Heidejagd - Angela L. Forster - E-Book

Heidejagd E-Book

Angela L. Forster

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Beschreibung

Ein Fall für Inka Brandt ES WILL NICHT SPIELEN – ES WILL TÖTEN Bei einem nächtlichen Paintballspiel im Wald am Lopausee in Amelinghausen wird ein siebzehnjähriges Mädchen von einem grauenhaften Untier angefallen. Sie flieht und stolpert auf der Seebrücke über die Leiche eines Mannes. Als Hauptkommissarin Inka Brandt und ihr Team einen riesigen Fußabdruck und das mit Blut gemalte Zeichen der Wolfsangel neben dem Toten entdecken, gibt es für die Jäger in der Lüneburger Heide kein Halten mehr. Eine Jagd auf die Bestie bricht aus, die immer mehr Neugierige anlockt. Sehr zum Ärger von Inka Brandt und ihrem Team. Dann wird ein zweiter Toter gefunden …

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Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8401-6

Angela L. ForsterHeidejagd

Schmerzliche Dinge, die uns in der Vergangenheit widerfahren sind, haben viel damit zu tun, wie wir heute sind. William Glasser, Psychotherapeut

Prolog

Lea rannte und rannte, immer schneller und schneller. Die Angst vor dem Untier trieb sie voran. Wo waren die anderen? Wo war Konstantin, ihr Freund? Sie wollten sich doch am Waldbad treffen. Dieses blöde Paintballspiel.

Hinter ihr hörte sie das grässliche Knurren und Schnaufen der Bestie. Ein Werwolf, sie hatte ihn gesehen. Er war aus dem Gebüsch gesprungen und hatte sie angefallen. Ein Untier mit roten brennenden Augen und gefletschten Zähnen und … Lea konnte nicht mehr denken, nur laufen.

Sie sprang über Baumstümpfe, schlug sich durch das Gebüsch des Parks und weiter am Seeufer entlang. Brombeerbüsche und Dornenhecken zerkratzten ihr Gesicht, die Arme und Hände. Sie musste zum Parkplatz und dann weiter auf die Straße, nur dort war es möglich dem Monster zu entkommen. Doch so schnell sie auch lief, das blutgierige Tier hinter ihr kam immer näher. Dumpfe schwere Schritte, die auf dem Waldboden auftrafen, in ihren Ohren dröhnten, ihr Herz immer kräftiger schlagen ließen. Lea wollte schreien, doch ihr versagte die Stimme. Nur noch über die Brücke und dann … Sie lief und lief, dann stürzte sie kopfüber über ein Hindernis. Es war weich und warm. Ihre Hände berührten etwas Nasses und Klebriges. Als sie aufstand, sah sie, worauf sie gefallen war. Ihr Biologielehrer Hendrik Schubert lag mit zerfetztem Oberkörper in einer Blutlache auf der Holzbrücke des Lopausees.

Lea schrie. Ein Schrei, der durch den frühen Morgen hallte und jedes Geräusch am See überdeckte. Herbstliches Laub, das im Spiel des Windes raschelte, frühmorgendliche Gesänge der Gartenrotschwänze und Kohlmeisen. Kaninchen, Füchse, Mäuse, Igel, sogar der Biber, Tiere, die im Wald Nahrung suchten, umherhuschten, hielten inne. Nichts war zu hören. Nur Leas Atem, der stoßweise und abwechselnd mit dem Schrei aus ihrer Kehle schoss, als würde er aus seinen Fesseln befreit.

Kapitel 1

Inka Brandt blinzelte in die Dunkelheit. Sie drehte sich im Bett auf die rechte Seite und griff mit der Hand auf die andere Seite. Sie war leer. Drei Monate waren vergangen, seitdem Sebastian öfter bei ihr geschlafen hatte als in seinem Wilseder Untermieterzimmer. Seit dem letzten Fall des Heideimkers Ludwig Wittendorf waren sie ein Paar. Sehr zu Paulas Freude, Inkas fünfjähriger Tochter, die stolz verkündete, sie hätte jetzt zwei Papas. Vorgestern war Sebastian zu seinen Eltern nach Hamburg-Othmarschen gezogen. Zur Sicherheit für sie und Paula. Er wollte sie nicht in Gefahr bringen, den Kreuzer nicht weiter auf sie aufmerksam machen. Der Radiowecker zeigte mit roten Zahlen 1.44 Uhr an. Zu früh zum Aufstehen, befand sie, zog die Decke unter das Kinn und schloss wieder die Augen, dann vibrierte ihr Handy auf dem Nachttisch. Oh nein.Das bedeutet nichts Gutes. Verschlafen tastete sie nach dem Telefon. Sie drückte die Annahmetaste und wühlte sich aus der Decke.

„Brandt“, meldete sie sich gähnend. Bloß keine Leiche, ging ihr durch den Kopf. Am Wochenende wollte sie mit Paula in die Salztherme nach Lüneburg, ins verrückte Haus und in den Snow Dome nach Bispingen, dann kam Halloween. Für die Jagd auf Süßigkeiten wünschte sich Paula ein Feenkostüm. Außerdem hatte Inka ihr versprochen, einen Kürbis zu schnitzen und die gruselige, kichernde Hexe an die Tür zu hängen. Doch käme jetzt ein Mord … „Verdammt!“, fluchte sie leise. Wenn sie jetzt ihre Schwester Hanna aus dem Bett scheuchte, um auf Paula aufzupassen, war ihr die Standpauke ihres Schwagers sicher. Tim befand ihren Beruf als Kommissarin für überflüssig. Es wäre wirtschaftlicher, würde sie täglich, nicht nur sporadisch, auf dem Hof mitarbeiten. Mit Tims Predigt im Kopf horchte sie auf Frauke Bartels’ kräftige Stimme.

„Inka, bist du wach? Ich bin es, Frauke hier“, sagte die Beamtin aus der Zentrale. Frauke Bartels arbeitete seit drei Jahren in der Hanstedter Wache. Eine sechsundzwanzigjährige kunterbunt gekleidete Kollegin, die äußerlich eher in eine Kindergartengruppe als zur Polizei gepasst hätte.

„Unverkennbar“, nuschelte Inka in den Hörer. „Ich muss nicht fragen, was es gibt. Oder?“

„Ich dachte, unsere Inka würde gerne um zwei Uhr morgens einen Rundgang um den Lopausee in Amelinghausen machen.“

Inka hörte ein Kichern.

„Frauke, das ist nicht dein Ernst.“ Inka stöhnte und wischte sich mit der freien Hand ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Also, spuck’s aus. Was ist los?“ Sie rollte sich auf die Bettkante und schaltete die Salzkristalllampe ein.

„Ein Mädchen, anscheinend eine Schülerin, ist über ihren toten Biologielehrer auf der Seebrücke gestolpert, weil sie ein Werwolf verfolgt hat.“

„Ein toter Lehrer und ein Werwolf?“ Gedanklich ging Inka die Mondphase durch. Vollmond.

„Genau. Sie zählte noch ein paar Namen auf, die ich durch ihr Schluchzen kaum verstehen konnte, und sagte, dass sie am See ein Spiel gespielt hätten, als sie der Werwolf verfolgt hat. Rommel, Faller, Amselfeld und die Kollegen der Nachtschicht sind bereits unterwegs.“

„Okay. Wer ist das Opfer?“

„Sagte ich schon, ihr Biologielehrer. Ist Sebastian bei dir?“, fragte Frauke in einem Atemzug.

„Nein. Er ist in Hamburg bei seinen Eltern. Ich …“ Inka zögerte. Sebastian Schäfer, Polizeipsychologe aus Hamburg, war auf der Jagd nach dem Kreuzer, dem Mörder seiner Familie, drängender und verlangender als je zuvor.

„Ich dachte nur, dass du dir den Tatort ansehen möchtest“, holte Frauke sie aus ihren Gedanken.

„Der Tag fängt ja gut an“, stöhnte Inka. „Ruf Mark, die Spusi und Teresa an. Ich mach mich auf die Socken.“

Keine halbe Stunde nach dem Telefonat mit Frauke lenkte Inka ihren Golf auf den Parkplatz neben das Café-Restaurant Seestübchen am Lopausee in Amelinghausen. Der Streifenwagen von Faller und Rommel parkte mit zuckendem Blaulicht neben einem Berg achtlos hingeworfener Fahrräder. Schwarze Outdoorwesten, übersät mit gelben und signalroten Farbklecksen, wie Gewehre, die Inka als Paintballmarkierer erkannte, häuften sich neben den Rädern. Drei Streifenwagen kreisten die Jugendlichen ein und gaben ihnen keine Möglichkeit, zu verschwinden. Beaufsichtigt von Kollege Rommel standen sie dicht zusammengerückt neben zwei hölzernen Wagenrädern, die dem Parkplatz als Zierrat dienten.

„Sind die Eltern informiert, wo sich ihre Kinder rumtreiben?“, fragte Inka den Kollegen Faller, der sein Funkgespräch beendete.

