9,99 €
Nach Monaten des bittersüßen Nichtstuns auf der philippinischen Insel Surogao steht Caruso, ehemaliger deutscher Profisurfer und Privatdetektiv, tief in der Kreide. Da kommt die schöne Spanierin sehr gelegen, die ihn beauftragt, ihren verschwundenen Sohn wiederzufinden. Die Insel, ein Paradies für Wellenreiter und Touristen auf Selbstsuche, ist ein heißumkämpfter Umschlagplatz für Drogen. Schnell führen seine Ermittlungen Caruso in einen Abgrund aus Gewalt und Korruption und zu mehr als einem verlorenen Sohn.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Daniel Faßbender
Ein Fall für Caruso
roman
Diogenes
Meiner Mutter. Meiner Frau und meinem Sohn.
Ich stand auf der untersten Ebene des Surftowers und blickte nach Osten aufs Meer. Die Sonne war noch immer nicht aufgegangen, obwohl es längst sechs Uhr sein musste. Der Turm war eine morsche, dreistöckige Stelzenkonstruktion, die als Tribüne und Aussichtsplattform auf das Riff gebaut worden war.
Vor mir lag Delirium, normalerweise eine überlaufene Spaßwelle, die bis zur Hüfte reichte, Fehler verzieh und grinsende Gesichter produzierte. Normalerweise. An diesem Morgen brach die Welle hohl, viel zu schnell und überkopfhoch. Ihr Weißwasser ließ den Turm erbeben.
Weiter rechts tobte Heaven’s Gate. Das wütend pumpende Herz dieser tränenförmigen Insel, der ganze Stolz der philippinischen Surfszene und eine der besten Wellen der Welt. Heaven’s Gate war der Grund, warum ich vor rund zehn Monaten nach Surogao gekommen war.
In der Dunkelheit erahnte ich bestenfalls, was mich gleich erwarten würde: eine entfesselte Laune der Natur.
Ich schaute mich um. Auf dem Tower war ich weiter allein, auch auf dem schmalen Strandstreifen und dem vierzig Meter langen Steg, der von dort über das Riff zum Turm führte, war niemand zu sehen. Selbst die Einheimischen hatten mit diesen Wellen, diesem Swell wohl nicht gerechnet, und keiner der Forecasts hatte angekündigt, was sich nun vor mir abspielte.
Ein dunkler, von Alkohol befeuerter Traum vom Krieg und unruhige Katerbeine hatten mich aus dem Bett und an die Küste getrieben. Ich war die zwei Kilometer bis zur Bucht gelaufen. Das kurze Stück durch die Seitenstraße, den Rest des Weges die Tourism Road entlang. Dort interessierten sich zu dieser Uhrzeit nicht einmal die Moskitos für mich. An den Eingängen der Urlaubsresorts schliefen Wachmänner. Nur die Tricycle-Fahrer vor dem Choppy Joes waren wach, waren immer wach. Weil sie in mir, ich trug lediglich Boardshorts und Board, keinen zahlenden Fahrgast sahen, ließen sie mich in Ruhe.
Die Insel roch wie frisch gekärchert. Es musste in der Nacht kurz und heftig geregnet haben, so kurz, dass sich keine Pfützen gebildet hatten. Ich ließ das Karma Café hinter mir und sehnte mich nach Eggs Benedict auf warmer Brioche. Nach dem nächsten Auftrag gönne ich mir den Luxus wieder, sagte ich mir, als mich Lärm aus meinen Gedanken riss. Ein Getöse wie von einstürzenden Gebäuden kam von der Küste.
Ich wärmte mich mit abwechselnden Ausfallschritten auf. Dann griff ich in schnellen Bewegungen hinter mir auf den Boden. Die Silben von »Heu-te-bit-te-kei-ne-To-ten« gaben den Rhythmus vor. Im Februar war kurz nach meiner Ankunft auf der Insel ein Franzose bei deutlich einfacheren Bedingungen mit dem Kopf auf das Riff geschlagen und wenig später während der Überfahrt zum Krankenhaus gestorben.
Mein Blick blieb während des Warm-ups weiter auf Heaven’s Gate gerichtet. Der Spot lag gut hundert Meter entfernt an einem vorgelagerten Riff. Trotz der Dunkelheit erkannte ich Struktur in der Welle. Eine schnelle, saubere Rechte, sauber, aber verheerend.
Ich verließ den Turm und stieg mit meinem Board vorsichtig die glitschigen Stufen hinab. Die vierte von oben mied ich, weil ich wusste, dass sie nur provisorisch befestigt worden war und sich jederzeit lösen konnte. Mit dem Board unter meinem Körper glitt ich in das fast dreißig Grad warme Wasser. Paddelnd passierte ich Delirium und atmete die Gischt der gebrochenen Welle ein. Hinter dem feinen Sprühnebel erschien Heaven’s Gate wie eine böse Vorahnung. Die Welle war an diesem Tag doppelt kopfhoch, und leichter Offshore-Wind ließ sie noch hohler brechen, als sie es ohnehin schon in dem seichten Wasser über dem Riff tat. Mit etwas Abstand verfolgte ich das Verhalten der Welle, bis ich glaubte, sie zumindest in diesem Moment, bei dieser Tide und diesem Wind zu verstehen, und paddelte ins Line-up, dorthin, wo sie brach.
Ich saß nun knapp hundertfünfzig Meter von der Küste entfernt auf meinem Brett im Wasser und schaute Richtung Strand. Auf meinem Rücken spürte ich die ersten Sonnenstrahlen. Hinter mir am Horizont ging die Sonne nun tatsächlich auf. Am wolkenlosen Himmel wurde Schwarz zu Blau. Die Palmen holten sich ihr sattes Grün von der Nacht zurück. Auf dem grauen Wasser schimmerten erste türkisfarbene Reflexe. Die Insel erwachte.
Am Ufer sah ich nun auch andere Surfer. Sie starrten vermutlich ähnlich ungläubig auf das Meer wie ich vor ihnen. Es war eine Frage von Minuten, maximal einer Stunde, bis jeder Surfer auf der Insel informiert sein würde. Eine mächtigere Dünung hatte ich hier bisher nicht erlebt. Wer sich auch nur ansatzweise in der Lage fühlte, diese Welle zu surfen, würde es versuchen.
Hinter mir näherte sich eine Wand aus Wasser, und ich brauchte ein Dutzend Paddelschläge, um mich zu positionieren. Die erste Setwelle ließ ich unter mir vorbeiziehen. Dann folgten acht weitere Schläge, acht mit aller Kraft, acht, in denen ich mich mit meinen Armen durch das Meer pflügte, acht Schläge, um die Welle unter mir griffig werden zu lassen. Für Sekundenbruchteile spürte ich mein Brett gleiten, verbot es mir, nach unten zu schauen, positionierte meine Hände unterhalb der Achseln und verlagerte mein Gewicht nach rechts.
Ich springe in den Take-off.
Unter mir: Etwas mehr als hüfthohes Wasser über messerscharfem Stein.
Mein linker Fuß landet hinten auf dem geriffelten Traction Pad, mein rechter in der Mitte des Brettes. Ich gehe tief in die Hocke, meinen Oberkörper halte ich aufrecht. Während der Landung greife ich mit der linken Hand den Rand des Brettes, ziehe es zu mir, richte mich parallel zur Welle aus und drücke mich mit dem Rücken in die Wand. Mit der rechten Hand greife ich ins Grün hinter mir. Für einen Bottom-Turn, ein Kurvenmanöver am Fuß der Welle, bleibt keine Zeit. Ich schlingere, werde von der Wand weggedrückt, doch halte mit meinem gesamten Körper dagegen. Kleine Unebenheiten auf der Wasseroberfläche lassen das Board ausbrechen, doch mir gelingt es gerade noch, es wieder einzufangen.
Dann: der magische Moment.
Die Welle bildet einen Bogen aus Wasser und lässt den Himmel verschwinden. Ich surfe die Tube, die Barrel, die Kathedrale des Wellenreitens. Aus Reflex gehe ich zunächst in Deckung, doch die Höhe der Welle erlaubt es mir, aufrecht zu stehen. Eine Fahrt in Heaven’s Gate dauert von außen betrachtet nur Sekunden, im Inneren spielen Raum und Zeit keine Rolle. Ich stehe auf der Stelle, während ich mich mit hoher Geschwindigkeit auf ein gleißendes Licht zubewege. Ein Rausch. Ein konturloses Jetzt. Freiheit.
Die Röhre verengt sich, der Kreis aus Licht schmilzt zu einem Punkt zusammen. Die Kathedrale ist nur Momente davon entfernt, in sich zusammenzubrechen, das Tor zum Himmel zu schließen und mich unter ihren Trümmern zu begraben. Ich verlagere mein Gewicht nach vorne, löse mich von der Wand und gerate ins Wanken. Wasser schießt von hinten an mir vorbei Richtung Licht. Ich taumle blind durch einen schmalen Spalt am Ende der Freiheit. Und plötzlich spüre ich die Sonne. Als ich mich umblicke, steht sie ein gutes Stück über dem Horizont und strahlt.
Ich verließ die Welle mit einem Sprung über ihre Schulter. Am Turm machten sich weitere Surfer bereit. Erste Teleobjektive wurden ausgerichtet, und im Wasser paddelte Joel, der Headcoach aus dem Frog-Surfcamp, an mir vorbei. Mit seiner Rechten formte er ein lockeres Shaka und rief: »Brah, Big Mamas Mama!« Ich grinste schwachsinnig, weil ich noch nicht vollständig angekommen war und das Gebrüll des Monsters, das mich ausgespuckt hatte, immer noch in meinem Kopf nachhallte. Für einen Moment blieb ich im Channel sitzen, blickte der sehnigen Gestalt Joels nach und versuchte, den Rausch zu halten. Weil das nicht gelang, noch nie gelungen war, kehrte ich restbeseelt zurück zu seiner Quelle.
Joel und ich hatten noch jeder zwei Fahrten, bis sich der Spot füllte. Zunächst mit den üblichen Locals. Die meisten von ihnen kannten die Küsten der Insel seit ihrer Kindheit und hatten sich von den kleineren Wellen bis zu Heaven’s Gate hochgedient. Sie legten ein gewisses Revierverhalten an den Tag, doch deutlich weniger aggressiv als an allen vergleichbaren Spots, die ich in meinem Leben bereist hatte. Ärger machten fast nur Touristen. Auch sie zog die Welle jetzt an. Einige von ihnen befanden sich schon seit Monaten auf der Insel. Man kannte sich oder zumindest ich sie. Es half, wenn man wusste, wer mit einem im Wasser war.
Wellen an sich konnten gefährlich genug sein. Kamen Menschen, Egos und Fehleinschätzungen hinzu, wurde die Gefahr unberechenbar.
Hinter der Welle, dort wo sie anschwoll, aber noch nicht brach, saßen all jene, die nicht im Traum daran dachten, in das Monster hinein zu starten, aber trotzdem dabei sein wollten. Uns alle verband eine Ehrfurcht vor der Natur, die uns schweigen ließ.
Bald verließ Joel das Wasser, und ich zog bei meiner Abschiedswelle gerade noch rechtzeitig zurück. Die Ebbe machte sich bemerkbar und ließ das scharfkantige Riff immer näher kommen.
Fünf Russen zogen im Wasser böse Blicke auf sich. Unmittelbar nach ihrer Ankunft besetzten sie laut triumphierend den Wellenkamm. Davon, dass Mut schweigt und Übermut das Maul aufreißt, hatten sie offenbar noch nie etwas gehört. Aus meinen vorherigen Begegnungen wusste ich, was kommen würde: Sie paddelten die Welle gleichzeitig und auf breiter Front an, aber nur ihr Anführer nahm sie. Die anderen sorgten dafür, dass ihm niemand in die Quere kam und er Vorfahrt hatte. Wegen der Höflichkeit der Locals und weil die vier Adjutanten den Charme weißer Haie besaßen, war es bisher bei abschätzigen Blicken geblieben. Der Anführer mochte Ende zwanzig sein, das viel zu teure Kelly-Slater-Board war neu und makellos weiß wie seine gebleachten Zähne – allerdings viel zu klein für ihn und seine Fähigkeiten. Man erzählte sich, er sei ein Oligarchensohn und sein Vater ein Vertrauter Putins.
Ich war vorsichtig mit solchen Gerüchten. Über mich wurde erzählt, dass ich der Neffe von einem der Scorpions sei. Vermutlich wurden mir aber auch Verbindungen zu Himmler oder Merkel nachgesagt.
Der angebliche Oligarchensohn war kräftig gebaut, unbeweglich und nicht bereit für diese Welle, erst recht nicht an diesem Tag. Wenn er ein bisschen Grips besaß oder einfach nur an seinem Leben hing, würde er sich nach hinten zu den anderen Schaulustigen verziehen. Aber stattdessen positionierte er sich so weit vorne, dass die Welle ihn beim kleinsten Fehler ungebremst ins Riff schlagen würde.
Doch die Russen waren jetzt nicht mehr meine Sorge. Ich beschloss, es für diesen Tag gut sein zu lassen. Die Bedingungen jetzt konnten mir den Morgen nur noch ruinieren.
Ich paddelte an der Gruppe vorbei, um mich zur Küste spülen zu lassen. Die Russen brachten sich währenddessen in Stellung, einen Dreieinhalb-Meter-Closeoutanzupaddeln, der im Begriff war, unmittelbar über dem Oligarchensohn zu brechen.
Mir erschien der Inselbestatter mit den Goldzähnen vor Augen, und mein innerer Frieden war dahin. Ich paddelte zum Russen und rief ihm zu, er solle es lassen. Vielleicht hörte er mich nicht durch das Tosen, vielleicht ignorierte er mich. Jedenfalls drosch er mit allem, was er hatte, aufs Wasser ein, mit seinen weit gespreizten Beinen brachte er sich zusätzlich aus der Balance. Fast traf sein Fuß mein Gesicht. Weil er nicht nach hinten schaute, den instabilen Strich ohne Hoffnung auf ein gutes Ende überhaupt nicht wahrnahm, griff ich nach seiner Leash, zog sie zurück und stoppte seinen Anpaddelversuch.
Das Weißwasser einer weiteren Welle erfasste uns und spülte uns nach vorne. Ich versuchte gar nicht erst, mich zu wehren, weil ich wusste, dass ich gegen diese Gewalt machtlos war. Meine Arme umfassten meinen Kopf, um ihn vor Aufschlägen zu schützen. Ich kam mir vor wie in einem Mixer. Das Wasser schleuderte mich über die scharfen Riffvorsprünge. Ich konnte nur hoffen, dass mein Board den Ausflug überstehen würde. Geld für ein neues hatte ich nicht.
Die Runden im Mixer fanden irgendwann ein Ende, und ich stand im seichten Wasser außerhalb der Impact Zone auf dem Riff. Zu meiner großen Erleichterung hatte mein Brett das Ganze unbeschadet überstanden. Nur der verblichene Dakine-Sponsoren-Aufkleber hatte sich gelöst. Ich riss ihn ab und verstaute ihn in der Tasche meiner Shorts. Der Plastikstrudel im Pazifik brauchte nicht auch noch meinen Vergangenheitsmüll. Meine Beine waren zerschrammt, doch die Schnittwunden würden bald abheilen, ohne mich viel zu kosten.
Ich suchte die Wasseroberfläche nach dem Russen ab und sah, wie er sich völlig desorientiert etwa zehn Meter von mir entfernt aufrappelte. Er schien unverletzt, nur seine Nase pumpte Blut und wirkte leicht deformiert. Er musste bei meiner Rettungsaktion mit dem Gesicht auf das Board gedonnert sein.
»Hey!«, rief ich ihm zu. »Alles okay mit dir?«
Er schaute erst mich an, dann blickte er zu seinen Männern, die sich von hinten hatten anspülen lassen und in unsere Richtung über das Riff staksten. Schließlich zeigte der Oligarchensohn mit ausgestrecktem Arm auf mich und brüllte idiotisch nasal: »Schnappt den Motherfucker!«
Seine Männer begannen zu rennen, doch der teils glatte, teils scharfe und unebene Untergrund machte es ihnen nicht leicht. Ich tippelte in kleinen Schritten bis zum tieferen Bereich des Riffs. Dort schmiss ich mich auf mein Board und paddelte zum Tower. Der Oligarchensohn brüllte weiter herum, mittlerweile auf Russisch.
Einer der Knochenbrecher hatte es schneller als seine Kollegen durch das seichte Wasser geschafft und befand sich dicht hinter mir, als ich die Treppe erreichte. Dort zog ich mich hoch, klemmte mein Brett unter den Arm und nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, die vierte von oben mied ich.
Kurz darauf hörte ich einen Schrei, drehte mich um und sah gerade noch, wie der 90-Kilo-Russe rücklings ins Wasser krachte. Das Brett, das als provisorische Stufe gedient hatte, schwamm neben ihm.
Ich warf einen letzten Blick über meine Schulter und schlug mich an der Paradise Lodge in die Büsche. Die Lodge war eine ungezieferverseuchte Bretterbude, von der ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob sie noch Gäste beherbergte. Gesehen hatte ich noch nie welche. Ein ausrangiertes Werbeschild mit der verblassten Aufschrift »Welcome to Paradise, Welcome to Surogao« versperrte mir den Weg und zwang mich, ins tiefe Gestrüpp auszuweichen. Scharfkantige Gräser schnitten in meine von Reefcuts übersäten Beine. Ich trat in etwas Weiches und hoffte, dass es sich um Schlamm handelte.
Mit dem Surfbrett als Schutzschild bahnte ich mir eine Schneise durch die mannshohen Sträucher und schlich mich von hinten an den Hof meiner Unterkunft, dem Mama’s Adobo. Zwischen dem morgenfeuchten Gestrüpp rostete der Elektroschrott der gesamten Nachbarschaft vor sich hin. Dazwischen: ausgediente Möbel, einzelne Flipflops in verschiedenen Größen und alte Reifen. Ich verbarg mich im Schatten des Haupthauses, in dem meine Vermieterin Carmelita mit ihren Kindern lebte, und schaute um die Ecke.
Mit einem geübten Handgriff drehte Carmelita gerade Pepito den Hals um. Von ungebetenen Gästen keine Spur.
Die Tourism Road, die Hauptschlagader von Central Luna, hatte ich auf meinem Weg von Heaven’s Gate gemieden und Schleichwege durch die Vorzeige-Resorts am Strand genommen. An den Pools frühstückten schöne Menschen irgendein Superfood aus Bowls und tranken Fruchtshakes mit Acai, während die Morgensonne mild auf sie herab schien. Ich grüßte, als gehörte ich dazu, und wurde zurückgegrüßt.
Das Mama’s Adobo war der größtmögliche Kontrast zu den Resorts. Streng genommen war es kein Hotel, nicht mal ein Gasthaus, sondern ein Privathaus mit großem Hof, der als Open-Air-Restaurant genutzt wurde. Im hinteren Teil lag ein abgetrennter Privatbereich mit einem Holzverschlag auf vier hohen Stelzen, der gerade mein Zuhause war. An den Stelzen hing eine Hängematte, in der ich die meiste Zeit des Tages verbrachte.
»Carmelita …«, zischte ich aus meiner Deckung. »Carmelita … Hat jemand nach mir gefragt? Russen?«
Sie legte das Beil beiseite und kam näher.
»Caruso?«, sie brauchte einen Moment, bis sie mich geortet hatte. »Du meinst den wütenden Sir und seine Gorillas?«
Ich nickte.
»Also. Er will dich entweder tot sehen, oder er sucht deinen Dad. Das habe ich nicht verstanden. Seine Aussprache.«
Sie kicherte, wie sie immer kicherte, wenn sie sich einem Kano, einem weißen Touristen, überlegen fühlte. Ich hatte keine Vorstellung, wie alt Carmelita war. Vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht auch eher mein Alter, also Ende dreißig. Selbst wenn sie lachte, ließ ihr Gesicht keine Rückschlüsse zu. Die Tage verbrachte Carmelita im Hof, kümmerte sich um ihre Kinder und um Gäste, die für das beste Chicken Adobo der Insel kamen. In ihren freien Momenten starrte sie Richtung Hauptstraße. An der Ecke zur Tourism Road hielten die Minivans, die vom Flughafen kamen. Carmelita verpasste kaum eine Ankunft. Vielleicht hoffte sie, ihr Mann würde aus einem der Busse steigen.
»Lass mich raten, der Russe wollte für deine Auskunft nicht zahlen.«
Sie hob unschuldig die Arme und sagte: »Ich muss sehen, wo ich bleibe. Hast du ihm die Nase gebrochen?«
»Vor allem habe ich ihm das Leben gerettet.«
»Und deshalb schleichst du dich wie ein Dieb heran?«
»Gute Taten führen nicht zwangsläufig zum Guten.«
»Es gab also wieder Ärger beim Surfen.«
»Diese verfluchten Selbstmörder. Ich bin es so satt.«
»Was mischst du dich überhaupt ein? Du kannst nicht jeden retten.«
Ich zuckte mit den Schultern, kletterte über die Brüstung und stellte mein Surfbrett unter meinen Verschlag, um es vor der Sonne zu schützen. Selbst für dieses billige Loch mit einem Bett, einem Ventilator und einer Kleiderstange war ich bei Carmelita im Rückstand – zumindest momentan.
Von einem ungespülten Teller auf der Theke nahm ich mir eine aufgeschnittene Kalamansi und rieb die Minilimette über die Schnittwunden, die das Riff an meinen Beinen hinterlassen hatte. Die Säure brannte, jeder Muskel in mir zog sich zusammen und meine Augen tränten. Dann griff ich mir eine Banane und holte mir zwei Bier aus dem Kühlschrank. Carmelita zog zwei weitere Striche auf mein Schuldenblatt. Nach der Anzahl der Striche zu urteilen saß ich bereits zweimal lebenslänglich ab.
»Nur einen Strich! Das zweite Bier ist für mein Knie, zum Kühlen.«
Carmelita ignorierte mich und köpfte Pepito mit einem routinierten Beilschlag.
»Endlich ist der verdammte Schreihals tot«, sagte ich und trank die erste Flasche Red Horse in einem langen, gierigen Zug leer. Ich genoss das kurze Hochgefühl, das nur das erste Bier des Tages auslösen konnte.
»Ein Hahn, der erst mittags schreit, ist nicht schlimmer als ein Mann, der sich schon morgens betrinkt«, antwortete sie. Durch ihr aufs Wesentliche reduzierte Englisch klang nahezu jeder Satz wie eine alte buddhistische Weisheit. Dabei war sie Christin.
Ich legte mich in die Hängematte und hörte zu, wie Pepitos Blut in eine Aluwanne floss. Dabei trank ich das Kniebier, ertrug das Ausbleiben des Hochgefühls und biss in die Banane.
»Wo kommt der verschissene Staub plötzlich her? Überall dieser Nebel aus Dreck.«
»Nichts auf dieser Welt passiert plötzlich, Mr. Inseldetektiv. Du solltest anfangen, die Zeichen zu sehen und zu deuten.«
»Steht das so in der Bibel, Carmelita?«
Sie ignorierte meine Frage und schwieg missbilligend, während sie heißes Wasser in einen Topf goss. Dann tauchte sie den ausgebluteten Hahn hinein. In der kleinen Hängematte unter dem Tisch schaukelte die jüngste ihrer Töchter, Princess, ein immer grinsender Pfirsich. Die anderen Mädchen waren in der Schule. Auch sie hatten meistens ein Strahlen im Gesicht, und ich fragte mich, wie Carmelita das hinbekam.
Hin und wieder knatterte an diesem Morgen ein Roller oder Motorrad über die unasphaltierte Straße und wirbelte den trockenen Untergrund von Neuem auf. Der Staub war ein Phänomen der ärmlichen Seitenstraßen, die vom Meer wegführten. Ein beige-brauner Mantel, der die unschönen Seiten des Touristenviertels bedeckte.
»Was für ein Zeichen soll der Staub sein?«, fragte ich Carmelita.
»Er kündigt den großen Regen an.«
»Lässt du bis dahin das Dach in meinem Zimmer reparieren?«
»Du bist nicht für den Regen gemacht«, sagte sie ernst. »Kein Kano ist das. Zahl deine Schulden, und verschwinde, bevor du in deinen Abgründen ertrinkst.«
Ich zog meine ausgeblichene Truckercap tief in mein Gesicht und hielt die leere Bierflasche an mein Knie, aber ohne Inhalt blieb die erhoffte Kühlung aus.
»Erzähl mir vom Regen, Carmelita.«
»Bezahl deine Schulden.«
»Keine Sorge. Es kommen schon wieder Aufträge rein. Roller werden immer gestohlen. Und Choco wird ja nicht plötzlich mit dem Arbeiten anfangen. Oder macht der Regen faule Cops plötzlich fleißig?«
»Er macht sie nass. Er macht alle Menschen nass. Bis auf die Seele. Und nach dem Regen beginnt das Leben von vorne.«
Ich musste hoffnungsvoll ausgeatmet haben, denn sie schob das Wort »Schulden« hastig hinterher. »Schulden bleiben bestehen. Liebe, Hass und Schulden. Geld ist dicker als Wasser.«
»Blut«, korrigierte ich sie. »Es heißt, Blut ist dicker als Wasser.«
»Unsinn, Caruso. Blut spült der Regen als Erstes weg.«
Die Sonne gewann an Kraft, und der Tag wechselte in die Phase, in der ich so lange ins Nichts starrte, bis es genervt zurückschaute. Die gewohnte Inselkulisse aus bellenden Straßenkötern, krähenden Hähnen, tschilpenden Vögeln und knatternden Motoren ließ mich langsam wegdösen.
Fremde Männerstimmen rissen mich aus dem Schlaf. Ich glaubte, Russisch herauszuhören, schnaubte genervt und ging zur Holztreppe, die in mein Zimmer führte.
»Willst du dich vor ihnen verstecken?«, fragte mich Carmelita.
Ich lachte müde. »Für die Russen ist die Schlägerei ein Ego-Ding. Für mich nur noch lästig. Wenn du mich also unbedingt an sie verraten musst, dann für mindestens drei Monatsmieten. Für weniger halte ich meine Knochen nicht hin.«
Ihre Silhouette, ihr knielanges Sommerkleid, die Art, wie sie die Sonnenbrille ins Haar schob, all das wirkte derart vertraut, erinnerte mich derart an Maria, dass mein altes Leben für einen Moment in mich fuhr, als sei es Carmelitas Beil. Durch den Staub bahnte sie sich den Weg zu meiner Hängematte, und aus meiner Perspektive wirkte es, als ginge sie abwärts.
»Sind Sie Mr. Caruso?«
Ich starrte sie wortlos an und ließ in meinem Kopf ihr rollendes R nachklingen. Ihre dunklen Locken waren das Ergebnis penibler Friseurarbeit, die Bräune ihrer Haut wohl dosiert und dieser Körper das Werk eines Personal Trainers, vielleicht eines Chirurgen. Kein Zweifel, sie war ein Meermensch. Nur endete ihr Meer im Yachtclub und nicht im Line-up. Die Halskette, die Armreifen, die Ohrringe, jedes Detail besaß eine Entsprechung im Muster des trägerlosen Kleides. Was es an ihrem Körper hielt, war mir ein Rätsel. Die indiskreten Blicke, die es gebraucht hätte, um das Rätsel zu lösen, verkniff ich mir.
