Beschreibung

Heilpädagogischer Kurs von Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik, in zwölf Einheiten für Heilpädagogen und Ärzte. Einführung in die anthroposophische Heilpädagogik. Das Werk bildet die Grundlage der heutigen weltweiten heilpädagogischen Bewegung und einer ganzheitlichen Medizin unter Einbeziehung seelischer und geistiger Aspekte der menschlichen Gesundheit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 300


LUNATA

Heilpädagogischer Kurs

Rudolf Steiner

Heilpädagogischer Kurs

© 1924 by Rudolf Steiner

© Lunata Berlin 2020

Inhalt

Erster Vortrag

Zweiter Vortrag

Dritter Vortrag

Vierter Vortrag

Fünfter Vortrag

Sechster Vortrag

Siebenter Vortrag

Achter Vortrag

Neunter Vortrag

Zehnter Vortrag

Elfter Vortrag

Zwölfter Vortrag

Über den Autor

Zwölf Vorträge für Heilpädagogen und Ärzte

Dornach, 25. Juni bis 7. Juli 1924

Erster Vortrag

Dornach, 25. Juni 1924

Nun, meine lieben Freunde, wir haben ja eine ganze Anzahl von Kindern, die aus einer unvollständig gebliebenen Entwicklung heraus erzogen werden sollen, beziehungsweise, soweit es möglich ist, geheilt werden sollen. Eine Anzahl dieser Kinder haben wir hier im Klinisch-Therapeutischen Institut, und eine Anzahl haben Sie im Lauenstein. Wir werden das, was wir hier zu besprechen haben, so einrichten, dass es möglichst auf die praktische Anwendung sogleich hinzielt. Wir werden dann auch in der Lage sein, dadurch dass uns Frau Dr. Wegman die hier befindlichen Kinder – wir können das ja unter uns – zur Demonstration zur Verfügung stellen wird, wir werden da auch einige Fälle unmittelbar ad oculos auseinandersetzen können. Zunächst möchte ich aber heute von dem Wesen solcher Kinder sprechen. Es ist ja natürlich, dass vorangehen soll bei jedem, der unvollständig entwickelte Kinder erziehen will, eine Erkenntnis, eine wirklich eindringliche Erkenntnis der Erziehungspraxis für gesunde Kinder. Das ist dasjenige, was sich jeder, der solche Kinder erziehen will, aneignen müßte. Denn man muss sich ganz klar darüber sein, dass all dasjenige, was eigentlich bei unvollständig entwickelten Kindern, bei krankhaften Kindern auftreten kann, in intimerer Art auch im sogenannten normalen Seelenleben bemerkbar ist, man muss nur entsprechend das normale Seelenleben beobachten können. Man möchte sagen, irgendwo in einer Ecke sitzt bei jedem Menschen im Seelenleben zunächst eine sogenannte Unnormalität. Nur so etwas wie, sagen wir, eine kleine Gedankenflucht oder eine Unfähigkeit, die Worte beim Sprechen in die richtigen Abstände zu stellen, sodass man entweder im Sprechen sich überschlägt, oder aber dass der Zuhörer spazieren gehen kann zwischen zwei Worten, die man herausbringt, oder ähnliche Unregelmäßigkeiten, die auch im Willensleben und Gefühlsleben auftreten können, die sind, wenigstens in einer geringfügigen Anlage, bei der größten Anzahl von Menschen bemerkbar. Und man wird schon über solche Unregelmäßigkeiten dann später noch einiges zu sprechen haben, weil sie demjenigen, der namentlich auf die großen Unregelmäßigkeiten erzieherisch oder heilend eingehen will, als Symptom gelten müssen. Man muss in diesen Dingen seine Symptomstudien machen können, wie der Arzt bei Krankheitsfällen von Symptomen spricht, an denen er die Krankheiten erkennt, auch wohl von dem Symptomenkomplex spricht, an dem er das Krankhafte überschauen kann, aber niemals dasjenige verwechseln wird, was im Symptomenkomplex liegt, mit demjenigen, was eigentlich der substantielle Inhalt der Krankheit ist. So sollte man auch nicht beim unvollständig entwickelten Kinde das, was man am Seelenleben bemerkt, für etwas anderes als für Symptome halten. Die sogenannte Psychographie ist eigentlich nichts anderes als eine Symptomatologie. Und wenn heute die Psychiatrie nichts anderes tut, als die abnormen Seelenerscheinungen nach Denken, Fühlen und Wollen zu beschreiben, so bedeutet das nicht viel anderes, als dass sie Fortschritte gemacht hat in der genauen Beschreibung der Symptomenkomplexe, dass sie aber, da sie nicht hinausgehen kann über solche Psychographie, absolut unfähig ist, in das Substantielle der Krankheiten einzudringen. Man muss hineinkommen ins Substantielle des Krankseins. Und da wird Ihnen eine Vorstellung nützlich sein können, die ich Sie bitte festzuhalten. Nehmen wir an, wir hatten hier den physischen Leib des Menschen, so wie er uns entgegentritt im Wachsen des kleinen Kindes. Wir haben dann gewissermaßen aufsteigend, herausdringend aus diesem physischen Leib des Menschen das Seelenleben. Dieses Seelenleben, das uns eben als die Äußerungen der kindlichen Seele entgegentreten kann, das kann nun normal oder abnorm sein. Wir haben ja im Grunde genommen gar kein weiteres Recht, über die Normalität oder Abnormalität des kindlichen Seelenlebens oder menschlichen Seelenlebens überhaupt zu reden, als indem