Heimliche Herrschaft - Volker Mattheis - E-Book

Heimliche Herrschaft E-Book

Volker Mattheis

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Beschreibung

Für die meisten Jugendlichen ist das Wochenende der schönste Teil der Woche. Sie treffen sich, gehen ins Kino oder machen Videospiele. Für Simon und seine Freunde ist das nicht anders. Aber sie verbringen diese Stunden auf eine wahrhaft fantastische Weise, doch niemand darf je davon erfahren. An jedem Wochenende gehen sie hinunter in die verborgene Welt der Zwerge oder Querxe, wie sie sich selbst nennen. Bei ihnen erlernen sie das Zaubern oder sie wandern durch den riesigen Fänggenwald mit all seinen Geheimnissen. Im Unterschied zum letzten Jahr sind es jedoch nicht die Kobolde, die sie verfolgen. Diesmal ist es viel schwieriger, Freund von Feind zu unterscheiden und sie werden gezwungen, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fantasy für Kinder und Jugendliche

Inhaltsverzeichnis

PLAPPERPFLANZEN

ABSCHIED

DAS BILD DES GRAUENS

PLAUDERTÄSCHCHEN

DER SPAGYRIKUS

TOM UND HANA

OSTERFERIEN

DIENSTAG

MITTWOCH

DONNERSTAG

FREITAG

SAMSTAG

SONNTAG

MONTAG

DIENSTAG

WIEDER SCHULE

FREMDE

SOMMERFERIEN

DIE TÜR IST ZU

BESUCHER

DIE ZAUBERSCHULE

EIN UNERWARTETER BESUCH

DIE GILDE

EIN NEUES ZUHAUSE

PLAPPERPFLANZEN

Ein Junge lag auf seinem Bett und betrachtete die blaue Lichtkugel, die an der Decke des Zimmers kreiste und es mit dämmrigem Licht erfüllte. Seine Hände hatte er gemütlich hinter dem Kopf verschränkt und die Beine locker übereinandergeschlagen.

Ein neutraler Beobachter hätte mit Verwunderung bemerkt, dass es nichts in dem Raum gab, was dieses seltsame Licht hätte erzeugen können. Der Junge besaß auch keine Taschenlampe, nur ein einfacher Holzstab, der wie ein übergroßes chinesisches Essstäbchen aussah, lag auf seinem Bauch.

Obwohl er allein in dem Zimmer war, ertönte nun eine quengelnde Stimme: »Du könntest mich ruhig mal wieder gießen, du Faulpelz.«

Jetzt hätte ein neutraler Beobachter begonnen, an seinem Verstand zu zweifeln. Doch der Junge wirkte erstaunlicherweise eher gelangweilt als überrascht. Gemächlich drehte er den Kopf und sah mit seinen braunen Augen zu einer buschigen, gelbblätterigen Pflanze, die auf seinem Schreibtisch vor dem Fenster stand.

»Ich habe dich doch erst – sag, wann war das noch mal – vor Kurzem gegossen, oder?«, fragte er gelangweilt, mit gerunzelter Stirn, als müsse er nachdenken.

»Das ist jetzt zwei Wochen her«, nörgelte die Stimme.

»Ist nicht wahr?«, tat der Junge überrascht.

Er drehte sich träge auf den Bauch, zielte mit dem Holzstab auf den Blumentopf und murmelte etwas. Ein Wasserstrahl schoss aus der Spitze des Stabes hervor, klatschte gegen das Fenster und ergoss sich auf den davorstehenden Schreibtisch.

»Blöder Mist!«

Erschrocken sprang der Junge auf und eilte zum Fenster.

»Sehr gewitzt«, quäkte die Stimme spöttisch. »Jetzt ist das ganze Zimmer nass, nur ich habe immer noch keinen Tropfen Wasser bekommen.«

Verdrießlich sah der Junge auf die Topfpflanze. Dann richtete er den seltsamen Holzstab auf die Pfützen, die sich auf dem Schreibtisch und dem Fußboden gebildet hatten. Es zischte und in wenigen Sekunden war der Raum in Wasserdampf gehüllt.

Erneut wandte er sich dem Blumentopf zu, hielt den Stab hoch und murmelte wieder etwas. Abermals ergoss sich aus der Spitze ein Wasserstrahl. Doch jetzt wässerte er die Blumenerde im Topf.

»Ah, tut das gut«, seufzte die quäkende Stimme wohlig, während die Blätter ihre Farbe von Gelb nach leuchtendrot wechselten. Die wunderschöne blaue Blüte hatte sich dabei zum Klang der Stimme geöffnet und geschlossen.

Ein neutraler Beobachter wäre jetzt wahrscheinlich panisch schreiend aus dem Zimmer gelaufen. Doch für Simon Keller, so hieß der Junge, schien es vollkommen normal zu sein, dass die Zimmerpflanze mit ihm sprach.

Niemand, noch nicht einmal seine Familie, ahnte, dass der schlaksige Junge mit dem aschblonden Haar zusammen mit seinen Freunden ein ebenso fantastisches wie unglaubliches Geheimnis hütete. Ein Geheimnis, das so befremdlich war, dass man die Jugendlichen vermutlich sofort zu einem Psychologen gebracht hätte, sollten sie jemals auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählen.

Es begann damit, dass Simon im letzten Jahr zur Überraschung aller und auch seiner eigenen einen Schriftsteller-Nachwuchspreis für die beste Fantasy-Geschichte gewonnen hatte.

Fantasy war seine Leidenschaft, und ohne lange nachzudenken war er in der Lage, die Dialoge seiner Lieblingsfilme nachzusprechen.

Als ihm die Urkunde überreicht wurde, war es dann auch der glücklichste Moment seines bisherigen Lebens, denn er wünschte sich nichts sehnlicher, als später einmal Schriftsteller zu werden.

Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass er durch seine fantasievolle Geschichte dunkle, geheimnisvolle Mächte auf sich aufmerksam gemacht hätte, die lieber verborgen bleiben wollten.

Denn was kaum ein Mensch wusste: Es waren Kobolde, die die Geldwirtschaft dieser Welt mithilfe weniger Menschen geschickt manipulierten und so ihren unglaublichen Reichtum vergrößerten. Sie waren die heimlichen Herrscher dieser Welt.

Dass sie große magische Fähigkeiten besaßen, machte sie nur gefährlicher. Und nun schien ein junger und unbedeutender Mensch, noch dazu ohne einen Funken Magie, ihnen auf die Schliche gekommen zu sein.

Anfangs ließen sie ihn nur bewachen. Sein heimlicher Beobachter ging dabei so ungeschickt vor, dass Simon eher zufällig in den Besitz der Nebelkappe seines Verfolgers geriet. Diese großartige Kappe hatte die Fähigkeit, ihn gänzlich unsichtbar zu machen und stellte sein Leben vollständig auf den Kopf.

