PEG Connection - Nola M. Kubee - E-Book

PEG Connection E-Book

Nola M. Kubee

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Beschreibung

Die junge Amber Green bekommt eine neue Chance. Nach der Ausbildung zur Pflegeassistentin tritt sie eine Stelle im Krankenhaus an. Ambers Motivation, nach Lehrbuch zu arbeiten, ist vorbildlich. Die erfahrene Kollegin Luise öffnet ihr jedoch mit ihren schonungslosen Ansichten und ihren bizarren Ideen eine ganz andere Welt der Inneren Medizin. Machtlos erkennt Amber die unethischen Methoden von Lebensverlängerungsmaßnahmen. Doch dann macht sie eine Entdeckung ...

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Seitenzahl: 780

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die junge Amber Green bekommt eine neue Chance. Nach der Ausbildung zur Pflegeassistentin tritt sie eine Stelle im Krankenhaus an. Ambers Motivation nach Lehrbuch zu arbeiten ist vorbildlich. Luise, eine erfahrene Kollegin, die ihr zur Seite gestellt wird, öffnet ihr jedoch mit ihren schonungslosen Ansichten und ihren bizarren Ideen eine ganz andere Welt der Inneren Medizin. Machtlos erkennt Amber die unethischen Methoden von Lebensverlängerungsmaßnahmen. Doch dann macht sie eine Entdeckung . . .

Nola M. Kubee ist Jahrgang 1959. In Süddeutschland aufgewachsen lebt sie seit 22 Jahren in Italien. Neben Beruf (die letzten 10 Jahre in der Pflege auf einer Bettenstation der Inneren Medizin) und Familie betätigt sie sich seit über 15 Jahren schriftstellerisch. PEG-Connection ist ihr drittes Buch.

Für Irmtraud

Die beste Freundin, die man haben kann . . .

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Prolog

Gewiss schon über eine Stunde verharrte sie in der engen Dusche. Die zwei Plastikschwingtüren hatte sie, mehr als unbedingt nötig, nach innen gezogen. Ein bequemes Stehen, eine großzügige Bewegung, waren nicht möglich, auch nicht erforderlich. Warten verlangte keine körperlichen Verlagerungen und ein Sich-versteckthalten erst recht nicht.

Ihre Atmung war unter Kontrolle, denn sie zwang sich zum langsamen und regelmäßigen Ein- und Ausatmen. Jedoch die Geräusche ihres Herzklopfens nahmen Ausmaße an, sie mussten im Schwestern-Stützpunkt hörbar gewesen sein. Diese Unmöglichkeit außer Acht zu lassen fiel ihr nicht leicht. Aber aus dem Bad und aus dem anschließenden Zimmer mit den angelehnten Türen zu treten und unauffällig, und noch lieber ungesehen, die Krankenstation zu verlassen, war zum momentanen Zeitpunkt einfach zu riskant. Zu riskant entdeckt zu werden, unliebsamen 'Was machen Sie hier'-Fragen ausgesetzt zu sein, mit dem strengen Verweis die Besuchszeiten doch höflich einzuhalten.

Ihr Zeitplan schien sich in eine zähflüssige, in eine unendlich dehnbare Masse zu verwandeln. Ein Vorgang, den sie nicht in der Lage war aufzuhalten. Sie wurde zur Statistin ihrer selbst geplanten Aktion, in der sie als Protagonistin bisher ohne Fehler agiert hatte. Einkalkuliert hatte sie für ihr Vorhaben höchstens zwei Stunden. Eine Zeitspanne die sich locker zwischen den nächtlichen Zimmerrundgängen der Nachtschwester einfügen ließ.

Natürlich hätte sie damit rechnen müssen, es ist nun mal nichts außergewöhnliches, wenn nachts ein Patient aufgenommen wird. Aber warum gerade um diese Zeit und im Nachbarzimmer. Ständig verließ oder betrat jemand das Zimmer. Der neue Patient hatte anscheinend die Großfamilie im Schlepptau.

Wortfetzen und Geräusche setzte sie zusammen und erhielt den Eindruck einer hektischen und emotional überlasteten Gesamtsituation: der Träger bringt den auf einer Rollbahre liegenden Patienten von der Ersten Hilfe ins Zimmer - Krankenschwester und Angehörigen folgen - Träger mit der nun leeren Liege verlässt das Zimmer - Arzt kommt - Arzt geht - Angehörige verabschieden sich lautstark mit dem Versprechen, morgen sobald wie möglich wieder zu kommen - Nachtschwester bleibt - Ruhe tritt ein. Nun sind die routinierten Fragen zur Anamnese voll im Gang. Nur die Antworten, die ziehen sich hin. Das Preisgeben intimster Gewohnheiten kommt nicht so schnell über die Lippen. Stille - Voraussetzung zum Messen der Parameter wie Blutdruck, Puls, Temperatur - klar definiertes Stuhlrücken – Schritte - Nachtschwester schließt die Türe hinter sich und entfernt sich.

Nun konnte sie es wagen. Das kleine Badezimmer hatte sie schon verlassen. Die Zimmertüre fast zur Hälfte geöffnet, horchte sie in die schwach beleuchtete Station hinaus. Alles ruhig. Sie zog die Türe weiter auf und setzte wie in Zeitlupe einen Fuß in den Gang. Sie spähte in beide Richtungen und gewahr plötzlich das Aufleuchten des roten Lichtes über der Zimmertüre des neuen Patienten nebenan, als hätte sie mit ihrem Schritt eine Lichtschranke durchbrochen, die den Schwesternruf in Gang setzte. Das gleichzeitig einsetzende tutende Signal veranlasste sie zum sofortigen Rückzug hinter die wieder zugezogene Türe. Erstarrt und mit Adrenalin vollgepumpt, was das Herz rasen ließ, stand sie da, als hätte sie etwas Verbotenes getan, als hätte sie sich über Regeln hinweggesetzt, wie damals als Kind, wenn sie kurz vor dem Mittagessen sich heimlich einen Keks aus dem Vorratsraum geholt hatte.

Die Nachtschwester ließ nicht lange auf sich warten. Im Zimmer angelangt wurde von ihr die Glocke ausgeschaltet. Im gleichen Moment verdrängte draußen über der Türe das grüne Präsenzlicht der Krankenschwester das rote Rufzeichen.

Allmählich bekam sie ihren Körper wieder in Griff, indem sie sich selbst zwang, sich zu entspannen. In dieser beginnenden ruhigen Phase nahm nun ein Gedanke den Raum ein, der die nachlassende Nervosität hinterlassen hatte. Zum ersten Mal war sie der turbulenten Einlieferung des neuen Patienten, der zunehmend anstrengend wurde, dankbar. Dankbar für die geschenkte Zeit. Geräuschlos drehte sie sich um und blickte zurück zum Krankenbett mit den hochgezogenen Seitengittern. Die Bettdecke ließ die Konturen der schmalen Person, die sie bedeckte nur erahnen.

Es war ein Leichtes ihre Mutter ungesehen aufzusuchen. Chronischer Personalmangel verhinderte ein Zusammentreffen mit der einzigen Nachtschwester, die eine ganze Station mit 30 Betten, wenn auch nicht immer alle belegt, betreute.

Die Herstellung eines Medikamentencocktails, der den Herzschlag beruhigte bis hin zum völligen Aussetzen, ohne vorher eine Rebellion des Magens hervor zu rufen, war für eine Frau mit ihrem Fachwissen schlicht gesagt einfach, einmal abgesehen davon, dass die Medikamentenlehre ohnehin eines der Lieblingsfächer bei ihrer Ausbildung zur Krankenschwester war.

Die 60ml-Spritze in der sich der Pfefferminztee mit den aufgelösten Wirkstoffen befand, setzte sie routiniert in die dafür vorgesehene Öffnung des Schlauches, der durch die Bauchdecke direkt in den Magen führte. Mit Bedacht drückte sie den erlösenden Inhalt der Spritze langsam in die Sonde.

Während ihre Hände sicher und professionell diese Tätigkeit ausübten, ließ sie den Blick nicht vom Antlitz ihrer Mutter, die ihre Lider fest geschlossen hielt. Sie vertiefte sich in das Gesicht, das sie so sehr liebte. Diese lustigen kleinen Augen, die in der Lage waren eine unglaubliche Strenge zu zeigen, die lange spitze Nase und die mit viel Gesichtspflege im Zaum gehaltenen Falten. Erst als die Müdigkeit vom Leben und die dazu gehörende Appetitlosigkeit ihr natürliches Ende einläuteten, waren Cremes, Schminke und Nagellack von ihr in die Schubladen der Vergangenheit verstaut worden.

Ob ihre Mutter tatsächlich schlief oder es nur vorgab, dessen war sie sich nicht sicher. Ab dem Moment nämlich als sie zur Zwangsernährung durch die PEG-Sonde verurteilt wurde, hatte sich ihre Mutter verändert. Extrem verändert. Sie sprach kein Wort mehr, zeigte keinerlei Emotionen, verweigerte jegliche eigenständige körperliche Bewegung. Sie zog sich in sich selbst zurück, verbarrikadierte sich in ihrer Seele. Sie hat den gerontologischen Autismus kreiert, dachte ihre Tochter nicht das erste Mal, und konnte sich dabei ein Grinsen, das allerdings eher einer tragisch-komischen Grimasse glich, nicht verkneifen.

Konsequent war ihre Mutter schon immer, in allem was sie tat, man könnte es auch Sturheit nennen. Aber das musste sie auch sein, sonst hätte sie ihren Weg nicht meistern können, der unkontrolliert auf und ab führte, steinig war und von Gerölllawinen heim gesucht wurde. Die wenigsten wurden von ihr losgetreten, einer Laune der Natur folgend ereigneten sie sich eben.

