaues Mädchen! Thore hat es aber auch ordentlich verbockt.“

„Kann nicht jeder alles so gut machen wie du in Sachen Hochzeit“, erwiderte Dennis trocken.

Blödmann! Magnus ballte unter dem Tisch eine Hand zur Faust. Dummerweise hatte Dennis irgendwie recht.

„Zurück zum Thema“, sagte er schnell, denn er wollte an diese Sache nicht erinnert werden.

Nie mehr.

Sie sollte auf ewig tief drin in einem Kellerabteil seiner Seele versteckt bleiben. Er hatte sowieso kein Problem damit, als einsamer Wolf durch die Gegend zu tigern. War besser so, wenn man Polizist war. Und überhaupt. Er war weder zum Rudeltier noch zum Beziehungspartner geschaffen, war auch okay, das machte das Leben viel einfacher. Mit dem Schmerz von damals konnte er leben, daran hatte er sich gewöhnt. Der gehörte zu ihm. Wie sein Bart. Das Leben war nun mal kein Ponyhof, auch kein rosa Puppenhaus oder ein Märchen, das wusste er. Das sah er täglich bei seinen Einsätzen.

An Happy Endings glaubte er schon lange nicht mehr. Vielleicht hatte er auch noch nie wirklich daran geglaubt. Die Zeit mit Karla kam ihm inzwischen vor wie ein Fantasy-Film, den er vor vielen Jahren mal gesehen hatte, und der ihm inzwischen völlig irreal erschien. Verflucht, ewig hatte er nicht mehr daran gedacht, aber jetzt kamen diese Gedanken wieder hoch. Die konnte er weiß Gott nicht gebrauchen.

Er räusperte sich und fuhr fort. „Du hast ein Problem hier in der Stadt, Dennis. Die ziehen hier die gleiche Sache auf wie in Berlin. Falschgeld, Bordelle, wer weiß, was noch alles. Und ich kenne ihre Vorgehensweise. Also bin ich unersetzlich für dich und werde ...“

„Gar nichts wirst du! Du hast hier nichts mehr verloren. Wir kriegen das sehr gut ohne dich hin, Mac.“ Dennis‘ Stimme klang dummerweise sehr entschlossen und das war nie ein gutes Zeichen.

„Aber ich will doch nur als Berater ...“

Erneut ließ Dennis ihn nicht aussprechen. „Nein! Du mischst dich hier nicht ein und basta!“

Verflucht! Magnus‘ Rücken verspannte sich. Sein Ex-Partner musste doch verstehen, wie wichtig das für ihn war! Er versuchte es auf eine andere Tour.

„Weißt du, die in Berlin halten mich jetzt für einen Idioten. Aber du kennst mich. Dir ist doch klar, dass das nicht stimmt. Ich will doch nur eine faire Chance!“

Dennis‘ Miene verfinsterte sich. „Komm mir nicht mit fair. Du weißt genau, dass so was nicht existiert. Oder warum glaubst du, sitze ich hier in diesem Büro anstatt auf Einsätzen in vorderster Front dabei zu sein?“

Das saß.

Magnus wusste genau, was er meinte. Und auch, dass das letzte Wort gesprochen war. Ihm fiel nichts mehr ein, was er sagen konnte. Außer vielleicht, sich nach Dennis‘ Gesundheitszustand zu erkundigen, obwohl das komisch war.

„Wie geht’s dir eigentlich?“, fragte er und ärgerte sich, dass seine Stimme so unsicher klang.

„Ich komme klar.“

Magnus stand auf.

Es gab nichts mehr zu bereden. Dennis war niemand, der sich von einem gefällten Entschluss abbringen ließ. Und auch niemand, der über den Vorfall von damals reden wollte. Das war Magnus recht, denn dieses ganze Kapitel seines Lebens wollte er gern totschweigen.

„Dann halte ich dich nicht länger von der Arbeit ab“, sagte er.

„Gut. War schön, dich gesehen zu haben, Mac. Trotzdem mache ich dich einen Kopf kürzer, wenn ich mitkriege, dass du dich in meinem Revier herumtreibst, ist das klar?“

„Klar wie die Glasscheiben hier im Kommissariat“, bestätigte Magnus und verließ das Büro.

Natürlich musste Frank wieder seine vorlaute Klappe aufreißen, als er an ihm vorbeiging. „Hey, Mac, willst du wieder bei uns mitmischen? Back to the roots, sozusagen? Musst aber wieder ganz unten anfangen. Bei der Auswertung der Telefonabhörung könnten wir noch Hilfe brauchen, schätze ich. In der Mittagspause darfst du dann gern deine Bücher lesen, bist ja jetzt eine echte Leseratte, was man so hört.“

Ein paar der Jungs lachten.

