Hass nährt Hass - Karin Monteiro-Zwahlen - E-Book

Hass nährt Hass E-Book

Karin Monteiro-Zwahlen

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Beschreibung

Der aus Korea stammende Polizeiinspektor Hu und seine junge Assistentin Nicola daSilva übernehmen die Aufklärung des Mords an der reichen und tyrannischen Witwe Grimau, die sowohl von ihren drei erwachsenen Kindern wie auch von ihren Angestellten abgründig gehasst wurde. Unter dem Bett der Toten liegt zerbrochen die Urne mit der Asche ihres verstorbenen Mannes, in der offensichtlich etwas gesucht wurde. Was ist so klein, um in einer Urne versteckt zu werden und doch so wichtig, dass ein Mensch dafür sterben muss? Die Spuren führen erst in die elitäre Musikszene der Stadt, aber gleichzeitig weist die undurchsichtige Geschäftstätigkeit der Familie auf mögliche Wirtschaftsdelikte hin. Doch nicht nur die Ermittlungen bereiten Hu Kopfzerbrechen: Der intuitive Polizeiinspektor wird zusätzlich von seiner pubertierenden Enkelin Anni in Atem gehalten, die ihn mit seiner eigenen Identitätsfindung herausfordert. Es geht um alternative Weltanschauungen und um Intuition und Vertrauen. Schließlich entschlüsseln sich die dunklen Geheimnisse um den Hass und den Mord in der Villa Grimau aber nur dank Hus Liebe und Einfühlungsvermögens für seine Enkelin.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Karin Monteiro-Zwahlen

Hass nährt Hass

Das Geheimnis um die zerbrochene Urne

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Hass nährt Hass - Das Geheimnis um die zerbrochene Urne

Über die Autorin

Motivation der Autorin zu diesem Buch

Danksagung

1. Die irdene Urne

2. Villa Grimau

3. Am Schiltenkanal

4. Über dem Bug der Titanic

5. Ein Fischgericht

6. Jäger ohne Beute

7. Die Begnadeten

8. Das Orang-Utan-Weibchen

9. Das Land der Morgenstille

10. Die Bulgarin

11. Ein misslungener Geburtstag

12. Nur Puzzleteile

13. Das Jubiläumsfest

14. Ein neuer Verdacht

15. Das Piano

16. Das schiefe Lächeln der Madonna

17. Roter Jaspis und weiße Orchidee

18. Der Schlüssel zum Geheimnis

Verzeichnis der wichtigsten Figuren

Über den Verleger

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Impressum neobooks

Hass nährt Hass - Das Geheimnis um die zerbrochene Urne

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage Oktober 2022

© indayi edition, Darmstadt

Dilthheyweg 5

64287 Darmstadt

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Alex Zwalen, www.alexzwalen.ch/ | Dinah Jacobi

Gesamtleitung, Endlektorat und Satz: Dinah Jacobi

Lektorat: Selina Lenhard

Printed in Germany

ISBN-13: 978-3-910273-28-3

Karin Monteiro- Zwahlen

DAS GEHEIMNIS UM DIE

ZERBROCHENE URNE

Über die Autorin

Karin Monteiro-Zwahlen stammt aus der Schweiz und wohnt heute an der galicischen Atlantikküste.

Sie arbeitet freischaffend als Kultur- und

Sozialanthropologin und Übersetzerin.

Literaturblog:

deutsch: www.monteirozwahlen.wordpress.com

spanisch: www.mundiscript.wordpress.com

.

Motivation der Autorin zu diesem Buch

Die wahren Begebenheiten rund um einen tatsächlichen Witwenmord haben mich zu diesem Roman inspiriert.

Die Auseinandersetzung mit dem Mordfall hat es mir erlaubt, hemen nachzuspüren, die mir beim Schreiben immer wieder enorm wichtig sind, wie die Suche nach zersplitterten Wahrheiten oder ganz allgemein die Frage nach Gerechtigkeit.

Gleichzeitig bot die Geschichte mir die Möglichkeit, auch soziale Realitäten wie Migration, psychische Gesundheit oder komplizierte menschliche Beziehungen auszuleuchten.

In diesem Sinn ist Schreiben für mich immer auch eine Erkenntnisreise.

Karin Monteiro-Zwahlen

Danksagung

Herzlichen Dank allen, die das Manuskript gegengelesen haben und mir mit ihren kritischen Kommentaren geholfen haben, das Buch in seiner schließlichen Form zu vollenden.

Einen besonderen Dank meinem lieben Bruder, dem Kunstmaler Alex Zwalen, für das schöne Coverbild.

Danke dem Verlag indayi edition, der dieses Projekt hat Realität werden lassen.

Karin Monteiro-Zwahlen

.

Hass hat viel Probleme in der Welt verursacht,

aber noch kein einziges gelöst.

[Maya Angelou]

Bezwingt des Herzens Bitterkeit.

Es bringt nicht gute Frucht,

wenn Hass dem Hass begegnet.

[Friedrich Schiller: „Maria Stuart“]

1. Die irdene Urne

Das Unwetter tobte die ganze Nacht ununterbrochen bis in die frühen Morgenstunden. Die lokale Wetterstation verzeichnete Sturmspitzen bis zu 112 km/h – ein noch nie gemessener Rekord in Sirnastadt. Abfallcontainer wurden von den Böen weggefegt und rollten unkontrolliert durch die Straßen. In einer zentralen Verkehrsader wurde ein Teil der noch nicht abmontierten Weihnachtsbeleuchtung zu Boden gerissen, dies provozierte zuerst einen Kurzschluss und danach einen Schaufensterbrand. In der Folge musste die Karlstraße gesperrt werden und der Verkehr wurde umgeleitet. Mehrmals fiel in der Altstadt der Strom aus. In den engen Gassen breitete sich eine bedrohliche Schwärze aus, durchsetzt vom Heulen der Windstöße und dem Lärm von Gegenständen, die unsichtbar über das Pflaster rasselten und an die Hausmauern schlugen. Die Sirna war bedrohlich angestiegen und führte in hoher Geschwindigkeit dunkles Wasser voller Treibgut mitten durch die Stadt. Verschiedentlich hörte man Sirenen. Bis zum Morgen verzeichnete die städtische Polizei 328 Anrufe. Die Feuerwehr war ununterbrochen im Einsatz gewesen.