Vieles wusste sie nur aus Erzählungen, denn erst mit 44 Jahren brachte ihre Mutter den Nachzügler auf die Welt, die Tochter, die sie sich immer gewünscht hatte. Nicht geplant aber gewollt, wie ihr stets versichert wurde, wenn sie immer wieder nachhakte „Habt ihr euch gefreut, als ich auf die Welt kam?“. Diese Zusicherung fiel ihr immer schwer zu glauben, allein schon aufgrund der Tatsache, dass ihre Brüder bei ihrer Geburt 24, 22 und 19 Jahre alt waren und sie noch nie so etwas wie Geschwisterliebe, oder wenigstens Zuneigung von ihnen zu spüren bekam, jedenfalls nicht, seit sie in der Lage war ein derartiges Gefühl richtig einzuordnen zu können. Vielleicht beim Anblick des süßen, pummeligen Geschöpfes im neu lackierten Kinderbettchen, selig am Daumen lutschend, kam bei den Brüdern eine unerklärliche Regung auf, eine Art Beschützerinstinkt? Jedenfalls war dies eine ihrer liebsten Vorstellungen, deren sie sich hingab, wenn sie sich mit den von ihrer Mutter sorgfältig in Alben eingeklebten Familienfotos Erinnerungen vor Augen hielt, die sie selbst nicht bewusst erlebt hatte, sondern nur vom Hörensagen kannte.

Ihren Vater durfte sie nicht als den Menschen kennenlernen, den ihre Mutter als humorvoll, stets gut gelaunt, überaus korrekt und dennoch mit viel Gefühl ausgestattet, beschrieb. Nicht lange nach ihrer Geburt nämlich erkrankte ihr Vater schwer. Akutes Nierenversagen hieß die Diagnose. Die dreimal wöchentlich stattfindenden Dialysebehandlungen mit ihrer zeitraubenden Dauer von fast fünf Stunden, inklusive der täglichen Einnahme diverser Medikamente, schenkten ihrem Vater 12 Jahre Leben. Aber was für ein Leben. Ein Leben ohne Ausübung seines Berufes als Hotelmanager im feinsten Hotel am Ort, den er mehr liebte als er vor seiner Familie im Stande war zuzugeben. Ein Leben mit strenger Diät, eingeschränkter Flüssigkeitszufuhr mit oft quälendem Durst, für einen Gourmet seines Formats, der einen exquisiten Wein genauso zu schätzen wusste, wie ein perfekt gezapftes Bier, eine tägliche Folter. Außerdem ein Leben ohne exklusive Urlaubsaufenthalte an den schönsten Stränden der Welt, dort wo Geld keine Rolle spielte. Eine Entschädigung des stressigen aber lukrativen Jobs.

Der Verzicht auf die kleinen und großen Freuden, die das Leben erst zu seinem persönlichen Leben machten und seiner Vorstellung von Sinn und Erfüllung des Daseins entsprachen, zehrte an ihm, entzog ihm seinen Lebensgeist. Sein einst athletischer Körperbau erschlaffte zusehends, seine stattliche Größe von über 1,85 Meter, nur noch eine Mutmaßung. Sein witzig, sprühender Geist hatte sich in nichts aufgelöst. Wahrhaftig zusammengesunken wurde er zum personifizierten Elend, das täglich tausend kleine Tode durchlitt und sich der kleinen Tochter als missmutigen, niemals lächelnden Vater in der Erinnerung festsetzte. In seiner Agonie bäumte er sich immer wieder auf und brach mit aggressivem Verhalten über ihre Mutter herein. Aber diese hielt stand, musste standhalten. Ihre Tochter brauchte sie. Sie war das letzte Überbleibsel der einst intakten Familie. Der einzige Halt nicht nur für das Nesthäkchen, sondern auch für ihren Mann, der bisher der alleinige Ernährer der Familie war.

Der fehlende Verdienst ihres Mannes zwang sie nun eine Stelle als Verkäuferin in einer Boutique anzunehmen. Nun verkaufte sie extravagante Damenbekleidung der Haut-Couture, die sie früher noch nicht tragen konnte, weil zu madamig und jetzt sie sich nicht mehr leisten konnte. Die Krankheit war nicht nur die ihres Mannes, sie geriet genauso in einen Überlebenskampf und musste ebenso zulassen, dass diese zum Mittelpunkt auch ihres Lebens wurde.

Sie, die Ehefrau, die Hausfrau, sie war diejenige, die die spezielle Diät zubereitete, ganz nach Anweisungen der Diätassistentin vom Krankenhaus, penibel genau. Entsprechende Kochbücher besorgte sie sich und arbeitete sie durch, um wenigstens etwas Abwechslung in den Speiseplan zu bringen. Am aller schwierigsten war jedoch darauf zu achten, dass ihr Mann die erlaubte tägliche Trinkmenge von 6oo ml nicht überschritt. Dies bedeutete nicht nur den Wassergehalt von Getränken und Suppen zu berücksichtigen, sondern auch den versteckten Flüssigkeitsgehalt in sämtlichen Lebensmittel auszurechnen. Dies waren jedoch leichte Rechenübungen, im Vergleich zu der Uneinsichtigkeit ihres Mannes sich an vorgeschriebene Getränkemengen zu halten. Denn das bedeutete jeden Tag, besonders an den warmen, Kontrolle, Überwachung, verbale Auseinandersetzungen, Streit um jeden Tropfen.

In dieser kräftezehrenden Zeit war der einzige Lichtblick ihre kleine Tochter. Deren kindliche Freude an den kleinen Dingen des Lebens entschädigte den oft anstrengenden Alltag. Die Unternehmungen mit ihrer Kleinen kamen ihr vor, wie das Einatmen reinsten Sauerstoffs in einer Luft verschmutzen Umgebung. In dieser Luftblase konnte sie in der Tat aufatmen, sich regelrecht mit Energie auftanken.

Und ob auf den Spielplätzen, bei den regelmäßigen Zoobesuchen, beim Stadtbummel oder beim donnerstäglichen Bibliotheksbesuch immer dabei war ein kleiner Rucksack voll Getränke. Diese gewöhnten sie sich an zu leeren, um daheim vor Papa nicht soviel trinken zu müssen. Saft, Limonade, Tee und für sich selber stets eine Thermosflasche mit süßem Milchkaffee. Mit Ernsthaftigkeit wurde diese, wenn irgend möglich tägliche, außergewöhnliche Aktion von Flüssigkeitszufuhr geradezu zelebriert. Damit zum Wohle des Vaters beizutragen war in den Augen des Kindes nicht nur wichtig, sondern auch einleuchtend. Einleuchtend aus der natürlichen, unvoreingenommenen Logik eines Kindes folgend. Dieses Geheimnis der heimlichen Trinkereien bei ihren Ausflügen festigte das Band zwischen Mutter und Tochter, als wäre die Nabelschnur nie gekappt worden.

Bei ihren gemeinschaftlichen Unternehmungen kam der Spaß jedoch nicht zu kurz. So waren sie, was die neuesten Kinderfilme im Kino betraf, immer bei den ersten Vorstellungen dabei. Es kam schon mal vor, dass sie einen besonders lustigen Film sich ein zweites Mal anschauten. Die Höhepunkte im Sommer waren stets die Freibad- Besuche, aber nie länger als zwei, drei Stunden. Diese wurden jedoch voll ausgenützt, Wasserballspielen, um die Wette tauchen, vom 1-Meter-Brett springen und das 10 bis 15mal hintereinander. Sie konnte sich nicht erinnern, je mit ihren Söhnen derart intensiv gespielt zu haben und sich dabei so gut unterhalten zu haben. Die drei Buben hatten sich immer gegenseitig. Und ganz ehrlich, welcher Junge wollte schon Mamis Zurufe oder gar Kommentar beim Fußballspielen hören.

Inzwischen wusste sie ihre Söhne gut versorgt. Der Älteste erklomm nach seinem BWL-Studium die Karriereleiter in einer bekannten Bank. Es musste ihm gut gehen, denn er meldete sich äußerst selten zu Hause. Sie nahm es hin. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, „Lieben bedeutet, loslassen können“. Er hat sein Elternhaus in der Tat losgelassen, Lieben ist keine einfache Sache.

Ganz anders ihr Zweitältester, er ging auf bei seiner Arbeit als Automechaniker. Er wohnte noch daheim, jedenfalls wenn er nicht gerade bei der Arbeit war, an seinem Motorrad herumbastelte, mit dem Motorrad unterwegs war oder bei seiner Freundin war und dort nächtigte. Daheim wohnen traf es also nicht ganz, außer es bezog sich darauf, dass sein Zimmer noch nicht ausgeräumt war, er dem Inhalt des Kühlschranks mehr als nur gelegentlich zusprach und die Waschmaschine ihn zum Hauptlieferanten hatte. Somit lebte er quasi in einer Parallelwelt, die er selten für länger verließ, gerade mal an Geburtstagen oder an Weihnachten. Aber Lieben heißt, loslassen können.

