Harte Kerle tanzen nicht - Karin Koenicke - E-Book

Harte Kerle tanzen nicht E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

Er hat den härtesten Job der Welt - doch ein sexy Hüftschwung gehört nicht zu seinem Programm!

Rick ist tougher Feuerwehrmann und fürchtet weder Tod noch Teufel. Angst macht ihm nur eines: Seine skrupellose Schwester, die ihn mit aller Macht verkuppeln will. Aus Verzweiflung flunkert er ihr vor, der Freund seiner Vermieterin Simona zu sein, was die überhaupt nicht witzig findet. Simona hat nämlich eine Menge eigener Probleme am Hals. Sie möchte ein Tanzstudio übernehmen, doch der Kampf gegen die Mitbewerber ist hart. Helfen könnte nur etwas, das in ihren Salsa- und Zumbakursen Mangelware ist: Männer. Da kommt ihr eine Idee! Wenn sie schon die Freundin dieses Machos Rick spielen muss, soll der ihr gefälligst eine Ladung Kerle aus seinem Karateklub anschleppen. Doch die sind echte Problemfälle, wenn es um sinnlichen Hüftschwung geht ...
*Ein Liebesroman mit Herz und Humor, in dem die Funken in vielerlei Hinsicht sprühen.*

Viel Spaß bei den Wohlfühlbüchern rund ums Café Woll-Lust!
HARTE KERLE HÄKELN NICHT Er hat knackige Muskeln, einen eisernen Willen, den schwarzen Gürtel – und das Letzte, was er braucht, sind seltsame Gefühle für diese kunterbunte Häkelfee!
HARTE KERLE BACKEN NICHT Er liebt dröhnende Motoren und hartes Training - doch nun soll er für eine süße Konditorin Eischnee schlagen?
Harte Kerle tanzen nicht Er hat den härtesten Job der Welt - doch ein sexy Hüftschwung gehört nicht zu seinem Programm!

HARTE KERLE LÜGEN NICHT Die halbe Stadt holt sich bei ihm Liebestipps. Doch bei der Frau, für die sein Herz schlägt, blitzt er gnadenlos ab.

Alle Romane sind in sich abgeschlossen und können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.

Die ersten beiden Bände und ein Weihnachtsband sind auch als HÖRBUCH erschienen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Harte Kerle tanzen nicht

 

 

Roman

 

von

Karin Koenicke

 

 

Erstausgabe in 2019

 

Alle Rechte beim Autor

 

Copyright © 2019

by Karin Koenicke

Primelstr. 9 85386 Eching

Cover: Rebecca Wild

www.karinkoenicke.de

 

 

Kurzbeschreibung:

 

Er hat den härtesten Job der Welt – doch ein sexy Hüftschwung gehört nicht zu seinem Programm!

Rick ist tougher Feuerwehrmann und fürchtet weder Tod noch Teufel. Angst macht ihm nur eines: Seine skrupellose Schwester, die ihn mit aller Macht verkuppeln will. Aus Verzweiflung flunkert er ihr vor, der Freund seiner Vermieterin Simona zu sein, was die überhaupt nicht witzig findet. Sie hat nämlich eine Menge eigener Probleme am Hals. Simona träumt davon, ein Tanzstudio zu übernehmen, doch der Kampf gegen die Mitbewerber ist hart. Helfen könnte nur etwas, das in ihren Salsa- und Zumbakursen Mangelware ist: Männer. Da kommt ihr eine Idee! Wenn sie schon die Freundin dieses Machos Rick spielen muss, soll der ihr gefälligst eine Ladung Kerle aus seinem Karateklub anschleppen. Doch die sind echte Problemfälle, wenn es um sinnlichen Hüftschwung geht …

 

 

Anmerkung (für Feuerwehrspezialisten):

Feuerwehrleute sind Helden, keine Frage. Sie riskieren auch im echten Leben täglich ihre Knochen. Allerdings habe ich hier im Roman die tatsächlichen Sicherheitsvorschriften etwas gebeugt. Ich weiß, dass in echt nie ein Mann allein in ein brennendes Haus laufen würde, ungesichert ins Wasser springen oder auf dem Dach herumhüpfen. Aber ich wollte natürlich, dass Rick ein Draufgänger ist, und hab mich nicht so ganz der Realität unterworfen, der romanhaften Dramatik zuliebe. Also drückt mit mir zusammen ein Auge zu. Das Gewicht der Ausrüstung, die Wassermengen im Tank, die Gefährlichkeit eines Roll-overs etc. sind aber keine Phantasie, sondern entsprechen der Realität. Und mein Respekt ist jedem Menschen gewiss, der in einem Rettungsberuf arbeitet. Hut ab!

 

Für mehr Infos über meine Bücher schau mal vorbei bei www.karinkoenicke.de und hol dir deine beiden kostenlosen Kurzromane aus dem Café Woll-Lust!

 

 

 

 

1. Im Einsatz

2. Die wahre Leidenschaft

3. Die süße Senta

4. Die Nachfolge

5. Die Vermieterin

6. Der Glitzertanga

7. Der Anruf

8. In der Falle

9. Der Überredungskünstler

10. Es geht los

11. Salsa-Zauber

12. Geheimniskrämerei

13. Frutti di Mare

14. Die Verhörcouch

15. Hüft-Action

16. Der Traum des Hutmachers

17. Mister Schwer-Entflammbar

18. Piazolla

19. Die Elfen sind los

20. Sternennacht

21. Ein wahrer Mist-Kerl

22. Frühstück

23. Biker am Backofen

24. Lavendelgespräche

25. Der Sturm

26. Koboldsgesetze

27. Der Feigling

28. Die Kirschbombe

29. Die grüne Rakete

30. Epilog Häkelherzen

Deine Geschenke und mehr aus dem Häkelcafé!

Romane aus dem Café Woll-Lust

Rezept Simonas Lieblingstoast

Leseprobe Harte Kerle häkeln nicht:

 

 

 

 

1. Im Einsatz

 

 

Rick

 

 

Verdammt, das Feuer fraß sich immer weiter vor! Rick kämpfte sich im dichten Rauch den Flur des ersten Stocks entlang, sein Kollege Sergej war direkt hinter ihm. Obwohl er den Atemschutz samt Haube unter dem Helm trug, hörte er das gewaltige Prasseln und Knacken des Dachstuhlbrandes. Mit drei Fahrzeugen versuchten sie von außen, das Feuer zu löschen, aber er hatte sich dem Angriffstrupp angeschlossen und war hineingestürmt, um die Familie zu retten.

Da, eine Tür! Er wollte sie öffnen, aber sie war verschlossen. Schnell hob er seine Axt. Zwei gezielte Schläge, dann war er drin. An der Holzdecke züngelten im hinteren Bereich die Flammen entlang, ein Bücherregal brannte.

„Feuerwehr!“, rief er in den Rauch hinein, „ist jemand hier drin?“

„Rick, das ist ein Kinderzimmer“, hörte er über Funk Sergejs Stimme. Obwohl der nur einen Schritt hinter ihm stand, mussten sie sich über die Leitung verständigen, denn das Feuer wütete viel zu laut.

Jetzt sah auch er durch den Rauch die bunte Einrichtung. Und den Jungen, der verängstigt auf dem Bett saß, seinen Stoffteddy fest umklammert, und heftig hustete. Rick stürmte auf ihn zu und weil jede Sekunde zählte, hob er ihn einfach hoch, drückte ihn an sich und lief mit ihm aus dem Zimmer. Draußen kamen ihm zwei Kollegen entgegen. Sie gaben ihm per Handzeichen zu verstehen, dass das Stockwerk leer war.

Zum Glück!

Er trug den weinenden Jungen die Treppe hinunter, hörte hinter sich die Flammen, die wie eine brutale, unaufhaltsame Armee immer weiter ins Gebäude vordrangen. Die Holztreppe, deren Stufen er hinunterlief, würden in wenigen Minuten nur noch Geschichte sein, egal, durch wie viele C-Schläuche gerade Hunderte von Liter Wasser aufs Dach gepumpt wurden.

„Raus hier!“, rief er durchs Funkgerät seinen Männern zu und stürmte mit ihnen zusammen aus dem Haus. Dort kamen ihm bereits zwei Sanis mit der fahrbaren Trage entgegen. Als er ihnen den geretteten Jungen übergab, liefen ein Mann und eine völlig aufgelöste Frau auf ihn zu.

