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Im Kriminalgericht Moabit in Berlin wird ein Mädchen erdrosselt. Thies Jörgensen, neuer Staatsanwalt beim Kriminalgericht Berlin, findet die Leiche, als er dort auf der Suche nach Raum A 513 fasziniert von der monströsen, teils grotesken und imperialen Architektur, überrascht über den verwahrlosten Zustand, herumirrt. "Moabit", wie das Kriminalgericht im Berliner Sprachgebrauch genannt wird, ist das Synonym einer "Justizfabrik", die mit veralteten Produktionsmitteln versucht, den Anforderungen der Neuzeit gerecht zu werden. Jörgensen fällt es schwer, sich hier zurechtzufinden Brühne, der Oberstaatsanwalt, merkt, dass der Fall für die Berliner Justiz brisant werden könnte und übergibt Jörgensen den Fall. Es führen verschiedene Spuren zu möglichen Tätern aus dem Kreis der Justiz, unter anderem einen Richter, als auch zu externen Verdächtigen wie einem Sozialarbeiter und den Mitgliedern einer Sekte. Doch….
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2013
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P. Schmidt
Heimtücke
-Das System Moabit-
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Anfang
Heimtücke
Vorgeschichte
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
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14.
15.
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20.
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31.
32.
33.
Nachspiel
Epilog
Impressum
Anfang
Heimtücke
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Heimtücke
-Das System Moabit-
P. Schmidt
Petra Schmidt-Benner
www.legis-verlag.de
Vorgeschichte
EsgibtOrte,dieihmzuwidersind.NureinGedanke,schnellwiederweg.DiesistsoeinOrt.DieAtmosphärenimmtihmdenAtem,dieserMief.DasschummrigeLichtermüdetseineAugen.DiesevielenFlure,TürenundTreppen.
DiealtenHeizkörperverbreiteneineHitzewieaneinemschwülenSpätsommerabend,jederSchritt,einKraftakt.SchweißtropfenbildensichaufseinerStirn,trotzdemdieseKälte.EineTür,diejemandmitvollerWuchteingetretenhat.SeineVorstellungskraftreichtnicht,umsichdieVergangenheitzuvergegenwärtigen.Menschen,diehingerichtetwurden,draußenaufdemGalgenhof.AuchheutewirdhierüberMenschenundderenSchicksalentschieden,dochniemandmehrgeköpftodererhängt.
DerKlangseinerSchrittehalltdurchdieKorridore,sonstistesstill.EinMädchenineinemderGänge,erhältinne,weichteinenSchrittzurück,umsichhintereinerEckevorihrzuverbergen.ErspürtDruckamNacken,wiedasBlutinseinenKopfschießt,einleichterSchwindel.ErschnapptnachLuft.
NochmalslugterumdieEcke,beobachtetdasMädchen.SofortziehtersichwiederhinterdenMauervorsprungzurück.Siewirdihnerkennen.Allein und verlorensteht sieindemGang,kleinundschmächtig.EinWortvonihrunderistvernichtet.
UnwillkürlichpressterdieLippenzusammen,seineZähnebohrensichindieUnterlippe.SeineStirnlegtsichinFalten,währenddieAugenSchlitzebilden.ErspürtdieAnspannunginjedemMuskel.SeinenAtemnimmterwahrundverlangsamtihn,damitsieihnnichthört.WieimFlugzwängensichErinnerungsfetzeninseinHirn,ihrefastnichtwahrnehmbareStimme,ihremerkwürdigeKleidung,allesinaltrosa.
EinBollern,wievoneinemhölzernenHandkarren.ErschrecktaufundquetschtseinenKörperandieWand,willamliebstenfortsein,verschwinden.DasGeräuschentferntsichunderbeobachtetsieweiter.Esmussschnellgehen.ErlöstdenGürtelvonseinerHose.
EinpaarzügigeSchritteunderstehthinterihr.Ohnezuzögern,legterdenGurtumihrenHalsundziehtihnzusammen.DabeibeißtersichaufdieUnterlippe,fühlt,wiedieseaneinerStelleleichtaufreißtundeinwenigBlutdieKnospenseinerZungeberührt,währendderAtemdesMädchensstockt.SieversuchtfüreinenkurzenMomentnachdemRiemenzugreifen.