wir hinschauen auf dasjenige, was durchschnittsmäßig »normal« ist. Es gibt kein anderes Kriterium als dasjenige, was allgemein üblich ist vor einer Gemeinschaft von Philistern. Und wenn diese Gemeinschaft irgendetwas für vernünftig oder gescheit ansieht, so ist alles dasjenige »abnormes« Seelenleben, was nach Ansicht dieser Philister nicht »normales« Seelenleben ist. Ein anderes Kriterium gibt es zunächst nicht. Daher sind die Urteile so außerordentlich konfus, wenn man anfängt, indem man eine Abnormität konstatieren kann, dann alles Mögliche zu treiben, und damit abzuhelfen glaubt – stattdessen treibt man ein Stück Genialität heraus. Mit solch einer Beurteilung ist überhaupt nicht viel anzufangen, und das Erste, was eintreten sollte, ist, dass der Arzt und Erzieher eine solche Beurteilung ablehnt, dass er hinauskommt über die Aussage: das oder jenes ist gescheit oder vernünftig nach den Denkgewohnheiten, die man so gewöhnlich hat. Gerade auf diesem Gebiete ist es von eminentester Notwendigkeit, überhaupt keine Kritik zu üben, sondern die Sachen reinlich anzuschauen. Denn was liegt eigentlich beim Menschen vor? Sehen wir jetzt ganz ab von diesem Seelenleben, das ja ohnedies erst nach und nach herauskommt, an dem manchmal höchst zweifelhafte Erzieher einen Anteil haben, sehen wir ab von diesem Seelenleben, dann haben wir hinter der Körperlichkeit ein anderes Geistig-Seelisches, ein Geistig-Seelisches, das heruntersteigt zwischen Konzeption und Geburt aus den geistigen Welten. Jenes Seelenleben ist nicht dasjenige, was heruntersteigt aus den geistig-seelischen Welten, sondern es ist ein anderes Seelenleben, das zunächst für das irdische Bewusstsein nicht äußerlich sichtbar ist. Ich will es schematisch dahinterzeichnen. Dieses ganze Seelenleben, das da heruntersteigt, das bemächtigt sich des Körpers, der vererbungsgemäß aufgebaut wird aus der Generationenfolge heraus. Wenn also dieses Seelenleben so geartet ist, dass es eine kranke Leber konstituiert, wenn es die Lebersubstanz ergreift, oder vererbungsgemäß im physischen und Ätherleib Krankhaftes findet und daher eine Krankheitsempfindung entsteht, dann liegt eben eine Erkrankung vor. Ebenso kann jedes andere Organ oder jeder andere Organkomplex falsch eingeschaltet sein in dasjenige, was aus dem seelisch-geistigen Kosmos heruntersteigt. Und erst wenn nun diese Verbindung hier da ist, diese Verbindung zwischen dem, was heruntersteigt und dem, was vererbt ist, wenn dieses Seelisch-Körperliche sich gebildet hat, dann entsteht – mehr aber nur als Spiegelbild –dasjenige, was unser Seelenleben ist und was gewöhnlich beobachtet wird als Denken, Fühlen und Wollen (violett). Dieses Denken, Fühlen und Wollen ist überhaupt nur da wie Spiegelbilder, richtig wie Spiegelbilder, löscht aus, wenn wir einschlafen. Das eigentlich dauernde Seelenleben ist dahinter, steigt herunter, das geht durch die wiederholten Erdenleben und sitzt in der Organisation des Leibes darinnen. Und wie sitzt es darinnen? Betrachten wir da zunächst den Menschen nach seinen drei Gliedern: dem Nervensystem, dem rhythmischen System und dem Gliedmaßen-Stoffwechselsystem. Sehen Sie, das Nerven-Sinnessystem, denken wir es uns also – wir werden uns verstehen –, denken wir uns dieses Nerven-Sinnessystem, wie es der Hauptsache nach nur, aber schematisch, im Kopfe lokalisiert ist, sprechen wir vom Kopfsystem, indem wir vom Nerven-Sinnessystem sprechen; wir können das beim Kinde umso mehr, als der aufbauende Teil des Nerven-Sinnessystems vom Kopfe ausgeht und in den ganzen Organismus hineinwirkt. Dieses System, dieses Nerven-Sinnessystem ist im Kopfe, im Haupte lokalisiert. Das ist ein synthetisches System. Es ist synthetisch. Was meine ich damit? Es fasst nämlich alle Tätigkeiten des Organismus zusammen. Sehen Sie, im Kopfe ist eigentlich der ganze Mensch in einer gewissen Weise enthalten. Wenn man spricht von der Lebertätigkeit, und man sollte eigentlich nur von Lebertätigkeit sprechen – was ich als Leber sehe, ist der fixierte Leberprozess –, so ist diese Lebertätigkeit natürlich ganz im unteren Leibe. Aber jedem solchen Funktionszusammenhang entspricht eine Tätigkeit im menschlichen Haupte. Wenn ich das schematisch zeichne, so ist das so: Hier sei die Lebertätigkeit. Dieser Lebertätigkeit entspricht irgendeine Tätigkeit im menschlichen Kopfe oder Gehirne. Hier im Unterleib ist die Leber relativ abgesondert von den andern Organen, von Nieren, Magen und so weiter. Im Gehirn fließt alles ineinander, da fließt die Lebertätigkeit mit den andern Tätigkeiten zusammen, so dass der Kopf der große Zusammenfasser ist alles desjenigen, was im Organismus vor sich geht. Durch diese synthetische Tätigkeit wird ein Abbauprozess bewirkt. Es fällt das Substantielle heraus. Genauso wie wir einen synthetischen Prozess im Haupte haben, haben wir dann im ganzen übrigen Organismus, besonders