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Der italienische Patenonkel Livio kommt bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Bereits vor Jahrzehnten nach Deutschland ausgewandert, hat es ihn in den tiefsten Schwarzwald verschlagen. Cinzia, sein Patenkind erbt seinen ganzen Besitz. In dem hinterlassenen kleinen Bauernhaus wohnt jedoch noch seine Lebensgefährtin. Diese ist davon überzeugt, dass Livios Tod absichtlich herbeigeführt wurde. Ehe es sich Cinzia versieht, befindet sie sich mitten in einem familiär belasteten Komplott.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der italienische Patenonkel Livio kommt bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Bereits vor Jahrzehnten nach Deutschland ausgewandert, hat es ihn in den tiefsten Schwarzwald verschlagen. Cinzia, sein Patenkind erbt seinen ganzen Besitz. In dem hinterlassenen kleinen Bauernhaus wohnt jedoch noch seine Lebensgefährtin. Diese ist davon überzeugt, dass Livios Tod absichtlich herbeigeführt wurde. Ehe es sich Cinzia versieht, befindet sie sich mitten in einem familiär belasteten Komplott.
Für Laura und Nora-Elisa
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Dankbar die erste Etappe ihres Tagesprogrammes hinter sich gebracht zu haben, drehte Cinzia Mottaran entspannt den Zündschlüssel ab. Ihren Ferrari-roten Fiat 500 brachte sie damit mitten auf dem leeren Parkplatz vor der halbhohen Mauer und dem sich unmittelbar anschließenden schwarzen, gusseisernen Tor zum Stehen. Der dahinterliegende Friedhof gab ihr die Gewissheit eine ruhige und ungestörte Mittagspause zu verbringen. Diese hatte sie dringend nötig, um ihre Gedanken ordnen zu können. Anschließend würde sie ihn, nämlich den Friedhof, zum zweiten, leider nicht zu umgehenden, Anlaufpunkt für heute machen. Aber das hatte Zeit.
Cinzia ließ den Sitz mit Schwung nach hinten rollen, und es überkam sie regelrecht ein Gefühl der Behaglichkeit beim Ausstrecken ihrer Beine in dem neu geschaffenen Raum. Sie griff neben sich auf den Beifahrersitz, tastete nach einer kleinen Papiertüte, entnahm ihr die darin aufbewahrte Butterbrezel und führte sie ihrer Bestimmung zu.
Mit träumerisch verdrehten Augen genoss sie ihren schon seit Stunden herbei gesehnten Imbiss. Lediglich für ein bis zwei Sekunden überfiel sie den moralischen Einwand der Unschicklichkeit ob ihres guten Appetits, der – zugegebenermaßen – ganz leicht die Grenze zum Heißhunger berührte, denn die bevorstehende Beerdigung war die ihres Patenonkels Livio.
Zur Verteidigung ihrer Essgier, wenn sie tatsächlich von Nöten wäre, ließe sich jedoch anbringen, dass Cinzia seit fünf Uhr früh auf den Beinen war und mit ihrem Cinquecento quer durch Süddeutschland gerast war. Gerast nur aus der Sicht des Fahrers, denn bereits ab 80 Stundenkilometer fing die Karosserie ihres Autos, unterstützt von ohrenbetäubendem Motorenlärm, gefährlich an zu vibrieren, wie eine Rakete beim Start ins unbekannte Weltall.
Angefangen hatte ihre Reise mit einer Totaldurchquerung der Münchner Innenstadt. Startpunkt war ihre kleine Wohnung, in der sie seit noch nicht ganz zwei Jahren wohnte und die sich im östlichen Teil der bayrischen Metropole befand. Die aus ihrer Sicht sonst verkehrstechnisch eher anspruchsvolle und daher wenig geliebte City, bewältigte sie mit Bravour. Sie musste gar einräumen, dass es fast schon ein Vergnügen war, nein, das stimmte nicht, es hatte ihr einen Höllenspaß bereitet, bedingt durch die frühe Tageszeit, wie wild durch eine fast leere Großstadt zu kurven.
Das Antreiben ihres Autochens zu Geschwindigkeitshöchstleistungen hatte allerdings nur den einen Sinn, vor der Beerdigung den vereinbarten Termin beim Notar pünktlich einhalten zu können.
Ein weiterer Grund für den selbst auferlegten Terminstress, alles an einem einzigen Tag erledigen zu müssen, war nicht zuletzt ihr geliebtes Auto. Ihr erstes Auto. Gebraucht erstanden, selbst bezahlt. Ihm wollte sie eine unnötige Mehrbelastung in Form von gefahrenen Kilometern nicht zumuten, würde dies doch dessen, sicher angeborene und jetzt im Alter nicht weniger werdenden, Reparaturanfälligkeit in übersteigertem Maße Vorschub leisten.
Unerwartet schnell wurde nämlich Cinzia bereits zwei Tage nach dem Unfalltot ihres Onkels telefonisch von einer Notariatskanzlei über die eingetretene, rechtliche Situation unterrichtet. Einen juristischen Übereifer blieb ihr zwar nicht verborgen, nahm ihn jedoch kritiklos hin, ohne ihn weiter, nervenaufreibenderweise, als Gegenstand irgendwelcher Überlegungen zu machen, die sich vielleicht, oder unweigerlich, in Richtung Pietätlosigkeit oder gar Honorargier bewegt hätten.
Auf jeden Fall wurde ihr in knappen Worten, die dadurch nicht weniger an Bedeutung einbüßten, mitgeteilt, dass ihr verstorbener Onkel sie zur Alleinerbin bestimmt hatte.
Bedenkenlos nahm Cinzia vorab mündlich, und das nicht nur, weil es ihr der einfachhalber empfohlen wurde, das Erbe an, sondern weil sie an großzügige Geschenke und Zuwendungen von Seiten ihres Patenonkels gewöhnt war. Wenn diese auch nun traurigerweise postum erfolgen sollten.
Außerdem waren Repressalien von eventuell übergangenen, näheren Verwandten nicht zu befürchten, denn ihr Onkel Livio war unverheiratet und mit seinen Schwestern, drei an der Zahl, verstand er sich nie gut. Meinten diese doch, der kleine Bruder eignete sich hervorragend zum Herumkommandieren. Diese geschwisterlichen, leidigen Aufmerksamkeiten änderten sich erst zum Positiven, als Livio auswanderte und die Alpen zwischen ihnen gebracht hatte. Samt seinen Neffen und Nichten schwesterlicherseits hatten sich damit die innerfamiliären Zwistigkeiten luftlinienmäßig angenehm weit von ihm entfernt. Die dabei automatisch eingetretene, gefühlsmäßige Entfremdung war das Sahnehäubchen, das er, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, überaus auskostete.
Lediglich zu seinem älteren Bruder, Cinzias Vater, hatte er innigen Kontakt und besuchte regelmäßig sein Patenkind in Italien. Nicht zur Beerdigung seines Bruders kommen zu können, war für Vittorio nicht leicht zu ertragen, aber, wie so oft, war er in dem Hotel, in dem er die Rezeption führte – und das, obwohl er eigentlich schon längst in Pension hätte gehen können - unabkömmlich, derart kurzfristig allemal. Hauptsaison! Und die ist im Grödental Winter wie Sommer und dazwischen sowieso. Dagegen ist man machtlos, war seine Begründung, erinnerte sich Cinzia.
Möglicherweise angeregt durch die rhythmischen Bewegungen ihrer Kaumuskulatur, begann sich in diesem Moment ein leicht beschwingter Gedanke bei Cinzia einzuschleichen.
