14,99 €
Großes Herz auf Sendung – Eine Liebegeschichte, die gleichermaßen verzaubert und berührt. Chloe hat eine riesengroße Sammlung Second-Hand Pumps und immer ein paar Lakritzschnüre für den Notfall in ihrer Handtasche. Trotzdem ist sie unglücklich. Von ihren besten Freundinnen gemobbt und zuhause stets verbalen Gefechten ausgesetzt, ist aus der immer fröhlichen Chloe plötzlich eine echte "Außenseiterin" geworden. Und weil der Ärger, wenn er kommt, dicke kommt, wurde sie von ihrer Lehrerin auch noch dazu verdonnert, sich für das kränkelnde Schulradio einzusetzen. Das wird gleich von einem ganzen Haufen freakiger "Außenseiter" gemacht – und nicht mal die wollen Chloe zu Beginn bei sich haben. Außer einer … Duncan. Dank des brummigen Jungen mit den schönen Augen, lässt Chloe sich auf die Sache ein – und es wird ihr Leben verändern. Aber nicht nur ihres …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2016
Shelley Coriell
Roman
Großes Herz auf Sendung – Eine Liebegeschichte, die gleichermaßen verzaubert und berührt.
Chloe hat eine riesengroße Sammlung Second-Hand Pumps und immer ein paar Lakritzschnüre für den Notfall in ihrer Handtasche. Trotzdem ist sie unglücklich. Von ihren besten Freundinnen gemobbt und zuhause stets verbalen Gefechten ausgesetzt, ist aus der immer fröhlichen Chloe plötzlich eine echte „Außenseiterin“ geworden. Und weil der Ärger, wenn er kommt, dicke kommt, wurde sie von ihrer Lehrerin auch noch dazu verdonnert, sich für das kränkelnde Schulradio einzusetzen. Das wird gleich von einem ganzen Haufen freakiger „Außenseiter“ gemacht – und nicht mal die wollen Chloe zu Beginn bei sich haben. Außer einer … Duncan.
Dank des brummigen Jungen mit den schönen Augen, lässt Chloe sich auf die Sache ein – und es wird ihr Leben verändern. Aber nicht nur ihres …
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Shelley Corielllebt mit ihrer Familie und dem anhänglichsten Weimaraner-Hund der Welt in Arizona. Wenn sie mal nicht schreibt, backt sie kalorienreiche Torten oder gibt Schreibkurse.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER EBOOKS
Die Originalausgabe ist unter dem Titel »Welcome Caller, this is Chloe« bei Amulet Books, Abrams, New York erschienen.
© 2012 Shelley Coriell
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016
Covergestaltung: www.buerosued.de, München
Coverabbildung: Jonathan Beckerman
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402260-4
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
[Widmung]
[Motto]
1. Kapitel
2. Kapitel
SMS
3. Kapitel
4. Kapitel
GESCHENKGUTSCHEIN
5. Kapitel
PLAKAT
6. Kapitel
7. Kapitel
LEXIKONEINTRAG Sendeloch
8. Kapitel
NACHRICHT AUF DEM ANRUFBEANTWORTER
9. Kapitel
SMS
10. Kapitel
PLAKAT
11. Kapitel
12. Kapitel
NACHRICHT AUF DEM ANTRUFBEANTWORTER
13. Kapitel
LADENSCHILD
14. Kapitel
PLAKAT
15. Kapitel
INFORMATION Veranstaltungen in Minnies Wohnheim
16. Kapitel
SMS
17. Kapitel
PLAKAT
18. Kapitel
T-Shirt
19. Kapitel
REZEPT Tamales de dulce
20. Kapitel
NACHRICHT AUF DEM ANRUFBEANTWORTER
21. Kapitel
NACHRICHT
22. Kapitel
NACHRICHT
23. Kapitel
Dank
Für Lee
Manchmal bahnen sich Veränderungen fast unmerklich an, werden von einem Frühlingshauch zu dir getragen, gleiten durch die sonnengesättigten Wellen des Sommers zu dir hin, kommen mit dem raschelnden Laub im Herbst angeweht. Ein andermal bevorzugt der Wandel den direkten Weg, schlägt rasch und unerbittlich zu. Krawumm! Wie ein riesengroßer Hammer.
aus: Chloe Camden, Sei still und hör gut zu. Projektarbeit für Schüler der Jahrgangsstufe 11. Eingereicht von einer Königin ohne Schloss
Ich war für mein Leben gern ein Burrito.
Nicht das Kostüm begeisterte mich. Das bestand aus einer ekligen knöchellangen beigen Schaumstoffröhre mit kratzigen Trägern. Nein, ich genoss den Auftritt, den physischen Akt des »Burrito-Seins« oder, genauer gesagt, ich liebte es, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Und ich war gut darin.
Es war der letzte Sonntag der Weihnachtsferien, und ich stand in vollem Burrito-Outfit an der Ecke Palo Brea und Seventh Street. Die herrliche Wintersonne – eine Kreation der glücklichen Götter, die über Südkalifornien walten dürfen – schien auf mich herab. Ich winkte allen Autofahrern zu. Mal warf ich den Vorbeifahrenden eine Kusshand zu. Mal verteilte ich Gutscheine für das mexikanische Restaurant Dos Hermanas an sie. Und manchmal führte ich auch einen Burrito-Shuffle-Dance auf, und das in meinen supersexy Peeptoe-Swing-Heels.
Eine Vespa-Fahrerin hielt knatternd direkt neben mir. »Schöne Schuhe. Sind das Originale?«
Ich gab ihr einen Gutschein und schob anmutig den rechten Fuß nach vorn. »Aber sicher! Original von 1942.«
»Ebay?«
»Nope. Die hab ich aus einem Vintage-Laden an der Calle Bonita, ganz in der Nähe von Minnies Seniorenwohnheim. Eine echte Fundgrube!«
»Mjam!« Die Ampel sprang um. Das Vespa-Mädel winkte und fuhr grün vor Neid davon.
Meine silbernen Schnallen funkelten im Sonnenlicht. Ich fand es total romantisch, Schuhe zu tragen, die schon ganz andere Zeiten und Orte durchlaufen hatten, und Leder, das mehr als ein halbes Jahrhundert überlebt hatte, nötigte mir Bewunderung ab. Was für Geschichten diese Schuhe erzählen könnten, wenn sie nur eine andere Art von Zunge hätten!
Ich ging zur Straßenecke, um die letzten beiden Gutscheine zu verteilen, wirbelte dann jedoch herum, als wollte ich eine Burrito-Pirouette drehen: Ein perlweißer BMW-Cabrio hielt auf der Abbiegerspur, und am Steuer saß meine beste Freundin Brie Sonderby. Ich hatte Brie und auch Mercedes, die Dritte in unserem Bunde, seit ungefähr drei Wochen nicht gesehen, seit dem Mistelzweigball, dem besten Abend meines Lebens. Dummerweise war unmittelbar auf diesen besten Abend der schlimmste Tag meines Lebens gefolgt, als bei uns zu Hause der Dritte Weltkrieg ausgebrochen war.
Fest stand: Wenn das Leben plötzlich eine höllische Wendung nahm, brauchte man beste Freundinnen. Umso entsetzlicher war es für mich gewesen, dass ich die kompletten Weihnachtsferien ohne meine Freundinnen auskommen musste, denn Brie war mit ihren Eltern zum Skifahren nach Chamonix gefahren und Merce hatte sich an der Ostküste Eliteunis angesehen. Hier und heute nun beugte sich Brie über den Beifahrersitz ihres BMW, um auf dem Boden verstreute Papiere aufzusammeln.