Doch dadurch wurde ein mächtiger Kobold auf Simon aufmerksam. Barikor, so hieß der Kobold, schleuste zunächst Armida, eine wunderschöne junge Hexe, als Freundin von Simons älterem Bruder Martin in die Familie ein, um herauszufinden, woher Simons vermeintliches Wissen stammte.

Als Simon dann mithilfe seiner Freundin Karla Winkler auch noch den Zauberstab Barikors erbeutete, schwebte er in Lebensgefahr.

Doch damit waren die unheimlichen Ereignisse noch nicht zu Ende. Geheimnisse, die aufgedeckt werden, ziehen mitunter das Entdecken weiterer Geheimnisse nach sich.

Und so fanden Simon und seine Freunde heraus, dass sich tief unter ihren Füßen eine Welt verbarg, die Welt der Zwerge oder „Querxe“, wie sie sich selbst nannten.

Die Mehrzahl der Querxe war ihnen nicht wohl gesonnen, da die Menschenzauberer sie vor vielen Jahrhunderten an die Kobolde verraten hatten. Und so wären die Freunde fast in einem Kerker gelandet, wenn nicht der Magister der Stadt Sindrikum, ein weiser und uralter Querx (er war tatsächlich über vierhundert Jahre alt, was man ihm wirklich nicht ansah) seinen ganzen Einfluss geltend gemacht und die Jugendlichen wieder freigelassen hatte.

Aber nicht nur das, sondern als sich herausstellte, dass die Kobolde Simon nach dem Leben trachteten, befahl Magister Alberich gegen den Willen vieler anderer Querxe, dass Simon und seine Freunde das Zaubern erlernen sollten.

Nach vielen Aufregungen und Abenteuern war es den Vieren schließlich gelungen, das Vertrauen der Querxe zu erringen, und Ende des letzten Jahres hatte man sie sogar zu Ehrenbürgern ihrer Stadt Sindrikum ernannt. Seitdem besuchten sie, sooft es ihnen möglich war, die Welt der Querxe und bekamen auch weiterhin an jedem Wochenende Zauberunterricht.

Die sprechende Pflanze auf Simons Schreibtisch, eine „floris dicere“, war ein fantastisches Geschenk des Magisters. Alle vier Freunde hatten eine solche Pflanze erhalten.

Anfangs lugten aus den Töpfen nur zwei kleine Blätter mit einer merkwürdig quietschenden Blüte hervor. Jetzt, nach gut zwei Monaten, war die Pflanze, oder auch Plapperpflanze genannt, zu einem strauchartigen Gebilde mit einer großen Blüte in der Mitte herangewachsen. Laut dem Magister konnten die Pflanzen bis zu achtzig Jahre alt werden.

»Aber nicht bei dir«, hatte seine Freundin Karla kichernd gemeint. Sie dachte dabei an seine alte Topfpflanze, die stets unter chronischem Wassermangel litt.

Sie hatte noch kein Wort der Beschwerde von sich gegeben, was wiederum Simon ziemlich beunruhigt hätte, denn es war im Gegensatz zur Plapperpflanze eine ganz gewöhnliche Topfblume. Die einzige Fähigkeit, die sie besaß, war ihre eindrucksvolle Unverwüstlichkeit, welche sie sich unter Simons sogenannter „Pflege“ angeeignet hatte.

Er hoffte nur, dass die Plapperpflanze nicht weiterwuchs. Seine Mutter würde sie sonst garantiert in den Garten vor dem Haus einpflanzen, den sie so aufopfernd pflegte.

Die Blätter der Pflanze waren normalerweise leuchtend rot, nur wenn sie zu wenig Wasser bekam, verfärbten sie sich gelb und die Blüte ließ den Kopf hängen.

Die Fähigkeit der Pflanze indessen war wundersam. Simon musste vor ihr nur einen Namen seiner Freunde nennen und sie trat mit der Plapperpflanze seines Freundes oder Freundin in Verbindung. Sobald er dann etwas sagte, teilte seine Plapperpflanze das, Simon wusste nicht wie, der anderen Plapperpflanze mit. Gleichzeitig plapperte die Pflanze des Freundes oder der Freundin alles nach, sodass die Empfänger mitbekamen, was Simon ihnen mitteilen wollte. Dasselbe funktionierte ebenso umgekehrt. Sogar eine „Ringschaltung“ war möglich.

»Ein lebendes Telefon«, hatte Nico damals gestaunt.

Schwierig wurde es nur, wenn Simon und seine Freunde gleichzeitig redeten. Das verwirrte die Pflanzen völlig und sie begannen, ihre Besitzer wüst zu beschimpfen.

Simon hatte seine Blume „Nörgelis“ genannt. Schlimmer noch als seine Mutter nörgelte die Pflanze ständig an ihm herum. Ihr liebstes Thema war das Durcheinander in seinem Zimmer, die schlechte Pflege, die sie erhielt, und dann wieder das Durcheinander in seinem Zimmer. Es konnte aber auch umgekehrt sein, das hing von der Laune der Pflanze ab. Zu seinem Glück kannte Nörgelis nicht die Bedeutung ihres Namens.

Simons Mutter wäre gewiss entzückt gewesen, hätte sie von den Zurechtweisungen der Plapperpflanze an ihren Sohn erfahren.

»Siehst du, sogar diese Pflanze ist meiner Meinung«, hörte Simon sie sagen. Anschließend hätte sie höchstwahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil eine „Topfpflanze“ mit ihr einer Meinung war.

Nachdem er auch noch die alte, ebenfalls ziemlich leidend aussehende Zimmerpflanze gegossen hatte, legte er sich wieder aufs Bett.

Sein Freund Boris wollte seine Pflanze ursprünglich „Quasselkraut“ nennen, aber sie hatte ihn daraufhin als „Blödmann“ bezeichnet und gedroht, sie würde ihn nur noch so nennen, wenn er ihr diesen völlig verrückten Namen geben würde.

Seitdem hieß sie Liebstöckel, angelehnt an das Gewürz, denn Boris kochte auch gerne, und „Liebstöckel“ war sehr stolz darauf.

Gelegentlich nannte sie ihn trotzdem noch einen Blödmann, bis Boris ihr drohte, sie einmal in eine Tonne für Grünabfall zu werfen.

Das hätte er selbstverständlich nie getan, denn die Plapperpflanzen waren absolut einzigartig und abgesehen von ihrem nicht ganz einfachen Charakter wirklich nützlich. Simon zog eine Grimasse.

Nico hatte seine Pflanze kurz und bündig „Bob“ genannt, während Karla, das einzige Mädchen der Gruppe, ihrer Blume liebevoll den Namen „Plaudertäschchen“ gegeben hatte. Karla schlief gerade im Gästezimmer nebenan, wie sie es seit Beginn des Jahres immer öfter tat.

