Hearts & Homes – Wo das Glück wohnt - Anny Widmer - E-Book

Hearts & Homes – Wo das Glück wohnt E-Book

Anny Widmer

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Beschreibung

Cozy Cotswolds: Ein altes Herrenhausöffnet die Türen für neue Bewohner – und für die Liebe? In diesem wunderschönen Setting im Herzen Englands fühlt sich jedes Leser*innenherz sofort zu Hause. Voller Vorfreude blickt TV-Moderatorin Maura ihrem neuesten Engagement entgegen, das sie in die malerischen Cotswolds führt. Sie soll dort eine Sendung begleiten, in der in einem Herrenhaus kostbare Antiquitäten versteigert werden. Angekommen im Herzen Englands, ist sie begeistert von der Landschaft und den idyllischen Orten voller Atmosphäre. Dave, der Hausherr von Settingham, heißt sie allerdings wenig freundlich willkommen. Er steuert zwar atemberaubende Schätze zur Auktion bei, doch bald merkt Maura, dass er dies nicht ganz freiwillig tut, sondern ihm das Wasser bis zum Hals steht. Um das beeindruckende Anwesen zu retten, schmiedet Maura einen Plan, der sie Stück für Stück auch Dave näherbringt ... Warmherzige Liebesgeschichte trifft auf Interior Design und eine Prise TV-Glamour: Ein Muss für alle Romantikerinnen, die gern schöner wohnen! Anny Widmer erster Roman, »Hearts & Homes – Liebe findet ihr Zuhause«, entführt ebenfalls in den Kosmos von Home and Garden TV und anderer Renovierungsformate mit Wohlfühlfaktor.

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anny Widmer

Hearts & Homes

Wo das Glück wohnt

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Voller Vorfreude blickt TV-Moderatorin Maura ihrem neuesten Engagement entgegen, das sie in die malerischen Cotswolds führt. Sie soll dort eine Sendung begleiten, in der in einem Herrenhaus kostbare Antiquitäten versteigert werden. Angekommen im Herzen Englands, ist sie begeistert von der Landschaft und den idyllischen Orten voller Atmosphäre. Dave, der Hausherr von Settingham, heißt sie allerdings wenig freundlich willkommen. Er steuert zwar atemberaubende Schätze zur Auktion bei, doch bald merkt Maura, dass er dies nicht ganz freiwillig tut, sondern ihm das Wasser bis zum Hals steht. Um das beeindruckende Anwesen zu retten, schmiedet Maura einen Plan, der sie Stück für Stück auch Dave näherbringt ...

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Mauras Einrichtungstipps – nicht nur für englische Herrenhäuser

Wie der Landhausstil gelingt

Variationen des Landhausstils

Kapitel 1

Maura

Er sog so tief die Luft ein, dass Maura schon befürchtete, er würde einen Schwächeanfall erleiden.

»Das glaube ich nicht, mamma mia!«, flüsterte Alessio Brambilla und bekreuzigte sich, die Augen weit aufgerissen.

Zufrieden sah Maura auf das Gemälde vor sich. Es war ein Bildnis der Mutter ihres Kunden, der noch immer nach Luft rang. Das Bild war vor 250 Jahren in Auftrag gegeben und von einem begabten Porträtmaler geschaffen worden. Das Kunstwerk hatte zwei Weltkriege überstanden und war mehrfach versteckt worden, um es vor habgierigem Zugriff oder auch Erbstreitigkeiten zu retten. Irgendwann, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, war dieses Gemälde mit Familie Brambilla aus dem italienischen Neapel in die USA ausgewandert. Hier hatte es noch einmal jahrzehntelang das Anwesen der Familie geschmückt, die mit Ex- und Import ein mittleres Vermögen angehäuft hatte. Ja, dieses Porträt, dessen Maler inzwischen durchaus Aufmerksamkeit unter Kunstkennern erfuhr, hatte viel erlebt und dabei eindeutig gelitten.

Um deutlich zu machen, wie sehr der Zahn der Zeit sich an den Farben gütlich tat, hatte Maura erst eine Gesichtshälfte der Brambilla-Vorfahrin von dem Firnis befreit und auf der anderen die Ablagerungen als Kontrast stehen lassen. Die rechte, ungereinigte Gemäldeseite wirkte nun bräunlich, fast so, als wäre sie mit Schlamm verkrustet.

»Das habe ich nie so wahrgenommen«, stammelte Brambilla.

»Das ist sogenannter Adhäsiv-Schmutz, vermutlich über Jahrzehnte angesammelt. Wenn das Bild nie gereinigt wurde, dann sehen wir hier sogar eine Schicht, die mehr als zwei Jahrhunderte Zeit hatte, zu entstehen.«

»Wie haben Sie das hinbekommen?«

»Zuerst muss ich den Firnis abnehmen, dieser ist eigentlich bei so gut wie jedem alten Gemälde vorhanden, eine Art Schutzschicht, um die Farben zu erhalten. Dabei muss ich aber darauf achten, die direkt unter dem Firnis liegende Malschicht nicht zu zerstören.«

Brambilla zeigte auf die bräunliche Gesichtshälfte. »Diesen Zwischenstand darf ich meiner Frau nicht zeigen, wir sind ein ordentlicher Haushalt.« Er lachte auf, zog das Handy hervor und machte ein Foto. »Das schicke ich ihr gleich, das glaubt mir Giulia nie.«

»Das sind uralte Ablagerungen aus Ruß, Fett, Nikotin und Exkrementen von Insekten.«

Brambilla verzog angewidert das Gesicht. »Maura Milton, weg damit, solche Scheiße kommt mir nicht mehr ins Haus!«

Sie mussten beide lachen.

»Na ja, das werde ich Giulia wirklich nicht erzählen«, sagte Brambilla grinsend. »Aber jetzt ganz im Ernst: Was denken Sie, wann Sie fertig werden?«

»Oh, ich muss die Malschicht mit Leim festigen«, sie wies auf einen kleinen kastenförmigen Apparat, der in der Ecke ihres Ateliers stand. »Dafür nutze ich den Heizspachtel, das ist sehr zeitaufwendig, und ich würde natürlich versuchen, die Risse, die Sie an der Kinnpartie sehen, noch zu schließen. Das Bild hat glücklicherweise keine anderweitigen Fehlstellen, also herausgebrochene Farbstücke oder abgeblätterte Farbschichten, sodass sich der Prozess ein bisschen verkürzt.« Maura ging um den Tisch herum, auf dem das Gemälde lag, hob das Bild an und drehte es um. »Die Leinwand ist generell in einem sehr guten Zustand, das bedeutet, wir müssen sie nicht noch einmal dublieren, also mit einer anderen Leinwand hinterlegen. Wir müssen auch nichts retuschieren und …« Das Klingeln ihres Telefons unterbrach den Vortrag. Behutsam legte sie das Bild wieder auf den Tisch zurück, erst dann zog Maura das Handy aus der Hosentasche.

