Harte Kerle küssen nicht - Karin Koenicke - E-Book

Harte Kerle küssen nicht E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

Er ist ein hartgesottener Lebensretter – doch ein Einsatz im Kindergarten treibt ihn direkt in die Verzweiflung!
Feuerwehrmann Sergej hatte den Finger zu schnell am Abzug. Mit dem Feuerwehrschlauch hat der harte Kerl zwei Kinder einer Besuchergruppe patschnass gespritzt und muss jetzt Buße tun, sonst fliegt er aus seinem Gruppenführer-Lehrgang. Ausgerechnet in einer Kita soll er arbeiten und dann auch noch mit Erzieherin Nina den Dornröschenprinzen spielen! Für so etwas ist ein Kerl wie er einfach nicht geschaffen, denn die Kinder rauben ihm den letzten Nerv. Außerdem prickelt es immer so märchenhaft, wenn er Nina ansieht, doch die will nichts von ihm wissen. Nein, er muss dringend raus aus der Bastelstube. Doch dann kann er den Lehrgang vergessen, von Nina ganz zu schweigen. Verdammt, wie kriegt er nur die Kurve?

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1. Die Maus hat Hunger
2. Im Einsatz
3. Pusteblume
4. Wasser marsch
5. Der Strohhalm
6. Der neue Marienkäfer
7. Die Maus und ihr Freund
8. Wodka pur
9. Auf Scheres Schneide
10. Die Lulu-Lektion
11. Nachsitzen
12. Rabimmel Rabammel Rabumm
13. Die Obenwelt
14. Suzies Bar
15. Abends auf der Landstraße
16. Nächtlicher Noteinsatz
17. Der echte Grischa?
18. Der Elch-Test
19. Besuch bei Simona
20. Was Frauen wirklich wollen
21. Schuhe?
22. Cannelloni á la casa
23. Die Spitzmaus, die keine ist
24. Spindeln und andere Katastrophen
25. Die echte Ninotschka
26. Das Geschenk
27. Die kichernde Königin
28. Thores großer Tag
29. Der Tanzbär
30. Die Generalprobe
31. Dornröschens Prinz
32. Babuschkas Backbuch
Jetzt wird geheiratet!
Deine Geschenke!
Thores wichtigstes Rezept
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Harte Kerle küssen nicht

 

von

Karin Koenicke

 

Das Buch:

Er ist ein hartgesottener Kämpfer - doch jetzt soll er im Kindergarten den Dornröschenprinz spielen!

 

Feuerwehrmann Sergej hatte den Finger zu schnell am Abzug. Mit dem Feuerwehrschlauch hat er Kinder einer Besuchergruppe patschnass gespritzt und muss jetzt Buße tun, sonst fliegt er aus dem Lehrgang. Ausgerechnet in einer Kita soll er arbeiten und dann auch noch mit Erzieherin Nina bei einem Märchen den wachküssenden Prinzen geben! Das geht gar nicht für einen harten Kerl wie ihn, er ist nämlich viel mehr Frosch als Prinz. Doch die Kinder bestehen gnadenlos auf seiner Mitwirkung. Und Nina hat dummerweise etwas märchenhaft Verlockendes an sich.

 

 

1. Edition, 2020

© 2020 All rights reserved.

Karin Koenicke

Primelstr. 9

85386 Eching

www.karinkoenicke.de

 

 

 

1. Die Maus hat Hunger

 

Nina beugte sich über das lila Notizbuch, das sie vor ein paar Tagen gekauft hatte. Es war wirklich eine Augenweide mit diesem tiefen Violett und den goldenen Ornamenten. Geradezu geschaffen, um eine Geschichte hineinzuschreiben. Natürlich würde es ein Kinderbuch werden, ein modernes Märchen oder zumindest eine Mut-mach-Geschichte, das stand schon mal fest. Und Nina wusste, wer die Hauptfigur in dem Buch sein würde, deshalb schrieb sie deren Namen in extra schöner Schrift ganz oben auf die erste Seite. „Willma Wühlmaus und ihre Abenteuer“ stand jetzt da und sie nickte zufrieden.

Dass die Geschichte von einer Wühlmaus handelte und nicht von einer heiseren Grille oder einem kratzbürstigen Igel, hatte sie den Kindern aus der Marienkäfergruppe zu verdanken. Die hatte sie nämlich gefragt. Hui, das war wieder mal was gewesen!

Ihre sogenannte Zielgruppe bestand nämlich aus Zappelphilipps und Quasselstrippen, so viel war ihr klar. Nina wollte das Buch nicht an einen Verlag verkaufen, es sollte einfach nur Spaß machen, so wie all die Geschichten, die sie zusammenphantasierte und aufschrieb, so lange sie denken konnte. Aber trotzdem gehörte Marktforschung dazu und die hatte sie knallhart durchgeführt. Und zwar an ihrem Arbeitsplatz, dem Kindergarten Pusteblume. Natürlich an einem Tag, als die Leiterin – Frau Stresekorn – mal nicht da war. Da hatte sie die Kinder in den Stuhlkreis geholt und befragt, von welchem Tier sie gerne eine Geschichte lesen wollten.

Und dann war es losgegangen. Karl-Theodor hatte natürlich sofort geplärrt: „Ein altes Stinktier! Oder so ein hässlicher Kolliote, der tote Tiere frisst, wenn die verwesen und stinken“, worauf sich die kleine Amelie gleich die Ohren zugehalten und fast geweint hatte.

„Sei nicht immer so fies!“, hatte Kevin gerufen und sein Freund Dustin hatte nickend zugestimmt. „Genau, immer muss es so brutal sein bei dir, du buckliger Hornochse.“

Karl-Theodor hatte die Faust in Richtung der beiden geballt. „Ich zeig euch gleich, was brutal ist, ihr verfickten Softies!“

„Schluss jetzt! Du benimmst dich sofort! Und es heißt Kojote, nicht Kolliote“, war Nina streng dazwischengegangen. „Außerdem soll es in meiner Geschichte ein ganz liebes Tier sein, ein niedliches.“

Einen winzigen Moment lang hatte sie überlegt, ob ein buckliger Hornochse vielleicht die richtige Wahl wäre, verwarf den Gedanken aber schnell. Nicht dass Karl-Theodor sich am Ende angegriffen fühlte und seine Übermutter sie umgehend auf zwei Millionen Euro Schadenersatz verklagte. „Ich weiß es!“ Merle war vor lauter Begeisterung aufgesprungen und hatte übers ganze Gesicht gestrahlt. „Eine Wühlmaus!“

Alle hatten lautstark zugestimmt. Das lag daran, dass so eine Maus im kleinen Gemüsegarten der Gruppe ihr Unwesen trieb und neulich, an einem ungewöhnlich sonnigen Oktobertag, von den Kindern gesichtet worden war. Mit ihrem süßen, kleinen Gesicht und den dunklen Knopfaugen hatte sie allgemeines Entzücken ausgelöst, bevor sie schnell wieder verschwunden war. Okay, Karl-Theodor hatte die Schaufel geholt, weil er die Maus erschlagen wollte, aber alle anderen Kinder hatten sie niedlich gefunden.

Ganz in Gedanken an die lustige Begegnung bewegte Nina ihre Hand nach rechts, wo der Zeichenblock und ihre teuren Buntstifte aus dem Künstlerbedarf lagen, und sie skizzierte das Gesicht der kleinen Maus. Ja, die würde richtig putzig werden.

Was Arndt wohl zu ihrer Idee mit dem Kinderbuch sagen würde? Nina lehnte sich einen Augenblick zurück und dachte an ihn. An sein strahlendes Lächeln, sein Gesicht, die wunderbaren blonden Haare. Sie stellte sich vor, wie er mit seinen schmalen Händen das Büchlein nehmen und darin lesen würde, um sie dann anzusehen – mit diesem ganz besonderen Blick, den nur er beherrschte. „In dir stecken erstaunlich viele Talente, mein Schneewittchen“, würde er dann sagen, sich zu ihr beugen und sie küssen.

Lächelnd strich sie mit den Fingern durch ihre langen, schwarzen Haare, die ihr diesen Spitznamen eingebracht hatten. Dabei war sie früher oft als „Käsegesicht“ geneckt worden, weil sie so blass war und selbst im Sommer allenfalls ein paar Sommersprossen bekam, aber niemals eine sexy Bräune. Arndt jedoch mochte das, sagte er. „Du bist etwas ganz Besonderes“, raunte er ihr oft ins Ohr, und wenn sie nur daran dachte, kribbelte es schon am ganzen Körper. Ja, sie musste schnell etwas schreiben! Heute war Samstag, dazu einer dieser trüben Herbsttage, an denen es regnete und draußen alles in tristem Grau versank. Somit perfekt, um ihr Buch zu beginnen. Einen Moment lang grübelte sie, aber dann flossen die Worte wie von allein.

„Schau nur, sind sie nicht allesamt wunderhübsch?“, sagt Mama Wühlmaus zu Papa Wühlmaus und beugt sich über das Nest aus jungen Birkenzweigen und Moos, das er für den Wurf gemacht hat.

„Ein Baby schöner als das andere“, erwidert Papa Wühlmaus gerührt und deutet auf das kleinste Wühlmäuschen. „Aber das hier, das sondert sich ab, siehst du das? Das will wohl nicht bei den anderen sein?“

Mama Wühlmaus lacht. „Das ist Willma, die will immer irgendwie was anderes, deshalb habe ich sie so getauft. Mit der werden wir noch einiges erleben!“

„Oh je, mir wird schon erdenangst“, sagt er. Andere Tiere würden natürlich sagen himmelangst, aber die leben ja auch im Freien und sehen den Himmel und die Wolken und die Sonne über sich. Wühlmäuse leben unter der Erde und deshalb wäre es seltsam, wenn sie von himmelangst reden würden.