„Leon!“, schluchzte sie und beugte sich über den Buben, „oh Gott, wie geht es dir, bist du in Ordnung?“

Rick zog sich Helm und Atemschutz vom Gesicht. „Machen Sie sich keine Sorgen, er wird wieder ganz gesund“, beruhigte er die Eltern. „Ihm ist nichts passiert.“

Doch die Mutter fuhr zu ihm herum. „Was ist mit Lina?“, schrie sie. „Warum haben Sie Lina nicht mitgebracht? Sie muss doch in ihrem Zimmer gewesen sein!“

Noch ein Kind? Verflucht, warum hatte das keiner seiner Männer gesehen?

„Wo ist ihr Zimmer?“, fragte er.

Die Mutter weinte. „Direkt neben dem von Leon, gleich rechts. Sie müssen sie holen! Mein kleines Mädchen, sie ist noch drinnen!“

Rick wandte sich dem Haus zu. Flammen schlugen aus den hinteren Fenstern im Obergeschoss. Und das Dach brannte lichterloh. Er konnte keinen seiner Männer in dieses Inferno schicken, das wäre ein Todesurteil.

Aber er konnte das Mädchen auch nicht seinem Schicksal überlassen.

„Chef, wir waren in diesem Zimmer, da war kein Kind“, rief Tom.

Dieser Idiot. „Habt ihr im Schrank nachgeschaut?“, brüllte Rick ihn an. „Unterm Bett, hinter der Tür, verdammt, Kinder verstecken sich, wenn sie Angst haben, das müsst ihr doch wissen.“

„Der Rauch war echt dicht und …“

Er hörte nicht länger zu. Wenn er sich beeilte, konnte er es schaffen. Entschlossen zog er sich wieder die Maske übers Gesicht, schloss sie an die Sauerstoffflasche an, die er auf seinem Rücken trug, und setzte den Helm auf.

„Bist du jetzt völlig irre?“, hörte er die gedämpfte Stimme von Sergej. „Du kannst da nicht reingehen, der Dachstuhl bricht jeden Moment zusammen. Rick, das ist Selbstmord.“

Er wusste es. Und er würde keinen seiner Männer in das brennende Haus schicken. Aber er selbst konnte gehen. Musste gehen. Denn er war die einzige Chance, die das Mädchen hatte.

Ohne auf die warnenden Worte zu hören, stürmte er wieder hinein. Die Treppe stand noch, wenngleich die Flammen ihr schon deutlich näher gekommen waren. Er rannte hinauf. Die Hitze war unerträglich, selbst durch seinen Brandschutzanzug hatte er noch das Gefühl, mitten in die Hölle hineinzumarschieren. Eine glutrote Hölle mit ohrenbetäubendem Prasseln war es. Eine lärmende, verrauchte, alles vor Hitze versengende Hölle. Das Mädchen musste krank vor Angst sein. Oder längst ohnmächtig vom Rauch.

Auf dem Flur sah er kaum seine Hand vor Augen, aber da er den Weg schon kannte, ging er zielstrebig auf die zweite Tür zu. Sie stand offen. Flammen züngelten an ihrem Blatt. Rick stürmte ins Zimmer. Dort war ein Schrank. Zwei Schritte, dann war er vor ihm, riss die Tür auf, tastete hinein.

Leer.

Er bückte sich, schaute unter den Schreibtisch.

Ebenfalls kein Umriss eines Kindes. Verflucht, wo war die Kleine? Ihm lief die Zeit davon!

Das Bett hatte fast zimmerhohe Holzpfosten und einen Baldachin. Neben dem zerdrückten Kopfkissen lagen eine Puppe und ein Einhorn aus Plüsch, die Zudecke war aufgeschlagen.

Rick fühlte es deutlich. Lina war noch hier! Er warf sich auf den Boden, die Sauerstoffflasche knallte ihm ins Kreuz, aber das war egal. Er robbte näher ans Bett heran, schaute darunter.

Zwei große Kinderaugen sahen ihn an.

„Komm raus, ich bin von der Feuerwehr“, rief er durch die Maske hindurch. Doch Lina wich weiter von ihm zurück.

Fuck! Dieses verdammte Riesenbett konnte er nicht einfach umkippen und das Mädchen hervorholen.

Er konnte sich vorstellen, wie bedrohlich er aussah mit Schutzanzug, Helm und dieser insektenartigen Atemschutzmaske, hinter der man keinen Menschen vermutete. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, an das Kind heranzukommen. Er zog sich Helm und Maske vom Kopf, kippte dann das Bett ein kleines Stück hoch und streckte ihr die Hand hin.

„Ich bin Rick und helfe dir. Komm, ich hol dich raus, Lina. Deine Eltern warten unten.“

Endlich verstand sie, dass er kein Monster war. Sie streckte ihm zitternd ihre kleine Hand entgegen.

Rick zog das Mädchen an sich heran, sprang auf die Beine, ließ die Atemmaske liegen, weil dafür keine Zeit war. Er konnte hören, dass sie nur noch wenige Sekunden hatten, der Lärm des Feuers veränderte sich. Und das tat er nur, wenn die Deckenbalken kurz davor standen, runterzukommen. Da wurde das Feuer ruhiger, gefasster. Als hätte es genug vom Wüten und würde jetzt seine Energie sammeln, um dem Haus dann kaltblütig den endgültigen Todesstoß zu versetzen. Es war ein schreckliches Geräusch, wenn dieser Augenblick näherkam.

Nur den Helm setzte er sich schnell auf, dann rannte er mit Lina auf dem Arm aus dem Zimmer. Der Flur bestand nur noch aus Rauch. Er hielt die Luft an, während das Mädchen heftig keuchte, sprintete zur Treppe und raste die Stufen hinunter. Seine Lungen brannten, seine Haut schien in Flammen zu stehen, jeder seiner Muskeln schrie auf. Ein Brett der Holzdecke kam herunter, erwischte ihn an der Wange, weil sein Helm verrutscht war. Er beugte sich tiefer über das Mädchen. Noch ein Brett kam runter, brennend, fiel ihm vor die Füße. Rick sprang darüber, rannte weiter und weiter. Die Hitze und der Rauch waren wie eine Wand.

Aber er durchbrach sie. Noch acht Schritte. Noch vier. Noch zwei. Raus aus der Tür.

Rick keuchte.

Irgendjemand kam und nahm ihm das Mädchen ab. Er sackte auf dem Gehweg zusammen. Jemand brüllte ihn an. Sirenen heulten. Funkgeräte knisterten. Seine Wange blutete. Ein gewaltiges Krachen hinter ihm verriet ihm, dass es wirklich verdammt knapp gewesen war.

Aber er hatte es geschafft. Das war das Einzige, was zählte.

Zum Glück war er nicht sein eigener Vorgesetzter, sonst hätte er sich selbst ganz schön zur Minna gemacht. So ein Alleingang, wie er ihn gerade hingelegt hatte, war eigentlich undenkbar und er würde das keinem seiner Männer ungestraft durchgehen lassen. Aber Lina war ein kleines Mädchen, hatte ihr ganzes Leben vor sich. Und eine Familie, die sich um sie sorgte, hatte sie auch. Bei ihm gab es niemanden, der um ihn trauern würde, wenn er hops gegangen wäre. Also war das Risiko überschaubar gewesen, fand er.

Sergej stapfte heran. Der Russe sagte nichts, sah ihn nur lang an und schüttelte den Kopf.

„Du solltest dein Gesicht mal abwaschen, so rußig und blutig wie du bist, kannst du ja nicht unter die Leute. Und du weißt ja, der nächste Einsatz kommt bestimmt.“

Rick nickte, stand schwerfällig auf und ging zum Krankenwagen, um sich ein Tuch zu holen. Sein Kollege hatte recht, er musste sich bereit machen. Die beiden Löschwagen blieben noch hier, um das restliche Feuer einzudämmen. Aber das HLF, mit dem er fuhr, konnte wieder zurück zur Wache, es gab ja noch andere Notfälle.

Lange musste Rick nicht warten, als sie wieder zurück in der Heimat waren, dann kam schon der nächste Einsatz, dieses Mal ging es um einen Verkehrsunfall. Und erneut rückte er mitsamt der ganzen Mannschaft aus, denn sein Hilfeleistungslöschfahrzeug hatte gerade für diese Fälle die richtige Ausrüstung an Bord.

Rick steuerte den Wagen, dessen blitzendes Blaulicht gespenstische Schatten über die nächtliche Landstraße warf. Er gab ordentlich Gas und sah hoch konzentriert auf die Fahrbahn. Jetzt, um kurz nach Mitternacht, war hier draußen kaum ein Auto unterwegs, trotzdem hatte Rick das Martinshorn angeschaltet. Der Signalton war in der Fahrerkabine zum Glück nicht so dröhnend laut wie draußen, außerdem gewöhnte man sich mit der Zeit daran. Nach so vielen Jahren bei der Berufsfeuerwehr nahm Rick ihn kaum mehr wahr. Das war bestimmt so ähnlich wie bei einem Zahnarzt, der bekam auch keine Schweißausbrüche, wenn er irgendwo einen Bohrer hörte, vermutete er. Obwohl er selbst natürlich auch keine Angst vor einem läppischen Bohrer hatte, das wäre ja noch schöner.

