Helene - Thoralf Czichon - E-Book
Beschreibung

Liebe kennt man nur aus Film & Fernsehen? Das galt für den fünfzehnjährigen, sehr schüchternen Lukas auch immer. Nach vielen Strapazen, unangenehmen Erfahrungen, Umzügen und fehlenden Freundschaften wechselt er jedoch auf eine Schule, die sein Leben ganz schön aufwühlt: Denn als er an seinem ersten Schultag auf Helene trifft, taucht er in eine ihm völlig unbekannte, neue Welt ein ... Eine wunderschöne, rührende Geschichte, die von der Kraft der Liebe und der Selbstfindung erzählt. Gefühle und Gedanken werden besonders intensiv dargestellt und der Text lässt einen hautnah miterleben.

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Seitenzahl:236

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Zum Autor:

Thoralf Czichon wurde 2002 in Berlin-Charlottenburg geboren. In jener Stadt geht er in die elfte Klasse eines altsprachlichen Gymnasiums. Ihm wurde frühzeitig ein Talent im Schreiben, Lesen und Sprechen zugesprochen und so übersprang er eine Klasse und begann bereits mit sechs Jahren, eigene Geschichten zu schreiben. Mit fünfzehn Jahren schrieb er sein erstes Buch „Helene“.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Prolog