„Ist gerade geschehen, Inka. Die haben sich gefreut, dass sie ihre Kinder abholen dürfen. Die Kids können sich auf ein Donnerwetter vom Feinsten gefasst machen.“ Er nickte mit dem Kinn zu den Schülern. „Diese Gören, was denen einfällt. Mitten in der Nacht ein Paintballspiel am See. Wofür gibt es denn Hallen für dieses verrückte Rumgeballere? Zwei wollten verduften, aber Meyer und Kruschke haben sie eingefangen. Die kriegen zu Hause ordentlich was auf die Mütze.“ Faller lachte, aber es wirkte nicht besonders amüsiert.

„Wo ist das Mädchen, das die Leiche gefunden hat?“, fragte Inka, ohne auf Fallers Worte einzugehen.

„Die Blonde, die der Jüngling im Arm hält. Lea Ohlsen heißt sie.“ Er wippte mit dem Kinn zu einer Schülerin, die ihren Kopf in die Halsbeuge eines dunkelhaarigen Jungen gelegt hatte.

In diesem Augenblick näherten sich dem Parkplatz vier weitere Fahrzeuge. Inka erkannte den neuen Wagen ihres Kollegen Mark Freese, den er gegen seinen biergelben Minicooper getauscht hatte. Als Familienvater eines drei Monate alten Sohnes hatte er mit seinem Siebensitzer für weiteren Kindersegen vorgesorgt.

Mark war seit Schulzeiten ein Freund, ein Kollege, den ein Zimthauch umgab, den er wie eine Schleppe hinter sich herzog. Sie wusste immer, in welchem Raum er sich aufgehalten hatte, obwohl er den längst verlassen hatte. Keksfabrik Freese & Söhne& Söhne, eine traditionsreiche Familie, in der er bei seinen Eltern sporadisch aushalf und mit kreativem Gespür neue Gebäcksorten entwickelte. Hinter Marks Wagen folgte Oberkommissar Jacob Amselfeld in einem Streifenwagen. Zwei weitere Wagen, schwarze SUVs, hielten mit knirschenden Reifen vor der Schranke, die den Parkplatz von dem beginnenden Naturschutzgebiet trennte. Ein Elternpaar stieg aus und eilte zu einem dunkelhaarigen Mädchen. Aus dem zweiten SUV schlüpfte eine zierliche Frau mittleren Alters. Noch bevor Inka den Parkplatz überquert hatte und bei den Jugendlichen angekommen war, ging auch schon das Donnerwetter los. Ein Elternpaar schimpfte wie wild auf seine Tochter ein, sodass Rommel Mühe hatte, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen.

„Inka Brandt, Wache Hanstedt“, stellte sich Inka vor und hielt ihren Ausweis in die Runde der immer mehr eintrudelnden Eltern. „Ich möchte um Ruhe bitten. Hauptkommissar Mark Freese und ich“, Inka nickte zu Mark, „wir werden gleich zu Ihnen kommen. Wir bitten Sie, sich noch ein wenig zu gedulden.“

„Hören Sie, Frau Kommissarin, es ist mitten in der Nacht, ich habe in ein paar Stunden zu arbeiten, und ich muss …“

„Es ist früh am Morgen“, berichtigte Inka und sah einem kleinen dicken Mann mit schütterem Haar in graue Augen. „Sie werden warten, wie alle anderen auch, Herr …“

„Grünhagen. Steuerkanzlei Sigfried Grünhagen. Und dies ist mein Sohn Maximilian.“ Grünhagen nickte zu einem blonden Lockenkopf, der Inka um einen Kopf überragte und sie aus wasserblauen Augen linkisch angrinste. „Was er auch angestellt hat, es wird bis morgen Zeit haben“, drängelte Grünhagen. Er warf seinem Sohn einen strengen Blick zu, woraufhin dessen Grinsen sofort einfror.

„Herr Grünhagen, wir wurden alle an diesem frühen Morgen aus den Federn gescheucht. Und niemandem gefällt es, in der Kälte zu stehen. Sie können sich in Ihren Wagen setzen, doch sollte Ihnen einfallen wegzufahren, wird mir etwas einfallen, Sie aufzuhalten. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich habe eine Leiche zu begutachten.“ Sie warf einen kurzen Blick in die Runde der Elternpaare, drehte sich um und ging ein paar Schritte Richtung Schranke.

„Ist das Opfer tatsächlich der Biolehrer der Schüler?“, fragte sie Faller, der abseits der Elterngruppe auf seinem Handydisplay tippte.

„Ja. Hendrik Schubert. Biologielehrer aus dem Amelinghausener Pastor-Bode-Eliteprivatgymnasium“, sagte er und steckte das Handy in die Jackentasche. „Unterrichtet hat der Biolehrer alles reiche Schnöselkinder, die mit dem goldenen Löffel im A…“ Er zögerte. „Na ja, die haben nix anderes zu tun, als Blödsinn anzustellen und die Nase in den Wind zu halten, während ihre Eltern mit ihrer Arbeit beschäftigt sind. Arzt, Rechtsanwalt, Autohaus, Steuerkanzlei, Schauspieler, Unternehmer und so weiter. Die Kindererziehung, geschweige Aufmerksamkeit für den Spross, bleibt auf der Strecke. Was zählt, sind das Bankkonto und die Karriere. Alles Menschliche wird dem Kindergarten, der Schule oder irgendjemandem überlassen und vergessen oder verdrängt, dass es ihre Kinder sind, die ihnen entgleiten. So läuft das heute. Natürlich nicht bei allen Eltern, so weit lehne ich mich nicht aus dem Fenster.“ Kollege Faller hatte sich in Rage geredet, wie immer, wenn es um das Thema Kinder ging.

Inka schenkte den Worten ihres Kollegen ein Nicken. Auch Tilly, Paulas Tagesmutter, berichtete über Kinder, die als Anhängsel oder Standessymbol am Rande der Familie mitliefen, in der die eigene Bequemlichkeit oder Karriere einen präsenteren Platz einnahm.

„Gibt es eine Überwachungskamera an der Außenfassade des Café-Restaurants?“ Inkas Blick schweifte zum Seestübchen, das im Bungalowstil mit dem weißen Anstrich und dem grauen Ziegeldach verlassen dalag. Der Laubteppich, der sich vor dem Eingang ausgebreitet hatte, verriet, dass hier in letzter Zeit kaum Betrieb geherrscht hatte. Es war Winterpause.

„Das weiß ich nicht.“ Faller zuckte die Schultern. „Ich sehe nichts.“

„Kümmere dich darum. Wo geht’s zur Brücke?“

„Hinter der Schranke geradeaus, nach ungefähr zweihundert Metern müsst ihr links auf die Brücke. Teresa und Kollege Amselfeld erwarten euch.“

„Danke“, sagte sie zu dem Mittdreißiger. „Achte darauf, dass mir keiner von der Bande stiften geht. Und sperre hier alles ab“, warf sie ihm über die Schulter zu.

Mittig auf der Holzbrücke, die über die Lopau führte, lag ein Mann. Zerrissen und blutdurchtränkt hing seine Kleidung an seinem Oberkörper herunter. Eine Hand steckte in der Hosentasche seiner Bluejeans, die andere lag über dem Steg. Mit offenen Augen starrte er in den sternenfunkelnden Himmel.

„Du meine Güte, das sieht ja wie eine Hinrichtung aus“, sagte Inka. Sie nickte Amselfeld zu und begrüßte ihre Freundin, Rechtsmedizinerin Teresa Hansen, mit einem Kuss auf die Wange.

„Das kann man wohl sagen. Es geht immer noch grausamer. Guten Morgen, Süße, Mark“, erwiderte die sportliche Mittvierzigerin.

„Was denkst du, Terry? Was war das für ein Messer, das ihn so zugerichtet hat?“, fragte Mark. Sein Blick lag auf den Holzbohlen und dem Blut, das sich fast schwarz wie eine Öllache verteilte.

Teresa schüttelte den Kopf. „Mit einem Messer zu töten, ist eine sehr persönliche Sache. Es steckt viel Wut dahinter. Doch sehe ich mir die Schnittwunden in Gesicht-, Brust- und Bauchbereich an, … haltet mich bloß nicht für verrückt …“, Teresa zögerte und warf Inka, Mark und Amselfeld einen irritierten Blick zu, „… haben scharfe Krallen die Wunden verursacht. Ich würde sagen, er hat mit einer Bestie, einem Werwolf, gekämpft.“

Ein banges Gefühl machte sich in Inka breit. Sie fühlte sich nie gut, wenn sie mit solchen Absurditäten konfrontiert wurde. Viele mystische Geschichten geisterten durch die Lüneburger Heide. Doch das war für sie nur hanebüchener Unsinn. Weder glaubte sie an Geister noch an irgendwelche Spukgeschichten, dafür war sie zu sehr Realistin. Dennoch spürte sie, wie sich eine Gänsehaut über ihre Arme legte.