„Fick dich ins Knie“, zischte Magnus und marschierte in Richtung des Flurs, danach aus dem Gebäude.

Draußen atmete er erst mal tief durch, ging zu seiner Maschine und setzte sich den Helm auf. Die BMW S 1000 RR war der einzige Luxus, den er sich gönnte. Aber was für einer! Das Baby ging ab wie eine Rakete und er fühlte sich jedes Mal schlagartig besser, wenn er sich draufsetzte.

Okay, bei Dennis hatte er auf Granit gebissen. Aber er war ein Cop, ein knallharter Kerl, er gab nicht auf.

Er hatte einen Plan B in der Hosentasche, auch wenn ihm der gar nicht gefiel. Aber es galt, den Verbrechern das Handwerk zu legen und außerdem seinen total lädierten Ruf wiederherzustellen. Dafür tat er alles. Wirklich alles. Sogar etwas, dass ihm gar nicht behagte, nämlich seinen kleinen Bruder aufzusuchen. Der war weder klein noch freundlich noch gut auf ihn zu sprechen. Aber es half nichts. Er würde jetzt zu ihm fahren und mit ihm reden. Auch wenn Thore ihn womöglich hochkant aus der Wohnung warf.

 

 

3. Thore weiß nicht, was er will

Kalinda

Eilig hatte sich Kalinda nach der kirchlichen Trauung auf den Weg ins Hotel gemacht. Bald würde die Torte angeliefert und im Festsaal das Buffet aufgebaut, da sollte Kalinda präsent sein.

Als sie vor dem Hotel einparkte, sah sie Jasmins Auto herankommen. Kalinda verließ ihren kleinen Lieferwagen und wartete kurz. Dann ging sie auf die Freundin zu, die gerade ausstieg. Aus der Beifahrerseite kam Thore heraus, Jasmins Verlobter.

„Ihr seid ja super pünktlich“, begrüßte Kalinda die beiden. „Hast du Thore als Träger engagiert?“

„Genau.“ Jasmin nickte. „Ist ja ein ganz schönes Tortenmonster. Ich habe meine Utensilien dabei, um die Torte notfalls noch auszubessern, falls sie beim Transport gelitten hat. Aber eigentlich sollte ihr nichts fehlen.“

Kalinda ging zum Heck des Lieferwagens und wartete gespannt. Leider bekam sie noch nichts zu sehen, da die Torte in einem ausgeklügelten Behälter verpackt war, dessen vier Seiten man herabklappen konnte. Aber dazu musste Thore das Ding erst mal ins Hotel befördern.

„Sollen wir das Tortentaxi nehmen?“, fragte Jasmin.

Über diesen Ausdruck musste Kalinda lachen. Damit war bestimmt der Servierwagen gemeint, mit dem Jasmin die Torten sonst beförderte.

„Unsinn. Ich trag das Ding“, beschloss Thore und nahm es vorsichtig von der Ladefläche. Groß und stark genug war er ja, das sollte kein Problem sein. Er musste nur aufpassen, nicht zu stolpern.

Einmal hatte Kalinda das nämlich schon erlebt. War aufregend gewesen. Das Brautpaar hatte sich eine vierstöckige Torte gewünscht und darauf bestanden, dass Wunderkerzen drin steckten und das Backwerk erst während der Hochzeit hereingeschoben wurde.

„So wie im Traumschiff!“, hatte die Braut gesagt. „Das habe ich früher immer mit meiner Mutter angeschaut.“

Also hatte Kalinda nach langer Suche ungiftige Wunderkerzen besorgt, sie in die Torte gesteckt und angezündet. Ein Page des Burghotels, in dem die Feier stattfand, hatte die Torte dann hereingeschoben. Mitten im Applaus war dummerweise ein Spielzeugauto dazwischengekommen. Das gehörte dem fünfjährigen Sohn des Brautpaars, der hatte sich unterm Tisch versteckt und den Tieflader auf dem Boden herumgeschoben. Der Hotelpage war draufgetreten, ausgerutscht und nach vorne gefallen. Mitten in die Torte hinein. Das hatte zu Tränen bei der Braut und zu einer Menge sehr witziger Fotos geführt. Kalinda hatte das zerdrückte Meisterwerk eiligst in die Küche geschoben und gemeinsam mit dem Dessert-Koch aus den vier Etagen dann zwei Ebenen zusammengefügt, das Ganze dick mit Karamell überzogen und mit roten Zuckerherzchen dekoriert, die sie zum Glück von der Tischdeko noch übrig hatte.

Mann, das war was gewesen!

„Pass auf, da kommt eine Stufe!“, rief sie schrill, denn Thore konnte ja aufgrund des Riesenpakets nicht sehen, wo er hinging.