Wir wohnen nun schon seit ungefähr einem halben Jahr in Berlin. Mit „wir“ meine ich mich, Lukas – fünfzehn und schüchtern, und meine Eltern Frank und Karoline, kurzum: die Familie Behrens. Gebürtig stamme ich aus Hildesheim in Niedersachsen, doch zuletzt wohnten wir in München, da mein Vater dort ein großes Bauprojekt leiten durfte – mein Vater ist Bauingenieur, doch als dieses dann beendet war, konnten wir auf Dauer unsere Wohnung, die uns der Baukonzern bezahlt hatte, nicht mehr leisten, und da in München alle Mieten so hoch waren und es keine wirklich billigeren gab, sind wir nach Berlin umgezogen. Nicht nur aufgrund der Mieten, sondern auch wegen einer neuen, guten Arbeitsstelle für meinen Vater. Wir sind oft – bisher insgesamt sechs Mal – umgezogen, was diverse Gründe hatte. Selbst wenn ich an meiner Schule freundschaftliche Kontakte geknüpft hatte – das fiel mir jedes Mal schwer, da ich sehr unsicher bin – dauerten sie nicht lange an; jedes Mal in eine neue Klasse mit neuen Leuten zu kommen, immer der Neue zu sein, komisch angestarrt zu werden, sich einen Sitzplatz neben jemanden aussuchen zu müssen, potentielle Freunde zu finden, die aber nicht lange meine Freunde blieben, war hart. Eigentlich habe ich gar keine Motivation mehr, Freunde zu finden, da ich fast nie welche abbekomme, da alle schon befreundet sind und mich keiner möchte oder wir wieder wegziehen. Ich hatte schon oft Protest eingelegt, aber was soll man machen? Die Eltern sind, wenn man erst fünfzehn ist, noch die Machtpersonen. Zumindest, was so große Entscheidungen anbelangt. Auch wenn ich alles getan habe: Ich hatte lediglich an einer Schule „nette Bekanntschaften“ gefunden, keine richtigen besten Freunde, aber immerhin habe ich mich bei ihnen ziemlich wohl gefühlt, und jene habe ich, da wir gemeinsam bei mir zu Hause an einem Schulprojekt gearbeitet haben, meinen Eltern vorgestellt und ihnen an einem nahen Beispiel verdeutlicht, wie glücklich ich hier sei, doch sie sagten immer wieder: „Es ist besser so, das Leben wird in …. (setze Stadt ein, in die wir umziehen werden) besser sein; dort wirst du auch sicher Freunde finden…. dort ist es so toll und so viel besser, das musst du verstehen, Lukas“ und änderten ihre Meinung nicht. Es war immer das gleiche Procedere. Doch trotz alledem habe ich meine Eltern sehr gern und ich weiß, dass auch sie mich über alles lieben. Manches Mal konnte ich sie tatsächlich auch verstehen, da ich Verursacher dafür war, dass wir aus unserer Wohnung geschmissen wurden. Ich hatte tragischerweise einen Brand in der Küche entfacht. Fragt nicht, wie ich das hinbekommen habe, doch zu allem Entsetzen habe ich leider auch noch vergessen, dass das Löschen eines Fettbrandes – genauer gesagt eines Ölbrandes – mithilfe von Wasser nicht ratsam ist. Die komplette Küche wurde abgefackelt und auch ich hatte leichte Verbrennungen, deren Relikte immer noch leicht an meinen Händen zu sehen sind. Ein anderes Mal wurde mein Vater arbeitslos oder ich hatte schulische Probleme, sodass ich weg wollte (das war der Fall an meiner letzten Schule in Berlin). Meine Mutter arbeitet übrigens als freie Journalistin, ihr macht es natürlich nichts aus, dass wir umziehen. Eigentlich sollte ich froh sein, dass wir immer innerhalb Deutschlands bleiben. Nicht, dass wir irgendwann noch ins Ausland ziehen, beispielsweise nach Tschechien, da sollen die Mieten deutlich preiswerter sein als hier in Deutschland. Nun gehe ich hier in Berlin aufs Hedwig-Gymnasium in Dahlem. Dahlem ist ein Ortsteil von Steglitz-Zehlendorf und Steglitz-Zehlendorf ist der südwestlichste Bezirk Berlins. Dahlem ist eine ausgesprochen schöne Gegend im Vergleich zu anderen Teilen Berlins und zu den anderen Orten, an denen wir die letzten Jahre gelebt haben. Ich bin immer davon ausgegangen, Berlin wäre eine verpestete, laute, schmutzige Stadt mit viel Graffiti an Häusern (das war ich zwar schon etwas von München gewohnt, dennoch sei München die „lebenswerteste“ Millionenstadt in Deutschland), erfüllte somit die Denkweise eines Großstadt-Klischees. Aus dem Grund hatte ich mich eher weniger auf Berlin gefreut, auch wenn viele sagen, Berlin sei cool, aufregend und hip. Doch ich habe mich tatsächlich getäuscht: Natürlich gibt es auch die Problembezirke wie Kreuzberg oder Neukölln – unsere letzte Wohnung hatten wir nämlich in Kreuzberg – aber unser neuer Wohnort Dahlem liegt glücklicherweise direkt am Grunewald, dem bekanntesten Berliner Wald, die Luft ist frisch und angenehm in dem Areal für eine Großstadt durch die vielen Bäume und Dahlem weist sogar dörfliche Strukturen auf, außerdem ist es sehr sauber und die Menschen sind auch alle sehr freundlich und hilfsbereit. Ich war wirklich positiv überrascht, als ich hier ankam, doch gleichzeitig frustriert, da ich befürchtete, wir würden eventuell wieder nicht lange bleiben – aus welchen Gründen auch immer. Das Hedwig-Gymnasium sei ein Elite-Gymnasium, an dem Altgriechisch und Latein unterrichtet wird. „Das gibt es nicht oft“, erklärte mein Vater, um mich positiv zu stimmen. Ich bin zum Glück einigermaßen gut in der Schule, daher war ich schon immer auf Gymnasien. In der Grundschule war ich immer Klassenbester, habe sogar die dritte Klasse übersprungen – außerdem wurde ich mit fünf Jahren eingeschult, sodass ich eigentlich schon in der zwölften Klasse wäre. Die Betonung liegt auf „eigentlich“, denn dadurch, dass wir zweimal mitten im Schuljahr umgezogen sind, verweigerten zwei Schulen, dass ich mitten im Jahr einsteigen darf und so musste ich an den anderen Orten das gesamte Jahr nochmal machen. Somit gehe ich mit fünfzehn noch in die zehnte Klasse. Noch ist relativ, die anderen Zehntklässler sind nämlich auch um die fünfzehn, sechzehn. Mein „Vorsprung“ wurde somit wett gemacht: Ich bin genauso alt wie die anderen in meiner Klasse, was mir hoffentlich zu Gute kommt. Ich hatte an meinen früheren Schulen teilweise aufgrund des Altersunterschiedes zu meinen Mitschülern gelitten; wie zum Beispiel in Hamburg: Dort hatte vor ein paar Jahren einer meiner Lehrer gemeint, dass ich einen IQ-Test machen sollte, da er vermutete, ich könnte hochbegabt sein. Und beim Test kam tatsächlich ein Ergebnis von 140 heraus, was allerdings oft der Grund dafür war, dass ich gehänselt wurde. Meine Mutter hat mich immer wieder ermutigt und hat mir beigestanden und bekräftigt, dass die anderen nur neidisch seien, da sie nicht so schlau seien wie ich und mich nur aufgrund dessen ärgern und ausschließen. Aber was änderte es an meiner Situation? Oft habe ich mir gewünscht, ich wäre ein ganz normaler Junge, ein Junge, der auch rumpubertiert wie die anderen, dann hätte ich sicherlich mehr Glück, was Freundschaften betrifft. Niemand will mit einem „Freak“ befreundet sein.