Um 8.35 Uhr ging die Meldung eines Hausarztes aus einem vornehmen Villenviertel am oberen Sirnalauf ein und vermeldete den Tod einer 72-jährigen Frau an der Nordmannstraße. Todesursache: Ersticken aufgrund mutmaßlicher Fremdeinwirkung. Polizeiinspektor Hu von der städtischen Mordkommission 2 erschien knapp fünfundzwanzig Minuten später am Tatort und ließ sich von den bereits anwesenden Streifenpolizisten über das Geschehen ins Bild setzen.

Hu hatte Anni versprochen, sie nachmittags abzuholen. Er wollte das Versprechen unbedingt einhalten. Aus dem gemeinsamen Spaziergang würde heute aber voraussichtlich nichts werden, dachte der Polizeiinspektor mit berufsbedingter Resignation, während er die herrschaftliche Villa der Ermordeten zu inspizieren begann.

Die ersten Eindrücke, die Hu gewann, ließen den Fall als wenig komplex erscheinen, aber genau deshalb als schwierig. Adelaida Grimau, eine 72-jährige Witwe und Besitzerin des bekannten Bauunternehmens Köchlin & Erben, war im Schlaf überrascht und mit ihrem eigenen Kissen erstickt worden. Die alte Frau lag in weiße Laken gebettet, als hätte sie sich zum Sterben hingelegt, die jetzt geschlossenen Augen waren zur Decke gerichtet. Das Schlafzimmer war von peinlicher Sauberkeit und strikter Ordnung. Es war in altmodischer Art mit schweren, dunkeln Möbeln ausgestattet: Ein Bett mit einem Nachttisch, auf dem ein Lämpchen stand, eine Spiegelkommode, ein Schrank und in der Ecke ein einfacher, quadratischer Tisch mit seinem dazugehörigen Stuhl. Ein Kamm und eine Haarbürste lagen auf der Kommode, eine Uhr tickte, auf dem Tisch stand eine leere Porzellanvase. Ein dunkles Kleid hing ordentlich an einem Kleiderbügel hinter der Tür. Granatfarbene Plüschpantoffeln warteten in perfekter Formation vor dem Bett auf ihre Besitzerin.

Ein einziger Gegenstand störte dieses harmonische Bild: Eine Urne aus rot-braunem Ton lag zerbrochen am Boden neben dem Bettende, und zwischen und unter den Scherben – ein kleines Häufchen grauer Asche.

Es gab vorderhand keine Indizien, dass die Täterschaft mit Gewalt ins Haus eingebrochen wäre. Türen und Fenster waren alle abgeschlossen und teilweise sogar verriegelt gewesen und es gab keine Spur von Gewaltanwendung. Auf den ersten Blick gab es überhaupt keine Spuren. Natürlich mussten die Laborergebnisse abgewartet werden, aber Hu versprach sich wenig davon. Wahrscheinlich war der Mörder unter den Bewohner:innen des Hauses zu suchen. Mit etwas Glück, dachte er, legte jemand von sich aus ein Geständnis ab, ansonsten würde es zu langen und aufreibenden Vernehmungen kommen, in denen er nach Motiven, nach Lügen und nach Verstrickungen, nach Widersprüchen suchen musste. Hu war sich bewusst, dass dies ein hoffnungsloser Fall werden konnte. Er musste sogar einen gewissen Überdruss niederkämpfen, bevor er zu seiner gewohnten professionellen Konzentrationsfähigkeit fand. Hu war ein gewissenhafter Mensch. Die Arbeit stand ganz oben auf seiner Werteliste. Weiter oben stand nur Anni.

Ein uniformierter Beamter führte Hu in ein Nebenzimmer, wo eine rundliche Frau in sich zusammengesunken und in Tränen aufgelöst in einer Sofaecke saß. Ihr grau meliertes Haar war kurz geschnitten und wohlfrisiert, um den Hals trug sie ein goldenes Kruzifix. Hu schätzte sie etwa sechzig Jahre alt.

„Carmen Camenisch, die Haushälterin, sie hat die Tote gefunden“, klärte der Beamte den Polizeiinspektor auf.

Unter Tränen und gehörigem Schnäuzen erzählte die Haushälterin dem Polizeiinspektor Hu, was sie schon den Streifenpolizisten erzählt hatte: Dass sie wie jeden Morgen um Punkt sieben mit dem Frühstück Madame Grimau habe wecken wollen, diese sei aber wie tot da gelegen, habe zur Zimmerdecke gestarrt und trotz mehrmaligem Rufen keine Antwort gegeben. Da habe sie Angst bekommen, sie habe zu schreien begonnen und sei ins anliegende Zimmer gestürzt, wo in dieser Nacht der Sohn der Witwe Grimau geschlafen habe. Der habe noch im Bett gelegen, sei aber sofort aufgestanden, um nach seiner Mutter zu sehen. Stefan Grimau sei es denn auch gewesen, der den Arzt herbeigerufen habe.

„Doktor Meyer ist unser Hausarzt. Er ist sofort gekommen“, erklärte sie und setzte etwas pedantisch dazu, als handle es sich um ein wichtiges Detail: “Meyer mit y“.

Hu wollte wissen, ob sie die irdene Urne oder die Asche auf dem Fußboden gesehen habe. Die Haushälterin suchte aufgeregt nach einem sauberen Taschentuch, bevor sie antworten konnte. Dann sagte sie aus, es sei ihr zwar etwas auf dem Boden aufgefallen, aber vor lauter Schreck habe sie gar nicht richtig hingeschaut und habe deshalb nicht wahrgenommen, was da liege.

Hu befragte sie nicht weiter. Die Frau schien unter Schock zu stehen. Er würde sich später mit ihr befassen müssen. Er kehrte ins Schlafzimmer zurück und ließ sich Zeit, um alle Einzelheiten ganz exakt zu registrieren und sie sich sorgsam einzuprägen. Dann trat er auf den Korridor hinaus und ging mehrmals auf und ab. Er betrat jedes einzelne der anliegenden Zimmer und besah sie alle genau, um dann wieder auf den Korridor hinauszutreten und noch einmal auf und ab zu gehen. Die Villa der Familie Grimau war seiner Einschätzung nach in den Anfängen des letzten Jahrhunderts erbaut worden, befand sich aber in tadellosem Zustand. Die Böden im Obergeschoß waren alle aus gediegenem Holz und waren in allen Zimmern, auch auf dem Flur, mit geschmackvollen Teppichen ausgelegt. Alles war in einem sehr hellen und leblosen Beige gestrichen, dennoch machte das Haus einen düsteren Eindruck, vielleicht der schweren Vorhänge oder der behäbigen Möbel wegen. Dieselbe akribische Ordnung und Sauberkeit, die Hu bereits im Schlafzimmer der Toten aufgefallen war, wiederholte sich in jedem Zimmer. Es gab kaum irgendwo einen Hinweis darauf, wie sich die Menschen in diesem Haus die Freizeit vertrieben, was ihre Beschäftigungen oder Vorlieben waren. Die einzige Ausnahme bildete eine Stereoanlage in einem der Schlafzimmer am Ende des Korridors. Hu fielen ein paar wenige Dekorationsobjekte auf, ansonsten gab es kaum einen Gegenstand, der nicht augenscheinlich einen Zweck erfüllte. Die nüchterne Funktionalität aller Objekte, das Fehlen all dieser x-beliebigen Gegenstände, die der Lebensalltag für gewöhnlich in jedem Haushalt anschwemmt, beschwor eine Atmosphäre von Strenge, vielleicht gar von Lustfeindlichkeit, sinnierte Hu.