»Sieht so aus, als könntest du Hilfe von einem Burrito in sexy Schuhen gebrauchen«, sagte ich.
Als sie den Kopf hob, blieb mir fast die Luft weg. Brie war nicht nur die beste Freundin, sondern auch einer der schönsten Menschen auf dem Planeten Erde, was auf heute allerdings nicht zutraf. »Was ist passiert?«, fragte ich.
Ihre Finger krümmten sich um die Papiere wie tote, ausgebleichte Korallen. »Nichts.«
Soso. Ihre Lippen hatten die Farbe und Beschaffenheit von Rinderhack, als ob sie die letzten drei Wochen darauf herumgekaut hätte. Sie sah fast so schlimm aus wie Mercedes im letzten Jahr, kurz nachdem ihre Mutter an Krebs gestorben war.
Ich nahm Bries Hand – sie war kalt wie ein Eisklotz. »Was ist los? Ist in Frankreich irgendwas passiert? Mit dir? Oder mit deiner Mom?« Ich drückte ihre Finger und wärmte sie. »Hey, Sonnenschein, rede mit mir! Ich bin’s, Chloe!«
Brie entriss mir ihre Hand. »Du bist der letzte Mensch, mit dem ich reden möchte.«
Ich stützte mich an der Autotür ab. »Gut, okay. Du brauchst ein bisschen Ruhe. Halt vor dem Dos Hermanas an und lass mich weiterfahren. Wir holen Merce ab, besorgen uns Twizzlers und …«
»Sei still, Chloe. Halt! Einfach! Mal! Die! Klappe!« Bei jedem Wort schlug sie aufs Steuer.
Ich trat einen Schritt zurück, und mein Absatz versank in einem Loch im Asphalt.
Brie presste die geballten Fäuste an die Stirn, und ihr sonst wunderschönes goldblondes Haar fiel in einem stumpfen, knotigen Wirrwarr um ihr Gesicht. »Geh weg. Ich ertrag dich grad einfach nicht.«
Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber irgendwas stimmte hier hinten und vorne nicht. »Hab ich was falsch gemacht?«, fragte ich sanft und völlig verwirrt.
»Du?« Ein merkwürdiger Laut – halb Schluchzen, halb Lachen – kam über die neuerdings wie Rinderhack aussehenden Lippen meiner besten Freundin. »Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass die Welt sich nicht nur um dich dreht, Königin Chloe?«
»Ich …« Ich wusste nicht, was ich darauf anderes erwidern sollte als: Wer bist du und was hast du mit meiner besten Freundin gemacht?
Die Ampel sprang auf Grün um. Brie setzte sich auf und warf mir einen frostig-funkelnden Blick zu. »Manchmal bist du so egozentrisch, dass es echt nicht zum Aushalten ist!«, schimpfte sie, dann trat sie das Gaspedal durch und hüllte meine Peeptoe-Swing-Heels in eine dichte Abgaswolke.
Während der BMW mit quietschenden Reifen um die Ecke bog, fielen mir die letzten Gutscheine aus der Hand. Was, bitte schön, war denn das gewesen? Wer war das gewesen? Und womit hatte ich diese Behandlung verdient?«
»Hey, Burrito-Wurst, mach, dass du aus dem Weg kommst! Wird’s bald?« Ein Typ in einem blauen Lieferwagen streckte den Kopf aus dem Fenster und hielt drohend die Faust hoch.
Unter meinem Burrito-Kostüm staute sich plötzlich eine üble Hitze. Ich torkelte auf wackligen Beinen zum Dos Hermanas. In meiner Welt ging irgendetwas Seltsames vor, und ich brauchte eine Erklärung dafür. Denn es musste selbstverständlich eine Erklärung dafür geben, dass meine beste Freundin sich auf einmal aufführte, als wäre sie vom Rinderwahnsinn befallen.
Als ich das mexikanische Restaurant betrat, sog ich die Luft ein; es roch nach gerösteten Chilis mit einem Spritzer Limette. Der Duft beruhigte mich ebenso wie der Anblick von Larry, Moe und Rizardo, den drei riesigen Pappmachépapageien über der Salsasaucentheke. Alles in diesem winzigen Restaurant war schrill, laut und fröhlich, scharf und frech. Ich fand’s großartig, genauso wie die beiden Schwestern, die es führten. Vor zwanzig Jahren haben Ana und Josie ein staubiges armes Kaff in Sonora, Mexiko, verlassen und auf der Suche nach Schuhen und einem besseren Leben barfuß die Wüste durchquert.
»Hey, Rojita, war Telefon für dich.« Josie reichte mir ein Stück gezacktes braunes Papier, wie es aus Papierhandtuchspendern rauskommt. »Klang ganz schön – wie man sagt? Sauer.«
Auf dem Papierhandtuch stand: A. Lungren rückenrufe. Sofort! Schüleberatung. Emergencia!
»Hast du Problem in Schule?«, fragte Josie.
Ich steckte den Zettel in die Tasche meines Burrito-Kostüms. »Nein.« Ich hatte keinen Schimmer, wer A. Lungren war, und ehrlich gesagt war mir ihr Notfall ziemlich egal. Ich hatte meinen eigenen Notfall.
Sei still, Chloe! Halt einfach mal die Klappe!
Was war mit meiner besten Freundin los, und warum fühlte es sich an, als hätte sie mir einen brennenden Pfeil mitten in die Brust gerammt?
Ich war für die Liebe begabt, nicht fürs Streiten.
Wenn ein Wort das andere gab und die Gefühle hochkochten, konnten sowohl meine Freunde als auch meine Familie sich stets darauf verlassen, dass ich einen guten Spruch oder einen kleinen Scherz zur rechten Zeit anbrachte. Heute jedoch nicht. Nicht nach meiner Begegnung mit dieser wütenden Zombiefrau, die sich als meine Freundin verkleidet hatte. Ich öffnete leise die Haustür, schlüpfte hinein und duckte mich, um eventuell herumfliegenden Wurfgeschossen auszuweichen.
»Du hörst mir überhaupt nicht zu!«, hörte ich Grams im angrenzenden Wohnzimmer schreien.
»Wenn du so kreischst, kann ich dich auch nicht verstehen!« Mom.
Der brennende Schmerz in meiner Brust strahlte immer weiter aus. So ging es nun schon seit dem Tag nach dem Mistelzweigball zwischen Grams und Mom. Und ich hatte keine Chance, Frieden zwischen ihnen zu stiften. Rasch zog ich meine Swing Heels aus, lief auf Zehenspitzen über den Marmorfußboden in der Diele, huschte die Wendeltreppe hoch und verschwand im schwarzen Loch. Das obere Stockwerk meines Elternhauses war kalt, dunkel und seit fünf Monaten frei von jeglicher lebenden Materie. Mich ausgenommen.