„Ach, das kriegen wir hin.“ Er nimmt seine Frau in den Arm und streicht ihr zart über das Fell, das weich wie ein Petunienblatt ist. Mama Wühlmaus lehnt sich an ihn und betrachtet liebevoll ihre Kinder. Sie bückt sich und nimmt Willma heraus. Vorsichtig drückt sie das Mäusebaby an sich. „Ich werde gut auf dich aufpassen, mein Kleines.“

Willma öffnet die Augen, sieht ihre Mutter an und sperrt sofort ihr Mäulchen auf.

„Hungeeer!“, ruft sie mit durchdringender Piepsstimme. „Will essen! Will gleich!“

Wühlmausbabys können nämlich von Anfang an sprechen, das ist das ganz Besondere an ihnen. Willmas Geschwister hören sie betteln und stimmen allesamt in das Geschrei ein. „Psst, seid leise“, versucht Mama Wühlmaus die Kleinen zu beruhigen. „Sonst hört euch noch der Fuchs oder der Bussard!“

Erschrocken verstummen die Babys. Bis auf Willma, die will weiterhin ihre Milch haben. Seufzend legt sich Mama Wühlmaus zu den Kleinen, um sie zu füttern. Na, das kann ja noch was werden mit der frechen Kleinen!

Zufrieden legte Nina den Stift zur Seite. Das klang doch schon mal gar nicht schlecht. Gut, es war ein wiiinziges bisschen kitschig, aber Kinder sehnten sich doch nach einem Heim voller Geborgenheit. Sie zumindest tat das. In ihrer eigenen Kindheit hatte es weder ein weiches Nest aus Moos gegeben, noch hatten sich die liebevollen Eltern umarmt. Vielleicht war sie deshalb so versessen darauf, in Willmas Welt alles kuschelig zu machen.

Wenn sie jetzt noch eine nette Zeichnung anfertigte, könnte sie den ersten Entwurf der Geschichte heute schon Arndt zeigen und ihm beweisen, dass sie mehr war als nur eine Erzieherin. Nicht, dass sie sich dafür schämte, im Gegenteil, es war ihr Traumberuf. Aber manchmal beschlich sie das Gefühl, dass er ein klein bisschen auf sie und ihre Kolleginnen herabsah. Er war zehn Jahre älter als sie und jonglierte als Investmentbänker täglich mit Millionen, das war natürlich schon eine andere Sache als ihre Kastanientiere. Aber was sie tat, war auch sinnvoll und außerdem gab es ihr ein gutes Gefühl, den Kindern ...

Das Schrillen des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Das war sicher Arndt, der sich zwischendurch mal kurz meldete. Vielleicht war seine Frau beim Einkaufen und er hatte ein paar Minuten Zeit.

Nina sprang auf und lief zum Telefon. Doch als sie ihren Namen gesagt hatte, hörte sie die Stimme ihrer Freundin Jasmin.

„Hi, Nina, was treibst du gerade?“

„Ich füttere eine hungrige Wühlmaus.“ Sie grinste.

„Wie bitte?“

Nina lachte und erklärte Jasmin, was es damit auf sich hatte. „Ich bin gespannt, was Arndt dazu sagt.“

„Ach, der gute Arndt.“ Jasmins Stimme wurde kühler. „Glaubst du denn, der kann mit Kindergeschichten etwas anfangen? Der mag Mäuse doch nur auf dem Konto.“

Aber Nina war sich ganz sicher. Jeder Mensch liebte doch gut geschriebene Kindergeschichten.

„Ich kann ihm ja sagen, dass ich die immens attraktive Spitzmaus, in die Willma sich im Laufe der Geschichte total verknallen wird, nach ihm benenne.“ Sie kicherte.

„Wird ihn sicher umhauen“, kommentierte Jasmin trocken.

Nina seufzte. „Ach, komm, schon, ich weiß, dass du ihn nicht magst. Aber er ist kein schlechter Kerl. Und er muss nur noch ein paar Kleinigkeiten regeln, dann wird er seine Frau verlassen.“

Sie konnte förmlich hören, wie sich Jasmin auf die Zunge biss, aber schließlich antwortete die dann doch. „Du weißt aber noch, was meine Tarotkarten vorhergesagt haben, oder? Dass er nicht der Richtige ist. Und dass er dir weh tun wird. Mensch, Nina, such dir doch einen anderen Märchenprinzen. Einen, der dich besser behandelt. Und mit dem du dann die Familie gründen kannst, die du dir so wünschst.“

„Das werde ich mit Arndt“, gab sie entschlossen zurück. „Er ist genau der Mann, den ich mir mein Leben lang vorgestellt habe, und er wird sich bald zu mir bekennen.“

Jasmin wurde jetzt wieder weicher. „Ich wünsche es dir von Herzen, das weißt du. Und vielleicht hast du recht. Außerdem bin ich jetzt schon gespannt, ob eure Kinder dann so dunkel sind wie du oder seine Traumprinz-Blondlocken haben.“ Sie lachte freundlich. „Aber eins ist klar, Süße: Die Hochzeitstorte bekommt ihr von mir, die wird superduper ausgefallen!“

Jasmin hatte sich vor einiger Zeit selbstständig gemacht. Zusammen mit Häkelfan Valerie betrieb sie das Café Woll-Lust, in dem man nicht nur Wolle kaufen und gemütlich handarbeiten, sondern dazu die skurrilsten Törtchen der ganzen Stadt verdrücken konnte. Valerie hatte ihren Greg mit einer Quittenquarkschnitte eingefangen, Jasmin ihren Thore dazu genötigt, Muffins mittels Schokocreme in Löwenbabys mit Fell zu verwandeln, was ihr ein paar äußerst derbe Flüche eingebracht hatte.

„Ich sollte mit Arndt mal zu dir kommen“, sagte Nina. „Er isst nur leider nichts Süßes. Aber du hast ja auch herzhaftes Gebäck.“ Arndt achtete sehr auf seine Linie, fuhr Rennrad und ernährte sich streng low-carb, was doof war, denn Nina liebte Pizza und fand reislose Sushi nicht besonders reizvoll.

„Ich denk mir was aus für ihn, kein Problem. Wann hat er wieder mal Ausgang und trifft sich mit dir?“

„Heute Abend! Er holt mich ab und wir fahren rüber nach Rudelshofen, da gibt es eine Sportgaststätte, in der ihn sicher keiner kennt.“

Jasmin lachte. „Na, wunderbar, er führt dich aus zum Fußballertreff mit Schnitzel und Pommes. Unglaublich romantisch, dein Arndt!“

„Pah, ich werde dir beweisen, dass er es ernst mit mir meint. Bald werden wir zusammenziehen, das spüre ich. Dann gibt es eine Riesenparty und du wirst dafür Millionen von Ziegenkäse-Oliven-Stangen, Mango-Macarons und Prosecco-Petit Fours backen müssen, ätsch.“

„Unbedingt!“ Jasmin kicherte. „Außerdem Magerquark-Limetten-Baisers, zuckerfrei, für deinen künftigen Bräutigam.“

„Klingt gut.“ Nina stellte sich das Buffet schon in allen Einzelheiten vor. Sie war Jasmin nicht böse, denn die Freundin hatte ein goldenes Herz und wollte einfach nur, dass es ihr gut ging. Es war sicher nicht die schlauste Idee unter der Sonne, sich in einen verheirateten Mann zu verlieben, da hatte Jasmin schon recht. Aber Liebe fragte nun mal nicht, wo sie hinfallen sollte. Sie fiel einfach. Kopfüber und ohne Rettungsschirm. Und ebenso kopfüber hatte sich Nina in Arndt verliebt, solche Dinge passierten eben.

„Wann darf ich die Geschichte von deiner Rennmaus lesen?“, fragte Jasmin.

„Wühlmaus, nicht Rennmaus.“

„Die machen doch aber alles kaputt, oder nicht?“

Nina zuckte mit den Schultern, obwohl Jasmin das natürlich nicht sehen konnte. „Die leben einfach nur ihr Leben. Und wenn sie Hunger haben, fressen sie. Sie wissen ja nicht, dass die Karotten uns gehören. Wir Menschen fragen ja auch nicht, ob es den Apfelwürmern recht ist, dass wir ihnen das Obst wegmampfen. Wühlmäuse machen nichts falsch, finde ich. Und es ist halt mal was anderes, als über Katzen oder Kaninchen zu schreiben.“

„Auf jeden Fall! Da fällt mir ein, ich hab schon ewig keine Maulwurftorte mehr gebacken, kennst du die? Ich füll die am besten mit Bananen-Stracciatella-Creme. Außenrum kommt dann der Erdhügel aus Schoko-Nuss-Biskuit.“

„Hör sofort auf.“ Nina lief das Wasser im Mund zusammen. „Sonst muss ich meine Schokoladenvorräte auffuttern. Ich hol mir ein Stück, sobald die Torte fertig ist!“

„Nur, wenn ich die Wühlmaus lesen darf.“

„Erpresserin!“

Jasmin lachte. „Oh Mist, Thore sollte die Madeleines aus dem Ofen nehmen und es riecht, als hätte er nicht auf die Uhr geschaut. Ich muss wieder rein ins Café. Wir hören uns!“

„Na klar, mach’s gut!“

Nina legte auf und schmunzelte. Jasmin war schon echt eine Marke. Sie und Thore, der bärtige, bärbeißige Motorradfahrer, waren total unterschiedlich und hatten trotzdem zueinandergefunden. Wunder geschahen in der Liebe, das wusste sie. Bestimmt auch für sie und Arndt.