Inzwischen waren seine Mitarbeitenden eingetroffen und die Neue, die erst seit einer Woche bei ihm im Dienst stand, beobachtete mit einer Mischung aus Neugierde und Achtung, wie Hu auf und ab und hin und her ging. Es war der erste Fall, bei dem sie von Anfang an dabei war und sie wusste nicht so genau, wo sie sich zu positionieren hatte. Ihre Teamkollegen Zisco und Dani hingegen machten sich sofort an ihre minutiöse Arbeit, bei der jedes Detail zählt. Hu wollte gleich mit der Befragung der Hausbewohner:innen beginnen und winkte seiner neuen Mitarbeiterin, ihm zu folgen.

Eine breite, elegant geschwungene Holztreppe führte die beiden Polizeibediensteten in den unteren Stock. Dort betraten sie durch eine offenstehende Schiebetür das sehr geräumige Wohnzimmer, wo die drei erwachsenen Kinder der Familie Grimau auf schwarz ausladenden Lederfauteuils zusammensaßen. Sie schienen lebhaft miteinander zu debattieren, verstummten aber sofort, als der Polizeiinspektor und seine Assistentin den Raum betraten. Die älteste Tochter erhob sich unverzüglich und stellte sich als Christina Herzog-Grimau vor. Hu schätzte sie trotz ihres kräftig blonden, sehr modisch gestylten Haars und ihrer betont jugendlichen Kleidung auf mindestens fünfzig. Sie trug schwarze Leggins und einen schwarzen Rollkragenpullover unter einem fuchsiafarbenen, kurzärmligen Hängekleid aus weicher Wolle. Die Farbe des Kleides wiederholte sich auf ihren Lippen, auf ihren Fingernägeln, im Gestell ihrer Brille und auf ihren Augenlidern. Über der Brust trug sie eine lange Kette aus schweren, schwarzen, ungeschliffenen Steinen, die kunstvoll mit geschmiedeten Silberplättchen durchsetzt waren. Darüber baumelte die Brille an einer feinen Goldkette um ihren Hals. Christina Herzog-Grimau pflegte sie ständig mit einer energischen Geste auf die Nase zu setzen, um sie dann unverzüglich wieder abzunehmen. Es musste sich um eine Art Tick handeln. Sie gab an, in der etwa fünfzig Kilometer entfernten Hauptstadt zu wohnen und über die Festtage anderthalb Wochen bei ihrer Mutter verbracht zu haben. Sie habe geplant, in den nächsten Tagen wieder abzureisen. Zudem erklärte sie, mit einem bedeutenden Immobilienhändler namens Herzog verheiratet zu sein, der sich als Marktexperte einen Namen in der Öffentlichkeit gemacht habe. Christina benutzte den Namen, als zücke sie einen Ausweis. Der Name Herzog Immobilien war Hu geläufig. Er glaubte, den Mann schon im Zusammenhang mit Marktanalysen im Fernsehen gesehen zu haben.

Stefan Grimau erläuterte seinerseits kurz und bündig, er sei ebenfalls verheiratet, habe zwei fast erwachsene Kinder und wohne in einem privilegierten, neu erbauten Außenquartier von Sirnastadt, wo – er betonte es mit Absicht – modernste Wohnqualität, Umweltverträglichkeit und unauffälliger Luxus optimal miteinander kombiniert waren. Er war einfach gekleidet und trug eine braune Hose unter einem sportlichen Winterpullover. Aber Hus scharfem Blick entging das teure Design der Sportuhr an seinem Handgelenk nicht. Er habe mit der Mutter Geschäftliches zu besprechen gehabt und sei deshalb, wie ab und zu, über Nacht geblieben.

„Ihre Mutter war noch geschäftlich tätig?“, staunte Hu, „sie war ja bereits über siebzig.“

„Nein, natürlich nicht, aber ich pflegte wichtige Entscheidungen, mehr der Form halber, gemeinschaftlich mit ihr zu treffen. Sie können es sich vorstellen: Meine Mutter war eine Dame in vorgerücktem Alter, die ihr ganzes Leben im Geschäft gestanden hat. Es fiel ihr schwer, das Alter zu akzeptieren. Es ging mehr darum, ihr zu zeigen, dass sie und ihre Meinung noch geschätzt wurden.“

Stefan Grimau lächelte fast entschuldigend bei diesen Worten, aber Hu registrierte ein verächtliches Grinsen, das rasch über das Antlitz seiner Schwester Christina glitt und gleich wieder verschwand.

Die jüngste Tochter, Elisa Grimau, schien vom Tod ihrer Mutter am meisten betroffen. Sie war als Einzige auf ihrem Ledersessel sitzen geblieben, während ihre beiden Geschwister dem Polizeiinspektor bis in die Mitte des stattlichen Raumes entgegengegangen waren – weniger aus Höflichkeit als im unbewussten Versuch, sein weiteres Eindringen in ihre Privatsphäre zu stoppen. Elisa verhielt sich überhaupt auffallend abwesend und beteiligte sich kaum am Gespräch. Ihre Antworten waren ausweichend, vage und sie sprach nur, wenn sie direkt angesprochen wurde. Hu meinte festzustellen, dass sie von ihren Geschwistern mit einer gewissen Herablassung bedacht wurde und sie ihren Äußerungen wenig Bedeutung beimaßen. Hingegen wirkte sie besonders nervös, seufzte mehrmals tief, während ihre Geschwister Hu Auskunft gaben, und obwohl sie sich Mühe gab, ihre Hände ruhig zu halten, rangen sie sich immer wieder ineinander. Sie gab an, unverheiratet zu sein und mit ihrer Mutter zusammengelebt zu haben. Obschon sie über ein abgeschlossenes Rechtsstudium verfügte, ging sie keiner beruflichen Tätigkeit nach. Sie wirkte deutlich jünger als ihre beiden Geschwister.