Ich ging schnurstracks in mein Zimmer, um Mercedes anzurufen, die Dritte in unserem Triumvirat. Mercedes und ich haben uns gleich in der ersten Woche der sechsten Klasse der Middleschool angefreundet, als sie mich durch tägliche Nachhilfe aus den gefährlichen Stromschnellen des Matheunterrichts gerettet hat. Ich ahnte damals nicht, dass Merce eine totale Außenseiterin war. Alles, was mich interessierte, war, dass sie klug genug war, um mir zu einer Zwei in Algebra zu verhelfen, und dass sie über meine Witze lachte. Ich hatte noch eine Million Freunde aus der Grundschule, aber Merce schloss ich ganz besonders in mein Herz. Sie gehörte zu den Mädchen, die ihre große Pause mit dem Mathebuch verbrachten, sie war allein und brauchte dringend eine Freundin. Ein Jahr später zog Brie nach Tierra del Rey und vervollständigte unser Trio. Ich weiß auch nicht, warum die mega-beliebte Brie sich ausgerechnet zu uns hingezogen fühlte. Vielleicht weil wir uns so gut ergänzten. Brie war die Schöne, Mercedes das Superhirn und ich diejenige mit der großen Klappe. Zusammen ergaben wir ein abgerundetes Ganzes.
Ich landete auf der Voicemail von Merce. »Hallo, ich bin’s«, sagte ich. »Ruf mich, so bald es geht, zurück. Es ist dringend.«
In der Hoffnung, dass Mercedes online war, loggte ich mich bei OurWorld ein. Aber als ich versuchte, auf Mercedes’ Seite zu gehen, ging ein Fenster auf, in dem KEIN ZUTRITT! stand. War das ein technischer Fehler? Ich klickte auf den lächelnden Avatar von Gabe, dem Gründer von OurWorld, dessen Gesicht immer in der oberen rechten Ecke zu sehen war, doch da stand nichts von technischen Problemen. Ich klickte auf Bries Seite. KEIN ZUTRITT!
Die beiden Worte waren leuchtend rot und sie pulsierten, so dass sie auf eine groteske Art lebendig wirkten.
Dann poppte plötzlich eine Chat-Blase neben Gabes Avatar auf. Möchtest du es bei einer anderen Freundin versuchen?, schrieb er.
»Nein, Gabe«, sagte ich. »Ich will meine beiden besten Freundinnen.« Ich klickte Gabe weg und rannte nach unten, um zu sehen, ob das Telefon in der Küche funktionierte. Aha! Vier Nachrichten auf dem AB.
»Piiieep. Guten Morgen, Chloe, hier ist Ms A. Lungren vom Del-Rey-Schülerberatungscenter. Es gibt ein Problem mit dem Thema Ihrer Projektarbeit. Rufen Sie mich sobald wie möglich zurück. Es ist wichtig!«
Und ich fand es wichtig, dass Ms A. Lungren, wer auch immer das war, mich in Ruhe ließ.
Ich hörte die anderen drei Nachrichten ab. Auch sie waren alle von A. Lungren. Als ihre nervige Stimme endlich verstummte, wurde mir die plötzliche Stille um mich herum bewusst. Sie war so ungewöhnlich, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Was war denn mit Grams und Mom los? Hatten sie einen Waffenstillstand geschlossen? Ich knallte den Hörer auf die Gabel. Wahrscheinlicher war, dass sie sich zurückgezogen hatten, um weitere Munition scharfzumachen.
Da hörte ich ein leises Quietschen aus dem Garten hinter dem Haus. Es war ein gleichmäßiges, leises Geräusch, vertraut und beruhigend. Ich ging dem Quietschen nach, vorbei am Springbrunnen, am Pool und an den terrassenförmig angelegten Blumenbeeten bis zur Hausseite, wo ich schließlich auf Grams traf. Sie saß auf meiner alten Kinderschaukel und zog ihre orangen Chucks beim Vor- und Zurückschwingen durch den feinen Kies.
Die Schaukel ächzte, als ich auf den ausgebleichten Plastiksitz neben ihr sank und Schwung holte. Brie hatte sich in einen Zombie verwandelt und war sauer auf mich. Merce war wie vom Erdboden verschluckt, und Gabe wollte mich zu anderen Freunden weiterleiten. Ich holte mehr Schwung. Die Ketten quietschten, und Rost rieselte herab.
Grams und ich schaukelten synchron, aber sie sagte kein Wort. Normalerweise merkte sie es sofort, wenn ich am Boden zerstört war, und versuchte mich auf ihre Art aufzuheitern. Ich schaute zu ihr hin und bemerkte da erst, dass sie die Schultern hängen ließ. Sie sah aus, als wäre auch ihr von ihrer besten Freundin ein Bajonett in die Brust gerammt worden. Ich schob die Erinnerung an Bries frostigen Blick beiseite und fragte: »Was ist los?«
Grams blieb lange Zeit stumm. Dann sagte sie: »Ich hab mir den Wagen von meiner Nachbarin ausgeliehen.«
»Hmmmmm«, machte ich. Jetzt wusste ich auch, warum Mom an die Decke gegangen war.
»Warum zum Teufel können mich nicht einfach alle in Ruhe lassen?«, fragte Grams. »Ich bin’s leid, dass sich alle in meine Angelegenheiten einmischen. Das geht nur mich was an! Mich allein!«
Grams wollte mich nicht anschreien. Das war mir klar. Sie war einfach in letzter Zeit sauer auf alles und jeden. Ich hörte auf, Schwung zu holen, und ließ die Beine baumeln. War das auch Bries Problem? Die Stimme meiner besten Freundin zischte in meinem Kopf: Manchmal bist du so egozentrisch, dass es echt nicht zum Aushalten ist! War Brie auf jemand anderen sauer und ließ es nur an mir aus?
Wir wurden langsamer, und Grams trat in den Kies, so dass graublaue Steinchen aufflogen.
Meine Eltern und meine fünf älteren Brüder lösten Probleme mit ihrem brillanten wissenschaftlichen Verstand. Ich als Rebellin der Familie beschritt einen anderen Weg. »Was für einen Wagen fährt sie denn?«, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue.
Grams stieß erneut ihren Schuh in den Kies. »Einen Roadster, einen Mazda MX-5.«
»Rot oder weiß?«
»Rot.«
»Mit oder ohne Spoiler?«
Ihr Mundwinkel zuckte. »Mit.«
Ich wartete. Dieser Satz verlangte geradezu nach einer Kunstpause. »Immerhin besser als der Dodge Duster, den du letzten Monat geknackt hast.«
Ihr Gesicht legte sich in tausend Falten und sie lachte wie erwartet, auch wenn das alles eigentlich gar nicht lustig war. Der schöne Bundesstaat Kalifornien hatte ihr vor zwei Monaten die Fahrerlaubnis entzogen, nachdem sie in einen Geldautomaten gerast war.
»Was hältst du davon, ins Schneckenhaus zu fahren?«, fragte ich. Und bevor sie etwas dagegen einwenden konnte, fügte ich hinzu: »Wir könnten Kartoffelauflauf machen und uns Legenden der Leidenschaft ansehen.«
Grams starrte auf den Kies hinab, doch ihr abwesender Blick verriet mir, dass sie etwas ganz anderes sah als graue und blaue Steinchen. Wo war sie? Ich nahm ihre Hand. Papierne Haut über alten Knochen. »Grams?«
Sie klimperte mit den Augenlidern. »Hm, ja?«
Meine Augenbrauen hüpften nach oben. »Du, ich, Kartoffelauflauf und Brad Pitt. Na, wie klingt das?«
Grams tätschelte meine Hand und war plötzlich wieder ganz die alte. Schiefes Grinsen. Augen, die schon mehr als achtzig Jahre gesehen hatten, aber bereit waren für mehr. »Du bist die Beste, Chloe.«
»Das findet Brie momentan gar nicht«, sagte ich mehr zu mir selbst als zu Grams. Und wer konnte wissen, was in Mercedes vorging?