im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, einen analytischen Prozess. Da wird alles auseinandergehalten, da wird im Gegensatz zum Kopfe alles auseinandergehalten. Während im Kopfe die Nierentätigkeit mit der Darmtätigkeit zusammen vor sich geht, wird im Gegensatz dazu im übrigen Organismus alles auseinandergehalten, so dass wir also sagen können, wenn wir weiter schematisch zeichnen, meinetwillen die Lebertätigkeit, Magentätigkeit, so sind sie hier voneinander abgesondert; im Kopfe fließen sie ineinander, fließt alles zusammen, da synthetisiert sich alles. Nun liegt dieses Zusammenfließen – zu gleicher Zeit mit einem fortwährenden Herausfallen der Substanz, wie wenn es regnete –, nun liegt diese synthetische Tätigkeit des Kopfes im wesentlichen aller Denktätigkeit zugrunde. Damit der Mensch denken kann, damit der Mensch herauskommt und in Tätigkeit kommt, muss dasjenige, was aus dem Geistig-Seelischen kommt, nach dem Kopfe hin die zusammenfassende Funktion erhalten, und dadurch die Erbsubstanz synthetisch gliedern. Dadurch kann dann in der synthetisch gegliederten Erbsubstanz ein Spiegel gesehen werden. Sie haben also damit folgendes: wenn im Kopf das eintritt beim Herunterkommen, dass der Kopf organisiert synthetisch, so wird der Kopf ein Spiegel, und dadrinnen spiegelt sich die Außenwelt, und das gibt das Denken, das wir gewöhnlich beobachten. Wir müssen also unterscheiden zwischen den zwei Denkfunktionen, derjenigen, die hinter dem Wahrnehmbaren liegt, die das Gehirn aufbaut – die ist das Bleibende –, und der Denkfunktion, die gar nichts Wirkliches ist, die nur gespiegelt ist und fortwährend ausgelöscht wird beim Einschlafen und vergeht, wenn man nicht nachdenkt. Eine andere Partie dessen, was da aus dem Geistig-Seelischen herunterkommt, baut nun analytisch das Stoffwechsel-Gliedmaßen System auf, baut die Organe auf, die auseinanderfallen, die deutlich unterscheidbare einzelne Konturen haben. Wenn Sie nun den ganzen Körper betrachten mit seinen deutlich unterscheidbaren einzelnen Konturen, so haben wir darinnen Leber, Lunge, Herz und so weiter, mit denen auch das Gliedmaßen-Stoff Wechselsystem zusammenhängt; das rhythmische System sieht man nicht, alles, was mit physischer Substanz ausgefüllt ist, gehört zum Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, auch was man am Gehirn sieht, ist Stoffwechsel. Nun liegt das, was diese einzelnen analytisch aufgebauten Organe sind, dem gesamten Willensleben des Menschen zugrunde, wie die synthetische Tätigkeit zugrunde liegt dem Denken. So liegt all das, was an Organen da ist, zugrunde dem Willensleben. Nun betrachten wir einmal Folgendes: Denken wir uns einen schon ziemlich erwachsenen Menschen. Was ist mit diesem ziemlich erwachsenen Menschen geschehen, während er sein Erdenleben geführt hat? Er ist vielleicht sieben Jahre alt geworden, er hat die zweiten Zahne bekommen; er ist vierzehn Jahre alt geworden, hat die Geschlechtsreife bekommen; er ist einundzwanzig Jahre alt geworden und hat damit die Konsolidierung seines Seelenlebens zustande bekommen. Wir müssen nun, wenn wir überhaupt die kindliche Entwicklung verstehen wollen, genau unterscheiden zwischen dem Körper, den ein Mensch trägt, der den Zahnwechsel durchgemacht hat, und einem Körper, den ein Kind trägt, das den Zahnwechsel noch nicht durchgemacht hat. Dasjenige, was da an besonders auffälligen Beispielen gebracht wird, geschieht fortwährend. Der Körper wird nach jedem Jahr ausgewechselt. Wir stoßen fortwährend von unserem Körper nach außen ab, es ist fortwährend eine zentrifugale Strömung nach außen, die den Körper abstößt. Das führt dazu, dass der Körper tatsächlich alle sieben bis acht Jahre richtig erneuert wird. Nun sehen Sie, diese Erneuerung ist ganz besonders wichtig um den Zahnwechsel herum, um das siebente Jahr herum. Warum? Nun, der Körper, den der Mensch von der Geburt bis zum Zahnwechsel trägt, er ist gewissermaßen nur ein Modell, das wir übernehmen von außen, von unseren Eltern, der enthält die Erbkräfte, daran bauen die Vorfahren mit auf. Nun stoßen wir ihn ab, diesen Körper, im Laufe der ersten sieben Jahre. Und was ist? Ein ganz neuer Körper entsteht; dasjenige, was der Mensch an sich trägt nach dem Zahnwechsel, das wird nicht mehr durch die Vererbungskräfte aufgebaut, das wird ganz allein aus dem Geistig-Seelischen aufgebaut, das heruntersteigt, so dass der Mensch seinen Erbkörper substantiell nur bis zum Zahnwechsel trägt, und während er ihn abstößt, aus seiner Individualität einen neuen aufbaut. Unseren eigenen Körper haben wir eigentlich erst seit dem Zahnwechsel. Nur geschieht die Sache so, dass der Erbkörper benutzt wird als Modell, und je nachdem das geistig-seelische Leben stark oder schwach ist, je nachdem wird dieses Geistig-Seelische leichter imstande sein, mehr individuell vorzugehen gegen das, was