Fünf Stunden später machte sie sich fertig für den Abend mit ihm. Für die Sportgaststätte konnte sie sich nicht übermäßig in Schale werfen, das würde zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken und die wollte Arndt auf jeden Fall vermeiden. War eigentlich schade, denn hin und wieder brezelte sie sich gerne auf. Im Kindergarten lief sie natürlich in Jeans, Sneakers und robusten Shirts rum, denn die Kids bekleckerten sie oft genug mit Farbe, Kleber oder Spinat. Karl-Theodor war neulich auf die glorreiche Idee gekommen, „Spinataaaangriff!“ zu kreischen und das grüne Gemüse mittels Löffel und Gummiband durch den ganzen Gruppenraum zu schleudern.

Umso schöner war es, sich für besondere Momente mal richtig als Frau zu zeigen. Sie ließ die Haare offen, betonte ihre grünen Augen mit Lidschatten und probierte einen blutroten Lippenstift.

Nein, das ging gar nicht, das war viel zu viel, verriet ihr ein Blick in den Spiegel. Also wieder runter damit und stattdessen ein unauffälliger Nude-Ton, der ihren Mund glänzen ließ. Dazu eine enge, schwarze Jeans und das neue Top in Wickeloptik, das so ein tolles Dekolleté zauberte. Zumindest wenn man einen Push-up-BH darunter trug wie sie jetzt. War zwar unbequem, sah aber super aus. Und sie wollte sich bei Arndt immer von ihrer besten Seite zeigen.

Er kam mit einer Viertelstunde Verspätung in seiner Luxuskarosse angerauscht.

„Hektischer Tag, Wahnsinn, was heute los war an den Börsen“, erklärte er nach einem Begrüßungskuss. „Und meine Frau hat auch rumgezickt, warum ich schon wieder einen Kunden treffe.“

„Armer Schatz“, sagte sie und kraulte seinen Nacken.

Er brummte zufrieden, sah sie dann an und lächelte sein Traumprinzlächeln. „Aber jetzt bin ich ja mit dir zusammen und alles ist gut. Erzähl mir doch was von dir. Was hast du heute getrieben?“

Mit einer herrlich lässigen Bewegung lenkte er den Wagen in den Verkehr hinein.

„Ich habe etwas angefangen“, sagte sie geheimnisvoll. „Aber das zeige ich dir erst später.“ Sie freute sich schon so auf seine Reaktion!

„Du machst es aber spannend. Darf ich raten? Eine Weiterbildung, damit du im Kindergarten aufsteigen kannst?“

„Äh, nein, was anderes.“

Sie war eigentlich sehr zufrieden mit ihrer Position. Okay, Frau Stresekorn hatte nicht für fünf Cent Humor und ließ gern die Chefin heraushängen, außerdem war Heike oft krank, aber sie arbeitete gerne in der Pusteblume. Selbst auf den Spinat-Künstler Karl-Theodor freute sie sich, wenn sie morgens den Gruppenraum betrat.

„Ich habe auch Neuigkeiten für dich“, sagte Arndt. „Zuerst essen wir aber was. Die sollen einen sehr guten Salatteller mit Putenbruststreifen haben.“

Eine halbe Stunde später stand genau dieser Salatteller vor ihm. Nina machte sich über eine Currywurst her und musste immer noch über das ungläubige Gesicht der Bedienung lachen, die die Gerichte andersherum abgestellt hatte.

Sie musterte ihn, während er sich über den Salat beugte. Er sah auch in Jeans und Freizeithemd aus wie ein Model, und sie bekam immer noch Herzklopfen, wenn sie ihn ansah.

„Was ist nun deine Neuigkeit?“, sagte Arndt, als er sich das letzte Gurkenstück in den Mund steckte.

Nina legte das Besteck weg. Gleich würde er ganz stolz auf sie sein! „Warte, ich zeig es dir.“ Sie wischte sich die Hände an der Serviette ab, um ihr Büchlein auf keinen Fall zu verschmutzen. Anschließend holte sie es heraus. „Ich habe angefangen, eine Geschichte zu schreiben. Ein Kinderbuch soll es werden. Schau, erste Zeichnungen habe ich auch gemacht.“

Ihre Hand zitterte vor Aufregung, als sie es ihm reichte. Jetzt würden seine Augen strahlen und er was sehr Nettes zu ihr sagen!

Er las den Text, ohne die Miene zu verziehen, und sah schließlich auf. „Wilma schreibt man mit einem l“, war sein einziger Kommentar.

Enttäuschung breitete sich in Nina aus wie Aquarellfarbe auf einem Blatt Papier. „Das ist Absicht. Weil sie doch immer irgendwas will“, erklärte sie. Aber im Grunde war das überflüssig, denn, wenn man es erst erklären musste, war ein Gag nichts wert. War es so schlecht, was sie da geschrieben hatte? Ihre Hände kribbelten mit einem Mal so unangenehm, dass sie sie unterm Tisch knetete.

„Nette Geschichte“, sagte er. So wie er zu seinem Boss sagte „Netter Hund“, obwohl er dessen Rottweiler nicht ausstehen konnte. Nett. Sie schluckte. War wahrscheinlich doch eine Schnapsidee gewesen mit dem Kinderbuch.

Seine Hand legte sich kühl auf ihre. „Sei mir nicht böse, mein Engel, ich kann mit Kindergeschichten eben nicht viel anfangen. Da ist so viel mit Babys und Mutter und all diesem Kram. Ist einfach nicht meins. Aber deinen Kiddies in der Gruppe wird es sicher gefallen.“

Sein warmes Lächeln milderte die Enttäuschung ein wenig ab. Er hatte bemerkt, dass sie traurig war, und das war doch immerhin empathisch.

Bei den Worten „deine Kiddies“ hatte es ihr trotzdem einen Stich in die Brust gegeben. Irgendein dummer Teil von ihr hatte gehofft, dass Arndt strahlen würde und sagen: „Unsere Kinder werden es lieben, wenn du ihnen aus deinen Büchern vorliest!“

Sie trank einen Schluck. Dann war es schon wieder besser. Er saß hier mit ihr, er strich zärtlich über ihre Hand und seine Augen hatten heute genau die wunderbare Farbe der Eisbonbons, die sie so gern lutschte nach einem lauten Tag im Kindergarten.

„Was ist denn deine Überraschung?“, fiel ihr schließlich ein.

Sein Lächeln wurde breiter. „Eine, die dir gefallen wird“, sagte er im geheimnisvollen Ton. Dann beugte er sich ihr ein Stück entgegen und sah ihr verschwörerisch in die Augen. „Ich habe Anfang Januar ein Seminar, von der Bank aus. Vier volle Tage, in Berlin. Doppelzimmer. Und meine Frau ist genau da mit ihren Freundinnen auf Wellness-Urlaub irgendwo in einem teuren Hotel, sie wird also erst gar nicht auf die Idee kommen, mitzufahren.“

Nina vergaß zu atmen. „Soll das heißen ...?“, fragte sie und konnte es noch gar nicht glauben.

Er nickte. „Vier Tage für uns, mein Schneewittchen! Ist das nicht genial? Okay, es sind eher vier Abende, denn tagsüber bin ich ja beim Seminar. Aber trotzdem. Was sagst du?“

„Ich ...“, ihr Atem kam jetzt stoßweise, „ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist ja Wahnsinn, Arndt! Vier Tage mit dir!“

Endlich würden sie richtig viel Zeit füreinander haben! Sich ganz intensiv kennenlernen, abends einen Film sehen, nebeneinander aufwachen, frühstücken. Und drei Mal jeden Tag Sex haben, mindestens. Ob das Hotel einen dieser Eck-Whirlpools für Zwei hatte? So einen wollte sie schon immer mal ausprobieren. Es war wirklich traumhaft! Außerdem würde Arndt dann ganz sicher feststellen, dass sie die einzig Richtige für ihn war und seiner Ehe endgültig den Gnadenschuss verpassen. War doch sowieso längst überfällig. Er hatte ihr von den vielen Streitereien erzählt, von der Affäre seiner Frau mit einem Elektriker und davon, dass sie ihn doch eh nur wegen seines Geldes geheiratet hätte.

„Das wird ein richtiger Liebesurlaub“, flüsterte er ihr zu und hatte plötzlich diesen sinnlichen Schlafzimmerblick drauf, der eher in das Séparée eines Nachtclubs gepasst hätte als in ein Sportheim mit kartenspielenden Trainingsanzugsträgern. „Wir werden gar nicht aus dem Zimmer kommen, vermute ich“, raunte er. „Vielleicht packe ich uns noch ein paar Sex Toys ein, was denkst du?“

„Nun, äh, klar, warum nicht.“ Nina wusste nicht genau, was er sich darunter vorstellte. Ein Vibrator oder sich ans Bett fesseln zu lassen, war okay. Doch es gab ja auch alle möglichen Folterinstrumente, auf die hatte sie nicht besonders viel Lust. Passenderweise röhrte draußen das Martinshorn eines Krankenwagens vorbei, gefolgt von anderen Sirenen. Offenbar ein Feuerwehreinsatz irgendwo in der Nähe. Ob da jemand erotische Wachstropfspiele betrieben und das Schlafzimmer abgefackelt hatte?

Nina wandte sich wieder Arndt zu. „Wir gehen aber auch mal essen?“, fragte sie, um von den Bildern in ihrem Kopf abzulenken. „In Berlin gibt es ja Lokale aus allen Ländern dieser Welt, wir könnten ...“

„... uns auch was aufs Zimmer bringen lassen.“ Er lächelte. „Und ich nasche die Oliven dann aus deinem Bauchnabel.“

Arndt schenkte ihr einen tiefen Blick und lehnte sich dann wieder zurück. „Weißt du, ich muss wahrscheinlich mit meinen Kollegen vom Seminar was essen gehen oder auch mal in eine Bar. Aber du kannst natürlich im Hotel ins Restaurant gehen, läuft ja alles über meine Rechnung. Hauptsache ist doch, wir haben uns nachts.“ Er zwinkerte ihr zu.