Und ihr Jüngster, der unausgesprochene Liebling, schien in die Fußstapfen seines Vaters zu steigen. Das Abschlussjahr der Hotelfachschule besuchte er und sie sah ihn förmlich schon vor sich, wie er, ganz der Vater, groß, schlank, gutaussehend im dunklen Anzug mit Fliege oder dezenter Krawatte in nonchalanter Eleganz souverän Gäste aller Nationen zufrieden stellen konnte. Er war für diesen Beruf wie geschaffen in dem das gewisse Gespür unabdingbar war, Menschen zu dienen ohne unterwürfig zu erscheinen und das mit einer imposanten Ausstrahlung von Freude am Beruf. Stets den richtigen Ton zu treffen, auch in angespannten Situationen, eine Selbstverständlichkeit. Hätte er nur auch das richtige Gespür gehabt eine nette Freundin zu finden. Was er bisher anschleppte war in den Augen seiner Mutter alles, nur nicht akzeptabel, und gab nicht nur einmal Anlass für hitzige Debatten. Verletzende Worte, von beiden Seiten. Erreicht hatte sie nichts, geändert ja. Nach Abschluss seiner Ausbildung verließ er sie, so kam es ihr jedenfalls vor. Zuerst für zwei Jahre in die „Vier Jahreszeiten“ nach München, dann Sidney, Australien. Er hat seiner Mutter nie wieder eine Freundin vorgestellt, geschweige denn seine zukünftige Frau. Ein Foto von einer hübschen blonden Frau mit sympathischem Lächeln aus schmalen, kleinen Augen in einem runden Gesicht – und ein bisschen Übergewicht – vor einer grandiosen Kulisse, schon allein der intensiven Farben wegen. Flitterwochen im Outback. Das war alles, mehr nicht, all die Jahre. Die obligatorischen Neujahrs- und Geburtstagswünsche durchs Telefon, ohne Tiefgang, eine Farce. Lieben heißt, loslassen können. Hatte sie gemacht. Notgedrungen.

Nicht mal zur Beerdigung seines Vaters ist er in die alte Heimat gekommen, das hat sie ihm nicht verziehen. War er doch ein guter, verständnisvoller Vater für alle seine Söhne gewesen. Jedenfalls bis die Krankheit auch diese Eigenschaft vereinnahmte, wie alles, was ihn als Menschen ausmachte. Ein schrittweiser Tod. Die Beisetzung empfand sie nur als letzte Pflichterfüllung. Verloren hatte sie ihren Ehemann schon vor 12 Jahren als er plötzlich erkrankte, ohne Vorwarnung, von jetzt auf jetzt. Trauer wollte sich bei ihr nicht einstellen, ein Gefühl, das sie die letzten Jahre bereits als ständigen Begleiter erfuhr. Tränen kamen nicht. Diese hatte sie vergossen, gleichmäßig verteilt über Tage, Monate, Jahre, allein, nur für sich.

Eine Zeit der Entspannung folgte. Die Teenager Zeit ihrer Tochter erlebte sie wie einen zweiten Frühling. Gegenseitig waren sie sich die idealen Gesprächspartner. Die Heranwachsende entwickelte sich zur ernstzunehmenden Diskussionsführerin in Sachen Außenpolitik. Sie durfte ihrer Tochter Ratgeberin bei der Auswahl von Kleidung, Schmuck und Frisur sein. Zudem war sie zuhörende Freundin bei intimsten Angelegenheiten, oder sie war einfach nur Mutter, die das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt des Alltags stellte.

Doch dann kam dieser Spätsommertag Ende September. Ein Sonntag dessen blauer Himmel nicht klarer sein konnte und ein angenehmes Lüftchen die ersten herabfallenden Blätter vertrieb, als sei`s noch zu früh für Herbstlaub,

Zurückgekommen von einer kleinen Wanderung, die frische Luft noch in den Adern verspürend und eine zufriedene Müdigkeit in den Beinen, klingelte das Telefon. - Polizei – Unfall – Motorrad – Sohn – jede Hilfe zu spät – Tod – Seelsorger – Nein - Den Inhalt der Nachricht gab sie emotionslos, fast schon stoisch an ihre Tochter weiter, die sofort in Tränen ausbrach. Sie selbst ging in die Küche, setzte sich in einer Art Automatismus auf den alten Küchenstuhl, legte die Hände in den Schoß und verharrte in dieser Stellung. In Gedanken musste sie wohl die schönen Erlebnisse mit ihrem Sohn durchlebt haben, so kam es der Tochter vor, die den Blick nicht von ihr wandte, denn immer wieder huschte ein feines Lächeln über die Lippen ihrer Mutter.

Stunden vergingen. Unvermittelt hob dann die Mutter den Kopf und blickte ihre Tochter, die neben ihr Platz genommen hatte, tief in die Augen und sagte: „Jetzt habe ich auch ihn verloren.“

„Aber du hast ja noch mich. Ich tu dir nicht weh.“ Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie die letzten Worte tatsächlich leise, fast lautlos, ausgesprochen hatte. Immer noch stand sie hinter der angelehnten Türe im Krankenzimmer. Und immer noch schaute sie auf den ruhigen, entspannten Körper ihrer Mutter und auf ihr friedliches Gesicht, das nicht mehr von dieser Welt schien. Trocken schluckte sie und blinzelte eine hochkommende Träne weg.

1

Sie wird es doch nicht vergessen haben? Nein, ich bin mir ganz sicher, dass sie bei unserer letzten Unterredung das Datum meines ersten Arbeitstages in ihrem Kalender eingetragen hat. Natürlich kann man auch vergessen in den Kalender zu schauen, oder Tage verwechseln, die Uhrzeit falsch notieren. Sollte am Ende etwa ich mich selber im Termin geirrt haben? Ausgeschlossen! Heute ist doch der 1. August? Und pünktlich um 7 Uhr war ich hier. Die hochkommenden Zweifel ließen nicht nur wenig vorteilhafte Falten auf meiner Stirn zurück, das spürte ich, sondern verliehen meinem Gesicht auch einen mürrischen Ausdruck, das wusste ich.

Dabei wollte ich doch einen positiven und motivierten Eindruck machen, wie jemand der es nicht erwarten konnte in der Abteilung der Inneren Medizin zu arbeiten. Und das aus dem alleinigen Grund, weil es der Wahrheit entsprach.

Mit einem nervösen Kribbeln im Bauch bin ich heute Morgen aufgestanden. Meine innere Anspannung musste wohl zustande gekommen sein durch das Aufeinandertreffen von reinster Freude und purem Glück. Ähnlich dem Zustand den man durchlebt vor dem ersten Rendezvous. Wie ich mich vage erinnern konnte. Damit die Erinnerung nicht genauer wurde und unangenehme Folgegedanken heraufbeschwören konnte, konzentrierte ich mich jedoch augenblicklich wieder auf das Jetzt und Heute.

Innerlich strahlte ich wie ein Honigkuchenpferd und nicht ohne Stolz war ich mehr als bereit meine erste Arbeitsstelle in meinem neuen Beruf als Pflegeassistentin anzutreten. Zwei lange Jahre Ausbildung lagen hinter mir. Dies bedeutete Schulunterricht mit Tests schreiben und mündlichen Überprüfungen. Mit meinen 30 Jahren war ich zwar nicht die älteste in der Klasse, gehörte aber aus Sicht der zwanzig Jährigen schon auf die hinteren Bänke, sprich zu den Grufties. Innerhalb der Ausbildung absolvierte ich mehrere drei- bis vierwöchige Praktika in verschiedenen Einrichtungen, wie Langzeitpflegeheimen, Altenheimen und Krankenhäuser. Und dann natürlich die Abschlussprüfung mit einem praktischen und einem mündlichen Teil. Zwei lange Jahre waren das, zwei herrliche, freie Jahre intensiven Lernens nach einer langen Zeit des unfreiwilligen Nichts-Tun.

Susanna meine Förderin, wie ich sie gerne nannte, hatte mir zu dieser Ausbildung verholfen, mir Mut gemacht. Auch die Halbtagsstelle bei einer sehr netten, alten Dame, die ich in dieser Zeit betreute, um in der Tat halbwegs finanziell über die Runden zu kommen, hatte mir Susanna vermittelt. Sie mache nur ihren Job, wie sie stets beteuerte, aber den machte sie verdammt gut. (Das „verdammt“ möge sie mir verzeihen, ich weiß, sie mag keine Kraftausdrücke, aber da wo ich lange gelebt habe, wurde dieses Wort fast liebevoll eingesetzt.) Und auch meine erste Arbeitsstelle in diesem Krankenhaus war zum maßgeblichen Teil ihr Verdienst, obwohl es weit weg von ihrer Wirkungsstätte lag. Über 200 Kilometer trennten uns. Wir werden uns nicht mehr sehen, sagte sie, geschäftlich jedenfalls nicht. Das wusste sie und ich war mir dessen ebenso sicher.

Es stand für mich immer außer Frage, ihr meine Dankbarkeit zu erweisen, ich wusste zwar noch nicht in welcher Form und wann dies sein wird, war aber fest davon überzeugt, dass ich es wissen werde, sobald es soweit ist.

Das Vertrauen, das sie in mich setzte, machte mich selbstbewusst und das Gute, das sie in mir sah, ließ meinen Hass, den ich in der Frauenvollzugsanstalt auf dem Nährboden der Langeweile geradezu gezüchtet hatte und der sich gegen Gott und die Welt und im besonderen gegen meinen Ex-Ehemann richtete, ganz klein und unscheinbar werden. Er, also mein Hass, war sicher noch vorhanden, irgendwo, aber sicher verwahrt, er konnte nichts mehr Böses anstellen, er konnte nicht mehr töten, er konnte mich nicht mehr in Schwierigkeiten bringen.