Simon grinste und sah auf seinen Wecker. Es ging auf Mitternacht zu und draußen fiel der Schnee in dichten Flocken auf das Fensterbrett vor seinem Fenster, auf das sie sich wie ein samtenes Kissen gelegt hatten. Der Februar neigte sich dem Ende entgegen und der Winter hatte noch einmal Einzug gehalten.

Zum Glück war der nächste Tag ein Samstag. Das bedeutete, dass sie ab morgen mit dem Zauberunterricht fortfahren würden. Sie hatten jetzt einen Monat Pause gehabt und Simon freute sich schon auf die neuen Zauber, die sie lernen würden.

ABSCHIED

Viel zu früh am Samstagmorgen piepte der Wecker. Simon richtete sich schläfrig auf und reckte sich fröstelnd. Von seinem Schreibtisch her drang leises Schnarchen zu ihm herüber. Nörgelis schlief noch in ihrem Blumentopf.

»Aufstehen, fauler Strick«, murmelte sie schlaftrunken, um sofort leise weiter zu schnarchen. „Fauler Strick“ oder „Faulpelz“, so nannte sie ihn am liebsten.

Neidisch betrachtete Simon sein schlafendes „Telefon“ und streifte sich rasch die Kleider über. Der Himmel draußen hatte eine stählerne Farbe angenommen und ein leichter Wind ließ die großen Schneeflocken vor seinem Fenster auf und niedertanzen.

Der Garten wirkte, als wäre er mit Zuckerguss überzogen. Wie eine weiße Decke hatte der Schnee alles in sanften Wellen eingehüllt.

Simon verließ sein Zimmer und klopfte leise an Karlas Tür. Sie öffnete sofort und war bereits fertig angezogen. Frau Keller war zu ihrer ersten Nachsorge aufgebrochen, während sein Vater und Martin einsilbig vor einer Tasse Kaffee hockten. Sie sahen aus, als ob auch sie noch eine Stunde Schlaf gut gebrauchen könnten.

Als Karla das Zimmer betrat, richtete Martin sich hastig auf und strahlte sie an.

»Guten Morgen, Karla. Hast du gut geschlafen?«

Sie nickte lächelnd und hockte sich an den Tisch, während Martin ihr rasch eine Tasse Tee einschenkte und ein Brötchen reichte.

Misstrauisch beäugte Simon seinen Bruder. In letzter Zeit benahm Martin sich sehr eigenartig, wenn Karla anwesend war.

Gestern Nachmittag zum Beispiel hatte er sie sogar zu einem Stadtbummel eingeladen. Karla schien im ersten Moment sehr verwirrt gewesen zu sein, doch dann hatte sie zugesagt.

Simon vermutete, dass sie die Einladung nur angenommen hatte, um nicht undankbar zu erscheinen. Denn Martin hatte ihr vor einigen Monaten Nachhilfeunterricht gegeben, als man sie der Schule verwiesen hatte für etwas, was sie gar nicht getan hatte.

Das Benehmen seines Bruders erinnerte ihn an das letzte Jahr, als er ständig um seine schöne Freundin Armida herumscharwenzelt war. Doch das konnte nicht sein, oder doch?

Die beiden frühstückten hastig und machten sich auf den Weg zum Türwächter. Nico und Boris standen bereits vor dem Steingesicht und unterhielten sich angeregt mit ihm.

Inmitten der Büsche war das große, etwas melancholisch dreinschauende Gesicht eines Mannes mit wallendem Bart reliefartig in eine Steinplatte gemeißelt, die man in die Mauer entlang des Rheins eingelassen hatte.

Die Querxe hatten es wohl für eine gute Idee gehalten, diese Form als magischen Körper für den Türwächter zu erwählen.

Bis Simon auftauchte, war er oft monatelang, manchmal jahrelang, allein gewesen. Immer wenn sie Zeit hatten, besuchten sie ihn, und der Türwächter genoss die Abwechslung, die sie in sein tristes Leben brachten. Er war es auch, der ihnen entgegen seinen Befehlen den Weg zu den Querxen gewiesen hatte.

Kein normaler Mensch war in der Lage, Simon zu sehen, wenn er die Nebelkappe trug. Nur beim Türwächter wirkte die magische Kappe nicht. Ebenso konnte allein ein magisch begabter Mensch erkennen, dass der Türwächter lebte. Alle anderen sahen nichts weiter als das leblose Steingesicht, das einem anderen Mann Wein in den Mund goss.

Sein Freund Nico war seit einem Verkehrsunfall vor einigen Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Nico war niemand, der schnell aufgab und hatte diesen Schicksalsschlag mittlerweile ganz gut überwunden. Was ihn oft zur Verzweiflung brachte, waren die vielen Hindernisse, die er als Rollstuhlfahrer erleben musste.

Doch seit sie den Zauberunterricht erhielten, hatte er keine Probleme mehr damit, denn ihr Zauberlehrer, ein wild aussehender Querx mit dem Namen Eugel, hatte Nicos Rollstuhl „getunt und tiefergelegt“, wie Boris es nannte.

Fortan gab es keinen Untergrund, auf dem Nico nicht fahren konnte. Der Rollstuhl erreichte enorme Geschwindigkeiten und gehorchte jedem Befehl. Manchmal hatte Simon den Eindruck, der Rolli wüsste bereits vorher, was sein Besitzer von ihm wollte. Wenn er umkippte, was kaum möglich war, richtete er sich sofort wieder auf und der „Unkaputtbarzauber“, mit dem Eugel ihn belegt hatte, machte die Sache perfekt.

Nach einer kurzen Begrüßung hielten sie sich nicht lange auf. Der letzte Zauberunterricht schien ewig her zu sein. Im Mauerwerk bildeten sich die bekannten schwarzen Flecken, und es löste sich langsam auf.

»Viel Vergnügen«, hörten sie noch die tiefe, knirschende Stimme des Türwächters hinter sich. Dann schloss sich die Öffnung langsam wieder.

Karla und Boris zückten ihre Zauberstäbe und ließen eine grüne und eine gelbe Lichtkugel erscheinen. Sie schwebten unter der Steindecke. Es war das einzige Licht, das dieses eigenartige Halbdunkel durchdringen konnte.

Ein breiter Metallring, der aussah wie ein übergroßer alter Türklopfer, war an der Wand befestigt. Im vergangenen Jahr hatte es diesen Griff noch nicht gegeben. Magister Alberich hatte ihn für sie anbringen lassen, damit sie den weiten Weg nach unten nicht jedes Mal laufen mussten.

Sobald sie den Griff erfassten, erzeugte er ein „magisches Wurmloch“ und beförderte sie direkt vor das große Eingangstor zur Querxenwelt.

Das war sehr praktisch, doch wenn es nicht so viel Zeit erspart hätte, wäre Simon lieber gelaufen. Bei jedem Übergang hatte er das Gefühl, dass seine Innereien sich weigerten, die schnelle Reise mitzumachen, um erst zwei Sekunden später als er selbst das Ziel zu erreichen.