„Das ist doch Blödsinn, Terry. Es gibt keine Werwölfe in der Heide … Wer glaubt solch einen Mist?“, sagte Inka.

„Ich bin ganz deiner Meinung. Aber sieh dir dies an.“ Teresa leuchtete mit der Taschenlampe über den Kopf des Toten.

„Das ist ein Fußabdruck“, sagte Inka.

„Und zwar ein gewaltig großer Fußabdruck, der nicht von einem Schuh stammt“, stimmte Mark zu. „Der sieht tatsächlich aus wie von einem riesigen Tier. Oder, Kollege Amselfeld, was sagen Sie?“ Mark drehte den Kopf zu seinem Kollegen, der zwei Meter abseits mit dem Rücken am hölzernen Brückengeländer lehnte.

Jacob Amselfeld nickte. Er war müde und gähnte. „Sicher war es ein Tierwesen, ein Mensch in einem Pelzkostüm“, sagte er.

„Sie sprechen von einer Fetischgeschichte, Kollege.“ Aus der Hocke sah Inka zu Amselfeld hoch.

„Wäre möglich. Allerdings müssen wir zwischen Petplayern und Pelzliebhabern unterscheiden.“

„Können Sie sich genauer ausdrücken?“, drängelte Inka, während sie aus der Hocke aufstand.

„Es gibt die Petplayer, bei denen einer den dominanteren Part, der andere den devoteren Part spielt. Ein Partner verkleidet sich als Pferd, Zebra, Hund oder beliebiges Tier, das vom anderen Partner dressiert und dominiert wird. Es ist eine Erotik, die nur im Kopf stattfindet. Wobei die Petplayer diese sogar öffentlich zur Schau stellen, indem sie durch Parks oder auf Straßen herumlaufen oder ­-fahren. Die anderen sind die Pelzliebhaber. Menschen, die ihr zweites Ich ausleben. Anhänger gibt es auf der ganzen Welt. Sie verkleiden sich zum Spaß als Tierwesen, veranstalten Partys, Tanzveranstaltungen oder Picknicks in ihren Pelzen, die sie Suits nennen, also Anzüge. Aber von einem Mord hab ich noch bei keinem etwas gehört.“

Marks, Teresas und Inkas Augen richteten sich neugierig und ebenso belustigt auf den Kollegen. „Wow“, sagte Inka, die als Erste wieder Worte fand. „Sie kennen sich in der Szene gut aus.“

„Das liegt an meiner Frau …, weil …“, begann Amselfeld und stockte, als er sah, dass Teresa, Inka und Mark ihn grinsend ansahen.

„Sparen Sie sich Ihr Hohngelächter. Ich weiß, was Sie denken“, sagte er, das Gesicht zu einer strengen Miene verzerrt. „Meine Frau promoviert über das ungeschürte Verlangen in Sex-, Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Thema ist Teil ihrer Arbeit“, setzte er erklärend nach.

„Ähm, ja“, sagte Teresa, „wie spannend, bald eine weitere Doktorin in unserer Runde zu finden, aber wenn wir uns trotzdem wieder unserem Fall zuwenden könnten, denn wir haben nicht nur den Fußabdruck, sondern auch eine Zeichnung.“ Mit dem behandschuhten Zeigefinger tippte Teresa neben den Fußabdruck auf ein gemaltes Zeichen.

„Das sieht wie ein umgedrehtes Z mit einem Strich in der Mitte aus“, sagte Amselfeld.

„Es ist das Zeichen der Wolfsangel“, erklärte Inka. „Das Zeichen der Forst- und Waldwirtschaft, das der Heidedichter Hermann Löns gerne unter seine Unterschrift gesetzt hat.“

„Es sprach unsere Geschichtslehrerin, Inka Brandt.“ Teresa lachte. „Aber du hast recht. Als Flora und ich den Resthof in Egestorf gekauft haben, lag an unserer Einfahrt auch ein Hofstein mit dem Zeichen der Wolfsangel. Wir haben ihn entfernt, da die Angel nicht nur ein Zeichen für die Forstwirtschaft war, sondern auch für die Hitlerjugend.“

„Davon hab ich nie gehört. Zeichen, Hitlerjugend, Wolfsangel. Wie hängt das zusammen?“, fragte Jacob Amselfeld, der in die Heide zugezogene Kölner Kollege.

„Es ist nicht nur ein Zeichen, sondern auch ein eiserner Doppelhaken, ein Köderträger und Fanggerät für Wölfe“, ergänzte Inka. „Im 16. Jahrhundert wurde er von den Bauern mit Ködern versehen und mittels eines Ankers in Bäume gehängt oder darin befestigt. Die Wölfe, die hochsprangen und sich die Beute schnappten, blieben mit der Schnauze an den Widerhaken hängen und verendeten.“

„Aber was hat diese Grausamkeit mit der Hitlerjugend zu tun? Die Wolfsangel hab ich …“, begann Amselfeld, als ihn Inka unterbrach.

„Verschlafen?“ Inka grinste, wurde aber sofort wieder ernst und sagte: „Richtig populär machte die Wolfsangel der Heidedichter Hermann Löns durch sein Buch Der Werwolf. Darin geht es um eine Heidebauerngemeinschaft, die sich Werwölfe nannte. Den mystischen Bezug gaben die Nazis der Wolfsangel, indem sie das Symbol, das noch heute auf vielen Städte- und Gemeindewappen zu finden ist, zu einer germanischen Rune erklärten. Die Nazis verehrten Hermann Löns, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Auf Befehl Hitlers betteten sie seine mutmaßlichen Gebeine um in ein Grab in die Lüneburger Heide nach Bad Fallingbostel, das heute zu einer Art Pilgerstätte geworden ist. Wie Sie sehen, Kollege Amselfeld, ist das Feld der Angel vielfältig und weitreichend, wobei wir uns offensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus und auch mit den heutigen rechtsextremistischen Strömungen auseinandersetzen müssen. Es wird immer Menschen geben, die Meinungen vertreten, die wir nicht unter einem kritisch aufgeklärten Geschichtsbild verstehen.“

„Ich stimme dir in allen Punkten zu, Inka. Aber wir agieren als Polizisten mit einer Vorbildfunktion“, bemerkte Mark, dann: „Kennt ihr Hitlers Spitznamen?“

Kopfschütteln.

„Onkel Wolf wurde er genannt. Ich erwähne es nur, weil es außerdem die Organisation Werwolf gab, die Jagd auf kriegsmüde Deutsche machte. Angeführt gegen Kriegsende von dem ehemaligen Hühnerzüchter Heinrich Himmler“, ergänzte Mark.

„Bei ,Hühnerzüchter‘ klingelt es.“ Amselfeld wurde zusehends munterer. „Ich glaub, davon hab ich doch schon gehört. Haben nicht sogar Papst Benedikt XVI. und der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in Uniform als Jugendliche stolz für die Fahne gekämpft?“

„Stimmt, das war auch bei uns Thema im Geschichtsunterricht“, bemerkte Mark.

„Meint ihr, wir kriegen es jetzt mit den Braunen zu tun, während ein Werwolf bei Vollmond durch die Lüneburger Heide streift und sich seine Opfer sucht? Sollten wir Silberkugeln in unsere Waffen laden, bevor wir gebissen werden und selbst zum Werwolf mutieren?“, fragte Amselfeld. Er legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel. Die Luft war klar und belebend. Der Mond präsentierte sich in milchig leuchtender Form und es schien, als sähe er amüsiert auf die vier Menschen herab, die auf der Brücke standen.

„Das sind alberne Aussagen und nur konstruierte Fiktionen der Filmindustrie, Kollege“, bemerkte Mark. „Die Wölfe sind in die Lüneburger Heide zurückgekehrt, aber ein Werwolf war sicher nicht unter ihnen. In drei Tagen ist Halloween, vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Sehe ich genauso“, antwortete Inka. „Terry, kannst du uns etwas über den Todeszeitpunkt sagen?“

„Euer Opfer ist vier bis fünf Stunden tot.“

„Dann ist er gegen zweiundzwanzig Uhr ermordet worden.“

„Eine Stunde, ein paar Minuten früher oder später, du kennst das ja. Die Leichenstarre ist noch nicht vollständig ausgeprägt und ich kann sehen, was er in der rechten Hand hält, die er in der Hosentasche vergraben hat.“

„Einen Ring“, staunte Inka.

„Nicht nur einen Ring. Einen Diamantring. Er wollte einen Heiratsantrag machen.“ Sie ließ den Ring mit einer behandschuhten Hand in ein Beweistütchen rutschen.

„Bestimmt nicht einer Werwölfin“, scherzte Amselfeld. „So ein Gemetzel richtet keine Frau an, die einen Antrag bekommt.“

„Da haben Sie recht“, erwiderte Inka nachdenklich und nahm das Tütchen mit dem Ring entgegen. „Nur was hatte unser Opfer, bleiben wir beim Todeszeitpunkt zweiundzwanzig Uhr, am See auf der Holzbrücke zu suchen?“

„Ein Rendezvous mit seiner Herzallerliebsten“, sagte Amselfeld.