ErerhöhtdieKraft,mitdererihrenHalszuschnürt.Gurgelnde,rasselndeGeräuschedringenausihremRachen,SchaumtrittausihremMund,dersichinseinenGedankenmitdemBlutseinerUnterlippeimeigenenGaumenverbindet.IhrBewusstseinschwindet.
Ergreifthintersich,bekommteinenTürgriffzufassen,drücktihnherunter,reißtdieTüraufundschlepptsiemitdemGurtineinenToilettenraum.
UnwillkürlicheKontraktionenderMuskelnschüttelnihrenKörper.Siewilleinfachnichtsterben.DerGurtbohrtsichweiterindieHautihresHalses.IhrGesichtschwilltan,verfärbtsich.IhrstarrerBlickmitdenAugäpfeln,diesichausdenHöhlenwölben.Erkannnichthinsehen.
Siemusssterben,miteinemkräftigenRuckziehterandenEndendesGürtels.
1.
§ 152 II StPO
Die Staatsanwaltschaft ist, soweit nicht gesetzlich ein anderes bestimmt ist, verpflichtet, wegen aller verfolgbaren Straftaten einzuschreiten, sofern zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen.
Der kalte schneelose Winter war noch nicht vorbei. Der hatte sein Leben verändert. Hätte Lina sich nicht von ihm getrennt, wäre alles so geblieben, wie es war. Eine Weile stellte er sich vor den Eingang, betrachtete ihn, verschränkte die Arme vor seinem Körper. Einige Männer kamen auf ihn zu, drängten ihn beiseite und gingen in das Gebäude. Er kam ins Straucheln, taumelte. Figuren in den eisernen Türrahmen geschmiedet, dunkel und beklemmend. Justitia, ihr schwarzes stählernes Gesicht mit der Augenbinde, mehr Batman oder Zorro. Links und rechts skurrile Fratzen, mittelalterliche Handschellen und Stahlketten. Die Figuren waren bisher wohl niemanden aufgefallen. Der eine oder andere hätte sich geweigert, das Gebäude zu betreten. Er ging die flachen Stufen hinauf, über ihm die Streitaxt. Sein erster Tag am Kriminalgericht Moabit.
Am Eingang eine Kontrollstelle, davor eine Schlange, daneben ein einfaches Drehkreuz. Dort versuchte er hindurch zu gelangen. „Halt! Haben Sie einen Dienstausweis, “ sprach ihn ein uniformierter Justizwachtmeister an. „Nein, ich bin Jörgensen, der neue Staatsanwalt.“ „Das kann ja jeder sagen. Sie brauchen einen Ausweis oder müssen durch die Kontrolle.“
Jörgensen stellte sich an, starrte auf seine Uhr, doch es war noch Zeit. Das wäre ihm früher in Lüneburg nicht passiert, aber das war Vergangenheit. Er musste sich einreihen und abwarten.
Langsam rückte er in der Warteschlange vorwärts. Er leerte seine Taschen, vergaß einen Schlüssel, Fiepen des Metalldetektors. Eigentlich hätte er ihn im Hotel lassen können. Nach einigem Suchen fand er ihn, zwängte sich dann durch die Sicherheitsschleuse, stand in der Eingangshalle, Barock, Gotik, Stilrichtungen vermischt wie in einem Cocktail. Von der Menschenschlange gelöst, war er unter der sich hoch über ihn wölbenden Kuppel fast allein dem Machtanspruch des wilhelminischen Gebäudes ausgeliefert, er klein, unbedeutend, ein Pixel im Bild.
Was erwartete ihn? Er versuchte, sich seine neuen Kollegen, seinen Arbeitsplatz vorzustellen, gab es allerdings im nächsten Moment wieder auf, da er keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Er suchte Raum A 513, da er sich dort melden sollte. Das Gebäude hatte aber nur ein Erdgeschoss und 3 Etagen darüber. Es gab keinen 5. Stock.
Jörgensen ging einfach los, ohne sich weiter zu orientieren oder nachzufragen. Doch rechnete er hinter den wuchtigen Treppenaufgängen nicht mit dem Labyrinth von Fluren, Zwischengeschossen und Etagen. Sie schienen menschenleer. Alle waren plötzlich verschwunden, einfach vom Gebäude verschluckt.