Es war die Vorwahl aus Großbritannien.

Wie erhofft.

Sie nickte Brambilla zu. Sie hatte ihm vorab angekündigt, dass sie einen Anruf erwartete und ihr Termin vielleicht gestört werden würde. Zügig eilte sie ans andere Ende des geräumigen Studios, um ein wenig Abstand zwischen sich und ihren Kunden zu bringen.

Angespannt nahm sie das Gespräch an.

»Und, bist du bereit, dich von uns durch England schicken zu lassen? Hast du Lust, ein Herrenhaus mit einem waschechten Marquess, Viscount, oder wie auch immer die Adeligen sich nennen, kennenzulernen?«, erklang die vertraute Stimme.

Maura musste lächeln. Keith Fadden, der Produktionsleiter von Antique Worship war stets gut gelaunt. Obwohl er mit seinem Team derzeit eine Fernsehsendung vorbereitete, deren erste Staffel aus zehn Folgen bestehen würde, die es logistisch in sich hatten. Es ließ sich nicht anders sagen: Keith war ein viel beschäftigter Mann. So etwas wie das Herz der Staffel. Und er war mitverantwortlich für die Organisation der zehn Folgen, die sie moderieren würde.

Maura Milton aus New York.

Gut, noch war Maura vorsichtig, denn Interieur-Projekte waren so schnell geplant wie geplatzt. Sie würde es erst glauben, wenn Scheinwerfer sie ausleuchteten, das Team am Set verstummte und die erste Klappe geschlagen wurde. »Natürlich bin ich bereit, ihr könnt mich sofort losschicken, das habe ich dir doch gesagt«, erwiderte sie und spürte, wie sich ihre Nacken- und Schultermuskulatur lockerte. Trotz ihrer Vorsicht machte sich Optimismus in ihr breit, der langsam in Vorfreude überging.

»Wunderbar, heute haben wir die Finanzierung komplett geschlossen, der Produzent ist glücklich, und das Go der Redakteurin haben wir ebenfalls bekommen. Dann werde ich dir nachher noch die Daten für den Reiseantritt schicken, ich habe den zweiten von dir vorgeschlagenen Abreisetermin ausgewählt. Da gab es noch vernünftige Flüge, sowohl in der Abflugzeit als auch innerhalb der Preisbudgets. Zu Beginn wirst du eine ganze Weile mit einem kleinen Team in den Cotswolds unterwegs sein. Wir werden dich durch die Dörfer jagen, vielleicht gibt es auch noch kleine Abstecher nach Wales oder Kent. Je nachdem, wo wir Aufkäufe wittern. Hast du auch noch Empfehlungen?«

»Sicherlich, ich kenne zwei Antiquitätenläden in den Cotswolds, der eine ist in Upperstow, der andere in Stratford-upon-Avon. Beide Läden sind ein Traum, vollgestopft mit antiquarischen Schätzen, um die wir hier, in New York, ein Museum bauen würden. Aber dort haben sie das Zeug zuhauf und werfen es dir hinterher. Trotzdem wäre es sinnvoll, uns vorab anzukündigen, bevor ich dorthin reise, oder?«

»Natürlich, wir brauchen ja die Drehgenehmigungen«, sagte Keith und suchte nun, laut mit Papieren raschelnd, in seinen Unterlagen nach irgendetwas, vermutlich den Flugzeiten.

Die Entfernung, die Maura zu Alessio Brambilla geschaffen hatte, hielt ihn nicht davon ab, sie interessiert zu beobachten. Maura beschloss, ihm die Wartezeit zu verkürzen und das Gespräch zu beschleunigen. »Keith, ich habe einen Kunden hier, könntest du mir alles per Mail schicken, und ich rufe dich später noch mal an?«

»Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht lauschen«, sagte Brambilla hastig, nachdem Maura sich verabschiedet und aufgelegt hatte. »Aber es ließ sich nicht vermeiden, alles mitzubekommen.«

Maura lächelte den alten Herrn an. »Das macht wirklich nichts. Es geht um einen neuen Job.«

»Sie erwähnten die Cotswolds, ist das nicht dieser Landstrich in England, in dem Harry Potter gedreht wurde?«

»Ach, da wurde noch viel mehr gedreht, beispielsweise Inspektor Barnaby, Father Brown oder Stolz und Vorurteil, die Liste ist lang.«

»Und jetzt kommen Sie!« Brambilla grinste. »Es geht wieder um eine Fernsehsendung, oder? Was machen Sie denn dieses Mal?« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Ausgang. Er kannte die anderen Räume ihres Studios, die zugleich Atelier und Showroom waren, um neben den Gemälderestaurationen auch die zeitgenössischen Seiten ihrer Arbeit zu präsentieren, die sich mit Inneneinrichtung befassten.

»Ich werde als Host einer Show eingesetzt …«

»Als Horst?« Brambilla wirkte irritiert.

»Als Moderatorin und Gastgeberin, gleichzeitig trete ich auch wieder als Expertin in Erscheinung und …« Maura legte den Finger über die Lippen. »Ich darf Ihnen gar nicht so viel davon erzählen, aber es wird eine Staffel sein, die zehn Folgen umfasst. Kann ich sichergehen, dass Sie es niemandem verraten werden? Auch nicht Giulia?«

»Natürlich nicht!«, erwiderte Brambilla empört. »Wenn ich ihr das erzähle, weiß es morgen ganz Queens, Staten Island und Brooklyn. Übermorgen dann Manhattan.«

»Prima, dann gebe ich Ihnen ein paar Tage vor der Erstausstrahlung Bescheid. Das Format wird weltweit vertrieben und damit auch in den USA im TV gesendet und online abrufbar sein.«

»Aber ein klitzekleines bisschen können Sie mir doch verraten, worum es geht …« Brambilla drückte die Fingerspitzen aneinander, und sein Blick strahlte reine Neugier aus.