Susanna meine Bewährungshelferin war das Beste, das mir hat passieren können. Ihr persönlicher Einsatz mir wieder einen Platz in der Gesellschaft zu geben, war bewundernswert. Dass ich mich in einem pflegerischen, sozialen Beruf derartig wohl fühle, sollte zwar nicht Susannas Werk sein, aber sie gab mir die Unterstützung und vor allem die Möglichkeit es zu versuchen. Bereits schon nach dem ersten Praktikum in der geriatrischen Rehabilitation wusste ich, meine Berufung gefunden zu haben. Der pflegerische und vor allem kommunikative Umgang mit Patienten, mit Menschen in einer Ausnahmesituation fiel mir leicht. Ich fühlte mit ihnen, jedoch ohne mit ihnen zu leiden. Ich bin nicht verroht in der Haft, das ist es nicht, aber ich bin gelassener geworden und belastbarer. Sollten die Jahre der Abgeschlossenheit doch nicht umsonst gewesen sein? In Hinsicht auf meine Belesenheit sicher nicht, der Gefängnisbücherei sei Dank. Und mein eigentlich angeborener Humor, der mir früher in noch so ausweglosen Situationen beistand, wie ein guter Freund und den ich verloren glaubte bereits schon vor meiner Tat, war zurückgekehrt. Erst mit zögerlichem Lächeln, dann mit einem befreienden Glucksen. Ja, ich kann wieder lachen, lachen über mich selbst, über meine eigene Tollpatschigkeit und über die Ironie, die das Leben bereithält und mir das Schicksal erträglich macht.

Bestimmt schon eine halbe Stunde war vergangen, wenn es mir auch wie Stunden vorkam, so als würde die Wartezeit im Zeitlupentempo ablaufen. Um Bestätigung zu bekommen suchte ich mit den Augen den Gang und die Wände nach einer Uhr ab und wurde fündig: 7 Uhr 40. Ich begann vor der - wie ich absurderweise mehrmals überprüfte - abgeschlossenen Tür des Büros der Stockschwester bedächtig, fast wie in Trance, oder wie unter Einfluss von Psychopharmaka auf und ab zu gehen. Dabei fiel mir ein, dass ich mich im siebten Stock des Krankenhauses befand, im Ostflügel, um ganz genau zu sein und sich hier ehemals die Psychiatrische Abteilung des Krankenhauses befand. Unwillkürlich musste ich lächeln, schrieb ich doch meine auffälligen Verhaltensmuster jetzt dem einstigen Ambiente dieser Station zu. Nun, das war Vergangenheit, ich blieb stehen. Denn wie ich wusste - ohne Frage sollte man über seinen neuen Arbeitsplatz Bescheid wissen - wurde die Psychiatrische Abteilung vor fast zwei Jahren in einem neu renovierten Nebengebäude sicherer untergebracht. Ob sicherer für die Patienten oder für das Personal konnte ich mich nicht entscheiden. Wahrscheinlich für beide Seiten. Jedenfalls war nun genügend Platz geschaffen für die Büros der Ärzte und Stockschwestern, seit neuestem auch Koordinatoren genannt, deren in ihren eigenen Abteilungen kein Zimmer zur Verfügung stand, um den immer größer werdenden Schreibkram zu erledigen, oder einfach, um in Ruhe eine Unterredung führen zu können. Eine Unterredung auf die ich bis jetzt vergeblich wartete.

Ich begann den hellblauen Stehkragen meiner sonst weißen Berufskleidung etwas umzulegen. Dies führte ich in einer fast andächtigen Weise aus, als stünde mir wahrlich alle Zeit der Welt zur Verfügung, eine angenehme Art der Ablenkung. Weiter befingerte ich überprüfend meine hochgesteckten Haare, die ich bewusst locker mit kleinen Kämmchen am Oberkopf halbwegs gebändigt hatte, um nicht zu streng zu wirken. Dann zupfte ich mit zwei Fingern etwas Volumen in meine Stirnfransen. Eine allzu ordentliche Frisur ließ die aschblonde Farbe meiner Haare noch langweiliger erscheinen. Denn schmal ist der Grad zwischen ordentlich und langweilig. Ein Balanceakt den ich nicht bereit war auszuführen und das allein aus der Tatsache heraus, weil es nicht meine Natur war.

Meine Finger hatten ihren Rundgang zu meiner Zufriedenheit beendet. Nun ließ ich meine Augen wandern. Der lange Gang, in dessen ungefährer Mitte ich stand, nahm keine Geräusche aus den angrenzenden Zimmern auf, lag wohl an den extra dicken, stabilen Türen oder sollte ich die einzige Person auf dieser höchsten Ebene sein? Ich drehte langsam meinen Oberkörper, ohne die Position meiner Beine zu verändern, erblickte das Hinweisschild rechts neben der Türe, vor der ich stand und las zum wievielten Mal: „Koordinatorin Sidonie Espen“ und jedes Mal ein bisschen mehr fasziniert von diesem ungewöhnlichen Namen. Sidonie, wo hatte ich den Namen schon mal gelesen, ich kam nicht drauf. Zögerlich, als würden mich meine Gedanken zurückhalten; drehte ich mich nach links. Der Gang, der die Form eines T hatte, verzweigte sich an dem Ende; das weiter von mir entfernt war nach rechts und nach links und zwar in Richtung Personalabteilung und Direktion. Abwechselnd schaute ich nun mal in Richtung Verwaltung und in die andere Richtung zum großen Fenster mit danebenliegenden Treppenaufgang, als müsste ich seit geraumer Zeit eine viel befahrene Straße an ungünstiger Stelle überqueren.

Von welcher Seite wird sie kommen? Über die Treppe der Hektischen, Nimmermüden oder mit dem Aufzug, der sich kurz vor dem Querbalken des T befand, reserviert für die Geduldigen, Nachdenklichen? Welchen Weg würde ich nehmen? Plötzlich keimte ein neuer Gedanke in mir, wurde immer größer und überschattete meine hart erarbeitete innere Ruhe. Hatten wir uns etwa direkt auf der Station verabredet? Just in dem Moment als ich versuchte mich zu erinnern, hörte ich die automatische Türe des Aufzugs sich öffnen.

Mit innerer Habt-Acht-Stellung fixierte ich die herannahende Person. Sie war es, Oberschwester Sidonie. Eine nicht sehr große, vollschlanke Frau mittleren Alters kam zügig mit festen, selbstbewussten Schritten auf mich zu. Ihre flotte, extravagante Kurzhaarfrisur, deren graue, fast schon als weiß zu bezeichnenden Haare zu sagen schienen: schaut mir in die Augen und nicht auf meine Haare, denn die Haarfarbe sagt nichts aus, sie befindet sich nicht auf einer Skala, die den geistigen und körperlichen Zustand oder Zerfall misst.

Mit einem warmherzigen Lächeln streckte sie mir die Hand entgegen, „Guten Morgen, Amber, entschuldige die Verspätung. Ein Notfall“, sie atmete einmal tief ein „ich bin noch etwas außer Atem. Nun komm erst mal kurz ins Büro.“ Die übrigen Schlüssel an ihrem Schlüsselbund klapperten beredt, wie anerkennendes Beifallklatschen, als sie den passenden im Schloss mehrmals umdrehte.

„Guten Morgen. Das macht doch nichts, ähh, ich meine die Verspätung.“ Mit dem ersten Satz schon ins Fettnäpfchen getreten, Klasse, das fängt ja gut an. Hoffentlich hat sie`s nicht gemerkt. Doch, sie hat. Sidonie drehte sich nämlich halb zu mir um mit einem, wie ich dankbar bemerkte, verständnisvollem Grinsen.

Das schmale Büro war klein, um nicht zu sagen winzig, eine Teeküche ist größer. Für den Schreibtisch war es ein leichtes das Zimmer quasi in zwei Hälften zu teilen. Sidonie zwängte sich auf ihren Stuhl und saß mit dem Rücken zum Fenster. „Bitte, setz' dich doch.“

„Gerne, danke.“ Wie bei meinem Vorstellungsgespräch fielen mir auch diesmal an der großen Pinnwand die unzähligen Dankeskarten und handschriftliche Briefchen auf. In allen erdenklichen Formaten, vom kleinen Zettelchen bis zum DINA 4-Bogen war alles vertreten. Den in unterschiedlichsten Schriften verfassten Schreiben war jedoch eines gemeinsam, der Inhalt war Ausdruck großer Dankbarkeit und Erleichterung. Daneben verbreiteten die in der unteren Ecke angehefteten Postkarten aus aller Welt einen zwar kunterbunten aber langweiligen, fast schon leblosen, eben realitätsfremden Eindruck.

Sidonie schob die Tastatur ihres Computers beiseite und belegte den freien Platz mit meiner Personalakte. Diese diente schon bei unserer ersten Unterhaltung als Gesprächsgrundlage. Kurz blätterte sie die noch wenigen Seiten um und schien den Inhalt in Sekundenbruchteile sich einverleibt zu haben, als wäre sie in der Lage diagonal zu lesen, also von der linken oberen Ecke in einer Linie bis zur unteren rechten Ecke. Dieses Verfahren hatte ich selbst schon einmal angewandt. Es handelte sich um ein sehr spannendes Buch, eine Art Thriller, aus literarischem Gesichtspunkt aber eher nicht sehr anspruchsvoll. Mit anderen Worten es ging lediglich um den Inhalt der Geschichte, als um das Vergnügen in vollendeter Dichtkunst zu schwelgen. Das Diagonallesen erfordert vollste Konzentration und strengt sehr an. Mit ein bisschen Übung und zweckdienlicher Anwendung jedoch eine Erleichterung.

Abrupt hörte Sidonie mit dem zügigen Durchforsten der Papiere auf, als wäre sie am Endes des letzten Blattes durch ein plötzliches Hindernis gestoppt worden, wie ein fahrender Zug unvermittelt anhielt, um eine mitten auf dem Gleis sitzende, verlassene Person in das Zuginnere zu holen. Sie verschränkte ihre Arme auf meinen Unterlagen und sah zu der Person, die nun mit ihr im gleichen Abteil saß.