„So spät am Abend und in der Kälte am See? Es gibt romantischere Orte für Verliebte“, setzte Inka dagegen.

„Wenn ihr mit euren Taschenlampen zum anderen Ende der Brücke leuchtet“, mischte sich Teresa ins Gespräch, „könnt ihr sehen, dass der Fundort nur bedingt der Tatort ist, weil die Blutspuren auf den Waldweg zurückführen. Sein Rendezvous, wenn es eines war, hat woanders stattgefunden.“

„Dann ist er geflüchtet und auf der Brücke ermordet worden“, sagte Inka.

„Davon gehe ich erst einmal aus.“

„Doch woher kam er?“

„Gute Frage.“ Teresa Hansen zuckte die Schultern.

„Hast du ein Handy oder Papiere gefunden?“, fragte Inka.

„Fast alles hier. Seine Uhr, sein Fair-Trade-Ökophone und in …“

„Sein was?“, fragte Mark.

„Sein Handy. Es ist ein Ökophone mit austauschbaren Modulen, die einzeln ersetzt werden können. Ihr kennt das doch – ein Elektrogerät oder ein Smartphone ist nach einer gewissen Zeit defekt und du kannst es nur noch wegschmeißen. Angeblich wird es vom Hersteller so voreingestellt. Dieses Ding hier“, sie hielt das Handy hoch, „kannst du mit einem Schraubenzieher selbst reparieren, so hält es länger und die Teile sind natürlich fairtrade hergestellt.“

„Was es alles gibt“, sagte Mark kopfschüttelnd.

„Die Handys sind nicht billig, aber weiter … In seinem Portemonnaie sind einhundertzwanzig Euro, nur leider kein Personalausweis. Einen Raubmord könnt ihr ausschließen, weil der Täter auch die zwanzigtausend Euro mitgenommen hätte, die in der Innentasche seiner Jacke gesteckt haben.“

„Zwanzigtausend. Nicht schlecht“, staunte Mark.

„Genau. Außerdem hat er ein frisches Veilchen. Allerdings ist der Bluterguss noch nicht vollständig ausgebildet, was heißt, der Treffer hat ihn zeitnah, zwei oder drei Stunden vor seinem Tod, erreicht.“ Teresa tippte mit ihrem rechten behandschuhten Zeigefinger auf Hendrik Schuberts rechtes Auge. „Und die Gleichmäßigkeit der Verfärbungen sagt mir, sein Gegner hat direkt vor ihm gestanden, als ihn die Faust getroffen hat.“

„Wenn der Angreifer direkt vor ihm gestanden und das rechte Auge getroffen hat, dann ist er Linkshänder“, überlegte Inka laut.

„Davon könnt ihr ausgehen. Zumindest, was die Prügelei angeht. Aber ob der Prügelknabe auch der Mörder war?“

„Kriegen wir heute noch Ergebnisse, Terry?“

„Ich geb mein Bestes“, sagte die Rechtsmedizinerin. „Allerdings liegen bei mir im Institut zwei Alkoholleichen auf dem Tisch und eine Dreißigjährige, bei der der Todesumstand von Suizid bis Mord schwankt.“ Teresa stand aus der Hocke auf und schloss ihre Arzttasche. „Ich vermisse Sebastian. Schläft er noch?“ Suchend sah sie über Inkas Schulter.

„Sebastian ist in Hamburg bei seinen Eltern“, sagte Inka kurz. Dass Sebastian seit zwei Tagen bei seinen Eltern lebte, weil er glaubte, den Kreuzer so von ihr fernzuhalten, gefiel ihr nicht. Sie vermisste ihn. Aber es war seine Entscheidung und die fand sie allemal besser als den gefährlichen Plan, den er mit Flora, Teresas Lebensgefährtin, umsetzen wollte. Auch wenn die Idee der beiden, den Kreuzer aus seinem Versteck zu locken, noch nicht ausgereift war.

Teresa Hansen umarmte erst Inka, dann Mark, nickte Amselfeld zum Gruß zu und winkte Finn Reuscher, dem Polizeifotografen, und Fridolins Team der Spurensicherung, die mit schnellen Schritten die Brücke erreicht hatten. „Lasst mir das Opfer ins Institut bringen“, rief sie ihren Kollegen zu, bevor sie hinter den Bäumen in der Dunkelheit des frühen Morgens verschwand.

„Also gut“, sagte Inka, als Fridolins Team in weißen Schutzanzügen an ihr vorbeiwirbelte, Schildchen aufstellte, mit Lampen den Tatort belichtete, Pinzetten und Pinsel aus ihren Köfferchen holte und mit der Arbeit begann. „Folgen wir der Blutspur.“ Mit der Taschenlampe leuchtete Inka über die Holzbohlen und weiter auf den sandigen Waldweg, der Richtung Parkplatz führte.

„Wie merkwürdig“, hörte sie Mark sagen. „Warum flüchtete er nicht gleich in sein Auto?“

„Auf dem Parkplatz stand außer dem Smart mit Werbeaufdruck des Café-Restaurant Seestübchen kein anderes Auto“, erwiderte Inka.

„Vielleicht hat er seinen Wagen oben an der B209 abgestellt“, bemerkte Amselfeld.

„Unwahrscheinlich“, sagte Inka kopfschüttelnd. „Die Holzbrücke liegt vom Parkplatz aus auf der rechten Seite des Sees. Er müsste einen riesigen Bogen gegangen sein, um hier anzukommen. Wer macht so etwas, wenn es einfacher ist, den Wagen auf dem Parkplatz vor Ort abzustellen?“

„Stimmt“, pflichtete Mark bei. „Aber möglich ist, er wurde mitgenommen und am See abgesetzt. Oder er ist mit dem Taxi gekommen.“

„Und wie kommt er zurück?“

„Zurück wohin?“, fragte Amselfeld und sah Mark mit schläfrigen Augen an. „Wir wissen nicht, wo er wohnt, und wir wissen ebenfalls nicht, ob er verabredet war oder nur spazieren gehen wollte.“

„Mit zwanzigtausend Euro und einem Diamantring in der Tasche zu einem Abendspaziergang aufbrechen ist seltsam. Kriegen Sie raus, Amselfeld, wie das Opfer zum See gekommen ist? Mit dem Taxi, einem Freund, der Freundin oder wie auch immer? Fragen Sie in den umliegenden Taxizentralen nach, wer eine Fahrt zum See mit einem Fahrgast oder mehreren Gästen um die Tatzeit herum getätigt hat. Möglicherweise hat unser Opfer das Geld von seinem Mörder bekommen. Erpressergeld, Schutzgeld oder Schweigegeld, irgendetwas wird es gewesen sein. Wir brauchen die Fingerabdrücke auf dem Geld, Hendriks Kontobewegungen und die Bewegungsanzeigen sowie Anrufprotokolle auf seinem Handy“, ordnete Inka an. Sie leuchtete zurück auf die Blutspuren, die sie weiter Richtung Parkplatz führten. Mit der Taschenlampe schwenkte sie in den Busch- und Laubstreifen, der See- von Waldweg trennte. „Hier hört die Blutspur auf und macht einen Bogen. Amselfeld, Sie gehen den Seeweg entlang Richtung Aussichtsplattform. Mark, wir gehen zum Parkplatz und zum Café zurück, um nicht alle Spuren zu zertrampeln.“

Je näher sie dem Seestübchen kamen, desto lauter wurde das Stimmengewirr, das ihnen entgegenschlug. Inzwischen waren fast alle Eltern der Jugendlichen eingetroffen.

„Ich würde gerne mit Ihrer Tochter alleine sprechen“, bat Inka die Eltern der Schülerin Lea Ohlsen.

„Und was ist mit uns, wann können wir gehen?“, wollte Sigfried Grünhagen wissen.

„Mein Kollege nimmt Ihre Personalien auf.“ Sie nickte zu Mark.

„Wollen wir?“, fragte sie Lea und bat sie um ein paar Schritte. „Lea, bitte verraten Sie mir … oder darf ich Du sagen?“ Inka blieb an der Schranke stehen.

Das Mädchen nickte. Es war blass und Inka sah, dass seine Hände leicht zitterten.

„Lea, ich weiß, was du gesehen hast, war grausam. Wir reden nur so lange, wie du meinst, es verkraften zu können. Aber ich brauche ein paar Antworten. Was ist am See geschehen? Wann seid ihr am See angekommen? Wer kam auf die Idee mit dem Paintballspiel? Was hat es mit dem Untier, dem Werwolf, auf sich?“

„Es war eine dumme Idee“, flüsterte Lea. „Eigentlich wollten Konstantin und ich nur einen Abend, also eine Nacht, alleine verbringen. Seine Eltern waren zu Bekannten nach Soltau zu einer Hochzeit gefahren und wollten erst am nächsten Tag wiederkommen. Meine Eltern dachten, dass ich bei Kristina schlafe, aber …“ Lea zögerte, senkte den Kopf und sah auf den Sandboden.