Nina trank ihre Cola zur Hälfte aus. Die Freude auf märchenhafte Pärchentage, die sie eben noch umgeben hatte wie ein warmer Junisonnenstrahl, wich einem feuchten Novembermorgen mit verhangenem Himmel und Dunkelwolken.

„Na klar, tolle Sache und ich freue mich irrsinnig darauf“, sagte sie und hoffte, dass die Sätze durchs Aussprechen wahr wurden. Sie trank einen Schluck, um die Enttäuschung hinunterzuspülen. Klappte nicht so recht. Sie wäre so gern Hand in Hand mit Arndt den Ku’damm entlanggeschlendert, im winterlichen Schloss Charlottenburg spaziert oder – davon träumte sie schon lange – zu einem Ausflug nach Sanssouci aufgebrochen.

„Willst du noch eine Nachspeise?“, fragte Arndt. „Ich glaube, es gibt Vanilleeis mit warmer Himbeersoße oder so was.“

„Heiße Liebe“, murmelte sie vor sich hin.

„Was?“ Er sah sie verständnislos an. „Ah, ich verstehe. Du meinst uns damit, oder?“

Nina bemühte sich um ein unbeschwertes Lächeln. „Das Dessert! So nennt man das. Eis mit heißen Himbeeren.“ Säuerliche Fruchtsoße, die sich im Mund mit dem süßen Vanilleeis zu einer geschmacklichen Hochzeit vereinigte. Kräftiges Rot und sanftes Gelb, das zu einer köstlichen Einheit verschmolz, heiß und kalt zugleich auf der Zunge, eine wahre Geschmacksexplosion. So wie Arndts Küsse in manchen Momenten. Die aber immer seltener wurden, sowohl die Küsse als auch die Momente.

„Also möchtest du jetzt eine heiße Liebe?“, hakte er schmunzelnd nach.

„Nein“, beschloss Nina. „Die habe ich doch schon mit dir.“

Sie senkte den Blick. Es klang nicht echt, was sie da gesagt hatte. Zum ersten Mal, seit sie Arndt kannte, war sie sich nicht mehr sicher, ob sie beide tatsächlich ein zartschmelzendes Dessert waren. Oder ob das mit dem Märchenprinzen nicht doch eine Kleinmädchenphantasie war, die man mit knapp dreißig Jahren vielleicht nicht mehr so ganz glauben sollte.

2. Im Einsatz

 

Die hintere Seite der Lagerhalle stand bereits lichterloh in Flammen, als Sergej und seine Kollegen mit einem gesamten Löschzug eintrafen. Verflucht, das sah nicht besonders gemütlich aus, da kam wohl einiges auf sie zu.

Sergej wandte sich an Rick, seinen Zugführer und Freund, der neben ihm saß und den Wagen lenkte. „Hast du schon eine Info, was für eine Art Fabrik das ist? Muss irgendwas Neueres sein, ich kenne die gar nicht.“

„Negativ“, erwiderte Rick knapp und bog um die letzte Ecke. „Wird wohl ein Blindflug. Wir gehen auf Nummer sicher, Menschen sind nicht in direkter Gefahr. Aber ich muss dir wohl nicht erklären, was los ist, wenn sich der Brand ausbreitet und auf andere Gebäude hier im Industriegebiet übergreift.“

„Bin ja nicht erst seit gestern dabei.“

Er kam echt gut mit Rick aus, doch manchmal hatte der diesen Vorgesetzten-Ton drauf, da könnte er ihn schütteln! Aber auf ewige Zeiten musste er sich das zum Glück nicht mehr gefallen lassen ...

Rick hielt an. Ohne auf ein Kommando zu warten, sprangen alle Männer aus dem Wagen. Dass sie Atemschutz brauchen würden, war klar, also stürmte Sergej sofort zur seitlichen Klappe des HLF, mit dem sie unterwegs waren. Neben diesem Hilfeleistungslöschfahrzeug, dem Sergejs Leute angehörten, parkten noch die Drehleiter und ein großer Löschwagen vor der Fabrik.

Rick rief die Männer zur kurzen Einsatzbesprechung zusammen und gab die Aufteilung bekannt.

„Du bildest ein Team mit Daniel“, rief er Sergej zu.

Oh Mann, echt nicht! Sergej ging auf Rick zu. „Wär doch besser, ich gehe mit dir oder mit Jens, die kennen sich aus. Für so einen Rookie wie Daniel ist das doch nix.“

Rick sah ihn finster an, was gar nicht so einfach war, weil sie alle gerade die Kapuze über den Kopf streiften, die unter den Schutzhelm kam. Aber der Herr Zugführer bekam es trotzdem hin, ihm einen stechenden Blick zuzuwerfen.

„Ich habe es so beschlossen, da gibt es nichts zu diskutieren, Sergej. Und jetzt los, der Angriffstrupp sollte längst auf dem Weg in die Halle sein!“

Sergej biss die Zähne aufeinander, während er den Rest des Atemschutzes anlegte. Wenn er endlich Gruppenführer wäre, dann würde das anders laufen! Den Lehrgang und die Aufnahmeprüfung davor würde er sicher mit links bestehen und dann musste er sich nicht mehr den ganzen Tag von jemandem sagen lassen, wo es lang ging.

Doch erst mal ging es hinein in die Brandhölle. Die Halle wurde natürlich von außen über zwei B-Schläuche gelöscht und hinter dem Angriffstrupp würden gleich die anderen Männer kommen, um auch das Innere mit Wasser zu versorgen.

„Halt dich hinter mir, Daniel“, sagte er über Funk zu seinem jungen Kollegen, als sie zum Eingang liefen. Lieber wäre er jetzt mit Rick unterwegs, sie waren ein eingespieltes Team und hatten schon eine Menge gefährlicher Einsätze zusammen überstanden. Auf Rick konnte er sich in jeder Sekunde verlassen und andersherum, da klappte die Verständigung ohne Worte. Daniel jedoch war ein Hitzkopf und ein Angeber. Solche Typen waren gefährlich, denn die brannten im wahrsten Sinne des Wortes darauf, sich als Held zu zeigen. Sergej wusste genau, wie das war, denn er war früher auch so einer gewesen, hatte sich immer beweisen müssen und war kopfüber in jedes Risiko hineingestürmt. Aber inzwischen war er über dreißig, hatte eine Menge Brände gesehen und auch die schwere Verletzung eines Kollegen miterlebt, er wusste jetzt, worauf es ankam. Nämlich darauf, sich im Ernstfall auf den Partner und auch auf die Kommandos der Vorgesetzten zu verlassen.

Drinnen war es dunkel, der Rauch hüllte diverse Maschinen ein, die wie gigantische Wesen nur an den Umrissen zu erkennen waren. Weiter hinten erleuchtete der tödliche Schein des Feuers die Umgebung. Sergej richtete seine Taschenlampe in alle Ecken und hinter alle Säulen, bevor sie weitergingen, alles war leer. Er checkte auch einen Nebenraum, dann machte er Meldung.

„Büro ist gesichert, keine Personen gesichtet“, rief er in sein Funkgerät. Anschließend gab er Daniel ein Handzeichen. „Leuchte du in die andere Seite. Wenn alles okay ist, gehen wir gemeinsam weiter in Richtung Brand.“

Die zwanzig Kilo der Atemschutzausrüstung und des Anzugs lagen ihm schwer auf den Schultern, aber er war daran gewöhnt. Feuerwehrmann war nun mal kein Beruf für Weicheier, man musste topfit sein und auch nicht gleich nach der Mama rufen, wenn man mal einen Kratzer abbekam, so was gehörte dazu.

Das Feuer heizte die Luft auf, als würde man einen riesigen Backofen betreten. Sergej lief der Schweiß über die Schläfen. Verdammt, es breitete sich rasend schnell aus. Er musste handeln.

„Los, wir gehen näher ran. Bleib am Schlauch und direkt hinter meinem Rücken, ich weiß nicht, wie stabil die Decke ist.“

„Ich bin kein Kleinkind“, hörte er Daniels Stimme verzerrt über den Funk. „Du musst mir nicht jeden Furz erklären.“

Dieser Idiot! Es ging doch hier nicht um Machtspiele, sondern um seine Sicherheit. Für einen Moment überlegte Sergej, ob er den Grünschnabel nicht einfach hier stehen lassen und sich allein in den Kampf mit der Flammenhölle stürzen sollte. Aber das wäre gegen die Vorschriften und Gruber, der Oberboss, würde ihm dann garantiert die Hölle heißmachen, sogar noch heißer als das hier.

Das Feuer toste hinter den Maschinen mit einer Naturgewalt, die Sergej die Zähne zusammenbeißen ließ. Oh Fuck, das hier war kein einfaches Ding. Die Flammen griffen nach der Decke, glitten an den Seitenwänden entlang, hatten sich schon komplett über zwei Container gelegt, die an der Wand standen.

„Wasser marsch!“, schrie Sergej über Funk und beugte sein Knie, um der Wucht des Wassers besser standzuhalten. Als es einschoss, musste er all seine Kraft aufwenden – und die war nicht gerade von schlechten Eltern – um den schweren Schlauch halten zu können. Er gab ein paar Stöße nach oben ab, um die Temperatur des Brandes zu prüfen. Wie erwartet, verdampfte der Wasserstrahl bereits in der Luft und erreichte den Boden nicht. An Löschen war erst mal nicht zu denken, es galt, den restlichen Teil der Halle zu schützen und das Feuer dann mit vereinten Kräften allmählich einzudämmen.