Alleinerbin; was für eine unbeschreiblich schmeichelnde, Dritte zu einer respektvollen, wenn auch für sie selbst unverdienten, Anerkennungsbezeugung animierende Bezeichnung. Sich um einiges besser anhörend wie Miss München oder wie Miss Italien, respektive Miss Alto Adige, dachte Cinzia und lächelte mit vollem Mund vor sich hin, um jedoch sofort das hochkommen wollende aber, trocken hinunter zu schlucken. Denn dieses aber beinhaltete, wie sie heute Morgen beim Notar feststellen musste, ein Erbe angereichert mit mehr Wermutstropfen, als ein Baba an Rum aufzusaugen in der Lage wäre.
Das Vermächtnis ihres Onkels bestand nämlich aus einem alten VW-Bus – der flotte Mercedes 280 SL aus den 60er Jahren durfte nach dem schweren Verkehrsunfall der Schrotthändler sein Eigen nennen – und einem noch älteren, kleinen Bauernhaus.
„Mit Scheune!“, wie der anfangs ziemlich zuvorkommende, wahrscheinlich auf dem Lande groß gewordene, der Wichtigkeit eines geräumigen Bretterverschlages neben dem Wohnhaus mehr als bewusste, untersetzte Notar betonte. Dabei fixierte er erwartungsvoll Cinzia über seine schmale, randlose Brille, als erhoffte er sich über diesen baulichen Glückstreffer einen Ausruf von Freude, oder zumindest einen anerkennenden, kurzen Pfiff durch die Zähne. Da allerdings beides ausblieb, fuhr er mit enttäuschter Stimme fort, „Selbstverständlich inklusive des Mobiliars und aller Geräte, außer, selbstredend, das persönliche Eigentum von Eulalia Piluso, 51 Jahre, Lebensgefährtin des Verstorbenen und momentan noch wohnhaft in selbigem, oben angeführten Bauernhaus“, schloss der Notar mit einem genüsslichen Schmatzen seiner fleischigen Lippen die vorgelesene Verfügung, als stelle der bewohnte Zustand der Immobilie die Olive in seinem Aperitif der Vergeltung dar.
Mit einem Schluck Orangensaft spülte Cinzia die Erinnerung an die morgendliche Enthüllungszeremonie hinunter und gab sich dem Problem hin, welche Hinauskomplimentier-Taktik sie bei der Freundin ihres Onkels anwenden könnte, ohne dass es zu gefühllos aussah. Denn schlussendlich konnte sie für das ererbte Haus nur einen Käufer finden, wenn das Objekt verfügbar war, sprich leer, um nicht zu sagen menschenleer, rechtfertigte sie sich selbst für ihr hartes Vorgehen, wenn dieses auch bis jetzt nur in ihrem Geiste stattfand.
Der Motorenlärm eines herannahenden Autos machte sich jedoch plötzlich allzu real in Cinzias Gedankenwelt breit und veranlasste sie, ihre erholsame, Körper und Geist gleichsam regenerierende Mittagspause abzubrechen und eine aufrechte, angespannte Sitzhaltung einzunehmen.
Neugierig beobachtete Cinzia mit verhohlenen Blicken in Rück- und Außenspiegel und mit klopfendem Herzen, als wäre dies ihr erster Tag beim illegalen Überwachungsdienst, wie sich der kleine Parkplatz vor dem Friedhof allmählich zu füllen begann.
Die Ankunft der Trauergäste verursachte kurzzeitig ein mittleres Verkehrschaos, das die unbeweglich im Auto verharrende Cinzia unwillkürlich amüsierte, berührte es doch ihre südländische Seele. In italienischer Manier – nicht weiter verwunderlich, da es sich tatsächlich um Italiener handelte, vorwiegend jedenfalls – wurde wild und unordentlich geparkt, als wären die vorgezeichneten Parkbegrenzungslinien pedantische Auswüchse der Phantasie eines unterforderten Tiefbaubeamten und damit nicht ernst zu nehmen.
Die mehr oder weniger schwarz gekleideten Personen versammelten sich in Grüppchen vor dem Platz der Friedhofskappelle. Doch Cinzia machte immer noch keine Anstalten ihr Auto zu verlassen, um sich dazu zu stellen. Natürlich war ihr klar, dass von ihr unausgesprochen verlangt wurde, als einzige anwesende Verwandte des Verstorbenen, die sie ganz sicher war, den Trauerzug bis zur letzten Ruhestätte hinter dem Sarg anzuführen. Trotzdem hielt sie ein unangenehmes Gefühl zurück, das sie zu lähmen schien. Ein Gefühl des Fehl-am-Platze-zu-sein, des Nicht-dazu-zu-gehören. Denn unschwer hatte Cinzia feststellen können, dass sie von den anwesenden Bekannten und Freunden ihres Patenonkels niemanden kannte. Selbst seine Lebensgefährtin würde sie nicht erkennen. Sie wurde ihr noch nie vorgestellt, noch hatte Cinzia je ein Foto von ihr gesehen. Ein Umstand, den sie nie hinterfragte, doch eigenartigerweise ihr gerade in diesem Moment seltsam vorkam.
Nun begann auch noch die Glocke der Friedhofskapelle in einem hellem, eindringlichen Ton lästig zu bimmeln, als wollte sie die Unentschlossenheit Cinzias überdeutlich tadeln und sie gleichzeitig an ihre Pflicht erinnern, nämlich endlich ihr Auto zu verlassen, um ihrem Onkel Livio die letzte Ehre zu erweisen und den Trauernden die Möglichkeit zu geben, einem Angehörigen ihr Beileid zu bekunden.
Und genau diese Pflicht war es, die schwer auf ihren Schultern lag und sie betont langsam aus ihrem Wagen steigen ließ. Bedächtig schloss Cinzia fast geräuschlos die Türe ihres Fiats ab, als beinhaltete dieses banale Vorgehen schon einen Teil ihrer Trauer.
Kurz strich Cinzia über ihr schwarzes Jackett, das sie über einem enganliegenden, hoch geschlossenen Pullover aus Pannesamt trug, dazu schwarze Jeans und Schnürstiefelchen mit hohem Absatz. Mit ihrer schlanken Figur wirkte sie fast etwas schlaksig, was jedoch eher an ihrer legeren, jugendlichen Gangart lag, als an ihrer Größe, denn mit ihren 1,60 Meter erreichte sie nur äußerst knapp – um nicht zu sagen kaum – das Gardemaß, obwohl sie dafür von Seiten ihrer hochgewachsenen, norditalienischen Vorfahren, einschließlich der ihrer germanischen Mutter, gute Voraussetzungen gehabt hätte. „Gönne der Vererbungslehre ihre kleinen Geheimnisse“, waren stets die besänftigenden Worte ihrer Mutter, wenn Cinzia mal wieder unzufrieden mit einem ärgerlichen Warum? ihre fehlende Größe bejammerte.
Im Gegensatz dazu hatte sie an ihren dunkelbraunen, glatten, über schulterlangen Haaren so gut wie nichts auszusetzen, besonders als sie beim letzten Friseurbesuch einen frechen ausgefransten Schnitt erhielten, mit kirschroten Farbreflexen zu den Spitzen hin. Ihre feinen Gesichtszüge bremste die etwas zu schwungvolle Nase in attraktiver Weise ab. Und ihre tiefblauen Augen, Vermächtnis ihrer Großmutter Elisa väterlicherseits, wirkten versöhnlich auf die dunklen, nur wenig in Form gezupften Augenbrauen.
Im Gehen nahm nun Cinzia ihre Sonnenbrille mit den gänzlich schwarzen Gläsern aus der Jackentasche, klappte sie umständlich auf und schob sie etwas verschämt, als müsste sie sich dafür entschuldigen, dass sie die Wartenden vor ihren eigenen neugierigen Blicken zu schützen versuchte, auf die Nase, bevor sie den kleinen Platz vor der Kapelle betrat. Diese rücksichtsvolle Geste war jedoch viel zu gnädig in Anbetracht der abschätzenden Blicke, mit denen Cinzia geradezu bombardiert wurde. Die Blitzlichter der Reporter, die eine des Mordes freigesprochene Hauptangeklagte in einem Indizienprozess brandmarkten, konnten nicht qualvoller sein.