Maura beugte sich vor. Obwohl es keinen Grund gab, flüsterte sie, denn sie wollte Brambilla den Moment mit Spannung garnieren: »Gut, aber das unterliegt höchster Geheimhaltung! Ich kann Ihnen schon jetzt verraten, es wird um ein hochherrschaftliches Herrenhaus gehen«, sie hielt inne und musste aufgrund der seltsamen Formulierung, die es aber auf den Punkt traf, lachen. »Darüber hinaus zeigen wir märchenhaft verwunschene Antiquitätenläden und jahrhundertealte Raritäten, die viele Geschichten erzählen würden, wenn sie es denn könnten. Wir werden Menschen finden, die zu dem einen oder anderen Unikat noch einige dieser alten Geschichten erzählen können. Es wird sehr vielschichtig werden, und es wird nur Gewinnerinnen und Gewinner geben. Keine Verliererinnen und Verlierer. Nichts dergleichen. Nur feel good vibes.«

»O mein Gott, europäische Antiquitäten, ich liebe es schon jetzt!« Brambilla rieb sich vorfreudig die Hände. Dann zeigte er auf das Bild seiner Vorfahrin. »Schaffen Sie das denn vorher noch?«

»Ich hoffe es, denn bis ich abreise, werden sicher noch ein paar Tage ins Land gehen. Die Vorbereitungen sind durchaus aufwendig, weil ein großes Produktionsteam an den Start gehen wird.

»Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie sind die Engländer auf die Idee gekommen, eine Moderatorin – so sagt man das in meiner Generation – aus den Staaten einfliegen zu lassen? Haben die keine? Und Sie wissen ja, was ich von Ihrer Arbeit halte, ich lasse auf Sie nichts kommen, doch …«

»Die Produzentin kennt meine bisherigen Formate.«

»Gut, wenn es um die Qualifikation geht, verstehe ich das. Welche Kunsthistorikerin und Restauratorin ist schon in der Lage, gleichzeitig ein Showformat zu moderieren?«

»Nicht nur das«, Maura lächelte, »wussten Sie, dass ich eine Zeit lang in einem Auktionshaus gearbeitet habe? In einem sehr bekannten in London.«

»Nein! Ehrlich? Haben Sie Versteigerungen durchgeführt?«

Er sah sie überrascht an.

Maura schüttelte den Kopf.

»Ach, ich verstehe: Sie haben Bilder geschätzt, so Expertisen erstellt, richtig? Können Sie auch Antiquitäten bewerten?«

Maura nickte. »Ja, auch. Na ja, und hin und wieder bin ich eingesprungen, aber nur als Urlaubsvertretung, bei den weniger spannenden Auktionslosen. Deshalb würde ich mich selbst nie als Auktionatorin sehen.«

»Warum haben Sie das nie erwähnt?«

»Warum? Es hat noch nie eine Rolle gespielt in unseren Gesprächen.«

»Hätte es dann aber vielleicht!«

»Ich glaube, wir Frauen sind da zurückhaltender.«

»Herrgott, das muss sich ändern. Das ist ein Punkt, an dem können sich Frauen heutzutage wirklich die Männer zum Vorbild nehmen: nicht immer so bescheiden, wenn es Tatsachen sind, dann raus damit. Auch wenn ich diesen Satz mit dem Verweis auf männliche Vorbilder immer seltener sage. Aber darum geht’s nicht. Oder doch?« Er deutete eine Verbeugung an und lächelte. »Ich jedenfalls schätze kluge Frauen, und es ist mir eine Ehre, dass Sie unsere Ludmilla restaurieren.«

»Was sie uns wohl alles erzählen würde?«

Brambillas Gesicht verzog sich. »Sie hat mit sieben alles gelesen, was die Bibliothek ihres Vaters hergab, und war keine zehn Jahre später eine der besten Freundinnen von Laura Bassi.«

»Laura Bassi?«

»Ja, Europas erste Professorin für Philosophie. Aus Bologna. Damals lebten meine Vorfahren noch dort. Na ja, war eher schwierig für sie. Also für Ludmilla und Laura. Als intellektuelle Frauen zu der Zeit.«

Für einen Moment betrachteten beide schweigend das Gemälde, und Maura konnte es nicht leugnen: Ihr Blick auf die Frau, mit deren Abbild sie sich bereits Stunden beschäftigt hatte, war ein anderer. Er hatte sich durch diese Information durchaus verändert.

»Es wird sicherlich unterhaltsam werden, durch die alten Herrenhäuser und Schlösser zu streifen, denn jedes dieser Anwesen hat so viele Geschichten zu erzählen«, sagte Brambilla, nun eine Spur ernsthafter. »Ich war schon oft in England unterwegs, weil es dort natürlich noch einmal Antiquitäten ganz anderer Qualität gibt als bei uns in den USA. Deshalb habe ich durchaus eine Vorstellung von dem, was Sie da erwartet. Aber ich bin sicher, dass Sie das spielend hinbekommen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Langsam muss ich los, sonst zieht mir Giulia die Ohren lang. Apropos nach Hause fahren: Was sagt denn Ihre Familie dazu?«

»Wozu, bitte?«

»Zu Ihrem neuen Job. Sie werden ja sicher eine Weile unterwegs sein.«

»Signore Brambilla, ich muss doch sehr bitten: Einen Mann würden Sie das auch nicht fragen.« Maura wandte sich ab. So war es doch immer: Die viel beschworene Verehrung eines Mannes für kluge Frauen verhedderte sich dann letztlich doch wieder im Alltag der üblichen Plattitüden. Außerdem war das ihr wunder Punkt, und er hatte ihn nichtsahnend getroffen. Zielsicher. Er schien es zu bemerken, denn er klang hektisch, als er versicherte: »Ich wollte nicht …«

Maura sah ihn direkt an. »Glauben Sie mir, auch wenn ich keine Familie habe: Eine Frau in meinem Alter kann kinderlos und glücklich dabei sein. Mein Singledasein macht mich nicht zu einem Halbwesen, das nur durch einen Mann vervollständigt wird. Das war früher so, aber heute sind wir da weiter.«

Alessio Brambilla schüttelte den Kopf. Er wies auf seine Vorfahrin. »Ich meine das alles sehr ernst. Ludmilla hat in jungen Jahren ihren Mann verloren und dennoch damals alles im Griff gehabt. Sie hat die Manufaktur ihres Mannes weitergeführt, hatte Angestellte, sie war eine Legende in Bologna. Sie hat ihr Leben selbst gestaltet, und das ist das oberste Credo in der Erziehung der Frauen in unserer Familie.«

Maura lächelte zaghaft, weil sie spürte, dass Alessio Brambilla sie verstanden hatte und sich ernsthaft bemühte, das Gespräch wieder in ruhigere Gewässer zu lotsen. Eines war jedoch sicher – so schnell würde er diese Frage einer Frau nicht mehr stellen.

Es ging ihn nichts an, dass sie sich seit ihrer Trennung, die inzwischen dreieinhalb Jahre zurücklag, in die Arbeit warf und bis auf einige kleine süße Affären niemanden mehr an sich heranließ. Der Rest ihres Herzens, den es vermutlich noch gab, lag unter einer dicken Firnisschicht, die dort nichts zu suchen hatte, aber sich zunehmend ausbreitete. Es wurde Zeit, sich ins nächste große Projekt zu stürzen. Denn die Arbeit füllte hervorragend die Momente der Leere aus, die sie hin und wieder verspürte.

Kapitel 2

Dave

Mylord, würden Sie mir bitte ins Turmzimmer folgen?«

Dave seufzte auf. Wie oft hatte er Mrs Myers, der Hauswirtschafterin, schon gesagt, sie möge ihn bitte mit Mister Brandeck oder einfach mit seinem Vornamen ansprechen. Aber sie ließ nicht davon ab, selbst nach mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit. Er beschloss, dass es sich nicht lohnte, es immer wieder zu diskutieren, und schon gar nicht jetzt, denn ihre Mimik war durchaus besorgniserregend ernst.

Mrs Myers’ Wirken war jedoch unerlässlich. Das zeigte sich jetzt wieder einmal mehr. Dave wusste nicht, wann er das letzte Mal das Turmzimmer betreten hatte, aber Mrs Myers kam in den abgelegensten Winkeln des Anwesens herum, stets darauf bedacht, alles regelmäßig zu saugen oder zu wischen.

Sie betrat das Turmzimmer zuerst und wies hoch zur Decke.

Dave sah sofort den gelben Fleck, der darauf hindeutete, dass es ein Problem am Dach gab. »Verdammt, schon wieder undicht«, sagte er.

»Ja, Mylord, sieht so aus.« Sie nickte.

»Ich werde mir das nachher anschauen.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Jetzt werde ich, solange es noch hell ist, in den Wald fahren, um für Brennholz zu sorgen. Das da oben«, er wies auf die Flecken, »kann ich mir am Abend mit Bauscheinwerfern vornehmen.« Er wusste schon jetzt, wie er das Problem lösen würde: Er würde auf dem Dachboden eine alte Waschschüssel suchen, sie dort aufstellen, wo das Regenwasser durch die Schindeln drang. Dann galt es, das aufgefangene Regenwasser gelegentlich auszukippen. Das war’s. So hatte er es letztlich schon mal gemacht, und es funktionierte. Keine besonders gute Lösung, aber immerhin eine Lösung.

»Wenn Sie wiederkommen, Mylord, bin ich schon weg für heute.«

»Gut, kein Thema. Vielen Dank übrigens, dass Sie mich auf den Fleck aufmerksam gemacht haben.«

An der Tür wandte sich Mrs Myers noch einmal um. »Ihr Herr Vater hat angerufen …« Sie sah ihn abwartend an.

»Was wollte er?«

»Sie sprechen.«

Daves Schultern sackten nach unten. »Ich habe ihm nichts zu sagen, das wissen Sie.«

Nun seufzte Mrs Myers. »Ich weiß, aber inzwischen gehen mir die Ausreden aus.«

Erstaunt sah Dave die kräftige Endfünfzigerin an. »Sie erfinden jedes Mal eine Ausrede, warum ich nicht zu sprechen bin?«

Sie nickte und sah betreten zu Boden. Er wusste, sie wünschte sich, dass er sich mit seinem Vater vertrug. Aber sie kannte die genauen Hintergründe für sein Verhalten nicht, und er würde sie ihr nicht erläutern, das war etwas, das nur ihn und seinen Vater anging. Er zuckte die Schultern. »Einer von Ihnen beiden muss es lernen: Entweder lernt er es, mich in Ruhe zu lassen, oder Sie lernen es, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich habe es ihm bereits mehrfach mitgeteilt, wie ich unser Verhältnis sehe. Insofern: Meinen Segen haben Sie.«

 

Als er knapp zehn Minuten später im groben Wollpullover, dunkler Cargohose und mit Stahlkappenschuhen über den Parkplatz lief, knirschte der Kies bei jedem Schritt unter seinen Schuhen. Den Schutzhelm hielt er unter den Arm geklemmt.

Dave hob den Blick und ließ ihn über das Gelände streifen. Ja, Settingham Hall war eines der typischen britischen Herrenhäuser, und von außen machte es tatsächlich etwas her. Auch von innen beeindruckte es mit seinem Mobiliar, das vor allem aus der viktorianischen Ära stammte. Seine Vorfahren hatten stets viel Geld und Zeit darauf verwendet, das Anwesen weiter auszubauen, es zu erweitern und auf den neuesten Stand der jeweiligen Architekturepoche zu bringen. Nun wanderte sein Blick hoch zum Dach. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Heute konnte ein Besitzer eines solchen Anwesens in den Ruin getrieben werden, wenn ein Dach neu gedeckt werden musste, zumindest, wenn es die Dimensionen wie das von Settingham Hall hatte. Es würde ein sechsstelliger Betrag werden, zwar eher im unteren Drittel, dennoch spürte er ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, wenn er daran dachte.

Er wusste, wie schnell die Kosten für Arbeiten an solchen Anwesen explodieren konnten, denn die historische Bausubstanz erforderte stets den Einsatz professioneller und besonders ausgebildeter Handwerker, die sich mit Gebäuden, die unter Denkmalschutz standen, auskannten. Viele der Bautechniken, die im Laufe der Jahrhunderte angewendet worden waren, gehörten längst nicht mehr in den Handwerkeralltag. So entwickelten sich die Preise für diese Art von Spezialkenntnissen schnell ins Uferlose. Wenn er Experten in Anspruch nahm – er gehörte zu den Menschen, die Qualität und Können zu schätzen wussten –, war er bereit, dafür auch gerne entsprechend zu bezahlen. Nur sein Bankkonto limitierte dieses Anliegen immer wieder, denn seine Einnahmen, die unter anderem aus der Verpachtung oder dem Verkauf von Holz aus seinen Wäldereien stammten, standen in keinem Verhältnis zu seinem guten Willen und den aufgerufenen Preisen. Auch wenn er in Oxford als Gastdozent einige Vorlesungen in Betriebswirtschaft hielt, reichte all das nicht aus, um ein Anwesen dieser Größenordnung sinnvoll zu verwalten und kostendeckend durch den Alltag zu bringen. Alleine die Gärten hatten die Größe von mehreren Fußballfeldern, waren es sechs oder sieben gewesen? Es war bei dieser Fläche letztlich auch egal, ob es nun viel, sehr viel oder verdammt viel zu tun gab, tatsächlich machte es keinen entscheidenden Unterschied mehr. Sowohl das Ackerland als auch das Weideland hatte er schon vor Jahren verpachtet. Er hatte von Anfang an nichts damit zu tun haben wollen. Sicherlich, es war eine Enttäuschung für seinen Vater gewesen, dass der einzige Sohn lieber in die Wissenschaft gehen und mit dem Kopf als auf den Ländereien mit den Händen arbeiten wollte. Aber irgendwann hatte Dave einsehen müssen, dass sein Vater recht gehabt hatte: Ein Stück Land mit Herrenhaus und Nebengebäuden, mit Feldern, Weiden, Wäldern und Landwirtschaft konnte nicht nebenherlaufen. Es musste verwaltet werden, von ihm als Hausherrn, so wie es auch schon seine Vorfahren getan hatten. Und obwohl er sich inzwischen erheblich mehr in die zu erledigenden Aufgaben einbrachte, war es immer noch so viel Arbeit, die liegen blieb, sodass er auch dabei Unterstützung brauchte.

Er stieg in seinen Pick-up und fuhr die Zufahrt entlang in Richtung des schmiedeeisernen Tores, das auch heute noch als Haupteingang diente. Oft sah er Touristen, die vor dem barocken Tor posierten, das mit seinen Säulen, auf denen Laternen thronten, auch überaus charmant war. Aber wer schon mal nasses Laub aus dem Schmiedegeflecht gefischt hatte, das vor allem die beiden Laternen zierte, blickte anders auf dieses verschnörkelte Flechtwerk eines überambitionierten Schmieds. Trotzdem war es ein Schmuckstück. Gar keine Frage.

Mit der Fernsteuerung öffnete er das Tor und fuhr die Landstraße entlang. Er betrachtete Settingham Hall, das machte er besonders gern von der Straße aus, mit ein wenig Abstand. Die hübschen Arkadenfenster, die vielen kleinen Giebel, Gauben und Türmchen. Ja, wenn man so vorbeifuhr, machte das Haus einen sehr gepflegten Eindruck. Na ja, gepflegt war es auch, aber ob es gut in Schuss war, was die Instandhaltung betraf, das war ein anderes Thema.

Im Radio lief ein Song, den er nicht kannte, dessen gefälligen Rhythmus er aber auf dem Lenkrad mittrommelte. Vielleicht sollte er doch den National Trust für sein Anwesen mit ins Boot holen, überlegte er, während er hinter einem Traktor herschlich. Er wäre beileibe nicht der einzige Adelige, der sein Anwesen an diese gemeinnützige Organisation übergeben würde, um zu gewährleisten, dass das historische Erbe bewahrt wurde. Er kannte mehrere Besitzer, die wie er zu den ältesten Adelsfamilien Englands zählten und die genau das getan hatten. Deshalb bewohnten sie nur noch einen Teil ihres Anwesens. Dafür mussten sie nicht befürchten, bankrottzugehen, wenn Bauarbeiten anstanden. Allerdings, und das war der Teil, der ihn bisher immer davon abgehalten hatte, diese Verbindung einzugehen, machte der National Trust alle Anwesen, die er betreute, öffentlich. Ganz gleich, ob Herrenhaus, Park oder Villa. Denn nur über Spendengelder ließ sich die Instandhaltung solcher Orte nicht finanzieren. Er hatte da eine ganz klare Befürchtung: Sollte er Settingham Hall dem National Trust übergeben, würde sein Haus mit Besucherinnen und Besuchern geschwemmt werden. Vermutlich würde zudem ein Schloss-Shop entstehen, bei dem schon der Name falsch war und das Angebot ohnehin: Es würde Marmelade aus Bio-Früchten und Bücher über englische Gärten geben, und pastellfarbene Vogelnistkästen wären der Renner im Verkauf. Wahrscheinlich auch noch Fußmatten mit lustigen Aufdrucken, gemusterte Gartenhandschuhe und Laubscheren in grellen Neontönen. Alles Dinge, die Städter so romantisch fanden und die ihnen halfen, sich naturverbunden zu fühlen.

Innerlich lachte Dave auf. Er war auch naturverbunden, ob es ihm passte oder nicht. Um zu heizen, musste er Holz hacken, so einfach war das. Immerhin hatte er das Problem mit dem warmen Wasser schon vor Jahren gelöst, denn jedes Mal das Wasser anzuheizen, bevor man duschte oder ein Geschirrstück spülte, war ihm dann auf Dauer doch zu puristisch gewesen.

So viel zum Thema Adel.

Er seufzte.

Ja, Glamour ging anders.

Aber anfeuern und Wasser aufheizen, das waren auch Themen, die früher das Personal erledigt hatte. Helfende Hände gab es in Settingham Hall heutzutage kaum noch. Eine Hauswirtschafterin und einen Verwalter, beides mit reduzierter Stundenzahl. Mehr konnte er sich nicht leisten.

Er setzte an, um einen Traktor zu überholen, doch ein weiterer Wagen kam ihm entgegen, den er zuvor aufgrund einer Hügelkuppe nicht hatte sehen können. Er scherte wieder ein.

So tuckerte er in der Kolonne mit, die sich hinter dem Traktor gebildet hatte. Irgendwann bemerkte Dave, dass er inzwischen hinter einem Laster festhing, dessen dunkelblaue Plane im Fahrtwind knatterte. Er hatte nicht einmal mitbekommen, wohin der Traktor verschwunden war.

Erneut kehrten seine Gedanken zur finanziellen Situation zurück. Er nahm doch schon in Anspruch, was ging: Bei jedem der Projekte, das den Erhalt des kulturellen Erbes Englands finanzierte, hatte er einen Förderantrag eingereicht. Er hatte auch großzügige Unterstützung für bisherige Restaurierungsprojekte erhalten, wie günstige Kredite, aber es ließ sich nicht leugnen: Die Kosten waren dennoch dabei, ihm über den Kopf zu wachsen, und auf familiäre Hilfe brauchte er nicht zu hoffen.

Und mal Hand aufs Herz: Was sollte er alleine mit fünfzehn Zimmern? Da war der größte Teil des Erdgeschosses mit seinen sogenannten Funktions- und Repräsentationsräumen noch nicht einmal eingerechnet. Es war absurd. Er nutzte im Haupthaus gelegentlich das Büro seines Vaters, an das ein kleines Wohn- und Schlafzimmer angrenzte. Er selbst wohnte inzwischen in der Remise, sie fühlte sich mehr nach Zuhause als nach Museum an. Dennoch brachte er es nicht übers Herz, an der Situation etwas zu verändern. Ganz tief in ihm schlummerte immer noch sein Traum …

Die Straße war frei, bemerkte er plötzlich. Er trat aufs Gas und überholte den Laster. Als sich danach die Aussicht weitete, seufzte er erneut auf, dieses Mal vor Glück.

Es gab keine schönere Gegend als die Cotswolds. Nur zwei Stunden von London entfernt, konnten die Unterschiede zur Hauptstadt kaum größer sein. Über den üppig grünen Hügeln hingen heute wieder weiße Wolken vor blauem Himmel. Die Sonne tauchte die Landschaft mit ihren Weideflächen in ein Wechselspiel aus Licht und Schatten. Das war sein Auenland, sein eigenes, höchstpersönliches Auenland.

Wenig später bog er auf einen Waldweg ein, parkte und schulterte die Axt. Er begab sich in den Wald hinein, der Förster hatte ihm zwei bereits geschlagene Stämme zurechtgelegt, die er nun nur noch in Scheite zerlegen musste. Ohne Absprache hätte Dave niemals einen der Baumstämme angerührt. Auch wenn es streng genommen seine waren: Es gab Regeln, und an die hielt er sich. Den Förster und dessen Know-how zu würdigen, das gehörte für ihn zum guten Ton. Sein Wald war in guten Händen, und das war doch schon mal was wert.

Er krempelte die Ärmel seines Pullovers hoch, dann nahm er die Axt und schlug zu.

Plötzlich hörte er das Klingeln seines Telefons, sofort ließ er die Axt sinken und zog es aus der Hosentasche. Normalerweise wäre er im Wald nicht ans Handy gegangen, aber es war der Anruf, auf den er gehofft hatte. Er nahm ab und schluckte trocken. »Ja, bitte?«

»Mister Brandeck, hier ist die Willboroughs-Bank, Mister Dunham am Apparat. Ich hatte Ihnen ja zugesagt, dass ich mich melde.«

»Ja, haben Sie vielen Dank.« Mehr brachte Dave nicht heraus. Er hatte einen Kredit beantragt, einen, der atemberaubend hoch war. Um das Dach zu decken und, je nachdem, wie die Kosten ausfielen, vielleicht auch einige Zimmer zu renovieren und weitere Bäder einzubauen. Er schüttelte innerlich den Kopf. Was für ein aberwitziger Gedanke. Ein Boutique-Hotel in Settingham Hall einzurichten, erschien ihm hier, inmitten des Waldes, finanziell abenteuerlich bis schwachsinnig. Aber der Gedanke, als Gastgeber Menschen um sich zu haben, gefiel ihm. Es ging ihm nicht darum, ein riesiges Hotel aufzuziehen, er wollte ein kleines und feines Haus daraus machen, in dem der persönliche Kontakt noch etwas zählte. Davon hatte er während seines Banktermins natürlich nichts erwähnt und sich auf die rein wirtschaftlichen Aspekte zur Begründung des Antrages beschränkt.

Mister Dunhams Räuspern unterbrach seine Gedanken.

»Es tut mir sehr leid«, begann der Banker, und Dave hätte gerne das Gespräch beendet.

Er musste nicht weiter zuhören.

Die Worte, die der Kundenberater, wie er sich vollmundig nannte, von sich gab, perlten an ihm ab.

Das war bitter: Sein Kreditantrag war abgelehnt worden. Ein Schlag ins Kontor. Hoffentlich machte das nicht die Runde, nichts war in seinen Kreisen verpönter, als finanziell ins Schlingern zu kommen. Und das war noch ein Euphemismus für seine Situation.

Auch dieser Dunham schien das zu wissen, er druckste herum, geriet immer wieder ins Stottern, versprach dann, die Ablehnung per Post zu schicken, und beendete das Gespräch zügig.

Dave griff nach der Axt und schlug zu, heftiger, als er es sich vorgenommen hatte.

Warum hatte es ausgerechnet ihn treffen müssen?

Wie sollte das jetzt alles weitergehen?

Ein paar Monate würde er noch klarkommen, aber dann?

Ja, es war Jammern auf hohem Niveau, aber warum konnte niemand sehen, dass es auch ein Dilemma war, so zu leben? Warum musste ausgerechnet er aus einer der hoch angesehenen englischen Adelsfamilien stammen, die stets den Schein zu wahren hatten? Einen Schein, der sich dazu immer schwerer aufrechterhalten ließ, aber gleichzeitig mit vielen Regularien beständig ins Leben eingriff. Wie schön hätte sein Leben sein können, wenn er einfach nur in einer gutbürgerlichen Familie aufgewachsen wäre. Wenn er heute in einem süßen kleinen Cottage, in einem süßen kleinen Dorf wohnen und ein süßes kleines Leben führen könnte.

Aber so war es nun mal. Weder jene, die in Wohlstand hineingeboren wurden, noch jene, die in bescheidenen Verhältnissen aufwuchsen, hatten sich jemals ausgesucht, was die Geburtslotterie ihnen bescherte.

Auch wenn er es nie jemandem gegenüber erwähnt hätte, dieses ungewollte Erbe von Settingham Hall hatte tatsächlich auch schon zu einer Trennung geführt. Seine letzte Freundin hatte sich offensichtlich falsche Vorstellungen gemacht und gedacht, sie hätte mit einem Marquess an ihrer Seite ausgesorgt. Begeistert war sie ins Herrenhaus gezogen und hatte nach und nach begriffen, wie viele Einschränkungen das Leben in so einem historischen Gebäude mit sich brachte. Und vor allem wie viel Arbeit. Irgendwann war sie mit einem fadenscheinigen Grund ausgezogen, und er hatte nie wieder etwas von ihr gehört.

Von der Produktionsfirma hatte er aber sehr wohl noch einmal gehört.

Er war selbst überrascht von diesem Gedankensprung. Aber es war naheliegend, warum ihm das nun durch den Kopf ging: Das Anschreiben, das ihm vor drei oder vier Wochen auf den Tisch geflattert war, hatte er erst beiseitegelegt, es sich dann noch einmal vorgenommen und sich letztendlich doch bei der Produktionsfirma gemeldet. Wenige Tage darauf war ein Location Scout bei ihm erschienen und hatte sein Herrenhaus als ein Motiv bezeichnet, in dem irgendwelche Versteigerungen für eine Serie oder Staffel stattfinden könnten. Der Location Scout hatte versucht, es ihm zu erklären, doch Dave hatte nur unkonzentriert zugehört. Für ihn war entscheidend gewesen, wo sie drehen wollten: vermutlich in der Eingangshalle und im Ballsaal. Auch die Frage, wie viele Tage das Team die Motive mieten wollte, war ihm wichtig gewesen.

Als er im Anschluss das Angebot erhalten hatte, war ihm für einen Moment die Luft weggeblieben. So lukrativ hatte er sich die Sache nicht vorgestellt.

Dennoch war er sich unsicher, ob er dieses Angebot annehmen sollte, denn es würde das Eindringen eines Filmteams in die heiligen Hallen bedeuten. Er wusste, sein Vater hätte in so etwas niemals eingewilligt, nie hätte er auch nur Fotografen durch das Anwesen seiner Vorfahren geführt. Nie hätte er Banausen, wie er viele Leute gern nannte, auf sein Anwesen gelassen, geschweige denn von ihnen noch Geld genommen. Und erst recht hätte er nicht irgendwelchen TV-Sendungen Raum geboten, mit denen das gemeine Volk unterhalten werden sollte.

Langsam ließ Daves Wut nach. Er starrte gedankenverloren auf die Baumrinde und die frischen Kerben, die er mit der Axt im Holz hinterlassen hatte.

Seine Mutter, sie hätte aus allem, erst recht aus dem Besuch eines Filmteams, eine nicht endende Party gemacht. Sie fehlte, seitdem sie vor neun Jahren an einem plötzlichen Herzinfarkt gestorben war.

Es war dramatisch gewesen.

Aber sie hatte bis zu ihrem Ende das Leben gefeiert, besonders gern mit ihren Freundinnen. Das war der einzige Gedanke, den er, wenn es um den Tod seiner Mutter ging, ertrug – sie war früh gegangen, hatte aber den Luxus, den ihr Mann ihr bieten konnte, in vollen Zügen genossen. Sie hatte die Welt bereist und oft das Theater, klassische Konzerte und Kunstausstellungen besucht. Gehobene Küche und leichte Sommerweine hatte sie geliebt, genauso wie gute Bücher. Er wünschte, er hätte ihre Leichtigkeit geerbt und nicht die Schwermut und Kühle seines Vaters. Immerhin war es ihm gelungen, nicht ebenso arrogant wie er zu werden.

Dave wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann zerrte er an der Axt, die sich im Holz verkantet hatte. Er bemerkte dabei, dass die Schatten länger wurden. Vielleicht sollte er kurz pausieren und dann die bereits gehackten Scheite auf der Ladefläche stapeln?

Aber auch für ihn fühlte es sich an, als würde er mit diesen Gedanken, ein Filmteam ins Herrenhaus zu lassen, eine Grenze überschreiten, etwas verändern, was seine Vorfahren niemals in Erwägung gezogen hätten.

Ja, es war so, als würde er den Ort entweihen.

Er hatte seinen Vater immer belächelt, wenn der von den heiligen Hallen gesprochen hatte. Nie war er sich sicher gewesen, ob William Brandeck es scherzhaft oder ernst gemeint hatte.

Und jetzt?

Nutzte er selbst den Begriff, zwar voller Ironie, und verhielt sich paradoxerweise so, als wäre das Anwesen genau das: eine Aneinanderreihung heiliger Hallen.

Ja, das traf es ziemlich gut!

Es fühlte sich an, als würde er Settingham Hall etwas von seiner Würde, seinem Glanz und seiner Geschichte nehmen. Oder würde er einfach nur das Anwesen in die Gegenwart hinüberretten und dessen Bestimmung erweitern? Andere an dem, was er besaß, partizipieren lassen und es damit auf eine gewisse Weise öffentlich machen?

Es war für einen normalen Durchschnittsadeligen heute kaum noch möglich, solche Paläste zu finanzieren. Wäre die Welt nicht eine viel einfachere, wenn man über solche Dinge hätte sprechen dürfen?

Erneut schlug er mit der Axt ins Holz, wieder viel zu heftig.

Kapitel 3

Maura

Die Arbeit hatte sie schon oft nach England geführt, und wann immer sie hierher zurückkehrte, ging ihr das Herz auf. Sie war am Flughafen von einem Mitarbeiter der Produktionsfirma abgeholt worden und sollte nun zum Hotel gebracht werden, in dem sie wohnen würde, bis der Hauptdreh begann.

Ihr Blick war in die vorbeiziehende Landschaft gerichtet, die sattgrün zu leuchten schien. Sie liebte die Stimmung in dieser Region und verstand, warum man diese Grafschaften das Herz Englands nannte. Sie durchfuhren mehrere Dörfer, in denen zahlreiche Häuser aus honigfarbenem Gestein erbaut worden waren. Kleine, fast geduckt wirkende Cottages, manche mit Reet gedeckt, einige mit schwarzgrauem Schiefer, die sich in die sanften Hügel der Umgebung zu schmiegen schienen.

Die Namen der Dörfer beinhalteten schon häufig viel Geschichte: Stratford-upon-Avon, Painswick, Bibury oder Bredon. Auch die Verbundenheit der Menschen mit Literatur beeindruckte sie immer wieder. Shakespeare oder Jane Austen waren hier so geläufig wie in den USA Stephen King und Mickey Mouse.