»Haben Sie einen Auftrag für Caruso, oder schuldet er Ihnen Geld?«, fragte Carmelita skeptisch aus dem Off.
Die Fremde holte einen der Werbezettel aus ihrer Handtasche, die ich vor der Polizeiwache ausgelegt hatte.
»Hier steht, er könne helfen, wenn man bei der Polizei nicht weiterkommt. Also. Caruso?«
Bevor ich antworten konnte, bestätigte Carmelita meine Identität: »Ma’am, sie müssen wissen, dass er sehr gefragt ist.«
Wie es auf der Insel üblich war, sprach sie das Ma’am wie Mom aus. Männliche Touristen wurden grundsätzlich Sir genannt – angeblich aus Respekt. Mich nannten sie nur Caruso, ich war schon zu lange hier.
»Heute Morgen ist ein Sir aus Russland sogar mehrfach gekommen, um ihn zu treffen. Er wollte aber nicht angemessen bezahlen, also habe ich ihn weggeschickt.«
»Machen Sie sich um Geld keine Sorgen«, antwortete die Fremde. Carmelita schien zufrieden.
»Aus Spanien?«, fragte ich schließlich und schob mich in der Hängematte in eine würdigere Position. Diese Frau stand auf der Terrasse, als sei dieser räudige Ort ihr Filmset. Ich musste wirken wie ein verendender Käfer im Spinnennetz. Meine speckigen Boardshorts spannten im Schritt.
»Barcelona.«
»Sie stammen aber nicht von dort.«
»Gran Canaria.«
Ich nickte, als sei ich schlauer, als ich in Wirklichkeit war. Sie betrachtete mich, den Hof, die rissigen Holzplanken, in denen man sich barfuß Splitter einfing, das Spielzeug, das überall verstreut lag, die wild zusammengewürfelten Tische und Stühle, den Tresen, hinter dem Carmelita kochte, und die Nische, in der sie den Hahn geschlachtet hatte. Ihre Blicke wanderten nach oben, wo sich mein hölzerner Verschlag befand. Ihre Inspektion endete in meinem Gesicht. Ihre braunen Augen hatten einen Goldstich, wie eine verspiegelte Sonnenbrille.
Ich stieg mit trägem Kopf aus der Hängematte und suchte nach einem T-Shirt, fand auf die Schnelle aber keins. Meine potenzielle Klientin bat ich, an einem der Tische Platz zu nehmen, und hätte ihr gerne Wasser angeboten, doch im Spender lebte ein Gecko. Sie wischte mit der linken Hand über die Sitzfläche eines Plastikstuhles und griff nach dem Serviettenspender auf dem Tisch. Er war leer und klebte. Ihre perfekt manikürte Linke hielt sie ab diesem Zeitpunkt von sich wie ein benutztes Taschentuch.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich und versuchte, dabei möglichst geschäftsmäßig zu klingen. »Welches Fabrikat wurde Ihnen geklaut? Eine Honda Click?«
Sie wurde ungeduldig. »Vielleicht sind Sie doch nicht der, den ich suche.«
Ihre Haltung sprach für eine gute Erziehung, vermutlich Ballettunterricht. Die gerade Nase verlieh ihrem Gesicht eine Strenge, die mir mehr als bekannt vorkam. Sie trug keinen Ring, und ich konnte mir vorstellen, warum. Zu schön, zu schlau, vermutlich zu reich. Nach meiner Erfahrung gab es nur drei Sorten von Männern, die sich an solche Frauen heranwagten: Milliardäre, Gangsterbosse und Loser.
»Keine Sorge, Ma’am«, rief Carmelita von hinten. »Sie sind hier schon ganz richtig. Einen Besseren als Caruso werden Sie auf der ganzen Insel nicht finden.«
»Danke, Carmelita.« Ich ging auf sie zu und machte mich groß, als wollte ich einen Waran verjagen. »Ich regle das.«
Carmelita nahm Princess, die fröhlich gluckste, als ihre Mutter sie auf den Arm nahm, und überließ mir das Feld mit der Erklärung, dass sie einkaufen müsse. Ich kehrte an den Tisch zurück.
»Ihr Englisch klingt nicht nach einem Italiener, Signor Caruso.«
»Weil ich Deutscher bin.«
»Wie kommt es dann zu dem Namen?«, fragte sie nahezu akzentfrei in meiner Muttersprache.
»Ist beim Karaoke entstanden und hat sich festgesetzt«, antwortete ich nun auch auf Deutsch. »Wie kommt es, dass Sie so gut Deutsch können?«
Sie erzählte, dass sie in Hamburg studiert habe und die Sprache häufig beruflich nutze. Ihrer Familie gehörte eine der größten Hotelketten Spaniens. Die Häuser auf dem Festland lagen in ihrer Verantwortung. Ihre Mutter kümmerte sich um die Stammhäuser auf den Kanaren. Selbst mir waren die Sol-Hotels ein Begriff. Auf Fuerteventura, meiner letzten Heimat, war ich betrunken aus einer ihrer Bars geflogen.
Sie stellte sich als Ángel vor, Ángel Guzmán Gaviria, und sie vermisste ihren Sohn Juan.
»Alle nennen ihn John John«, erklärte sie. »Wegen des …«
»Berühmten Surfers. Schon klar.«
Er sei vor einem Monat auf die Insel gekommen, und seit mehr als zwei Wochen fehle jedes Lebenszeichen von ihm. Keine Nachricht, kein Anruf, keine Aktivitäten auf Social Media. Telefonisch und per Mail habe ihr niemand auf der Insel weiterhelfen können oder wollen, und die spanische Botschaft in Manila sei ihr keine Hilfe gewesen.