Schließlich standen sie wieder vor dem Eingang zur Querxenwelt. Das große Holztor knarrte durchdringend, während sie es ächzend aufdrückten. Sofort blendete sie helles Tageslicht und sie schlossen für einen kurzen Moment die Augen.

Eine dicke Schneedecke lag auf dem Gelände vor ihnen und dunkle, tiefhängende Wolken zogen am Himmel vorbei.

Die Trümmer des wunderschönen Brunnens „Querxenfeuer“, der im letzten Jahr noch hier gestanden hatte, waren inzwischen vollständig beseitigt worden, sodass der kreisrunde Platz jetzt leer war.

Mehrere Kinder lieferten sich gerade eine wilde Schneeballschlacht, und zwei erwachsene Querxe, die Simon kaum bis zu den Schultern reichten, errichteten mithilfe ihrer Zauberstäbe einen riesigen Schneemann unter dem „ah“ und „oh“ der Anwesenden, die sich um sie versammelt hatten.

Die Bewunderung war begreiflich, denn der Schneemann war mindestens fünf Meter hoch. Er schwebte kreisend wenige Zentimeter über dem Boden, trug ein breites Grinsen aus Kohlestücken im Gesicht und verneigte sich ständig vor den staunenden Zuschauern.

Zwei Kinder, die in Simons Welt die Größe von Zweijährigen gehabt hätten, kugelten balgend durch den Schnee und prallten gegen seine Beine. Sie warfen einen kurzen Blick auf ihn, um zu sehen, wer sie da gestört hatte, um gleich wieder quietschend durch den Schnee zu rollen.

Simon erinnerte sich noch lebhaft an den unfreundlichen Empfang, den sie bei ihrem ersten Besuch erlebt hatten. Damals hätte man sie fast in den Kerker geworfen. Doch das war Monate her und heute begrüßte man sie freundlich und die meisten Querxe lächelten ihnen zu.

Wie schon so oft fiel Simon die Stille auf, die hier „unten“ herrschte. Es war nicht wirklich still, denn die Querxe waren ein lebenslustiges Völkchen. Aber es gab keine Straßen oder Autobahnen vollgestopft mit Autos, keine Flugzeuge lärmten am Himmel, und sie hatten noch nie einen Laubbläser oder Rasenmäher gehört. Selbst die Luft schien hier unten besser zu riechen.

Des Nachts wurde es richtig dunkel. Simon hatte noch nie so viele Sterne am Himmel gesehen, obgleich das eigentlich nicht möglich war, denn sie befanden sich mindestens fünfzig Meter unter der Erde.

Es gab auch keine rasenden Sportfahrer und niemand fühlte sich getrieben, wie es bei ihnen oben häufig der Fall war.

Simons Vater hatte einmal zu ihm gesagt, dass die Menschen alles, was sie taten, ohrenbetäubend, überhastet und oft zum Schaden anderer machen würden, solange es genug Geld oder Spaß brachte.

Mühsam stapften sie durch den hohen Schnee vorwärts. Es schien heute nicht richtig hell zu werden, und hinter vielen Fenstern der hübschen kleinen Fachwerkhäuser leuchtete Licht und ließ alles sehr märchenhaft aussehen. Aus zahlreichen Kaminen quoll dichter Rauch empor und die Hausdächer trugen dicke weiße Kappen aus Schnee. Bei dem Anblick wurde Simon warm ums Herz.

Sie hatten gerade die Brücke erreicht, die die Ufer des Flusses Mandurin verband, als wieder dichtes Schneetreiben einsetzte. Der Fluss war zugefroren und einige Gestalten versuchten ihr Glück beim Schlittschuhlaufen. Da Querxe in der Regel klein und klobig gebaut waren, wirkten sie schwerfällig und wenig anmutig. Doch Simon wusste, dass das täuschte.

Keuchend standen sie schließlich vor Eugels Haus. Nur Nico, für den die Schneedecke dank der „Spezialbehandlung“ seines Rollstuhls kein Problem darstellte, grinste frech.

Eugels „Haustier“ Wurzel sprang ihnen bereits fröhlich entgegen. Es erklang kein freudiges Bellen, stattdessen kam Rauch aus seinen Nüstern, denn er war ein zu klein geratener Warken, ein Kleindrache. Da er auch keine Milch gab, sollte er ursprünglich geschlachtet werden, doch aus Mitleid hatte Eugel das Tier bei sich aufgenommen. Es konnte Flammen ausstoßen, die Steaks innerhalb von Sekunden brieten.

Sein Haus lag etwas abseits am Rande des Städtchens unweit des Magistratsgebäudes. Es war ein hübsches altes Fachwerkhaus mit bunten Butzenscheiben.

Der hintere Teil des Gartens grenzte an einen Feldweg. Dort baute Eugel Gemüse an. Viele Pflanzen, die hier letzten Sommer wuchsen, hatte Simon noch nie gesehen. Mehrere Meter hohe Sonnenblumen, die ohne Problem als Sonnenschirm genutzt werden konnten, hatten sich fröhlich in den Himmel gereckt.

Dahinter erstreckten sich schneebedeckte Wiesen und Felder, bis sie in der Ferne auf einen riesigen Wald stießen, und am Horizont erhob sich eine gewaltige Gebirgskette, das Drachengebirge. Dort sollte es noch richtige Drachen geben.

Über eine überdachte Holzterrasse betraten sie bibbernd Eugels warmes Wohnzimmer. An der hinteren Wand stand neben einer Tür ein kunstvoll geschnitzter Schrank. In der Mitte des Raumes hatte Eugel einen massiven Holztisch mit sechs Stühlen aufgestellt, und unter einem Fenster befand sich eine durchgesessene Couch, anscheinend Eugels Lieblingsplatz.

Neben dem Schrank hing eine Uhr. Eigentlich hing sie nicht, sie schwebte. Die Uhr besaß auch kein Gehäuse, sondern Zahlen und Zeiger hingen ebenso ohne jeden Zusammenhalt in der Luft.

Gerade rückte der große Zeiger weiter vor, und eine melodische Stimme erklang:

»Für heute Abend ist ein Thing mit dem „Rat der Sieben“ angesetzt. Der Magister bittet um dein Erscheinen.«

Die Stimme machte eine Pause, dann sagte sie: »Und vier Dreckspätze tragen gerade den Matsch von draußen in dein Wohnzimmer.«

Erschrocken blickten die vier zu Boden, wo sich hinter ihnen Wasserpfützen aus geschmolzenem Schnee gebildet hatten.

»Nur herein mit euch«, dröhnte die tiefe Stimme Eugels aus der Küche.

Im Kamin hockte ein kleiner, hutzeliger Mann und blies zwischendurch in das Feuer. Es war der Bodach, der eines Tages bei Eugel aufgetaucht und geblieben war. Je mehr Rauch und Flammen, umso wohler fühlte sich solch ein Wesen.