Erlösenderweise wurde in diesem Moment der Sarg von den Friedhofsangestellten aus der Kapelle geschoben, und die Aufmerksamkeit aller wurde wieder auf die wahre Hauptperson gelenkt.
Gleich nach dem Pfarrer nahm Cinzia wie selbstverständlich und offensichtlich unangefochten den Platz hinter dem Sarg ein. Ihnen folgte die Schar der diskret gesenkten Häupter.
Die unpassend aus den Wolken heraus strahlende Sonne begleitete den Trauerzug bis zum ausgehobenen Grab. Wie auf Kommando verteilten sich die Anwesenden dort und nahmen zielbewusst ihre jeweiligen Stehplätze ein, Statisten gleich, die diese Szene nach Regieanweisung schon tausend Mal geprobt hatten und genau wussten, wo und in welcher Haltung sie zu stehen hatten.
Der Sarg wurde in die Erde hinabgelassen und der Pfarrer setzte zu einer routinierten, allgemein gültigen Grabrede an. Jeder hätte da unten liegen können, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welchen Charakters, welcher Nationalität. Das musste sie wohl sein, die sprichwörtliche Gleichheit aller Menschen vor Gott.
Die erschreckend unbeteiligte Stimme des Kirchenvertreters schien sich gnädigerweise immer weiter von Cinzia zu entfernen, denn sie begann in ihren eigenen erinnerungswerten Gedanken zu versinken.
Onkel Livio war ihr absoluter Lieblingsverwandte, wie sie ihn schon als Kind scherzhaft nannte. Jedes Jahr verbrachte er einige Wochen im Winter bei seinem Bruder im nördlichen Italien. Dort, wo die Berge fast unüberwindlich hoch waren, jedenfalls für jemanden, der den Anblick der Berge lediglich von unten liebte. Die österreichische Grenze nicht weit, war zwar der gesprochene deutsche Dialekt allgegenwärtig und für einen Italiener fast unverständlich, aber der Güte des italienischen Espressos konnte dieser Umstand nichts anhaben. Außerdem war für Livio der Aufenthalt hier wie Heimaturlaub, denn als einziger seiner Familie, die eigentlich aus Venetien stammte, war er in dieser malerischen Kurstadt, umrahmt von mächtigen Gebirgsketten, geboren und aufgewachsen.
Und jedes Jahr stellte der Besuch ihres Onkels für Cinzia ein aufregendes Ereignis dar. So lange Cinzia denken konnte, erschien Onkel Livio pünktlich Mitte Januar und überhäufte sie bei seiner Ankunft mit Geschenken. Das fand sie nicht im Entferntesten übertrieben – ganz im Gegensatz zu ihren Eltern -, denn schließlich fielen hier Weihnachtsgeschenke, Gastgeschenk und die Geschenke zu ihrem Geburtstag am 18. Januar optimal zusammen. Außerdem war er ihr Patenonkel, da durfte es gern ein wenig mehr Aufmerksamkeiten sein. Aber das war es nicht allein, warum Cinzia ihren Onkel jedes Jahr herbeisehnte. Er brachte überschäumendes Leben mit in die kleine Familie. Cinzia, ein Einzelkind, genoss seine Späße und über seine lustigen Geschichten, ob wahr oder nicht, war sie sich nie wirklich sicher, konnte sie herzlich lachen.
In späteren Jahren dann, als Oberschülerin konnte sie ihm ihr Herz ausschütten, während sie lange Spaziergänge unternahmen, und sie von ihm nicht zu unterschätzende Ratschläge in ‚Jungenangelegenheiten‘ bekam. Bei uns, dachte Cinzia oft, garantierte das vermischte, verwandtschaftliche Blut unwillkürlich, als gäbe es gar keine andere Alternative, eine harmonische Verträglichkeit, die sich in gegenseitigem Vertrauen, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft ohne Hinterfragen ausdrückte. Dass sie sich derart gut verstanden, lag vermutlich auch an ihren beiden, wie sie sagte, der Heimat entwurzelten Seelen. Wenn auch der Grund hierfür unterschiedlicher Natur war. Denn Livio, der Italiener, wanderte vor Jahren aus und ließ sich in Deutschland nieder. Cinzias Mutter dagegen, die aus Süddeutschland stammte, übersiedelte nach Italien. Was für Livio die Arbeitssuche als Triebfeder für die Auswanderung darstellte, war für Cinzias Mutter die Liebe.
Als jüngstes Kind der Bauernfamilie Mühlbacher wuchs Magdalena, Cinzias Mutter, in ländlicher, für eine damals 20jährige, ereignislose Umgebung nicht weit von Regensburg auf. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern, die sich nichts anderes vorstellen konnten, als auf dem Land zu leben und zu arbeiten, zog es das Nesthäkchen in die neue Perspektiven versprechende Großstadt. In München fand sie schnell Arbeit als Kellnerin, wechselte jedoch oft die Stelle, bis sie im gleichen Tagescafé beschäftigt war wie Vittorio. „Es war ihr rollendes ‚R‘ in das ich mich zuerst verliebte“, pflegte er schmunzelnd zu beginnen, wenn Cinzia als Kind immer wieder die Kennenlerngeschichte ihrer Eltern von ihrem Vater erzählt bekommen wollte. Es dauerte nicht lange und Magdalena und Vittoria gaben sich das Ja-Wort. Und das an einem ihrer freien Tage, im Standesamt München, mit zwei Arbeitskollegen als Trauzeugen, ganz unspektakulär. Und erst nach 15 Jahren Ehe kam Cinzia auf die Welt, das war schon eher spektakulär. Nicht sehr lange nach ihrer Geburt ließ die junge Familie Deutschland hinter sich und zog nach Italien in die beschauliche, kleine Kurstadt in den Bergen. Ideal, um Kinder groß zu ziehen. Zurück an den Ort also, wo Vittorio seine Jugend verbracht hatte und seinen Schulabschluss machte.
Livio, der jüngste von den fünf Geschwistern, eiferte damals seinem über 10 Jahre älteren Bruder nach und folgte ihm, zwar einige Jahre später, aber auch Richtung Süddeutschland. Allerdings verschlug es ihn mehr in den westlichen Teil des Landes. Seine erste Station war der Bodensee, wo er in verschiedenen Eisdielen als Gelatiere arbeitete und zum Schluss landete er im Schwarzwald. Dort hatte er offensichtlich sein Glück gefunden, denn er war nie wieder nach Italien zurückgekehrt.
Seit Cinzia allerdings in München wohnte und arbeitete hattes es Livio erst einmal geschafft sie zu besuchen, obwohl dafür nicht mal die Überquerung der Alpen erforderlich war. Gewohnheiten lassen sich halt nicht so leicht abstreifen, er fuhr eben gerne über die Alpen und das nunmal immer im Januar.
Eigentlich kam er nur nach Italien zurück, um uns zu besuchen, blickte Cinzia in Gedanken zurück. Ausschlaggebend dafür war vielleicht auch das jahrzehntelange Leben der deutschen Kultur, dass er sich in der italienischen Mentalität nicht mehr wohl fühlte, sich nicht mehr zuhause fühlte. Selbst in der Zeit, als Onkel Livio bei uns wohnte, bedienten wir uns der deutschen Sprache, ohne die noch so kleinste Spur des regionalen Dialekts, aber mit charmanter bayrischer Einfärbung seitens meiner Mutter. Onkel Livio wollte wohl damit auch seiner Schwägerin das Gefühl geben, bei ihrem Beisammensein nicht ausgeschlossen zu sein. Es war ihm ja bekannt, dass die Italienischkenntnisse meiner Mutter lediglich auf ein paar besuchten Kursen bei der Volkshochschule in Deutschland basierten, nachdem sie seinen Bruder kennengelernt hatte.