„Es arbeitet immer eine Krankenschwester zusammen mit einer Pflegeassistentin, das habe ich dir erklärt“, begann sie ohne Umschweife. „Du wirst vor allem mit Ida Thalbach arbeiten, ich habe dir ungefähr den gleichen Turnus wie ihr gegeben, Unterschied ist, dass du keinen Nachtdienst machen musst. Ida ist eine erfahrene Krankenschwester, die dich in der Probezeit begleitet, zusammen mit Luise Steiner, die wie du Pflegeassistentin ist und dich in eure speziellen Aufgaben einweist. Sie werden vor allem deine Ansprechpartner sein. Scheue dich nicht, Fragen zu stellen. Hast du Probleme, egal welcher Art, wendest du dich sofort an sie. Bitte warte nicht ab. Ich verlange, dass eventuelle Unklarheiten unverzüglich angesprochen, ausgesprochen und gelöst werden. Ich denke das ist auch in deinem Sinne.“

Die anfängliche Strenge in Sidonies Tonfall wurden durch ihre letzten Worte sanft aufgefangen, so dass ich gehorsam, aber ohne das Gefühl gemaßregelt worden zu sein, antworten konnte, „Aber ja, natürlich.“

Etwas ruhiger und wie ich meinte auch beruhigter fuhr Sidonie fort, „Gut. Du wirst mit vielen verschiedenen Leuten arbeiten. Du musst niemanden mögen, aber auskommen musst du mit jedem. Es ist immer schwierig sich in ein schon bestehendes Team zu integrieren. Besonders wenn es wirklich ein Team ist, in dem jeder seinen Anteil leistet, Freundlichkeit und Höflichkeit eine Selbstverständlichkeit ist, wo Fairness und Toleranz großgeschrieben wird, denn wir alle haben ja das gleiche Ziel, nicht?“ Diese Frage wertete ich als rein rhetorisch und hüllte mich in Schweigen. Als hätte Sidonie nichts Anderes erwartet, sagte sie: „Vielleicht sind wir nicht das beste Team“, hörte ich da tatsächlich einen bedauernden, fast resignierten Ton heraus? „Aber wir arbeiten daran.“ Wahrscheinlich meinte sie mit „wir“ eher sich selber, als Verantwortliche des Teams, bemühte ich mich der Spur ihrer Gedanken zu folgen und nickte aufmunternd.

„Es verlangt niemand, dass du mit jedem befreundet sein musst, aber ich erwarte eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit gegenseitigem Respekt.“

„Ich verstehe.“

„Das freut mich. Nun gebe ich dir noch den Schlüssel für dein abschließbares Fach im Stützpunkt, in dem du deine Tasche oder sonstige persönlichen Dinge während der Arbeit verstauen kannst. Den Erhalt quittierst du hier.“ Sie schob mir ein einfach gestaltetes Formular hin. Durchlesen und unterschreiben ging quasi in einem.

„Dann können wir jetzt in die Station gehen. Bist du bereit für deinen ersten Tag in der Inneren Medizin?“ Mit gütigen Augen schaute Sidonie mich an, als ob sie meinen Gedanken lesen konnte, der ihre Worte umwandelte: bereit für ein neues Leben? Diesmal nickte sie mir aufmunternd zu.

Ungewollt trocken und gepresst entfuhr mir ein kurzes „Ja“, als würde mir etwas den Hals zu schnüren. Etwas, das nur Angst sein konnte, Angst zu versagen, Angst das Glück zu sehen, aber nicht fassen zu können.

„Ich bin überzeugt, dass du es schaffst und eine sehr einfühlsame Pflegeassistentin abgibst. Glaube mir.“ Sidonie hatte den geschäftsmäßigen Ton nun endgültig abgelegt und sprach zu mir wie zu einer Freundin. Es fühlte sich so an, als hätte sie verbal den Arm um mich gelegt. Für mich eine ungewohnte Situation, waren meine zwischenmenschlichen Beziehungen der letzten Jahre eher geprägt von Skepsis, Misstrauen und Argwohn. Aber ich ließ es geschehen, denn plötzlich hatte ich keine Angst mehr, ich müsste mich schützen, indem ich mich zurückzog. Einer Intuition folgend, für die ich keine Erklärung hatte, begann ich diese ungewohnt offene, heimelige Nähe zu akzeptieren, noch mehr, ich begann sie zu genießen.

„Übrigens, deine Referenzen sind sehr eindrucksvoll und auf der ganzen Linie positiv.“

Ungläubig schaute ich sie von der Seite an. Nun verstand ich überhaupt nichts mehr. Als hätte ich, irgendwann, von irgendwem, irgendwelche Referenzen bekommen. Außerdem lächelte sie mich fast schelmisch an, was mich in der Tat irritierte und wenn ich ehrlich war, mich äußerst beunruhigte.

„Ich glaube, ich bin dir eine Erklärung schuldig.“ Sidonie legte eine Pause ein, die meine innere Spannung keineswegs besänftigte. „Wir haben eine gemeinsame Bekannte. Susanna Becker.“

„Nun schließt sich der Kreis“, entfuhr es mir orakelhaft.

„Ja, vielleicht“, lachte Sidonie, „Susanna und ich besuchten das gleiche Gymnasium, aber erst in den letzten beiden Jahren haben wir uns angefreundet. Nach dem Abitur trennten sich unsere Wege, denn unsere Ausbildungen machten wir in verschiedenen Städten. Allerdings haben wir uns nie wirklich aus den Augen verloren. Wir schrieben uns, telefonierten ab und zu und sporadisch trafen wir uns. Herrliche Gespräche führten wir. Da wir uns selten sahen, hatten wir natürlich viel zu erzählen. Beide haben wir nämlich eine Faszination für den Beruf der anderen, ohne den Wunsch zu haben ihn je ausüben zu wollen. Eigenartig nicht?“

„Freundschaften sind was Wunderbares, die braucht man nicht begründen“, sagte ich, obwohl es nicht wirklich passte, aber ich wollte die vertrauensvolle Stimmung, die ich regelrecht als wohlige Wärme auf meiner Haut spürte, noch etwas anheizen, damit sie auch ja lange anhielt.

„Ja, da hast du Recht. Was ich eigentlich damit sagen wollte, ist, dass deine Vergangenheit, also deine Zeit in der Vollzugsanstalt nur mir bekannt ist und dem Chef der Pflegedienstleitung. Wir haben vereinbart, dass davon kein Wort in deiner Personalakte zu finden ist. In den Lebenslauf schreibt man ja auch nur die positiven Dinge. Ob du möchtest, dass es weiterhin ein Geheimnis bleibt“, Sidonie streckte mir beide Hände mit den Handflächen noch oben entgegen, so als würde sie mir die Bürde meines Lebens als unsichtbare Last überreichen, „liegt allein bei dir. Von mir wird niemand ein Wort erfahren.“

„Ich werde diese Sache für mich behalten.“

„Gut. Dann sind wir uns ja einig“, erwiderte Sidonie, als hätten wir gerade ein für beide Seiten lukratives Geschäft abgeschlossen. Fehlte nur noch der alles bekräftigende Handschlag.

„Danke, für die Chance die du mir gibst.“

„Ich vertraue Susannas Urteil, ich denke sie wird sich nicht in dir täuschen“, und Sidonie hatte mich mit ihrem Blick fest im Griff.

„Ganz sicher nicht“, und ich spürte förmlich, wie Sidonie den Griff lockerte und dann ganz losließ.

Ich weiß nicht wie mir geschah, aber plötzlich fühlte ich mich frei, richtig frei. Nicht diese Pseudofreiheit als sich die Gefängnistore für mich öffneten, nachdem ich acht Jahre hinter ihnen verbracht hatte. Acht lange Jahre. Acht Jahre meines Lebens, die nicht vergebens sein sollten. Sie hatten mich stärker gemacht. Überzeugter denn je wusste ich, dass mich meine Schwäche, nämlich mein fehlendes Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen (von meiner schlechten Menschenkenntnis mal ganz zu schweigen) hinter Gittern gebracht hatte. Wie paradox sich dies auch anhörte, da ich ja wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt worden war.

Dabei fing alles so luftig leicht an. Eine harmlose Liebesgeschichte mit Aussicht auf eine feste Beziehung und eine sorgenfreie Zukunft:

Jürgen Ringwaldt, Ringwaldt mit 'dt'. Sein erster Satz bezog sich lediglich auf die besondere Schreibweise seines Nachnamens. Im zweiten Satz, ohne groß Atem zu holen, schob Jürgen einen kurzen Auszug der einzigartigen Familienchronik hinterher, nämlich dergestalt, dass jede Generation mindestens einen Gymnasiallehrer oder Hochschulprofessor hervorbrachte. Im dritten Satz gab er, nicht ohne Stolz und eigenartigerweise ohne Bedauern, kund der letzte Spross der Ringwaldts zu sein.

Das war ganz grob der Inhalt seiner Sätze, mit denen er mich damals ansprach. Er hätte auch drei ganz belanglose Sätze sagen können, wie zum Beispiel, dass er als Kind nie Windpocken hatte, dass er noch nie in Nairobi Fußball gespielt hat oder dass er bei Regenwetter immer irgendwo seinen Schirm vergaß. Für mich zählte allein die Tatsache, dass er mich überhaupt ansprach, nur mich alleine. Und obwohl es mir in diesem Augenblick total unwichtig war, was er zu mir sagte, werde ich seine ersten Worte, mit denen er sich mir vorstellte nie vergessen.

Jürgen war Student, er belegte die Fächer Deutsch und Geschichte auf Lehramt. Lehramt, was auch sonst, die belehrende Art hatte er ja bereits ganz gut drauf, wurde sie ihm doch geradezu schon von Kindesbeinen an aufgedrängt. Fand ich damals übrigens sehr nett, es fiel mir jedenfalls nicht negativ auf. Noch besser gefielen mir aber sein forsches Auftreten und der leichte Hauch von Arroganz, der ihn umgab. Ein Erscheinungsbild, das so gar nicht in die altehrwürdige, mit Holztäfelungen ausgekleidete Universitätsbibliothek passte, in der ich als Gehilfin angestellt war.