„Ist Konstantin dein Freund? Er sieht nett aus.“ Inka fand, Lea verhielt sich ganz anders als die dickköpfigen Jugendlichen, mit denen sie sonst ab und an zu tun hatte.

„Ja, ist er auch. Und lange nicht so eingebildet wie Jannik, Peer oder alle anderen Jungs. Obwohl seinen Eltern das große Autohaus in Amelinghausen gehört.“

Inka warf einen schnellen Blick zu Konstantin und seinen Eltern. Als letztes Elternpaar kamen sie mit einem Golf zum See, nicht mit einem SUV. Mit Leas Eltern standen sie als restlich verbliebene Gruppe neben dem hölzernen Wagenrad und gaben Kollege Rommel Auskunft.

„Okay“, sagte Inka, „ihr wolltet den Abend alleine verbringen. Was hat eure Entscheidung geändert?“

„Der Anruf von Peer. Konstantin wollte mit mir Mathe üben, aber Peer meinte, er solle kein Weichei sein, Mathe und ich würden ihm nicht weglaufen, aber das Spiel sich so schnell nicht wiederholen. Und dass Max, Jannik, Peer und die Mädchen, Amanda, Kristina und Klara, auch dabei wären. Um elf Uhr ginge es am Parkplatz beim Seestübchen los.“ Lea biss sich auf die Unterlippe. „Es ist schwer, sich aus der Clique zu lösen, ohne dabei überheblich zu wirken. Alleingänge werden nicht gern gesehen, womöglich gibt es Streit. Ich hab Konstantins Entscheidung verstanden, als er eingewilligt hat.“

„Peer hat euch also am Freitagabend zu dem Spiel überredet.“

„Ja, Konstantin. Er wollte nicht sagen, dass wir alleine sein wollten, die anderen hätten ihn aufgezogen.“

„Kamen alle deine Mitschüler mit Fahrrädern zum See?“

„Ja.“

„Und mit dem Spiel habt ihr wann begonnen?“

„So um halb zwölf. Peer hat die Spielregeln erklärt und Jannik eine Flasche Gin rumgereicht.“

„Wer ist Peer? Wer ist Jannik?“, fragte Inka, den Blick den eingetroffenen Eltern und ihren Kindern zuwerfend.

„Peer ist der Kleinere, der Dunkelhaarige. Jannik ist der Größere, der mit den Dreadlocks“, antwortete Lea.

„Wie ging es weiter?“

„Jeder hat etwas Alkohol getrunken, dann haben wir die Westen angezogen und die Gewehre geladen. Die Jungs gaben uns einen zehnminütigen Vorsprung. Wir Mädchen sind Richtung Waldbad. Klara ist zum Wassertretbecken, Amanda zum Jugendzeltplatz und Kristina Richtung Campingplatz Mühlenkamp. Eine Stunde später, nach Ende des Spiels, wollten wir uns wieder auf dem Parkplatz treffen. Ich war mit Konstantin am Waldbad verabredet.“

„Und haben die Jungen die verabredeten zehn Minuten eingehalten?“

„Ja, kann sein. Ich hab mich vor ihnen im Gebüsch versteckt.“

„Woher habt ihr die Westen, die Gewehre und die Farbe?“

„Peer hat die Sachen von einem Freund seines Vaters besorgt.“

„Erzähl mir, wann dir das Untier begegnet ist und wann du deinen Lehrer gefunden hast.“

Lea Ohlsen stupste mit der Turnschuhspitze in den Sandboden und holte tief Luft. „Wie ich sagte, wir Mädchen rannten los durch den Wald, am Waldbad haben wir uns getrennt und jeder ist in seine Richtung. Dass ich mich mit Konstantin am Waldbad treffen wollte, haben wir niemandem erzählt. Wir wollten das dämliche Spiel nicht mitmachen, sondern für uns alleine sein. Sollten sie sich alle gegenseitig abknallen. So um halb eins hab ich immer noch auf Konstantin gewartet. Alles war still, nur ab und an hörte ich ein Gewehr knallen und einen kurzen Aufschrei. Es ging Mädchen gegen Jungen, wer verliert, muss die nächste Party bezahlen. Konstantin und ich wären übrig geblieben und das Spiel wäre unentschieden ausgegangen, so haben wir es vereinbart. Doch Konstantin kam nicht. Dabei wusste er doch, dass ich den Wald schon am Tage nicht mochte und dann bei Nacht erst recht nicht. Außerdem war mir eisig kalt. Als ich wieder zum Parkplatz zurückgehen wollte, hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Es raschelte und knackte. Ich dachte, es wäre einer der Jungs, der mir gefolgt war. Sicher Peer. Mit Peer war ich vor Konstantin zusammen. Irgendwie ist er noch immer sauer auf mich. Er wollte nur das eine, wie bei seinen anderen Freundinnen, ich aber nicht.“

„Wie lange lief eure Beziehung?“

„Nicht lange. Zwei Wochen. Peer ist einer von den beliebtesten Jungs in der Schule. Alle Mädchen stehen auf ihn. Er ist zwar nicht so groß und muskulös, aber er sieht toll aus.“

„Also Peer ist der dunkelhaarige junge Mann, der neben der zierlichen blonden Frau im Jogginganzug steht?“

„Ja, das ist seine Mutter. Den Bachs gehört das Reiterhotel in Rehlingen. Seine Mutter ist Turnierreiterin und der Vater …“, Lea stockte, „weiß ich eigentlich nicht so genau. Ich glaub, er züchtet irgend so eine amerikanische Rassepferdeart. Teuer und edel, wie alles bei den Bachs.“

„Und dann bist du mit Konstantin zusammengekommen. Wie lange geht das schon mit euch?“

„Wir sind fast ein Jahr zusammen. Konstantin ist anders, er versteht mich. “

Inka nickte. „Wie ging es weiter?“

„Na ja, ich hab noch einen Augenblick gewartet und mir eingeredet, dass die Geräusche ein Reh oder ein Hirsch, ein Wildschwein oder ein Hase verursacht. Doch es knackte immer mehr im Gebüsch, und dann war da der stechende Geruch, faulige Eier, so etwas in der Art. Ich hab nach Konstantin gerufen, leise, aber so laut, dass er mich hätte hören müssen. Doch er tauchte nicht auf. Plötzlich griff jemand von hinten auf meine Schulter, und als ich mich umdrehte, sah ich Jannik ins Gesicht. Er stank nach Schnaps und sicher hatte er wieder einen Joint geraucht. Er zielte mit dem Gewehr auf mich und brüllte: Hab ich dich erwischt, du Bitch. Ich riss ihm das Gewehr aus der Hand und warf es ins Gebüsch. Er fluchte wie wild und krabbelte auf allen Vieren am Boden herum, um es wiederzufinden. Ich bin Richtung Kiosk davongerast und einmal rund ums Bad gelaufen. Hinter mir schrie Jannik – ich kriege dich, ich kriege dich. Er leuchtete mit der Taschenlampe hinter mir her, schoss, aber traf mich nicht. Jannik ist ein Zornkopf. Immer schnell auf hundertachtzig. Ein eingebildeter Spinner, genauso wie Peer. Beide haben so viel Hirn wie ein Eimer Pokémons.“

Inka krauste die Stirn. Von Pokémons hatte sie gehört, doch einordnen konnte sie diese Dinger nicht. Bevor sie weiter überlegen konnte, begann Lea neu.

„Jedenfalls hab ich Jannik abgehängt oder er hat es aufgegeben, mich zu verfolgen. Dann bin ich zurück zum Waldbad, weil ich sehen wollte, ob Konstantin endlich da ist. Aus der Ferne hörte ich Geschrei und Geballere, aber um mich herum war alles ruhig. Mir war wieder so kalt und ich hatte auch keine Lust mehr, auf Konstantin zu warten. Als ich zum Parkplatz aufbrechen wollte, hörte ich ein Brummen und Knurren und roch wieder diesen widerlich stechenden Gestank. Das war echt spooky. Erst dachte ich, Jannik hat mich wieder erwischt, doch als ich mich umgedreht hab, sprang dieses Tier mit den roten glühenden Augen aus dem Gebüsch und starrte mich an. Aus seinem Maul kam Schaum, wie bei einem tollwütigen Hund. Es stand auf zwei Beinen, hatte große spitze Zähne und streckte seine Pranken nach mir aus.“

„Ein Tier, das auf zwei Beinen stand?“

„Ja, auf den Hinterbeinen. Es war ein Werwolf, der mich fangen wollte.“

„Ein Werwolf in der Lüneburger Heide. Bist du dir da sicher, Lea? Ich meine, es war dunkel und …“

„Nein! Ja, natürlich bin ich mir sicher! Ich weiß doch, wie diese Viecher aussehen“, trotzte die Siebzehnjährige. „Außerdem war es hell, der Vollmond schien. Ich hab den Wolf genau gesehen. Er stand nur ein paar Meter von mir entfernt.“