als Erbgestaltung da ist, oder es unterliegt der Erbgestaltung, es muss den zweiten Körper formen, wie der erste von den Eltern her geformt ist. Das also, was gewöhnlich in der Vererbungstheorie vorgebracht wird, ist ja ein Kohl. In dem, was da gewöhnlich vorgebracht wird, setzt man einfach fort die Gesetze des Wachstums bis zum Zahnwechsel weiter hinaus ins spätere Leben. Aber es ist so, dass dasjenige, was als Vererbung zu gelten hat, nicht weiter gilt als bis zum Zahnwechsel; nun eignet es sich die Individualität an und bildet den zweiten Körper aus. Wir müssen also unterscheiden gerade beim Kinde zwischen dem Erbkörper und dem, was als Folge des Erbkörpers auftritt in dem individuellen Körper. Der bildet sich nach und nach, der individuelle Körper, den man erst den wahren Menschenpersönlichkeitskörper nennen kann. Und sehen Sie, jetzt kriegt man sozusagen im Alter zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre das stärkste Arbeiten, dessen die Individualität fähig ist: entweder obsiegt sie den Erbkräften, dann wird der Mensch, indem er durch den Zahnwechsel hindurchgeht und dadurch bemerken laßt, dass er sich herausarbeitet aus den Vererbungskräften, oder aber – das können wir sehr deutlich bemerken und müssen es daher als Erzieher ins Auge fassen –, es unterliegt die Individualität vollständig den Erbkräften, dem, was im Modell enthalten ist. Dann setzt sich einfach diese Vererbungsähnlichkeit mit den Eltern über das siebente Jahr fort. Das hängt von der Individualität ab und nicht von den Vererbungskräften. Gerade so wenig wie man sagen kann, wenn mir als Maler jemand etwas vorlegt, um es nachzuahmen, ich aber mächtig ändere, gerade so wenig wie ich da sagen kann, meine Malerei hat der erzeugt, der mir das vorgelegt hat – ebensowenig können wir sagen: Dasjenige, was wir von dem siebenten Jahre ab, was wir nach dem siebenten Jahr an uns tragen, haben wir vererbt bekommen. – Und das muss man sozusagen im geistigen Griffe haben und wissen, wie stark in dem einen oder andern Falle die Individualität wirkt. Nun geht der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre durch ein Wachstum und ein Werden hindurch, das möglichst stark seine Individualität, die der Mensch heruntergebracht hat, zum Ausdruck bringt. Dadurch ist der Mensch in dieser Zeit gegenüber der Außenwelt relativ abgeschlossen. Man hat gerade in dieser Zeit Gelegenheit, die wunderbare Entfaltung der Individualkräfte ins Auge zu fassen. Und der Mensch würde später, wenn er diese Entwicklung fortsetzen würde, und wenn er nur mit dieser Entfaltung ins spätere Leben hineintreten würde, ein furchtbar abweisendes Wesen sein, er würde stumpf sein gegenüber der Außenwelt. Aber in dieser Zeit baut er sich schon seinen dritten Körper auf, der mit der Geschlechtsreife zum Vorschein kommt. Der wird wiederum unter Berücksichtigung der Kräfte in der irdischen Umgebung aufgebaut. Dasjenige, was als Beziehung der Geschlechter auftritt, ist nicht das Ganze; das Überschätzen in dieser Beziehung ist nur eine Folge unserer materialistischen Anschauungen. In Wirklichkeit sind alle Beziehungen zur Außenwelt, die mit der Geschlechtsreife auftreten, im Grunde genommen gleichgeartet. Man sollte daher im Grunde sprechen von einer Erdenreife, nicht von einer Geschlechtsreife, und sollte unter die Erdenreife stellen die Sinnenreife, Atemreife, und eine Unterabteilung sollte auch sein die Geschlechtsreife. So ist der Tatbestand wirklich. Da wird der Mensch erdenreif, da nimmt der Mensch das Fremde wieder in sich hinein, da erlangt er die Fähigkeit, nicht stumpf zu sein gegen die Umgebung. Er wird eindrucksfähig gegenüber der Umgebung. Vorher ist er nicht eindrucksfähig für das andere Geschlecht, aber auch nicht für die übrige Umgebung. Da bildet der Mensch also seinen dritten Leib aus, der wirkt bis zum Beginne der Zwanzigerjahre. Das, was heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, hat schon ein Ende gefunden durch den Zahnwechsel, hat in den ersten sieben Jahren, bis zum Zahnwechsel, und bis zum zwanzigsten Jahre seine Wirkung getan. Es hat bereits sich gestaltet in den Organen, die dann da sind, und es hat den Menschen individuell reif und erdenreif gemacht. Wenn da nun irgendeine Abnormität im Seelenleben, die sich gemäß des Aufbaus der Organe spiegelt, auftritt, die bedingt ist durch die ganze Entwicklung hindurch, dann ist natürlich eine seelische Abnormität wirklich da. Wenn aber, nachdem der Mensch das einundzwanzigste Jahr durchgemacht hat, eine Abnormität in der Leber oder einem andern Organe auftritt, so ist dieses Organ schon so weit verselbständigt und abgelöst, dass sich das Seelische des Willens unabhängig davon erhalten kann. Das kann um so weniger der Fall sein, je weiter man beim Kinde zurückgeht in seinem Lebensalter. Beim erwachsenen Menschen wird das Seelenleben, weil die