KEIN ZUTRITT!
»Wieso? Was ist denn passiert, Poppy?« Grams schob mir eine Locke hinters Ohr. Bei meiner Geburt hatte sie mir den Spitznamen Poppy – Mohnblume – gegeben, wegen meiner orangeroten Haare. So rot und weich und wellig wie eine Handvoll Mohnblumenblütenblätter. Die Haarfarbe war mir erhalten geblieben, und der Name auch. Grams hatte mich in den ersten sechs Jahren meines Lebens praktisch großgezogen, weil meine Arzt-Eltern beide super viel Arbeit hatten. Damals gab es nur wenig, was Grams nicht über mich wusste. Und so ist es bis heute geblieben.
Ich spielte mit der Locke an meiner Wange. »Findest du, dass ich egozentrisch bin?«
»Du? Nein, auf keinen Fall. Du rettest mich aus den Klauen deiner Mutter, du machst mir Kartoffelauflauf und du servierst mir Brad Pitt als Beilage. Warum also die Frage?«
»Brie hat gesagt, ich würde mich benehmen, als drehte sich die ganze Welt nur um mich.«
Grams tätschelte mir die Wange. »Du stehst gern im Rampenlicht, sicher. Aber auf eine nette Art. Du hast ein gutes Herz, bist liebenswürdig und hast Humor. Sollte Brie das anders sehen, ist das ihr Problem.«
Meine Zehen bohrten sich in den Kies. »Nein, es ist, äh, irgendwie eher mein Problem.«
»Wieso?«
»Weil wir Freundinnen sind. Beste Freundinnen.«
»Und?«
»Jeder Mensch braucht beste Freunde.« Ich wedelte mit den Armen durch die Luft. »Wie Sauerstoff. Ohne würde ich sterben. Denn dann wäre ich ganz allein.«
Grams schnaubte. »Seit wann ist allein zu sein denn so was Schlechtes?«
An: Kö[email protected]
Von: [email protected]
Betreff: DRINGEND: Ihre Projektarbeit – Tückische Tussen
Ms Chloe Camden:
ich habe wiederholt versucht, Sie während der Weihnachtsferien telefonisch zu erreichen. Leider ohne Erfolg. Ihr früherer Beratungslehrer (Mr Hersbacher) ist in Frühpension gegangen, und ich übernehme ab sofort seine Schüler.
Beim Durchsehen Ihres Projektarbeitantrags für Schüler der Jahrgangsstufe 11 (LSS 11), den Sie am 15. September eingereicht haben (Tückische Tussen – Meisterinnen der Intrige in Daytime Soaps), bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieses Projekt NICHT den Kriterien entspricht, die in Absatz 2, 5 und 6 der Richtlinien beschrieben sind. Wie Sie sicher wissen, wird es in Ihrem Abschlusszeugnis vermerkt, wenn Ihre Projektarbeit als »nicht bestanden« bewertet wird. Die Frist für die Annahme von Projektanträgen läuft morgen Abend um 19 Uhr ab.
Bitte kommen Sie morgen früh als Erstes in mein Büro (Raum 107), um Ihr neues Thema abzuholen. Ich freue mich darauf, Sie bei der Bearbeitung dieses nicht einfachen, aber auch ungeheuer lohnenden Projekts zu unterstützen, das Ihr Leben und das anderer verändern wird.
Anne Lungren
Beratungslehrerin, Del Rey School
_ _ _
Sei du selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst – Gandhi
»Setzen Sie sich.«
A. Lungren, meine funkelnagelneue Beratungslehrerin, zeigte mit einem spitzen Finger auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.
Ich hatte so gar keine Lust auf das alles. Nennt mich übellaunig, aber da eine meiner Freundinnen mich am Vortag als egozentrisch beschimpft hatte, war ich ein winziges bisschen empfindlich. Ich kapierte immer noch nicht, was während meiner Burrito-Schicht da draußen auf der Straße zwischen Brie und mir passiert war. Ich hatte abends acht Nachrichten auf ihrer Mailbox hinterlassen. Aber sie hatte nicht zurückgerufen. Und als ich am Morgen bei ihr vorbeigefahren war, hatte niemand aufgemacht. Dasselbe bei Merce.
KEIN ZUTRITT!
Nur A. Lungren zeigte Interesse an mir. »Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos«, sagte meine neue Beratungslehrerin und beugte sich über den Schreibtisch. Mit ihrem zuckenden Näschen und ihrer hochgeschobenen Brille erinnerte sie mich an eine Katze; so eine von der nervigen Sorte, die sich einem um die Beine windet und Katzenhaare auf türkisen Wildleder-Slouch-Boots von 1984 hinterlässt. »Aber ich bin für Sie da, Chloe. Das ist Ihnen doch klar, oder? Sie sind nicht allein. Wir werden Sie gemeinsam aus dem riesigen Loch herausholen, in das Sie mit Ihrem LSS geraten sind.«
»Sicher.« Ich suchte das Bücherregal hinter ihr nach Weingummi ab, denn das wäre der richtige Moment für eine Handvoll Weingummi gewesen. Wenn ich meinen früheren Beratungslehrer, Mr Hersbacher, besucht hatte, hatte er mir immer Weingummi aus der alten Tabakdose angeboten, die hinter ihm im Regal stand. Dann hatten wir uns über seine Füße unterhalten. Als ich Mr H. in meinem ersten Jahr an der Highschool kennenlernte, quälte ihn gerade ein Knochensporn am Mittelfuß, und ich hatte ihn mit meinem Vater zusammengebracht, der Podologe ist. Seitdem war unser Verhältnis immer erfreulich schmerzfrei gewesen. Meine neue Beratungslehrerin hatte keine Dose mit Weingummi im Regal, nur einen billigen Metallbilderrahmen mit ihrem Collegediplom drin. Ich nahm es blinzelnd genauer unter die Lupe. Na toll. Die Tinte war noch nass. Sie war brandneu hier und dachte noch, sie könnte die Welt verbessern, indem sie einen fehlgeleiteten Schüler nach dem anderen auf den rechten Weg brachte.
Ich schlug die Beine übereinander und genoss den Anblick meiner lackledernen schwarzen Wing Tips von 1948. Nach dem Gespräch mit Brie vom Vortag brauchte ich eine Aufmunterung. Was ich nicht brauchte, war A. Lungren, die meine Welt verbessern und sich in meine absolut perfekte Projektarbeit einmischen wollte.
Die Schüler der Del Rey School waren angehalten, sich in der Jahrgangsstufe 11 eingehend mit einer Projektarbeit zu befassen, für deren Thema sie sich brennend interessierten. Dann mussten wir einen zwanzigseitigen Bericht über dieses Projekt schreiben und eine fünfzehnminütige mündliche Präsentation vor Lehrern und Gleichaltrigen halten. Man konnte bei diesen Projekten nur entweder bestehen oder durchfallen, und ich hatte keinen Zweifel daran gehabt, dass ich bestehen würde. Im Universum der Camdens war, was akademische Herausforderungen anging, ein Scheitern nicht vorgesehen.
»… finden Sie nicht auch, Chloe?« A. Lungren sah mich mit ihren großen Katzenaugen an.