„Ha-El-Ef sieben-zwei!“, knisterte die Stimme aus der Einsatzleitung durch das Funkgerät, „der Rettungswagen ist schon an der Unfallstelle. Zwei Insassen im verunglückten Fahrzeug, offenbar keine Schwerverletzten. Aber Bergung notwendig.“

Rick drückte einen Knopf. „Wir sind in zwei Minuten am Unfallort“, antwortete er und gab erneut Gas. Zwischendurch wischte er sich mit einem Taschentuch über die Wange, weil er immer noch ein wenig blutete. Inzwischen trug er schon eine ganze Sammlung an Narben mit sich herum. War aber nur ein Kratzer und natürlich noch lange kein Grund, den Einsatz nicht zu fahren.

Sergej, der neben ihm saß, biss ungerührt in ein Gebäckstück. „Ist mir recht, wenn die Sanis schon vor Ort sind“, kommentierte er den Funkspruch, „dann brauchen wir keine Erste Hilfe zu leisten und verderben uns nicht den Appetit. Hab nämlich Hunger wie ein sibirischer Wolf.“

„Wäre mir neu, dass russische Wölfe neuerdings Schoko-Nuss-Kringel verdrücken.“ Rick schüttelte verständnislos den Kopf, als er einen Blick auf seinen Kollegen warf. Dass man sich auch nachts was zwischen die Zähne schob, war keine Seltenheit. So eine Vierundzwanzig-Stunden-Schicht zog sich hin, da brauchte es schon mal eine Bockwurst. Mit scharfem Senf. Darauf hätte er jetzt auch Lust. Aber nicht auf lieblich verzierten Süßkram!

„Das ist ein kerniger Chili-Hafer-Taler aus dem Café Woll-Lust“, klärte Sergej ihn mit ernster Stimme auf. „Und somit was für echte Männer, egal ob edler russischer Herkunft oder nicht. Willst du mal beißen?“

„Auf keinen Fall. Und du packst das jetzt weg, wir sind im Einsatz und nicht beim Kaffeekränzchen“, stellte er klar. Okay, sie waren seit dem Schichtbeginn vor siebzehn Stunden fast unentwegt auf Achse gewesen, aber das war noch lange kein Grund, das Fahrzeug vollzubröseln. Man musste sich schließlich im Griff haben als Feuerwehrmann und auch mal ein kleines oder mittelgroßes Hungergefühl aushalten.

„Aye, aye, Herr Zugführer“, erwiderte Sergej und gehorchte brav.

Die letzte Kurve, dann sah Rick schon das Blinklicht der Polizei. Er bremste ab und ließ sich von einem Polizisten durch die Absperrung winken. Ein japanischer Kleinwagen war von der Fahrbahn abgekommen und lag jetzt im Straßengraben. Rick stellte das Fahrzeug ab, riss die Tür auf und sprang, gefolgt von den restlichen Männern, aus dem Wagen. Er hatte sich sofort ein Bild von der Lage gemacht.

„Zwei Verletzte im Auto?“, fragte er einen der Sanitäter.

Der nickte. „Dank Airbag keine größeren Blessuren. Beide ansprechbar. Leider.“

Leider? Rick zog die Augenbraue hoch. Für Witze hatte er bei einem Einsatz nicht viel übrig. Er war nicht umsonst einer der jüngsten Zugführer, die es bei der Berufsfeuerwehr gab, bei ihm zählten Schnelligkeit und Genauigkeit, keine dummen Sprüche über Verunglückte.

Er eilte zum verunglückten Wagen, der die Böschung hinuntergerutscht und von einem Baum seitlich eingedrückt worden war. Rick kontrollierte die Türen, sie ließen sich beide nicht öffnen. Diese asiatischen Thunfischdosen verzogen sich aber auch echt schnell!

Die Fahrerin – eine Frau um die sechzig – war dank Airbag unverletzt geblieben, ebenso ihr Mann auf dem Beifahrersitz. Die Sanitäter hatten eine Scheibe eingeschlagen, um mit den beiden Kontakt aufnehmen zu können. Rick beugte sich zur Fahrerin hinab, um ihr zu erklären, wie es nun weiterging, aber sie kam ihm zuvor.

„Wurde auch Zeit, dass endlich jemand kommt“, keifte sie lautstark heraus. „Warum hat das so lange gedauert? Ich dachte, so Helfer wie Sie müssen sofort ausrücken?“

Rick seufzte. Jetzt verstand er, was der Sani mit ‚leider ansprechbar‘ gemeint hatte. Früher hätte er gedacht, solche Reaktionen wären auf einen Schock oder eine Kopfverletzung zurückzuführen. Aber die Erfahrung hatte ihn inzwischen eines Besseren belehrt.

„Ich versichere Ihnen, wir haben die Wache sofort nach dem Eingang des Notrufs verlassen. Im Laufschritt“, rang er sich ab.

„Pah“, machte sie und hätte wahrscheinlich die Arme empört in die Hüften gestemmt, wenn nicht dummerweise der inzwischen wieder zusammengeschrumpfte Airbag im Weg gewesen wäre. „Wahrscheinlich haben Sie erst noch eine Runde Poker gespielt. Das habe ich mal im Fernsehen gesehen.“

Klar. War natürlich alles wahr, was im TV lief. Zum Beispiel, dass Rettungskräfte für ihr Leben gern Karten spielten, Strip-Poker wahrscheinlich, und weil man nackt so schlecht die Rutschstange runtergleiten konnte, verzögerte sich der Einsatz deutlich. Blanke Haut bremste nämlich sehr. Außerdem dauerte es viel länger, wenn man nicht nur die schwere Schutzkleidung anziehen musste, sondern vorher noch Unterhosen und Socken. Er biss die Zähne aufeinander, um nicht eine dumme Bemerkung zu machen.

„Wieso sind Sie denn von der Straße abgekommen?“, konnte er sich aber doch nicht verkneifen, weil sie ihn immer noch so vorwurfsvoll anstarrte.

„Na, weil er mich falsch geleitet hat!“, stieß sie im Brustton der Überzeugung aus und deutete mit einer Kopfbewegung nicht auf das Navi, sondern auf ihren bedauernswerten Ehemann. „Er hat mir nicht gesagt, dass eine Kurve kommt.“

„Aber Gertrude, ich dachte, du siehst doch die rot-weißen Pfeile“, versuchte der eine Rechtfertigung.

Rick war es zu blöd, den beiden weiter zuzuhören. „Wir schneiden Sie jetzt raus“, stellte er klar und machte ein paar Schritte vom Auto weg.

„Um Gottes willen, können Sie das denn? Sie schauen nämlich aus wie ein Raufbold und nicht sehr vertrauenswürdig“, rief sie ihm hinterher, aber er tat so, als hörte er sie nicht. Einen blechernen Kleinwagen mit der Hydraulikschere aufzuschlitzen war nicht schwerer, als die Fünfkorn-Dinkel-Brötchen zu halbieren, die er sich manchmal in diesem Häkel-Café in der Nähe der Wache kaufte. Und er würde dieser Xanthippe auch bestimmt nicht erklären, dass seine diversen Narben nicht von Schlägereien, sondern von Einsätzen stammten, bei denen er Häuser, Zwerghamster und auch das eine oder andere Rentnerinnenleben gerettet hatte.

Rick ließ seine Männer zur Blitz-Lagebesprechung antreten. In zwei knappen Sätzen informierte er sie über die Situation und ordnete den Einsatz der Rettungsschere an.

„Ich übernehm das“, meldete sich Sergej sofort und rief sich einen der jüngeren Kollegen zu Hilfe.

„Okay.“ Er nickte ihm zu, ging dann aber selbst zur Seite des Feuerwehrwagens und überzeugte sich davon, dass das Werkzeug und der Hydraulikschlauch im ordnungsgemäßen Zustand waren.

„Du kriegst bald den Kontrolletti-Orden am Band verliehen“, neckte ihn Sergej und nahm die schwere Schere in die Hand.

„Ich habe schließlich die Verantwortung“, antwortete Rick. Er konnte es nicht leiden, wenn irgendwas nicht funktionierte. Sie waren ja kein Hobbyverein, sondern Profis. Und überhaupt war es gut, alles perfekt im Griff zu haben, nicht nur beim Einsatzfahrzeug.

„Schon klar, aber wir sind keine Grünschnäbel mehr.“ Mit großen Schritten stapfte der Russe auf den verunglückten Wagen zu, setzte die Schere an und durchtrennte den Holm der Fahrertür.