Die Flure im Halbdunkel, die Wände, teilweise wie ein in die Jahre gekommenes Badezimmer blau gekachelt oder einfach weiß getüncht, häufig ausgebessert. Er krabbelte darin herum als wäre es ein Ameisenhaufen. Genauso ruhig, dunkel und die Ahnung, dass man doch nicht allein war, manchmal Rascheln, Stiche, die die Haut brennen ließen.
Irgendwann ein leicht süßlicher, unangenehmer Geruch. Er näherte sich einem Warteraum ohne Tür. Er war vollgestellt mit altem Mobiliar, dazwischen Bonbonpapier, zerfledderte Aktendeckel, überall Staubflocken- und –flusen, wie bei Lina unterm Bett.
Seine Neugier packte ihn. Zwischen Schreibtischen etwas mit einem Plastikmüllsack bedeckt. Er schob den beiseite, darunter ein lebloser Körper. Der Geruch verstärkte sich in diesem Moment, zwang ihn, sein Gesicht abzuwenden. Er richtete seinen Blick auf die Leiche, ein Mädchen, das Gesicht vom Todeskampf verzerrt, die Zunge weit herausgestreckt.
Er wurde aus seinen Betrachtungen gerissen: „Eh, was machen Sie denn da? Hier haben Sie nischt zu suchen.“ Der Justizwachtmeister hatte ihn von einem Treppenabsatz aus beobachtet. Als Jörgensen sich umdrehte, gab er den Blick auf die Tote frei.
„Ich suche Raum A 513.“
„Da sind Sie hier falsch.“
„Ich bin der neue Staatsanwalt.“
„Aha!“
„Heute ist mein erster Arbeitstag.“
„Aha!“
„Ich soll mich in Raum A 513 melden. Tja, - und dann fand ich hier die Leiche.“
Der Justizwachtmeister deutete auf den Müllsack. „Das erklärt das aber nicht.“
„Liegen hier noch mehr Leichen herum?“
„Na, nun werden Sie man nicht anzüglich. Ich treffe hier nicht jeden Tag angeblich neue Staatsanwälte, die hier nach Leichen suchen.“
Der Justizwachtmeister ließ ihn mit den Worten: „Sie warten hier!“ stehen.
Nach einer Weile stand Oberstaatsanwalt Brühne vor ihm, ein großer stämmiger Mann. Seine Glatze glänzte trotz des matten Lichts. „Sind Sie dieser Jörgensen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er seine Rede fort. „Sie kommen aus Lüneburg, wollen jetzt zur Staatsanwaltschaft Kap.?“ Bei dem Wort Lüneburg zog er die Brauen hoch und schaute leicht verächtlich. „Sie hatten dort wohl hauptsächlich mit Gleishockern, Ökos und Viehdieben zu tun. Ach, Sie wollen mal richtige Verbrechen bearbeiten. Naja, da gehört ein bisschen mehr zu. Die Leichen finden Sie ja schon, oder haben Sie die gleich mitgebracht?“
Jörgensen schwieg.
Der Flur füllte sich. Neugierige versuchten, einen Blick in den Warteraum zu werfen.
Mit festem Schritt ging ein Mann auf Brühne zu, der auf Jörgensen zeigte: „Der neue Staatsanwalt aus Lüneburg.“
„Jan Zuckowski, Hauptkommissar.“
Zuckowski, kräftige Statur, der Typ Macher, mit Outdoor-Funktionsjacke, eher Abenteurer im Busch als Hauptkommissar in Berlin. Jörgensen überragte ihn um einen Kopf. Mit dem neuen Kaschmirmantel, feinstes Tuch aus der Mongolei, fühlte der sich am Kriminalgericht und neben Zuckowski fehl am Platze.
„Bearbeiten Sie den Fall?“ fragte Zuckowski und wandte sich dabei Jörgensen zu, der sich über sein kurzes graues Haar strich und seine Brille zurechtrückte.
„Nei….“, er konnte nicht antworten. Brühne unterbrach ihn. „Keine schlechte Idee. Die Presse wird sich auf die Sache stürzen, vermuten, dass die gesamte Berliner Justiz in den Fall verstrickt ist. Sie sind hier noch ein ungeschriebenes Buch. Sie können in noch nichts verwickelt sein.“
„Am Hals befinden sich zirkulär verlaufende Striemen aus vertrocknetem, braunem Blut und weitere tiefrote Verfärbungen, wahrscheinlich erdrosselt.“
„Ach, jetzt ist der Jörgensen noch Rechtsmediziner.“
Warum war er nur nach Berlin gegangen? Er hatte sich das anders vorgestellt und mit einer Leiche am ersten Tag sowieso nicht gerechnet. Das Getuschel der Kollegen, als sich seine Frau Lina von ihm getrennt hatte, war für ihn unerträglich geworden. Deshalb die Idee wegzugehen.