Simon wusste nicht, ob er überhaupt reden konnte, denn der Bodach hatte noch nie mit ihnen gesprochen, da er immer mit dem Feuer beschäftigt war.

Eugel war fast so groß wie Simon und genauso breit wie hoch. Er hatte den wilden schwarzen Bart zu Zöpfen geflochten, die ihm bis zum Bauchnabel reichten.

Das dichte Haar fiel ihm auf die Schultern und an seiner Hüfte trug er eine riesige und Furcht einflößende Axt, die ihn noch abenteuerlicher aussehen ließ, als es ohnehin der Fall war. Doch das täuschte, denn er war gutmütig und freundlich.

Überhaupt liebten alle männlichen Querxe große Dolche, Schwerter und Äxte. Aber nur wegen des streitbaren Eindrucks, der durch die Helme, die einige auf ihrem Kopf trugen, noch verstärkt wurde. Es war eine Erinnerung an frühere Zeiten, als sie noch ein kriegerisches Volk waren. Simon konnte sich nicht erinnern, dass ein Querx jemals eine der Waffen benutzt hatte.

Sie setzten sich um den Tisch und wärmten sich mit dem heißen Tee auf.

»So, liebe Freunde«, sagte Eugel, während seine grünen Augen vergnügt funkelten. »Da ihr eure Probezeit mit Bravour beendet habt, wollen wir heute mit dem Fortgeschrittenen-Unterricht beginnen. Aber ich bin überzeugt, dass ihr alles schafft, wenn ihr nur genug übt.«

Sie grinsten stolz.

»Ihr werdet sehen, dass die neuen Zauber mit genügend Fantasie ungemein nützlich im täglichen Leben sind.«

Nachdem sie den Tee getrunken hatten, zogen sie sich die warmen Jacken wieder über und stapften durch den Schnee in den winterlich verschneiten Garten. Mehrere Eichenschösslinge ragten dort aus der Schneedecke.

Zuerst hüllte Eugel sie in eine Blase wohltemperierter Luft, damit ihr Zähneklappern die Zauber nicht verunglücken ließ.

»So, dann passt mal auf!«, meinte er schließlich.

Gespannt beobachteten sie, wie Eugel den Zauberstab hob.

»crescere!«, grollte er mit erhobener Stimme. Dabei zeichnete er mit dem Stab zwei Kreise linksherum und einmal rechtsherum in die Luft.

Es knirschte und krachte, als der Schössling sich wie in Zeitraffer dehnte und streckte und zu einem drei Meter hohen Baum heranwuchs. Dann machte Eugel eine Kreisbewegung mit dem Stab und er hörte auf zu wachsen.

Simon und seine Freunde sprangen erschrocken zurück.

»Boah!«, staunte Nico mit offenem Mund.

Sie traten an den Baum heran und betätschelten ungläubig den Stamm.

»So, und nun ihr.« Eugel grinste in seinen schwarzen Bart. »Jeder von euch sucht sich jetzt einen von diesen kleinen Bäumchen aus und lässt ihn wachsen.«

Er richtete seinen Zauberstab wieder auf den Baum. »contrahis!«, rief er laut.

Tief beeindruckt beobachteten sie, wie der Baum vom Schneeboden förmlich verschluckt wurde. Ihr Lehrer schwenkte wieder energisch den Zauberstab und der kleine Schössling stand in alter Größe vor ihnen.

»Den üben wir gleich mit«, informierte Eugel sie. »Falls mal was schiefgeht, ist es hilfreich, ihn zu kennen.«

Er zwinkerte ihnen zu.

»Passt auf, der crescere lässt alles wachsen, auf das ihr euren Zauberstab richtet. Um das zu erreichen, bewegt ihr die Zauberstabspitze zweimal kreisförmig nach links und einmal nach rechts und sagt laut und deutlich crescere. Alles verstanden?«

Sie nickten.

»Dann hoch mit den Zauberstäben!«, befahl er.

Gehorsam hoben sie die Stäbe.

»Einen Moment noch!«, rief Boris plötzlich. Verwundert blickten ihn die Freunde an.

»Ich bin sofort wieder da«, meinte er und stürmte in die Küche. Wie versprochen, kam er kurze Zeit später wieder heraus. Er hielt einen Hähnchenschenkel in der Hand und legte es vor sich auf eine Serviette in den Schnee.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst?«, schimpfte Karla und sah ihn ungläubig an. »Wie kann man nur so verfressen sein, Boris Spaltmann?«

Der Gescholtene rümpfte die Nase.

»Lieber einen Hähnchenschenkel in der Hand als eine Taube auf dem Dach«, dozierte er altklug.

Simon unterdrückte ein Stöhnen. Ihrem Freund war vor einiger Zeit ein kleines Büchlein mit allerlei Sinnsprüchen in die Hände gefallen. Normalerweise las er nicht viel, aber er war so angetan davon, dass er zu jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit einen Spruch auf Lager hatte. Und wenn ihm der Spruch nicht gefiel, veränderte er ihn einfach nach Belieben.

Eugel lachte brüllend und sprang Boris zu Hilfe.

»Das, liebe Karla«, meinte er immer noch lachend, »ist der beste Beweis, wie nützlich Zauberei mit der entsprechenden Fantasie sein kann.«

»Du meinst, das funktioniert wirklich?«, fragte Simon ungläubig.

»Aber ja«, sagte Eugel, der sich wieder beruhigt hatte.

»So, und jetzt zweimal nach links und einmal nach rechts.«

Eine Weile übten sie nur die Bewegung des Zauberstabs.

»Nun, wo ihr fortgeschrittene Magie lernt, ist die sichere Führung des Zauberstabes besonders wichtig!«, ermahnte sie Eugel noch einmal.

»Und jetzt mit Zauberspruch. Auf los!«

»crescere!«, riefen sie fast zeitgleich.

Boris blickte frustriert auf den Hähnchenschenkel. Er lag vor ihm, als hätte er ihm nur ein Lied vorgesungen. Auch Karlas Pflanze zeigte sich vollständig unbeeindruckt. Nicos Pflänzchen bewegte sich immerhin wie im Wind ein wenig hin und her.

Doch Simon hatte den Zauberstab vor Aufregung zu tief gehalten. Von einer Sekunde zur anderen schwoll sein Fuß auf das Fünffache seiner Größe an. Er stieß einen erschrockenen Ruf aus und trat einen Schritt zurück. Dabei kam sein schwerer, klobiger Fuß nicht rechtzeitig nach und er landete mit der Nase im kalten Schnee.

Seine Freunde kugelten sich vor Lachen. Boris schnappte nach Luft und auch Eugel hielt sich herzhaft lachend seinen Bauch.