„Passen Sie doch auf, mein Pullover ist ganz neu“, hörte Rick die Frau quengeln und musste grinsen. Hoffentlich riss sich Sergej am Riemen und warf der guten Gertrude nicht noch eine Beleidigung an den Kopf, sonst musste er als Boss wieder ran und alles schlichten. Wäre nicht das erste Mal.

Kurze Zeit später stand das verunglückte Ehepaar blass, aber ziemlich unverletzt, neben dem kaputten Auto. Während die Sanis die beiden für eine nähere Untersuchung zum Krankenwagen führten, schimpfte Gertrude weiter auf ihren Mann ein.

„Warum hast du bei den Semmelmeiers noch unbedingt den Selbstgebrannten trinken müssen? Du hättest doch ablehnen können. Ohne deine Schnapslerei wäre das alles nicht passiert! Dich kann man weder als Fahrer noch als Beifahrer brauchen“, keifte sie, während er wie ein begossener Pudel daneben stand und bedrückt schwieg.

Rick verdrehte die Augen. „Los, Jungs, wir fahren zurück zur Wache. Alle rein in den Wagen.“

Die Männer kletterten auf ihre Sitze, auch Sergej ließ sich wieder neben Rick nieder.

„Ich wette, der wünscht sich, dass der Unfall anders ausgegangen wäre“, vermutete der Russe.

Rick lachte. „Du meinst, der hätte seine Gertrude am liebsten gegen den Baum gesetzt? Beziehungsweise drumrumgewickelt?“

„Oder sich selbst. Also echt, bei uns in Russland würde sich das kein Kerl gefallen lassen. Was ist das denn für ein Mann? Der verdient ja die Bezeichnung nicht. Ein Mann muss Härte zeigen, jawohl. Sonst nimmt man ihn doch nicht ernst.“ Um seine Worte zu unterstreichen, verschränkte Sergej die Arme vor der breiten Brust.

Na ja, dass man ausnahmslos immer knallhart sein musste, fand Rick zwar nicht. Aber grundsätzlich hatte Sergej schon recht. Zum Pantoffelhelden würde auch er sich niemals von einer Frau machen lassen. Und da das seiner Erfahrung nach die meisten Ladys wollten, war er nicht scharf auf eine Beziehung.

Er lenkte das Fahrzeug durch die Straßen der Stadt und fuhr es schließlich an seinen Platz in der Halle der Wache. Genau wie die anderen Männer stieg er aus und ließ seine Stiefel plus Brandschutzhose gleich neben dem Fahrzeug zurück, die Jacke hängte er an die Kleiderstange. Jeder Feuerwehrmann musste seine Ausrüstung im Einsatzfall sofort finden, damit sie blitzschnell im Wagen saßen.

Nachdem er den Bericht getippt hatte, ging er in den Aufenthaltsraum, um sich einen Wachmacher zu zapfen. Es war halb zwei Uhr nachts, da konnte man einen starken, schwarzen Kaffee gut gebrauchen. Zum Glück war sonst keiner hier, die anderen hatten sich wahrscheinlich im Ruheraum aufs Ohr gehauen, zumindest, bis der Alarmton sie wieder rief.

Ah, endlich mal durchatmen! Rick genoss die wenigen ruhigen Minuten, die seine Schicht bot. Aufs Radiogedudle verzichtete er, denn das Geplapper nervte ihn und mit Musik konnte er sowieso nichts anfangen. Irgendwelche Gitarren, Geigen oder ein Gesinge brauchte doch im Grunde niemand. Wenn er mal entspannen wollte, ging er zum Karate, da konnte er richtig abschalten. Seit er den Verein gewechselt hatte und jetzt in Gregs Karatestudio trainierte, gab er richtig Gas und war kurz davor, endlich die Schwarzgurtprüfung abzulegen. Das war ein Ziel nach seinem Geschmack! Etwas, bei dem man mit Selbstbeherrschung und Genauigkeit punkten konnte, er liebte das strenge Regelwerk dieser Kampfkunst und trainierte hart.

Doch bevor er sich im Geiste mit der schwierigen Bassai Dai-Kata beschäftigte, die er bei der Prüfung zum 1. Dan vorführen musste, galt es, sich um ein anderes Thema zu kümmern. Rick seufzte und legte die Tageszeitung neben die dampfende Kaffeetasse. Dann schlug er die Seite mit den Anzeigen auf, legte sich einen Stift zum Markieren zurecht und suchte nach Wohnungsannoncen. Verflucht. Sah wieder mal richtig mau aus.

„Suchst du einen neuen Job?“, sagte Sergej und kam zur Tür herein. „Willst du umsatteln auf Hausmeister oder Kinderpfleger?“ Der Russe grinste breit, holte sich ebenfalls einen Kaffee und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

„Ich und Kinder? Na, die hätten keinen Spaß mit mir. Nee, ich brauch eine neue Wohnung, mein jetziger Vermieter hat Eigenbedarf angemeldet. Seine Tochter kommt zurück aus Singapur und will jetzt wieder in Papis Haus ziehen. Also muss ich raus.“

„Dermo!“, schimpfte Sergej. Das hieß so viel wie „Shit“, hatte sich Rick inzwischen zusammengereimt. „Ist schwer, im Moment was zu finden, schätze ich.“

„Das kannst du laut sagen. Ich brauch ja nur was Kleines und da ist der Markt total leer gefegt.“

Sergej nickte und trank schlürfend seinen Kaffee. „Das ist der Nachteil, wenn man allein lebt“, sinnierte er. „Man muss teuer wohnen, kann keine billigen Großpackungen Schlemmerfilet kaufen und hat niemanden, der einem seine Blini brät.“

„Blini?“ Rick sah ihn verständnislos an. Schon das Schlemmerfilet hatte ihn ein wenig verwirrt.

„Buchweizenpfannkuchen, so was Leckeres kennt ihr Deutschen ja nicht. Okay, die Sachen von Jasmin mal ausgenommen, das Café Woll-Lust erreicht beim Gebäck fast russische Qualität.“

Schon irre, dass Sergej sein Möbelpackerkreuz und seinen fast kahl geschorenen Schädel regelmäßig in dieses rosa Café schleppte, um sich einen Cupcake zu gönnen. Manchmal überraschte ihn sein Kollege. Und das, obwohl Rick eine verdammt gute Menschenkenntnis besaß.

Was ihn weniger überraschte, war, dass Sergej wieder mal die Kaffeekanne leer gemacht hatte, aber die Maschine nicht ausgeschaltet hatte. Also stand er selbst auf, um den Knopf zu drücken.

Sergej schüttelte den Kopf. „Ist vielleicht ganz gut, dass du nicht mit einer Frau zusammenlebst. Die könnte dir eh nix recht machen. Und würde wahnsinnig werden, weil du alles kontrollieren musst.“

„Ich mag‘s halt nicht, wenn was einbrennt.“ Rick setzte sich wieder.

Sergej lachte über das Wortspiel. „Die Letzte ist ziemlich verzweifelt an dir, stimmt‘s?“

Oh Mann, jetzt fing der wieder mit Lena an. „Es hat halt nicht gepasst, basta. Außerdem ist man als Mann sowieso besser dran ohne Frau. Dann meckert keiner rum, dass man beim Einsatz bitte vorsichtig sein soll. Und man kann ungestört drei Stunden Snooker im TV anschauen.“ Lena hatte nie verstanden, wieso ihn Billard-Meisterschaften so interessierten. Dabei fand er die Präzision, mit denen die Profis die Kugel spielten, absolut bewundernswert. Und zehnmal entspannender als eine süßliche Hollywoodromanze sowieso.

„Schon richtig“, stimmte Sergej zu. „Wenn eine Freundin mitbekommen hätte, wie du dich heute wieder mit dem Angriffstrupp ins verqualmte Gebäude gestürzt hast, hätte die einen Nervenzusammenbruch gehabt.“

„Quatsch.“ Rick schlug eine Seite der Zeitung um. „Ist doch das Normalste in unserem Beruf, dass man ein Risiko eingeht. Wir heißen schließlich Feuerwehrleute und nicht Feuerdavonlaufhasen.“ Für ihn gab es da nie etwas zu überlegen. Es waren Menschen in Gefahr, also legte er sich ins Zeug. So einfach war das. Und ja, ihm war es lieber, er selbst übernahm gefährliche Aufgaben, anstatt sie an einen jungen Kollegen zu delegieren. Als Chef kämpfte man nun mal an vorderster Feuerfront, das war doch ganz normal.