Meine Arbeit bestand vor allem darin, zurück gegebene Bücher wieder richtig einzuordnen und für Botendienste zur Verfügung zu stehen. Eine Tätigkeit, die man mir, mit meinem Mittelschulabschluss und anschließenden zweijährigen Besuch einer Handelsschule gerade noch zutraute. Aber ich hatte größeres vor. Ich besuchte nämlich fleißig die Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Im kommenden Sommer wollte ich die Prüfung absolvieren. Mit meinem Verdienst hier konnte ich mir ein kleines finanzielles Polster zusammensparen. Ein Studium kostet nun mal. Vor allem Anschaffungen wie Laptop und Bücher, die man selber haben sollte, egal für welches Studienfach man sich entschied.

Den Wunsch zu studieren hatte ich nicht erst, als ich vor zwei Jahren das letzte Drittel der Oberschule anfing nachzuholen. Mein Vorhaben wurde aber seitens meiner Mutter immer als Hirngespinst abgetan. Der Besuch der Handelsschule war ihre Idee. Sie meinte es sicher gut, ich konnte ihr keinen Vorwurf machen, mich nicht unterstützt zu haben, es war nur nicht das, was ich wirklich anstrebte. Als ich meine erste Stelle als Verkäuferin antrat, wusste ich jedoch bereits nach einer Woche, dass es das wohl nicht sein konnte. Aber ich hielt durch, bis ich 18 wurde. Suchte mir eine Miniwohnung und einen neuen Job.

Der Zufall, das Glück, das Schicksal, was auch immer, verhalf mir zu der Arbeit in der Universitätsbibliothek. Hier begegnete ich tagtäglich Studenten und Professoren. Atmete die gleiche Luft wie sie, bewegte mich in den gleichen Räumen der Wissenschaften und Gelehrten wie sie, und berührte die gleichen Fachbücher wie sie. Ich fühlte mich fast schon als ein Teil von ihnen. Und irgendwann wollte ich ganz zu ihnen gehören. Zu denen die an großen Holztischen saßen, mit gesenkten Köpfen inmitten von aufgestapelten Büchern, um mit diesen eine eigenartige Symbiose zu bilden. Nach Durchsicht der Bücher und Folianten würde ich diese ebenso selbstgefällig beiseiteschieben, ohne auch nur den kleinsten Gedanken darüber zu verschwenden, wie sie den Weg ins Regal wiederfänden, denn eine andere Person musste sie wieder an Ort und Stelle bringen. Denn ich wäre ja dann eine von ihnen, eine die in ihrem Wissensdurst die Zeit vergaß und nur das Geräusch umgeblätterter Seiten zeugte von der Wichtigkeit ihres Tuns und unterstrich damit gleichzeitig ihre Daseinsberechtigung.

Ich hielt es fast nicht mehr aus. Meine Tagträume überfielen mich immer öfter und erschreckend real. Zwischenzeitlich, was allerdings nicht meiner Geduld oder meinem Lerneifer zuzuschreiben war, sondern allein der Tatsache, dass die Zeit naturgemäß in ihrer Unaufhaltsamkeit keine Kompromisse in ihrer Ablaufgeschwindigkeit eingeht, war aus dem 'irgendwann' ein 'bald' geworden. Noch ein paar Monate und ich würde mein Reifezeugnis in Händen halten, gleich darauf die Immatrikulation und dann, dann würde ich das erste Mal als Studentin die Uni-Bibliothek betreten. Diesen Moment sehnte ich herbei, die Vorstellung allein ließ mich vor Freude zittern. Ich wäre nicht mehr Luft für sie, denn eine andere Bedienstete - deren Namen man nicht kannte, weil niemand je danach gefragt hatte - würde ja dann dafür Sorge tragen, dass auf wundersame Weise immer ein leerer Rolltisch für die Ablage der nicht mehr benötigten Bücher zur Verfügung stand. Fantastisch dieser Gedanke! Insgeheim nahm ich mir aber vor, meine Nachfolgerin freundlich anzulächeln und sie nach ihrem Namen zu fragen.

Was genau ich studieren wollte, war in diesem Moment für mich eher nebensächlich. Wichtig war nur das Gefühl der 'Dazugehörigkeit' zu erleben, also der Kaste der Elite anzugehören. Und natürlich Freunde finden. Bei dieser Masse von Studenten, ein Kinderspiel. War ich mir sicher. Mit dem finanziellen Polster, das ich mir mit meiner Arbeit ansparte und mit dem eventuellen Erhalt von Studienbeihilfe konnte ich mir das gesellschaftliche Leben mit meinen Kommilitonen außerhalb der Hörsäle locker leisten.

Und dann geschah das unfassbare. Jürgen sprach mich an. Und noch bevor ich ganz hin und weg war – und auch noch bevor ich auf seine Einladung zum Kaffee mit ja antworten in der Lage war – dachte ich, irrwitziger Weise, jetzt muss ich doch keinen Studentenausweis fälschen. Das war nämlich meine zweite Option, zugegebenermaßen noch nicht bis in Detail ausgefeilt, falls das mit dem Abitur nicht klappen sollte.

Jürgen gefiel mir ausgesprochen gut, obwohl, wenn ich ehrlich bin, hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich den Schwarzhaarigen mit dem coolen Pferdeschwanz und den sanften blauen Augen genommen. Mit seiner bunten Umhängetasche aus dem 3.Welt-Laden zog er sich immer in den hintersten Winkel zurück, als ob er dort die „Bitte Ruhe“-Aufforderung am besten nützen konnte, weil sie nur dort korrekt zum Zuge kam.

Jürgen war dunkelblond. Ein Mittelscheitel teilte die geraden Haare, die bis über die Ohren reichten. Mit lässiger Bewegung und ausgespreizten Fingern der rechten Hand kämmte er die ins Gesicht gefallenen Haare oft, um nicht zu sagen ständig, zurück. Sah sehr schick aus, wenn man den Gedanken ganz ungezwungen beiseiteschob, es könnte der Anfang einer Manie sein. Er war außerdem äußerst gesprächig und ich hing an seinen Worten, den Worten eines Studenten. Ein Hauch von der letzten Vorlesung schien ihm anzuhaften. Ich war mir sicher mit ihm hatte ich bereits einen Fuß in der Tür zum Auditorium Maximum. Er würde mich und meinen Wunsch zu studieren verstehen. Ein Vorhaben, das meine Mutter immer kopfschüttelnd als Spinnerei abgetan hatte. Und nun saß ich hier in diesem auf alt gemachten schnuckeligen Tagescafé, das vor allem von Studenten frequentiert wurde und plauderte mit einem solchen über die Eigenartigkeiten von Professoren. Vor allem hörte ich natürlich zu, zeigte mein schönstes Lächeln und überzeugte durch kurze amüsierte Lacher, die ich, wie ich hoffte, zum richtigen Zeitpunkt einsetzte. Zumindest in meinem Bemühen zu gefallen steckte sehr viel Ehrlichkeit. Ich musste mich nicht verstellen. Ich war ich und ich fühlte mich wohl in Jürgens Gegenwart. Und war es nicht unglaublich? Ein Student begann sich für mich zu interessieren, ein angehender Akademiker machte mir den Hof, einer einfachen Bibliotheksangestellten – wobei ich das 'einfach' mehr auf meinen Beruf bezog, als auf meine Person selbst, denn in mir steckte größeres, davon war ich überzeugt.

Ich musste gestehen, in diesem Moment machte ich mir keine Gedanken, was Jürgen wohl an mir gefiel, was ihn genau bewegt hatte mich anzusprechen. Mein Ego bekam so viele Aufmerksamkeiten, so viele Streicheleinheiten wie noch nie zuvor, es kam mir gar nicht in den Sinn dies zu hinterfragen. Ganz im Gegenteil, ich begann meinen Anteil am Gespräch nicht nur mit Mimik, Lachen oder sonstigen spontanen Lautäußerungen zu bestreiten, sondern mit gezielt eingesetzten kleinen Sätzen, die signalisieren sollten: hey, ich bin nicht dumm, nur weil ich gerade nicht studiere, mit mir kann man sich äußerst anregend und intelligent unterhalten.

Ewig hätte ich da sitzen können. Alle Zeit der Welt hatte ich nicht nur, ich war auch allzu bereit sie zu investieren. An meiner heißen - was sie schon lange nicht mehr war - Schokolade nippte ich nur hin und wieder, als würde die leere Tasse auch das Ende unseres Zusammenseins einläuten. Ich sollte mich irren. Nicht einmal zur Hälfte hatte ich meine Tasse geleert, als mein Lieblingsstudent mit Blick auf seine Armbanduhr sich selbst abrupt unterbrach, 'Oh, schon so spät, tut mir leid, wenn ich dich jetzt verlassen muss, aber ich habe Mutti versprochen, ihr beim Garage entrümpeln zu helfen. Sehen wir uns morgen um die gleiche Zeit, gleicher Ort?' Ich hauchte ein fast stimmloses 'Ja'. Nun war es endgültig um mich geschehen: Wie süß war das denn! Ich schmolz dahin. Wenn er schon seiner Mutter so hilfsbereit und pflichtbewusst unterstützte, wie wird er da erst seiner Frau zur Hand gehen. Er würde sie auf Händen tragen, was sonst!