»Na, du – du le – lebst heute – aber auf großem Fuß!«, keuchte Boris und rieb sich die tränenden Augen.

Simon bemühte sich, mit dem Riesenfuß zu laufen, aber es war, als gehörte er ihm nicht mehr. Das musste sehr komisch aussehen.

»contrahis!«, rief Eugel und der Fuß schrumpfte auf Normalgröße.

Zu Simons Erleichterung gehorchte er ihm wieder.

Boris übte so verbissen, dass ihm der Schweiß von der Stirne lief. Als er den Hähnchenschenkel später zum Explodieren brachte, schwor er hoch und heilig, nie wieder Zaubersprüche an Nahrungsmitteln auszuprobieren. Karla kugelte sich vor Lachen im Schnee.

Nico legte ihm tröstend die Hand auf den Arm.

»Wie gewonnen, so zerronnen!«, zitierte er breit grinsend.

Boris warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Hast du Freunde, brauchst du keine Feinde mehr!«

Bis zum Nachmittag gelang es nur Simon, einen richtigen Baum wachsen zu lassen. Die Schösslinge seiner Freunde waren zwar einige Zentimeter in die Höhe gesprossen, doch an sein Bäumchen reichten sie nicht heran.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Simon bemerkt, dass seine Zauber oft deutlich kräftiger ausfielen als die seiner Freunde. Er war überzeugt, dass es nicht an seinen Fähigkeiten lag, die sicherlich nicht bemerkenswerter waren als die von Nico, Boris und Karla.

Eugel hatte ihm erklärt, dass der Zauberstab des Kobolds Barikor die Ursache war. Barikor war ein skrupelloser und mächtiger Magier und hatte alles Mögliche mit dem Stab versucht, um ihn und seine Freunde zu töten.

Er war für einige Monate in Simons Besitz gewesen, bis er gezwungen war, ihn seinem alten Besitzer zurückzugeben. Doch da hatte der Stab bereits einen Teil seiner außerordentlichen Magie auf ihn übertragen.

Der Gedanke daran verursachte jedes Mal eine leichte Übelkeit, wenn er ihn benutzte, hauptsächlich bei den schwierigeren und mächtigeren Zaubern. Immer wieder beschlich ihn das unangenehme Gefühl, seine Magie sei böse. Und es schien mit der Zeit schlimmer zu werden.

Oft genug misslangen deshalb seine Zauber. Doch, als wenn er ungeduldig ob des Zauderns seines Herrn wäre, brach gelegentlich ein Zauber mit Gewalt aus dem Stab hervor.

Immerhin gelang es allen bis zum frühen Nachmittag, ihre Pflanzen wieder auf Normalgröße schrumpfen zu lassen.

»So, für heute ist Schluss«, sagte Eugel dann.

»Schon?«

Die vier waren ein wenig enttäuscht.

»Wir gehen jetzt „Zur stumpfen Axt“«, erklärte Eugel ihnen. »Dort werden heute Austi und einige andere Querxe verabschiedet.«

»Wer ist denn Austi?«, fragte Boris neugierig.

»Er ist ein alter Freund. Er und einige andere Querxe brechen heute zu einer Exkursion in das Drachengebirge auf. Sie suchen dort nach Drachenhaut und werden Drachen in ihrer natürlichen Umgebung studieren.«

Die vier wussten, dass die Haut der Großdrachen extrem wertvoll war. Kleidung aus Drachenhaut hielt im Sommer schön frisch und im Winter angenehm warm. Sie war unzerreißbar und kaum zu durchdringen. Deshalb war sie bei den Querxen äußerst begehrt.

Wenn man sich auskannte, konnte man sie im Drachengebirge finden. Ähnlich wie Schlangen warfen die Großdrachen alle hundert Jahre ihre Haut ab.

»Beide Aufgaben verlangen viel Mut und Austi ist der Tapferste der Stadt. Er hat mehr Drachenhaut hergebracht als alle anderen zusammen.«

Eugels Augen leuchteten, als wäre er am liebsten mitgegangen.

Im „Zur stumpfen Axt“ war fast kein Platz mehr frei. Beim Eintreten dröhnte eine tiefe Stimme durch das Lokal.

»Eugel, altes Haus, komm her und setze dich!«

Sie kämpften sich durch das Gedränge und quetschten sich auf die Bank, auf der Eugels Freund mit seinen Gefährten hockte. Im ersten Moment glaubte Simon, Austi und Eugel wären Brüder. Sie waren beide ebenso breit wie hoch, hatten lange schwarze Haare und ihre Bärte zu Zöpfen geflochten.

Austis Augen blickten die Freunde gutmütig an.

»Was wollt ihr trinken?«, fragte er sie.

»He, Brondi. Bringe meinem Freund einen Ragnarök, einen „Kleinen Drecksack“ und den jungen Menschen vier Krüge Warkenmilch!«, brüllte er dann durchs Lokal.

Das Getränk Ragnarök wurde auch Götterschicksal oder Weltuntergang genannt wurde. Es war stark alkoholisch, schmeckte den Querxen gut und warf den kräftigsten Mann um. Die Warkenmilch war das Beste, was Simon je getrunken hatte. Die grünliche Milch vom Warken war unglaublich belebend.

Der Wirt, ein Querx namens Brondi, winkte mit der Hand, um ihm zu deuten, dass er verstanden hatte. Brondi war klein und band sich seinen langen Bart immer um den Hals, damit er ihn bei der Arbeit nicht störte. Deshalb sah es so aus, als ob er im heißesten Sommer einen Schal trug.

Eugels Lieblingsgericht, der „Kleine Drecksack“, war ein etwa zehn Zentimeter langer, grauer und fast durchsichtiger Beutel, der an Büschen wuchs. Der schleimiggraue Inhalt verlieh ihm den Appetit verderbenden Namen. Doch die Querxe waren an der Stelle recht schmerzfrei, denn er galt bei ihnen als Delikatesse.

Laut Eugel sollte es auch den „Großen Drecksack“ geben, der nach seiner Aussage aber kaum genießbar war. Was Simon nicht verstand, denn nach Geruch und Farbe unterschieden sich die beiden „Drecksäcke“, wie Boris gerne sagte, nur wenig voneinander.

Zum Glück schwebten die Getränke über den Köpfen der Anwesenden hinweg auf ihren Tisch. Simon bezweifelte, dass sie sonst bei dem Gedränge heil bei ihnen angekommen wären.

Eugel prostete seinem Freund zu und trank einen Schluck.

»Dann geht es also los. Wie lange seid ihr weg?«

»Geplant sind sechs Monate«, antwortete Austi. »Zu der Zeit wird auch Thindra von ihrem Auftrag zurückkehren.«

»Wie stellt man es denn an, Drachen zu beobachten?«, fragte Karla neugierig. Auch sie erweckte den Eindruck, als wäre sie am liebsten mitgezogen.