„Aber du steckst deine hübsche Nase immer als Erster in den Brand. Da kenne ich ganz andere Zugführer. Mein alter Einsatzleiter stand immer in der hintersten Reihe.“

Unverständlich, solche Kollegen! „Weichei“, sagte er nur und widmete sich wieder den Anzeigen. Es sah zwar recht hoffnungslos aus auf dem Wohnungsmarkt, aber er würde nicht aufgeben. Wenn er sich richtig anstrengte, war er bisher immer ans Ziel gekommen, das war alles nur eine Frage der Disziplin und Selbstbeherrschung. Und bei Letzterer war er so gut trainiert, dass er nicht mal ansatzweise die Augenbrauen hob, als der toughe Sergej einen Muffin aus dem Kühlschrank holte, der allen Ernstes aussah wie ein schokoladiges Löwenbaby mit Grinsegesicht. Selbst als der kleiderschrankbreite Russe hineinbiss, die Augen genießerisch schloss und ein obszön wohliges Stöhnen erklingen ließ, rief das keinerlei Reaktion bei ihm hervor. Ja, er war ein wahrer Profi und würde die Kontrolle durch nichts, aber auch wirklich gar nichts verlieren!

2. Die wahre Leidenschaft

 

 

Simona

 

 

„Feierabend!“, krähte Madita nach einem Blick auf die Uhr und streckte Simona die Hand entgegen, an der die Nägel silbern funkelten. „Soll ich den Laden absperren?“

Simona musste schmunzeln, weil es ihr weiblicher Azubi wieder mal recht eilig hatte. „Hast du heute Abend wieder ein Date, weil du es gar nicht abwarten kannst rauszukommen?“

Madita war im zweiten Lehrjahr und passte mit ihrem farbenfrohen Outfit und der bunten Haarsträhne perfekt in Simonas Spielwaren- und Kinderklamottenladen. ‚Alles rund ums Kind‘ prangte in etwas altmodischer Schrift draußen über dem Schaufenster. Das Schild stammte noch von Simonas Eltern, die das Geschäft lange Jahre geführt hatten. Inzwischen waren sie allerdings dem ‚Wir-brauchen-Sonne-Wahn‘ verfallen und nach Mallorca ausgewandert. Da Simona es nicht übers Herz gebracht hatte, den Laden zu schließen, der sich seit vier Generationen im Familienbesitz befand, stand sie jeden Tag hier und sortierte Einhornpuzzles, Zwergenmobiles oder rosa Feen-Strampler.

Dabei hatte sie weder was mit Märchen am Hut, noch verfiel sie wie ihre Mutter jedes Mal in pures Entzücken, wenn ein Kleinkind in den Laden gehüpft kam. Ihre Leidenschaft lag ganz woanders.

„Ich gehe ins Kino“, erzählte Madita fröhlich. „Mit der Clique. Mal schauen, ob Jerry auch da ist.“ Sie pustete sich ihre knallblaue Strähne aus dem Gesicht.

„Ah, verstehe.“ Simona händigte ihr den Schlüssel aus. „Knutschen in der letzten Reihe?“

Madita lachte, wirkte aber ein klein wenig ertappt. Und wenn Simona sich nicht sehr täuschte, wurde sie unter ihrem dicken Make-up ein bisschen rot. „Würde ich doch nie tun, Frau Chefin“, erwiderte sie grinsend und eilte zur Ladentür, um abzusperren.

„Hol ruhig deinen Rucksack und mach die Sause“, sagte Simona, „es ist ja nicht mehr viel zu tun. Du kannst gerne jetzt gleich abdüsen. Aber brav bleiben, eine schwangere Azubine kann ich hier nicht gebrauchen.“ Sie drohte ihr spielerisch mit dem Finger. Madita war gerade achtzehn geworden und würde sich natürlich von ihr nichts sagen lassen.

„Wieso nicht? Es gibt doch hier genug Windeln“, erwiderte Madita übermütig und lief nach hinten, wo ihre Sachen lagen.

Simona ließ sie raus, schloss hinter ihr ab und sah dem bunten Mädchen hinterher, das auf ein klappriges Fahrrad stieg und die Brentanostraße hinuntersauste. Vom Alter her war Madita ja eigentlich eine Frau und kein Mädchen mehr, aber so richtig reif war sie noch nicht und, wenn sie wie heute mit kunterbunten Ringelstrümpfen, einem Minikleid mit Hosenträgern und baumelnden Apfelohrringen herumlief, fühlte man sich farbtechnisch eher in einen Kindergarten versetzt. Simona lächelte. Sie mochte Madita mit all ihren Schrulligkeiten und der Farbenpracht. Bei den Kunden kam sie ebenfalls gut an, denn sie war von allen Spielsachen oder Babyklamotten so begeistert, dass sie diese sehr erfolgreich den kaufwilligen Eltern anpries.

Der Betrag in der Kasse, den Simona gerade zählte, war trotzdem recht übersichtlich. Hätte sie Miete zahlen müssen, wäre ‚Alles rund ums Kind‘ längst Geschichte. Aber zum Glück hatten ihr ihre Eltern das ganze Haus überschrieben, sodass sie auch mietfrei wohnen konnte. Und sogar noch die kleine Wohnung im Obergeschoss vermieten konnte – falls sie die Spuren der dämlichen Pute endlich mal beseitigte, die bis vor Kurzem dort gehaust und für gehörigen Schaden gesorgt hatte.

Einen Moment lang überlegte Simona, ob sie nach oben gehen und ein bisschen putzen sollte, bevor sie losmusste. Aber ihr Magen knurrte just in diesem Moment wie das neu angekommene Tigerbaby aus extraweichem Plüsch. Dem brauchte das Kind nämlich nur auf die Nase zu drücken, dann hörte man ein Brüllen, als sei das lieblich lächelnde Flauschekätzchen ein Abkömmling des gefährlichsten Tigers von Eschnapur. Madita war so hingerissen, dass sie heute schon drei davon an werdende Omas und reiche Tanten verkauft hatte.

Da sie zum Kochen weder Lust noch Talent hatte, ging Simona nicht die Treppe hoch in ihre Wohnung, sondern zur Ladentür raus und ein paar Häuser weiter. Dort gab es nämlich das beste Café der Stadt und wahrscheinlich sogar des ganzen Landes. Jasmin und Valerie, die beiden Besitzerinnen, waren inzwischen schon fast zu ihren Freundinnen geworden, sie saß nämlich ziemlich oft dort auf einem Rattanstuhl. Insbesondere, da sich Konditorin Jasmin immer wieder was Neues ausdachte und jetzt auch herzhaftere Speisen anbot, nicht nur ihre berühmten Cupcakes, mit denen sie sogar schon das britische Königshaus beeindruckt hatte.

Simona betrat das Café, das wie immer gut besucht war, und setzte sich auf einen der neuen Barhocker direkt an die Verkaufstheke. „Was hast du Leckeres für mich?“, fragte sie Jasmin, die gerade ein Stück Mascarpone-Waldbeer-Rolle auf einen Teller legte.

„Ich teste gerade verschiedene Toastvarianten“, erklärte Jasmin mit dem strahlenden Lächeln, das ihr Markenzeichen war. Vor allem, seit sie fest mit Thore zusammen war. „Birne-Walnuss-Gorgonzola wäre vielleicht was für dich? Mit Rucolagarnitur und Cocktailtomätchen.“

„Gekauft!“, rief Simona sofort, weil ihr Magen schon wieder knurrte. Musste an den schokoladigen Löwenbaby-Muffins liegen, die direkt vor ihr hinter dem Thekenglas warteten und sie angrinsten. Wie man solche Fell-Kunstwerke aus Schokocreme hinbekam, würde ihr wohl immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht gönnte sie sich eins davon als Nachtisch? Die Kalorien würde sie danach locker wieder loswerden.

Während Jasmin in der Küche verschwand, setzte sich Valerie zu ihr.

„Hey, Simona, wie läuft‘s bei dir?“, fragte sie.

Simona freute sich über Valeries Interesse. „Ich kann nicht wirklich klagen. Seit das Café Woll-Lust eröffnet hat, ist auch mein Umsatz gestiegen. Ich bin euch dafür echt dankbar.“

Valerie nickte. „Ja, wir ergänzen uns da gut. Einige von den Frauen, die mit oder ohne Kind bei dir einkaufen, landen danach noch bei uns. Und mein neuer Kurs „Schmusetiere häkeln“ ist schon bis auf den letzten Platz ausgebucht.“

Das konnte sich Simona gut vorstellen. Ein Handarbeits-Café war ja auch wirklich eine tolle Idee, wenngleich sie selbst niemals auch nur drei gerade Maschen hinbekommen würde.