»Ich bin zu Hause verrückt geworden. Das ist mein Junge, mi tesoro. Sie müssen mir helfen, ihn zu finden.«
»Waren Sie bei der Polizei?«
Sie lachte giftig, und ich war froh, dass ihr Spott nicht mir galt.
»Choco Mucho ist ein feiner Kerl«, sagte ich. »Aber ein lausiger Bulle.«
Meistens lief es bei ihm so ab, dass er die Anzeige entgegennahm, eine saftige Bearbeitungsgebühr kassierte und dann feststellte, dass er ohne seinen Chef nichts tun könne. Der müsse die Formulare unterschreiben. Danach verstand er plötzlich nur noch sehr schlecht Englisch.
Der kleine Außenposten, in dem Choco seinen Dienst ins Kunstleder furzte, war nicht mehr als ein Touristenplacebo. Die ernsten Angelegenheiten wurden in der Hauptstadt der Insel oder von der großen Wache im Norden bearbeitet. Choco Muchos Faulheit war mein Geschäftsmodell, und er ließ mich gewähren. Zum Dank zahlte ich seine Rechnung, wenn wir uns mittags an einem der billigen einheimischen Buffets begegneten. Er war meistens alleine unterwegs. Die anderen Polizisten trauten ihm nicht recht über den Weg, weil er kein gebürtiger Insulaner war.
»Dieses fette Schwein riet mir, mich massieren zu lassen. Ich sähe verspannt aus. Eine Freundin von ihm betreibe das beste Massagestudio der Insel, und er könne mir Rabatt verschaffen. Und dann sagte er, Juan werde sich schon melden. Der sei bestimmt auf eine andere Insel weitergezogen.«
»Ist das so unmöglich?«
»Kann man auf den anderen Inseln surfen?«, fragte sie zurück.
»Nicht wie hier.«
»Dann ist es unmöglich.«
Ich sagte: »Verstehe«, hatte aber meine Zweifel.
»Surft er ein rotes Board?«
»Exacto! Wie die Reise auf diese verfluchte Insel ein Geschenk zum Uniabschluss. Ein Einzelstück.«
»Und trägt er eine große, transparente Schwimmbrille beim Surfen?«
Sie nickte übertrieben. »Er verträgt keine Kontaktlinsen im Salzwasser, und ohne Linsen oder Brille ist er so gut wie blind. Kennen Sie Juan? Haben Sie ihn gesehen?«
Als sie sich nach vorne beugte, stieg mir ein pudriger Duft aus Vanille, Jasmin und Moschus in die Nase.
»Jetzt sagen Sie schon!«
»Ist schon zwei, drei Wochen her.«
Ángels Körper verlor an Spannung.
Es hatte hier in den vergangenen Monaten nur einen Surfer gegeben, der John John Florence ansatzweise ähnelte. Ihr Sohn war Anfang zwanzig, von mittlerer Größe, braun, schlank und hatte wie John John sonnenblonde Surferlocken. Anders als sein Namenspatron war er aber so gefällig, dass er auch außerhalb der Surfwelt in Werbespots für Energy Drinks oder Hautcreme funktioniert hätte. Die Brille, die er wie ein Modeaccessoire und nicht wie eine Notwendigkeit trug, erhöhte seinen Wiedererkennungswert. Für einen Kanaren erschien er mir allerdings etwas zu hell, zu europäisch. Im Wasser sah man ihm keine Mühen an, aber auch keine Wertschätzung. Völlige Hingabe wirkte anders. Er surfteHeaven’s Gate ohne Glanz, aber zumindest begab er sich nicht in Lebensgefahr. Seine Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Surfern bewegte sich im Rahmen des gerade noch Akzeptierten. Wie seine Mutter war er ein Meermensch. Dieser glückliche Bastard ahnte vermutlich nicht einmal, wie viele Privilegien ihm das Leben geschenkt hatte.
»Erzählen Sie mir von ihm«, sagte ich.
Er war einundzwanzig Jahre alt. Im Sommer hatte er sein Wirtschaftsstudium an einer privaten Hochschule in Berlin beendet. Seine Mutter wusste, dass die Berliner Clubs eine hohe Anziehungskraft auf die vielen jungen Spanier in der Stadt ausübten, auch auf ihren Sohn. Das Verhältnis zu ihm war nach ihrer Aussage immer gut gewesen.
»Sie haben ihn alleine großgezogen?«
»Nein. Seine Kindheit hat er bei den Großeltern auf Gran Canaria verbracht. Ich wollte, dass er dort die deutsche Schule besucht. Erst als sein Großvater gestorben ist, habe ich ihn dann zu mir aufs Festland geholt. Da war er gerade zwölf.«
»Hatte er eine Freundin?«
»Vielleicht auch einen Freund. Oder beides. Ich weiß es nicht. Er hat wenig über sein Leben in Berlin erzählt.«
»Was ist mit seinem Vater?«
»Spielt keine Rolle und hat sie nie gespielt. Eine Jugendsünde, wie man, glaube ich, im Deutschen sagt.«
»Geschwister?«
»Nein. Nur er.«
»Verstehe. Wo hat Juan auf der Insel gewohnt?«
»Im Cabana Resort. Dort hat mir aber auch niemand helfen können. Handy, Geld und Ausweis sind weg. Nur noch ein paar Kleidungsstücke sind in seinem Bungalow. Und sein Board.«
Ihrem Sohn konnte alles passiert sein. In diesem Land war ein Menschenleben deutlich weniger wert als anderswo. Doch so viele Möglichkeiten es auch geben mochte, vor meinen Augen erschien immer wieder das gleiche Bild: ein nächtlicher Strand an Hawaiis Northshore, ein regloser Körper und in meinen Händen ein blutverschmierter Balken Treibholz.
