Harzgeschichten - Gabi Schnee - E-Book

Harzgeschichten E-Book

Gabi Schnee

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Beschreibung

Jenseits starrer Konventionen lade ich euch mit diesem Büchlein auf eine Tour mit Witz und Charme durch ausgewählte Teile unseres schönen Harzes ein. Kalli und Gabi möchten euch mit viel Humor auf die Reise mitnehmen. Dabei lernt ihr die geliebte Heimatregion von Gabi näher kennen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gabi Schnee

Harzgeschichten

Ein unterhaltsamer Wegbegleiter durch den Harz

Prinzengarten Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright 2021 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Foto Umschlag: anyaivonova / iStockfoto

ISBN 978-3-89918-505-8

Einen Tag unter die Lupe genommen

So früh wie heute hat mein Tag noch nie ohne das Klingeln meines Weckers begonnen. Der erste Gedanke sagt mir, ich habe Urlaub! An diesen Zustand muss ich mich erst gewöhnen. Die Schublade meines Nachtschrankes hat meinem Wecker Unterkunft gewährt, denn er kann es nicht akzeptieren, dass mein Bett und ich uns lieben. Den Morgen habe ich gut im Griff. Die Morgentoilette sowie die Stuck- und Bügelarbeiten an meinem Gesicht sind beendet. Ich bin perfekt geschminkt. Der Kaffee steht bereit. Mir fällt ein, dass mein lieber Freund Kalli hier bald auftauchen wird. Ich habe ihn angerufen und erzählt, dass ab heute ein paar Urlaubstage auf mich warten. Während des Gesprächs musste ich knirschend feststellen, dass diese Information ein großer Fehler war. Er hat sich faktisch selbst auf ein paar Tage Urlaub – nicht bei, sondern mit mir – eingeladen. Ganz nebenbei ein Zimmer gebucht und nun vermutlich unterwegs. Dennoch trinke ich genüsslich meine Tasse Kaffee.

Langsam werde ich unruhig und werfe kurz einen Blick aus dem Fenster. Eine große Wolke hängt wie ein Schatten über Blankenburg. Hoffentlich weicht sie bei meinem Anblick. Gekonnt stecke ich mir die Haare hoch, begutachte mein Werk im Spiegel und schicke ein zufriedenes Lächeln hinterher. Den Morgen leicht zerknittert begonnen und nun gehe ich erhobenen Hauptes und frisch saniert aus dem Haus. Die Wolke ist weg. Ein Blick genügt und ich kann erkennen, dass mein alter Freund im Anmarsch ist. Jetzt kann ich es kaum noch erwarten.

»Guten Tag, Gabi. Was hast du denn für ein seltenes Gewächs auf dem Kopf? So etwas habe ich einmal in den Tropen gesehen.«

Ich schaue ihn strafend an. Was für eine Begrüßung! Diesen langen Lulatsch, wie man so sagt, möchte ich euch gerne kurz vorstellen. Große, blaue Augen hängen über der nicht so kleinen Nase. Man kann sich kaum vorstellen, dass der so kleine, schön geformte Mund bei einem hämischen Grinsen das ganze Gesicht einnimmt. Da, wo die Haare waren, leuchten ein paar Silberspitzen und machen ihn noch interessant. Das finde ich unverschämt. Wir warten auf den Bus, denn ich habe vorgeschlagen, dass ich ihm einen kleinen Teil des Harzes, meiner Heimat, vorstellen möchte. Wir freuen uns beide darauf. Der Bus kommt und wir ergattern noch schnell einen Platz. Ich sehe mich um und stelle fest, dass alle Fahrgäste ihre Handys gezückt haben und diese anstieren. Wo ist denn bloß mein Handy? Die müssen denken, ich bin von einem anderen Stern. Vor mir sitzen zwei ältere Herren, der eine sagt:

»Weißt du, ich habe jetzt immer nach dem Sex so ein Pfeifen im Ohr.«

Da fragt der andere: »Echt, wie alt bist du denn?«

»Na, 58, wieso?«

»Ach so, da kannst du keinen Applaus mehr erwarten.«

Mich katapultiert es fast vom Sitz. Ich beuge mich nach vorn und tue so, als würde ich meine Schuhe zumachen, um noch ein paar Worte zu erhaschen. Aber das Gespräch ist in Stille umgeschlagen. Der Herr auf dem Platz außen schaut mich strafend an. Ich werde rot und sehe aus wie ein Truthahn. Es fehlt bloß noch, dass mein Kinn zu wackeln beginnt. Gleich versuche ich mich in meine Ausgangsposition zu bewegen und nehme mir vor, mich um meinen Platznachbarn zu kümmern. Er hat das wohl gespürt und sieht mich grinsend an. Das kann nichts Gutes heißen.

Er fragt mich: »Warum fällt ein Baum immer neben einer Blondine um?«

Sofort trötet er mir die Antwort ins Ohr:

»Der Klügere gibt nach.« Ha,-ha, fein gelacht. Der Bus hält und wir steigen, geschoben von anderen Leuten, endlich aus.