»Äh, was bitte?«
»Wir sprachen gerade über die Probleme mit Ihrem aktuellen Projekt. Haben Sie nicht zugehört?«
»Wieso? Ich finde an Tückische Tussen nichts falsch.«
A. Lungren räusperte sich, als würgte sie an einem Fellknäuel herum. »Lassen Sie es mich noch einmal erklären. Erstens ist das Thema ›Weibliche Bösewichter in Soaps‹ inakzeptabel.«
»Aber das ist ein Thema, für das ich mich brennend interessiere«, wehrte ich mich. Schon bevor ich laufen lernte, hatte ich mir Seifenopern im Fernsehen angeguckt, zusammen mit Grams, die einen Blog über bekannte TV-Soaps betrieb, der sich Unsere Lieblingssoaps – Klatsch und Kritik nannte. »Man soll sich bei der Suche nach dem Thema von dem leiten lassen, was einen am meisten interessiert, so steht es in den Richtlinien, und …« Ich hielt den Atem an. Aus Soaps hatte ich eine ganze Menge über dramaturgisch geschickte Arten, etwas vorzutragen, gelernt. Beispielsweise über die Wirkung, die eine Kunstpause entfalten konnte, oder Worte, die zwar nie ausgesprochen wurden, aber die ganze Zeit als Drohung über dem Geschehen schwebten. Ich schlug die letzte Seite meines Notizbuchs auf, das ich zu diesem Projekt angelegt hatte. »… außerdem hat mein früherer Beratungslehrer das Thema schon abgesegnet. Hier ist seine Unterschrift.«
Ha! Was sagst du jetzt, kaltherzige Killerkatze?
A. Lungren zog die pelzigen Augenbrauen hoch und riss einfach die entsprechende Seite aus meinem hellblauen Notizbuch. Es klang, als risse sie die Welt entzwei. »Mr Hersbacher ist nicht mehr hier. Ich aber schon. Und ich sage Ihnen, Seifenopern zu gucken ist weder ein sinnvoller Beitrag zu unserem Gemeinwesen, noch gibt es Ihnen irgendeine Gelegenheit, Ihre Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, noch bietet es Ihnen die Möglichkeit, positive Veränderungen oder Handlungen zu vollziehen.«
»Aber …«
»Kein Aber. Nach allem, was ich so höre, war Mr Hersbacher in den letzten drei Jahren viel zu nachsichtig mit Ihnen. Meine Kollegen sagen, Sie wären eine seiner Lieblingsschülerinnen gewesen. Mag ja sein, dass Sie ihn so lange bezirzt haben, bis er das Thema durchgewunken hat, aber ich habe Rücksprache mit dem Prüfgremium für Schüler-Projektarbeiten gehalten und auch dort wurde das Thema als inakzeptabel eingestuft. Bis heute Abend, 19 Uhr, muss ein neues Thema vorliegen.«
A. Lungren klappte mein Notizbuch so schwungvoll zu, dass mir ein Luftschwall ins Gesicht blies.
Getuschelte Worte waberten durch die Räume der Del Rey School wie die hauchdünnen langen Tentakel einer Qualle. Sie trugen leuchtende Röcke in funkelndem Blau, elegantem Schwarz und prächtigem Gelb. Ich flüchtete aus diesem lachhaften Treffen mit meiner Beratungslehrerin und bemerkte dieses Getuschel zuerst gar nicht, weil ich so auf eine Sache konzentriert war.
Brie und Mercedes finden. Ich muss Brie und Mercedes finden.
BRIEUNDMERCEDESFINDEN.
Freundinnen brauchten einander, wenn Beratungslehrerinnen ihnen mit scharfen Katzenkrallen ihre Projektvorschläge schredderten. In meinem Hals bildete sich ein Kloß, während ich über das Schulgelände zu unserem Baum eilte.
Die Del Rey School war riesig. Mehr als ein Dutzend Gebäude waren von Rasenflächen mit schattenspendenden Bäumen umgeben, und überall hatten die diversen Schülercliquen bereits seit langer Zeit ihre Territorien abgesteckt. Die Sportskanonen trieben sich vor Haus 2 rum, die Musikfreaks an den Tischen vor der Bibliothek, und die Kiffer taten das, was sie immer taten, in der Nähe der Autowerkstatt. Brie, Merce und ich nannten die Birkenfeige im Innenhof, einen der begehrtesten Plätze draußen, unser Eigen. Jeden Tag vor dem Unterricht trafen wir uns unter »unserem« Baum. Jeden Tag. Aber als ich nach dem Gespräch mit A. Lungren dort ankam, waren sie nicht da.
Um mein Herz legte sich eine eiserne Faust.
Und da bemerkte ich auch plötzlich das Getuschel.
»Ist sie das?«
»Ja. Das ist Chloe.«
Ich wirbelte herum. Die beiden Mädchen, die über mich gesprochen hatten, gingen an mir vorbei. Sie hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und redeten leise miteinander, aber gerade so laut, dass ich hören konnte, wie die eine nach Luft schnappte und die andere giggelte.
Dann fiel mir noch etwas Seltsames auf. Niemand hatte an meinen Locken gezupft und »Hallo, Chloe, ich wünsche dir einen schönen Montag!« gerufen. Niemand hatte auf meine Schuhe gezeigt und »Suuuuper!« gesagt.
Es klingelte zur ersten Stunde. Ich blieb wie erstarrt stehen. Allein. Bis auf die Tentakel des Getuschels.
Am Mittag ging ich rasch in die Cafeteria und erspähte Brie und Merce an Tisch vierzehn, »unserem« Tisch. Wenn die Cafeteria ein Schloss war, war Tisch vierzehn der Thron. Königin Brie hatte seit unserem ersten Jahr an der Schule dafür gesorgt, dass unser Trio dort Platz fand.
An diesem Mittag gaben Brie und Merce ein völlig normales Bild ab, während sie dort saßen und lachten und sich mit den anderen Lieblingen der Schülerschaft unterhielten. Die Schraubzwinge um mein Herz lockerte sich etwas. Das Getuschel und die Beleidigungen, die ich mir gestern und heute Morgen eingebildet hatte, waren zweifellos nur eine Nebenwirkung von zu vielen Daytime-Dramen.
Ich steuerte schnurstracks auf meine Freundinnen zu. »Wollt ihr mal was Lustiges hören?«, fragte ich und wedelte mit dem Schnellhefter, den A. Lungren mir mitgegeben hatte. »Meine neue Beratungslehrerin hat die Tückischen Tussen abgelehnt und schlägt vor, dass ich stattdessen ein Projekt über eine Blutbank der örtlichen Gemeinde mache.«
Mercedes lachte ihr Seehundlachen, das ich in den letzten sechs Jahren so gut wie täglich gehört hatte. Es klang wie heiseres Bellen. Einfach göttlich. »Nein!«, sagte Merce.
»Doch.« Blut war ja in Ordnung. Weil notwendig. Das Problem war allerdings, dass ich kein Blut sehen konnte – ein weiterer Hinweis auf meine genetische Mutation. Mein Podologen-Vater und meine Herzchirurginnen-Mutter hatten keine Probleme mit Körperflüssigkeiten der roten Art, ebenso wenig meine fünf Arzt- und Assistenzarzt-Brüder. Selbst Grams konnte eine Folge von General Hospital sehen, ohne ohnmächtig zu werden. Ich dagegen nicht. »Rutsch rüber«, sagte ich und zeigte auf die überfüllte Bank. »Ich kann ein bisschen Zuspruch gebrauchen.«
Das Geplauder und das Rascheln der Lunchtüten am Tisch verstummten.