Polizisten sperrten den Flur ab, die Spurensicherung nahm ihre Arbeit auf. Jörgensen war in Gedanken, als Zuckowski ihn ansprach: „Haben Sie am Tatort irgendetwas verändert?“
„Ja, ich habe den Müllsack beiseitegeschoben.“
„Sie sollten eine DNS-Probe abgeben. Sonst ermitteln wir Sie als Täter.“
Mit Akribie untersuchte ein Polizeibeamter die Leiche, jedes Kleidungsstück, jede Wunde, Augen und Mundöffnung. Er schien jedes Detail des Opfers, des Fundortes und des Zustandes der Leiche auf sein Diktiergerät zu bannen. Der Polizist drückte auf den Brustkorb des Opfers, beugte sich zum Mund, um den entweichenden Geruch wahrzunehmen.
Der Beamte hob die Leiche an, zerbrechlich lag der junge Körper in seinen Armen. Jörgensen erblasste „Wer tötet so ein Wesen?“
Ein Ermittler kam auf Zuckowski zu: „Wir haben eine Ladung gefunden. Ausweis hatte sie auch dabei. Es handelt sich wohl um eine Ozma Marie Becker. Die Adresse haben wir.“
„Schicken Sie die Leute weg. Prüfen Sie die Personalien. Wir können hier kein Publikum brauchen. Ich erwarte Ihren Bericht. Wo bleibt eigentlich Freud?“
„Die hat Urlaub.“
Brühne drehte sich zu Jörgensen: „So jetzt kommen Sie mal mit. Ihre neue Kollegin wartet schon.“
Jörgensen stolperte ihm hinterher. Nach einigen Treppen und Ecken standen sie vor A 513. Er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Ohne zu klopfen, riss Brühne die Tür zu einem kleinen, schmalen Raum auf. Eine hagere Frau saß im Zwielicht des Zimmers am Schreibtisch umgeben von Akten, einige am Boden. Der ihr gegenüberliegende Schreibtisch war leer. Jörgensen wunderte sich, nicht ein Computer.
Das Mobiliar wie das Gebäude unter Denkmalschutz, alte hölzerne Regale, die Schreibtische mit Plastikfurnier in Holzoptik.
Mit schwungvoller Bewegung zeigte Brühne auf die Frau: „Das ist Ihre Kollegin Morgenroth und das“, dann deutete er auf den leeren Schreibtisch, „ist Ihrer. Mit diesem Mord haben Sie einiges zu tun. Deshalb werden Sie zunächst nur ein allgemeines Dezernat übernehmen. Kümmern Sie sich um einen Dienstausweis. Melden Sie sich dafür in Raum A 214. Sie kommen ja jetzt alleine zurecht.“
Die Tür knallte zu. Jörgensen setzte sich. Morgenroth hatte ihren Blick wieder in ihre Akten versenkt. Sie blieb wortlos.
„Ich heiße Jörgensen.“ Ohne aufzusehen, brummte sie: „Ich weiß.“
„Wie läuft das mit der Arbeit?“ „Kommt schon.“
Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür und ein Justizwachtmeister erschien mit einem Aktenwagen. Wortlos packte er diese auf Jörgensens Schreibtisch. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Stirn, hinterließ einen Fleck auf einem Aktendeckel. Das Telefon läutete. Jörgensen zögerte abzuheben.
„Wie lange wollen Sie das noch klingeln lassen?“ Morgenroth richtete ihren Blick nicht auf.
Zuckowski meldete sich. „Das Opfer lebte in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft. Die hatten eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Morgen ist Gruppensitzung. Ich habe einen Termin mit dem Leiter gemacht.“
„Ich komme mit. Holen Sie mich vor dem Kriminalgericht ab.“
Jörgensen hatte kein Auto, weil es Lina bei der Scheidung behalten hatte. Eigentlich hatte sie alles bekommen.
2.
§ 160 I StPO
Sobald die Staatsanwaltschaft durch eine Anzeige oder auf anderem Wege von dem Verdacht einer Straftat Kenntnis erhält, hat sie zu ihrer Entschließung darüber, ob die öffentliche Klage zu erheben ist, den Sachverhalt zu erforschen.