„Ich hab alles im Griff, keine Angst“, erwiderte er und schaffte es tatsächlich, die Torte unfallfrei zum Buffet zu befördern.

Als sie stand, klappte Jasmin die Seitenteile herunter und schob das Kunstwerk aus der Verpackung.

„Du hast dich wieder selbst übertroffen!“ Staunend stand Kalinda davor und bewunderte das Gebäck von allen Seiten. Die Torte war in Lilatönen gehalten und verziert mit künstlichen Lavendelblüten, winzigen Baguettes und der Trikolore.

„Chloé wird total begeistert sein“, sagte Kalinda. Das Brautpaar hatte sich in der Provence kennengelernt und dieses Motto für die Dekoration und auch für die Torte gewählt.

„Das will ich hoffen“, brummte Thore. „Jasmin hat nämlich ganz schön geschuftet für diese ganzen Franzmann-Sachen. Wir haben im Auto noch Tarte-au-citron-Cupcakes, Brie-Stangen und – für die ganz Hartgesottenen – Zwiebelkuchen-Muffins. Ist dann wohl eher was für die vorgerückte Stunde, genau wie die Knoblauch-Auberginen-Oregano-Cracker.“

„Hör auf, ich krieg jetzt schon Hunger.“ Kalinda half den beiden, die restlichen Sachen zu holen und drapierte sie geschmackvoll auf dem Buffet.

Als sie damit fertig war, wandte sie sich Jasmin zu. „Habt ihr euch denn jetzt schon ein Motto überlegt für eure eigene Feier? Oder wollt ihr gar kein Thema? Das wäre auch kein Problem, Ideen habe ich mehr als genug. Aber ihr müsst natürlich entscheiden, was ihr möchtet. Allzu viel Zeit haben wir nämlich nicht mehr.“

Jasmin und Thore wollten im Mai heiraten, der Caterer war schon gebucht, die Kirche reserviert, die Location – wie es im Hochzeitsjargon hieß – ebenfalls. Thores Freund Dario hatte irgendwelche Kontakte zu einem netten Gasthof in einem Vorort der Stadt, da gab es sogar einen wunderbaren Apfelgarten und falls das Wetter mitspielte, würde ein Teil der Feier dort stattfinden. Aber langsam sollten die beiden Farbe bekennen, was sie denn genau wollten.

„Wieso? Sind doch noch vier Wochen“, sagte Thore und sah recht entspannt aus.

„Ja eben! Das ist nicht viel Zeit“, erwiderte Kalinda. „Ihr müsst überlegen, wie wir die Einladungskarten gestalten, den Leuten habt ihr den Termin hoffentlich schon mitgeteilt? Aber sie brauchen noch eine detaillierte, persönliche Karte. Ich muss wissen, welche Deko, welches Essen, welche Show-Acts und welche Special Effects ich besorgen muss.“

„Special Effects?“, wiederholte Thore mürrisch. „Wir wollen doch keinen Blockbuster drehen, sondern nur heiraten.“

„Oh, gutes Stichwort!“, fand Jasmin. „Wir könnten einen kleinen Film daraus machen. Wenn jeder Gast vielleicht mit seinem Smartphone mitfilmt und wir schneiden das am Ende?“

„Gute Idee. Wollt ihr auch eine Foto-Box? Wo die Gäste hineingehen, sich verkleiden und lustige Bilder geschossen werden?“

Thore schaute Jasmin fragend an. „Warum sollte man sowas machen?“

In Jasmins Gesicht blühte jedoch ein Strahlen auf. „Das ist eine super Idee! Gibt es das mit lustigen Hüten und so? Da kommen bestimmt tolle Fotos raus. Und wir brauchen einen Schokobrunnen. Ich wollte schon immer sowas haben.“

Kalinda lächelte. „Ich schreib es auf die Liste. Willst du eine bestimmte Farbe für die Deko? So wie hier? Ich kann sogar Schokolade für den Brunnen in dieser Farbe besorgen.“

„Au ja! Wir könnten doch alles so machen wie im Café Woll-Lust. Fliederfarben und dazu Rattan, außerdem natürlich Frühlingsblumen. Es darf ja ruhig ein bisschen kitschig sein. Oder was meinst du, Thore?“

Er zuckte mit den Schultern. „Von mir aus.“ Besonders begeistert sah er allerdings nicht aus.