Die Augen von Eugels Freund funkelten, als er sie betrachtete. Dass Querxe Menschenfrauen gerne sahen, hatten Simon und seine Freunde schnell bemerkt.

»Das ist tatsächlich nicht einfach. Aber ich habe mir einen Plan zurechtgelegt«, meinte er.

Alle sahen ihn gespannt an. Dann schlug er dem dicken Querxen, der an seiner anderen Seite saß, auf die Schulter, dass es nur so knallte.

»Ich werde Rollo an einen Baum binden. Wenn der Drache sich dann satt gefressen hat, lässt er sich bequem beobachten.«

Das hatte er mit einem solch ernsten Gesicht gesagt, dass Simon und seinen Freunden vor Schreck der Mund offenblieb.

Als der Querx sie so sah, brach er in dröhnendes Gelächter aus und alle fielen mit ein.

Er war ein richtiger Draufgänger, dachte Simon. Anscheinend war Eugel der gleichen Meinung.

»Wage nur nicht zu viel«, brummte er und nahm einen großen Schluck. »Thindra braucht dich noch.«

Sein Freund grinste. »Du kennst mich doch.«

»Das ist es ja, was mir Sorgen bereitet«, meinte Eugel trocken.

»Schade, dass du nicht mitkommen kannst«, sagte Eugels Freund und blickte versonnen in sein Glas. »Wir zwei hatten immer eine gute Jagd.«

Austi und seine Gefährten erzählten noch von ihren Abenteuern, die sie auf früheren Reisen erlebt hatten, und sie erfuhren, dass ihr Lehrer sich damals selbst nicht an seine eigenen Ermahnungen gehalten hatte.

»Sein Ritt auf einem Drachenschwanz ist legendär«, brüllte Austi vor Lachen und klatschte auf seine Schenkel. »Aber das Beste dabei war sein Gesicht. Wirklich, ihr hättet sein Gesicht sehen müssen, als der Drache versuchte, sich in seinen eigenen Schwanz zu beißen.«

Austi und seine Gefährten waren eine lustige Truppe, und die Zeit verging wie im Fluge. Sie lachten viel, und es wurde ein fröhlicher Nachmittag. Doch dann wurde es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen.

Zwei Wochen später trafen sie auf einen sehr traurigen Eugel. Wie sich herausstellte, hatte der Magister auf einem Thing bekannt gegeben, dass der beste Freund von ihm tödlich verunglückt war.

Anscheinend war die Gruppe versehentlich einem ausgewachsenen Drachen zu nahegekommen, und nur zwei hatten die Begegnung überlebt.

Austi war verheiratet, doch seine Frau Thindra war bereits einige Monate in einer geheimen Mission unterwegs. Es war den Querxen auch nach mehreren Tagen nicht gelungen, sie zu finden.

»Das muss ein seltsamer Auftrag sein«, meinte Boris, doch Eugel hatte dazu geschwiegen.

Natürlich fiel der Unterricht aus und sie verbrachten den ganzen Tag damit, dem bekümmerten Eugel zuzuhören.

Am folgenden Samstag sollte die Beisetzung stattfinden, zu der auch Simon und seine Freunde eingeladen wurden. Obwohl es ein trauriger Anlass war, waren sie ein wenig stolz darauf, bewies es ihnen doch, dass die Querxe sie mochten und ihnen vertrauten.

Sehr früh am Samstag brachen sie auf, um Eugel vorher noch aufzusuchen. Er saß betrübt am Tisch, vor sich ein großer Krug mit Warkenmilch. Die Festkleidung für sie hatte er bereits zurechtgelegt.

Da sie Ende letzten Jahres schon für ein Fest eingekleidet worden waren, hatte man ihre Kleidung wieder hervorgeholt und entsprechend verändert.

Karlas rotes, samtenes Kleid leuchtete auf einmal in bunten Farben. Die meisten Querxenfrauen liebten farbige Kleidung, doch sie trugen sie auch wegen eines uralten Brauchs. Bunte Farben symbolisierten die „Vorfreude“ auf das nächste Leben. Die Querxe glaubten nämlich, dass man nach dem Tode in eine bessere Welt gelangen würde. Deshalb waren die Kleidungsstücke noch bunter, wenn man jemanden betrauerte.

Die Männer hingegen erschienen nach uraltem Brauch bis unter die Zähne bewaffnet, um die Frau oder den Mann zu verabschieden. Deswegen hatte man der Kleidung von Simon, Boris und Nico auch große Messer dazugelegt, die sie auf der Schulter tragen konnten.

»Man kommt sich richtig männlich vor«, meinte Boris begeistert.

»Dazu muss man erst einmal einer sein«, zerstörte Karla seine Träumereien.

Etwas abfällig murmelte sie »Machos«, als sie ihre Freunde erblickte.

Das ganze Städtchen hatte sich auf der Brücke und an den Ufern des Flusses Mandurin versammelt. Als Eugel erschien, nahmen sie ihn und die Frau des Verstorbenen in ihre Mitte. Anscheinend war es ihnen gelungen, Thindra doch noch ausfindig zu machen.

Jeder war bemüht, die beiden als Zeichen der Anteilnahme einmal mit einer Hand zu berühren. Die vier mischten sich unter die Leute und warteten geduldig, bis sie ihren Freund und Lehrer erreichten.

Als sie vor Eugel standen, fiel er ihnen um den Hals und drückte jeden von ihnen an sich. Jetzt sahen sie auch Thindra. Sie war eine mollige kleine Querxenfrau und recht hübsch. Sie hatte sich an Eugel gelehnt, der als bester Freund ihres Mannes tröstend den Arm um sie gelegt hatte. Ihr standen die Tränen in den Augen, wirkte aber gefasst.

Am Ufer vertäut lag ein kleines Boot, in dessen inneren Holzscheite hoch aufgestapelt waren. Da Eugels Freund nicht wieder nach Hause gekommen war, hatte man nur seine Lieblingswaffe, eine riesige Streitaxt, obenauf gelegt.

Der Magister löste die Taue und rief ein paar unverständliche Worte. Das Boot entfernte sich vom Ufer und trieb langsam den Fluss hinab.

Oben auf der Brücke drängten sich nach den Rufen des Magisters vier Querxe, zwei Frauen und zwei Männer nach vorn. Alle vier waren mit einem Bogen und einem Köcher mit Pfeilen bewaffnet. Sie zogen einen Pfeil heraus und zündeten ihn an.

Als das Boot gut zweihundert Meter entfernt war, stießen sie einen schrillen Schrei aus und schossen zielgenau ihre Pfeile ab. Kurze Zeit später brannte es lichterloh.

Eine Weile begleiteten alle das Boot entlang des Ufers. Jeder hielt in der Hand einen Zauberstab nach oben gerichtet und ließ schweigend farbige Funken hoch in die Luft steigen.