AneinemKiosk,Zeitungen„KriminalgerichtMoabit–StaatsanwaltfindetLeicheimMüll“.DieSchlagzeileließihnleichtzusammenschrecken.ErbemerktedieBlickeeinesaltenMannes,entferntesichschnellundunauffällig.
Jörgensen verließ das Hotel, musste sich beeilen, er wollte Zuckowski treffen, erst aber noch schnell ins Kriminalgericht. Dabei stieß er mit einem Mann zusammen, der sich eilig, fast fluchtartig, von einem Kiosk entfernte.
In der Eingangshalle des Kriminalgerichts eine Figur, die verschlagen ihre Augen hinter einer Kappe aus Stein verbarg. Zwietracht und Unfrieden, dachte Jörgensen. Jetzt mit Zuckowski zur Wohngemeinschaft. Der wartete schon vor der Tür, als er das Kriminalgericht verließ.
Nachdem sie an der Wohnungstür geklingelt hatten, öffnete ein Mann, dunkle Locken und Brille, die mehr an die Siebziger Jahre erinnerte. Die hellen Turnschuhe passten nicht zu seiner Kleidung, einer dunklen Jeans und kariertem Hemd, in den Achtzigern trug man so etwas, vielleicht, und hieß Joschka Fischer. Er stellte sich als Oswald Kluge vor, Betreuer der Wohngemeinschaft.
Ohne Vorrede fragte Zuckowski nach dem Opfer. Kluge zögerte, berichtete dann aber: „Sie hieß Ozma Marie, ließ sich aber nur mit Marie ansprechen. Was es mit dem ersten Vornamen auf sich hatte, keine Ahnung, sie wollte auf keinen Fall so angesprochen werden. Sie war ungefähr vier Monate bei uns.“
„Wo kam sie her?“
„Sie wurde, warten Sie, ich schaue in den Unterlagen nach, am Ostbahnhof aufgegriffen. Ja, da habe ich es, es bestand der Verdacht, dass sie der Prostitution nachging.“
„Wo hat sie vorher gewohnt?“
„Wissen wir nicht. Bevor sie nach Berlin kam, war sie im Brandenburgischen gemeldet. Ein Kontaktversuch blieb erfolglos. Marie weigerte sich, irgendetwas aus der Vergangenheit zu erzählen. Sie wollte auf keinen Fall dort wieder hin. Wissen Sie, wir drängen hier niemanden. Die Jugendlichen kommen oft aus Familien, bei denen Gewalt eine große Rolle spielt. Deshalb erzwingen wir keine Kontakte. Es ist für die Jugendlichen wichtig, aus ihrer alten Umgebung herauszukommen, um sich neu orientieren zu können.“
Ja, aber woran, dachte Jörgensen. Das Bild dieses zerbrechlichen leblosen Körpers ging ihm nicht aus dem Kopf.
„Was wissen Sie von Marie?“
„Wenn Sie mich so fragen, wenig. Sie war in der Gruppe eine Außenseiterin. Marie war sehr ruhig, fleißig im Haushalt. Hatte ein angenehmes, freundliches Wesen, wirkte, als sei sie nicht von diesem Erdball.“
„Hatten die anderen Mitbewohner Kontakt zu ihr?“
„Ich glaube, nein. Die Jennifer hat Marie provoziert. Sie war auf Marie eifersüchtig. Die hatte so eine gewisse Anziehung auf Männer. Das war hier bei den Jungen in der Wohngruppe nicht anders. Sie bemühten sich um sie.“
„Könnte nicht ein Junge mehr gewollt haben, von ihr zurückgewiesen worden sein?“
„Da gab es keine Spannungen.“
„Hatte sie außerhalb Freunde oder Bekannte?“
„Nein, davon weiß ich nichts. Sie verließ die Wohnung kaum, hatte auch nie Besuch. Die Gruppe ist in der Küche und bereitet unsere Sitzung vor. Wollen Sie die befragen? Die wissen eventuell mehr.“
„Ja, aber einzeln.“
In diesem Moment gab es im Nebenraum Geschrei und sie hörten, wie Geschirr auf den Boden fiel und klirrend zerbrach.