Jasmin war jetzt voll in ihrem Element und achtete gar nicht auf Thore. „Oder Hussen für die Stühle in Flieder. Überhaupt fände ich Pastellfarben schön. Türkis würde doch gut dazu passen, aber nur so ein ganz helles, also eher lindgrün. Außerdem ein paar lustige Spiele, wo die Leute was malen müssen. Sowas ist immer lustig.“

„Kein Problem.“ Kalinda holte ihren Block heraus, um sich Notizen zu machen. „Wollt ihr Musik im Hintergrund zum Kuchenbuffet? Später wird ja dann sowieso getanzt. Aber vorher was Ruhigeres?“

„Unbedingt“, stimmte Jasmin zu. „Soft Jazz oder so. Und jeder soll sich in ein Hochzeitsbuch eintragen, am besten mit einem lustigen Spruch oder Gedicht für uns. Anstoßen könnten wir dann ja auch mit etwas in Fliederfarben. Gibt es lila Prosecco?“

Thore schnaubte.

Ziemlich laut sogar. Eigentlich hatte Kalinda noch nie jemanden so schnauben hören, es klang fast wie ein Ventil, das lange unter Druck gestanden hatte und aus dem jetzt mit einem Schlag die Luft entwich.

„Lila Prosecco? Malen? Und so ein Jazz-Gedudel im Hintergrund? Das klingt nicht wie eine Hochzeit, sondern wie ein Horrorfilm!“, rief er.

Und er sah auch aus, als hätte er gerade einen schweren Albtraum gehabt.

Erschrocken wandte sich Jasmin ihm zu. „Oh, Thore, mein Schatz, das tut mir total leid. Mir sind wieder mal die Gäule durchgegangen. Natürlich soll es eine Feier sein, bei der wir beide uns wohlfühlen. Das habe ich doch von Anfang an gesagt!“

„Ja, stimmt, hast du“, musste er zugeben.

„Eben! Ich mach doch einfach nur Vorschläge und du musst natürlich sagen, was du gern haben willst. Dann finden wir einen Kompromiss, das ist doch klar.“ Sie strich ihm zärtlich über die Wange.

Kalinda nickte. „Ganz genau. Wir können es sogar so machen, dass ihr beide mir eure Ideen sagt und ich bastle dann was daraus, ohne es euch vorab zu verraten. Auf diese Weise ist es dann sogar eine Überraschung für euch.“

„Super Idee!“, jubelte Jasmin.

„Ja, echt klasse“, brummelte Thore und es klang irgendwie ironisch.

Kalinda sah ihn fragend an. „Willst du das nicht?“

„Doch! Aber ich habe nicht mal die kleinste Idee, was zum Henker ich gern hätte bei einer Hochzeit! Wir Männer kennen uns da doch gar nicht aus.“

„Quatsch.“ Kalinda schüttelte den Kopf. „Ich hab schon Trauungen für Biker, Möchtegern-Cowboys und sogar eine Fußball-Hochzeit organisiert. Auf der Torte, die wie ein alter Lederball aussah, war die Unterschrift von Ronaldo drauf.“

„Ein arroganter Schnösel, der versagt, wenn es um die Wurst geht. So einen Loser würde ich mir nicht auf eine Torte malen. Dann schon eher den Thomas Müller.“

War damals auch eher der Wunsch der Braut gewesen, fiel Kalinda ein. Die hatte ihren frisch angetrauten Mann dann auch gleich nach den Flitterwochen mit dem gut frisierten linken Verteidiger einer anderen Mannschaft betrogen, aber das sollte sie jetzt wohl lieber für sich behalten.

„Deine Wünsche sind mir aber wichtig!“, beharrte Jasmin. „Ich kann dich doch nicht heiraten, wenn du zu allem, was ich vorschlage, nur Ja und Amen sagst. Aber natürlich auch nicht, wenn du alles doof findest. Wir müssen doch Kompromisse schließen, so eine Feier ist ja quasi der Test für das spätere Eheleben. Stimmt doch, Kalinda?“

Nun ja, ein bisschen was war da schon dran. „Kann man so sagen.“

Doch Thore biss die Backenzähne aufeinander. „Ihr setzt mich verdammt unter Druck!“, sagte er schließlich. „Ich will halt was Männliches, nicht lauter so Schnickschnack.“

„Etwas genauer bräuchte ich das dann schon. Ich muss das alles ja abstimmen.“ Kalinda hatte keine Idee, was „was Männliches“ denn genau sein sollte. Holzhacken nach der Kirche? Eine Tischdeko aus Schrauben und Seitenschneidern?

„Verflucht, ich bin für sowas echt nicht gemacht!“, maulte Thore herum und schaute so finster drein, wie er nur konnte.

Das war ein Problem. Kalinda zermarterte sich den Kopf, wie man eine gute Lösung finden konnte. Da! Ihr kam die rettende Idee.

„Ich hab’s!“, rief sie begeistert. „Du bestimmst einen Stellvertreter! Du kennst doch eine Menge harter Kerle, dann soll eben einer von denen das für dich übernehmen. Die wissen doch, was du magst und was nicht.“

„Geniale Idee!“, fand auch Jasmin.