„Ein paar Meter reichen aus, um sich zu täuschen. Es war eine gespenstische Atmosphäre, der Vollmond schien und …“

Wieder unterbrach das Mädchen. „Nein. Ich hab mich nicht geirrt. Es war ein Werwolf. Er war mindestens zwei Meter groß, hatte lange spitze Zähne, war am ganzen Körper behaart und seine Augen haben rot geglüht“, wiederholte sie beharrlich. „Er machte einen Satz auf mich zu, packte mich an den Oberarmen und riss sein Maul noch weiter auf. Die langen spitzen Zähne sah ich deutlich vor mir. Er schüttelte mich erst an den Armen, dann an der Schulter. Ich hab so gut, wie ich konnte, wild um mich geschlagen und mit den Füßen an seine Beine getreten. Er hat gestöhnt und ließ mich für einen kurzen Augenblick los. Da konnte ich mich befreien. Ich bin einfach losgerannt. Immer weiter Richtung Parkplatz.“

„Hast du nicht um Hilfe gerufen?“

„Doch, natürlich. Ja, ich glaub schon. Ich weiß es nicht. Ich bin nur gerannt und gerannt. Aber ich war ja schon fast wieder an der Brücke und die anderen noch irgendwo im Wald. Hinter mir dieses unheimliche Schnaufen und Knurren. Auf der Brücke bin ich gestolpert und über etwas Weiches gefallen. Als ich aufstand, sah ich, dass es Hendrik ist, über den ich gefallen war. Überall war Blut. Dann kam Klara über die Brücke gerannt.“

„Klara?“

„Ja, sie ist meine beste Freundin. Amanda und Kristina auch, aber Klara und ich sind auf einer Wellenlänge. Wir wollen beide nach dem Abitur in Heidelberg Medizin studieren.“

„Verstehe. Wie ging es weiter? Was war mit der Bestie?“

„Die war verschwunden. Glücklicherweise kamen Max und Kristina aus dem Wald. Max hat alle auf ihren Handys angerufen und gesagt, sie sollen sofort zur Brücke kommen. Wir waren so entsetzt über … Hendrik war ein toller Lehrer.“

„Du hast deinen Biologielehrer mit Vornamen angesprochen?“

„Das haben wir alle, er war Vertrauenslehrer. Er war echt cool.“

„Habt ihr euren Lehrer auf der Brücke angefasst?“

„Er war tot und voller Blut! Nein!“ Angewidert verzog Lea das Gesicht. Ihre Stirn- und Nasenpartie krauste sich wie bei einer alten Frau. „Natürlich haben wir ihn nicht angefasst! Nur ich, ich bin ja über ihn gestolpert und …“ Lea wischte ihre Handflächen über die Seiten ihrer Jeans.

„Haben deine Schulkameraden die Bestie gesehen?“

„Ich sag doch, die waren nicht in meiner Nähe. Klar hab ich ihnen erzählt, dass mich ein Werwolf verfolgt hat, aber Peer meinte, ich sei verrückt, das wäre wohl mein Running Gag des Tages und ich hätte zu viele Horrorfilme gesehen. Jannik hat gesagt, ich hab ihm wohl einen Joint geklaut und heimlich im Wald geraucht. Sie haben mich ausgelacht.“

„Und Maximilian Grünhagen?“

„Der hat natürlich mitgelacht. Klar. Wir Mädchen fanden es nicht lustig, außer Kristina, die hat sich zu den Jungs gesellt. Das hat mich echt geärgert, die kann sich meine Freundschaft abschminken. Aber irgendwie war das klar. Kristina von Kleist, reich und verwöhnt. Ihre Partys sind begehrt. Wer bei den von Kleists eingeladen wird, der gehört dazu. Ihnen gehört das riesige Gestüt am Ortsrand. Es ist noch größer als das Reiterhotel der Bachs in Rehlingen.“ Lea verdrehte die Augen. „Mich interessiert dieses Gehabe nicht. Wer hat das größte Haus, Boot und Auto?“

„Wo war Konstantin? Hat er dich auch ausgelacht?“

„Nein. Konstantin hat sich mit Peer, Max und Jannik gestritten. Sie sollten mich in Ruhe lassen, sonst schickte er ihnen seine Rechte, das wäre dann der Running Gag des Tages, nicht ihr blödes Lachen.“ Lea strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die an ihrer nassen Wange klebte. Über ihrer rechten Augenbraue und der rechten Wange hatte sie eine blutende Schürfwunde, und ihre Hände waren von Büschen und Zweigen zerkratzt. Auf ihrem dunkelblauen Blouson und ihrer Bluejeans zeigten sich Blutspuren, die von ihrem Sturz über ihren Lehrer herrührten.

„Er wollte es gleich mit allen dreien aufnehmen? Du hast einen tollen Freund, Lea“, sagte Inka, dann: „Aber wieder zurück. Hat Konstantin gesagt, warum er nicht zu eurem verabredeten Treffpunkt gekommen ist?“

„Ich hab gar nicht gefragt. Ich war nur froh, dass er bei mir war.“

„Natürlich. Ihr standet inzwischen alle auf der Brücke. Was geschah weiter?“

„Klara sagte, wir müssen sofort die Polizei rufen. Peer riss ihr aber das Handy aus der Hand. Er meinte, niemals würde er einen toten Biolehrer melden und schon gar keinen Werwolf. Wenn rauskäme, dass sie ein Paintballspiel veranstaltet hätten, er die Sachen aus der Halle des Kumpels seines Vaters heimlich ausgeliehen hätte, könne er sich für die nächsten Monate im Keller einquartieren. Sein Alter würde garantiert vor Wut kochen und ihm alle Vorzüge einschließlich der Kreditkarte streichen. Mir war das egal, ich hab mein Handy aus der Hosentasche gezogen und die Hundertzehn gerufen. Auch Jannik hat geflucht und mich wieder als Bitch beschimpft. War logisch, dass Ärger mit der Polizei auch Ärger mit den Eltern bedeutete, so angetrunken, wie er war. Peer sagte, er würde abhauen, auf den Zoff hätte er keinen Bock. Konstantin hielt ihn am Arm fest. Er müsse dableiben, wie wir anderen. Wenn nicht, hielte er garantiert nicht den Mund, sondern würde rausposaunen, wer am Spiel teilgenommen hat. Peer ist trotzdem abgehauen. Jannik auch, er meinte, seine Alten würden das schon klären.“

„Wie hat er das gemeint? Klären?“

„Seine Eltern sind Rechtsanwälte. Macht Jannik Unsinn … na ja, er ist von den Herzog-Brüdern das schwarze Schaf in der Familie, aber seine Eltern pauken ihn immer wieder aus der Scheiße.“

Inka nickte. „Das soll es geben.“

„Max und Jannik sind Peer über die Laufstrecke der Seepromenade hinterher, die wir einmal die Woche mit unserem Sportlehrer laufen. Doch weit sind sie nicht gekommen, weil ein Streifenwagen die Auffahrt zum See hochkam und sie einfangen hat. Diese Idioten.“

„Habt ihr den Fußabdruck über dem Kopf eures Lehrers gesehen?“

„Ja klar, aber dass mich ein stinkendes Ungeheuer, dieser Werwolf, verfolgt hat, hat trotzdem niemand geglaubt. Selbst Konstantin hat mich skeptisch angesehen. Ich kann es ja selber nicht glauben, aber es war so. Ich schwöre es. Einfach grauenhaft. Dieses Vieh wollte mich töten.“

„Und das geschah, bevor du Hendrik gefunden hast. Ist das richtig?“, vergewisserte sich Inka erneut.

„Ja, diese stinkende Bestie hat mich bis auf die Brücke gejagt, bis ich über Hendrik gestolpert bin. Als ich aufgestanden bin, war sie plötzlich verschwunden und Klara kam mir entgegen.“

„Und das Zeichen der …“

„Sie meinen die Wolfsangel“, nahm Lea Inka das Wort aus dem Mund. „Sicher haben wir das gesehen. Taucht ja geschichtlich im Unterricht immer wieder auf. Hermann Löns, Hitler, Himmler und so. Bei uns an der Hofeinfahrt liegt auch ein Grenzstein mit dem Zeichen.“

„Ja, der ist vielerorts zu finden“, bestätigte Inka. Sie erinnerte sich an ihren Vater, als der vor dem großen grauen Grenzstein an ihrer Hofeinfahrt stand. Mutter wollte den Stein entfernen, aber Vater war dagegen, weil es ein Stück Geschichte sei. Irgendwann pflanzte Mutter Bodendeckerpflanzen um den Stein, die im Laufe der Jahre mit immergrünen Blättern den Stein und seine Geschichte fest umschlossen. „Wie spät war es, als du Hendrik gefunden hast?“

„Es muss halb zwei gewesen sein. Es war so … so schrecklich“, flüsterte Lea. Tränen rannen über das Gesicht der Schülerin. „Hendrik war ein wirklich netter Lehrer“, schniefte sie. „Ich hör noch immer die schweren dumpfen Schritte, das Keuchen und Schnaufen, die brennenden Augen, die mich verfolgten. Ich hatte eine Höllenangst. Das Tier war so gewaltig groß. Und dann Hendriks blutiges Gesicht und sein zerfetzter Oberkörper. Ich glaub … ich glaub, mir wird schlecht.“ Lea eilte hinter die Schranke und erbrach sich neben einem Wacholder.