Wenn ich gewusst hätte, dass genau in diesem Moment die verhängnisvollste Zeit in meinem Leben ihren Anfang nahm, ich hätte den kalten Rest meiner Schokolade hinuntergestürzt (man soll ja nichts vergeuden) und wäre um mein Leben gerannt, jedenfalls um einen nicht unerheblichen Teil meines Lebens. Aber so blieb ich sitzen und winkte Jürgen lässig zu, als er sich an der Tür nochmals zu mir umdrehte.

Eine ganze Weile blieb ich noch sitzen mit einem wohligen Gefühl im Magen. Meine Tasse hielt ich mit beiden Händen fest umklammert und genoss in kleinen Schlucken, was von meinem ersten Rendezvous noch übrigblieb. Dass das Getränk inzwischen kalt war und zum Schluss auf der Zunge etwas bitter, nahm ich kaum zur Kenntnis.

Wir trafen uns nun regelmäßig in meiner Mittagspause oder nach seinen Vorlesungen. Die Abendschule besuchte ich weiterhin mit großem Enthusiasmus und lernte bis manchmal spät in die Nacht. Wochen vergingen. Unser Zusammensein war geprägt von liebevollen Blicken, zarten Gesten, wunderschönen Gesprächen und Spaß, ja, wir hatten auch viel Spaß. Wir lachten und wir neckten uns mit Worten und kleinen Berührungen.

Eine schöne Zeit. Und dennoch sah ich keinerlei Entwicklung in unserer Beziehung.

Ich mochte Jürgen wirklich sehr. Ob ich ihn auch liebte? Ich denke schon. Allerdings wollte ich mehr. Ich wollte seine, sozusagen, offizielle Freundin sein, seine Liebesbeziehung. Von Küsschen auf die Wange und Händchenhalten hatte ich so langsam genug! Hätte es mir nur genügt!

An einem regnerischen Mai-Tag, einer dieser die, laut Wetterbericht, zu kalt für diese Jahreszeit sind, überfiel er mich fast mit den Worten: „Am Samstag stell ich dich Mutti vor. Bist du bereit?“ Natürlich war ich bereit, mehr als bereit, ich freute mich riesig. Das musste einfach ein gutes Zeichen sein. Endlich sah ich einen wesentlichen Fortschritt in unserer eingefahrenen Beziehung. Damit wollte ich nicht sagen, dass es mit Jürgen langweilig wurde, nein, aber es war Zeit für ein bisschen mehr Pep und Würze. Und den Pfeffer sollte ich bekommen, obendrein in Form von Cayenne-Pfeffer!

Erzählt hat mir Jürgen viel über seine Mutter, ausgesprochen viel. Wenn ich jetzt richtig nachdenke, führten wir kein Gespräch, indem nicht Mutti mindestens zwei bis drei Mal erwähnt wurde. So ganz nebenbei wurde sie mir immer wieder untergejubelt. Immer wenn man ganz unbedarft über ein Thema sprach, zack! Wusste ich zum Beispiel - wehren war zwecklos - dass Mutti ein wertvolles Mitglied der Nachbarschaftshilfe war, was dem Kampf für den Weltfrieden gleichkam. Mutti war immer gegenwärtig. Überhaupt nicht mehr wegzudenken war sie. Es ging gar so weit, dass ich mich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte und ich sie von mir ganz automatisch grüßen ließ, obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht persönlich kannte. Mutti hatte sich in mein Leben eingeschlichen und breitgemacht. Ich konnte es nicht verhindern und das allein aus dem Grund, weil ich es nicht bemerkte. Mutti war ja auch eine ganz patente Frau. Für ihren Sohn tat sie alles (was nicht besonders schwierig war, denn er war das einzige Kind), obendrein war sie, laut Jürgen, die perfekte Hausfrau und eine begnadete Gärtnerin (diese Bemerkung, musste ich zugeben, hat mir etwas Angst eingeflößt, aber mein Verdrängungsmechanismus funktionierte damals wirklich einwandfrei). Als vor vier Jahren ihr Mann an einem Herzinfarkt verstarb, hatte sie nur noch Jürgen, den sie umsorgen konnte und das, wie mir schien, war zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Und Jürgen dankte es ihr, indem er treu zu ihr stand und ihr half, wo er nur konnte. Daran konnte ich wirklich nichts Anrüchiges finden.

In einer kleinen Siedlung am Rande der Stadt hatten die Ringwaldts ein einfaches Häuschen mit großem Garten. Jürgen bewohnte immer noch sein Zimmer unter dem Dach. Sein Plan war, dort eine Wohnung auszubauen mit eigenem Zugang. Und Mutti blieb im Parterre.

Für mich hieß Mutti natürlich immer noch Frau Ringwaldt. Eindruck wollte ich machen, zeigen, dass ich würdig war die Freundin des einzigen Sohnes, des Stammhalters, zu sein. Ein neues Kleid musste her und einen Friseurbesuch leistete ich mir auch. Meine innere Anspannung vor unserer ersten Begegnung war beachtlich, fast wäre ich bei der falschen (besser gesagt bei einer zu frühen) Bushaltestelle ausgestiegen. Vielleicht gründete meine Nervosität auch auf der Tatsache, dass ich eine ungeübte Busfahrerin war, ich konnte ja alles zu Fuß erreichen in meiner bisherigen kleinen Welt. Angekommen vor dem niedrigen Gartenzaun schien es mir allerdings fast, als wäre die Linie 12, mit der ich gekommen war, nur eine Verbindung zu einer anderen kleinen Welt. Und schon war er wieder da, mein Verdrängungsmechanismus.

Frau Ringwaldt selbst öffnete mir die Haustür. Jürgen stand direkt hinter ihr. Sein Kopfnicken interpretierte ich als 'Nur-Mut-damusst-du-jetzt-durch-Aufforderung' während seine Mutter mich mit dem Blick ihrer dunklen Knopfaugen von oben bis unten abtastete, als wäre ich eine zum Kauf angebotene Haussklavin. Ich wagte kaum zu atmen (geschweige denn meine einstudierte Begrüßung an die Frau zu bringen), und Jürgen, so schien mir, hielt geradezu die Luft an. Es herrschte äußerste Stille, die diesen kurzen Augenblick derart intensivierte, dass er einem wie Minuten vorkam, wie wir so gegenüberstanden und jeder auf eine Reaktion des anderen wartete.

„Das ist also die kleine Amber, die meinem Jürgen den Kopf verdreht hat“, waren dann die Worte mit denen ich nun gar nicht gerechnet hatte (vielleicht, weil ich mich und die Dinge anders sah), die aber nicht unfreundlich rüberkamen. Mit einem lachenden „Ja“ nahm ich's mit Humor und streckte ihr artig die Hand zum Gruß entgegen.

„Guten Abend Frau Ringwaldt. Danke für die Einladung. Bitte, für Sie“, und ich überreichte ihr eine kleine Schachtel teurer Pralinen.

„Sehr nett. Danke. Na, dann kommen Sie mal rein.“

Damit nahm die Geschichte ihren Lauf. Eine Geschichte, die nur eine Richtung kannte. Ich war mitten drin, ließ mich führen und auch schubsen, es gefiel mir. Ich war aufgenommen in diese kleine Familie. An diesem Abend strahlte jeder irgendwie Zufriedenheit aus. Vielleicht weil jeder das Gefühl hatte, das bekommen zu haben, was er sich gewünscht hatte. Frau Ringwaldt eine gefügige Schwiegertochter in spe, Jürgen eine Freundin, die alles für ihn tat und die seine Mutter akzeptierte und ich, ich hatte meinen Akademiker, dem ich bald an die Uni folgen würde. Wenigstens war ich nicht die einzige, die sich gewaltig getäuscht hatte.

Nun, in Unwissenheit all dessen, was die Zukunft bringen sollte, genoss ich den Abend in dieser häuslichen Idylle. Selbst der Sauerbraten mit Semmelknödeln und Preiselbeermarmelade, sonst nicht unbedingt meine Lieblingsspeise, und ohne Frage zubereitet von der besten Köchin der Welt, schmeckte mir erstaunlich gut. Unsere Unterhaltung führte uns durchs ganze Haus bis unters Dach, ums Haus herum, mehrmals über die etwas brüchige Terrasse, zickzack durch den ganzen Garten (ohne je den Gartenzaun zu übersteigen, geschweige denn einen Blick darüber zu werfen), inklusive einiger Gedenkminuten am Komposthaufen, dessen Notwendigkeit und Wichtigkeit im Laufe eines Gartenjahres nicht mehr weg zu denken war, besonders seit der gut sortierte Biomüll aus der Küche die Kompostierung beschleunigte; damit war dann auch die Verbindung zum Haus, zur Küche, zum Essen wieder hergestellt.

Verwöhnt (nur aus der Sicht des Gastgebers) wurde ich nach dem Essen mit einer Tasse Kaffee, dessen tiefschwarze Farbe mir schon beim Einschenken Herzrasen verursachte und dessen Nachgeschmack in der Tat derart bitter ausfiel, was weder Dosenmilch, noch drei Stück Würfelzucker abzumildern in der Lage waren. Jürgen half Mutti wo er nur konnte, brachte die Schüsseln mit dem Essen, trug das schmutzige Geschirr in die Küche. Ob er auch für die Stärke des Kaffees zur Verantwortung gezogen werden konnte, war ich mir nicht sicher, da sie sich beide zur fraglichen Zeit in der Küche aufgehalten hatten. Wahrscheinlich war`s Teamarbeit oder war einer nur der Handlanger, nur wer von beiden?