Nur Thore sah immer noch drein, als hätte ihm jemand in die Suppe gespuckt. „Aber das sind doch meine Freunde! Sowas kann man von keinem guten Kumpel verlangen, die würden mir bestimmt sofort die Freundschaft kündigen. Nein, das geht gar nicht!“

„Wer kommt denn überhaupt von deinen Freunden? Ich brauche bald die endgültige Anzahl. Hast du viele Verwandte?“

„Nein. Die sollen mich in Ruhe lassen“

„Aber du hast doch nicht nur Schwestern, sondern auch einen Bruder, oder? Jasmin hat das mal gesagt.“

„Der würde mir gerade noch fehlen, du liebe Zeit! War schon schlimm genug, dass der die Sache mit der verunglückten Verlobung mitbekommen hat, keine Ahnung, warum der überhaupt in der Gegend war. Der soll sich fernhalten von mir und kriegt garantiert keine Einladung.“

Kalinda zuckte mit den Schultern. Es kam durchaus manchmal vor, dass Brautleute ihre engen Verwandten gar nicht dabei haben wollten. Manche waren aber auch echte Schreckschrauben! Thores Bruder hätte sie allerdings sehr gerne gesehen und ärgerte sich, dass sie ihn bei dieser Kutschensache so knapp verpasst hatte. Ob der auch so ein knurrig-knorriger Geselle war wie Thore? Sie nahm aber an, dass es besser war, ihn nicht danach zu fragen. Außerdem war sie gerade in Zeitnot. Sie sah auf die Uhr. Ja, sie musste los und schauen, wann das Brautpaar ankam, damit hier beim Sektempfang alles rund lief.

„Überlegt es euch mit Thores Wünschen oder seinem Adjutanten“, sagte sie. „Und ruft mich dann einfach an. Ich muss jetzt leider los. Schöne Zeit euch!“

Thore sollte sich echt nicht so anstellen. So schwierig konnte es doch nicht sein, einen Kumpel zu finden, der für ihn quasi den Hochzeitsplaner spielte. Kalinda kannte einige seiner Freunde, weil die auch oft im Café Woll-Lust herumsaßen, und sie mochte jeden von ihnen.

Hach, das würde bestimmt ein großer Spaß werden, gemeinsam mit Greg, Rick, Sergej oder Dario was zu planen! Darauf freute sie sich schon mächtig.

 

4. Die Erpressung

Magnus

 

Es war Montagmorgen und ziemlich frisch für einen Apriltag. Magnus zog sich den dünnen Schal enger um den Hals und bestieg seine Maschine. Die lausige Pension, in der er untergekommen war, behagte ihm nicht recht. Denn er kannte Dennis. Der würde alle möglichen Hebel in Bewegung setzen, um zu verhindern, dass er, Magnus, hier ermittelte. Oder sich überhaupt in der Stadt aufhielt.

Geschlafen hatte er nicht viel. Erstens, weil die Matratze viel zu weich war, zweitens weil er sich die ganze Nacht sein Hirn zermartert hatte, wie er irgendwie an die örtliche Filiale des Falschgeld-Rings herankommen könnte.

Blöderweise war ihm nichts eingefallen.

So blieb nur noch ein einziger Ausweg übrig. Magnus seufzte schwer und schaute auf den Zettel, den er in der Hand hielt. Der Name Bills Biker Box stand darauf und die Adresse. Er hatte all diese Erkundigungen schon vor ein paar Wochen eingezogen, aber nicht gedacht, dass er sie mal brauchen könnte. Sein Plan war ja gewesen, erst den Clan in Berlin auffliegen zu lassen und dann – quasi als Dessert – gleich noch die Zweigstelle hier in der Stadt.

Nur war es halt ganz anders gelaufen.

Entschlossen stülpte er sich den Helm über den Kopf und startete sein Bike. Half ja nichts.

Zehn Minuten später fuhr er auf die Halle zu, in der sich die Motorradwerkstatt befand. Einer der Mechaniker beugte sich gerade über eine Enduro, die per Hänger angeliefert wurde. Breites Kreuz, dunkle Haare, finsterer Blick. Tja, sein Bruder sah ihm immer noch verdammt ähnlich.

Er wartete in zehn Metern Entfernung, bis der Kunde abfuhr, dann ließ er seine Maschine auf den Eingang zurollen. Thore sah auf und richtete seinen Blick voller Bewunderung auf die BMW, so kam es Magnus zumindest vor.

Doch sein Blick änderte sich schlagartig, als Magnus sich den Helm vom Kopf zog.

„Du?“, zischte Thore und es hörte sich an, als würde er das Wort eher spucken als sagen. „Was willst du hier?“

Verflucht, jetzt kam der schwierige Teil.