Surfen war Ego-Sport, und wenn Egos durchbrannten, konnte alles passieren. Mich hatten durchgebrannte Egos damals alles gekostet. Und damit war ich noch glimpflich davongekommen.
»Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich kümmere mich um verschwundene Motorroller oder Surfbretter. Menschen sind mir eine Nummer zu groß. Lassen Sie Profis ran.«
»Sie meinen nicht ernsthaft diesen Choco?«
»Wenden Sie sich an ChiefVicente. Er ist der Polizeichef und hat selbst Kinder. Sagen Sie ihm, dass ich Sie geschickt habe. Er ist gewissenhaft und einer der wenigen, die mir etwas schulden und nicht umgekehrt. Das ist das Beste, was ich für Sie tun kann.«
Ángel saß reglos vor mir. Ein leichtes Zittern um den Mund herum, mehr spielte sich in ihrem Gesicht nicht ab. Sie sah mich an, als ahnte sie, dass ich ihr nicht die ganze Wahrheit sagte. Die Angelegenheit mochte zu groß für mich sein, aber das war es nicht, was mich daran hinderte, meinem ersten Impuls nachzugeben und ihr zu helfen.
Ich war auf die Insel gekommen, um zu vergessen. Mit dieser Frau und ihrem verschwundenen Sohn war das unmöglich. Zu viel Ähnlichkeit zwischen ihr und Maria. Zu viel, was mich an Hawaii erinnerte. Gezielter als mit diesem Auftrag konnte ich alte Wunden nicht aufreißen.
»Sie hausen dort oben? Und diese Frau eben. Sie ist was? Ihre Sekretärin, Ihre Vermieterin, Ihre Zuhälterin?«
Der Gecko im halb leeren Wasserspender wachte auf, bemerkte, dass er gefangen war, und schmiss sich gegen die Plastikwände des Behälters. Das passierte genau einmal täglich. Einmal am Tag für ein paar Sekunden erschlug ihn die Sinnlosigkeit seiner kleinen Existenz, und er paddelte im Wassertank von Seite zu Seite, ohne jemals anzukommen, ohne Chance, sein Gefängnis aus eigener Kraft zu verlassen. Ich ignorierte die Frage.
Ich spürte ihre Hand – ihre rechte – auf meinem Arm.
»Ich verlange nicht viel. Reden Sie mit Ihrem Polizeifreund, und hören Sie sich um. Sie kennen die Surfszene. Sie wissen, wen Sie fragen müssen.«
Der Gecko trieb erschöpft im Wasser, und ich spürte, wie der Restalkohol und die Mittagshitze meinen inneren Widerstand einäscherten. Ich vermied es, Ángel anzuschauen.
»Ich bezahle, was Sie wollen«, sagte sie nach einer Pause. »20000 Euro? Reicht das? Wollen Sie mehr? Das Leben meines Sohnes ist mir jede Summe wert.«
Plötzlich stand Bambi, Carmelitas älteste Tochter, auf der Terrasse und starrte Ángel mit schräg gelegtem Kopf und offenem Mund an.
»Ma’am, Sie sind so schön. Sind Sie eine berühmte Sängerin?«
Ángel ließ meinen Arm los und wandte sich dem Mädchen zu.
»Hola Guapita. Nein, ich bin keine Sängerin. Ich singe sogar ganz furchtbar. Du singst aber bestimmt ganz toll.«
Bambi nickte verlegen und verbarg ein breites Grinsen hinter ihrer Hand. Ich fragte mich, ob ihre Mutter mit acht Jahren ähnlich niedlich ausgesehen hatte.
»Hast du Geschwister, Guapita?«
Ángel hockte nun neben Bambi und strahlte das Mädchen an.
Die Kleine hielt drei Finger in die Luft und sagte: »Princess, Barbie, Honey und Bambi«, beim letzten Namen zeigte sie auf sich.
»Und deine Mama kümmert sich ganz alleine um euch?«
Bambi nickte, sammelte Mut und fragte:
»Sind Sie Carusos Freundin?«
Ángel lachte in einer Art, die stolzere Männer verletzt hätte. Ich nahm den braunen einheimischen Rum von der Theke neben dem Kühlschrank und trank direkt aus der Flasche.
»Nein, Guapita. Caruso wird mir aber bei einer sehr wichtigen Sache helfen.«
Carmelita betrat mit den übrigen Mädchen die Terrasse.
»Sie sind sich also einig geworden«, sagte sie, bevor ich etwas sagen konnte.
»Das sind wir«, sagte Ángel. »Wie viel schuldet er Ihnen noch gleich?«
»50000 Pesos, Ma’am. Die Miete, die Drinks. Besonders die Drinks! Da ist einiges zusammengekommen.«
Ich wusste, dass es maximal 30000 sein konnten.
»Bambi ist ein ganz reizendes Kind.«
»Danke, Ma’am. Meine Töchter sind mein ganzer Stolz und die Besten in ihren Klassen.«
»Wo ist der Vater, wenn ich das fragen darf?«
»In Manila, Ma’am. Dort sind die Löhne für Hafenarbeiter höher. Mit dem Geld, das er in der Hauptstadt verdient, bauen wir hier ein richtiges Hotel. Damit die Mädchen es eines Tages besser haben.«