„Da drüben, da ist irgendwas!“, rief Daniel und deutete zur Seite.

„Okay, wir schauen nach“, antwortete Sergej, doch sein Kollege machte sich schon auf den Weg. Verflucht, in so einer brenzligen Situation ging man immer zu zweit!

„Bist du verrückt? Ich komme mit!“

Doch Daniel reagierte nicht, er stürmte einfach mitten in den dichten Rauch hinein, ohne erst seine Umgebung genau zu beobachten. Fluchend kam Sergej ihm nach, so gut das mit dem Schlauch eben ging.

„Falscher Alarm, war nur eine leere Jacke, die jemand über eine Stange geworfen hatte.“

„Komm sofort raus da!“, schrie Sergej, denn er hatte im Gegensatz zu Daniel nach oben geschaut. An der Decke der Halle hingen eine Menge Rohre, offenbar die des Kühlsystems, und die Flammen hatten bereits ihren Weg dorthinauf gefunden. Ein Krachen ließ ihn innehalten. Scheiße! Eines der dicken Rohre kam herunter, direkt in Daniels Richtung. Der schrie auf.

Sergej ließ den Schlauch liegen und stürmte zu seinem Kollegen. Daniel lag am Boden, unter dem heißen Rohr vergraben. „Sarasa!“, fluchte Sergej und zog das Metall von ihm. Daniel bewegte sich nicht. Sein Atemschutz war verrutscht, der Schlauch zur Sauerstoffflasche auf seinem Rücken durchgerissen. Aber er lebte, sonst hätte das Alarmsystem an seinem Anzug losgeschrillt. Der Schlag hatte ihn anscheinend ohnmächtig gemacht. Er musste hier raus, sofort!

Blitzschnell drehte Sergej sich um, erkannte undeutliche Umrisse, die anderen Männer kamen herein. Er drehte den ohnmächtigen Daniel herum, packte ihn unter den Schultern und begann, ihn auf diese Weise raus aus der Flammenhölle zu ziehen. Neben ihnen kam ein weiterer Teil der Decke herunter. Verdammt, das dauerte zu lange!

Sergej bückte sich, riss Daniel die schwere Flasche vom Rücken, die sowieso nutzlos war, entledigte sich seiner eigenen Atemschutzausrüstung und hob den Kollegen auf. Er keuchte, als er loslief, den leblosen Körper vor sich hertragend. Der Rauch stieg ihm beißend in die Lunge, die Last war so schwer, dass seine Schritte verflucht langsam waren und der Schweiß rann ihm in die Augen. Aber es waren nur noch zwanzig Meter, dann würde er den Ausgang erreichen, den lebensrettenden Sauerstoff, er bekam das hin! Er hatte die Verantwortung für den jungen Kerl und er würde dafür sorgen, dass ihm nichts passierte. Selbst wenn es das Allerletzte war, was er tat.

Mit letzter Kraft rannte er aus dem Gebäude und noch einige Meter weiter, legte Daniel schließlich auf dem Boden ab. Sein Atem kam stoßweise und er war kurz davor, sich selbst auf den Asphalt zu setzen, um erst mal richtig Luft zu holen. Die Sanitäter kamen von weiter hinten mit der Trage angestürmt. Sergej beugte sich über seinen Kollegen, um ihm die ersten Züge Mund-Nasen-Beatmung zu verpassen, bevor die Sanis da waren. Doch das war gar nicht notwendig. Daniel öffnete nämlich die Augen.

„Wo ... was ist passiert?“, fragte er und richtete sich auf. Er schaute sich um, hustete ein paar Mal und machte dann Anstalten aufzustehen. Nicht ohne sich vorher noch mit den Fingern durch die Haare zu fahren, damit die richtig lagen.

„Du verfluchter, verfickter Idiot!“, schrie Sergej ihn an, weil er sich vorkam wie ein Dampfkessel. Und zwar wie einer, der schon zu lange auf dem Herd gestanden hatte und jetzt mal ordentlich lospfeifen musste, um den Druck loszuwerden. „Hast du den Arsch offen? Wie kommst du auf die Idee, da drin einfach allein herumzulatschen, ohne vorher alles zu sichern?“

Daniel hätte dabei draufgehen können! Und er dazu oder andere Kollegen, die zu seiner Rettung dazugekommen wären.

„Ist doch nix passiert“, nuschelte Daniel. „Mach doch nicht so ein Theater.“

„Theater?“ Sergejs Stimme rutsche in ein gefährliches Quietschen. Dabei hatte er einen herrlich russischen Bass, wie ihm seine Oma oft attestiert hatte, einen, mit dem er ohne weiteres sämtliche Schwarzmeer-Seemannslieder singen könnte, und zwar auf jeder Bühne dieser Welt. Jetzt aber presste sie sich in Höhen, die seine Stimmbänder erschaudern ließen. „Ich geb dir gleich ein Theater, du Mistkerl! Nur, weil du dich an keine Anweisungen halten kannst, bringst du alle in Gefahr. Hast du denn gar kein Hirn unter deinen dämlichen Strähnchen!“

„Mäßigen Sie sich im Ton, Herr Iwanow!“, sagte jemand hinter ihm. In so scharfem Ton, dass Sergej von Daniel abließ und herumfuhr.

Gruber, der Einsatzleiter und Big Boss, stand vor ihm. Wobei – so ganz big war der gar nicht, für einen Feuerwehrchef sogar eher schmächtig „So spricht man nicht mit seinen Kollegen“, ergänzte Gruber noch.

Doch Sergej war noch lange nicht bereit, von zehn rückwärts zu zählen und yoga-mäßig tief in den Bauch hinein durchzuatmen.

„Er hat sich mir widersetzt und einen Alleingang gemacht“, spie er aus. „Dabei nicht kontrolliert, ob ...“

„Darum geht es nicht“, unterbrach ihn Gruber scharf. „Wir sind ein Team und reden respektvoll miteinander.“

Verfluchte Scheiße, jetzt kam der wieder mit diesem Psychokram daher! Sergej hasste solche Plattitüden mehr als den Borschtsch, den ihm seine Mutter als Kind ständig hineingezwungen hatte, und das sollte was heißen, denn ihre Kochkünste waren unterirdisch gewesen, nicht nur was diese Rote-Bete-Suppe betraf.

Ja, sie waren ein Team. Anders ging es auch gar nicht in diesem Job. Aber auch in einem Team durfte man mal aus der Haut fahren, wenn was schieflief. Manchmal fragte sich Sergej, ob Gruber jemals selbst in einem Einsatz an vorderster Front gewesen war. Wenn man mit kiloschwerer Ausrüstung auf eine Feuerwand zulief, da peitschte das Adrenalin nur so durch den Körper. Jeder Muskel war gespannt, die Aufmerksamkeit bei zweihundert Prozent, denn der kleinste Fehler könnte tödlich sein. Für sich selbst, für die Kameraden oder für Menschen, die in Gefahr waren. Da lief man dermaßen auf Hochtouren, dass es danach eben schon mal krachen konnte, das war wie ein Gewitter nach einem sauheißen Sommertag, so was sollte ein Vorgesetzter doch verstehen!

„Für jemanden, der vorhat, sich für den Gruppenführerlehrgang zu bewerben, macht sich das nicht gut.“ Gruber verschränkte die Ärmchen vor der Hühnerbrust.

Sergej hingegen holte tief Luft. „Wie bitte?“ Der Alte hatte wohl nicht mehr alle Kerzen auf der Torte! Was hatte denn der Lehrgang, den er unbedingt machen wollte, damit zu tun? Das war doch reine Schikane! Erst verpasste man ihm diesen Grünschnabel, auf den er aufpassen sollte. Dabei war er keine Nanny, sondern Feuerwehrmann, und zwar ein verdammt guter! Und dann stauchte ihn der Boss auch noch dafür zusammen. Dabei hatte er Danny-Baby doch aus den Flammen gerettet.

„Geht´s noch?“, rutschte ihm heraus. „Was hat das denn mit meiner Eignung als Gruppenführer zu tun? Ich habe mich vollkommen richtig verhalten!“

Gruber zog die Augenbrauen zusammen. „Iwanow, Sie haben gegen die Vorschriften Ihre Atemausrüstung abgenommen. Und Ihren Kollegen auch nicht in der regelkonformen Haltung herausgezogen.“

„Jetzt wird’s ja hinten höher wie vorn!“ Sergej baute sich vor dem Vorgesetzten auf. Doch bevor er etwas sagen konnte, was ihm danach erstens sehr leidtun und zweitens seine Karriere total verhageln würde, legte ihm Rick die Hand auf die Schulter.

„Jetzt atme erst mal richtig durch, Kumpel.“ Er sah ihm eindringlich in die Augen.

Widerwillig machte Sergej ein paar tiefe Atemzüge. Konnte es sich jedoch nicht verkneifen, Rick anzubrummen: „Hab dir doch gleich gesagt, dass das die falsche Team-Verteilung ist. Ich hätte mit dir gehen sollen, wie sonst auch immer, und nicht mit diesem Rookie. Oder sehe ich vielleicht aus wie eine Kindergärtnerin?“

Rick lachte. „Das wirklich nicht! Die Kleinen würden erschrecken. Du siehst aus wie ein verfluchter Hitzkopf. Und solltest dich jetzt endlich wieder einkriegen.“ Er gab ihm mit dem Kopf ein Zeichen in Richtung Gruber.

Sergej seufzte. Er wusste, was das bedeutete. Eine Entschuldigung stand an.