„Mit dir reden“, sagte Magnus und stellte die Maschine ab.

„Wüsste nicht, was wir beide zu reden hätten“, knurrte Thore.

Magnus atmete tief durch. Okay, jetzt galt es. Es fiel ihm echt nicht leicht, aber er musste da jetzt durch.

„Ich brauche deine Hilfe. Weil ich nämlich richtig tief in der Scheiße sitze.“

„Ach was. Mein großer Bruder, der immer alles besser wusste, hat Mist gebaut? Das ist ja kaum zu glauben“, sagte Thore, machte aber Anstalten, nach drinnen zu gehen.

„Es ist mir wirklich ernst.“ Verflixt nochmal, Magnus hasste es wie die Pest, wenn er sich so klein machen musste.

„Mir auch. Verschwinde aus meinem Leben.“

„Thore, jetzt warte doch mal. Bitte!“

Nun blieb sein kleiner Bruder, der allerdings inzwischen genauso groß war wie er, endlich stehen und sah ihn an.

„Ist das erste Mal, dass du zu mir bitte sagst, glaub ich. Zumindest kann ich mich an kein anderes Mal erinnern.“

„Ich würde nicht zu dir kommen, wenn ich eine andere Möglichkeit hätte, das darfst du mir glauben. Ich hab was richtig verbockt. Und ohne dich kann ich das nie mehr hinbiegen. Tut mir ehrlich leid, wenn ich dich beim letzten Mal so dumm angeredet habe. Wegen deinem Antrag und so. Das war nicht okay.“

„Wohl wahr.“ Unschlüssig blieb Thore stehen. Schließlich gab er sich einen Ruck. „Okay, komm mit. Wir haben hier einen kleinen Aufenthaltsraum, da können wir reden.“

Puh. Magnus fiel ein ganzes Bergmassiv von den Schultern. Trotzdem wollte er nicht hineingehen. Man wusste nie, wer irgendwo mithörte.

„Können wir vielleicht hier draußen reden?“, fragte er.

„Mann, ist es mit dir wieder kompliziert“, erwiderte Thore, nickte aber. „Also gut, dann schieß los.“

In knappen Sätzen berichtete ihm Magnus von den Vorfällen in Berlin. Als er zu der Stelle mit der Büchereikarte kam, prustete Thore los. „Im Ernst? Du hast einen Büchereiausweis?“

„Ja, hab ich. Les gern mal einen Thriller. Die Skandinavier mag ich, Arne Dahl, Adler-Olsen, solche Sachen halt.“

„Komisch, ich auch. Aber red weiter!“

Der Rest war schnell erzählt.

„... mein Ex-Partner und jetziger Leiter des Kommissariats hat mir ‘ne glatte Abfuhr erteilt. Aber ich hab sowieso noch vier Wochen alten Urlaub und Überstunden, die ich abfeiern muss. Und du kennst mich, ich bin niemand, der sich an einen Hotelpool legt. Ich will den Falschgeld-Ring auffliegen lassen!“

„Verstehe.“ Thore nickte. „Aber ich kapier noch nicht, wieso du mich dazu brauchst.“

„Weil ich mich irgendwie in die ortsansässige Bande einschleusen muss. Und die ist in der Biker-Szene vertreten.“

So, jetzt war es raus. Gespannt musterte Magnus das Gesicht seines Bruders.

„Soll das heißen“, sagte Thore langsam, „du willst dich hier bei Bills Biker Box einmischen?“

Magnus nickte. „Wäre ‘ne super Tarnung. Kein Mensch würde drauf kommen, dass ich bei der Kripo bin. Ich mach deinen Handlanger, unentgeltlich natürlich.“

„Du willst quasi mein Lehrling sein?“ Thore lachte. „Das hältst du niemals durch!“

„Oh doch. Lass es mich dir beweisen. Sag deinem Boss doch einfach, dass ich ein alter Kumpel bin und gerade zu Besuch. Du musst ja nicht mal viel lügen, denn ich bin ja wirklich ein Motorradfan und kenn mich ein wenig aus mit der Herumschrauberei.“

„Der wirft mich sofort raus, wenn er das rauskriegt. Nee, Brüderchen, das geht echt nicht.“

Verdammt, Thore war immer noch so ein Sturschädel wie schon als Kind!