Stolz sage ich: »Du befindest dich in Queddelnborg.«

»Bitte was?«

»Mein Lieber, das ist Altdeutsch und heißt Quedlinburg. Diese Stadt gehört zum Weltkulturerbe.«

Dann lege ich los: »Sie hat diesen Status aufgrund ihrer ungebrochenen Entwicklung und Architektur, die sich über acht Jahrhunderte erstreckt und fast zwiebelförmig über achtzig Hektar mit circa tausenddreihundert Fachwerkhäusern bis in die neueste Gegenwart gewachsen ist. Die Straßen und der Gehwegbelag der Altstadt sind vorwiegend mit behauenem Granitstein versehen. Aber nicht nur Steine natürlichen Ursprungs sind zu finden. Menschen stellten zum Beispiel Schlackstein her, dieser wird oft mit blauem Basalt verwechselt. Das klassische Kopfsteinpflaster sieht man bloß gelegentlich.«

Ein Blick in seine Richtung lässt erkennen, dass ihm die Stadt gut gefällt. Aber vielleicht verzaubert ihn etwas anderes noch viel mehr. Ich tänzle vor ihm her in einem super, eng-anliegenden Kleid, und mein Redefluss ist kaum zu bremsen. Er schaut mich musternd an und ich vermute, dass ich ihm außergewöhnlich gut gefalle. Er sagt: »Wie hast du denn deine Organe in dieses schöne, enge Kleid bekommen?«

Es verschlägt mir glatt die Sprache. Ich gebe mir Mühe, halte vom Bahnhof bis zum Rathaus wertvolle Reden und dann so etwas. Er, mit einem zufriedenen, und ich, mit einem stark angesäuerten Gesicht, erreichen wir das Rathaus. Dieses frühgotische Bauwerk erhielt am Vorabend des Beginns des dreißigjährigen Krieges eine neue Renaissancefassade, und prachtvoll steht die Rolandstatue davor als Symbol königlicher Privilegien für die Kaufleute dieser Stadt. Im Erdgeschoss des Rathauses durften sich die Kaufleute aufhalten, und im ersten Obergeschoss tagte der Rat.

»Schau, rechts und links am Eingang des Rathauses sind Sitznischen zu erkennen. Hier musste der Schuldner, der pleite war, nackt sitzen und sich offenbaren. Es sollte zeigen, dass man einem nackten Mann nicht in die Tasche fassen kann.«

Ich betrachte die Sitznischen und stelle mir vor, wie mein alter Freund dort sitzt. Ich würde ihn mitleidig ansehen und fragen, ob ihm kalt sei. Wenn ja, würde ich ihm ganz frech einen Überzieher anbieten. Versunken in meinen Gedanken erreicht mich eine lachende Frage:

»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?«

Er grinst so merkwürdig, aber ich bin neugierig und antworte: »Bitte, gern.«

Er sagt: »Ich bin unter meinen Klamotten nackt.«

Ich verstehe kein Wort, aber als ich sein Grinsen bemerke, ist mir klar, dass er, wie immer, meine Gedanken lesen kann. Oh Gott, kennt er mich gut! Ein großer Hund baut sich unerwartet vor uns auf. Zack, bin ich hinter meinem Freund verschwunden.

Er fragt: »Na, altes Mädchen, wo steckst du denn? Ich kann dich gar nicht mehr sehen.«

Ich antworte schnell mit einem leichten Zittern in der Stimme:

»Ich stehe schützend hinter dir und halte dir den Rücken frei.«

Er macht einen Satz und ich kann erkennen, dass der Hund verschwunden ist. Schnell versuche ich meinen Redefluss erneut einzusetzen, um der Situation zu entrinnen.

Weiter geht es, vom Rathaus in den Hoken, das ist ein kleiner, geschützter Straßenzug. Hier durften Händler, die sich keinen Marktstand leisten wollten oder konnten, ihre Ware anbieten. Erlaubt war so viel, wie in ihre Kiepe (Hoke) passte. Daher stammt der Ausdruck »verhökern«. An einem kleinen Fachwerkhaus in der Hoke kann man heute noch die Lade herunterklappen und in die Werkstatt schauen. Über diese Lade wurde gleich aus der Werkstatt heraus verkauft. Am Wochenende klappte man sie hoch.

Durch einen Hausdurchgang geht es weiter zum Marktkirchhof. Dort stehen, vier Häuser aus vier verschiedenen Jahrhunderten. Von links nach rechts beginnt es mit dem Fünfzehnten, sechszehnten und siebzehnten und endet mit dem achtzehnten Jahrhundert. Wir sind begeistert und versuchen uns in diese Zeit zu versetzen. Kalli fällt auf, dass alle Fenster nach außen geöffnet werden. Dazu kann ich ihm etwas erzählen. Die Fenster waren damals nicht so dicht wie heute, und bei Sturm hat der Wind so stark gegen die Fenster gedrückt, dass sich diese fest verschlossen haben. Er schaut mich grinsend an. Ich ahne Böses; er sucht jetzt sicher nach einer Frage, bei der ich kläglich versage und er sich dann ins Fäustchen lachen kann. Jetzt kommt‘s, er fragt:

»Ich habe Häuser gesehen, an denen die Wand der unteren Etage an einer Ecke jeweils abgeschrägt war, warum?«

Er schießt ein Grinsen hinterher. Puh, bin ich froh, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe. Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und erkläre ihm: