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Cozy Romance trifft "Schöner Wohnen": Eine bezaubernde Kleinstadt erhält einen neuen Anstrich – doch finden auch die Herzen der Bewohner*innen ihr Zuhause? Matt Jameson hat sich als Experte in verschiedenen Interior-Design-Sendungen einen Namen gemacht. Als er das Angebot erhält, an einem großen neuen TV-Format teilzunehmen, ist er begeistert: Ausgewählte Größen im Bereich Innendesign treten gegeneinander an, reisen in ihre Heimatstädte und hübschen diese nach genauen Vorgaben auf. Matts Geburtsort, das kalifornische Weinstädtchen Willington, könnte charmanter kaum sein, seine Familie ist angesehen – was könnte da schiefgehen? Zurück in Willington, muss Matt jedoch feststellen, dass die einst heile Welt Risse hat. Da kommt ihm die sympathische und engagierte Kelly Bellham gerade recht: Ihre Jugendeinrichtung soll in der Sendung renoviert werden. Doch dann macht Kelly aus unerklärlichen Gründen einen Rückzieher, und Matt wird mit einigen unangenehmen Wahrheiten konfrontiert … Interior Design trifft auf einen cozy-romantischen Liebesroman: ein Wohlfühlbuch zum Wegträumen Ein Muss für alle Romantikerinnen, die sich gern an schöne Orte träumen und immer auf der Suche nach Inspirationen für ihr Wohlfühlzuhause sind!
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anny Widmer
Liebe findet ihr Zuhause
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein Muss für alle Romantikerinnen, die sich gern an schöne Orte träumen
Matt Jameson hat sich als Experte in verschiedenen Interior-Design-Sendungen einen Namen gemacht. Als er das Angebot erhält, an einem großen neuen TV-Format teilzunehmen, ist er begeistert: Er soll in seine Heimatstadt reisen und ihr einen neuen Anstrich verpassen – was könnte da schiefgehen? Zurück in dem charmanten kalifornischen Weinort Willington, muss Matt jedoch feststellen, dass die einst heile Welt Risse hat. Da kommt ihm die sympathische und engagierte Kelly Bellham gerade recht: Ihre Jugendeinrichtung soll in der Sendung renoviert werden. Doch dann macht Kelly aus unerklärlichen Gründen einen Rückzieher, und Matt wird mit einigen unangenehmen Wahrheiten konfrontiert …
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Epilog
Matts Einrichtungstipps für kleine Räume
Matt verlangsamte seine Schritte und ließ den Blick schweifen: Die Aussicht auf die Bucht von San Francisco mit der Bay Bridge im morgendlichen Sonnenschein und der gleichmäßige Laufrhythmus hatten wie immer eine entspannende Wirkung auf ihn. Diese Morgenrunden gaben ihm den Schwung, den er brauchte, um in einen neuen Arbeitstag zu starten.
Wenn er seine abschließenden Dehnübungen hinter sich gebracht hatte, würde er in sein Apartment in Haight-Ashbury fahren und den Anblick der farbenprächtigen viktorianischen Häuserfassaden genießen. Er würde sich in das quirlige Treiben in den Straßen einreihen, in denen noch immer der Geist der Studentenbewegung wehte. Ein wenig Hippietum, viel Kreativität und lässige Zwanglosigkeit.
Er würde sich schnell einen Green Tea Latte holen und sich, bevor er ins Büro fuhr, kurz frisch machen. Gegen 10 Uhr würde er zur Besprechung mit dem Küchenbauer auf der Baustelle erscheinen. Die Planungen für die Einrichtung des Apartments, das er für den Geschäftsführer eines Start-ups ausbaute und gestaltete, liefen auf Hochtouren und nahmen Form an.
Am Abend würde er Belinda treffen, vielleicht auch Ellen, und mit einer der beiden in der angesagten Rooftop-Bar östlich des Golden Gate Parks einkehren – ein Laden mit einem beeindruckenden Blick auf einen der größten innerstädtischen Parks der Welt.
So begann und endete für ihn ein perfekter Tag: an der frischen Luft, am Wasser, umgeben von viel Grün. Ein wenig Landkind steckte immer noch in ihm, das konnte er nicht leugnen. Wenn er zurückdachte, meinte er, seine Kindheit hauptsächlich draußen verbracht zu haben. Er hatte mit Freunden in den Weinbergen gespielt, und er hatte, zumindest war er davon überzeugt gewesen, jeden Waschbären, Biber und Falken der Umgebung gekannt. Seine Freunde und er waren auf Bäume geklettert, hatten Höhlen gebaut und immer das Abenteuer gesucht.
Und genau deshalb war San Francisco eine Stadt nach seinem Geschmack – alles hier war heute noch von der positiven und kraftvollen Energie und Abenteuerlust jener Menschen geprägt, die damals an die Westküste gekommen waren, um Gold zu schürfen … Das war genau seine Haltung: nicht aufgeben, niemals.
Das Handy klingelte. Kurz überlegte Matt, ob er das Gespräch annehmen sollte, es war schließlich erst kurz nach 8 Uhr. Da die Nummer aber eindeutig aus Los Angeles stammte, siegte seine Neugier. Schließlich saßen dort viele potenzielle zahlungskräftige Kundinnen und Kunden sowie zahlreiche Filmproduktionsfirmen und Fernsehsender.
»Guten Morgen, spreche ich mit Matt Jameson?«
»Ja, wer ist da bitte?«
»Hier ist Olivia Peters von Home for You-Media. Störe ich Sie?«
Matt hielt inne. Perfekt, dachte er. Home for You-Media war der Platzhirsch unter den Fernseh-Produktionsfirmen, die für die bekanntesten Interior-Sender Formate entwickelten und umsetzten. Er hatte schon für unterschiedliche Sender und einmal für einen Streaming-Anbieter in verschiedenen Fernsehformaten Lofts und Apartments aufgemöbelt oder gleich Häuser komplett saniert und umgekrempelt. Doch HFY-Media hatte ihn bislang noch nie beehrt. Kurz riss er die Siegerfaust empor und bemerkte die Blicke zweier Frauen, die an ihm vorbeijoggten. Er grinste nur, denn ihm war klar, dass er sich in seinem Sportoutfit sehen lassen konnte – 32 Jahre, kein Gramm Fett zu viel. Vielleicht hatten sie ihn sogar erkannt? Er machte das Victory-Zeichen, die beiden lächelten und hoben die Daumen.