Ein lautloses Seufzen entfuhr Cinzia und sie resümierte im Geiste: Ach, Onkel Livio, was für ein lieber, rücksichtsvoller Mensch …
Ein plötzliches prasselndes Geräusch ließ Cinzia zusammenzucken, als hätte ein überlaut rasselnder Wecker sie aus einem wunderschönen Traum gerissen. Sie hob den Kopf und konnte gerade noch erkennen, wie der Pfarrer ein edel glänzendes Schäufelchen in ein vorbereitetes Häufchen Erde zurücksteckte. Dieser Moment eignete sich denkbar schlecht, sich gegen die zwanghaften Regeln der Kirche zur Wehr zu setzen, dachte die in religiösen Dingen sich gerne widerspenstig zeigende Cinzia und befolgte die unausgesprochene, aber damit nicht weniger Keine-Widerrede-zulassende-Aufforderung, das Ihrige beizutragen.
Mit geziemender Langsamkeit warf Cinzia ein wenig Erde auf den niedergelassenen Sarg im offenen Grab. Und ob sie es wollte oder nicht, ließ sie die Symbolkraft dieser Handlung ehrfurchtsvoll erschauern.
Brav trat sie dann ihrerseits etwas beiseite, um die Trauergäste zum Zuge kommen zu lassen, die sie ungeniert - was mit der dunklen Brille ein leichtes Unterfangen war, aber ihr nicht gerade schmeichelte – beobachten konnte. Diese verdeckte Betrachtungsweise konnte sie sogar noch im Detail fortsetzen, als die Objekte ihrer Neugierde sich ihr direkt zuwandten und ihr von Angesicht zu Angesicht Beileidsworte aussprachen, oder ihr einfach wortlos die Hand drückten.
Zwischendurch geriet der Trauerzug öfters etwas ins Stocken. Der typische Rückstau, wenn einer der Trauergäste zu lange am Grab verharrte – und wer weiß, welchen Gedankengang dabei produzierte -, oder mit dem Schäufelchen nicht zurechtkam. Die richtige, würdevolle Menge an Erde mit dem irdischen Spielzeug abzuschätzen, war nicht einfach. Ein paar Krümel Erde ließ auf wenig Emotionen schließen, eine gehäufte Schaufelladung, die auf den Sarg knallte, gar an Respektlosigkeit. Ein Mittelmaß an ehrlicher Ehrerbietung gelang den wenigsten.
Cinzia vertrieb sich die Zeit, während das Ende der Hinterbliebenenschlange einfach nicht in Sicht kommen wollte, indem sie die Augen über den neben dem offenen Grab liegenden, riesigen Berg kunstvoll arrangierter Blumenkränze und –gebinde schweifen ließ. Eine Spende für einen guten Zweck ließ da nicht mehr viel Raum.
In Konzentration erstarrt stand Cinzia da, mit leichten hin und her drehenden Kopfbewegungen, von denen sie hoffte, sie fielen niemandem auf, aber es war die einzige Art und Weise auf den Trauerbändern lesen zu können.
Interessiert studierte Cinzia die letzten Grüße aus dem Diesseits: I Tuoi Amici Luigi e Maurizio, Famiglia Santoro, Pasquale e Tommasina con Figli, Famiglia Fedrizi . . .
Plötzlich wurde ihr Blick von einem Blumengebinde aus weißen, kleinen Rosen in Herzform gestoppt. Das Rosenherz bestach und überzeugte durch seine Schlichtheit mehr, als die ausladenden und pompösen Floristenarbeiten. Hinzu kamen die Worte auf den Enden des schmalen Spruchbandes, das zu einer Schleife gebunden war. Meiner einzigen Liebe, las Cinzia und war dabei tief berührt, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.
Ob es die romantische Herzform war, oder das schnörkellose Bekenntnis in nicht erwarteter deutscher Sprache, das sie derart in den Bann nahm, vermochte Cinzia nicht zu sagen. Es war für sie allerdings sofort ersichtlich, dass das romantische Herz in die es umgebenden, wuchtigen Kränze nicht hineinpassen wollte, ja geradezu störte. Stören im Sinne von anders sein, aussagekräftiger zu sein. Oder störten die anderen Blumenkränze und das Herz aus Rosen war die einzig reelle, weil ehrlich gemeinte Bezeugung von Trauer im imposanten Blumenmeer?
Gern wäre Cinzia in der Lage gewesen dieses aus dem Rahmen fallende Herz einer trauernden Person zuzuordnen. Aber von den Anwesenden schien davon niemand in Frage zu kommen. Bleibt eben doch die Gegenüberstellung im Hause meines Onkels, seufzte Cinzia lautlos, in unangenehmer, nervöser Voraussicht. Denn sie vermutete stark, das, ihre Blicke auf sich ziehende Rosenherz stammte von der offensichtlich daheim gebliebenen Lebensgefährtin von Livio Mottaran.
Langsam wurde es ruhiger um Cinzia herum. Die nicht übergroße Schar der Trauergäste hatte höflich und distanziert ihre Aufwartung am offenen Grab gemacht und ihre knirschenden Schritte auf dem Kiesweg verebbten nun ganz. Sich endlich allein wägend, seufzte Cinzia nochmals. Diesmal allerdings laut und vor Selbstmitleid fast zerfließend über die vorher nicht absehbare Bürde einer Alleinerbin. In ihrem bisherigen 27jährigen Leben noch mit keinem größeren Problem – wenn man von der Wohnungssuche in München einmal absah – konfrontiert, fürchtete sie sich regelrecht vor dieser nicht zu unterschätzenden Art von Verantwortung gegenüber einem ihr fremden Menschen, die sie zudem auch noch alleine tragen musste.
In diesem Moment gewahr Cinzia aus den Augenwinkeln jemanden gemächlich auf sie zukommen. „Ein unpünktlicher Italiener! Ich hab‘ schon gedacht, heute passiert nichts mehr, mit dem ich rechnen konnte“, meckerte Cinzia vor sich hin. Dabei legte sie unbewusst ihren ganzen Missmut in ihre halblaut gesprochenen Worte hinein, der sich weniger auf die sich nähernde Person bezog, als auf ihre innere Verfassung.
Einen älteren Herrn sizilianischer Größe konnte Cinzia nunmehr erkennen, der direkt auf sie zuhielt. Er trug einen beigen Trenchcoat und einen dazu passenden kleinkarierten Hut mit schmaler Krempe. Hätte auf den ersten Blick auch ein unpünktlicher Engländer gewesen sein können, dachte Cinzia schmunzelnd, oder, was wahrscheinlicher wäre, ein höflicher Brite, der sich geduldig ganz hinten an die Warteschlange gestellt hatte.
Genauso zielstrebig wie er auf Cinzia zu gegangen war, blieb der, auf jeden Fall fremdländisch anmutender Mann unvermittelt vor ihr stehen. Eine auffallend große Hornbrille schien fast die Hälfte seines Gesichts einzunehmen und seine durch die konvexen Linsen vergrößerten Augen schauten Cinzia ohne Gefühlsregung streng an. Bei diesem durchdringenden Blick bekam Cinzia das Gefühl, er wolle sie dazu veranlassen ihre dunkle Sonnenbrille abzunehmen, aber diese äußere Demonstration von Selbstsicherheit und Überlegenheit war sie nicht gewillt, sich nehmen zu lassen.
Nach unendlich scheinenden Sekunden der gegenseitigen Musterung sagte der kleine Herr mit tiefer, rauer Stimme dann: „Sie haben nichts zu befürchten. Livio hat für alles bezahlt.“ Dabei überdehnte er jedes Wort gewichtig, als verkünde er urbi et orbi einen päpstlichen Erlass.
Cinzia entfuhr ein wenig aussagekräftiges, dafür aber umso verblüffenderes „Ahh-ha, danke vielmals.“, das sie genauso in die Länge zog, unbeabsichtigterweise selbstverständlich, denn wie von selbst schien die eigenartige Sprechweise des mysteriösen Trauergastes auf die Ihrige abgefärbt zu haben, was fast einer Unterwerfung gleichkam.