„Trotzdem hat man heutzutage einen schweren Stand als Einzelhändler mit Spielwaren und Kindersachen“, fuhr sie fort. „Die Leute bestellen halt immer mehr im Internet.“ Sie seufzte, weil ihr einfiel, dass die Umsatzsteuermeldung bald wieder dran war. Und sie hasste diesen lästigen Papierkram, bei dem man immer wieder feststellte, dass der Laden viel zu wenig abwarf. Rein wirtschaftlich gedacht, hätte sie Madita gar nicht anstellen dürfen. Aber das Mädchen wollte unbedingt ihre Ausbildung bei ihr machen und sie hatte sie vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen, also egal. Immer nur vernünftig zu sein, brachte einen doch nicht weiter im Leben, da würde man das Beste verpassen.

„Glaube ich sofort, dass das Internet dir viel Umsatz wegnimmt“, sagte Valerie. „Das merken wir auch bei der Wolle. Viele schauen hier, kaufen die aber dann doch lieber online. Kommst du denn über die Runden?“

Simona nickte. „Ja, passt schon. Ich muss ja keine Reichtümer verdienen. Aber ich sollte endlich mal die Dachgeschosswohnung wieder herrichten und sie vermieten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie die Küche aussieht!“

„Ah, stimmt! Da war doch irgend so eine aufgebrezelte Zicke drin, die dir fast alles abgefackelt hätte.“

„Ich könnte der die Gurgel umdrehen!“ Simona wurde immer noch wütend, wenn sie daran dachte. Dass man einen Kuchen mal zu lange im Ofen ließ, war ja verständlich. Das konnte ihr auch mal passieren, wenn sie in eine neue Choreo versunken war. Aber einen Braten komplett verschmoren zu lassen, dass der Rauch sich fast im ganzen Haus ausbreitete, und auch noch einen Kochlöffel auf der eingeschalteten Herdplatte zum Brennen zu bringen, weil man selbst auf dem Balkon eine Zigarette nach der anderen rauchte und dazu stundenlang telefonierte – also das musste man erst mal schaffen.

„Weißt du“, sagte Simona, „ich habe eigentlich gar keine Lust, mir wieder irgendeinen Chaos-Mieter reinzuholen. Aber ich schätze, ich kann auf die Kohle nicht verzichten. Also aufs Geld, meine ich. Verkohlen sollte möglichst nix mehr.“

Jasmin kam heran und stellte einen köstlich duftenden Teller mit Toast vor ihr ab. Der Geruch vertrug sich vielleicht nicht hundertprozentig mit den Vanille-Lavendel-Törtchen, die ein Stück daneben aufgestapelt waren. Aber das Meiste hier waren Stammgäste und die wurden eher neugierig, wenn sie neue Aromen rochen. So wie die drei älteren Cousinen inklusive Mister Madbatter, dem Hutmacher, die einen Vierertisch besetzten und eifrig strickten. Außer Mister Madbatter, der hatte es nicht so mit Nadeln, solange die nicht in einem Hut steckten.

„Liebste Jasmin“, rief Roberta lächelnd, „das ist ein interessanter Geruch! Wieso bekommt nur Simona solche herzhaften Köstlichkeiten und wir Armen werden mit schnöden Champagner-Maracuja-Charlotten abgespeist?“ Die beiden anderen Cousinen kicherten mit.

Als Simona sich umdrehte, sah sie, dass vier leere Likörgläser auf dem Tisch standen. Kein Wunder, dass die grauhaarigen Herrschaften so gut drauf waren. Obwohl – das bekamen die auch ganz ohne Alkohol spielend hin.

„Kein Problem, meine Damen.“ Jasmin grinste breit. „Wenn Ihnen jetzt nach etwas Handfestem ist, schiebe ich einen Knoblauch-Zwiebel-Toast mit Romadur und Thunfischkruste in den Ofen. Passt hervorragend zum Kirschlikör, denke ich.“

Das Kichern der Cousinen wurde lauter, auch der Engländer schmunzelte. „Wir bleiben vielleicht doch lieber beim Süßen“, entschied er und nahm zärtlich Robertas Hand in die seine. Simona überlegte, ob er mit dem Begriff „beim Süßen“ den Likör, die Torte oder seine Liebste meinte. Die beiden Turteltäubchen waren wirklich toll. Sie hatten sich hier im Café kennengelernt und zarte Bande geschmiedet, obwohl sie beide schon die siebzig überschritten hatten. Aber die Liebe vollbrachte einfach Wunder.

Simona drehte sich wieder um und widmete sich dem Toast, der phantastisch schmeckte.

Inzwischen ging Valerie um den Tresen herum und schenkte für Simona eine Rhabarberschorle ein. „Ich höre mich mal um“, sagte sie und stellte das Glas ab. „Vielleicht finden wir eine Mieterin, die weniger Zerstörungswut hat.“

„Das wäre super.“ Simona lächelte. „Und der Toast ist eine Sensation!“

Sie verdrückte ihn genüsslich und warf anschließend einen Blick auf ihre Armbanduhr. Allmählich wurde es Zeit, sich fertig zu machen. Auf die Nachspeise verzichtete sie. Lieber suchte sie in aller Ruhe was Schönes zum Anziehen, denn Alejandro würde heute wieder da sein und seinen geschmeidigen Körper über die Tanzfläche bewegen. Bei der Vorstellung allein hielt sie nichts mehr auf ihrem Barhocker.

Simona zahlte, verabschiedete sich von Valerie und Jasmin, dann ging sie zurück in ihr Haus. Im Schlafzimmer stieg sie aus ihrer üblichen Jeans und zog das schlichte Shirt aus, danach hüpfte sie schnell unter die Dusche. Als sie sich trockengerubbelt hatte, legte sie sorgfältig Make-up auf. Zu ihren dunkelbraunen Haaren, die sie am liebsten als Pferdeschwanz trug, passten Smokey Eyes sehr gut, die gaben ihr einen verführerischen Look. Den unterstrich sie mit einem blutroten Lippenstift. Ein eng anliegendes Wickeltop im gleichen Farbton und ihr schwarzer Lieblingsrock ergänzten das Outfit, dazu natürlich die Schuhe mit Absatz, denn heute war Tango an der Reihe.

Sie summte eine Melodie von Astor Piazzola vor sich hin, machte einen wiegenden Schritt und musterte ihre Bewegungen im Spiegel. Auch jetzt, nach so vielen Jahren Tanzerfahrung, war sie noch erstaunt, wie sehr sie in eine neue Persönlichkeit schlüpfte, wenn sie tanzte. Da war sie nicht die Ladenbesitzerin mit nur mittelmäßigem Umsatz, da war sie nicht Jeansträgerin in Turnschuhen. Nein, wenn sie in ihre Tanzschuhe schlüpfte, dann war sie Carmen, Lolita, brasilianische Sambakönigin oder kubanische Schönheit. Ihre Hüftbewegungen waren weich, ihr Blick feurig und ihre Ausstrahlung unwiderstehlich.

Okay, vielleicht nicht totaaal unwiderstehlich.

Sie musste über sich selbst lachen, als sie ihr zurechtgemachtes Spiegelbild sah. Seit wann war sie denn dem Größenwahn verfallen? Die anderen Tanzlehrerinnen und auch viele der weiblichen Schüler sahen auch nicht gerade aus, als kämen sie direkt aus der Klosterschule. Doch das war egal, es war ja kein Wettbewerb. Sie fühlte sich wohl, nur darum ging es. Wenn sie Tanzkleidung trug, hatte sie ein viel stärkeres Selbstbewusstsein und das genoss sie. Sie traute sich dann sogar, mit allen möglichen Männern zu flirten, was meist von Erfolg gekrönt war. War ja auch eine ganz schön körperliche Sache, wenn man lateinamerikanisch tanzte, denn so ganz ohne Anfassen lief das logischerweise nicht ab. Wer das nicht wollte, war vielleicht beim Tischtennis besser aufgehoben. Die Rhythmen waren heißblütig, das färbte ab, man konnte gar nichts dagegen tun, weil man einfach mitgerissen wurde. Zumindest ging es ihr so. Sie spürte schon jetzt die Musik durch ihren Körper pulsieren, fühlte Alejandros Hand auf ihrem Rücken und auch dieses kleine, ansteigende Kribbeln in ihrem Schoß. Mit ihm zu tanzen war wie Sex. Nur mit Publikum. Und angezogen, was aber sogar den besonderen Kick ausmachte. Simona spürte schon jetzt die bewundernden Blicke der Schüler auf ihrem Körper. Nichts wie los, die Stunde startete in zwanzig Minuten und sie war in vielerlei Hinsicht heiß darauf, in die Tanzschule zu kommen!

3. Die süße Senta

 

 

Rick

 

 

„Das ist Wahnsinn!“, hörte Rick den aufgebrachten Sergej von unten rufen. „Den Spalt schaffst du nicht!“

Ach was, der hatte keine Ahnung.