„Sie alle drei waren also zur Tatzeit im Haus“, rekapitulierte Hu, „wer war denn sonst noch anwesend?“

„Alle Bediensteten natürlich, außer der Köchin, die kommt immer erst um elf. Alle anderen haben ein Zimmer im Diensttrakt und schlafen im Haus. Sie waren also alle in der Nacht anwesend und konnten ohne Weiteres über den Korridor, welcher den Diensttrakt mit dem Hauptgebäude verbindet, ins Wohnhaus gelangen“, antwortete Christina Herzog-Grimau.

„Wer sind diese Angestellten?“

„Also“, begann sie aufzuzählen, „da ist zuerst einmal Carmen, unsere Haushälterin, dann Madeleine, das Dienstmädchen, Rosanna, das Ersatzdienstmädchen und Giorgio, der Gärtner.“

„Ersatzdienstmädchen?“, Hu gab sich irritiert.

„Tja, so geht es einem. Madeleine ist aus Unachtsamkeit von einer Leiter gestürzt und ist jetzt die dritte Woche gehunfähig. Meine Mutter musste jemanden einstellen, weil Carmen, die Haushälterin, die Arbeit nicht allein bewältigen kann. Deshalb sind im Moment zwei Dienstmädchen im Haus, wobei das eine nur in ihrem Zimmer liegt. Ich kann wirklich nur hoffen, dass das bald ein Ende hat! Man muss nämlich beide bezahlen. Meine Mutter hat darauf bestanden, dass alle Angestellten sozial versichert sind und einen legalen Arbeitsvertrag haben. Sie können das nachprüfen. Dann sehen Sie auch, was uns das kostet.“

„Wer wohnte denn von der Familie normalerweise im Haus?“

„Meine Mutter und Elisa“, sagte Christina und Elisa sah einen Moment auf, als ihr Name genannt wurde, dann sah sie wieder auf ihre Hände.

Hu rechnete im Kopf. Das waren vier – mit der Kranken fünf – Angestellte für zwei Frauen in einem zugegebenermaßen sehr großen Haus mit parkähnlichem Umschwung. Er erklärte, dass er sie einzeln zur polizeilichen Vernehmung laden müsse, und bat sie deshalb alle ausdrücklich, immer für ihn erreichbar zu sein.

„Wie bitte? Ich hoffe doch nicht verstehen zu müssen, dass jemand von uns Dreien auf der Liste der Verdächtigen steht?“, fragte Stefan Grimau auffahrend. Er war ein großer, sehniger Mann mit einem etwas eckigen Gesicht und auffallend weit auseinander liegenden Augen.

„Es gibt zurzeit noch keine Verdächtigen“, erklärte Hu, „das wäre sehr übereilt. Aber es gibt Personen, die sich zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts aufhielten und die müssen vernommen werden, weil sie möglicherweise über Informationen zur Tat verfügen. Ich hoffe nicht, dass Ihnen das zu große Unannehmlichkeiten verursacht.“

„Wenn es so ist ...“, lenkte Stefan ein, „natürlich geben wir Ihnen gerne alle Informationen, die Sie benötigen. Eine schnelle Aufklärung des Falles ist natürlich ganz in unserem Sinne. Ich denke auch, dass es nicht allzu schwierig sein dürfte, den Täter oder die Täterin in kürzester Zeit zu überführen; zumal das Tatmotiv ja völlig offensichtlich ist.“

„Ach ja?“, fragte Hu interessiert, als wäre er froh, wenn man ihm ein bisschen behilflich sei.

„Das liegt doch auf der Hand!“ Stefan lächelte gönnerhaft. „Jemand von den Angestellten hat geglaubt, meine Mutter habe Geld oder Wertsachen in der Urne mit den sterblichen Resten meines Vaters unter dem Bett versteckt. Man hat die Urne ja zerschlagen gefunden. Das ist das eindeutige Motiv, weshalb meine Mutter ermordet wurde. Ein versuchter Raubmord“, konstatierte er mit fachmännischer Vorwitzigkeit.

„Tja, ich werde das dann alles gerne zu Protokoll nehmen ...“ Hu wirkte umständlich.

„Sie wollen mich doch nicht etwa auf das Polizeirevier zitieren, als wäre ich eine Verbrecherin?“, indignierte sich nun auch die ältere Schwester. Nur Elisa hatte nichts einzuwenden.

Hu überlegte rasch: „Wenn Sie es vorziehen, können die ersten Ermittlungsgespräche auch hier im Haus stattfinden. Das wäre Ihnen vielleicht angenehmer und bringt bestimmte Vorteile für die Nachforschungen. Ich brauche dazu nur ein ruhiges Zimmer.“

Die beiden älteren Geschwister wechselten schnelle Blicke, die jüngere Schwester ließen sie nicht teilnehmen an ihrer nicht-verbalen Entscheidungsfindung.

„Sie können das Studio benützen“, sagte dann Christina. „Wenn Sie Tee oder Kaffee möchten oder sonst etwas brauchen, können Sie klingeln: Rosanna wird Ihnen bringen, was Sie wünschen.“

Hu war zufrieden. Zwar war es nicht unbedingt ein übliches Vorgehen, aber Hu war im Polizeikommissariat für unkonventionelle Ermittlungen bekannt. Sein direkter Vorgesetzter, Kommissar Bösch, hatte dazu auch schon böse Bemerkungen gegenüber dem Oberkommissar Bosshardt gemacht, aber dieser hatte nur abgewinkt und klargestellt:

„Hu ist zwar ein merkwürdiger Mensch, aber er ist zweifelsfrei einer unserer besten Männer. Solange seine Ermittlungsmethoden nicht gegen das Gesetz verstoßen und zudem Resultate zeigen, habe ich nichts dagegen einzuwenden.“

Ruth Lemartin, die Sekretärin des Oberkommissars, hatte Hu dieses Gespräch rapportiert. Ruth hatte immer ein spezielles Lächeln, einen Witz und manchmal eine Information unter der Hand für Hu. Dass der oberste Chef dann noch achselzuckend hinzugefügt hatte, Hu sei halt ein Asiat und die wären schwierig zu verstehen, unterschlug sie ihm. Sie glaubte, dass Hu in diesem Punkt irritierbar sei. Denn eigentlich hatte er seinen Chef Bosshardt ja auf seiner Seite. Zumindest, als es darum gegangen war, ob er seinen Spitznamen Hu offiziell als Name benützen könne, hatte der Oberkommissar schließlich trotz Böschs heftigem Widerstand eingewilligt.