»Kein Platz.« Brie schob sich eine Frühlingsrolle in den Mund.
»Kein bisschen«, kam das Echo vom anderen Ende des Tisches.
»Wie bitte?«, sagte ich und hielt mir die Hand ans Ohr wie ein Clown im Varieté.
Niemand schenkte mir ein Lächeln. Mercedes untersuchte eifrig ihren Veggie-Burrito. Ich wusste, dass er vegetarisch war, weil Mercedes jeden Montag einen aß. Beste Freundinnen wissen so was.
»Was geht denn hier ab?«, fragte ich. Alle Blicke wanderten zu Brie, die in die nächste Frühlingsrolle biss. Es war so still, dass ich hören konnte, wie ihre Backenzähne Reis und Seetang zermalmten.
Mercedes legte ihren Burrito ab. »Tut mir leid, aber du bist nun mal zu spät. Wir konnten dir nichts mehr freihalten.«
»Hallo? Ich komme zu spät, weil ich eine halbe Stunde vor Bries Schließfach auf euch gewartet habe. Warum seid ihr denn ohne mich los?« Die Panik, die den ganzen Morgen an meinen Wing Tips genagt hatte, schoss nach oben und entwich über meine Zunge. »Und wo wart ihr heute Morgen? Was habt ihr eigentlich alle? Warum tuscheln die Leute über mich?«
Brie schwenkte ihre Serviette in Richtung Tisch einundzwanzig, an dem die Neuntklässler saßen. »Warum versuchst du es nicht mal da drüben?«
Wie aufs Stichwort senkte eine nach der anderen am Tisch den Kopf, wie nickende Marionetten. Brie hatte diese Wirkung auf andere. Wenn sie sagte: »Spring!«, dann sagten sie: »Willst du lieber einen Delphinsprung oder eine Schraube sehen?«
Beinahe hätte ich gelacht. Und ich hätte es tun sollen. Aber Brie meinte es ernst. Die Schulglocke läutete, und den ganzen restlichen Tag über hörte ich weiter dieses Getuschel, in dem mein Name fiel. Nach Schulschluss schnappte ich Fetzen eines Gesprächs auf, das in der Schließfachreihe hinter mir geführt wurde.
»Brie meinte … Mistelzweigball …«
»… ih, wie eklig! Und dann hat Brie …«
Ich lugte um die Schließfächer herum. »Und dann hat Brie was?«, fragte ich lächelnd. »Ich würd’ gern mitlachen, wenn’s gestattet ist.« Weil das ganz einfach ein Witz sein musste. Ich wurde von meinen beiden besten Freundinnen gedisst. Und die gesamte Schule zerriss sich das Maul über mich.
Die Mädchen klappten ihre Schließfächer zu und gingen eilig weg, wobei sie mich beäugten, als wäre ich nicht ganz zurechnungsfähig.
Ich schlug die Tür meines Faches zu und hatte gerade den Entschluss gefasst, Brie zur Rede zu stellen, als A. Lungren sich auf Katzenpfötchen anschlich.
Böse Killerkatze. Verschwinde. Am besten auf Nimmerwiedersehen.
»Gut, dass ich Sie hier finde, Chloe«, sagte A. Lungren. »Ich hab gerade noch von einer anderen möglichen Projektarbeit hier auf dem Schulgelände erfahren.«
Als ich das Wort »Projektarbeit« hörte, hätte ich am liebsten meinen Kopf gegen das Schließfach geschlagen. Bis sieben Uhr heute Abend brauchte ich ein neues Thema, damit nicht bis in alle Ewigkeit ein »Nicht bestanden« in meinem Abschlusszeugnis stand und meine Eltern vollkommen durchdrehten. Wie schon meine beiden besten Freundinnen. Und die gesamte Schule. Und vor allem meine nervige neue Beratungslehrerin, die aufgeregt mit einem Flyer vor meiner Nase herumwedelte und schnurrend irgendwas von einem geradezu perfekten Thema für mich faselte.
Mir war zwar bekannt, dass an der Ostseite des Schulgeländes große Bürocontainer standen, in denen Unterricht stattfand und die ansonsten als Lager dienten. Was ich nicht wusste, war jedoch, dass einer davon, nämlich Container fünf, einen veritablen Radiosender beherbergte – einen echten mit Antenne, Senderkennung und einem Schild an der Tür, auf dem Achtung, Giftmüll. Zutritt verboten! stand.
Auf dem Flyer, den meine Beratungslehrerin mir in die Hand drückte, stand, dass KDRS 88,8 – Radio Del Rey High ein von Schülern betriebener Radiosender mit geringer Reichweite sei, der vom Schulgelände aus sende und Unterstützung bei der Sponsorenwerbung gebrauchen könne. Da ich davon ausging, dass das Anwerben von Sponsoren eine unblutige Angelegenheit war, willigte ich ein, mal in der Redaktion vorbeizuschauen.
Beim Betreten von Container fünf schlug mir dunkle, muffig riechende Luft entgegen. Auf den ersten Blick sah der Raum leer aus, doch als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, nahm ich andere Schüler darin wahr. Ich nahm sie wohlgemerkt wahr. Von »erkennen« oder gar »kennen« konnte keine Rede sein. Außenseiter, hätte Brie sie genannt. Leute, die weder in der Cafeteria noch auf dem Schulhof irgendwo dazugehörten.
Ich blinzelte ins Halbdunkel und machte folgende anwesende Gestalten aus: einen langen, dünnen Typen, dem ebenso lange, dünne Kopfhörer um den Hals baumelten, zwei sehr junge Strebertypen, die gerade miteinander stritten, ein Mädel mit dunkler krauser Mähne und Nasenring und ein blondes Mädchen, das in der Ecke vor einem DVD-Player saß und an einer Zuckerstange leckte. Aus einem großen technischen Gerät, das an der hinteren Wand vor sich hin dröhnte, ragten zudem Beine heraus, die in einer ausgewaschenen Jeans steckten; auf Hüfthöhe dieser Beine hing ein Werkzeuggürtel. Alle außer dem Typen mit dem Werkzeuggürtel sahen mich an. Niemand sagte ein Wort.
»Hallo, ich bin Chloe.« Ich wedelte mit den Flyern. »Ich komme wegen der Stelle in der Marketingabteilung.«
Die Nüstern des Nasenringmädels blähten sich wie die eines feuerspeienden Drachen. »Welche Marketingabteilung? Und was für eine Stelle?« Sie riss mir den Flyer aus der Hand. »Was ist das? Was zum Teufel soll das sein?«
Dass sie aus vollem Halse schrie, schien niemanden groß zu kümmern.
»Ist das auf deinem Mist gewachsen, Taysom?«
Der schlaksige Typ mit den Kopfhörern überflog den Flyer und schüttelte den Kopf. »Nope.«
»Frick, Frack?«, fragte sie die beiden, die noch grün hinter den Ohren waren, woraufhin sie gerade so lange aufhörten, sich zu kabbeln, dass sie beide den Kopf schütteln und dann weiterstreiten konnten.