Organe schon eine bestimmte Richtung haben, verhältnismäßig selbständig, und eine Organerkrankung wirkt nicht so stark auf das Seelenleben und kann als Organerkrankung behandelt werden. Beim Kinde wirkt noch alles zusammen; ein krankes Organ wirkt noch hinein bis in das Seelenleben, ganz wirksam. Sehen Sie, die heutigen Krankheiten, welche man gewöhnlich in unserer heutigen Pathologie diagnostiziert, sind die gröberen Krankheiten. Die feineren Krankheiten sind der Histologie nicht eigentlich zugänglich, liegen in dem flüssigen Teile, der ein Organ, zum Beispiel die Leber, durchzieht, in der Bewegung der Flüssigkeit oder sogar in der Bewegung des Gasförmigen, das die Leber durchzieht. Auch die Durchwärmung eines solchen Organs ist von ganz besonderer Bedeutung für das Seelenleben. Im kindlichen Organismus hat man also, wenn es sich um einen Willensdefekt handelt, vor allem zu fragen: Mit welchem Organe, mit welcher Organentartung, mit welcher Organerkrankung steht ein solcher Willensdefekt in Zusammenhang? – Das ist die wichtigere Frage. Von so ungeheurer Wichtigkeit ist nicht der Denkdefekt. Die meisten Defekte sind eigentlich Willensdefekte; denn auch wenn Sie im Denken einen Defekt haben, müssen Sie sorgfältig hinschauen, inwiefern der Denkdefekt ein Willensdefekt ist. Denn, wenn Sie zu schnell oder zu langsam denken, so können die Gedanken ganz richtig sein, es handelt sich nur darum, dass der Wille, der wirkt in der Ineinandersetzung, einen Defekt hat. Man muss hinschauen, bis zu welchem Grade der Wille darinnen steckt. Eigentlich einen Denkdefekt können Sie nur konstatieren, wenn unabhängig vom Willen Deformationen der Gedanken auftreten, Sinnestäuschungen. Bei der Einstellung zur äußeren Welt treten sie im ganz Unbewussten auf, da wird das Vorstellungsbild selber unregelmäßig. Oder aber wir haben etwas wie Zwangsvorstellungen, und dass sie Zwangsvorstellungen sind, hebt sie aus dem Willen heraus. Aber auf das muss man vor allem aufmerksam sein, ob man es mit einem Willensdefekt oder Denkdefekt zu tun hat. Die Denkdefekte fallen zumeist schon in das Gebiet des abgesonderten Heilens. Mit den Willensdefekten hat man es meistens zu tun in der Erziehung von unvollständig entwickelten Kindern. Nun denken Sie sich aber, wie das ganze Wesen des Menschen hineinspielt in seine Entwicklung. Sie können es ermessen aus dem, was angeführt ist für diese Entwicklung des Menschen. Man nehme nur die ersten sieben Lebensjahre, da können Vererbungsdefekte vorliegen, dafür kommen wesentlich die Vererbungsdefekte in Betracht. Nun, einen solchen Vererbungsdefekt, den darf man auch nicht in der schauderhaften Weise ansehen, wie ihn die heutige Wissenschaft ansieht; der fällt uns ja nicht als Zufall zu, sondern er fällt uns als karmische Notwendigkeit zu. Wir wählen den Körper, der nach der Generationsfolge defekt ist, aus unserer Unkenntnis heraus allerdings in der geistigen Welt. Wo also defekte Vererbungskräfte vorliegen, da lag vor der Konzeption eine Unkenntnis der menschlichen Organisation vor. Man muss nämlich, bevor man auf die Erde heruntersteigt, den menschlichen Organismus ganz genau kennen, sonst kann man nicht recht hineinsteigen in den ersten sieben Jahren und ihn nicht recht umwandeln. Und was man also erwirbt an Wissen in Bezug auf die innere Organisation zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist etwas ganz Unermessliches gegenüber dem bisschen von Wissen, das heute die Physiologie oder Histologie von außen her erwerben. Das Letztere ist ja nichts. Aber dieses Wissen, das wir da haben, das dann unter-taucht in den Körper und daher vergessen wird, weil es untertaucht, das wendet sich nicht durch die Sinne nach der Außenwelt. Dieses Wissen, das ist etwas unermesslich Großes. Dieses Wissen wird aber beeinträchtigt, wenn wir in einem Erdenleben für unsere Umgebung kein Interesse entwickeln, oder an diesem Interesse verhindert worden sind. Denken Sie, irgendein Zivilisationszeitalter sperre die Menschen ein in Räumen, halte sie darinnen vom Morgen bis zum Abend so, dass sie kein Interesse haben können für die Außenwelt. Wie wirkt eine solche Zivilisation? Sie schließt die Erkenntnis des Menschen von der Außenwelt ab. Und wenn ein Mensch mit diesem Abgeschlossensein durch den Tod geht und in die geistige Welt wenig Vorbedingung hineinbringt, um in dieser geistigen Welt, in der alles enthalten ist, den menschlichen Organismus kennenzulernen, aufzunehmen, so kommt ein solcher Mensch, wenn er heruntersteigt auf die Erde, mit einer geringeren Kenntnis herunter als einer, der sich einen freien Blick für seine Umgebung erworben hat. Das andere Geheimnis ist dieses: Sie gehen durch die Welt. Jetzt glauben Sie, wenn Sie so durch die Welt gehen, zum Beispiel einen Tag, jetzt meinen Sie, das ist etwas Geringes: es ist auch etwas Geringes für das gewöhnliche Bewusstsein, es ist aber nichts Geringes für dasjenige, was im gewöhnlichen Bewusstsein das Unterbewusstsein bildet. Denn wenn Sie nur einen Tag durch die Welt gehen und sie genauer anschauen, so ist das schon die Vorbedingung für die Erkenntnis des Inneren des Menschen. Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben. Und wir werden davon sprechen, was unsere Zivilisation bewirkt und warum deshalb minderwertige Kinder auftreten. Diejenigen Menschen, die heute abgeschlossen leben von der Welt, die werden alle einstmals herunterkommen mit Unkenntnis des menschlichen Organismus, und sie werden sich wählen die Vorfahren, die sonst unfruchtbar bleiben würden. Gerade die Menschen, die sonst schlechte Körper liefern würden, werden dann gewählt, während diejenigen, die gute Körper liefern würden, steril bleiben. Es hängt tatsächlich von der ganzen Entwicklung eines Zeitalters ab, wie sich beim Heruntersteigen wieder ein Geschlecht aufbaut. Und wenn wir ein Kind ansehen, müssen wir sehen, was da in dem Kinde von dem vorigen Erdenleben lebt. Man muss es verstehen, warum es sich wählt Organe, die nach den Vererbungskräften krankhaft sind, warum es sich wiederum durch eine unvollständig entwickelte Individualität in diesen Körper hineinarbeitet. Denken Sie sich, was da für Möglichkeiten gegeben sind bis zum Zahnwechsel hin für das Kind, weil ja nicht immer vollständig adäquat ist das, was herunterkommt, dem, was vorliegt. Da ist die Möglichkeit vorhanden, dass zum Beispiel ein Kind ein gutes Modell hat, das in der Leber gut ausgebildet ist. Weil aber die Individualität unfähig ist, das zu verstehen, was da drinnen liegt, so wird es in der zweiten Lebensepoche unvollständig nachgebildet, und dann entsteht ein sehr bedeutsamer Willensdefekt. Gerade wenn das Beispiel vorliegt, dass die Leber in dieser Weise nach dem Lebermodell unvollständig nachgebildet wird, dann entsteht ein Willensdefekt, der sich äußert dadurch, dass das Kind will, aber es geht nicht über zum Ausführen des Willens, es bleibt das Wollen im Gedanken stecken. Das Kind fängt auch gleich an, etwas anderes zu wollen, wenn es etwas angefangen hat, und es stockt das Wollen, es spießt sich das Wollen. Denn die Crux ist, dass die Leber nicht bloß das Organ ist beim Menschen, das die heutige Physiologie beschreibt, sie ist im eminentesten Sinne dasjenige Organ, das dem Menschen die Courage gibt, eine ausgedachte Tat in eine wirklich ausgeführte umzusetzen. Also wenn es geschieht, dass ich so organisiert bin als Mensch, dass da ein Tram wegfährt, ich weiß, ich soll nach Basel fahren – es gibt solche Menschen – ich bin schon da: im letzten Moment kann ich nicht aufsteigen, es will mich etwas zurückhalten, ich komme nicht dazu, aufzusteigen! – Sehen Sie, so etwas enthüllt sich manchmal auf eine merkwürdige Weise, wenn eine Stockung des Willens auftritt. Wenn aber so etwas auftritt, dann liegt immer ein feiner Leberdefekt vor. Die Leber vermittelt immer das Umsetzen der vorgenommenen Ideen in die durch die Gliedmaßen durchgeführten Handlungen. So ist jedes Organ dazu da, irgendetwas zu vermitteln. Sehen Sie, mir wurde mitgeteilt, dass ein gewisser junger Mann diese Krankheit wirklich hatte, dass wenn er in der Nähe eines Tramwagens stand, dass er plötzlich stehenblieb und nicht einstieg. Kein Mensch wusste, warum er nicht einstieg. Er wusste auch nicht, warum. Er blieb stehen. Der Wille stockt. Nun, was lag da vor? Eine sehr komplizierte Sache. Der Vater des Betreffenden war Philosoph, hat in einer merkwürdigen Weise die Seelenfähigkeiten eingeteilt in Vorstellen, Urteilen und in die Kräfte der Sympathie und Antipathie, und rechnete unter die Seelenkräfte nicht den Willen. Der-Wille fiel heraus aus der Aufzählung der Seelenkräfte. Er zählte nie den Willen auf, wenn er die Seelenkräfte aufzählte. Er wollte aber ehrlich sein. Er wollte nur das geben, was sich im Bewusstsein darstellte. Nun hatte er es so weit gebracht, dass das ihm ganz Natur war, keine Vorstellung vom Willen zu haben. Nun kriegte er in verhältnismäßig spätem Alter einen Sohn. Er, der Vater, hatte durch ewiges Nicht-Denken des Willens der Leber die Anlage eingepflanzt, die subjektiven Intentionen nicht umzusetzen in die Tat. Beim Sohne trat das als Erkrankung auf. Und da können Sie sehen, warum auch dieses Sohnes Individualität gerade diesen Vater gewählt hat: weil sie nichts anzufangen wußte mit der inneren Organisation der Leber. Da hatte sie sich eine Konstitution gewählt, bei der sie sich nicht bemühen musste um die Leber. Denn die Leber war eben ohne diese Funktion, die der Betreffende nicht mit heruntergebracht hatte. Sie sehen also: in einer ganz merkwürdigen Weise muss man hineinschauen auch in das Karma, wenn man das Kind verstehen will. Das wollte ich zunächst heute einmal sagen, und wir wollen dann morgen um dieselbe Stunde weiterfahren.