„Tut mir leid, Chef“, zwang er sich zu sagen. „Ich bin wohl ein bisschen aus der Haut gefahren. Wegen der Sorge, wissen Sie? Weil es einfach sehr emotional ist, wenn ein Kollege in Gefahr ist. Und ich dachte echt, Daniel sei verletzt.“

Der stand aber schon wieder und schäkerte mit der blonden Sanitäterin herum. Typisch.

Gruber zeigte nicht mal den leisesten Anflug eines Lächelns. „Sie haben sich Ihrem Zugführer gegenüber auch nicht gerade respektvoll gezeigt“, sagte er. „Oder finden Sie es normal, dass Sie seine Entscheidungen anzweifeln?“

Oh Mann. Innerlich verdrehte Sergej die Augen. „Wir sind gut befreundet, ich schätze ihn sehr als Partner und hab nur gesagt, dass ich lieber mit ihm ...“

„Ihnen ist aber klar, dass Sie für die Aufnahme in den Lehrgang eine Empfehlung von mir brauchen, oder?“

Verflucht. Da hatte er leider recht. Es reichte nicht, die Prüfung zu bestehen, für die er schon eifrig büffelte. Gruber musste ihm auch noch die persönliche Eignung attestieren.

Er biss die Zähne zusammen. „Wird nicht wieder vorkommen, ich versprech’s“, presste er hindurch. Und auch Rick wandte sich Gruber zu. „Sergej ist in Ordnung, Chef. Ich lege für ihn meine Hand ins Feuer. Manchmal regt er sich zu schnell auf, das liegt an seinem Zarenblut oder so. Aber er ist mein bester Mann.“

„Na gut. Dann soll er sich jetzt wieder um den Brand kümmern, wir sind ja nicht zum Reden hier.“ Er wandte sich ab und stapfte davon.

Sergej seufzte laut und machte sich auf den Weg, um sich neue Sauerstoffflaschen zu holen. Als er Ricks vorwurfsvollen Blick sah, hielt er kurz inne.

„Mein verehrter Zugführer, ich verspreche dir, ich werde nie mehr vorlaut sein, herumbrüllen oder sonst irgendwie ausflippen. So wahr Väterchen Frost zu Neujahr die Geschenke bringt!“

3. Pusteblume

 

„Eins, zwei, dreiii, das Spielen ist vorbei, vier, fünf, sechs, aufgeräumt wird jetzt“, sang Nina fröhlich in die Runde und rasselte dabei mit ihrem Tambourin herum, das sie so gern mochte.

Dustin und Kevin sprangen von der Murmelbahn auf und sammelten eifrig ihre Sachen ein, die sie um sich herum verstreut hatten. Amelie musste sich wie immer von jeder Puppe, mit der sie gespielt hatte, liebevoll verabschieden. Karl-Theodor rammte seinen Holzlaster in die Legoburg, die Merle mühevoll aufgebaut hatte, und plärrte: „Weg mit der Kack-Burg, du hast doch gehört, das Spielen ist vorbei!“

Nina schüttelte leicht den Kopf und ging zu ihm. Sie sollte wohl wieder mal mit seiner Mutter sprechen, aber darauf freute sie sich ungefähr so wie auf eine Hühneraugenbehandlung. Sie hatte zwar noch nie eine gehabt, aber von ihrer Oma Schauergeschichten gehört. Karl-Theodors Mutter hingegen, ja, die hatte sie schon mehrfach zu einem Gespräch im Zimmer gehabt und das war auch ziemlich schauerlich gewesen, denn sie hielt ihren Sohn für hochbegabt, unterfordert, außerordentlich empathisch und künstlerisch enorm talentiert. Nun gut, wenn man die Flecken an der Wand ansah, die seine Spinatschleuderaktion hinterlassen hatte, konnte das durchaus stimmen. Mehr so in Richtung abstrakte Kunst oder sehr moderner Expressionismus wahrscheinlich. Denn mit den normalen Zeichnungen haperte es bei Karl-Theodor gewaltig, seine Männchen sahen aus wie Stachelbeeren und ein gerader Strich schien für ihn so unmöglich zu sein, wie sich mal zehn Minuten ruhig zu halten. Würde sich aber bestimmt ändern, wenn er im nächsten Jahr zusätzlich zur ersten Klasse Grundschule noch Chinesischunterricht erhielt, wie von seiner Mutter geplant.

„Wenn ich noch einmal sehe, wie du etwas kaputt machst, gehst du wieder in die stille Ecke“, warnte sie ihn.

„Warum?“, mischte sich die glasklare Stimme von Luna ein. „Du hast eh gesagt, dass das Spielen vorbei ist. Da muss Merle sowieso abbauen. Er hat doch eigentlich nur alles schneller gemacht.“

Sie sah Nina aus ihren riesigen wasserblauen Augen erwartungsvoll an.

„Es ist ein Unterschied, ob man seine eigenen Sachen kaputtmacht beim Aufräumen oder das von anderen einfach niedermacht“, erklärte Nina.

„Schwache Erklärung“, erwiderte Luna, drehte sich einfach um und ging weg.

Nachdenklich sah Nina dem Mädchen hinterher. Luna sah aus wie ein Engel. Zierlich, mit blonden Löckchen, feiner Porzellanhaut und so intensiven Augen, dass man ihr Gesicht locker aufs Titelblatt jeder Elternzeitschrift und jedes Modemagazins packen könnte. Ihre Eltern hatten eine eigene Firma als Managertrainer, bei ihnen schnappte Luna Begriffe wie „sehr schwaches Argument“ oder „am Thema vorbei“ auf, die sie gern um sich warf. Sie wäre eigentlich schon in der ersten Klasse, war aber mit den Eltern ein halbes Jahr in Boston gewesen, sodass sie zurückgestellt worden war.

Nina konnte sie nicht richtig greifen. Bei allen anderen Kindern wusste sie, was sie mochten, wo ihre wunden Punkte waren, was sie dachten. Bei Luna konnte sie allenfalls ein paar Dinge erraten, meist hatte sie jedoch keine Ahnung, was im Kopf des Mädchens vor sich ging. Und das war für eine empathische Erzieherin ein ziemlich doofes Gefühl, musste sie zugeben.

Sie half Amelie, die Puppen schön zuzudecken, und klatschte dann in die Hände. „Alle in den Stuhlkreis!“

Kaum saßen die Kinder, kam Frau Stresekorn – die Kita-Leiterin – in den Raum, abgehetzt wie immer. Die strahlte für Ninas Geschmack viel zu oft so eine spatzenmäßige Unruhe aus, pickte sich mal hier, mal da ein Kind heraus, mit dem sie irgendwas machte, um dann schnell zum nächsten zu flattern. Ohne wirklich viel bewirkt zu haben. Mit ihren Sätzen verhielt es sich leider ähnlich. Sie beugte sich nämlich jetzt zu Nina und sprach leise mit ihr.

„Heike fällt wohl länger aus. Müssen wir wieder mal improvisieren. Wissen die Eltern Bescheid? Also wegen morgen? Ach ja, der Stuhlkreis, wir wollten die Verhaltensregeln durchgehen, nicht wahr? Ich muss mit dem Bürgermeister reden, dringend, so geht das mit der Personalsituation nicht weiter.“

Warum Frau Stresekorn zur Leiterin der Kita aufgestiegen war, wussten wohl nur die Spatzengötter. Sie hatte weder die Organisation im Griff, noch glänzte sie in der Mitarbeiterführung. Autoritär konnte sie allerdings schon sein, wenn sie wollte.

Leider. Denn was sie verlangte, gefiel Nina meist nicht besonders. Mit Schrecken dachte sie noch an die große Putzaktion zurück und an den Versuch mit den neuen Öffnungszeiten bis 21 Uhr abends, um sich gegenüber den anderen Kindergärten hervorzutun. War ungefähr so in die Hose gegangen wie neulich der Durchfall von Merle.

„Bekommen wir wenigstens eine Springerin?“, fragte Nina. „Ich kann doch die Gruppe nicht alleine leiten.“

„Ich bin ja auch da!“, erwiderte Frau Stresekorn mit schmalen Lippen.

Nicht wirklich, hätte Nina am liebsten erwidert, aber das wäre wohl nicht sehr zielführend gewesen.

„Sie haben doch mit der Leitung alle Hände voll zu tun. Und bald steht ja schon wieder ein Elternabend an. Außerdem – naja – das hier ist schließlich die Gruppe mit den meisten Vorschulkindern, die müssen wir natürlich extra fördern, ich kann mich aber nicht zweiteilen.“

Frau Stresekorn seufzte laut. Das war eine Sache, die sie wirklich meisterhaft beherrschte. Im Gegensatz zum Gitarrespielen konnte sie beim Seufzen verschiedene Tonhöhen, unterschiedliche Melodien und fast schon ganze Akkorde zu Gehör bringen. Vielleicht hätte sie als Sound-Creator bei Hörspielproduktionen einen passenderen Job gefunden als hier im Kindergarten. Da sie oft Holzclogs trug, würde sie wunderbar unheilvolle Schritte in der Nacht zuwege bringen, falls das für ein Thriller-Hörbuch notwendig wäre.

„Jetzt regeln wir erst mal das mit dem Ausflug morgen“, beschloss die Chefin und hob ihre Klingelschnur, mit der sie die Kinder zum Stillsein aufrief.

„Kinder, hört genau zu. Ihr wisst doch, wo wir morgen hingehen?“

„Zur Feuerwehr!“, riefen fünfundzwanzig kleine Münder freudig.

Nein, nur vierundzwanzig. Luna starrte gelangweilt aus dem Fenster. Sie hatte den Ausflug im letzten Jahr schon gemacht und war offenbar nicht zu begeistern für Wasserschläuche und Leiterfahrzeuge.