„Es tut mir sehr leid. Eine Leiche zu finden, ist schwer zu verkraften“, sagte Inka, während sie sich neben Lea stellte, ihr den Rücken streichelte und ihr ein Paket Papiertaschentücher reichte. Im Hintergrund waren die Stimmen der Eltern und Schüler zu hören, die von ihren Kollegen befragt wurden. Im Licht der Scheinwerfer sah Inka, wie die letzten Fahrräder in Kofferräumen verstaut wurden. „Ich könnte dir einen Psychologen …“

„Nein“, wehrte Lea ab und wischte sich mit einem Taschentuch über den Mund. „Ich schaff das schon. Außerdem sind meine Eltern Psychologen. Ich will nur nach Hause, die Klamotten ausziehen und unter die Dusche.“ Sie sah an ihrer blutverschmierten Jacke und der Jeans herunter.

„Das kannst du auch“, sagte Inka.

Sie sah Lea nach, wie sie in die Arme ihrer Eltern flüchtete, als wäre wieder eine Bestie hinter ihr her. Ein Werwolf. Wie sollte sie das nur glauben? Doch was hatte das Mädchen dann im Wald gesehen? Konnte es ein verkleideter Mitschüler gewesen sein, der Lea erschrecken wollte? Aber warum? Und wer hatte Stunden zuvor den Lehrer getötet? Oder spielten dem Mädchen in der Dunkelheit ihre Wahrnehmung und der Alkohol, den sie getrunken hatte, einen Streich? Womöglich war nicht nur die Flasche Gin, sondern auch ein Joint herumgereicht worden. Unmerklich schüttelte Inka den Kopf.

Jannik Herzog debattierte mit seinen Eltern, wobei er heftig schwankte und sich immer wieder an den Kotflügel des SUV seiner Eltern lehnen musste, um nicht umzufallen. Inka sah, wie sein Vater ihn an den Oberarmen packte und aufrichtete. Beim Vorbeigehen schnappte sie Wortfetzen auf. „Verdammt! Reiß dich zusammen! Wieder mal du! Beispiel an deinem Bruder! Angestellt! Ehrenrunde! Nachspiel!“

Kapitel 2

Wolfgang Kohlhase, der Reporter des Hanstedter Heideblattes, traf am Tatort ein.

„Du meine Güte, der hat mir noch gefehlt. Hat er am See geschlafen oder warum taucht er jetzt schon auf, es ist gerade kurz vor drei am Morgen?“, fragte Inka ihre Kollegen Mark und Amselfeld, als sie den Reporter in seinem weißen Transporter über die schmale asphaltierte Auffahrt bis vor die Absperrung fahren sah. Sie konnte den Kerl einfach nicht ausstehen. Mit seinem Transporter, in dem es aussah wie in einer Raumstation, war er zu jeder Tageszeit an jedem Heideort präsent. Und ob Diebstahl, Wohnungsbrand oder Mord, seine Mediengeilheit fand keine Grenzen. Grenzen, die er gerne in seinen Artikeln mit eigener Meinung überschritt und ausufernd ausschmückte.

Wolfgang Kohlhase wuchtete seine massigen Kilos aus dem Wagen und winkte Inka mit seinem Basketballcape zu. Knapp eins sechzig groß, untersetzt und kaum Haare auf dem Kopf, sah der Reporter in seiner Jogginghose aus, als käme er gerade aus dem Bett. Inka konnte sich dem Gedanken nicht verwehren, dass er tatsächlich in seinem Transporter nächtigte, um so schneller am nächsten Geschehen zu sein.

„Kohlhase, was treiben Sie hier?“, fragte Inka. Mit schnellen Schritten eilte sie auf den Reporter zu, der sich unter dem Absperrband hindurchzudrücken versuchte.

„Was ist los, Frau Brandt? Schlecht geschlafen? Ich mach nur meine Arbeit.“ Er richtete sich vor Inka auf.

„Es gibt keine Auskunft.“ Sie verwies den Reporter zurück hinter die Absperrung.

„Aber ein Mädchen …“, er nickte in die Gruppe der Eltern und Schüler, „… ist über eine Leiche gestolpert. Wie ich hörte, war der Täter ein Werwolf. Das ist eine Sensation, die die Heidebevölkerung erfahren muss.“

„Wir haben einen Toten, ja, aber mehr gibt es für Sie nicht zu schreiben. Es gibt keinen Namen oder weitere Ermittlungen, die ich Ihnen preisgeben werde, und es gibt keinen Werwolf. Also verschwinden Sie.“

„Haben die Schüler etwas mit dem Mord zu tun? Den Wolf mit Silberkugeln erlegt? Wurde jemand gebissen? Wird es eine Gestaltwandlung geben?“ Kohlhase war nicht zu stoppen. „Ich sehe Grünhagen aus der Steuerkanzlei und die Bachs vom Reiterhotel. Und da drüben stehen Anwalt Herzog und der vom Autohaus, der Sahlmann, Arztfamilie Ohlsen, das Hübner Schauspielerehepaar, die von Kleists sind da und die Doktoren Waldmann ebenfalls. Ihre Kinder gehen alle auf das Eliteprivatgymnasium unseres Heidepastors Wilhelm Bode in Amelinghausen. Stimmt’s, Frau Brandt?“ Er hob die Hand und stach mit einem seiner Wurstfinger durch die Luft in Richtung des Cafés, neben dem sich die Schüler in kleinen Grüppchen mit ihren Eltern aufhielten.

„Ende der Woche gibt es eine Pressekonferenz, auf der Sie sich informieren können.“ Ohne einen Gruß drehte sich Inka um. Sie hörte, wie der Kameraauslöser klickte und kleine Blitze wie Pfeile an ihr vorbeischossen. Inka warf dem Reporter einen Schulterblick zu. „Verschwinden Sie, Kohlhase, sonst lass ich mir für Sie etwas einfallen.“

Als Kohlhase zu seinem Wagen schlurfte, trudelte der nächste Nachrichtenvan ein. Die Nachricht, dass ein Werwolf in der Lüneburger Heide am Lopausee in Amelinghausen gesichtet wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Eine hochgewachsene Brünette stieg aus ihrem Wagen. Wie bei Kohlhase hing ihr eine Kamera um den Hals, die bei jedem ihrer schweren Schritte über ihrem Bauch hin und her baumelte. Auf der Seite ihres schwarzen Vans las Inka in weißer Aufschrift LAN-Fernsehen.

„Guten Morgen“, sagte sie. „Entschuldigung, das Händeschütteln hab ich mir abgewöhnt.“ Sie lächelte. „Sie müssen Frau Brandt sein.“ Ohne auf Inkas Antwort zu warten, plauderte sie munter weiter. „Ich bin Beas Mutterschaftsvertretung.“ Sie winkte Mark zu, der inmitten der Eltern stand und Personalien aufnahm. „Mark weiß Bescheid, dass ich hier bin.“

„So, na dann. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Inka.

„Mir erzählen, was hier los ist. Ein Werwolf soll am Lopausee sein Unwesen treiben und gemordet haben. Was sagen Sie dazu, Frau Brandt? Was ist wahr daran und was nicht?“

„Frau …“

„Entschuldigung, ich hab mich nicht vorgestellt. Helma Flöter.“

„Frau Flöter, ich weiß nicht, was Sie mit meinem Kollegen Mark Freese besprochen haben, aber ich werde Ihnen zu diesem Zeitpunkt keine Auskunft erteilen.“ Inka spiegelte sich in den Brillengläsern der Reporterin. Und auch ohne in einen Spiegel zu sehen, erkannte sie, dass sie verdammt müde aussah.

„Och, kommen Sie, Frau Kommissarin. Nur ein paar kleine Details, so unter dem Tisch. Ich muss doch was über den Sender laufen lassen. Sind Drogen und Alkohol bei den Kids im Spiel? Das Elitegymnasium war ja vor einem Jahr bereits in den Schlagzeilen. Nur die eine Frage, Bea ist doch …“, begann sie munter ohne einen Anflug von Müdigkeit zu dieser frühen Morgenstunde.

„Woher stammen Ihre Informationen über den Werwolf, Frau Flöter?“

„Aber, aber, Frau Brandt, Sie wissen doch, wir Reporter dürfen unsere Quellen nicht preisgeben.“ Helma Flöter blinzelte verschwörerisch. „Aber so unter der Hand, ein paar Informationen austauschen, das …“, begann die Reporterin, als Inka sie barsch unterbrach.