Und tatsächlich bestand immer die Chance, in den Cotswolds Mitgliedern der Königsfamilie zu begegnen, die gern ihre Sommer hier verbrachten. Alles war aufgeladen mit Sagen und Mythen, wahrscheinlich war das auch der Grund, dass so viel Weltliteratur in dieser Region ihre Wurzeln hatte. Hier wurden Geschichten erdacht und erzählt, und genau das würde sie, in einem übertragenen Sinne, demnächst auch tun: Sie würde Antiquitäten die Geschichten ihrer Besitzer erzählen lassen.

Ihr Handy piepte. Maura zog es hervor und sah, dass eine Mail eingegangen war. Es war das Produktionsbüro, das die ersten Entwürfe für das Sendungslogo schickte.

Ihr Herz machte einen Satz.

Wenn so ein Projekt seinen Lauf nahm, war es für sie fast immer wieder surreal, dass sie, die Tochter einer Krankenschwester und eines Verwaltungsmitarbeiters der örtlichen Behörde in Hastings-on-Hudson, sich inzwischen in solchen Sphären bewegte. Und doch war irgendetwas in ihr immer das Vorstadtmädchen geblieben, auch wenn sie inzwischen seit vielen Jahren in Greenwich Village, im Herzen New Yorks, lebte. Sie war nun als Host für ein Sendungsformat gesetzt, das vermutlich weltweit ausgestrahlt werden würde. Und manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie in diese Welt passte – in die der Schönen, der Reichen, der Kreativen und von Geburt an Privilegierten. Dann überkam sie bisweilen ein Anflug von Unsicherheit, der sie dazu antrieb, noch härter zu arbeiten, noch mehr zu lernen. Gut zu sein in dem, was sie tat. Richtig gut zu sein, nur das half.

»Ich habe heute noch ein wenig Luft im Zeitplan«, sagte sie und beugte sich zum Fahrer vor. »Könnten wir noch einen kleinen Abstecher machen?«

»Ja, wo möchten Sie hin?«

»Ich würde gern in den Antiquitätenladen Willow’s Vintage-World in Upperstow.«

Kurz tippte der Fahrer auf dem Navigationsgerät herum. »Ist nicht weit weg«, sagte er schließlich.

»Haben Sie denn Zeit für einen Zwischenhalt?«

»Ich kann es ja auf Sie schieben.« Er grinste ihr im Rückspiegel zu.

»Gute Idee. Also muss ich mir keine Gedanken machen?«

Der Fahrer griff neben sich. »Ich habe ein Buch mit. Für Film und Fernsehen Produktionsfahrer zu sein, heißt, warten zu können.«

»Das werden Sie auch müssen«, sagte Maura und lächelte selig.

 

Willow’s Vintage-World war einer der schönsten Antiquitätenläden, den sie kannte. Ein lang gezogenes Backsteingebäude, dessen Fassade inzwischen eher gräulich als hellgelb wirkte, doch bereits das mit Kleinode überladene Schaufenster zog Passanten in die Welt seines Inhabers.

Schon während Maura die Tür aufstieß, glitt ihr Blick den langen Flur entlang, von dem rechts und links Regalreihen abzweigten. Vorne wurden die Haushaltswaren angeboten, Schmuck, Keramiken, Münzen, Stoffe, Kleidung und Spielzeug. Im hinteren Bereich des Ladens fanden sich Lampen, Spiegel, Standuhren, Gemälde und Möbel. Doch was den Laden so einzigartig machte, war die angrenzende Werkstatt, denn der Inhaber war nicht nur ein Liebhaber antiker Sammlerstücke und ein Experte vergangener Zeiten, er hatte in seiner Jugend den Beruf des Kunsttischlers gelernt. Mister Willow war ein Unikat, und seine Werkstatt war im Laufe der Jahre oft für alle möglichen Zeitschriften abgelichtet worden, denn hier schien ebenfalls die Zeit stehen geblieben zu sein. Für die Werkbank, die dort stand, hätte Maura ein Vermögen geboten, aber sie wusste, dass sie unverkäuflich war.

Mister Willow kam ihr den langen Gang entgegengelaufen, und Maura hätte geschworen, dass er noch immer die Brille und Mütze trug, die sie bei ihrem letzten Besuch an ihm gesehen hatte. Erst als er vor ihr stand, erkannte er sie. Ein Strahlen ging über sein Gesicht. »Was für eine Überraschung, Mrs Americana ist wieder im Auenland! Wie geht es Ihnen?«

Maura lächelte in sich hinein. Mister Willow konnte sich schlecht Namen merken, er erfand einfach welche, und sie war damals schon Mrs Americana für ihn gewesen. Aber es war seine Welt, und Maura liebte sie. »Danke, gut! Es wartet viel Arbeit auf mich.«

»Das setze ich bei Ihnen voraus, was führt Sie denn dieses Mal nach Europa?«

»Eine größere Produktion, wir drehen hier in der Nähe. Aber wir reden nur von mir, wie geht es Ihnen?«

Nun verzog sich das Gesicht des alten Mannes schlagartig. Er wiegte den Kopf. »Sind harte Zeiten. Entweder mögen die Menschen keine Antiquitäten mehr, oder sie haben weniger Geld dafür übrig.«

Maura schüttelte entschieden den Kopf. »Die Sendung, die wir realisieren, fokussiert sich komplett auf Antiquitäten. Es gibt immer mehr Formate dieser Art im Fernsehen und auf Streaming-Portalen, die solchen Schmuckstücken, wie Sie sie anbieten, eine Bühne geben. Das lässt mich hoffen, dass dieser Markt weiterhin bestehen bleibt, sich vielleicht sogar vergrößert.«

»Wenn Sie das sagen, will ich das glauben. Aber umso mehr muss ich erkennen, dass ich keine Ahnung habe, was ich falsch mache.« Er seufzte enttäuscht. »Aber Sie sind nicht hierhergekommen, um sich meinen Kummer anzuhören. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich wollte ein wenig stöbern, mich einfach inspirieren lassen.«

»Schauen Sie sich um, und sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie mich brauchen, ich bin wieder in der Werkstatt. Da wartet eine Pendeluhr auf mich.« Mister Willow trottete den Gang zurück.