„Künstler verwenden auch Namen, die nicht mit dem Passeintrag übereinstimmen. Es nennen ihn ja doch alle nur Hu. Es ist geradezu eine Bereinigung der Verhältnisse“, hatte der Oberkommissar seinen Mann in Schutz genommen.

„Aber wir sind keine Künstler“, hatte Kommissar Bösch beleidigt moniert. „Wir sind ein offizielles Organ des Rechtstaates und wir sind die Ersten, die für Gesetzlichkeit einstehen müssen. Es kann doch nicht einfach ein jeder sich nennen, wie es ihm grad so passt. Wo kämen wir denn da auch hin!“

„Gesetzlich gibt es kein Problem, solange auf seinem Ausweis sein richtiger Name steht und er alle amtlichen Dokumente mit seinem legalen Namen unterzeichnet“, urteilte Bosshardt und damit galt die Diskussion für ihn als abgeschlossen und Bösch gab seiner verärgerten Kritik nur noch hinter dem Rücken seines Chefs Ausdruck. Oberkommissar Bosshardt hielt Hus Namensänderung für eine Macke und Kommissar Bösch für einen Nörgelfritzen. Beidem wollte er nicht allzu viel Bedeutung beimessen.

Hu aber hatte neue Visitenkärtchen drucken lassen, darauf stand Polizeiinspektor Hu, Mordkommission 2, dann zwei Telefonnummern: Die der Zentrale der Mordkommission und seine persönliche Handynummer, zudem die E-Mail-Adresse des Polizeikommissariats. Und auch an seine Bürotüre ließ er schreiben: Polizeiinspektor Hu.

Mit dem Namenswechsel schien die Zeit vergessen, in der sich Hu mit blinder Wut gegen diesen Spitznamen gewehrt hatte, der ihm seiner asiatischen Züge wegen auf dem Pausenplatz der Primarschule verpasst worden war. Als Junge hätte er sich am liebsten das Gesicht abgekratzt, das ihn anders machte, als die anderen, die Augen kugelrund gedehnt, die Haut geweißelt. Sein innigster Wunsch hatte darin bestanden, so zu sein, wie alle anderen.

„Who is Hu?“ hatten die Kinder über den Pausenplatz gerufen, indem sie seinen langen einheimischen Namen, den er von seinen Adoptiveltern bekommen hatte, auf die erste Silbe Hu verkürzten. Das tönte chinesisch oder japanisch, meinten sie, und fanden sich lustig mit ihrem Anfänger-Englisch, mit dem sie den kleinen Asiaten peinigten, der nicht so genau wusste, woher er kam.

Der Name verfolgte ihn weiter bis aufs Gymnasium, ließ sich nicht mehr abschütteln. Hu war kurz, komisch und passend, so war die gängige Meinung. Da er sich nicht gegen den Spitznamen wehren konnte, ließ er ihn schließlich gelten, schrieb ihn sogar einmal auf ein Aufsatzheft, was ihm prompt eine Verwarnung eintrug:

„Es gibt Leute in dieser Klasse, die können nicht einmal ihren Namen richtig auf ein Heft schreiben“, rügte der Deutschlehrer, während er die Aufsatzhefte zurückgab. „Aber diese Leute werden es im Leben zu nichts bringen – zu gar nichts.“ Und die Gläser seiner randlosen Brille reflektierten bedrohlich das kalte Neonlicht des Klassenzimmers. Unter Hus Aufsatz stand gnadenlos ein Ungenügend.

Der Name aber begleitete ihn weiter bis ins Polizeikommissariat und wurde Allgemeingut der Dienstkollegen. Er tönte kollegial und schien zu passen zu dem Mann, den nur wenige näher kannten. Später kam, was Hu für sich selbst seine „große Wende“ nannte: Er machte seinen Spitznamen zu seinem einzig richtigen Namen und nannte sich nur noch Hu.

2. Villa Grimau

Die Ermittlungsgespräche im Haus zu führen, wo nicht nur die Tat begangen worden war, sondern wo alle Verdächtigen unter einem Dach wohnten, war ein großer Vorteil. Hu wusste aus Erfahrung, dass die meisten Menschen sich anders verhielten, wenn sie aufs Polizeikommissariat geladen wurden und in manchen Ermittlungen war das von Nutzen. Manchmal musste man die Menschen – ganz egal, ob sie als Täter, Zeugen oder Mitwisser in einen Kriminalfall verwickelt waren – aus ihren eigenen sicheren Wänden herauslocken. Man musste sie sozusagen in ein fremdes Territorium stellen, ins Niemandsland, da konnte man sie beobachten, wie ein Wissenschaftler, der ein Bakterium isoliert und es unters Mikroskop legt. Ein Polizeikommissariat eignete sich bestens zu dieser Art von Beobachtung. Oft lieferten die Befragten erst dann die richtigen Informationen, verschwatzten sich oder, im Gegenteil, fühlten sich freier, eine wichtige Aussage zu machen, ein Geheimnis preiszugeben. Umgekehrt gab es auch Fälle, bei denen es von Vorteil war, wenn man sich auf das Terrain der unbekannten Täterschaft begab, weil die ausschlaggebenden Informationen nur dort zu gewinnen waren. In solchen Fällen musste man sich in das Umfeld einfühlen können und einen Spürsinn für Unstimmigkeiten, Widersprüche und verdeckte Hinweise entwickeln. Der Mord an der Witwe Grimau gehörte mit aller Wahrscheinlichkeit in diese zweite Kategorie, vermutete der Polizeiinspektor.