„Ich weiß nicht, was Sie für eine Vorstellung von meiner Arbeitsmoral haben, Frau Flöter, aber um es klar auszudrücken, es gibt keine Sonderbehandlung, nur weil Bea mit meinem Kollegen verheiratet ist. Sie werden die Pressekonferenz, die möglicherweise in der nächsten Woche stattfindet, abwarten müssen. Einen schönen Tag.“

Inka drehte sich um und ließ die Fernsehreporterin stehen, die hinter ihr herrief, sie möge ihr wenigstens eine Frage beantworten. In der Vergangenheit waren die Presse und das Fernsehen bei der Suche nach Zeugen oder Verdächtigen öfter eine Hilfe gewesen, und die Frage der Reporterin nach Alkohol war, so wie Jannik schwankte, durchaus berechtigt. Trotzdem konnte sie die neugierigen Fragen der Reporter nicht ausstehen. Bea, mit vollem Namen Joulie Sophie Beatrice de Leclerc, seit vier Monaten Marks Ehefrau, benahm sich zurückhaltend und bewies Diskretion, bis Fritz Lichtmann, Inkas Chef, ihren Artikel abgesegnet hatte. Eine Übereinkunft, die funktionierte. Mit Helma Flöter würde er nicht warm werden, das war gewiss. Sie sah zu Mark, der seinen Notizblock zuklappte und mit großen Schritten auf sie zueilte.

„Na, bist du durch?“, fragte Inka und beobachtete, wie sich die letzten Elterngruppen mit ihren Kindern auflösten.

„Ja. Rommel nimmt die letzten zwei Personalien auf“, sagte Mark. „Das war die Flöter.“ Mark wippte mit dem Kinn zum Fernsehvan, der über den Sandweg Richtung Hauptstraße davonrollte. „Sag mir nicht, sie wusste, was hier los war?“

„Sie meinte, du wüsstest, dass sie hier auftaucht.“

„Sicher nicht!“, protestierte Mark. „Bestimmt hat sie sich mit Kohlhase zusammengerottet.“

Inka nickte. „Ich frag mich nur, woher die beiden das mit dem Werwolf haben.“

„Na, woher wohl? Kohlhase hat wieder den Polizeifunk abgehört, was sonst?“, sagte Mark und wippte mit dem Kinn zum Transporter, in dem der Reporter weiter auf Nachrichten hoffend ausharrte.

Inkas Handy klingelte. Amselfeld ruft an, las sie auf dem Display.

„Ja, Kollege“, sagte sie.

„Wir haben den Platz gefunden, an dem Schubert angegriffen wurde.“

Inka suchte mit den Augen die Umgebung ab. Weit konnte Amselfeld nicht sein, seine Stimme klang, als würde er neben ihr stehen. „Wo sind Sie?“

„Neben dem Parkplatz. Ungefähr zehn Meter von Ihnen entfernt.“

Inka scannte erneut die Umgebung. Durch das winterlich lichte Buschwerk auf dieser Seite des Sees stachen die Scheinwerfer der restlichen Autos, die kreuz und quer auf dem Parkplatz standen. Hinter dem Absperrband auf dem Weg der Seepromenade stand Amselfeld und winkte mit den Armen in der Luft, als wolle er eine Schar Fliegen vertreiben.

„Ja, ich sehe Sie, Amselfeld. Ich komme.“

Fridolin Kärcher und sein Team der Spurensicherung stellten erneut Scheinwerfer auf, verteilten, wie am Tatort, Schildchen mit Nummern. Vom gleißenden Licht angelockt, umschwärmten ganze Heerscharen von Insekten die von einem Metallgeländer umzäunte kleine Plattform, die in den See hineinführte. Neben einer Holzbank standen eine Flasche Champagner und zwei Gläser. Ein brauner Ledersneaker lag in einer Blutspur.

Inka sah über den See, der vom Mondlicht und von den Scheinwerfern angestrahlt wie eine große ausgebreitete silberne Folie glänzte. Rechts hinter dem See lag die rasenbewachsene Lichtung, dann der dichte Wald und dahinter die Hauptstraße, die in weitere Heideorte führte.

„Habt ihr hier auch Fußabdrücke gefunden?“, fragte Mark.

„Du meinst von einem Werwolf.“ Fridolin Kärcher schmunzelte. „Sieh her. Zwei große Abdrücke, Größe achtundfünfzig, wie neben dem Opfer. Was für ein Tier hinterlässt solche riesigen Abdrücke?”

„Ein Bär.“ Mark musterte den Fußabdruck skeptisch.

„Hier in der Heide? Ein Bär? Du hast dich wohl in der Landschaft geirrt. Oder hast du irgendwo gehört, dass bei uns heutzutage noch Bären rumlaufen?“

„Mir fällt gerade ein … vor einer Woche gastierte ein Zirkus in Amelinghausen“, sagte Amselfeld. „Der ließ zwei Tanzbären im Programm auftreten.“

„Sollte diese Quälerei nicht längst verboten sein?“, brüskierte sich Inka.

„Ja. Ich bin mit meinen Kleinen nur hingegangen, weil nichts von Tierakrobatik in der Werbung stand. Ansonsten boykottiere ich den Zirkus, der mit Tieren arbeitet.“

„Das ist richtig“, mischte sich der Kriminaltechniker ein. „Ebenso im Zoo. Was haben eine Giraffe, ein Zebra, ein Nilpferd und was weiß ich noch, eingesperrt hinter Gittern, bei uns in Deutschland zu suchen? Noch schlimmer sind die Delfinarien, in denen die Tiere im Kreis in einem gefliesten Becken herumschwimmen“, empörte sich Fridolin.

Inka wusste, dass sich Fridolin in seiner Freizeit für den Tierschutz einsetzte und Mitglied in einer Organisation war, die sich gegen Missstände des vermeintlichen Tierwohls auflehnte. „Ich stimme euch ja zu, aber kommen wir für den Augenblick auf den Fall zurück.“ Sie nickte zum Fußabdruck. „Ist es möglich, dass der Abdruck auch von einem Menschen stammt?“

„Das wäre Schuhgröße achtundfünfzig. Den Riesen musst du mir zeigen.“

„Vielleicht ein Waldarbeiter, der …?“

„Um diese Jahreszeit sind keine Waldarbeiter unterwegs, Inka. Und selbst wenn, gäbe es einen Schuhabdruck und keinen Fußabdruck.“ Kärcher wies auf die langen Zehen und Krallenspuren, die sich deutlich in den Sand und das Blut gegraben hatten.

„Was soll es sonst gewesen sein? Ein Werwolf, den Lea Ohlsen gesehen haben will und der Hendrik Schubert und eine Frau angefallen hat, die sich hier“, Inka wies auf die Champagnerflasche und die Gläser, „bei einem Stelldichein, einem Heiratsantrag oder was auch immer getroffen haben?“

„Wir haben nur ein Opfer“, resümierte Amselfeld.

„Möglich, dass die Frau vom Angreifer verschleppt wurde.“

„Wohin, Fridolin? Vielleicht in eine Wolfshöhle? Verdammt, jetzt sag mir nicht, dass du, trotz deiner Tierliebe, diesen Unfug glaubst. Das sind doch alte Geschichten, die irgendwer verbreitet und Hermann Löns irgendwann zu Papier gebracht hat. Werwolf, so ein Blödsinn.“ Lea Ohlsens Aussage kam ihr in den Sinn. Eine riesige stinkende Bestie mit roten glühenden Augen, die sie verfolgt hatte.

„Das hab ich ja nicht gesagt, aber …“

Inka winkte ab. Wie konnte Fridolin Kärcher an solch einen Unsinn glauben? „Was ist mit der Flasche Champagner und den Gläsern?“

„An einem der Gläser befinden sich Lippenstiftspuren.“

„Das passt zu dem Ring in Schuberts Hand. Das ganze Drumherum sieht tatsächlich nach einem Heiratsantrag aus“, sinnierte Inka.

„Wobei er gestört wurde“, ergänzte Mark.

„Ich hab noch etwas für euch.“ Fridolin sah sie süffisant schmunzelnd an. In der Hand hielt er den dunkelbraunen Sneaker, der Inka bereits bei Betrachtung der Plattform aufgefallen war.

„Was ist mit dem Sneaker?“, wollte sie wissen.

„Es ist ein Damenschuh der Größe achtunddreißig. Braunes Leder, kaum getragen und ein Markenschuh der Firma Dassenberg. Ziemlich teuer. Meine Frau hat sich vor vier Wochen die gleichen Schuhe gegönnt, nur in Knallrot. Hier, sieh auf das Emblem an der Innenseite“, erklärte er. „Es sollte nicht schwer festzustellen sein, welchem Aschenputtel dieser Schuh gehört. Es gibt nur ein Geschäft in der Heide, das diese Schuhe führt, und das hat seinen Sitz in der Bahnhofstraße der Lüneburger Innenstadt.“

„Einen zweiten Schuh habt ihr nicht gefunden?“, fragte Inka. Erst ein Werwolf und jetzt Aschenputtel. Es reicht, dachte sie, während sie die goldfarbene Stickerei des Schuhs betrachtete.