»Ja, hier ist Matt Jameson, Sie stören nicht«, antwortete er und versuchte in Gedanken bereits, die kommenden Monate zu überblicken, denn Fernsehprojekte banden viel Zeit, brachten aber auch enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Diese kam dann seinem Interior-Design-Büro zugute, und häufig wurden diese Engagements auch üppig bezahlt. Sie waren zudem mit Reisen verbunden und ihm stets eine willkommene Abwechslung. Sein Büro in San Francisco wurde in solchen Fällen von seiner Assistentin geführt, auf die er sich voll und ganz verlassen konnte.
»Freut mich, wenn es gerade passt. Ich bin Producerin eines Sendungsformates«, setzte Peters an, »das wir neu entwickelt haben, und wir sind fest davon überzeugt, dass Sie genau der Richtige dafür wären. Wir möchten verschiedene Berühmtheiten der Interior- und Houseflipping-Branche, also bekannte Innenarchitekten, Architekten oder Makler, in Kleinstädte schicken, damit sie ihnen neuen Schwung verleihen.«
Matt runzelte die Stirn. Dieses Konzept war nicht gerade innovativ, auch wenn er noch an keinem dieser Art teilgenommen hatte, kannte er einige Sendungen, die Ähnliches lieferten. »Mir kommt das Konzept vertraut vor«, sagte er möglichst neutral. »Wo ist der Unique Selling Point, das Besondere, das Ihr Format bietet und die Zuschauer zum Einschalten bewegt?«
»Nun, wir schicken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurück in ihre jeweilige Heimatstadt.«
Tatsächlich war der Aspekt neu, das klang schon erheblich interessanter. »Und was versprechen Sie sich davon?«, fragte er.
»Wir gehen davon aus, der Arbeit einen persönlichen Anstrich zu verleihen und in die Geschichte des jeweiligen Teilnehmers eintauchen zu können.«
»Verstehe ich Sie richtig, dass Sie jetzt über meine Arbeit berichten möchten oder über meine Kindheit und Jugend?« Er sah seine Heimatstadt Willington mit ihren knapp 6000 Einwohnern vor sich, sie war einer dieser malerischen Orte am Rande des weltberühmten Napa Valleys, eingebettet in eine hügelige Landschaft, die mit Weinhängen überzogen war. Auch sein Vater hatte viele Jahre Wein angebaut, bis er sich zur Ruhe gesetzt und alles verkauft hatte. Jeder kannte jeden, man half einander und feierte zusammen. Genau genommen würde nichts dagegensprechen, aus seiner Vergangenheit zu erzählen: Highschool-Sonnyboy, Rückgrat des Footballteams und bekannt wie ein bunter Hund. Nichts hatte er anbrennen lassen – eine Band gegründet, auf jedem Straßenfest gespielt, die Herzen der Mädchen gebrochen – und war trotzdem »Everybody’s Darling« der Nachbarschaft gewesen.
»Wir haben auf zweierlei geachtet«, riss ihn die Stimme der Producerin aus seinen Gedanken. »Einerseits möchten wir natürlich prominente Interior-Experten vorstellen, die nach Hause zurückkehren, andererseits haben wir nach Kleinstädten gesucht, in denen es derzeit schwierige Entwicklungen gibt, also auch ein tatsächlicher Unterstützungsbedarf existiert.«
»Wir reden beide von Willington in Nordkalifornien?« Matt schob die Sonnenbrille in die Haare und hielt das Gesicht in die wärmende Sonne.
»Wann waren Sie das letzte Mal in Willington?«, fragte die Producerin. Sie klang neugierig.
»Das ist einige Zeit her, ich habe in diesem Jahr einige Projekte in Europa umgesetzt und war viel unterwegs, auch innerhalb der USA. Aber warum fragen Sie? Die Stadt lebt seit Jahrzehnten vom Weinanbau und vom Tourismus, und daran wird sich nichts geändert haben.«
»Sicherlich ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle, aber … vielleicht habe ich hier unvollständige Angaben. Wie auch immer: Wir legen Wert darauf, dass drei Renovierungen stattfinden: Erstens ein Objekt, an dem die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt zusammenkommen können. Dann wird ein Privathaus einer Familie oder Person, die sich in der Kleinstadt besonders engagiert, auf Vordermann gebracht. Also Sympathieträger, die eine hohe Wertschätzung in der Gemeinschaft genießen. Zu guter Letzt soll sich um ein Sozialprojekt gekümmert werden, in dem Brennpunktarbeit geleistet wird. Wir möchten gern, dass das Sendungsformat langfristig und nachhaltig für die Stadt ist – sie soll nicht nur schöner, sondern wieder besser, lebenswerter, einfach sozialer werden.«
Auf Matt machte die Producerin einen strukturierten Eindruck, selbst am frühen Morgen. Aber was redete sie da über Brennpunktarbeit in seiner Heimatstadt? Das war der langweiligste aller verschlafenen Heile-Welt-Orte in Nordkalifornien, vermutlich sogar der gesamten Westküste. Da hatte wohl jemand seine Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Er hätte ihr gern empfohlen, die Angaben noch einmal zu überprüfen, aber er wollte nicht als unangenehmer Klugscheißer auffallen, deshalb beließ er es dabei. Er hatte erst vor einigen Wochen mit Kenneth Hauwke telefoniert, einem ehemaligen Mitschüler, der inzwischen Bürgermeister in Willington war. Wenn es Schwierigkeiten geben würde, hätte er es erwähnt. Tatsächlich sah es so aus, als ob dieses Sendungsformat im wahrsten Sinne des Wortes ein Heimspiel werden könnte. Die Stadt war entzückend, und wenn er, als landesweit bekannte TV-Größe, nach Hause zurückkehren würde, um dort die Lebensqualität der Stadt zusätzlich zu erhöhen, würden alle mit anpacken. Es würde ein Fest werden, nach so langer Zeit wieder heimzukommen, da war er sicher. Zudem war es eine gute Gelegenheit, seine Mutter Gloria zu besuchen. Er hatte sie tatsächlich etwas vernachlässigt, aber er hatte wirklich gute Gründe gehabt und ihr immer Karten geschickt, aus Belgien sogar ein Paket mit feinster Schokolade. Bisher hatte sie sich nicht beschwert, sondern sich mit Telefonaten und dem einen oder anderen Videocall zufriedengegeben.
»Die Dreharbeiten beginnen in acht Wochen«, fuhr Peters fort, »ich weiß, das ist sehr, sehr kurzfristig, es ließ sich aber leider nicht anders planen.«
»Oh, das ist wirklich überraschend … Wer sind die anderen Teilnehmenden der Sendung? Und welchen Gewinn gibt es? Diese Formate leben ja häufig vom Wettstreit.«
»June Myers ist dabei und Richard Creston, und wir hoffen auch Sie.«
June und Richard.
Natürlich kannte Matt beide, das waren echte Branchen-Giganten!