Das drahtige, hagere Männchen entfernte sich unvermittelt wieder, bevor Cinzias Perplexität verschwand, und damit war es zu spät, um nach seinem Namen zu fragen. Ihm laut nachzurufen oder nachzulaufen, war hierfür nicht der passende Ort. „Wunderbar, von Schulden weiß ich zwar nichts, aber gut, ein Gläubiger weniger“, murmelte Cinzia vor sich hin und musste sofort über sich selbst grinsen, als ihr die Zweideutigkeit des Wortes Gläubiger auffiel. Wobei beide Bedeutungen auch noch zuzutreffen schienen.
Unbeweglich verweilte Cinzia noch für geraume Zeit an ihrem Platz, bis die Gedanken über diese eigenartige Begegnung sie endlich losließen. Inzwischen verschwand die Sonne hinter aufkommenden Wolken. Cinzia nahm ihre dunkle Brille ab, freilich eher aus dem Grund fehlender, beobachtungswürdiger Personen. In würdevoller Haltung schritt sie nun gemächlich, ohne sich ihrerseits beobachtet zu fühlen, auf dem Kiesweg in Richtung Ausgang. Die Friedhofsangestellten, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten, schienen auf diesen Moment gewartet zu haben, denn sogleich waren sie mit Schaufeln bewaffnet zur Stelle, um ihre angefangene Arbeit zu vollenden.
Am Friedhofgatter angelangt, zog sie dieses langsam hinter sich zu und ließ es sanft ins Schloss fallen. Das Öffnen der Autotür und das anschließende Zuknallen dieser, konfrontierte Cinzia nun unwiderruflich mit ihrer persönlichen und unmittelbaren Zukunft. Was nichts anderes bedeutete, als den nächsten Punkt ihres ausgeklügelten Tagesprogrammes in Angriff zu nehmen.
Wie Cinzia erleichtert bemerkt hatte, war der Parkplatz bereits geräumt und auch sonst war keine Menschenseele zu sehen. Eine weitere unliebsame Gegenüberstellung – mit welchen Freunden, oder auch nicht, aus Onkel Livios Leben – blieb ihr damit erspart. Die straffe Zeiteinteilung ihres Tagesablaufes lief damit nicht mehr Gefahr durch einander zu kommen.
Bevor sie nämlich ihr Erbe inspizieren wollte, hatte Cinzia die Absicht, sich bei einem kleinen Stadtbummel abzulenken und neue Energie zu tanken. Gleichzeitig gedachte sie, nach einer Unterkunft zu suchen. Ihr schwebte eine nicht zu teure Frühstückspension vor und in der sie für die nächsten zwei, oder drei Trage unterkommen konnte. Sie hoffte, eigentlich ging sie davon aus, dass diese Zeit ausreichen sollte die Hinterlassenschaft ihres Onkels ohne große Schwierigkeiten regeln zu können. Und falls Frau Piluso kein Interesse hatte, das Haus zu kaufen, war schnell ein Immobilienbüro eingeschaltet und beauftragt in ihrem Sinne zu handeln. Auf jeden Fall wollte sie nicht mehr Urlaubstage, als unbedingt nötig hier in dieser hinterwäldlerischen Gegend verschwenden.
Zum ersten Mal drängte sich ihr in diesem Moment der Gedanke auf, ob Onkel Livio wohl bewusst gewesen war, was er ihr mit der Erbschaft angetan hatte. Insbesondere die unerwartete Verpflichtung gegenüber seiner Lebensgefährtin, für die sie vielleicht Schicksal spielen würde? Nein, selbstverständlich nicht, beruhigte sich Cinzia selber, genauso wenig, wie er seinen Unfalltod voraussehen konnte. Nichtsdestotrotz musste sich Cinzia eingestehen, dass die anfängliche, wenn auch ob der Trauer zurückhaltende Freude über das Vermächtnis von Livio sich mehr und mehr in ein lästiges Aufstöhnen verwandelte. Von dem anfänglichen Gefühl des Stolzes, dass er vor allen anderen in Frage kommenden Personen – selbst vor seiner Freundin, mit der er Haus und Bett teilte – ihr den Vorzug gab, war nicht mehr viel zu spüren. Dazu trug nicht zuletzt das unerwartete Auftreten des Unbekannten auf dem Friedhof bei. Seine eigentlich harmlosen und ungefährlich klingenden Worte, die allerdings im Gegensatz zu seiner Stimme standen, hatten ihr zwar nicht direkt Angst eingeflößt, aber ein unbehagliches bis mulmiges Gefühl beschworen sie allemal in ihr herauf.
Das mittägliche, freundliche Strahlen der Märzsonne verkörperte anscheinend nicht den Frühlingsboten, sondern gehörte eher zu deren, sich wieder im Rückzug befindlichen Spähtrupp, denn ein kühler Nieselregen setzte nun in der beginnenden Dämmerung ein.
Nicht nur die ungünstigen Wetterverhältnisse, sondern auch die schlechte Verfassung und mangelnde Strapazierfähigkeit der italienischen Scheibenwischblätter, konstruiert für südländisches, wenig regenreiches Wetter, trugen dazu bei, dass Cinzia fast die Einfahrt zu ihrem, seit heute Vormittag notariell beglaubigten Eigentums, verpasste. An der übergenauen Wegbeschreibung von Seiten des Herrn Notars konnte es jedenfalls nicht gelegen haben. Der hatte es nämlich nicht unterlassen können, die Beschreibung des Straßenverlaufs in eine ausführliche Landschaftsschilderung einzubetten, aus dem allzu deutlich das unerschütterliche, mehr als ausgeprägte Selbstwertgefühl eines überheblichen Eingeborenen sprach.
Cinzia parkte ihr praktisches und handliches Auto in dem schmalen Hof direkt vor dem Teil des kleinen Bauernhauses, das ehemals die Scheune war. Angekommen in der fortschrittlichen mobilen Welt diente der Holzanbau sicherlich als geräumige Garage.
Auf einem Grundstück am Rande der Stadt befand sie sich jetzt zwar, aber Cinzia vermutete, dass mit der ständigen Erschließung und Vergabe von neuem Bauland, das schäbig wirkende Häuschen bald inmitten einer Neubausiedlung stehen würde. Dies jedoch nur, wenn dieses Unikum sich als erhaltungswürdig erweisen wird und der neue Besitzer es mit viel Liebe restaurierte. Nicht schaden konnte auch eine äußerliche Rundumerneuerung in Form einer Blumenwiese, kleinen Obstbäumchen inklusive eines Kräutergartens. Dann könnte sich das etwas herunter gekommene Bauernhaus sich zu einem pittoresken Kleinod in einem Viertel steril wirkender, einfallsloser Fertighäuser entpuppen.
Immer noch in Gedanken über die mögliche erfreuliche Zukunft des unscheinbaren Gebäudes, nahm Cinzia den braunen Umschlag vom Notar an sich und kramte darin die Hausschlüssel hervor. Den Umschlag mit den Erbschaftsdokumenten verstaute sie anschließend in ihrer großen Umhängetasche.
Einen kleinen Moment noch ließ Cinzia den Anblick des Bauernhauses auf sich wirken. Es war wohl einst der Inbegriff von Stolz eines Kartoffelbauers, der mit etwas Kleinvieh und ein paar Schweinen vor Jahrzehnten seine anspruchslose Familie gut damit versorgen konnte.
Dann gab sie sich einen Ruck und entschlossen in ihrem Vorhaben, bewegte sich Cinzia zügig aus ihrem Auto.