Kluge sah Zuckowski an und sagte kurz: „Heute passt es aber nicht.“
Jörgensen wandte sich ihm zu: „Wir werden die Jugendlichen vorladen. Haben Sie eine Liste mit den Namen?“
Kluge übergab einen Zettel mit fünf Namen, der letzte Ozma Marie Becker.
Sie wussten immer noch wenig über das Opfer. Die Nachforschungen in der Wohngemeinschaft der Toten hatten eigentlich keine Erkenntnisse gebracht, die sie ernsthaft weitergeführt hätten.
Zuckowski hatte zwischenzeitlich den Wohnort der Mutter, ein kleines Dorf im Berliner Umland ermittelt. Dort war das Opfer bis zu ihrem Einzug in der Wohngemeinschaft gemeldet, der Vater unbekannt.
Jörgensen verbrachte eine unruhige, fast schlaflose Nacht, Gedanken jagten durch seinen Kopf und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.
3.
§ 152 I StPO
Die Ermittlungspersonen der Staatsanwaltschaft sind in dieser Eigenschaft verpflichtet, den Anordnungen der Staatsanwaltschaft ihres Bezirks und der dieser vorgesetzten Beamten Folge zu leisten.
MehrereMalehatteerdasKriminalgerichtumrundet.Erwusstenicht,warumesihnwiederhierhergezogenhatte.Vielleichtumetwasrauszukriegen.Eigentlichwaressinnlos,dasGerichtwarnochgeschlossen,dieStraßenleer,dieDunkelheitderNachtnichtverschwunden.ErscheutedenTag,wieAlCaponedieSteuer.
Jörgensen stand schon vor Sonnenaufgang auf. Als erstes würde er Zuckowski anrufen, um mit ihm ein Treffen zu vereinbaren.
Eine Stunde später stand Zuckowski mit dem Auto vor der Tür des Hotels. Jörgensen wartete bereits ungeduldig.
Durch die halbe Stadt, auf die Autobahn, die sie bald nach der Stadtgrenze wieder verließen, in ein kleines Dorf nördlich von Berlin. Aufgrund der Geschichte Stadt und Land exakt getrennt, anders als andere Metropolen hatte Berlin seine urbanen Flügel noch nicht auf das Umland gelegt. Die Umgebung dörflich, die Ruhe einer bäuerlichen Landschaft.
Durch die Brandenburger Alleen, kahl und ohne Grün vom Winter, Felder im flachen Land. Ein Anwesen abseits des Dorfes. Das Fahrzeug mussten sie außerhalb des Geländes abstellen. Jörgensen spürte die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Er schloss die Augen.
Sie standen vor einem grünen Holztor. Auf einem Schild: „Brüder und Schwestern des 11. Gebotes“. Zuckowski drückte auf den Klingelknopf. Jörgensen schlug seine Augenlider wieder auf.
Eine Frau, rosa Kleid, nein ein Gewand, schlicht, bis zu den Knöcheln, öffnete die Tür und fragte mit zaghafter Stimme: „Wohin wollen Sie?“
„Zu Frau Becker.“
Sie erwiderte: „Sie müssen erst zum Ozmo.“
Das Gelände ruhig trotz in matt rosa oder graublaue Gewänder gehüllter Menschen, die säten, pflanzten und den Boden hackten, viele Kinder mittendrin, ein Gemälde von van Gogh.
Während die Sonne auf den Hof fiel, bemerkte Jörgensen den Lärm und den Stress der Stadt, der plötzlich nicht mehr vorhanden war, als Zuckowski ihn mit lautem Ton von der Seite ansprach: „Wollen Sie nicht mitkommen?“
Seine Stimme hallte über den Hof und ließ die Bewohner für einen Moment aufhorchen.
Der Ozmo, ein hochgewachsener dünner Mann, auf dem Kopf eine dunkelblaue Samtkappe mit rosa Sternen bestickt. Haare weder am Körper noch auf dem Kopf. Eine dunkelblaue indische Kurta, ein knielanges Hemd mit Stehkragen, die flatternde Hose in gleicher Farbe, das wohl gewollte Bild eines spirituellen Lehrers. Der Geruch von Duftöl, vielleicht von Flieder, Lavendel oder Patchouli, füllte den Raum.
Die Sonne schimmerte durch das kleine Sprossenfenster und ließ einen Lichtstrahl auf den Ozmo fallen, viele Tücher sowie Kissen, in Indigoblau und Weiß wie in den Himmel getaucht.