Dass es wirklich ein besonderer Abend gewesen war, merkte ich allerdings erst daran, wie mich Jürgen zum Abschied küsste. Derart lange hatte ich auf diesen innigen, alle Bedenken beiseiteschiebenden Kuss gewartet, dass mich dieser heftige Gefühlsausbruch völlig unvorbereitet traf. Mich regelrecht umhaute (und das in der Tat körperlich), was bei mir den Eindruck hinterließ nicht wir küssten uns, sondern er küsste mich. Es war schön, sicher, schließlich war es das, was ich wollte. Ich wehrte mich nicht, drückte mich näher an ihn, und in dem Moment als ich zur völligen Hingabe bereit war, ließ er von mir ab. Zufrieden lächelte er mich an, fuhr mit den Fingern durch seine festen Haare und warf dabei ganz leicht den Kopf seitlich nach hinten. Eine Geste, vielleicht gar schon ein Tick, den ich – zugegebenermaßen - sehr an ihm mochte. Jürgen begleitete mich noch bis zur Gartentüre und betonte, wie sehr er sich freue, dass der Abend so gut gelaufen wäre.

Endlich waren wir ein Paar. Die ganze Welt sollte es sehen, jedenfalls all diejenigen, die uns in der Bibliothek, in dem kleinen Studentencafé oder in der Mensa mehr oder weniger bewusst wahrnahmen. Ich musste gestehen, mein Bewegungs-, und Aufenthaltsradius war nicht unbedingt größer geworden, in dem wir uns Händchen haltend bewegten. Es war mir egal, es genügte mir vollkommen so wie es war. Ich hätte auch keine Zeit gehabt Jürgens Kommilitonen kennen zu lernen, geschweige denn abends auszugehen. Anfang Juli nämlich fanden die Abiturprüfungen statt, dies waren noch knapp zwei Monate. Meine Abende waren ausgebucht mit Schule und Lernen. Es regte sich auch extremer Ehrgeiz in mir (eine Eigenschaft, die sonst nicht im übertriebenen Maße in mir schlummerte), denn ich wollte die Reifeprüfung nicht nur bestehen, ich wollte sie sehr gut bestehen (mit Auszeichnung, wenn möglich). Und das nicht etwa, um bei Jürgen Eindruck zu machen, nein, das betraf nur mich allein, das war etwas Persönliches.

Für das kommende Wintersemester wollte ich mich immatrikulieren. Endgültig hatte ich mich nun für Psychologie entschieden. Meine Vorfreude auf mein Studium wuchs im gleichen Maße, wie mir die Zeit immer schneller zu zerrinnen schien. Arbeit in der Bibliothek, Lernen, Verabredung mit Jürgen, Lernen, zu Kaffee und Kuchen bei Mutti (für mich immer noch Frau Ringwaldt) eingeladen, Lernen, Abendschule, Lernen, Bibliothek.... Es musste dieser geniale erregte, angetörnte Zustand sein, der allgemein unter Stress verstanden wird. Ich befand mich in einer (für mich) eindrucksvollen Phase von Leistungsfähigkeit, die ich mir nie zugetraut hätte. Ich kam mir sehr wichtig und bedeutend vor. In den letzten zwei Wochen vor meiner Prüfung schien meine persönliche Zeitknappheit den Höhepunkt erreicht zu haben, denn ich hatte meine Lernbereitschaft nochmals kräftig angekurbelt. Ich war auf dem besten Wege, für mich eine neue Ära zu erobern. Ein neues Leben als Studentin.

Und dann geschah das Unfassbare.

Es war der Freitag vor der Prüfungswoche. Das ganze Wochenende sollte im Zeichen der Wiederholungen von Lerninhalten stehen. Jürgen hatte ich bereits im Vorfeld über meine Nichtverfügbarkeit in dieser Zeit informiert, was er leicht übertrieben fand, aber ihm trotzdem nichts Anderes übrigblieb, als mein Vorhaben zu akzeptieren. Wie überrascht war ich dann, als er Punkt 16 Uhr vor dem Eingang der Bibliothek auf mich wartete. Fast feierlich überreichte er mir eine in eine Plastiktüte eingewickelte Dose. „Von Mutti, den hat sie nur für dich gemacht. Nudelsalat, mit selbst gemachter Mayonnaise, eine ihrer Spezialitäten!“

Mit ehrlicher Freude bedankte ich mich 'bei Mutti', sah ich doch in dem Moment nur den Zeitvorteil, den mir das schon vorbereitete Abendessen verschaffte. Die letzten Tage waren, rein ernährungstechnisch gesehen, nicht sehr vielfältiger Natur, außerdem meine Mahlzeiten eher selten und mit wenig Nährgehalt ausgestattet. Dafür war mein Flüssigkeitshaushalt in einem Top Zustand. Morgens Kakao, mittags Saft und dann Tee bis zum Abwinken. An verschiedenen Teesorten mangelte es mir nie. Für jede Tageszeit, Gemüts-, und Seelenzustand hatte ich die richtige Kräutermischung parat. Ich goss mir also einen 'Gute-Laune-Tee' auf und aß den hausgemachten Nudelsalat (mit hoffentlich hoher Energie geladener Nährstoffdichte) nicht ohne Genuss. Selbst wenn ich nie verstand, warum Nudeln auch für einen Salat herhalten mussten. Die Mayonnaise lag mir zwar etwas schwer im Magen, was mich aber nicht davon abhielt, mir noch schwerere Kost einzuverleiben, nämlich meine mathematische Formelsammlung. Diese hatte ich mir selbst zusammengestellt und mit je einem Zahlenbeispiel veranschaulicht. Zum Abschluss des Abends putschte ich mich noch mit einer Kanne Earl Grey auf und gönnte mir dazu einen Englisch-Text, den ich abschrieb und dabei laut mitlas. Auch das Programm des nächsten Tages war wohl durchdacht und geplant. Der Samstagmorgen war reserviert für Erdkunde und Chemie, der Nachmittag dagegen sollte ganz im Zeichen der Biologie stehen. Das Thema „Auge“ war Gegenstand eines Großteils der Prüfungsfragen. Ganz unter dem Aspekt „Eine Fliege geht ins Kino, nach kurzer Zeit fordert sie enttäuscht an der Kinokasse ihr Geld zurück. Warum?“ tauchte ich in meine Unterlagen ein.

Laut redete ich vor mich hin, so als würde ich gleichzeitig eine dritte Person sein, der ich alles genau erklären müsste. Für einen Außenstehenden musste ich wohl den Eindruck machen, als hätte ich bereits einen Fuß in der Tür zur Klapsmühle. Für mich war es aber nur eine sehr effektive Lernmethode. Mit mir selbst zu reden war außerdem eine Gewohnheit, die ich schon als Kind praktizierte. Aufgewachsen als Einzelkind (mit einem Vater, der mich als 8-Jährige verließ und einer Mutter, die darauf hin voll berufstätig war) blieb mir gar nichts anderes übrig, eine Puppe oder ein imaginäres Geschwister durch mich sprechen zu lassen, um eine halbwegs normale Spielsituation herbei zu führen. Wenn man klein ist wird diese eigenwillige Art von Kommunikation durchaus anerkannt, gilt als phantasiebegabt oder einfach nur als süß. Ist man dann mal erwachsen werden diese lauten Selbstgespräche (meiner Ansicht nach vorschnell) mit Symptomen aus dem psychiatrischen Bereich in Verbindung gebracht. Nicht jeder der mit sich selbst redet ist schizophren, ein Spinner, ein Psycho. Es ist eine Eigenart, eine originelle Angewohnheit, total normal (für mich). Natürlich werde ich mich hüten über diese meine kleine Marotte offen zu sprechen. Man weiß ja, was geschieht, wenn Neigungen, wenn auch nur wunderliche, geoutet werden. Einsamkeit ist da noch die angenehmste Folgeerscheinung. Da bin ich doch lieber für das Bewahren von kleinen Geheimnissen, die machen mich einzigartig, erheben mich in den Status des Besonderen und vor allem, sie schützen mich vor dem Geschwätz der Leute.

Und während ich so vor mich hinplapperte und mir selbst nochmals komplizierte Vorgänge im menschlichen Körper erklärte (mein Redefluss mir gegenüber, sowie die Darlegung der Zusammenhänge ist übrigens bewundernswert professionell, liegt wohl daran, dass ich vor mir selbst keinerlei Hemmungen habe), bekam ich plötzlich, sozusagen von jetzt auf jetzt, starke Bauchschmerzen und nicht nur das, der Drang auf die Toilette zu gehen war nicht mehr aufschiebbar.

Anfangs machte ich noch meine Prüfungsangst für diese Unpässlichkeit verantwortlich. Ich legte eine Zwangspause ein, kochte Tee (eine ganze Kanne voll, diesmal allerdings nicht einer meiner „Gute-Sprüche-Tees“, nein die harte Droge sollte es sein, Kamille!) und durchstöberte meine Vorräte nach Zwieback. Als mir dann auch noch übel wurde und ich mich mehrmals übergeben musste, war ich mir sicher, dass das kein nervöser Magen mehr sein konnte. In Anbetracht meiner nicht sehr umfangreichen Kenntnisse über Krankheiten und deren Symptome tippte ich ganz spontan auf Bauchgrippe. Unangenehme Sache (allein schon der ungünstige Zeitpunkt), lässt sich aber in Griff kriegen. Ich überprüfte noch meine Temperatur, und tatsächlich hatte ich Fieber. Mit einer Wärmflasche auf dem Bauch und einem Aspirin intus nahm ich den Kampf gegen meine unsichtbaren Peiniger quasi von zwei Seiten aus auf. Über Nacht wollte ich mich auskurieren und ging früh zu Bett. Die Prüfungen begannen ja erst am Montag, also hatte ich den ganzen Sonntag für meine Rekonvaleszenz zur Verfügung, welch ein Glück ich doch hatte! (Wie naiv ich doch war!)