„Ganz genau“, fuhr Frau Stresekorn fort. „Da findet morgen ein Tag der offenen Tür für Kindergärten statt, das heißt, alle Gruppen, die das interessiert, können da hingehen.“

„Dürfen wir da mit einem Feuerwehrauto mitfahren?“, fragte Dustin mit glänzenden Augen.

„Au ja!“, freute sich sein Freund Kevin. „Mit Tatütata durch die Stadt, das wird super!“

Luna drehte sich ihm zu. „Tatütata sagen Dreijährige. Die Sirene heißt Martinshorn.“

„Du wirst später mal eine super Deutschlehrerin sein“, konnte Nina sich nicht verkneifen.

Natürlich hatte das Mädchen recht, aber Dustin und Kevin hatten so leuchtende Augen, dass es ihr in der Seele wehtat, wenn diese Vorfreude irgendwie getrübt wurde. Zum Beispiel durch schlaumeierische Korrekturen.

„Wir machen morgen früher Brotzeit und gehen um halb zehn Uhr hier weg“, erklärte Frau Stresekorn ungerührt weiter. „Bis zur Feuerwache sind es ja nur zehn Minuten.“

„Ich war da mal mit Omi, die ist da irgendwo immer in so einem Woll-Café. Können wir da was kaufen?“, schlug Amelie vor. „Die haben soooo süße Löwenbabys zum Essen. Und einen Kakao mit rosa Matschmellos hab ich auch schon mal gekriegt. Bitte, bitte, Frau Stresekorn, gehen wir da hin?“

Nina musste schmunzeln. Amelie kannte das Café Woll-Lust? Das war tatsächlich gar nicht weit von der Feuerwache entfernt. Aber natürlich konnten sie nicht mit der gesamten Gruppe bei Jasmin anrücken.

„Amelie, ich mach dir einen Vorschlag. Ich kenne die Bäckerin, wir lassen uns ein paar Rezepte geben und dann backen wir zum ersten Advent ein paar Original-Kekse aus dem Café Woll-Lust, okay?“

„Oh ja!“ Das Mädchen sprang auf und hatte ganz rote Wangen. „Mit Gummibärlis und Matschmellos.“

Karl-Theodor bohrte in der Nase, schmierte seinen Finger an die Jeans von Simge, die neben ihm saß, und rief schließlich: „Ich will hoch auf die Drehleiter! Meine Mama sagt, das darf man, sie hat das auch mal gemacht. Du musst den Feuerwehrleuten sagen, dass ich da rauf darf, Frau Stresekorn!“

„Und wir wollen was löschen!“, riefen ein paar andere.

Beruhigend hob Nina die Hände. „Kinder, wir sind da nicht die Einzigen! Es gibt eine Vorführung und ihr dürft euch die Fahrzeuge aus der Nähe anschauen. Ein Feuerwehrmann wird euch auch zeigen, wie das mit dem Schlauch funktioniert oder wie er die Leiter bewegt, aber es ist kein Abenteuerspielplatz, wo ihr überall herumkraxeln könnt.“

„Es gehen wie immer zwei Kinder nebeneinander und ihr bleibt zusammen. Außerdem hört ihr auf das, was wir sagen, sonst dürft ihr im neuen Jahr beim Ausflug in den Zoo nicht mit“, ergänzte Frau Stresekorn.

„Zieht Regenjacken an, Hosen auch, es soll morgen nass werden“, fiel Nina ein.

„Und wir bräuchten noch eine Begleitperson.“ Frau Stresekorn schaute in die Runde. „Heike ist nämlich krank, sie wird noch länger nicht da sein. Wer hat denn eine Mama, die nicht arbeitet und vielleicht Zeit hätte, mitzukommen? Die rufen wir dann an und fragen sie.“

„Meine ist im Geschäft“, sagte Simge. Ihre Eltern hatten einen gut sortierten Feinkostladen, bei dem Nina gern Datteln und Feigen kaufte.

Luna verzog das Engelsgesicht. „Pfff“, machte sie. „Geschäft. Das ist doch nur so ein kleiner Pupsladen. Meine Mutter, die lernt morgen den Chefs von der allerwichtigsten Bank von ganz Deutschland was. Wahrscheinlich auch von Österreich und von Bayern. Und die tanzen alle nach ihrer Pfeife, sagt sie!“

Typisch. Nina hoffte nur, dass Frau Stresekorn nicht auf die Idee kam, die Frau Managertrainerin auch für die Kindergärtnerinnen als Coach zu buchen. Sonst mussten Heike und sie womöglich mit den Vorständen der Deutschen Bank und der Bundesbank inklusive Bayern und Österreich noch um die Wette zu Pfeifenmusik tanzen. „Das hier ist kein Wettbewerb, wer die tollste Mama hat, sondern eine Frage, welche vielleicht Zeit hat“, wies Nina das Mädchen zurecht, was ihr einen laserscharfen Blick einbrachte.

„Meine ist daheim“, meldete sich Amelie. „Aber sie muss halt die Zwillis mitbringen.“

Da aus den Kindern nichts Vernünftiges rauszubekommen war, wurde Nina an den Computer geschickt, um schnell eine Mail an die Eltern zu schicken und zu fragen, ob jemand morgen Zeit hätte.

Sie suchte gerade den Verteiler mit den Mailadressen der Marienkäfergruppe heraus, da kam Ines ins Zimmer. Sie arbeitete als Kinderpflegerin in der Grashüpfergruppe und war neben Jasmin Ninas engste Freundin.

„Heikes Knie muss jetzt doch operiert werden?“, fragte sie und öffnete den Schrank mit den Formularen.

„Schaut so aus. Das heißt, ich bin die meiste Zeit allein in der Gruppe. Ich glaub nämlich nicht, dass die Stresekorn sich ernsthaft um eine Springerin bemüht.“

„Sicher nicht, die will doch immer mit dem niedrigsten Budget aller Kitas der Stadt punkten. Aber sag mal ...“ Sie legte den Antrag zur Seite, den sie in der Hand hielt, „... was gibt es denn Neues vom Ma-ma-ma-märchenprinz?“

Nina grinste. Nicht nur wegen der Melodie zu dem alten EAV-Hit, den Ines intonierte.

„Du redest bestimmt von unserem Weihnachtstheaterstück, oder? Ich denke, dass Magdalena den Prinzen spielen wird, so wie immer, sie ist nun mal die Größte von uns.“

„Du Pfeife!“ Lachend warf Ines einen Radiergummi nach ihr. „Du weißt ganz genau, von wem ich rede.“

Klar wusste Nina das. Sie machte einen Schritt auf Ines zu und raunte ihr im geheimnisvollen Ton zu: „Prinz Arndt entführt sein Burgfräulein im Januar in fremde Gemächer. Vier Nächte lang.“

„Oha! Das ist ja eine Überraschung. Dann wird es also ernst? Übrigens sehr interessant, dass du die Nächte erwähnst. Da wird gleich klar, wo dein Schwerpunkt liegt, du Teufelsweib.“ Ines kicherte und hob den Razzi auf, der unter den Tisch gerollt war.

Ninas Lächeln hingegen wurde schmäler. „Das sind eher seine Prioritäten, nicht meine“, verriet sie halblaut.

Erstaunt sah Ines sie an. „Was meinst du damit? Ihr werdet bestimmt tolle gemeinsame Tage haben. Wo fahrt ihr denn überhaupt hin?“.

„Nach Berlin. Er hat ein Seminar und ist tagsüber verplant. Sogar zum Abendessen ist er nicht da. Aber ich bin seine nächtliche Unterhaltung.“ Es tat verdammt weh, das auszusprechen. Irgendwie bohrten sich lauter kleine Nadeln in ihre Brust hinein, sie kam sich vor wie eine Pinnwand, an die tausend Zettel geheftet wurden. Und auf jedem stand drauf: „Er will dich nur als Zeitvertreib.“

„Scheiße.“ Ines lehnte sich gegen den Schrank. „Du hattest ganz was anderes erwartet, stimmt’s?“

Sie nickte. „Ich dachte, wir haben dann endlich Zeit, um uns mal richtig kennenzulernen. Damit er sich – naja – mal ganz zu mir bekennt.“

„Das kann er aber doch immer noch! Weihnachten ist eine schwierige Zeit, da trennen sich total viele Paare. Vielleicht jagt er seine Alte über die Feiertage endgültig zum Teufel, weil sie ihn aufregt, und ist dann frei für dich? Also ich persönlich glaube daran, dass euer Märchen wahr wird. Und das solltest du auch.“

Ines hatte recht. Das mit ihr und Arndt war etwas Besonderes. Schon die erste Begegnung war doch vom Schicksal bestimmt gewesen! Nina träumte nämlich schon ihr Leben lang von einem schmalen, großen Mann mit blonden Haaren und hellen Augen. Natürlich wusste sie, dass es Unsinn war, sich auf einen bestimmten Typ festzulegen, aber sie konnte halt nichts dagegen machen. Sie hatte noch nie was mit Winnetou anfangen können, aber schon als kleines Mädchen für Old Shatterhand geschwärmt, sie mochte Clooney nicht, kannte aber alle Filme mit Jude Law und sie hörte gern David Bowie, obwohl der lange vor ihrer Zeit Musikgeschichte geschrieben hatte. Seine Fotos auf den Alben sahen einfach so toll aus, dadurch hatte sie zu seiner Musik gefunden.