„Jan Zuckowski, Hauptkommissar, wir müssen mit Frau Becker sprechen. Ihre Tochter ist verstorben.“
„Oh, Ozma Marie ist von uns gegangen“, sagte der Ozmo mit warmer Stimme. Er senkte die Augen, faltete die Hände, als wolle er beten, murmelte. Ungeduldig wippte Zuckowski auf seinen Füßen, konnte das Mantra kaum ertragen.
„Haben Sie noch Fragen an mich?“
Zuckowski antwortete sofort: „Nein.“ Jörgensen interessierte die Gemeinschaft. Deshalb ging Zuckowski zu Frau Becker, Jörgensen blieb bei dem Ozmo und fragte: „Was machen Sie hier?“
„Wir sind eine Gemeinschaft, die sich der Fürsorge und Liebe von Kindern widmet. Ich bin der Ozmo.“
„Was ist ein Ozmo?“
„Ich bin Mentor der Gemeinschaft. Ozma sind die Mädchen und Frauen, die Prinzessinnen. Die Jungen und Männer sind die Oz, die Zauberer.“
Kindergarten, dachte Jörgensen und schmunzelte.
„Sie werden das albern finden. Dies ist ein sicherer und friedlicher Raum für Kinder fern von Hass und Gewalt. Sie sind das Zentrum unseres Denkens. Die Welt voll Kinderfeindlichkeit, hier ein Ort der Liebe.“
Dagegen war nichts zu sagen Der Ozmo fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Unsere Vision ist weder religiös noch wissenschaftlich, sondern die Sonne der Selbsterkenntnis, die im Inneren des Menschen aufgeht, wenn er seinem Weg folgt.“
Er schaute für einen Augenblick auf seine gefalteten Hände, was Jörgensen dazu veranlasste, dies ebenfalls zu tun. Demut, dachte er.
Der Ozmo setzte seine Rede fort:„Platons Höhlengleichnis zeigt den Pfad der Erkenntnis. Die Gesellschaft fürchtet das Licht und verharrt in Gefangenschaft. Wir aber gehen Schritt für Schritt im Algorithmus ins Licht.“
Jörgensen schaute ihn fragend an.
„Sie kennen den Begriff im Zusammenhang mit Computern.“
„Ich weiß nur, dass es sich eigentlich um den Namen Muhammed al-Chwarizmi handelt, dessen Namen in der lateinischen Übersetzung falsch übertragen wurde.“
„Seit Jahrtausenden existieren Algorithmen. Heute glaubt man, dass sie der Lösung von Rechenprozessen dienen und Computeraufgaben lösen. Das Geheimnis des Menschen liegt in seinen Algorithmen, denen er folgt. Eindeutige Handlungsvorschriften führen uns zum Erfolg. So finden wir das Licht, das uns die Zukunft bringt.
In Ihrer Gesellschaft leben Sie rückgewandt. Ihre Gesetze greifen erst, wenn etwas geschehen ist.
Ein Täterprofil ist ein Algorithmus. Der Profiler kennt den Ort, die Indizien und die Umstände der Tat und kann auf den Charakter des Täters schließen. Kennen wir den Algorithmus, können wir Kriminalität verhindern.“
Jörgensen schaute ihn nachdenklich an.
„Man kann das Tun im positiven Sinne beeinflussen, die Menschen können friedlich erleuchtet zusammenleben. Wissen wir, was ein Mensch tun wird, können wir eingreifen, das Schicksal beeinflussen. Das Licht erkennen. Dann brauchen wir für unser Zusammenleben weder Gesetze noch Strafen .“
Der Ozmo lächelte Jörgensen an, „Halleluja“, er hatte vom Baum der Esoterik gekostet. Ihm wurde aber nach einiger Zeit wieder klar, warum er überhaupt dort war und fragte: „Warum hat Marie die Gemeinschaft verlassen?“
„Ozma Marie ist vor ein paar Monaten fortgegangen. Ich habe es gesehen. Es war Ozma Maries Weg.“
„Warum haben Sie oder die Mutter keine Vermisstenanzeige aufgegeben?“
„Das widerspricht den Grundsätzen unserer Gemeinschaft. Sie beruht auf Freiwilligkeit, niemand wird verfolgt, mit Zwang gehalten.“
Jörgensen schwieg. Gedanken wanderten durch seinen Kopf, Algorithmen, Licht, nicht Computer entschieden den Pfad, sondern der Mensch bestimmte seinen Algorithmus. Der Ozmo drückte ihm eine Broschüre in die Hand und flüsterte, während er verschwand: „Jetzt ist die Zeit des Schweigens.“
Benommen verließ Jörgensen den Raum und stieß ein wenig später auf Zuckowski, der ihm wütend entgegentrat. „Was ist das denn hier? Aus der Frau war nichts herauszubekommen. Ihre Tochter, für sie eine Fremde. Sie sagte nur, sie habe ihre Tochter mit sechs Jahren dem Ozmo übergeben.“
Jörgensen schaute ihn an und sagte: „Die haben ein anderes Lebenskonzept.“
Zuckowski schüttelte den Kopf: „Wollen Sie hier gleich eintreten? Sie haben ja einen Knall.“
Jörgensen war über diese heftige Reaktion geschockt und hielt Zuckowski für einen unsensiblen Klotz.