Hu war instinktiv davon überzeugt, dass er das alte, große Haus auf sich wirken lassen musste, wollte er etwas über die Tatumstände erfahren. Er wollte seine Stille hören, seine Luft atmen und den Geräuschen lauschen. Häuser haben Geschichten. Je älter ein Haus ist, desto mehr Geschichten hat es erlebt. Die Geschichten stauen sich in seiner Atmosphäre, wirken auf die Art und Weise, wie Türen auf- und zugehen, wie das Holz knackt bei steigenden Temperaturen oder wie die Fensterläden antworten, wenn der Wind an ihnen rüttelt. Jedes Zimmer, jeder Treppenabsatz hat seine eigene Stimmung, die sich webt aus Farben des einfallenden Lichts, aus flüchtigen Aromen, aus längst verklungenen Wortfetzen, vergessenen Gedanken, verebbtem Gelächter. Vielleicht gab es zu Boden gefallene Tränen, Enttäuschungen, die sich zu Gespenstern verdichtet hatten, Widerstände, die die Realität beeinflussten. Hu ahnte, dass er alle Arten von Information brauchte, wollte er in diesem Fall vorwärtskommen. Aber nicht einmal zu seinen engsten Mitarbeitenden redete er über dieser Art von Information. Man hielt ihn auf dem Polizeikommissariat generell für einen intuitiven, manchmal etwas sonderbaren Menschen und das war ihm recht so. Alles andere hielt er für gefährlich. Er war sich sehr bewusst, dass die Grenzen von außergewöhnlich zu absonderlich fließend sind und immer wieder – den Umständen entsprechend – neu definiert werden. Die Einzige, mit der er sich frei über seine Intuitionen und Gedanken hätte austauschen wollen, war Anni. Aber mit Anni durfte er nicht mehr über seine berufliche Tätigkeit reden – er hatte es versprochen.

Hu ordnete an, dass die Neue mit ihm an der Nordmannstraße bleibe, während er seine beiden erfahrenen Männer, Dani und Zisco, aufs Kommissariat zurückschickte. Sie hatten noch mehr Fälle und viel Arbeit war zu erledigen.

Die junge Frau hatte sich am ersten Tag dem Team als Niki vorgestellt. Ein unmöglicher Name für einen erwachsenen Menschen und erst recht für eine Polizeibeamtin, dachte Hu im ersten Moment. Aber weil er wusste, dass sein direkter Vorgesetzte dasselbe über ihn und seinen Namen dachte, nahm er sich vor, seine neue Mitarbeiterin so zu akzeptieren, wie sie war, auch wenn es ihm nicht immer leichtfiel. Ihre offensichtliche und ausschließliche Vorliebe für Schwarz, Violett, Leder und ostentativen Silberschmuck befremdete ihn anfänglich sehr, ihre Lernbegier grenzte an Naivität und vor allem war sie irritierend jung und unerfahren.

Das Dienstmädchen Rosanna führte den Polizeiinspektor und seine Assistentin ins Studio. Es lag wie das Wohnzimmer im Erdgeschoss, aber auf der Westseite an einem kurzen Korridor, der links von der Eingangstüre wegführte. Das Zimmer war bei ihrem Eintreten völlig verdunkelt und Rosanna öffnete als Erstes die schweren Fensterläden und ließ das Fenster trotz der Kälte leicht offen stehen. Von draußen floss graues Licht in den Raum. Ein riesiger Baum stand vor dem Fenster. Wahrscheinlich ein Ahorn, vermutete Hu. Möglicherweise war dieser Raum auch im Sommer sehr dunkel; ein solcher Baumriese ließ kaum das Sonnenlicht bis zur Erde fallen. Es roch merkwürdig in dem Zimmer, ganz anders als im übrigen Wohnhaus, stellte Hu fest. Er versuchte, den Geruch zu definieren, aber das einzige Wort, das ihm dazu einfiel, war: Vergangenheit.

Das Studio war nur spärlich möbliert. In der rechten Zimmerhälfte stand ein großer, massiver Schreibtisch aus Eichenholz und ein dazugehöriger Stuhl mit einer hohen, aus Korb geflochtenen Rückenlehne. Auf dem Tisch lag einzig ein Brieföffner aus schwerem Messing, der in einem grünen Lederetui stak.In der Ecke zum Fenster hin stand eine hohe, antike Pendeluhr, vor der Niki staunend stehengeblieben war. Fasziniert betrachtete sie das golden schimmernde Pendel – ebenfalls Messing – hinter Glas und das große Zifferblatt mit den römischen Zahlen. Die Uhr stand still.

„Funktioniert sie nicht?“, fragte Niki mit Interesse das Dienstmädchen. Dieses zuckte nur gleichgültig die Schultern. In der anderen Zimmerecke, seitlich des Schreibtischs, stand eine Ständerlampe mit einem trichterförmigen seidenen Lampenschirm. Ein Schnürchen aus Glasperlen diente zum Anknipsen. Andere Möbel gab es nicht. Aber an der Wand im Rücken des Eichenpults hing eine große Kandinsky-Reproduktion unter Glas gefasst. Sie vergilbte leicht von den Rändern her. Merkwürdigerweise störte sie sich überhaupt nicht an den alten Möbeln; im Gegenteil, das Zimmer strahlte eine einzigartige Harmonie aus, gewirkt aus dem Verfallen der Zeit.

„Wir brauchen noch zwei Stühle“, sagte Hu und Rosanna entfernte sich dienstfertig.

„Wissen Sie, weshalb ich will, dass Sie hierbleiben?“, fragte Hu Niki.

„Ich nehme an, damit ich etwas lerne“, sagte sie und kam sich dabei zu ihrem eigenen Ärger wie ein Schulmädchen vor.

Hu sah zu ihr auf. Niki war grösser und, obwohl sie schlank war, breiter gebaut als er. Sie wirkte sehr kräftig und Hu wusste aus ihren Unterlagen, dass sie über eine ausgedehnte Kampfsportausbildung verfügte. Er kam in ein Alter, in dem es in diesem Beruf von Vorteil sein konnte, eine Frau wie Niki zur Seite zu haben. Aber sie verhehlte ihre Unerfahrenheit schlecht, fand er. Manchmal schien sie nicht viel reifer als Anni. Aber Anni war natürlich speziell. Er verkniff sich ein Lächeln und sagte etwas forscher als beabsichtigt:

„Natürlich sollen Sie etwas lernen. Aber hier will ich konkret, dass Sie sich ganz auf die Personen konzentrieren. Nicht auf ihr Gerede, dazu haben wir das Aufnahmeband. Ich will, dass Sie sich auf die Menschen konzentrieren, auf ihre Mimik, auf ihre Gesten, auf ihre Ausstrahlung. Ich muss mich auf die Gesprächsführung konzentrieren können. Ich muss im richtigen Moment die richtigen Fragen stellen, Schwachstellen ausfindig machen. Ich muss die Befragten provozieren können, ihre Widersprüchlichkeiten konkret werden lassen. Ich muss sie dazu verführen, die Wahrheit zu sagen. Ich muss sozusagen das Schiff steuern, Sie hingegen sollen das Fahrwasser kontrollieren. Verstehen Sie das?“

Niki nickte beflissen, aber Hu nahm sich vor, das nächste Mal weniger bildhaft zu sprechen. Ihr Gesichtsausdruck überzeugte ihn wenig.