Als das Boot fast verbrannt war, ertönte ein lauter Schrei und sie verließen das Ufer und machten sich auf den Weg zum Festplatz. Hier standen so viele Bänke und Tische, dass wohl alle Bewohner des Städtchens Platz fanden.

Da es kalt war, hatte man eine Wärmeglocke über das Gelände gelegt. Überraschenderweise wurde es ein fröhliches Fest, auf dem viel Warkenmilch und noch mehr Ragnarök flossen.

Jeder, Magister Alberich eingeschlossen, wusste eine lustige oder auch traurige Geschichte über den Verstorbenen zu erzählen, am meisten natürlich Eugel, und es wurde viel gelacht und geweint.

Am Abend erbarmte sich der Magister ihrer, und sie alle fanden sich am späten Nachmittag vor ihren Häusern wieder.

Im Laufe der nächsten Wochen merkten sie, dass Eugel ihnen zu Beginn des Jahres nicht zu viel versprochen hatte. Die neuen Zauber waren wesentlich interessanter, aber auch deutlich schwieriger. War es ihnen anfangs noch gelungen, sie an ein bis zwei Wochenenden zu erlernen, erforderte es immer öfter mehrere Wochen intensives Üben.

Sie liebten den Zauberunterricht über alles, doch durch die Zeit, die sie dafür benötigten, drohten sich ihre schulischen Leistungen zu verschlechtern.

Als Eugel erfuhr, wie beschwerlich es für sie wurde, in zwei Welten zu leben, verpasste er ihnen einen kleinen Gedächtniszauber. Er half ihnen dabei, sich den Unterrichtsstoff besser merken zu können und ihre bisherigen Zensuren sogar ein wenig zu verbessern.

Nur Nico hatte Eugel mehrmals frustriert gefragt, ob er den Zauber bei ihm richtig ausgeführt hätte, denn seine Noten wollten sich im Gegensatz zu denen seiner Freunde nicht im Geringsten ändern.

Irgendwann platzte Boris daraufhin der Kragen.

»Hey, du Genie!«, schnauzte er seinen Freund an. »Im Vergleich zu dir sind wir Geisteszwerge.«

»War nicht so gemeint, Eugel«, warf er schnell ein. »Der Zauber kann bei dir nichts verbessern!«, meinte er dann an Nico gewandt.

Seitdem verlor ihr Freund kein Wort mehr darüber.

DAS BILD DES GRAUENS

Der März neigte sich dem Ende entgegen. Der Schnee war geschmolzen, aber es gab immer noch bitterkalte Tage.

Sonntagabends saß Simon vor seinem Schreibtisch und klappte zufrieden das Englischheft zu. Nachdem er die Plapperpflanze und auch die alte, ebenfalls ziemlich leidend aussehende Zimmerpflanze gegossen hatte, meldete sich Nörgelis.

»Ein Anruf von Herrn Boris«, sagte sie in geschäftsmäßigem Ton, den sie immer anschlug, wenn jemand „anrief“.

»Hallo Boris, was gibts?«, fragte Simon.

»Hast du die Englischhausaufgabe erledigt?«, wiederholte die Blume die Frage von Boris.

»Eben fertig geworden«, antwortete Simon.

»Ich schaffe es heute nicht mehr«, sagte Nörgelis. »Kann ich morgen in der Pause bei dir abschreiben?«

»Klar«, antwortete Simon.

»Faulpelz«, sagte Nörgelis jetzt.

»Was habe ich denn getan?«, rief Simon entrüstet. Er verstand nicht, weshalb Boris ihn beschimpfte. Schließlich half er ihm mit den Hausaufgaben.

»Das war ich nicht, das hat „Liebstöckel“ zu ihrem Herrn gesagt«, meinte Nörgelis wieder in ihrem geschäftsmäßigen Ton.

Argwöhnisch betrachtete Simon das Auge der Blüte, das ihn jetzt so unschuldig ansah. Er hätte schwören können, dass sie sich ein Kichern verkniff.

»Was hast du gesagt?«, sagte Nörgelis jetzt. Das musste wieder Boris sein – oder etwa nicht?

»Sag mal, macht ihr euch über uns lustig?«, brummte Simon. Er war sicher, dass Nörgelis ihn frech angegrinst hätte, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre.

»Nörgelis, benimm dich nicht wie Unkraut!«, schimpfte er mit seiner Topfpflanze.

»Wieso mache ich mich über dich lustig?«

Simon war völlig verwirrt. War das jetzt Boris oder seine Zimmerpflanze?

»Ach du doch nicht. Bis morgen«, sagte Simon genervt.

»Du bist ein wahrer Freund«, hörte er noch, wie Nörgelis Boris Worte wiederholte. »Bis morgen dann.«

»Okay«, rief Simon. »Gute Nacht!«

»Der Herr Boris ist ein ebenso fauler Strick wie mein Herr«, murmelte die Pflanze vor sich hin, als ob Simon gar nicht anwesend wäre.

»Wenn du so weiter machst, bekommst du drei Wochen lang nichts mehr zu trinken«, drohte er.

»Das werde ich deiner werten Frau Mutter sagen, Faulpelz«, entgegnete Nörgelis quäkend. Die Blüte hatte sich zu einem Schlitz verengt.

Simon wurde blass. »Das wirst du nicht tun!«

Das Letzte, was passieren durfte, war, dass seine Familie von den Geheimnissen erfuhr, die er verheimlichte. Er mochte sich nicht vorstellen, was ihm dann bevorstehen würde.

»Vielleicht? Vielleicht auch nicht«, sagte Nörgelis und schlug dabei den beleidigten Tonfall einer Diva an.

Simon grinste und hüpfte in sein Bett.

»Hab dich lieb«, sagte er und löschte das Licht.

Er hätte schwören können, dass sich die Blüte von Nörgelis leicht rosa verfärbte.

Als der Wecker am Montagmorgen schellte, fuhr Simon erschrocken hoch. Benommen sah er sich um. Dann fiel er wieder in sein Kissen zurück, um sich von dem Schrecken zu erholen.

Der Wecker hatte ihn aus einem Traum gerissen. Es war ein guter Traum gewesen. Unerklärlicherweise schien jedermann zu wissen, dass Simon zaubern konnte, doch niemand war darüber überrascht oder verängstigt. Im Gegenteil, alle bewunderten ihn dafür, allen voran seine Klassenkameradin Hanna, ein hübsches Mädchen mit kurzen blonden Haaren und grünen Augen. Ein warmes Gefühl schoss durch Simons Brust, als er an sie dachte.

Die Realität sah freilich ganz anders aus. Hanna saß in der Schule in der letzten Reihe neben Rafael, dem Schönling, wie Boris ihn bezeichnete, und himmelte ihn an.

Boris konnte ihn nicht leiden, denn er machte sich im Sportunterricht regelmäßig lustig über ihn und prahlte gerne mit seinen eigenen sportlichen Leistungen.