In diesem Moment läutete Zuckowskis Handy. Dieser hob das Handy an sein Ohr, stand plötzlich stramm wie ein Stock und sagte sich wiederholend, wie in einer Warteschleife: „Ja, Mama! Ja, Mama!....“ Er beendete das Gespräch mit: „Ja, ich komme pünktlich zum Essen, Mama.“
Auf der Rückfahrt schwiegen beide, bis Zuckowski doch noch etwas sagte: „Wir sollten die Becker offiziell vorladen, damit wir eine ordentliche Vernehmung durchführen können. Da stimmt irgendetwas nicht.“
„Der Ozmo hatte interessante Gedanken. Man muss sich dem doch nicht gleich verschließen.“
„Darum geht es nicht. Wir ermitteln. Die Staatsanwälte haben keine Ahnung von polizeilicher Ermittlungsarbeit und spielen sich dabei als Herren des Verfahrens auf. Die Polizei nur die Hilfstruppe. Ich hab‘ da Schwierigkeiten.“
Jörgensen schluckte.
„Was glauben Sie denn, bei der Staatsanwaltschaft wird hochqualifizierte Arbeit geleistet. Polizei und Staatsanwaltschaft sollen vertrauensvoll zusammenarbeiten, eine Behörde muss dabei den Hut aufhaben. Sehen Sie das nicht ein?“
Der vertrat seine Ansicht vehement weiter: „Es gab ja schon Versuche, dass die Staatsanwaltschaft reine Anklagebehörde wird. Die Polizei braucht keine Aufsicht. Wir haben das von der Pieke auf gelernt. Sie haben Ihre Gesetze, prüfen Ihre Akten und entscheiden, ob Sie anklagen. Wozu muss die Staatsanwaltschaft sich noch bei uns einmischen. Im Zweifel ermitteln wir wie die Dummen, und die Staatsanwaltschaft verpennt die Anklageerhebung und muss den Beschuldigten frei lassen. Unsere ganze Ermittlung, in den Wind geschissen.“
Zum Abschied bekam Jörgensen nur ein kurzes leises: „Bis morgen“, heraus.
4.
§ 211 II StGB
Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.
ErsaßinseinemWohnzimmer,blättertehastiginderZeitung.Erfand,wasersuchte:„JustiztapptimDunkeln“TypischMoabit.Er lehnte sich zurück und dachte, wenn er so seine Geschäfte führen würde, käme er zu nichts.
Im Berliner Sprachgebrauch nannte man das Kriminalgericht einfach Moabit, auch wenn mittlerweile Teile des Regierungsviertels dazu gehörten, Synonym der Berliner Strafjustiz. Der Ursprung des Namens umstritten, entweder biblischen Ursprungs, das Land der Moabiter, oder aus dem Slawischen, „Verfluchtes Land“.
Das Kriminalgericht ein ganzer Gebäudekomplex mit integrierter Untersuchungshaftanstalt, Gebäudeteile nach und nach angebaut, ein weiterer Eingang in der Wilsnacker Straße, das Kriminalgericht reichte für die Masse der Verfahren nicht mehr aus.
Bevor er am nächsten Morgen den Eingang in der Wilsnacker Straße durch den Neubau B betrat, dachte er, dass er endlich seine Wohnungssuche intensivieren müsste. Das Hotel war auf Dauer zu teuer und trostlos.
„Heute, nach Dienstschluss“, nahm er sich vor.