Kapitel 1

„Aufwachen, Lukas! Hast du deinen Wecker nicht gehört?!“, höre ich meinen Vater aus dem Flur schreien. Wie aus einem Albtraum werde ich aus meinem Schlaf gerissen, kein Wunder, so laut, wie mein Vater gebrüllt hat. „Schrei doch nicht so! Hättest mich ja auch netter wecken können…“, beschwere ich mich mit einem sehr schläfrigen Unterton, auf das ein Gähnen folgt. Als ich mich träge aufrichte, mich auf einen Ellbogen stütze und auf meinen Wecker schaue, stelle ich fest, dass ich tatsächlich verschlafen habe. 7:19. „Wie denn, wenn du so tief schläfst? Warst du gestern im Bett etwa noch mit deinem Handy beschäftigt?“, fragt er.

„Vielleicht“, antworte ich ihm provokativ. „Du weißt, heute ist dein erster Schultag“, ruft er mir zu, während er ins Bad geht, um seine Stoppeln wegzurasieren, was ein mehr als dummer und überflüssiger Kommentar war. Wenn ich das nicht wüsste, hätte ich schön ausschlafen können, mir nicht den Wecker stellen müssen, wäre nicht so verdammt müde und würde kein Ziehen in der Magengegend verspüren. Ich habe nicht im Geringsten Lust auf Schule, wer hat das schon? Aber das Schlimme bei mir ist, dass das mein erster Schultag an einer neuen, fremden Schule ist, und kein normaler Schultag. Der letzte erste Schultag an einer neuen Schule ist mittlerweile ziemlich genau fünf Monate her. Ich ging – auch in Berlin – auf das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Kreuzberg – wie schon gesagt, auf dem ich, leider, keine Freunde fand und sogar übel gepiesackt wurde, sodass ich froh war, umzuziehen; ich habe um ehrlich zu sein sogar gebettelt, denn ich wurde permanent ausgeschlossen – absichtlich – und es kam so oft ein hänselnder Spruch wie „Hast du mal in den Spiegel geguckt?“ oder ähnliches, worunter ich sehr litt. Des Öfteren wurde ich auch aufgrund meiner Einsamkeit gehänselt, meines Außenseiterseins. Der einzige Ort, an dem ich gute Freunde, – naja, mehr nette Kumpanen als beste Freunde – fand, liegt sehr weit weg. Man könnte fast sagen, am anderen Ende Deutschlands, und Kontakt haben wir leider auch nicht mehr. In Tübingen. Einer schönen, alten Universitätsstadt – vor drei Jahren lebten wir dort – und selbst von dort, der Stadt mit der höchsten Lebensqualität, wie man sagt, sind wir weggezogen.