Magnus deutete auf seine BMW. „Geile Maschine, oder? Und du weißt, dass ich fahren kann und mich schon immer mit Motorrädern beschäftige, ich gehe also locker als halber Fachmann durch. Komm schon, lass mich wenigstens mal zwei Tage bei Bill arbeiten! Zur Probe. Wenn es nicht hinhaut, mach ich den Abflug. Und ich hol dir sogar ein Wurstbrot zur Brotzeit, wenn du das willst.“

„Hm“, machte Thore und musterte ihn, als wäre er plötzlich nicht mehr sicher, dass wirklich sein Bruder vor ihm stand. „Du ziehst ja echt jedes Register.“

„Ich hab keine Wahl. In Berlin hab ich mir den Arsch aufgerissen, ohne Ende Überstunden geschoben und mich richtig reingehängt. Aber jetzt bin ich die größte Lachnummer des Kommissariats. Ich muss das wieder gut machen, verstehst du? Ich – na ja – ich hab ja sonst nichts. Die Arbeit ist mein Lebensinhalt.“

Das hatte er nicht sagen wollen. Aber irgendwie war es ihm rausgerutscht. Mist. Thore würde jetzt garantiert über ihn lachen und ihn dumm anmachen. Schließlich war der ja nicht mehr solo.

Doch der seufzte nur tief. Was immer das bedeuten sollte. Anschließend schwieg er lange. Also wirklich lange!

Magnus trat von einem Fuß auf den anderen. Bei Vernehmungen konnte er die Ruhe selbst sein und hatte schon gar manches Geständnis erhalten, indem er dem Verdächtigen einfach nur eine Stunde lang in die Augen geschaut hatte. Aber das hier war anders. Da saß er nicht am längeren Hebel.

Schließlich drehte Thore den Kopf und schaute zur BMW. „Eine Supersportler also“, sagte er und klang dabei irgendwie nachdenklich.

Magnus war ein wenig verwirrt. Was hieß das jetzt?

„Grenzenlos geiles Teil“, sagte er, weil Biker nun mal so miteinander redeten. „Geht ab wie eine Rakete. 207 PS bei 193 Kilogramm, Vier-Zylinder, eine Wahnsinnsbeschleunigung. Willst du eine Runde drehen?“

„Mit genau diesem Modell liebäugle ich auch schon eine Weile“, erwiderte Thore, anstatt auf die Frage zu antworten. Und schwieg dann wieder.

Das machte Magnus ganz verrückt. Wollte Thore jetzt fahren oder nicht? Und nahm er ihn als Handlanger oder überlegte er es sich anders?

Irgendwie sah er aus, als gingen ihm wichtige Gedanken durch den Kopf. Magnus hätte viel dafür gegeben, einen kleinen Anhaltspunkt dazu zu erhalten.

„Was hörst du eigentlich für Musik?“, wollte Thore wissen.

Allmählich machte sich Magnus ernsthafte Sorgen. Thore und ihn hatte zwar nie eine große Geschwisterliebe verbunden, und als sie fast erwachsen gewesen waren, hatten sie sich erst recht zerstritten, außerdem seit vielen Jahren nicht gesehen – aber dass sein kleiner Bruder geistig nicht ganz bei Trost war, wäre dann doch eine schlimme Überraschung.

„Was wohl? Erdigen Rock halt. Hab ein paar coole bluesige Sachen entdeckt in der letzten Zeit. Backdoor Slam heißen die, die lassen es krachen. Und das neue Album von The dirty knobs ist auch cool. Das ist die Band von Tom Pettys Gitarren-Mann.“

Thore nickte. Ungefähr so, als hätte Magnus bei einer wichtigen mündlichen Prüfung einen Punkt gesammelt.

„Und deine Bude in Berlin – wie ist die so eingerichtet?“

Vielleicht war das doch gar keine so gute Idee, in Bills Biker Box zu arbeiten. Magnus musterte Thore genau und suchte nach Anzeichen von Drogen, Alkohol oder psychischer Verwirrtheit. Er sah aber ganz normal aus.

„Keine Ahnung. Wie immer halt. Praktisch. Ein schwerer Eichentisch in der Küche, der dient auch als Schreibtisch. Schwarze Ledereckbank. Ein paar Metallstühle, an der Wand Bilder von den amerikanischen Nationalparks. Arches, Yellowstone, du weißt schon.“

„Solche hatte ich auch mal in meinem Zimmer“, erinnerte sich Thore. „Das ist gut.“

Also, jetzt reichte es!

„Willst du mir endlich mal sagen, was das soll?“, platzte es aus ihm heraus. „Ich will bei dir arbeiten und mich nicht bei einer Schöner-Wohnen-TV-Show bewerben! Oder bei einer Partnervermittlung. Als Nächstes willst du wohl noch wissen, was ich gern esse, was meine Lieblingsfarbe ist und wie ich meinen Valentinstag am allerallerliebsten verbringen würde!“

„Gutes Stichwort. Wie denn?“, fragte Thore allen Ernstes.

„Allein mit einer Whiskyflasche und einem T-Bone-Steak natürlich! Ohne Frauen ist man doch sowieso besser dran. Aber wenn du mich nur verarschen willst, dann fahr ich halt wieder.“

Was für ein Idiot!