Der Polizeiinspektor hatte eigentlich beabsichtigt, am frühen Nachmittag zuerst die Haushälterin, die die Tote gefunden hatte, zu vernehmen, aber Stefan Grimau musste – wie er behauptete – dringend ins Büro und bat deshalb, als Erster seine Informationen zu Protokoll geben zu dürfen.

Vielleicht hatte Stefan tatsächlich Wichtiges im Büro zu erledigen, wenn es am Todestag der eigenen Mutter etwas geben kann, das so wichtig ist, dass es keinen Aufschub erträgt; auf jeden Fall wusste er es geschickt auszunützen, als Erster vor Hu auszusagen. Der erste Eindruck ist immer ein prägender und Stefan gab sich alle Mühe, für Hu ein harmonisches Bild der Familie Grimau zu zeichnen. Der Sohn der Bauherrin mochte um die Fünfzig sein, aber seine Bewegungen waren locker, seine Ausstrahlung voller Energie und Selbstsicherheit. Niki vermutete einen Sportler in ihm. Er hatte auf dem Stuhl dem Polizeiinspektor gegenüber Platz genommen, lehnte sich bequem zurück und verschränkte beim Reden die Arme vor der Brust.

Sein Vater Hannes Grimau, erzählte er bereitwillig, war vor vielen Jahren nach einer kurzen und heftigen Krankheit sehr plötzlich verstorben. Es sei ein schlimmer Schlag gewesen für die ganze Familie, der aber ihre Mitglieder nur noch enger zusammengeschmiedet habe. Frau Grimau sei eine außergewöhnlich tapfere Witwe gewesen, die zusammen mit ihrem damals noch sehr jungen Sohn die Führung des großen und florierenden Bauunternehmens übernommen hatte. Sie stand bis ins fortgeschrittene Alter aktiv im Geschäft, hatte sich aber vor ein paar Jahren zurückgezogen. Als Sohn, erklärte Stefan in seiner sachlichen Art, hielt er sie noch dauernd auf dem Laufenden; erstens, weil er das für eine effiziente Alterstherapie hielt und zweitens, weil er ihr damit gefällig war. Auch die beiden Töchter, führte er weiter aus, kümmerten sich fürsorglich um die Mutter. Elisa hatte sich entschieden, im Haus wohnen zu bleiben, um die alternde Frau nicht allein zu lassen und auch Christina verbrachte immer wieder mehrere Tage in ihrem Elternhaus. Den Abend vor dem schrecklichen Verbrechen hätten sie miteinander verbracht, schilderte Stefan, indem sie alle vier im Wohnzimmer gesessen hätten, gemütlich über dies und jenes aus ihrem Leben plaudernd.

Hu interessierte sich, mehr als es Stefan lieb war, für die Geschäftssituation. Es stellte sich heraus, dass die Familie Grimau drei verschiedene Firmen besaß und Stefan bei allen dreien als Geschäftsführer amtierte. Die eine Firma war das große und bekannte Bauunternehmen Köchlin & Erben, das die ermordete Mutter Grimau bereits als junge Frau von ihrem Vater geerbt hatte. Dann gab es eine Firma Architektur & Design, die Adelaida Grimau in eigener Regie – noch vor ihrer Heirat mit Hannes Grimau – gegründet hatte und welche ihr zeitlebens besonders am Herzen gelegen hatte. Die dritte Firma nannte sich Projekt & Forschung und wandte sich mehr wissenschaftlichen Studien der Umweltarchitektur und Raumplanung zu. Dieses Büro hatte ein sehr reduziertes Geschäftsvolumen, nur drei Angestellte und war wenig rentabel. Er überlege sich, die drei Firmen zusammenzulegen, führte Stefan aus.

Ob er gewusst habe, dass sich die Urne mit der Asche seines Vaters unter dem Bett seiner Mutter befunden habe, wollte Hu wissen.

„Natürlich“, antwortete Stefan, ohne zu zögern.

Wer sonst noch davon gewusst habe, beharrte Hu weiter auf dem Thema.

„Meine Schwestern wussten das wahrscheinlich und auch die Angestellten wussten mit Sicherheit, dass eine Urne unter dem Bett stand. Schließlich muss da geputzt werden. Hingegen konnten sie nicht wissen, was diese Urne in Wirklichkeit enthielt. Und sicherlich glaubten sie, es handle sich um Wertsachen. Deshalb ist sie aufgebrochen worden. Und dabei wurde meine Mutter umgebracht.“

„Ja, diese Vermutung haben Sie schon ausgesprochen“, nickte Hu nachdenklich und Stefan fuhr fort:

„Ich denke, dass der Kreis der Verdächtigen eingeschränkt werden darf. Das eine Dienstmädchen, Madeleine, liegt mit einem kranken Bein im Bett. Darüber hinaus kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Haushälterin, Carmen Camenisch, zu einer solchen Tat fähig wäre. Sie dient seit über 40Jahren im Haus, also seit ich ein Junge war, und ich glaube, sie war meiner Mutter absolut loyal zugetan. Bleibt das neue Dienstmädchen Rosanna und der Gärtner Giorgio. Einem Mann kann man eine solche Tat wohl eher zumuten, auch wenn man heutzutage nie weiß, woran man ist.“ Er zwinkerte Hu komplizenhaft zu: “Die Frauen machen ja bald alles den Männern nach; bald sind die Frauen männlicher als die Männer.“ Dazu lachte er abgedroschen, als hätte er denselben Satz schon mehrmals so oder ähnlich formuliert.

Hu ging nicht auf die Bemerkung ein: „Wieso sollte jemand Ihre Mutter ausgerechnet dann berauben wollen, wenn sie im Bett liegt? Der Dieb musste damit rechnen, dass sie aufwacht. Alte Menschen haben oft einen leichten Schlaf. Es wäre für jemanden im Hause einfacher gewesen, die Urne am helllichten Tag zu rauben. Ihre Mutter war bestimmt ab und zu abwesend“, gab er zu bedenken.