Aber ich weiß genau, es hat keinen Zweck an meine schöne Vergangenheit zu denken. Unnötige Traurigkeit, unveränderbares Tränenfließen. Wir sind im Hier und Jetzt und jetzt heißt es: nach vorn blicken, so schwer es mir auch fallen mag. Übermüdet torkele ich aus meinem Bett, schlüpfe in meine Filzpantoffeln und tappe an mein Fenster. Da mir ein wenig schwindlig ist, drücke ich meine Stirn auf die Glasscheibe und schaue nach draußen. Die Glasscheibe ist eiskalt von der kühlen Außentemperatur und wirkt sich wie ein Kühlpack auf meine Stirn aus. Draußen ist es noch halb dunkel und außer ein paar Vögeln, die man von draußen zwitschern hört, hört man rein gar nichts. Ich mache das Fenster für kurze Zeit auf und erfrische mich an der kühlen, aber so angenehm frischen Luft. Eine Fuhre frischen Sauerstoff früh morgens zu tanken, tut mir immer gut und macht mich wach. Man könnte sagen, das wäre meine Koffein-Alternative, denn ich trinke keinen Kaffee. Es sei denn, ich kippe Unmengen an Zucker und Milch dazu. Auf dem Weg Richtung Bad drehe ich meine Heizung aus, die die ganze Nacht über auf Stufe vier mein Zimmer warmgebrutzelt hat. Wir leben in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit fünfundsiebzig Quadratmetern im Erdgeschoss. Sie ähnelt sehr den anderen Wohnungen, in denen wir gewohnt haben. Meine Mutter sucht sich eben immer ähnliche Wohnungen aus und richtet sie dann auch genauso ein wie die Wohnung davor. Mein Zimmer darf ich mir zwar immer selbst zusammenstellen, jedoch auch das bekommt immer dasselbe Aussehen, schließlich bleiben die Möbel, die mein Zimmer einrichten, ja und werden nicht weggeworfen. Es besteht aus meinem Bett – logisch, einem Kleiderschrank, einem Schreibtisch mit Tischlampe, Rechner und Schubladen, einem vollen Bücherregal, welches direkt neben meiner Kuschel-Leseecke steht, in der ich mich abends einkuschele und abschalte und einem Nachttisch neben meinem Bett, auf dem sich mein Wecker befindet. Ich bin übermüdeter denn je, schaue in den großen Spiegel des Badezimmers; ich habe schwarze, kurze – weil ich gerade aus dem Bett komm’, zerzauste Haare, tiefblaue Augen, eine Stupsnase und bin für mein Alter ziemlich klein. Ich sehe so aus, wie ich immer aussehe, wenn ich müde bin. Ich pule mir den Schlafsand aus meinen Augen und erfrische mich am Waschbecken. Anschließend dusche ich, frühstücke mein Müsli, welches ich jeden Morgen frühstücke und ziehe mich an. Ein T-Shirt, darüber ein Pullover und darüber eine Winterjacke.

Lediglich mit der Ausnahme, dass ich heute wie so oft auf meine Joggingeinheit verzichtet habe, und, dass ich verschlafen habe, beginnt der Schultag wie jeder andere – obwohl es ja ein besonderer Tag ist.

Es ist ein typischer Novembermorgen, es ist kalt, schätzungsweise drei Grad Celsius, düster, da die Sonne in der Jahreszeit immer erst um kurz vor acht aufgeht, sodass ich sogar noch im Dunkeln zur Schule gehe, etwas nass. Wahrscheinlich hat es in der Nacht geregnet, was ich aber nicht mitgekriegt habe. Ich denke über den heutigen Tag nach, sammle mich.