Magnus wollte sich seinen Helm über den Kopf ziehen und auf sein Bike zustapfen, doch Thore hielt ihn am Arm fest.

„Warte. Ich erklär’s dir.“

„Na, da bin ich aber gespannt.“

Thore holte tief Luft, atmete dann aus und sah ihn schließlich mit einem äußerst seltsamen Blick an. Magnus verengte die Augen. Sein feiner Instinkt sagte ihm, dass da was im Busch war. Irgendetwas, das ihm nicht gefallen würde. Ja, sein Instinkt riet ihm sogar, seinen Hintern augenblicklich aufs Motorrad zu schwingen und davonzubrausen, denn das konnte nichts Gutes sein!

Doch die Neugier war stärker. Außerdem brauchte er Thore. Deshalb spitzte er die Ohren und lauschte seinem Bruder aufmerksam.

„Du sagst ja, du brauchst diesen Job hier unbedingt. Und du kriegst deine Rehabilitation nur hin, wenn du dich mit meiner Hilfe in die Szene einschleusen kannst.“

„Korrekt.“

„Und womöglich brauchst du auch noch eine Wohnung, in der du unerkannt leben kannst?“

„Das wäre natürlich perfekt.“ So würde ihn Dennis niemals aufstöbern, genial!

„Was bist du bereit, dafür zu tun?“, fragte Thore mit ernster Miene.

Da musste Magnus keine Sekunde überlegen. „Alles!“

Zufrieden nickte Thore. Und ließ ein Grinsen auf seinem Gesicht aufblühen. Eines von der Sorte, die Magnus schon immer ziemliches Bauchgrummeln beschert hatten. Er erinnerte sich an eine Situation, in der sein Bruder auch so gegrinst hatte: Da hatte er, Magnus, ein Date gehabt, und Thore hatte ihm heimlich Juckpulver in sein Lieblingsshirt gestreut, sodass er sich den halben Abend lang gekratzt hatte und die heiße Helena aus Angst vor einer ansteckenden Krankheit nicht mit ihm knutschen wollte.

„Gut, dann hab ich gleich zwei Jobs für dich, du Glückskind.“ Thores Grinsen war jetzt so breit, dass es fast über die Ohren ging.

„Nämlich?“

„Du wirst mein persönlicher Assistent hier bei Bill, da verkaufe ich dich tatsächlich als einen alten Kumpel auf Durchreise.“

„Und was noch?“ In Magnus‘ Nacken kribbelte es unangenehm.

„Und du wirst mein persönlicher Assistent bei der Hochzeitsplanerin.“

Magnus starrte seinen Bruder an. Er musste sich verhört haben. Ja, ganz sicher sogar. Es konnte nicht anders sein!

„Hochzeit?“, wiederholte er heiser.

„Ganz genau.“ Thore nickte. „Jasmin und ich heiraten in knapp vier Wochen und die Sause wird geplant von ihrer Freundin Kalinda. Die ist professionelle Hochzeitsplanerin und die beiden sprudeln über vor Ideen. Du weißt schon, rosa Schleifchen und lila Prosecco und als Deko ein Schloss aus Tausendundeiner Nacht oder was weiß ich. Jedenfalls besteht Jasmin darauf, dass ich meine eigenen Vorschläge einbringe, denn eine Hochzeitsfeier soll ja ein gelungener Kompromiss aus beiden Geschmäckern sein.“

Magnus hatte nicht den leisesten Schimmer, auf was Thore hinaus wollte.

„Ist ja schön, aber was hat das mit mir zu tun?“

„Ich hasse sowas! Mir Gedanken über Deko oder Farben oder die Größe von Girlanden machen zu müssen! Ich weiß, dass ich keine rosa Schleifchen haben will, aber was genau ich will, davon hab ich keine Ahnung. Also kann ich jemanden schicken, der meine Interessen vertritt, hat Kalinda gesagt.“

Er sprach nicht weiter, sondern sah ihn bedeutungsvoll an.

„Moment mal!“ Magnus konnte noch gar nicht ganz glauben, was er da hörte. „Soll das heißen, du willst, dass ich statt dir die Planungen für deine Hochzeit organisiere?“

„Du bist sozusagen mein Geschmacksvertreter“, beschloss Thore. „Passt doch! Du fährst das Bike, das ich mir auch ausgesucht hätte. Du hörst Musik, die ich mag, deine Bude ist ähnlich eingerichtet wie meine und deine Klamotten schauen auch aus, als könnten sie in meinem Schrank hängen.“

„Du bist völlig verrückt!“

„Das macht die Liebe!“, sagte Thore und grinste schon wieder.

Echt jetzt, das war doch nicht normal.

---ENDE DER LESEPROBE---