„Ausgeschlossen“, entgegnete Stefan vehement, „meine Mutter ging kaum mehr aus und zudem wachte sie sehr aufmerksam über alles, was im Haus vor sich ging. Aber nachts pflegte sie ein Schlafmittel zu nehmen, das wussten auch alle Angestellten. Außerdem“, fuhr er gewichtig fort, „und das dürfte für Sie ein wichtiges Faktum sein, hat Pellegrini, der Gärtner, ein substanzielles Motiv neben dem Raub.“

„Ach so?“

„Ja, meine Mutter wollte ihn entlassen und sie hatte ihm dies bereits mitgeteilt.“

„Aus welchem Grund wollte sie ihn entlassen?“, hakte Hu nach.

„Na, das drängte sich so auf: Pellegrini ist bereits 58 Jahre alt und die Arbeit im Garten wird für einen älteren Mann immer mühsamer. Zudem leidet er an chronischer Ischias-Entzündung. Meine Mutter hat mehrere Apfel-, Kirsch- und Aprikosenbäume, die geerntet werden müssen. Dazu muss man eine Leiter besteigen und so weiter. Es gibt nun mal Arbeiten, die von jungen Leuten besser und effizienter ausgeführt werden. Sie sehen ja die Tragödie mit dem Dienstmädchen, das beim Putzen von einer Leiter gefallen ist. Dabei ist Madeleine bedeutend jünger als Giorgio.“

„Wie lange war denn Giorgio Pellegrini bereits im Dienst bei ihrer Mutter?“

„Ach, ich weiß nicht“, der junge Grimau verwarf die Hände, „seit Jahrzehnten, eine Ewigkeit.“

„Und ihre Mutter hätte ihn einfach so entlassen mit 58? Was sollte denn der Mann für eine Arbeit finden in diesem Alter?“

„Ach, der wird schon was finden. Er hat zwar nichts gelernt, aber er ist ein Handyman, der kann alles, der findet bestimmt was.“

„Bestimmt“, echote Hu und sah Stefan ausdruckslos in die Augen, so lange, bis dieser wegsah.

„Das wär‘s für den Moment, aber ich komme bestimmt wieder auf Sie zurück“, beendigte der Polizeiinspektor dann brüsk das Gespräch.

Dass Polizeiinspektor Hu, der die Ermittlungen im Mordfall seiner Mutter führte, ein Asiat war - Chinese wahrscheinlich - hielt Stefan für kein gutes Zeichen. Es behagte ihm gar nicht. Chines:innen waren in dieser Stadt Händler:innen, Geschäftsleute, die alles Mögliche und Unmögliche kauften und verkauften, sie betrieben kleine Läden, Restaurants oder waren an großen Kapitalbewegungen beteiligt. Es gab auch chinesische Ärzt:innen – gute sogar –, die ihre traditionelle Medizin praktizierten, es gab Scharlatane und solche, von denen man nicht wissen konnte, waren sie das eine oder das andere. Zudem gab es chinesische Massage-Salons, seriöse und dubiose. Es gab Tee-Buden und Bordelle, die von chinesischen Menschen geführt wurden und es gab Chines:innen, die davon lebten, ihre ehrlich arbeitenden Landsleute zu erpressen. Aber sie waren nicht und unter keinen Umständen Polizeiinspektoren – oder zumindest war dies Stefan Grimaus Meinung. Er drehte die Visitenkarte, die ihm Hu zugesteckt hatte, in der Hand um. Polizeiinspektor Hu - Mordkommission 2 stand darauf. Darunter zwei Telefonnummern, die eine für das Festnetz, die andere ein Mobiltelefon, zudem eine E-Mail-Adresse des Polizeikommissariats. Keine anderen Angaben. Auf jeden Fall wollte er den Polizeiinspektor bei Gelegenheit fragen, ob er wirklich Chinese sei. Nicht dass es wirklich etwas ausmachte, nur so aus Neugierde.

Nach dem Gespräch mit Stefan Grimau ließ Hu die Haushälterin bestellen. Carmen Camenisch fühlte sich unbehaglich auf ihrem Stuhl dem Polizeiinspektor gegenüber. Sie zerknüllte ein weißes Taschentuch in ihrer linken Hand, mit dem sie abwechslungsweise die Augen, die Nase und die Stirn wischte, und blickte Hilfe suchend auf Niki. Aber obwohl diese eine aufmunternde Miene zu machen versuchte, wurde die Haushälterin durch den feinen Ring im Nasenflügel und die violetten Fingernägel eher noch mehr verunsichert. Hu ließ Carmen Camenisch nochmals genau schildern, wie, wann, wo und unter welchen Umständen sie die Tote gefunden habe. Die Schilderung ergab absolut nichts Neues, aber die Haushälterin gewann zunehmend an Sicherheit in ihrer Erzählung und bald hörte sie ganz zu schnupfen auf.

„Laut Stefan Grimau hat die Verstorbene jede Nacht ein Schlafmittel eingenommen. Können Sie das bestätigen?“, fragte Hu.

„Natürlich“, entgegnete Carmen Camenisch, „es gehörte zu meinen Aufgaben, ihr das Mittel jede Nacht ans Bett zu bringen und ich bin ein in jeder Beziehung pflichtbewusster und zuverlässiger Mensch.“

„Das bezweifle ich nicht, Frau Camenisch“, beruhigte Hu die Haushälterin, „es geht mir nur darum, ob Sie bestätigen können, dass Frau Grimau das Schlafmittel auch wirklich eingenommen hat.“

„Aber sicher doch. Ich wartete immer, bis sie es geschluckt hatte, damit ich das Glas gleich wieder abräumen konnte. Dann löschte ich immer das Licht. So auch diesen Abend; es war alles wie immer.“ Carmen Camenisch wischte sich wieder eine Träne ab.

„Und mit diesem Mittel hat sie immer die ganze Nacht durchgeschlafen?“

„Ja, sie hat immer auf dieser Dosis bestanden, eben weil sie damit die ganze Nacht ohne Unterbrechung schlafen könne.“

„Wussten Sie von der Urne unter dem Bett?“, wechselte Hu das Thema.

„Nein“, wehrte die Haushälterin ab, „ich bin ja nicht zum Putzen angestellt. Unter das Bett habe ich nie gesehen. Dafür ist das Dienstmädchen zuständig.“

Ob ihr etwas aufgefallen sei am Vorabend der Tat, Stefan habe geschildert, dass die Familie einen gemeinsamen harmonischen Abend begangen habe, wollte Hu wissen.

„Harmonischen Abend?“, Carmen verschlug es beinahe die Sprache, „gestritten haben sie den ganzen Abend, aufeinander losgegangen sind sie wie Kampfhähne. Seit dem Tode des guten Grimau gibt es wenig Harmonisches in diesem Haus.“