Das elektronische Gerät würgte den Typen mit dem Werkzeuggürtel und der ausgewaschenen Jeans heraus. Ach der, dachte ich. Den kannte ich dann doch. Er war in meinem Jahrgang. Wir besuchten denselben Wirtschaftskurs. Er saß zwei Reihen hinter mir und sagte nie einen Ton. Vielleicht weil er auch zu den Außenseitern gehörte oder weil er in Wirtschaft immer seinen Schlaf nachholte. An den meisten Tagen hörte man jedenfalls ein leises Schnarchen aus seiner Richtung.
Dafür, dass er gerade ausgewürgt worden war, sah Mr Werkzeuggürtel gar nicht so übel aus. Über seine blassen Wangen zog sich eine leichte Röte und sein dichtes schwarzes Haar war zerzaust, als wäre der Wind hindurchgefahren. Um den Hals trug er einen Wollschal. Ich sah ihn vor mir, wie er allein in einem windumtosten schottischen Hochmoor hockte.
»Ich hab den Flyer gemacht.« Über die dröhnende Box hinweg war seine Stimme kaum zu verstehen. Vielleicht lag es aber auch daran, wie weit er von allen anderen wegstand. Er wandte sich dem Mädchen mit dem Nasenring zu. »Wir brauchen ein neues Stromkabel.«
Der Nasenring bebte. »Dann müssen wir wohl die Notfallkasse plündern.«
Mr Kopfhörer schüttelte den Kopf. »Die ist schon leer.«
»Hast du schon wieder Musik gekauft?« Die Augen des Nasenringmädels traten hervor.
»Musik ist immerhin das Herzstück unseres Programms«, schoss Mr Kopfhörer zurück.
Andere Stimmen erhoben sich, und ich hätte mir am liebsten die Ohren zugehalten. Das war ja wie bei Grams und Mom. Ich wedelte mit der Hand durch die Luft. »Entschuldigt mal, ich bin auch noch da. Chloe. Chloe Camden. Ms Lungren, meine Beratungslehrerin, hat gesagt, ihr bräuchtet Hilfe bei der Sponsorenwerbung.«
»O Gooott! Jetzt schicken die schon Leute mit ihren Projektarbeiten zu uns. Das ist wirklich das Letzte, was wir gebrauchen können.« Das Nasenringmädel stampfte zur hinteren Wand der dunklen Höhle. Mr Kopfhörer stöpselte sich die Stecker in die Ohren, die beiden Strebertypen setzten ihren Streit fort, und das Mädchen mit der Zuckerstange drehte sich wieder dem DVD-Player zu. Das war eine der bizarrsten Szenen, die ich je erlebt habe.
Aber ich brauchte ein Thema für meine Projektarbeit. Und zwar ASAP. »Ich hab schon mal Werbung für einen Laden hier in der Stadt gemacht, das mexikanische Restaurant Dos Hermanas. Außerdem bin ich in der Theater-AG und weiß, wie man Aufmerksamkeit erzielt. Ich könnte also durchaus eine Hilfe sein. Warum erzählt ihr mir nicht mal, wie das hier funktioniert mit diesem Sender?«
Das Nasenringmädel ließ ein leises Fauchen aus ihrer finsteren Ecke vernehmen. »Wenn sie nicht bald einer rausschmeißt, übernehm’ ich das.«
Meine Füße zuckten.
Mr Werkzeuggürtel betätigte einen Schalter, woraufhin die Hälfte der Lichter flackernd angingen. Die neuen Lichtverhältnisse eröffneten mir den Blick auf den größeren Teil des Raumes, in dem ein Labyrinth aus Möbeln stand und verstaubte Kisten wie Grabsteine hintereinander aufgereiht waren. Vor Jahren hatte mal jemand KDRS 88,8 – Radio Del Rey High in riesigen, zittrigen schwarzen Lettern an eine der Wände gepinselt, aber mittlerweile war der Schriftzug zu einem schwachen Grau verblasst. Dieser Raum sah aus wie ein Schulbedarfs-Friedhof.
»Entschuldige die Dunkelheit«, sagte Mr Werkzeuggürtel. »Aber wenn das Licht an ist, kann ich mein Messgerät nicht laufen lassen. Das liegt an den beschissenen Leitungen hier.« Wie aufs Stichwort flackerten die Lichter, und aus einem der beiden verglasten Räume an der Rückseite des Gebäudes hörte man ein lautes Quietschen. »Willkommen bei KDRS, dem Sender, der kurz vor dem Ende steht.«
Das Mädchen mit der Zuckerstange schaute von seiner DVD auf, legte sich die Hände um den Hals und machte Würggeräusche.
Mr Werkzeuggürtel hängte einen Hammer in eine der Lederschlaufen an seinem Gürtel. »Ich bin Duncan Moore, und das ist Haley. Sie ist hier für Kunst und Unterhaltung zuständig.« In dem halberleuchteten Raum konnte ich sehen, dass das Zuckerstangenmädchen nun eine Hand auf seinen runden Bauch gelegt hatte. War sie schwanger?
Duncan zeigte auf die anderen. »Der mit den Kopfhörern ist Taysom. Er kümmert sich hier um die Musik. Frick und Frack sind auch noch ziemlich neu hier. Sie haben die Sportberichterstattung und die Spots mit den offiziellen Bekanntmachungen übernommen. Und die Charmespritze da vorn – er zeigte auf das Mädchen mit dem Nasenring – ist Clementine. Sie leitet den Laden hier.«
»Willst du wirklich deine Projektarbeit über uns machen?« Clementine schaute mich an, als wäre ich etwas, das sie von der Unterseite des Cafeteriatischs der Neuntklässler gekratzt hatte.
Ich straffte die Schultern. »Ich bin noch unentschieden und schnuppere gerade hier und da rein. Es gibt mehrere Optionen.«
»So so, Optionen! Und wenn wir Glück haben, fällt die Wahl auf uns?«, fauchte sie.
»Hat irgendwer zu doll an deinem Nasenring gezogen, oder was ist los?«, fragte ich.
Die Mutti mit der Zuckerstange imitierte mit einem lauten Geräusch, klack-ratsching, eine alte Registrierkasse, aber ich war nicht darauf aus, hier Punkte zu sammeln oder Treffer zu landen. Das war ein Scherz gewesen, der die düstere Stimmung ein wenig auflockern sollte. Ich lächelte Clementine an. Sie stapfte vor sich hin knurrend in einen der Räume hinter Glas.
Duncan wickelte ein Verlängerungskabel auf, indem er eine komplizierte Reihe von Achten daraus formte. Dabei hielt er nicht nur das Kabel zwischen uns, sondern blieb auch sonst deutlich auf Distanz. Mich überlief ein Schauder. Wieso mieden mich plötzlich alle Leute?
»Tut mir leid, dass Clem sich so aufführt.« Duncan holte tief Luft, als bereitete er sich auf eine unangenehme Aufgabe vor. »Das ist heute ein harter Tag für uns.« Er legte sich das Kabel über die Schulter, wo es sich mit seinem Schal verhedderte. Mein Blick fiel auf ein winziges, schiefes rotes Herz, das in ein Ende seines Schals gestickt war. Ein merkwürdig fröhliches Detail an diesem düsteren Ort. »Wir haben gerade erfahren, dass die Schulleitung beschlossen hat, KDRS im nächsten Jahr die Mittel zu streichen. Und wenn wir kein Geld für die Wartung oder den Austausch von technischem Gerät, für Musik, Zubehör und Lizenzgebühren bekommen, können wir im Mai offiziell dichtmachen. Wenn wir weiter senden wollen, brauchen wir Leute und Firmen, die unser Programm sponsern. Wir kämpfen in diesem Schuljahr buchstäblich ums Überleben.«
Ich hätte diesen Sponsorenwerbejob mit links, sogar auf einem meiner sexy Vintage-Schuhe balancierend, geschafft. Aber ich war nicht allzu scharf darauf, meine Zeit mit mehr als unfreundlichen Leuten in einer dunklen Höhle zu verbringen.