June hatte inzwischen ein Interior-Imperium aufgebaut mit Filialen, in denen das begeisterte Zielpublikum, das vornehmlich aus Frauen bestand, all die Dinge kaufen konnte, die sie in den Sendungen drapierte, dekorierte oder werbewirksam über Social-Media-Clips in den jeweiligen Wohnungen und Häusern nutzte. Und Richard war Immobilienmakler an der Westküste, der sich darauf spezialisiert hatte, Bruchbuden aufzukaufen, sie mit einem Team zu sanieren und komplett zu möblieren, um die so auf Hochglanz gebrachten Häuser für ein Vermögen weiterzuverkaufen. Größer als sein Selbstbewusstsein war wohl nur seine außergewöhnliche Sammlung an schrägen Sonnenbrillen, bevorzugt mit Glitzersteinen. Da beide für die Sendung in ihre eigenen Heimatstädte zurückkehren würden, schlussfolgerte Matt, nicht viel mit ihnen zu tun zu haben. Das Konzept begann, ihm immer mehr zuzusagen, denn mit den beiden in einem Atemzug genannt zu werden oder in einer Sendung gegeneinander anzutreten würde seine eigene Karriere noch einmal ordentlich pushen.
»Werden es eigenständige Folgen, die sich immer einem Teilnehmer widmen, oder werden die Teilnehmer beziehungsweise die Teilnehmerinnen abwechselnd in jeder Folge begleitet?«
»Wir werden in einer Folge die Projekte immer einander gegenüberstellen, es werden vermutlich drei Folgen à 45 Minuten, das bedeutet, Sie bekommen pro Folge 15 Minuten Sendezeit sicher zugesagt. Wir haben eine Jury, die dann den Sieger oder die Siegerin kürt. Die Gewinnsumme soll bei 250000 Dollar liegen, die der Gewinnerstadt zugutekommen wird. Wir haben hervorragende Sponsoren an Bord, und wir erhoffen uns über die Gewinnhöhe auch eine ordentliche mediale Aufmerksamkeit.«
Abermals streckte Matt die Faust begeistert in die Luft.
Und die Bay of San Francisco zeigte sich heute von ihrer Bilderbuchseite: wärmender Sonnenschein und ein türkisblauer Himmel über einer spiegelblanken Wasseroberfläche. Keine Spur von dem typischen Nebel, der oft die gesamte Bay Bridge verschluckte. All das wurde abgerundet durch die Aussicht auf eine Gewinnsumme, die beeindruckend war.
Was für ein wunderbarer Morgen!
Es würde eine Heimkehr werden, die kaum fulminanter sein konnte. »Wissen Sie was, Olivia Peters, ich bin dabei!«
»Großartig!«, rief die Producerin und klang wirklich begeistert.
»Ja, ich freue mich auf die Zusammenarbeit, das wird ein Heimspiel, ich sage es Ihnen!«
Kelly sah gelangweilt über den Tisch hinweg. Ihr gegenüber saß Kenneth, der schon zu Highschool-Zeiten ein unangenehmer Typ gewesen war. Vier Jahrgänge über ihr hatte er in der Footballmannschaft Erfolge gefeiert und sich stets als Alphamännchen gegeben. Dass er Anwalt geworden war und sich zum Bürgermeister von Willington aufgeschwungen hatte, war in keiner Weise überraschend. Er hatte nicht das Format gehabt, sich in San Francisco oder Los Angeles durchzubeißen, und so war er nach dem Studium – an irgendeiner drittklassigen Universität – wieder in die Heimat zurückgekehrt. Hier schien sich die Welt für ihn wieder so anzufühlen, wie er sie schätzte: Er war wichtig, er war einflussreich, er sagte, wo es langging. Glaubte er zumindest.
»Es wäre sehr sinnvoll, wenn eure Einrichtung umziehen würde«, wiederholte er sein Anliegen.
Stirnrunzelnd sah Kelly sich um. Stimmte die Akustik in dem Raum nicht? Zugegeben, für das Büro einer Einrichtung, die Sozialarbeit mit Jugendlichen anbot, sah es hier ein wenig zu sehr nach Cottage aus. Aber es gab nichts zu beanstanden, nicht einen Grund, diesen Standort aufzugeben. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das werden wir nicht! Das habe ich dir jetzt schon zweimal gesagt. Die Einrichtung erfüllt alle Anforderungen an Sicherheit, Feuerschutz und dieses Zeugs. Und: Das Haus gehört meiner Familie. Seit Jahrzehnten. Es ist mein Erbe. Und das weißt du. Es ist eine Erinnerung an meine Familie, ich fühle mich diesem Ort verbunden, und ich werde hier weiterhin meine Arbeit machen.«
Kenneth lehnte sich zurück. Er wusste, dass Kelly ihre Eltern bereits verloren hatte und dass sie zu den Menschen gehörte, deren spärliche Verwandtschaft über die USA verteilt war und kaum Kontakt zueinander hatte. Er verschränkte die Arme über seinem Bauch und seufzte theatralisch. Das Hemd spannte und gab den Blick auf das darunterliegende weiße Unterhemd frei. Sein Handgelenk zierte eine teure Uhr. »Ich weiß, ich wiederhole mich – aber seien wir ehrlich: Dein Haus ist in Ordnung, also drinnen.«
Kelly schüttelte sacht den Kopf. Kenneth und sie kannten sich von Kindesbeinen an, er wusste, dass sie ohne familiären Anschluss ihren Alltag bestritt, und was machte er? Er ignorierte es, erwähnte es mit keinem Wort. Er ließ die Bedeutung, die das Haus für sie hatte, außer Acht. Dreist war er schon immer gewesen.
»Aber von außen«, fuhr er mit leiernder Stimme fort, »da ist es der Schandfleck der Mainstreet. Du leistest bestimmt tolle Arbeit mit den Kids, aber wir könnten dir zwei Querstraßen weiter einen wunderbaren Neubau zur Verfügung stellen. Der wäre sehr viel besser für euch geeignet.«
»Kenneth, mir geht es darum, zentral Angebote anbieten zu können. Es ist mir egal, ob du der Meinung bist, die Fassade könnte frische Farbe vertragen, oder ob jeder Fensterflügel gerade hängt. Für so was ist keine Zeit. Die Kids kennen den Ort und fühlen sich dort dazugehörig. Wenn wir sie jetzt abschieben, dann werden sie auch die Aussage dahinter verstehen.«
»Moment!«, fiel Kenneth ihr ins Wort. »Was für eine Aussage denn? Alles wird geräumiger und moderner werden.«
»Darauf lasse ich mich nicht ein, du redest viel, wenn der Tag lang ist. Selbst wenn die Einrichtung umziehen würde, wohne ich immer noch hier – und mein Haus ist dadurch kein Stück weniger ein Schandfleck. Oder willst du mich auch loswerden?«
»Na ja, ich hatte daran gedacht, dich zu fragen, ob du verkaufen willst. Das Haus würde sicherlich einen guten Preis erzielen und …«
Kelly sprang auf. »Das ist nicht dein Ernst!«
»Verdammt noch mal!«, donnerte Kenneth, »du weißt, dass wir den Schwerpunkt darauf setzen müssen, den Tourismus zu stärken. Nur Weinanbau ist längst nicht mehr ausreichend. Es ist schwierig geworden, die Haushaltskasse zu füllen – gute Leute wandern ab, es gibt zu wenig Arbeitskräfte, und was ist das Fazit? Die Stadt überaltert. Es ist meine gottverdammte Pflicht, dafür zu sorgen, dass dieser Ort einen guten Eindruck macht. Willington muss dazu einladen, dass Besucherinnen und Besucher vorbeikommen, auch wenn wir nicht an der Küste liegen. Im besten Falle wird der Standort wieder attraktiv genug, dass junge Menschen hierherziehen.«
»Ach so, und all das hängt jetzt von meinem Haus ab? Sei doch stolz darauf, dass wir überhaupt noch Kinder- und Jugendarbeit leisten. Das ist bei Weitem nicht der Standard in anderen Kleinstädten. Ich habe die Förderanträge geschrieben, nicht du. Ich habe dafür gesorgt, dass wir nicht noch ein Extrakostenpunkt in deiner städtischen Haushaltsplanung werden. Und jetzt willst du mich loswerden, weil dir die Fassade meines Hauses nicht gefällt?« Sie hob abschätzig die Augenbraue. »Du warst schon immer unterhaltsam, mein Guter. Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal, welchen Schwerpunkt du bei deiner Arbeit setzt. Ich kenne meinen Schwerpunkt, und der ist das Wohl der Kinder. Wir sind finanziert, es ist mein Haus und damit basta.«
Die Tür zum Büro wurde aufgerissen, und Lianne schaute herein. Schlafzimmerblick, künstliche Wimpern, grellrot glänzender Lippenstift. Sie war gerade vierzehn geworden, fühlte sich aber wie eine Volljährige. »Ey, Kelly, da is so ’n Typ. Den kennst du auch«, sagte sie, darum bemüht, weiterhin möglichst gelangweilt dreinzuschauen.
»Ja, ich kenne so einige Typen. Könntest du bitte warten, bis wir fertig …« Bevor Kelly den Satz beenden konnte, stand ein Mann in ihrem Büro, der sich neugierig umsah.
Ein ziemlich gut aussehender Typ, das ließ sich nicht leugnen. Und tatsächlich kam er ihr extrem bekannt vor.
Auch Kenneth schien ihn zu kennen, denn er erhob sich hastig. »Matt, du bist schon hier? Ich dachte, wir treffen uns in meinem Büro.«
»Mein Team und ich sind schneller durchgekommen als geplant, und als ich bei dir im Büro angerufen habe, sagte man mir, dass ich dich hier finde.« Matt schüttelte Kenneth die Hand.
Kelly sog die Luft ein. »Matt? Matt Jameson?«, entfuhr es ihr.
»Ja, das bin ich, und wer sind Sie?« Er beugte sich vor und streckte auch ihr die Hand entgegen.
Noch immer starrte Kelly ihn an und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.
Matt.
Der Matt.
Ihr Matt.
Der Schulschwarm, in den sie als Teenie jahrelang verliebt gewesen war. Er hatte sich kaum verändert, nachdem er, ohne sich zu verabschieden, von heute auf morgen dieses Kaff verlassen hatte. Er sah sogar noch besser aus als damals – groß, schlank, mit blondem Haar, das wirkte, als hätte der Wind es gerade frisch zerzaust. Er trug eine Jeans, die locker saß, nicht die Spur overdressed war mit dem hellen Hemd und ihn doch deutlich zum Großstädter machte. Seine Sneakers gab es sicherlich im Umkreis von fünfzehn Meilen nicht zu kaufen. Mindestens. Und er wirkte noch lässiger und selbstüberzeugter als damals. Soviel sie wusste, war er erfolgreich im Fernsehen.
Und er siezte sie. So wie es aussah, konnte er sich nicht an sie erinnern. An die kleine dünne Kelly, die vier Klassen unter ihm gewesen war und der er gern seine kleine Schwester Mel zum Babysitten aufs Auge gedrückt hatte. Und ja, sie hatte hingebungsvoll auf Mel aufgepasst – schließlich war sie ja Matts Schwester.
»Kelly Bellham«, sagte sie nur und konnte auf seinem Gesicht keine Regung ausmachen, die darauf schließen ließ, dass er sie in Erinnerung behalten hatte. Sie spürte einen Stich im Herzen, ein kleinen nur, aber er war da. Konnte das sein, nach so vielen Jahren?
Sein Händedruck war fest. »Freut mich, Kelly! Wäre es in Ordnung, wenn wir uns duzen? Beim Film sind wir da alle sehr entspannt.«
Kelly nickte. Tatsächlich – er erkannte sie nicht.
»Ich bin hier für Home for You-Media«, ergänzte er, »wir werden Willington ein wenig auf Hochglanz polieren. Wenn das möglich ist.« Er grinste.
Auf seinen Wangen bildeten sich diese Grübchen, die Kelly damals schon begeistert hatten. Nur langsam begann ihr Hirn, wieder seine Arbeit aufzunehmen. »Ach, was habt ihr denn vor?«, fragte sie und spürte Unruhe in sich aufsteigen. Aus irgendeinem Grund war ihr innerer Alarm angesprungen.
Irgendetwas stimmte hier nicht.
So ganz und gar nicht.
»Wir arbeiten an einem Sendungsformat, in dem wir Kleinstädte besuchen und drei Projekte renovieren. Die Dreharbeiten beginnen erst in einigen Tagen, wir sind aber schon vorher hier, um Aufnahmen für den Trailer zur Sendung zu machen. Wir werden einen Ort für die Gemeinschaft renovieren und einem engagierten Bewohner aus Willington das Haus aufhübschen. Und zu guter Letzt werden wir diese Einrichtung anpacken … Schönes Büro! Dieser Mix aus Cremetönen, Sisalteppichen und hellen Holzmöbeln ist sehr wohnlich. Führst du das Jugendprojekt?«
Kellys Kopf fühlte sich seltsam leer gefegt an. Sie starrte Matt an. »Ja, ich leite es. Aber was heißt ›diese Einrichtung hier anpacken‹?«
»Wir renovieren. Und zwar grundlegend. Ich glaube, mir fehlt auch noch euer Pinterest-Moodboard.«
»Was bitte?« Kelly bemerkte, wie sich Kenneth über die Stirn wischte, auf der sich Schweißperlen gebildet hatten.
»Ich frage immer gern vorher ab, welchen Stil die Klienten wünschen. Dabei helfen Pinterest-Bilder sehr.« Matt blickte sich um. »Aber der Stil des Hauses ist gut erkennbar, sehr geschmackvoll übrigens.«
»Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Seit wann seid ihr im Gespräch für dieses Projekt?«
»Matt, lass uns aufbrechen«, ging Kenneth dazwischen und legte dem Gast eine Hand auf die Schulter, vermutlich, um ihn zur Tür zu dirigieren. »Du warst so lange nicht mehr in Willington, du hast sicherlich viel vor. Wo ist denn dein Team untergekommen?«
»Im Motel, vorne am Park Drive. Wir planen seit einigen Wochen, sind etwas spät dran«, sagte Matt freundlich an Kelly gewandt, erst dann erwiderte er Kenneths Schulterklopfen. »Aber unser Bürgermeister ist ja einer von der schnellen Sorte.« Er grinste selbstsicher. »Ich komme nämlich aus Willington. Kenneth und ich, wir sind alte Freunde. Er hat schon ein paar Vorschläge gemacht, was wir in Willington renovieren könnten. Und dann holen wir uns den Sieg, es geht ja immerhin um etwas.«
Kelly trat vor Kenneth, sie verschränkte die Arme vor der Brust und bemühte sich, so drohend wie nur möglich dreinzuschauen. »Um was geht es denn?«
Matt sah mit einem Mal etwas weniger gut gelaunt aus. Er runzelte die Stirn. »Um 250000 Dollar.« Sein Tonfall klang eher fragend, fast ein wenig überrascht, dass sie davon noch nicht gehört hatte.
»Krass!«, rief Lianne, und sie fasste damit genau das zusammen, was Kelly ebenfalls dachte.
Kenneth wischte sich erneut über die Stirn, er wollte etwas erwidern, aber Kelly hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.
»Wann wolltest du das eigentlich bekannt machen? Bevor ich dir mein Haus verkaufe oder erst danach? Kann es sein, dass du mich deshalb aus meinem Elternhaus jagen willst? Weil das Fernsehen kommt? Weil mein Haus die perfekte Lage an der Mainstreet hat? Kann es sein, dass du mich linken wolltest, um den Preis zu drücken? Kann es sein, dass du es gerade auf allen Ebenen versaut hast, Herr Bürgermeister?«
Mit einem Mal war es still.
Sehr still, was selten vorkam in diesem Haus.
Erst jetzt bemerkte Kelly die Kamera, mit der ein Mann, der im Türrahmen stand, alles filmte. Sie hatte zwar keine Einwilligung zur Aufzeichnung erteilt, aber das konnte sie nachher noch deutlich machen.
Lianne war inzwischen hochgradig aufmerksam. Immerhin war sie nicht im Bild, bemerkte Kelly nebenbei. Aber die beiden Männer vor ihr wurden gerade herangezoomt, selbst wenn Kelly keine Ahnung von Fernsehequipment hatte, war die Bewegung des Kameramannes eindeutig. Tatsächlich wirkten sowohl Matt als auch Kenneth so, als würden sie sich gerade vor ihr, Kelly Bellham, ein wenig fürchten.
Und sie konnte die Genugtuung, die sie dabei empfand, nicht leugnen.
Mit vor der Brust verschränkten Armen stand Matt in dem kleinen Büro. Die Situation entwickelte sich nicht sonderlich vorteilhaft. So wie es aussah, hatte es von Kenneth Hauwkes Seite bisher wenig bis keine Kommunikation zu den Dreharbeiten in Willington gegeben. Das waren schlechte Voraussetzungen, weil es bei Projekten dieser Art immer wichtig war, Bewohnerinnen und Bewohner einzubinden. Ihr Engagement, die eigene Stadt verschönern zu wollen, war unabdingbar für den Erfolg des Formats, denn genau diese Begeisterung war es, die sich in Bildern hervorragend transportieren ließ. Er selbst liebte solche Szenen, in denen in irgendwelchen Kleinstädten die jeweiligen Hauptstraßen abgefilmt wurden, die sich oft ähnelten: rechts und links die höchstens zweigeschossigen Häuser, viele Bäume, die immer für ein heimeliges Gefühl sorgten – und davon hatte Willington glücklicherweise einige. An der Mainstreet standen sogar einige ansehnliche Eukalyptusbäume. Kleine Lädchen, vor denen Bänke zum Verweilen und Körbe zum Stöbern einluden oder in deren Schaufenstern Puppen die neuesten Trends darboten. All das vor blauem Himmel und im Sonnenschein präsentiert. Mit einer Kamerafahrt, am besten mit der Drohne von oben gefilmt, die das emsige Treiben zeigte – Menschen, die Haustüren und Fensterläden in freundlichen Farben strichen und an den Fensterbänken Blumenkästen bepflanzten. Sein Herz ging bei diesem Gedanken auf: eine kleinstädtische Gemeinschaft, die mit einem Ziel zusammenarbeitete – Willington noch lebenswerter und schöner zu gestalten.
So ungefähr hatte er sich das zumindest vorgestellt.
Und jetzt saß er in einer Jugendeinrichtung und spürte gleich bei seinem ersten Besuch in der Stadt verhärtete Fronten – zudem bei einem der ausgewählten Projekte. Matt runzelte die Stirn. Hatte es diese Jugendeinrichtung schon zu seiner Zeit gegeben? Er konnte sich nicht erinnern. Er musterte die Frau vor ihm – mittelgroß, schlank und mit einem schmalen Gesicht, in dem alles fein gezeichnet war. Die Augenbrauen, die langen Wimpern, die Nase. Nur die Lippen waren voll und …
Was um Himmels willen machte er hier? Er musste sich konzentrieren.
Jedenfalls konnte er sich nicht an sie erinnern. Bei dem Namen Kelly Bellham gab es zwar ein Surren in seinem Hinterkopf, aber keine Erinnerung. Er kannte dieses Surren, das meist andeutete, dass er dabei war, etwas zu übersehen oder falsch zuzuordnen. Aber Namen waren – das musste er zugeben – noch nie seine Stärke gewesen. Er lächelte die Leiterin der Einrichtung an, und tatsächlich meinte er, eine kleine Reaktion in ihrem Gesicht ausmachen zu können. Ja, ihr Blick wurde weicher – auf sein Lächeln war schon immer Verlass gewesen. »Könnten wir kurz im Flur sprechen?«, fragte er.
Sie sah ihn irritiert an, nickte aber und erhob sich.
Kameramann Tom drehte sich sofort um, mit der Absicht, ihnen zu folgen, doch Matt winkte ab. Sein Kollege setzte die Kamera ab und nahm seufzend auf dem kleinen Sofa Platz.
Im Flur blickte Matt sich kurz um, ob irgendwo neugierige Kids herumstanden, die ihre Lauscher aufsperrten. Doch sie schienen tatsächlich unter sich zu sein. »Kelly«, eröffnete er das Gespräch, »der Bürgermeister hat sich sicher was dabei gedacht, wenn er den Vorschlag macht, die Einrichtung an einen anderen Ort umziehen zu lassen. Er beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit unserem Anliegen, und ich denke, er wird immer im Sinne der Gemeinschaft entscheiden.«
»Du hast gesagt, ihr wärt spät dran.«
»Ja, warum?«
»Dann kann er sich noch nicht so lange mit der ganzen Angelegenheit befassen.«
Kurz hielt Matt inne, etwas überrascht. Diese Frau war smart, da musste er auf der Hut sein, was er sagte. »Wie auch immer, ich kenne Kenneth Hauwke seit Jahrzehnten, und du kennst ihn vermutlich auch gut – meinst du nicht, dass er einen Plan verfolgt, der einen Mehrwert hat? Für dich, für Willington? Könnte es sein, dass sein Vorschlag Sinn ergibt, selbst wenn es sich vielleicht nicht auf Anhieb erschließt?« Sein Blick blieb erneut auf ihrem Gesicht hängen. Helle Haut, wunderbar in Kontrast gesetzt durch die dunkel glänzenden Locken, in denen rötliche Reflexe auszumachen waren. Herrgott, durchfuhr es ihn erneut – sie sah unverschämt gut aus.
Er war sicher, dass eine Frau wie sie als Lehrerin oder Chefin einer solchen Einrichtung ihn als Teenager irritiert hätte. Er wäre in ihrer Gegenwart nervös gewesen. War es jetzt ja fast auch noch.
Ihr leises Seufzen riss ihn aus seinen Gedanken. »Ich habe immer ein offenes Ohr für Kenneths Vorschläge. Aber in dem Fall muss ich Nein sagen, ich möchte die Idee unseres Bürgermeisters nicht in Erwägung ziehen, da gibt es nicht viel zu diskutieren. Dieses Haus gehörte meiner Familie, ich bin also nicht irgendeine Mieterin, es ist in meinem Besitz. Ich weiß, es ist nicht im besten Zustand, aber das sind einige in dieser Straße nicht.«
Verdammt, durchfuhr es Matt. Das sah nach längerfristigem Ärger aus, und wenn sie eines nicht hatten, dann war es Zeit! Die gab es aufgrund der hohen Kosten nie bei Film- und Fernsehprojekten. Er bemühte sich um einen weiterhin freundlichen und aufmerksamen Gesichtsausdruck.
»Wir haben jetzt die Wahl«, fuhr Kelly Bellham fort, »entweder renovieren wir die Einrichtung oder eben nicht. Ich werde mein Haus Kenneth jedenfalls nicht in den Rachen werfen. Und wenn du ihn kennst, wie du sagst, dann weißt du, dass er geizig ist – ich weiß jedenfalls schon jetzt, dass sein Angebot in keinem Fall angemessen wäre. Mir fällt kein guter Grund ein, warum er mir bisher noch nichts davon erzählt hat, dass die Einrichtung und damit auch mein Haus von einem Dreh profitieren könnten.«
Matt musste es zugeben, ihre Argumente waren nachvollziehbar, aber um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, sagte er nur: »Dann müssen wir wohl zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal ins Gespräch kommen, und zwar alle miteinander.« Er öffnete die Tür, und sie betraten wieder das Büro.
»Am besten beenden wir diesen Termin für heute«, sagte er in die Runde. »Um aber einmal deutlich zu machen, wie so ein Dreh funktioniert: Wir kommen und bereiten alles vor, drehen einige Tage und haben dann noch eine Nachbereitungszeit hier vor Ort. Was wir nicht haben, ist die Möglichkeit, weitere Drehtage anzusetzen oder in irgendeiner Weise Zeit zu verlieren. Ein Drehtag kostet, wenn man alle Gewerke eines Filmteams zusammenrechnet, inklusive Technik und eventueller Mieten für Unterkünfte, ein Vermögen. Es gibt keine Verlängerungen, und wenn ein zusätzlicher Drehtag entsteht, dann eigentlich nur als Versicherungsfall. Also wenn irgendwer im Krankenhaus ist, der vor der Kamera nicht ersetzt werden kann, oder wenn ein Unwetter den Dreh unmöglich macht. Von dieser Liga von Gründen rede ich. Dementsprechend muss ich mich mit der Produktionsfirma abstimmen, wie viel Spielraum wir überhaupt für Änderungen haben. Aber ich werde versuchen, mich einzusetzen …« Für einen Augenblick fehlten ihm die Worte. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht, wofür er sich einsetzen wollte, und so schloss er den Satz fast verzweifelt: »… für was auch immer.«
Umgehend schnappte Tom seine Kamera, und Gary, der Tontechniker, seine Tonangel. Sie verabschiedeten sich freundlich voneinander, und Matt versicherte, sich so schnell wie möglich bei allen Beteiligten zu melden.
Kenneth folgte ihnen, zusammen verließen sie das Büro unverrichteter Dinge, wie Matt es selten bei einem Projekt erlebt hatte. In der Regel wurden sein Team und er mit offenen Armen und vor Begeisterung glänzenden Augen empfangen.
Vor dem Haus blieben Tom, Gary und Matt stehen.
»Auf den Termin bei mir im Büro können wir ja dann verzichten«, sagte Kenneth, während er sich an ihnen vorbeidrängte, »du meldest dich, wenn du mehr weißt.«
»Warte mal, ich glaube, dass es sinnvoll wäre, wenn wir …«, setzte Matt an und brach ab.
Denn Kenneth hatte bereits das Handy am Ohr, winkte und überquerte die Mainstreet.
Tom schüttelte den Kopf. »Super Auftakt«, sagte er mürrisch.
Matt nickte und sah sich um. Immerhin war die Atmosphäre in dieser Straße für den Dreh hervorragend – die dicht belaubten Eukalyptusbäume warfen ein Spiel aus Licht und Schatten auf die aus rötlichem Ziegelstein gearbeiteten Bürgersteige, und es herrschte geschäftiges Treiben, ohne dass die Stadt überfüllt und hektisch wirkte.
Ja, das war sein Willington, dachte er. Eine Stadt der Gewinner. Sie würden sich diesen Sieg holen, egal wie!
Er sah auf die Uhr. Es ging auf 13 Uhr zu. Sie waren direkt vom Highway zu diesem Drehort gefahren, ohne vorher ihre Wagen im Motel zu entladen. Sicherlich waren die ersten Kolleginnen und Kollegen des Teams bereits vor Ort und dabei, ein Produktionsbüro einzurichten. Wie auch immer – Tom, Gary und ihm stand jetzt eine Pause zu. »Ihr könnt schon ins Motel weiterfahren, die Apartments sind, wenn ich mich recht entsinne, ab dem Mittag frei. Ich werde bei meiner Mutter Gloria vorbeischauen, wir haben uns längere Zeit nicht gesehen.«
Die beiden Männer nickten verständnisvoll und schlenderten in Richtung ihrer Mietwagen.
Das Haus seiner Mutter lag nur wenige Schritte entfernt, sodass Matt zu Fuß ging.
Als Matt das im amerikanischen Craftsman-Stil der 1930er-Jahre erbaute Haus erreichte, blieb er stehen und betrachtete es mit fachmännischem Blick. Ein Satteldach mit Sparren am Dachrand, gut erhaltene Holzverkleidung in zartem Hellblau, die Fensterrahmen weiß abgesetzt, die Tür in einem zarten Grünton. Die Farben hatte seine Mutter damals ausgesucht, sein Vater hatte alles gestrichen – gut, genau genommen hatte er damit angefangen – und dann einen der Arbeiter vom Weingut sein Werk vollenden lassen. Matt grinste, eine typische Erinnerung an seinen Vater: Geduld war nicht seine Stärke gewesen. Eine ebenfalls weiß gestrichene Veranda, die durch zwei Säulen eingerahmt wurde und die gesamte Vorderfront entlanglief. Über der kleinen Balustrade hingen Farntöpfe. Ein Schaukelstuhl stand links neben der Tür, daneben ein Beistelltisch, auf dem ein Buch lag. Vor der Tür ein paar Schuhe. Schon immer hatte seine Mutter hier gern gesessen, früher waren oft ihre Freundinnen zu Besuch gekommen und hatten auf der rechten Seite der Veranda Platz genommen, wo zwei weiße Korbstühle mit passendem Tisch zum Verweilen einluden. Ob sie immer noch kamen, oder waren sie inzwischen zu alt? Alles in allem war es ein idyllisches Bild, das Ruhe und Friedlichkeit ausstrahlte, ihn willkommen hieß. Sein Blick ging zu einem der Fenster im ersten Stock hinauf, in dem früher sein Zimmer gewesen war. Heutzutage war es das Nähzimmer seiner Mutter. Kurz grinste er und meinte, sich selbst zu sehen, wie er das Fenster öffnete und seinen Freunden, die vor dem Haus auf ihn warteten, zurief, dass er gleich rauskommen würde. Meist waren sie in Hilly’s Diner gelaufen oder in den Fireman’s Park.
Wie klein Willington war.
Es war eine angenehm überschaubare Welt, und er spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, so lange nicht mehr zu Besuch gewesen zu sein.
Matt bemühte sich dennoch um ein Lächeln, weil er wusste, es würde seine Mutter glücklich machen, wenn ihr Sohn gut gelaunt und strahlend nach Hause kam. Er betrat die Veranda und hatte noch nicht einmal den Finger auf der Klingel, als die Tür schon aufgerissen wurde. Vermutlich hatte seine Mutter irgendwo am Fenster gestanden und auf ihn gewartet.
»Mein Matt! Es ist so schön, dich zu sehen! Meine Güte, freue ich mich. Komm rein!«, rief Gloria strahlend.
»Ich freue mich so, dich zu sehen«, rief er, schloss Gloria in seine Arme, was sie innig erwiderte. Doch dann löste sie sich von ihm und trat zur Seite. Sie stand kurz vor ihrem 73. Geburtstag und war seit dem letzten Treffen gealtert, wirkte kleiner und etwas gebeugter. Doch sie war, das musste Matt ihr lassen, sorgfältig wie eh und je zurechtgemacht. Er hatte es bildlich vor Augen, wie sie am frühen Morgen die Lockenwickler in ihre Haare gedreht, vor dem Spiegel Augenbrauen nachgezogen, Wimpern getuscht und Lippenstift aufgelegt hatte. So machte sie es seit Jahrzehnten, er kannte es nicht anders, und er freute sich darüber, dass sie noch heute an diesen Dingen festhielt. Irgendwie war es tröstlich. Sie schien gut zurechtzukommen, auch zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes und seines Vaters. Das Haus war aufgeräumt, der Garten gepflegt. Das schlechte Gewissen, seine Mutter lange nicht besucht zu haben, ließ ein wenig nach.
Matt durchquerte den Flur, schob wie gewohnt seine Schuhe an der Garderobe von den Füßen, betrat die Küche, wusch sich die Hände und setzte sich an den Tisch, wo bereits ein selbst gebackener Cheesecake auf ihn wartete.
Gloria schnitt den Kuchen an, stellte ihm ein Stück hin, schenkte Kaffee ein und nahm ihm gegenüber Platz. Neugierig musterte sie ihn. »So ein hübscher Kerl«, sagte sie und legte die Hand auf seine. »Ich bin immer wieder so stolz auf dich, und ich sehe wirklich jede einzelne deiner Sendungen. Toll, was du alles kannst. Doch woher du das handwerkliche Talent hast, ist mir ein Rätsel …«
Gerührt umfasste Matt mit seiner Hand die ihre.
»Und du wohnst dann jetzt in den kommenden Wochen in deinem alten Zimmer? Oder möchtest du das Gästezimmer? Es ist geräumiger.«
Matt löste seine Hand und griff nach der Kuchengabel. Er hätte jetzt durchaus ein deftiges Mittagessen vertragen, aber er wollte nicht unhöflich wirken. Zudem brachte ihn ihre Frage in Bedrängnis. »Äh, nein, ich …« Er geriet ins Stottern. Wie sagte man seiner Mutter, dass man nicht vorhatte, bei ihr zu wohnen, obwohl man nach langer Abwesenheit endlich mal wieder in der Heimatstadt war? Er räusperte sich. »Ich werde mit meinem Team im Motel am Park Drive wohnen. Das wird so von der Produktionsfirma erwartet. Es ist wichtig, dass das Team und ich kurze Wege haben.« Er sah den Anflug von Enttäuschung auf dem Gesicht seiner Mutter.
»Das macht nichts, was muss, das muss. Wenn ich darf«, sagte sie und winkte ab, »werde ich dich besuchen und mal zuschauen, wie es aussieht, wenn du arbeitest. Also, so direkt vor Ort.«
In Matt machte sich erneut eine gewisse Unruhe breit. Heute Vormittag, bei seinem ersten Besuch in Willington, war er auf Widerstände gestoßen, die er nicht erwartet hatte. Bei seinem zweiten Besuch erlebte er nun mütterliche Erwartungen, die naheliegend waren, die er aber nicht bedacht hatte.
Stand dieses Projekt womöglich unter einem schlechten Stern?
Nicht dass er viel auf Horoskope gab, aber den Gedanken, seine Mutter während der Aufzeichnungen nun häufiger oder sogar regelmäßig in seiner Nähe zu wissen, raubte ihm jetzt schon Kraft, die er für die langen Drehtage brauchte. Er musste bei seiner Arbeit sowohl seine Moderationsbeiträge auf den Punkt abliefern, als auch das Team und das jeweilige Bauprojekt im Blick behalten. Seine Mutter würde ihn in seiner Konzentration vermutlich stören. Sie war eine interessierte und empathische Frau, die immer eine Spur gelangweilt und unter ihren Möglichkeiten geblieben war, um an der Seite ihres Mannes mit ihren Vorzeigekindern ein beschauliches Kleinstadtleben zu führen.
Vorzeigekinder.
Kurz blieb Matt gedanklich an dem Wort hängen und sah seine Schwester Mel vor sich, die inzwischen in Kanada lebte. Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit ihre Ausbildung zur Krankenschwester beendet und war nun im Schichtdienst tätig. Hin und wieder tauschte Matt mit ihr Mails oder Textnachrichten aus. Eingebunden in ihr Arbeitsleben an einer Uniklinik, schaffte sie es jedoch nur selten, die lange Anreise nach Willington auf sich zu nehmen.
So blieb nur er: der Vorzeigesohn, der nicht zu weit weg wohnte und sich dennoch viel zu selten hier blicken ließ. Der Sohn, der nun als Star einer Fernsehsendung sozusagen vor der eigenen Haustür drehte, das war ohne Frage ein Highlight für Gloria. Schon in den Telefonaten hatte sich das abgezeichnet – ob seine Konkurrenten während des Drehs jetzt auch die Mütter am Set dabeihatten?
»Schauen wir mal, wie wir das einrichten können«, sagte er. »Wir drehen fast ausschließlich in Innenräumen, und da können sich nicht so viele Leute aufhalten. Aber wir werden auch bei Hilly im Diner drehen, sicherlich können wir dich da im Hintergrund als Komparsin an einem der Tische platzieren.«
Nun ging ein strahlendes Lächeln über das Gesicht seiner Mutter, und Matt atmete innerlich erleichtert auf. Gloria begann, gut gelaunt und im Plauderton, von den Nachbarn zu erzählen. Binnen einer halben Stunde war Matt im Bilde, wer in Willington mit wem Freundschaft geschlossen hatte oder sogar eine Beziehung eingegangen war, wer eine Trennung durchlief oder wer sich mit wem überworfen hatte. Er merkte, während er den Kuchen genoss und zuhörte, dass ihm die Vorbereitungen für das Projekt in den Knochen steckten, lange Arbeitstage lagen hinter ihm und würden auch in den kommenden Wochen auf ihn warten.
»Es ist so schön bei dir«, sagte er, als er die Gelegenheit hatte, sich in den Redefluss seiner Mutter einzuklinken. »Aber ich werde jetzt aufbrechen. Ich muss noch zur Reinigung und mit dem Team den morgigen Drehtag besprechen. Es gibt auch noch Kommunikationsbedarf mit der Produktionsfirma, die ich bis 18 Uhr erreichen muss.«
»Du willst zur Reinigung? Warum das denn?«, fragte seine Mutter empört. »Ich habe doch eine Waschmaschine.«
»Ich habe original verpackte Hemden im Kofferraum, sie müssen gewaschen und gebügelt werden. Sie haben sonst Falten von der Verpackung, die bei den Aufnahmen unübersehbar sind.«
»Es gibt schon lange keine Reinigung mehr hier im Ort. Gib mir die Hemden, vor allem wenn du heute noch so viel erledigen musst.«
»Oh, die Reinigung ist weg? Äh, dann wäre das wirklich hilfreich.«
Seine Mutter schmunzelte. »Nun mach schon.«
»Mein Auto steht ein paar Schritte entfernt, dann bringe ich sie dir gleich. Es sind zehn Stück, die alle kameratauglich sind, also mit gedeckten Farben und ohne große Muster, keine Aufdrucke, keine sichtbaren Labels. All das kann bei einer Aufnahme schnell für optische Unruhe sorgen«, erklärte er, während er in die Schuhe schlüpfte und davoneilte.
Als er wieder zum Haus zurückkam, öffnete seine Mutter die Tür. »Mein Matt! Es ist so schön, dich zu sehen! Meine Güte, freue ich mich. Komm rein!«, rief sie mit einem Lächeln und trat zur Seite.
Matt musste lachen. Es war exakt die Begrüßung von vorhin – seine Mutter hatte schon immer einen Sinn für Humor gehabt. »Ja, es ist so schön, wieder zu Hause zu sein«, erwiderte er grinsend und drückte ihr die Papiertüte mit den Hemden in die Hand. »Danke, dass du sie wäschst, ich werde dann morgen vorbeikommen und die ersten abholen. Ist das möglich?«
Für einen Moment blickte die Mutter erstaunt auf die Tüte in ihrer Hand, blinzelte und sah ihn an. »Ja, natürlich, aber du willst jetzt gleich weg?«
»Ich habe dir doch gesagt, dass wir noch viel zu tun haben. Ich plane dann morgen früh ein wenig Zeit für eine Tasse Kaffee ein. In Ordnung?«
»Ja, Kuchen gibt es auch.«
»Wunderbar, deine Backkünste sind einfach die besten. Und bei den Hemden wäre es toll, wenn das hellblaue und die beiden Polohemden zuerst gewaschen werden könnten.«
»Ja, ja, natürlich. Das mache ich. Wir haben ja keine Reinigung mehr in Willington.« Sie kicherte. »Ich bin sehr aufgeregt, wie das alles werden wird.« Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange.
Matt machte sich auf den Weg zum Motel. Die Geräusche, das Licht und dieser einzigartige Geruch der Stadt, in den sich die herb-holzige Note des Eukalyptus mischte – all das war so vertraut. Und dennoch gab es jede Menge Störgefühle …
Bildete er sich das ein?
Oder war das nur die Nervosität, weil morgen die ersten Dreharbeiten begannen?
K