Nun stand sie aber vor der niedrigen Eingangstür und Zweifel an der Rechtschaffenheit ihres beabsichtigten Handelns überkam sie plötzlich: sollte sie tatsächlich einfach aufschließen und eintreten? Die zwei erleuchteten Fenster rechts neben der Haustüre wiesen unzweifelhaft darauf hin, dass Frau Piluso zu Hause war. Was ja nicht weiter außergewöhnlich war, schließlich war es ihr Heim, bis jetzt. Nein, ermahnte sich Cinzia lautlos, das konnte sie nicht, das war doch etwas zu forsch, zu unfreundlich, unverschämt etwa auch? Nach weiterem Zögern, das sich im nervösen Wechsel des Schlüssels von einer Hand in die andere äußerte, entschied sie sich endlich für eine Zwischenlösung: Erst klingeln und dann gleich aufschließen. In dieser Weise würde sie Frau Pilusos Privatsphäre respektieren und gleichzeitig signalisieren, dass damit nun Schluss ist und sie die neue Herrin im Hause ist. Die Herrin strich sie jedoch unverzüglich wieder aus ihrer geistigen Vorstellung. Derart bösartig und überheblich war sie nun auch mal wieder nicht, wollte es auf jeden Fall nicht sein.
Das kurze Ding-Dong der Glocke war kaum verhallt, da schob Cinzia auch schon den Schlüssel ins Schloss. Er ließ sich problemlos drehen. Nun doch etwas zögerlich schob Cinzia langsam die Türe auf, die es ihr mit einem leichten Gequietsche dankte und trat ein. Sie schaute sich neugierig um. Sie befand sich am Anfang eines schmalen Ganges, rechts und links machte sie eine geschlossene Türe aus. Anschließend an die rechte Türe führte an der Wand eine gerade Holztreppe mit einem verschnörkelten Geländer ins Obergeschoß. Der kurze Gang endete dagegen mit einer einfachen, aber stabil wirkenden Holztür. Hinterausgang zum Hühnerstall, zum Misthaufen oder etwa zum Häuschen mit Herz? Im Hinblick auf den äußeren Zustand und grob geschätzten Alters des Bauernhauses hätte sich Cinzia darüber nicht gewundert, wenn moderne Hygienevorrichtungen, wie ein Wasserklosett, innerhalb der festen Mauern noch keinen Einzug gehalten haben.
Plötzlich wurde Cinzia gewahr, wie eine Wolke wundervoll würziger Essensdüfte sie einhüllte, was sie an weit angenehmere menschliche Bedürfnisse denken ließ. Die Gerüche, die definitiv aus der Türe rechts von ihr regelrecht heraus drängten, weckten ihr körperliches Verlangen nach Nahrung, das bisher, aufgrund der Vollbeschäftigung ihres Geistes und ihrer Seele, ziemlich massiv unterdrückt worden war. Ihr nun bewusst gewordener immenser Hunger trieb sie an, schnell zu handeln. Mit einem zaghaften, fragenden, aber nicht unbedingt leisen „Hallo?“ machte Cinzia auf sich aufmerksam, um eine Reaktion der Bewohnerin zu bewirken, was anscheinend Klingel- und Aufschließgeräusche nicht vollbracht hatten.
„Wenn sie mit ihren Anfang fünfzig im selben Maße senil, schwerhörig und vor allem uneinsichtig ist, wie vortrefflich gut ihr Essen riecht, sitze ich hier länger fest, als ein Asylbewerber im Durchgangslager“, murmelte Cinzia vor sich hin. Und trotz ihrer Fähigkeit in dieser Situation noch amüsante Gedankengänge zustande zu bringen, erschauderte sie innerlich.
Doch ihr Rufen blieb nicht ungehört, denn als Antwort hörte Cinzia über sich Schritte und gleich darauf das Knarzen der altersschwachen Holztreppe.
Cinzia richtete ihre Augen Richtung Treppe und je näher die Schrittgeräusche kamen, umso lauter und schneller schien ihr Herz zu klopfen, Ausdruck purer Angst, die sie sich nicht eingestehen wollte.
Solange sie nicht Gedanken lesen kann, habe ich nichts zu befürchten, versuchte Cinzia sich selbst zu beruhigen.
Auf der Treppe erschienen nun nacheinander, in der Geschwindigkeit der sich nach unten bewegenden Person, weiße Holzclogs, ausgewaschene Jeans, ein großkariertes, der Trägerin bis zu den Oberschenkeln reichendes Herrenhemd, mit bis zu den Ellenbogen aufgekrempelten Ärmeln. Ein dunkelhaariger, linker Seitenzopf, der bis Brusthöhe reichte, ließ die Frau trotz der vielen durchzogenen Silberfäden mädchenhaft und unschuldig erscheinen, wenn nicht – Cinzia machte unbewusst einen kleinen Schritt zurück – ja, wenn nicht eine hässliche Narbe die linke Wange verunziert hätte, die, verstärkt durch die fehlenden Farbpigmente, als Gegensatz zu dem dunklen Gesichtsteint im negativen Sinne noch mehr zur Geltung kam.
Die arme Frau, die kann ich doch unmöglich rausschmeißen. Jedenfalls nicht sofort, hat sie nicht schon genug erlitten? Und jetzt noch den Lebensgefährten verloren, durchfuhren Cinzia quälende Gedanken. Zusätzlich irritierten Cinzia diese freundlichen Augen, deren Blick sie aufrichtig und offenherzig willkommen hieß.
Ein ausgefranster Pony reichte Frau Piluso fast bis über die dunklen, geschwungenen Augenbrauen und verlieh der zierlichen Person, die kaum einen halben Kopf größer als Cinzia schien, einen sympathisch wilden und entschlossenen Ausdruck.
„Ich habe dich erwartet“, sagte Frau Piluso leise, aber mit fester Stimme. Mit einer kurzen, unerwartet innigen Umarmung begrüßte sie die verblüffte Cinzia.
Von diesem herzlichen Empfang wurde Cinzia regelrecht übertölpelt. „Sie haben mich erwartet? Dann, störe ich nicht, Frau Piluso?“, war alles, was Cinzia steif und trocken herausbrachte. Einen Unterton von Forschheit und Courage war da nicht heraus zu hören.
„Stören? Aber nein, wie kommst du nur darauf. Jeder normal neugierig veranlagte Mensch schaut sich doch sein Erbe gleich an, oder?“ Mit einem warmen Lächeln hatte Frau Piluso die Lage voll im Griff. Im Gegensatz zu Cinzia. „Übrigens heiße ich Lia und, wir duzen uns doch. Wo ist dein Gepäck? Na, das holen wir nachher. Ich habe oben für dich ein Zimmer hergerichtet. Jetzt komm aber erst mal herein. Ich habe für uns gekocht, du bist bestimmt hungrig.“
Ein zwischendurch gehauchtes „Aber“ von Cinzia war entweder zu stimmlos, als dass es verstanden werden konnte, oder zu wenig energisch, um ernst genommen zu werden; jedenfalls wurde es – absichtlich oder nicht – überhört.
Die Haustüre zuschlagen und Cinzias Arm unterhaken vollbrachte Lia mit einer übergangslosen, eleganten Bewegung. Eben in der gleichen Art, wie sie Überzeugungsarbeit in Worten geleistet hatte. Sie zog Cinzia mit sich, die sich willenlos fügte, wie betäubt von der Erkenntnis, dass die letzten Minuten das schönste war, was ihr heute widerfahren war. Und selbst die lange Fahrt von München bis in diese dunkle Waldgegend, sich für diese liebevolle Begrüßung gelohnt hatte.
Durch die Türe, die die Wohlgerüche nur schlecht hatte einsperren können, betraten sie einen großen Raum, der wohl als Inbegriff einer Wohnküche anzusehen war. Denn genau das stellte er dar: das Wohnzimmer in der Küche, oder die Küche im Wohnzimmer. Wie auch immer. Jedenfalls stand unter den kleinen Fenstern, die das Licht auf den Hof durchließen, ein gemütliches, weinrotes Plüschsofa und gegenüber genau dasselbe. Beide überladen mit bunten, indischen Seidenkissen in fantasievollen Mustern. Dazwischen befand sich ein niedriger runder Holztisch mit mehreren unterschiedlichen Kerzen darauf, wahllos verteilt auf verschieden geformten Untersetzern. In der Ecke Omas Stehlampe mit einem elfenbeinfarbenen, oder einfach nur vergilbtem, plissiertem Schirm.