Rick stand in über zwanzig Meter Höhe am äußersten Rand der Drehleiter, war aber trotzdem noch ein Stück vom Hausdach entfernt, auf dem sich eine verängstigte Katze befand. Über irgendeinen versteckten Zugang war sie aufs Dach gelangt und maunzte dort seit Stunden jämmerlich, sodass die Bewohner des obersten Stockwerks die Feuerwehr gerufen hatten.

Normalerweise war so etwas kein Problem, dafür gab es Drehleitern. Nur hatten irgendwelche Idioten unten die Zufahrt zugeparkt, sodass das Fahrzeug nicht nah genug herankam. Wäre einer seiner Männer hier oben gestanden, hätte Rick den Einsatz sofort abgebrochen und nach Alternativen gesucht. Aber er war selbst hier oben und er kannte seine Fähigkeiten. Der Sprung war sicher nicht ungefährlich, aber machbar. Vor der Höhe hatte er keine Angst, er blendete einfach aus, wie viele Meter über dem Gehweg er sich befand und konzentrierte sich nur auf sein Ziel auf dem Dach.

Einmal tief durchatmen. Höchste Konzentration. Und Absprung!

Er landete auf dem Dach, rutschte mit dem linken Bein, ruderte einen Moment lang mit den Armen. Fing sich aber sofort wieder.

Fuck, das war knapp gewesen. Ricks Herz hämmerte nun doch wie verrückt in seiner Brust. Aber zum Nachdenken war keine Zeit, er war schließlich nicht zum Vergnügen hier. Er sah die rabenschwarze Katze, die sich ängstlich an einen Kamin drückte. Mit großen Augen schaute sie ihn an und tat ihm sofort leid. Er kannte sich mit Haustieren nicht aus, aber sie sah aus, als wäre sie noch nicht ganz ausgewachsen. Ein Fellnasen-Teenie also, der im jugendlichen Größenwahn übermütig geworden war, es irgendwie hier raufgeschafft hatte und nun nicht wusste, wie er wieder zurück zur Milchschüssel kam.

„Keine Angst“, beschwichtigte er das Tier mit sanfter Stimme. „Ich bringe dich runter. Alles wird gut.“

Vorsichtig ging er auf sie zu. Sie fauchte, wich aber nicht vor ihm zurück. Mit einem beherzten Griff packte er sie, drückte sie an seine Brust und hielt sie fest. Sie zappelte und miaute ein wenig, gab dann aber auf und ließ sich anstandslos von ihm herumtragen. War irgendwie ein schönes Gefühl, das warme, weiche Bündel an sich zu drücken.

Er ging zum Rand des Dachs, schlang sein Seil um einen Vorsprung am Dachsims und seilte sich gemeinsam mit der schwarzen Maunzemuschi ein paar Meter ab, wo er durchs Fenster in die Wohnung gelangte.

Als er schließlich wieder unten bei seinen Männern stand, ließ er die Katze zu Boden. Ohne ihn dankbar anzuschnurren oder sich wenigstens ein paar Mal freundlich um seine Stiefel herumzuwinden, stürmte sie von dannen, als wäre Zerberus persönlich hinter ihr her.

„Du musst uns nicht beweisen, wie mutig du bist.“ Sergej kam heran – mit einem finsteren Blick im Gesicht, den er wohl direkt bei Rasputin gelernt hatte.

Rick grinste. „Ach, bei den Jungspunden schadet es nicht, wenn sie mitkriegen, dass ihr Boss kein Warmduscher ist. Dann hören sie eher auf mich.“

„Quatsch“, widersprach Sergej. „Die respektieren dich für dein Wissen und deinen klaren Kopf. Aber doch nicht dafür, dass du hollywoodreif den Superhelden spielst, um eine Katze zu retten. Wir sind doch hier im wahren Leben und nicht in einem Roman!“

„Reg dich nicht auf, ging doch alles gut.“ Rick stapfte aufs Fahrzeug zu, das gerade die Drehleiter einfuhr. Es hatte vielleicht spektakulär ausgesehen, war aber nur ein geringes Risiko gewesen. Er hatte eine sehr gute Körperbeherrschung und konnte seine Fähigkeiten einschätzen. Der Sprung war kein Problem gewesen. Zumindest nicht für jemanden, der nicht unter Höhenangst litt. Und das tat er nicht. Er hatte generell vor nichts Angst. Zumindest fiel ihm auch bei genauerem Nachdenken nichts ein, vor dem er wirklich Bammel hatte. Ja, er wusste nicht mal genau, wie sich das anfühlte, wenn man voller Furcht schlotterte. War auch gut so. Denn als Feuerwehrmann musste man zwar einen kühlen Kopf bewahren, durfte aber im Ernstfall auch nicht minutenlang zögern, weil man Muffensausen vor Entscheidungen hatte oder über Konsequenzen nachgrübelte. Nein, eine große Portion Mut gehörte zu seinem Beruf dazu und er wüsste nicht, wieso er sich dafür entschuldigen sollte.

„Deutscher Sturschädel“, brummte Sergej und murmelte anschließend ein paar russische Wörter, die sich vom Klang her anhörten, als wären sie nicht gerade eine Einladung zu seinen hochgelobten Blinis mit Sauerrahm und Kaviar.

Rick ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen. Er kannte Sergej schon ein paar Jahre und auch wenn sie nur selten an freien Tagen ein paar Dartpfeile warfen, war der Russe ihm ans Herz gewachsen.

„Zumindest bin ich ein Sturschädel mit Eiern in der Hose“, erwiderte er grinsend und stieg ein. Okay, er gab zu, es war ein gutes Gefühl, etwas geleistet zu haben. Nein, etwas gewagt zu haben, bei dem andere sich womöglich in die Hose machten. Neulich beim Tag der offenen Tür, da war dieser britische Hutmacher in den Drehkorb gestiegen, weil er sich das Ganze mal aus der Nähe anschauen wollte. „Wenn ich schon so oft im Gespräch mit meinen Kundinnen gestört werde durch dieses ohrenbetäubende Martinshorn, will ich wenigstens mal genau sehen, wie so ein Feuerwehrwagen gebaut ist“, hatte er erklärt und alles inspiziert. Rick hatte ihm den Unterschied zwischen den einzelnen Fahrzeugtypen erklärt, war mit ihm in den Drehkorb gestiegen und hatte dann einen Hebel betätigt, sodass sie sich Richtung Himmel bewegten. Hui, da war der Mann aber blass geworden unter seinem feinen Hut! „Dear me! Das ist viel zu hoch für mich!“, hatte er gerufen und sich an den Stangen festgeklammert, als hinge sein Leben davon ab. Natürlich hatte Rick ihn sofort wieder nach unten gefahren, er wollte ja Menschen retten und nicht für einen tödlichen Herzinfarkt durch Höhenangst sorgen.

Er musste schmunzeln, als er an die Szene mit dem Hutmacher dachte, verriet Sergej aber nicht, was ihn gerade so amüsierte. Sie fuhren jetzt erst mal zurück zur Wache, es lagen noch einige Stunden Schicht vor ihnen.

Die Nacht brachte die üblichen Einsätze, es waren hauptsächlich Unfälle, zu denen sie ausrücken mussten. Einmal wurden sie wegen Gasgeruch gerufen, das entpuppte sich aber zum Glück als Fehlalarm.

Als Rick sich am nächsten Morgen von den anderen verabschiedete, weil die 24-Stunden-Schicht rum war, gähnte er. Erst mal ab ins Bett und den fehlenden Schlaf nachholen. Zum Glück fiel es ihm nicht schwer, sich tagsüber hinzulegen. Wieder ein Vorteil des Alleine-Lebens.

Es war schon später Nachmittag, als er aus den Federn kroch. Noch schnell einen Kaffee brauen, dann würde er sich ins Training schwingen. So eine Prüfung für den schwarzen Gürtel legte man schließlich nicht ab, indem man faul auf dem Sofa flätzte.

Er war noch in der Küche beschäftigt, da hörte er im Flur sein Handy klingeln. Er schaute auf die Uhr, sie zeigte Viertel nach fünf. Sicher war das Greg, den hatte er nämlich gefragt, ob er mal vor dem Training Zeit hatte und mit ihm ein paar Zusatzeinheiten durchziehen würde. Beim Kumite, dem Freikampf, konnte er noch einige Tricks von ihm lernen.

Ohne aufs Display zu schauen, nahm er das Gespräch an. „Hey, Sensei“, begrüßte er seinen Trainer, „legst du mich heute wieder hart auf die Matte?“

„Oha!“, erwiderte eine erfreute Stimme. Leider nicht der Bariton von Greg. Sondern eher eine in der Tonlage einer rostigen Tür, die sich weigert, zugezogen zu werden. Es gab nur eine Frau auf dieser Welt, die so eine Stimme hatte.