Radio Del Rey High! Ich starrte die verlaufenen grauen Buchstaben an. Was für ein seltsamer Ort und was für eine abweisende Atmosphäre. Selbst Duncan, der in diesem Flyer um Unterstützung geworben hatte, blieb betont auf Distanz.
Es ertönte ein Piepton, und Duncan drückte auf einen Knopf an seiner Uhr. »Ich muss los. Clem kann dir weiterhelfen, wenn du Fragen hast.«
Das Süßmaul mit der Zuckerstange machte laut pffff!
Duncan ging in einen der Räume mit den Glaswänden und betätigte irgendwelche Schalter. Als er wieder herauskam, verkündete er: »Ich hab die Senderautomation eingeschaltet. Für heute Abend ist also alles klar.« Er ging zur Tür, aber bevor er hinaustrat, schaute er mich noch einmal an. Er hatte sanfte, neblig-graue Augen. »Danke, dass du gekommen bist. Ich hoffe, du kannst uns behilflich sein. Wir brauchen …« Er schüttelte den Kopf. »Egal was.«
Die Tür schloss sich hinter ihm. Jetzt, wo er und sein alter Schal den Raum verlassen hatten, senkte sich Kälte über den Radiosender, doch von den anderen schien es niemand zu bemerken. Haley guckte weiter ihre DVD, Taysom fummelte an seinem iPod herum, und Clementine sagte über die Lautsprecher: »Zeit, dass du verschwindest«, und winkte mir zu.
Das hier war keine Chloe-freundliche Zone. Diese Radiogeschichte war nichts für mich. Ich winkte zurück und verließ eilig den Raum. Ich brauchte KDRS nicht. Ich brauchte bis 19 Uhr ein Thema für meine Projektarbeit, und zwar eins, das mich brennend interessierte. KDRS 88,8 – Radio Del Rey High interessierte mich dagegen null. Bis zum heutigen Tag hatte ich noch nicht einmal davon gehört.
Also, wo lagen denn nun meine Hauptinteressen? Das war leicht zu beantworten: Bei meinen Freunden, meiner Familie, dem Dos Hermanas, Seifenopern und Schuhen. Ja, definitiv bei Schuhen. Vorzugsweise Vintage-Schuhen. Ich blinzelte auf meine Wing Tips hinunter. Vintage-Schuhe waren nicht gerade massentauglich, aber gutes, robustes Schuhwerk brauchte jeder. Ich verlangsamte meine Schritte. Es gab viele Menschen, die sich nicht einmal das leisten konnten, wie die Dos Hermanas, die vor vielen Jahren barfuß durch die Wüste gelaufen waren. Ich blieb stehen. Was war denn mit einer Schuhkampagne? Mit einer groß angelegten Schuhspendenaktion? Ich ließ meinen Fuß kreisen, damit das Sonnenlicht sich in dem Lackleder spiegeln konnte. Und warum nicht für barfüßige Kinder in Sonora, Mexiko? Jetzt der andere Fuß. Brillante Idee. Und anders als diese Radionummer absolut perfekt für mich.
Mit fröhlich klackenden Absätzen schlug ich den Weg zu A. Lungrens Büro ein. Dann vibrierte mein Handy und zeigte mir eine eingehende SMS an, die als dringend markiert war.
DRINGEND
Komm zum Schneckenhaus. Keine Waffen erforderlich.
Aber Brad Pitt wäre schön. Und kein Wort zu IHR.
Grams
– – –
Eine Frau, die die Spielregeln kennt, lässt sich nicht so leicht austricksen – Mae West
Ich sah das Blut, bevor ich Grams sah. Auf ihrer kleinen Veranda, eine leuchtend rote, silberdollargroße Lache in der Nähe des Keramik-Eichhörnchens, das übers ganze Gesicht grinste. Mich überkam Übelkeit.
Grams kam aus dem Schneckenhaus, ihrem ausgebauten Wohnwagen, gestolpert und hielt den Arm hoch. »Gott sei Dank, dass du da bist, Poppy, wir müssen … Oh, nein, nicht doch!« Sie machte einen wackligen Schritt auf mich zu und drückte meinen Kopf zwischen meine Beine. »Atme tief ein und aus. Ja, so ist es gut.«
Als es mir besserging, richtete ich mich wieder auf. »Was ist passiert?«
»Ich hab die Zwergpalme beschnitten und dabei meinen Daumen erwischt.« Sie hob erneut die Hand, um die sie ein Geschirrtuch gewickelt hatte. Das Blut rann ihr Handgelenk hinunter.
Mir wurde schwindlig, und ich steckte den Kopf wieder zwischen die Beine. Das grinsende Eichhörnchen sah mir direkt ins Gesicht. »Du hättest Mom anrufen sollen.«
»Ich hab dir nicht erlaubt, in meiner Gegenwart über sie zu sprechen«, erwiderte Grams knurrig. »Und du wirst ihr auch kein Wort davon erzählen!« Sie machte eine energische Geste mit ihrer blutigen Hand.
Mich überkam eine neue Welle der Übelkeit. »Lass uns einen Krankenwagen rufen.«
»Auf keinen Fall! Sonst kriegt die neugierige Noreen von nebenan es mit und ruft sie an.« Beim nächsten Satz klang sie schon wieder etwas friedlicher. »Du brauchst mich nicht zu begleiten. Lass mich einfach an der Notaufnahme raus.«
Ich richtete mich auf. Grams brauchte mich, und ich würde für sie da sein. So war ich nun mal. Du brauchst eine Freundin? Ruf Chloe an! Kleiner Scherz gefällig? Schon ist Chloe mit einem witzigen Spruch zur Stelle. Doch in diesem Moment war ich es, die Hilfe benötigte. Ich hielt mich am Geländer fest und griff nach dem Hörer von dem Telefon neben der Hollywoodschaukel. »Warum holst du nicht schon mal deine Handtasche, während ich ein paar Telefonate mache?«
Ich rief bei Brie an und landete auf der Mailbox. Ganz was Neues. Grrrr. Langsam wurde es wirklich Zeit, dass meine besten Freundinnen mal wieder ihrer Aufgabe gerecht wurden. »Brie, es gibt einen Notfall mit Grams. Ich muss sie ins Krankenhaus bringen. Ruf mich an, dringend!« War das jetzt deutlich genug?
Glücklicherweise war Merce zu Hause und ging auch ans Telefon. Allerdings fragte ich mich, ob das wohl daran lag, dass ich von Grams’ Telefon aus anrief, dessen Nummer ihr nichts sagte. »Notfall im Schneckenhaus«, sagte ich. »Ich brauche jemanden, der mich und Grams in die Notaufnahme bringt.«
Mercedes sagte erst mal gar nichts und dann: »Ich kann nicht. Ich muss an meinem Essay für das Collegestipendium arbeiten.«
Wen interessierte schon das College? »Meine Großmutter verblutet gerade.«
»Ach, übertreib mal nicht so. Wenn’s so wäre, hättest du den Notruf gewählt. Brie hat recht, du machst immer gleich ein Riesendrama aus allem.«