Zweiter Vortrag

Dornach, 26. Juni 1924

Ich machte gestern aufmerksam – wir wollen versuchen, die Dinge sozusagen aus den Fundamenten heraus zu arbeiten, um dann auf das Praktische einzugehen –, wie das gewöhnliche oberflächliche Seelenleben nur als Symptomenkomplex aufgefaßt werden darf. Wenn man auf den eigentlichen Tatbestand, der irgendeiner sogenannten Geisteskrankheit oder sogenannten Geistesschwäche bei irgendeinem Kind zugrunde liegt, kommen will, so sieht man, dass ja alle geistigen Betrachtungsweisen heute daran leiden, dass die oberflächlichen Seelenzustände einfach beschrieben werden und dann der Übergang zu dem, was tiefer liegt, also zu dem Gebiete, wo das eigentliche Seelenleben, wie wir gestern gesehen haben, arbeitet, nicht gefunden werden kann. Nun kann hier nicht eingegangen werden auf die Art und Weise, wie man bei erwachsenen Geisteskranken sich zu verhalten hat, wobei ja immer in allem Verhalten etwas Problematisches ist. Aber was möglich ist, bei Kindern zu machen, das muss alles in diesen Stunden vor unsere Seele treten. Wie wenig nun dabei das oberflächliche Seelenleben – wobei ich oberflächlich nicht abträglich, sondern nur örtlich meine –, wie sehr die Betrachtung des oberflächlichen Seelenlebens irreführen kann, dafür mochte ich Ihnen einleitungsweise ein krasses Beispiel vorführen, das gerade für Ihre Aufgabe von besonderer Bedeutung sein wird. Sehen Sie, es gibt heute einen ehemaligen Staatsanwalt Wulff en. Der hat sich vom Standpunkte der Kriminalpsychologie mit allerhand geistigen Abnormitäten beschäftigt und dicke Bücher über dieses Gebiet geschrieben. Wie kommt ein solcher Mensch, der zunächst nicht von der Medizin ausgeht, zu seinen Auseinandersetzungen? Er hat natürlich ein reiches Gebiet von abnormem Seelenleben kennengelernt in seinem Amt als Staatsanwalt, lässt sich dann wohl im reiferen Alter darauf ein, allerlei medizinische Dinge kennenzulernen, verbindet dann das, was er in seinem Berufe erfahren hat, mit dem, was er sich dann auf diese Weise später erlesen hat und bildet sich daraus eine Theorie, die einfach heute entstehen muss aus den sogenannten wissenschaftlichen Vorbedingungen. Denn entweder nimmt man die ganze Sache ernst, dann kommt so etwas heraus, wie es bei Wulffen herauskommt, oder man nimmt sie nicht ernst, dann ist man genötigt, von anthroposophischen Gesichtspunkten auszugehen. Ein eigentlicher Mittelweg ist immer ein sehr bedenklicher Kompromiss. Nun hat dieser Staatsanwalt Wulffen in Zürich jüngst einen Vortrag gehalten, und zwar auf diesem Gebiet der Kriminalpsychologie, worin er gesprochen hat über abnormes Seelenleben. Es ist wichtig, solch eine Sache ins Auge zu fassen, denn Sie sind ja diesem in jedem Momente ausgesetzt. Wenn Sie heute nachdenken über das, was Sie gelernt haben, wenn Sie ein wissenschaftliches Buch in die Hand nehmen, wenn Sie irgendein Buch aus der wissenschaftlichen Denkungsart in die Hand nehmen, so finden Sie überall die Denkformen und die Denkweise, die hier bei diesem Staatsanwalt nur in besonders radikaler Art zum Ausdruck kommt, so dass man also wissen muss, wohin gerade auf dem Gebiete des sogenannten abnormen Seelenlebens notwendigerweise die heutige Wissenschaft führen muss. Bevor ich Ihnen den