Die Wand, an die sich die Scheune anschloss, bestand zu über der Hälfte aus Regalen, die gefertigt waren wie ein überdimensionaler Setzkasten. Die ungleich großen Fächer boten ausreichend Platz für Bücher, Zeitungen, Schreibutensilien und wieder vielen Kerzen. Ein kleiner Fernseher in einem der Fächer fiel erst auf den zweiten Blick auf. Zuvor stach eine beachtliche Sammlung von Langspielplatten und Singles hervor und ein in die Jahre gekommener Schallplattenspieler. Ganz offensichtlich war Onkel Livio und seine Freundin keine Verfechter der modernen Musik samt ihren technischen Errungenschaften.
In der Mitte des Zimmers dominierte ein großer, quadratischer, grob gezimmerter Tisch aus unbehandeltem, dunklem Holz. Die Stühle drum herum schienen dagegen jeder aus einer anderen Stilepoche zu stammen, was dem Ganzen eine sympathische Extravaganz verlieh. Eine bunte Tiffany-Lampe verströmte über dieses eigenwillige Arrangement ein warmes Licht. Auf dem Tisch, wie konnte es anders sein, gruppierten sich drei große, runde Kerzen, die in Farbe und Muster der Lampe, die sie bestrahlte, nicht unähnlich waren.
Eine Einbauküchenzeile mit rotem Glanzlack – ein rot, das die Farbe der Plüschsofas widerzuspiegeln schien, wie Cinzia sofort auffiel – zog sich fast über die ganze Wand, die sich rechtwinklig zur Scheunenwand, also die Wand mit dem Fächerregal, anschloss. Die Arbeitsfläche überzeugte mit edlem, schwarzem Marmor. Und anstelle der Hängeschränke, nur nicht derart hoch, waren in gleicher Länge wie die Küche zwei Regale übereinander befestigt. Die darauf abgestellten Gegenstände, darunter ein Radio, waren auch für Hausfrauen unter 1,60 Meter bequem und ohne Zuhilfenahme einer Trittleiter zu erreichen. Ein Unterfangen, das bei einer dieser hypermodernen Einbauküchen mit Schränken, die knapp unter der Decke endeten, unvermeidlich wäre. Selbst für die sportlichen Bohnenstangen unter den Hausmütterchen.
Neben dem praktischen Küchenbereich, fast in der Ecke – wenn das nicht eine Türe verhindert hätte – reihte sich ein weißer, altertümlicher Holzherd an, der nicht nur urige Dekoration war, sondern tatsächlich noch benutzt wurde, wie die aufgestapelten Holzscheite unmittelbar daneben unmissverständlich offenbarten.
Nachdem Lia die Türe hinter ihnen beiden zugezogen hatte, ging sie zielstrebig zu dem eingebauten Gasherd, hob den Deckel des darauf stehenden Kochtopfes und stocherte mit einer langen Fleischgabel prüfend darin herum. Die mächtige, gusseiserne Pfanne, die mit goldgelben Polenta-Scheiben bestückt war, ergriff sie am Stil und rüttelte diese kurz und kraftvoll hin und her.
„Ossobuco alla milanese. Ich hoffe das trifft deinen Geschmack. Allerdings lasse ich die Sardellenfilets weg und nehme dafür mehr Tomaten“, sagte Lia mit tonloser, fast unbeteiligter Stimme, als hätte sie einen Schalter umgelegt und damit einen Automatismus gestartet. Dieser hatte die alleinige Aufgabe, ihre gegensätzlichen Gefühle vor ihrem Gast nicht zum Vorschein bringen lassen zu müssen, die in ihrer Seele explosionsartig aufeinanderprallten. Hatte sie doch eine Art Abschiedsessen für Livio und das Willkommensessen für Cinzia zubereitet.
„Ja, das ist mir recht. Das esse ich sehr gerne“, antwortete Cinzia höflich und wahrheitsgemäß. Dabei lächelte sie etwas verlegen, denn der Stimmungsumschwung von Lia war ihr nicht entgangen.
„Ich dachte . . . etwas Kräftiges tut uns beiden gut. Seit Montag . . . seit Livio nicht mehr da ist, habe ich nicht mehr gekocht.“ Lia schluckte kurz und wischte sich mit dem Handrücken schnell aufkommende Tränen weg. „Tut mir leid . . . die Zeit des Nichtwahrhabenwollens und des Selbstmitleides sollte eigentlich vorüber sein. Ich möchte dir nicht mit meiner Rührseligkeit auf die Nerven gehen“, tapfer erzwang sich Lia ein Lächeln. Sie wollte auf keinen Fall Cinzia mit emotionalen Ausbrüchen in die Flucht schlagen. Dass ihr das sowieso nicht gelungen wäre, konnte sie ja nicht ahnen.
Cinzia begann nämlich, sich immer mehr in Lias Gesellschaft wohl zu fühlen. Geradezu als würde der Geist Livios in Lia weiterleben, oder zumindest über ihr wachen. Auch in dem Moment, als sie dieses unvergleichliche Zimmer betreten hatte, durchfuhr Cinzia gar ein wohlig, seliger Schauer, den sie dankbar hinnahm, ohne ihn erklären zu wollen.
„Bestimmt nicht, ich kann dich gut verstehen.“ Cinzia trat auf Lia zu, die immer noch mit dem Rücken zu ihr stand und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Ich habe wie ein Kind geweint, als ich von Onkel Livios Unfall erfuhr“, und leiser werdend fuhr sie fort. „Ich habe ihn sehr gemocht.“
„Danke. Das tut gut.“ Lia drehte sich langsam um. „Ich muss gestehen, ich war schrecklich nervös, dich zu sehen. Und . . . ehrlich gesagt, hatte ich auch furchtbare Angst . . . aber, ich habe das Gefühl, ich habe mir . . . vielleicht, zu viel Sorgen . . . gemacht?“, Lia geriet ins Stocken. Aber in ihren Augen blitzte ein hoffnungsvoller Schimmer, der Cinzia nicht verborgen blieb.
„Mir erging es nicht anders“, gab Cinzia heiter und freudestrahlend Entwarnung. „Ich erzähle dir lieber nicht, wie ich mir dich vorgestellt hatte, ganz zu schweigen von meiner Reaktion . . . naja, wie soll ich sagen, dass es dich überhaupt gibt?“ Cinzia fiel in ein erlösendes Lachen. Gleich einem Sonnenstrahl, der nicht nur ihre Wolke der inneren Anspannung zu einem Nichts werden ließ und damit genügend Raum für einen Neuanfang ihrer Beziehung schuf, den Lia sofort begann mit einem breiten Grinsen zu füllen.
Lias Augen wurden dabei zu schmalen Schlitzen, aus denen es geradezu heraus funkelte und aus ihrem Mund sprudelten die Worte klar und erfrischend, wie die Quelle eines Gebirgsbaches: „Dann kann ich getrost den Montepulciano entkorken. Livio sagte immer, mit Freunden zu trinken, erhöht den Genuss des Weines. Du trinkst doch ein Glas Rotwein?“
„Liebend gerne. Und nicht nur eines. Die Schwäche für Rotwein, insbesondere selbstverständlich italienische, habe ich unwiderleglich von meinem Vater.“
„Ganz sicher. Dann kommst du hier auf deine Kosten. Livio war ein regelrechter Sammler von guten Weinen. Er hat aus dem kleinen, niedrigen Kartoffelkeller, der übrigens gut getarnt in einer Art Gewölbe liegt, nur zu erreichen über ein paar ausgetretenen Steinstufen und durch eine sehr niedrige Türe, unterhalb der Treppe im Hausflur . . . also, jedenfalls hat er daraus einen exquisiten Weinkeller gezaubert. Eine Herausforderung für jeden Sommelier. Und das nicht nur“, dabei erhob sie belehrend ihren Zeigefinger und fuhr mit einem pointierten Lächeln fort, „weil es fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, bei der altertümlichen Funzel da unten die Etiketten entziffern zu können.“
„Ahh-haa?“, machte Cinzia, legte den Kopf etwas schräg und schaute Lia mit schelmischen Augen an, um sich der wenigen Ernsthaftigkeit deren letzten Worte zu vergewissern.