Als sie Arndt zum ersten Mal gesehen hatte, war es sofort um sie geschehen. Dabei war das Kennenlernen äußerst unromantisch gewesen, er hatte nämlich die Autotür seines Audis aufgerissen und sie dabei fast vom Fahrrad gerammt. Durch einen beherzten Schlenker konnte sie im letzten Moment ausweichen, aber ihr Einkaufskorb fiel vom Rad, sodass sich die Eier und das Mehl auf dem Gehweg vermischten statt in der Pfanne. Passenderweise war auch noch die Milchtüte aufgeplatzt.

„Tut mir so leid“, hatte er gesagt, als er aus dem Wagen gesprungen war. „Ich hätte mich umschauen müssen.“

„Ist ja nichts passiert. Nur mit den Pfannkuchen wird es heute wohl nichts mehr“, hatte sie geantwortet, ihn aber dabei angestarrt, denn er sah aus, als wäre er direkt ihren Träumen entstiegen. Ein Märchenprinz mit blondem, kurz geschnittenem, welligem Haar, mit Bergseeaugen, weichem Profil und dem strahlendsten Lächeln, das sie jemals gesehen hatte. Wahnsinn! Na ja, und dann hatte er sie eingeladen. Auf ein Crêpe Suzette, was ja irgendwie fast ein Pfannkuchen war. Nur halt dünner und weniger sattmachend, aber sie hatte sowieso keinen Hunger gehabt, hatte sich lieber an ihm sattgesehen oder eben nicht, denn seit diesem Tag konnte sie nicht genug kriegen von ihm.

Nina atmete tief durch und sah Ines an. „Es stimmt, wir haben ein Märchen. Weißt du, es ist immer noch toll mit ihm! Wir verstehen uns super.“

Stimmte das? Ein kleiner, fieser, gelber Zweifel nagte an ihr. Biss sich immer tiefer in ihre Gedanken hinein und fraß sich sogar durch eine Tür, die sie bisher verschlossen hatte. Dahinter saß ein hässliches Monster namens Realität und das hatte nichts Besseres zu tun, als ihr zuzuflüstern, dass sich doch immer nur alles um Arndt drehte. Dass sie sich hauptsächlich deshalb gut verstanden, weil sie jedes seiner Worte großartig fand und jede winzige Bewegung anbetete.

Fühlte er das Gleiche für sie?

„Ich muss endlich die Mail losschicken“, sagte Nina mehr zu sich selbst als zu Ines. Sie tippte ein paar Zeilen und drückte auf Senden.

Dieser Nagezweifel würde wieder vergehen, ganz bestimmt. Das war doch im Grunde nur ihre Unsicherheit. Sie hatte keinerlei Grund, an Arndt zu zweifeln.

„Ich weiß, dass ich ihm wichtig bin“, bekräftigte sie mit fester Stimme und zog ihr Handy heraus. „Schau, er schreibt mir mehrmals am Tag.“ Sie checkte die Nachrichten, fand eine neue.

„Tut mir leid, wenn das gestern komisch rüberkam mit Berlin“, schrieb er. „Natürlich werden wir auch tagsüber Zeit miteinander verbringen, ich kann mich sicher mal abseilen vom Seminar. Ich will doch mit meinem Schneewittchen durch Berlin schlendern! Kuss, Arndt“

Der fiese Zweifelnager und der graue Realitätsklops platzten wie Seifenblasen, die auf einen Igel fielen. Ein leises Plopp und schon war das Lächeln wieder da in Ninas Gesicht und in ihrem Herzen.

„Er ist halt doch der Beste!“, rief sie voller Inbrunst. Ja, das war er. Sie durfte ihn behalten, ihren Prinzen, und all die Träume und Wünsche.

Bei einem so tollen Regenbogen aus Erleichterung und buntem Glück war es nicht so schlimm, dass sich als Begleitperson nun ausgerechnet die allerschrecklichste aller Mütter gemeldet hatte. Das Leben war ein Traum, schibumm, daran würden weder Karl-Theodor noch seine Mutter, Alexandra van der Steege, etwas ändern können.

 

4. Wasser marsch

 

Sergej saß am Küchentisch, hatte einen Block und zwei Bücher aufgeschlagen und fluchte vor sich hin. „Pisdez! Was soll denn dieser ganze Theoriekram?“

Er wollte Gruppenführer werden und nicht Beamter beim Ordnungsamt, der jeden einzelnen Paragraphen des Gesetzes und jeden Buchstaben der Brandschutzverordnung auswendig konnte.

Dummerweise nahm die Theorie aber einen großen Teil der Aufnahmeprüfung für den Lehrgang ein. Und er hatte die Richtlinien gar nicht bei sich zu Hause herumliegen. Da half nur eins: Er musste an seinem freien Tag zur Wache fahren und dort in die Unterlagen schauen. Allerdings fand dort dieser verdammte Tag der offenen Tür für Kinder statt und das konnte er nicht leiden. Weder fremde Leute auf dem Gelände noch Kinder.

„Blöder Mist, ausgerechnet heute“, grummelte er und trank den letzten Schluck seines starken, schwarzen Tees aus, den er sich jeden Vormittag braute. Er schob die Unterlagen zusammen, da klingelte das Telefon.

Seine Mutter.

Widerwillig nahm er den Hörer in die Hand und meldete sich.

„Hast du es schon gehört?“, fragte sie ohne begrüßende Worte. Ihre harte Stimme und der noch härtere russische Akzent sorgten augenblicklich dafür, dass sich Sergejs Kiefermuskeln verspannten.

„Was denn?“, antwortete er, ebenfalls auf Deutsch. Im Gegensatz zu seinem Vater, der jedoch nur in Sergejs ersten Lebensjahren Teil der Familie gewesen war, hatte sich seine Mutter stets geweigert, Russisch mit ihm zu sprechen. „Wir leben jetzt hier in Deutschland und sprechen so“, hatte sie immer verkündet. Dass sich ihr Ehemann nicht daran gehalten hatte, war einer von vielen Mosaiksteinen gewesen, die zur Trennung geführt hatten.

„Dein Vater war in der Klinik, Arm in Gips. Offenbar ein Sturz. Ist aber schon wieder daheim. Frag ihn, ob er was braucht, er ist ja unselbstständig wie ein Kleinkind. Und ich fahre sicher nicht zu ihm.“

Na, das wäre ja auch mal was ganz Neues gewesen, wenn sich Mutter um einen Menschen gekümmert hätte. Und erst recht nicht um jemanden, der sie enttäuscht hatte. Gut, das taten fast alle Menschen, bei den hohen Ansprüchen, die sie hatte. Inklusive ihres einzigen Sohnes.

„Weißt du denn, wie es ihm geht?“ Sergej hatte nur sporadisch Kontakt mit seinem Vater, aber jetzt war da doch so ein klammes Gefühl in seiner Brust. Auch wenn sein Vater nur eine kleine Rolle in seinem Leben gespielt hatte: Er war sein Vater. Und er kam allmählich in die Jahre. Vielleicht sollte er ihn echt mal öfters anrufen.

„Nein, und es ist mir auch egal. Ich will nur sicherstellen, dass du dich bei ihm meldest. Sonst erzählt diese unverschämte Dascha wieder überall herum, ich hätte mich nicht um ihn gekümmert.“

„Ach so. Und auf diese Weise kannst du antworten, du hättest deinen Sohn angerufen und der hat versprochen, seine Pflicht zu übernehmen?“ Noch nicht mal eine Minute sprachen sie am Telefon und er könnte jetzt schon die Wände hochgehen. So etwas brachte echt nur seine Mutter fertig. Wobei – sein Vater war auch nicht viel besser, nur eben auf andere Art.

„Spar dir diesen Ton!“, zischte sie. „Außerdem hast du doch sowieso nichts zu tun, du arbeitest ja nur jeden zweiten Tag.“

In Sergej brodelte es, als wäre er ein Samowar, und zwar einer dieser elektrischen, über die seine Babuschka immer so geschimpft hatte, weil das ein Bruch mit der Tradition sei und weil der Tee doch nicht mal halb so gut schmeckte.

„Ich habe eine 24-Stunden-Schicht hinter mir und lerne gerade für die Aufnahmeprüfung zum Gruppenleiterlehrgang, wenn du es genau wissen willst.“

„Gruppenleiter? Wurde auch Zeit, dass du endlich mal was für deine Karriere tust. Sonst endest du noch wie dein Vater. Wird das dann besser bezahlt? Wie viel verdienst du da?“

Atmen. Einfach nur tief atmen. Das war Sergejs Mantra, wann immer er mit ihr zu tun hatte. Alles andere war sowieso witzlos. Ihr zu erklären, dass Feuerwehrleute einen schweineharten und sauanstrengenden Beruf hatten und nach den Ganztagesschichten nun mal frei brauchten, wie andere Menschen auch, brachte nichts. Noch sinnloser wäre es, ihr zu sagen, dass sich im Leben nicht nur alles ausschließlich ums Geld drehte. Ja, sie hatte es schwer gehabt nach der Trennung und so weiter, aber dieser Tunnelblick war echt anstrengend.

„Ich kann so gut davon leben, dass ich mir sogar manchmal ein Stück Apfelkuchen leisten kann, stell dir das nur vor“, sagte er, nachdem er sich ein wenig heruntergekühlt hatte.

„Ich hasse Zynismus, das weißt du. Ein Feuerwehrmann. Das ist also aus dir geworden. Und nicht mal irgendein höherer Dienstgrad.“ Tiefe Enttäuschung schwang - wie so oft - in ihrer Stimme mit.

„Ich habe dir doch eben gesagt, dass ich einen Lehrgang mache!“ Verflucht, wieso erklärte er ihr das überhaupt? War doch eh für die Katz. Nicht mal zehn sibirische Tiger hätten seine Mutter davon überzeugen können, dass ihr Sohn kein kompletter Versager war.