Rick seufzte tief, verfluchte sich dafür, nicht aufs Handy gesehen zu haben und überlegte, ob er mit einer „leider verwählt“-Ansage irgendwie aus der Nummer rauskam. Doch er wusste aus dreißig Jahren Erfahrung, dass das in diesem Fall nicht funktionierte.

„Hallo Schwesterherz“, sagte er mit äußerst mäßiger Begeisterung. Fiona und er hatten wenig Kontakt, was ihm sehr recht war. Sie neigte nämlich dazu, sich einzumischen. In alles. Insbesondere in sein Privatleben. Und sie hatte dabei das Feingefühl einer Dampfwalze.

„Soso, es gibt also eine heiße, weibliche Nummer in deinem Leben“, kombinierte sie messerscharf. „Mir war schon immer klar, dass du eher auf die härtere Gangart stehst. Wann stellst du mir die süße Senta mal vor? Sie will doch sicher deine Familie kennenlernen.“

Der gute Sherlock hätte echt noch was bei ihr lernen können in Sachen Kombinationsgabe.

Er nahm das Telefon ans andere Ohr. „Die süße Senta ist über einsachtzig groß, hat ordentlich Muckis und blonde Brusthaare. Sie hört allerdings eher auf Sensei, was die Bezeichnung für einen Karatetrainer ist.“

Fiona schnappte hörbar nach Luft. „Ein Mann?“, fiepte sie. „Seit wann stehst du denn auf …“

„Herrgott, er wirft mich im Kampf auf die Matte, nicht im Bett!“, stellte er genervt klar. Keine andere Kreatur schaffte es, ihn innerhalb kürzester Zeit auf die Palme zu bringen. Aber es war ein Geschenk des eben angerufenen Gottes, dass sie in New York wohnte und nicht hier in der Gegend. Dafür war er seit Jahren so dankbar, dass er um ein Haar in der Kirche ein Kerzlein angezündet hätte.

„Ach so. Na, dann bin ich ja froh. Aber weil wir gerade beim Thema sind. Was macht denn dein Liebesleben, kleines Brüderchen?“

Er sah sie förmlich vor sich. Wie sie ihre strichförmig nachgezogenen Augenbrauen hob, ihn aus ihren Eisaugen fixierte und dazu die schmalen, dunkelroten Lippen schürzte. Mit der gleichen investigativen Miene schaute sie wahrscheinlich die Künstler an, die sich in ihrer Agentur bewarben. Rick vermutete, dass selbst die Hypnotiseure den Blick senkten, die Jongleure ihre Hände durcheinanderbrachten und die Zauberer sich am liebsten an einen anderen Ort hexen wollten, wenn sie vor ihr saßen. Zum Glück lagen viertausend Meilen zwischen ihm und Fiona, außerdem konnte er das Gespräch zur Not mit einer Ausrede schnell beenden. Zum Beispiel, indem er sich nach draußen schlich, bei sich selbst an der Wohnungstür klingelte und dann vorgab, leider wäre gerade wichtiger Besuch gekommen.

„Die Frauen liegen mir wie immer zu Füßen“, erwiderte er trocken. Wusste aber, dass er damit nicht durchkommen würde.

„Lass die Sprüche“, befahl die Spanische Inquisition. „Ich will wissen, ob du mit einer Frau zusammenlebst. Du gehst auf die vierzig zu, ewig kannst du nicht mehr warten.“

„Moment, ich bin gerade erst sechsunddreißig geworden!“, protestierte er.

Ungerührt fuhr sie fort. „Da ich die Einzige bin, die sich um dich kümmert, sehe ich mich da in der Verantwortung.“

Um Gottes willen! Ricks Schultern verkrampften sich. „Äußerst lieb von dir, aber ich bin ein erwachsener Mann und komme wunderbar zurecht.“

„Ich verstehe. Das heißt, du hast aktuell keine Freundin.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. In seinem Magen brodelte es plötzlich ganz unangenehm.

„Doch, doch“, widersprach er schnell, weil sich ein Anflug von böser Vorahnung in ihm ausbreitete. „Es gibt eine, mit der es richtig ernst ist“, log er.

Er hörte Fiona schnauben. „Ich glaube dir kein Wort“, sagte sie mit bedrohlicher Ernsthaftigkeit. „Wird Zeit, dass ich mal nach dem Rechten schaue.“

Sein Herz schlug so schnell, als wäre er gerade mit voller Ausrüstung und unter Atemschutz zwölf Stockwerke hochgestürmt. „Du willst doch wohl nicht nach Deutschland kommen? Also das braucht es echt nicht, ich bin gerade am Umziehen, ja genau, ich ziehe bei ihr ein, du siehst, wir sind ein richtiges Paar, mach dir keine Sorgen“, stammelte er und hatte Probleme mit der Atmung, obwohl er keine Schutzmaske aufhatte.

„Papperlapapp“, sagte sie. „Ich eröffne eine deutsche Filiale meiner Künstleragentur und bin sowieso schon in Berlin gelandet, von hier fahre ich dann weiter. Wie du weißt, kann ich von überall aus arbeiten, wenn ich nicht gerade Castings habe. Ab übernächster Woche komme ich zu dir, keine Widerrede. Ich buche gerade nebenbei die Suite im Hotel. Das Vier Jahreszeiten ist doch immer noch das beste Haus am Platz, oder? Und dann sorge ich dafür, dass du endlich unter die Haube kommst, Brüderchen. Ich will doch Tante werden! See you!“

Sie legte einfach auf.

Rick nahm das Handy vom Ohr und starrte auf die schwarze Oberfläche. Sein Puls raste, sein Atem kam abgehackt, er hatte Schweißausbrüche. Fiona kam in die Stadt und tanzte ständig um ihn herum, weil sie ihm eine Frau suchen wollte? Um Gottes willen! Alle Muskeln waren angespannt, trotzdem war es ihm unmöglich sich von der Stelle zu bewegen. Sein Mund war staubtrocken.

Und ja, er wusste jetzt plötzlich genau, wie es sich anfühlte, eine richtige Höllenangst zu haben!

4. Die Nachfolge

 

 

Simona

 

 

Als Simona im Tanzstudio ankam, ging sie sofort in den großen Saal. Ihre Schuhe klackerten erwartungsvoll, als sie übers Parkett schritt, offenbar freuten auch sie sich auf den feurigen Kubaner. Alejandro war schon da, wie immer in einem schwarzen Hemd mit tiefem Ausschnitt, das die Aufmerksamkeit seiner Tanzschülerinnen gerne mal ablenkte.

„Hola, mi amor!“, begrüßte er sie und drückte ihr das übliche Küsschen auf jede Wange. „Du siehst umwerfend aus.“

Das hatte nichts zu bedeuten, so begrüßte er jede Frau, die in den Saal kam. Trotzdem gab es da natürlich etwas Besonderes zwischen ihnen. Nicht nur die heißen Nächte, die sie hin und wieder miteinander verbrachten, obwohl Alejandro am nächsten Tag meist schnell den Abflug machte. Es war die Musik, die Passion fürs Tanzen, die lateinamerikanische Leidenschaft, die sie teilten. So etwas verband viel mehr, als schnöder Sex es je konnte.

Alejandro klatschte in die Hände, um die Schüler zusammenzurufen. „Ihr Lieben! Simona unterstützt mich heute Abend wieder bei unserem Tangokurs. Wer danach noch genug Power hat, kann gerne im Anschluss bei ihr zum Zumba gehen. Das ist das Wunderbare in unserem Studio, wir bieten alles an, was das Tänzerherz begehrt.“

Wenn man ihm zuhörte, könnte man fast meinen, er wäre der Eigentümer. Doch das Studio gehörte Joachim Schrobel, einem ziemlich schmierigen Ex-Tänzer mit Gel im spärlichen Grauhaar, der hier ein strenges Regiment führte. Als Lehrer wurde man von ihm nicht unbedingt fürstlich entlohnt, aber die Tanzschule lief recht gut. Nicht zuletzt deshalb, weil Simona die Idee gehabt hatte, nicht nur reinen Tanzunterricht zu geben, sondern auch noch andere Kurse wie Zumba oder Yoga anzubieten. Flyer dafür hatte sie eifrig in ihrem Laden verteilt und auch im Café Woll-Lust ausgelegt, dadurch waren die Kurse inzwischen ganz ordentlich besucht. An ein Dankeschön vom Chef konnte sie sich nicht erinnern, aber immerhin bekam sie die zusätzlichen Stunden bezahlt.

---ENDE DER LESEPROBE---