„Naja, ganz so schlimm ist es nicht“, bestätigte Lia den mimischen Einwand. „Mach‘ es dir doch bequem, zieh deine Jacke aus. Ich zünde gleich ein Feuer im Ofen an, dann wird’s gemütlich warm.“
„Kann ich mir die Hände waschen? Und auf kleine Mädchen sollte ich auch dringend. Muss ich da den Flur raus . . .“, Cinzia machte eine fahrige, undeutliche Handbewegung Richtung Unausweichlichem.
„Nein, nein. Das war das Erste, was wir hier geändert und modernisiert haben. Dafür verzichteten wir, vorerst jedenfalls, oder genauer gesagt, bis jetzt, auf den Einbau einer Zentralheizung und machen Feuer wie früher. Nämlich hier in der Stube mit dem Ofen und die Schlafzimmer werden gar nicht geheizt.“ Lia zeigte auf die Türe in der Ecke links neben dem Ofen, der einzigen Wärmequelle im Haus. „Dort findest du alles, was du brauchst.“
Noch nicht restlos überzeugt, aber doch etwas beruhigt, dass ihr der Gang über den Hinterhof erspart blieb, entledigte sie sich ihrer Jacke und zog diese über eine Stuhllehne. Zaghaft öffnete Cinzia die angewiesene Türe.
„Lichtschalter findest du gleich rechts“, Lia blickte nicht von ihrer Arbeit des Feuerschürens hoch, aber redete erklärend weiter. „Der Raum wurde früher als Waschküche benutzt, wie jetzt zum Teil auch noch, nur moderner, wie du siehst. Dem Erfinder der Waschmaschine und des Wäschetrockners sei an dieser Stelle gedankt. Ach ja, zusätzliche Handtücher sind im Wäscheschrank, links von dir, neben der Waschmaschine.“
Cinzia tat wie ihr geheißen und das angehende Licht ließ ihre Skepsis im nu verblassen, denn ein großzügig gestaltetes Badezimmer strahlte ihr entgegen. Dezente Blumenkacheln im Landhausstil, einfarbig passende Handtücher in altrosa und champagnerfarben, elegant geschwungene Glasdosen und –flaschen verschiedener Inhalte - von Wattebällchen bis hin zu farbigen Lotionen aller Art und Verwendung – geschmackvoll auf der großflächigen Konsole um das Waschbecken rechts von ihr dekoriert, waren eindeutiger Hinweis auf weibliche Inspiration.
Gegenüber von Cinzia, also an der Außenwand, erblickte sie eine halbrunde Dusche rechts in der Ecke und eine sich direkt anschließende Badewanne. Der daneben platzierte ausladende Farn diente offensichtlich als grüne Grenze zu den halbhohen Wänden, die die Toilette umgaben. Anstelle einer Toilettentüre waren Schwingtürchen angebracht, die an den Eingang in einen Western-Saloon erinnerten. Oberhalb der Toilette befand sich auch das einzige Fenster des rechteckigen Allzweckraumes, das den Eindruck erweckte, der obere Teil einer Türe in den Hinterhof gewesen zu sein. Mit direktem Gang zur Wäscheleine, wie Cinzia praktisch und logisch zugleich, und nunmehr völlig entspannt ihre Gedanken spielen ließ.
Während Cinzia nun für etliche Minuten verschwunden war, entfachte Lia unterdessen das Feuer im Ofen. Diesen hatte Livio nach ihrem Einzug in der Art umkonstruieren lassen, dass damit auch das direkt dahinterliegende Badezimmer mit geheizt werden konnte.
Dann deckte Lia den Tisch, was bei ihr das Kerzen anzünden ganz automatisch mit einbezog, als wäre das brennende Licht ein nicht mehr weg zu denkender, würzender Bestandteil der Mahlzeit. Die entkorkte Flasche Rotwein und ein Körbchen mit einem aufgeschnittenen Baguette hatten bereits ihren angestammten Platz auf dem Tisch eingenommen. Der Kochtopf und die Pfanne sollten ebenso direkt auf den Tisch kommen. Dass Platz genug dafür vorhanden war, war jedoch nicht der einzige Grund, die Speisen auf diese nicht sehr vornehme Art zu servieren. Aber Lia hielt nun mal nichts von umständlichem und zeitaufwändigem Umfüllen in Servierschüsseln oder auf Platten. Zudem war sie der festen Überzeugung, dass das Essen in den Töpfen und Pfannen länger in ihrer ursprünglichen Garumgebung warm blieb und vor allem nichts an Aroma einbüßte.
Nun erschien Cinzia wieder aus dem Badezimmer. Und das mit einem entrückt, verzückten Lächeln im Gesicht, das Lia eher dem einer Jungvermählten zugeordnet hätte, die aus in rosa Wölkchen gebetteten Flitterwochen zurückkehrte, als jemandem, der gerade die profane Welt eines Badezimmers verließ.
„Du hast eine Badewanne“, hauchte Cinzia und ihr Gesichtsausdruck schien sich noch zu intensivieren. „Meine winzige Zwei-Zimmer-Wohnung besitzt nur eine Dusche. Und die ist derart eng, dass ich mich nur mit Schlangenbewegungen umdrehen kann, wenn ich vermeiden möchte, von den Armaturen oder der Seifenschale attackiert zu werden. Ich habe mir geschworen, mein nächstes Zuhause wird eine Badewanne haben. Es gibt nichts Schöneres, als abends, besonders wenn es regnerisch und kalt den ganzen Tag war, in einem Vollbad zu entspannen“, geradezu enthemmt plapperte Cinzia drauf los, als hätte schon allein der Gedanke an ein Vollbad sie in den Zustand absoluter Loslösung versetzt.
„Da haben wir etwas gemein“, erwiderte Lia mit einem warmen Lächeln. „Ich muss gestehen, dass das Sehnen nach einem heißen Vollbad an einem eiskalten Winterabend . . . am liebsten mag ich den Duft von Lavendel, wie du an der großen, lila Flasche sehen konntest, ein süßlich riechendes Rosenblütenbad finde ich aber auch toll, oder diese dicken, orangen Tabletten, die sich schäumend auflösen . . .“, driftete Lia tagträumerisch ab. „. . . also die Sehnsucht nach so einem Vollbad verursacht, ganz ehrlich, fast körperliche Schmerzen bei mir. Ich übertreibe natürlich . . . naja, vielleicht auch nicht, aber die Richtung stimmt.“
„Dann könnte ich, möglicherweise morgen Abend, ein Bad nehmen?“, bemühte sich Cinzia vergeblich ihre Begeisterung im Zaum zu halten.
„Theoretisch schon“, gab sich Lia zögerlich, als wäre dies nur ein Teil der Antwort, die halbe Wahrheit.
„Und praktisch? Gibt es ein Problem? Macht es zu viele Umstände? Ich putze auch anschließend, wirklich“, insistierte Cinzia, denn derart kurz vor dem vermeintlichen Ziel wollte sie nicht aufgeben.
Anstelle einer kurzen, klaren Antwort begann Lia zu erzählen. „Stelle dir einen trüben, eiskalten Novembertag vor. Ein ungemütlicher Schneeregen setzte nachmittags ein, doch auch das konnte meine