Zeitungsabschnitt vorlese, mache ich Sie darauf aufmerksam, dass der Staatsanwalt noch immer eine viel größere Kapazität ist, dass Wulffen mehr Recht hat als der Journalist, der darüber schreibt. Der kann sich nur darüber lustig machen, weil er heute, Gott sei Dank, noch das Publikum hinter sich hat gegen die Psychiatrie und die Kriminalpsychologie. Natürlich gilt doch, dass in diesem Falle der Ton, in dem berichtet wird, nichts für Sie bedeuten soll, denn der Journalist ist trotzdem im Verhältnis zu Wulffen der viel Unfähigere, kann sich nur lustig machen über die Sache, aber er ahnt dabei gar nicht, dass da das Lustigmachen über die heutige Wissenschaft geht und nicht über Wulffen. Denn eigentlich müsste die Wissenschaft, in der Wulffen drinnensteht und aus der er schöpft, überall in einer solchen Weise sprechen, wenn sie aufrichtig und ehrlich wäre. Nun, jetzt lassen wir uns, weil es uns ja angeht, gerade diesen Zeitungsabschnitt einmal vor die Seele treten. Er ist überschrieben: »Schiller unter der Psychoanalyse des Staatsanwaltes.« Es müsste überschrieben werden eigentlich mit: »Friedrich Schiller unter der Psychoanalyse der heutigen Psychologie oder Psychopädagogik.«

»Mit Fritz Schiller, vermögenslos, schwäbischer Herkunft, weiland Geschichtsprofessor in Jena und Verfasser verschiedener Revolutionsstücke, ging letzten Freitag, den 29. Februar 1924, der weit über seine Fachkreise hinaus bekannte und geschätzte Dresdener Staatsanwalt Dr. E. W. Wulffen in glänzend aufgebauter Rede über ›Die Kriminal-Psychologie bei Friedrich Schiller‹ ins Gericht und erzielte vor zahlreichem Auditorium des Zürcher Juristenvereins einen um so nachhaltigeren Erfolg, als der Angeklagte todeshalber der Versammlung nicht beiwohnen konnte und vielleicht nur mit unsichtbarer Hand auf das wies, was sie bei Lebzeiten niederschrieb.

Herr Staatsanwalt Wulffen seinerseits ging mit wohlverzahnten Ausführungen vor; die Beweisführung klappte widerspruchslos; sogar die private Korrespondenz Schillers hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt, wollte sagen, gelesen, und siehe da: unter der Assistenz Dr. Wulffens fiel es der Versammlung wie Schuppen von den Augen: die Liebe unseres Volkes zu Schiller und die der Jugend zu ihm wird in ihren häßlichen Wurzeln bloßgelegt: Schiller ist populär wegen der ihm eingeborenen Grausamkeit, die ihm ein Schwelgen in der düstern Pracht des Furchtbaren besonders nahelegt und ihn zu Balladen treibt, wie ›Die Kindsmörderin‹, ›Die Kraniche des Ibykus‹, ›Der Tauchen‹, ›Der Handschuh‹, ›Der Gang nach dem Eisenhammer‹, wo beispielsweise in den Hohnworten: ›Der ist versorgt und aufgehoben! Der Graf wird seine Diener loben!‹ die aus dem Kampf Schillers mit seinem siechen Körper ständig genährte Grausamkeit bedeutsam zutage tritt. Und Schillers Tragödien, in denen der Zuschauer Furcht und Mitleid erregt wird, weshalb sind sie so bühnenwirksam? Weil sie an latente Verbrecherqualitäten des Publikums appellieren und ein ungefährliches Abreagieren gefährlicher Instinkte ermöglichen. Das alles sagt Herr Staatsanwalt Wulffen und gibt sich zum Schluß als überzeugter Verehrer Schillers zu erkennen; er schließt sogar mit Goethes Epilog zur ›Glocke‹: Gott schütze uns vor unsern Freunden!