„Denk’ dran, was dir der Psychologe gesagt hat“, erinnert mich mein Vater, bevor ich losgehe. Wir waren vor ein paar Wochen beim Psychologen, da ich ziemlich fertig war – von der Situation meiner alten Schule – und er mir Tipps geben sollte, wie ich mich am besten an einer neuen Schule verhalten sollte, wie ich schnell Freunde finden würde. Eigentlich bestand sein ellenlanges Gefasel nur darin, dass ich „aus mir herauskommen“ sollte. Um 7:45 mache ich mich dann auf den Weg zu meiner neuen Schule. Meine Mutter und ich sind den Weg am Vortag langgegangen, sodass ich weiß, wo ich lang muss. Der Weg ist nicht weit, ich muss nur einen kurzen Abschnitt einer großen, verkehrsträchtigen Straße folgen. Die Straße ähnelt einer Allee, da auf beiden Seiten in dichten Abständen Bäume gepflanzt wurden. Nach ein paar hundert Metern biege ich in eine kleine Dahlemer Gasse rechts ab, in der viele reiche Leute wohnen, da es hier nur so von alten, schönen, großen Villen wimmelt, der ich diesmal ein längeres Stück folgen muss, woraufhin man dann aber bereits am Horizont das riesige Schulgebäude und dessen Turm herausragen sieht, welches mich an Hogwarts aus Harry Potter erinnert. Ich lese gerne, unter anderem habe ich früher Harry Potter gelesen, aber ich lese auch unbekanntere Bücher. Der Himmel ist trüb und grau und ich spüre ein paar Tropfen auf meine Jacke prasseln. Es fängt an zu nieseln, was mich gerade aber gar nicht stört, im Gegenteil, der Regen erfrischt mich und lässt mich einen klaren Kopf haben. Die Straßen durchzieht ein milchiger Nebel. Ich fühle mich wie sonst auch immer vor einem ersten Schultag an einer neuen Schule, leicht aufgeregt, aber ich bin zielgerichtet, da ich weiß, je schneller und zielgerichteter ich laufe, desto einfacher wird es mir fallen. Effektiver als langsam und unsicher zu gehen, ich kann mich eh nicht davor drücken, ich muss mir einfach einen Ruck geben. Von der Schule habe ich einen schön farblich gekennzeichneten, strukturierten, in die fünf Wochentage eingeteilten Stundenplan mit den Zeiten, Fächern und den entsprechenden Räumen erhalten. In der Spalte Montag steht an erster Stelle: Deutsch, Christoph, 212

Ich muss ins erste Obergeschoss, das wurde mir bereits gesagt, in den Deutschunterricht der 10b in den Raum 212 und Christoph heißt anscheinend der Lehrer oder die Lehrerin. Das Schuljahr ist schon fast rum, ich komme also auf den letzten Drücker her, aber für das Halbjahr werde ich noch benotet. Im Februar geht es dann in die elfte Klasse – womöglich sogar auf dieser Schule. Ein paar Häuser weiter stehe ich dann direkt vor dem imposanten Schulgebäude. Es ist atemberaubend, ein unfassbar massiver Steinbau mit vielen Verzierungen, eine sehr schöne Architektur.

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, kein Erdbeben dieser Welt könnte dieses Gebäude zum Einsturz bringen. Eigentlich gleicht das Gebäude mehr einem Schloss als einer Schule. Vor dem Schulgebäude befindet sich ein großer Schulgarten, in dem die Schüler selbst Gewächse anpflanzen – vermutlich im Rahmen des Biologie-Unterrichts. Das erkenne ich daran, dass dort viele Blumentöpfe mit Schülernamen und deren Klasse versehen stehen oder kleine Zettelchen an bereits im Boden eingepflanzten dürren Pflänzchen hängen und es verschiedene Beete gibt, in denen bereits eingepflanzt wurde, z.B. Kohl oder Zwiebeln, und vor welchem jeweils ein Schild mit der Beschriftung der jeweiligen Klasse im Boden verankert ist. Außerdem sieht man viele künstlich in eine Form gebrachte Hecken, wie in Königsgärten. Das Schulgebäude ist ein Altbau aus dem Jahre 1867, das steht zumindest auf dem großen Eingangstor. Ich habe im Internet über diese Schule recherchiert, ein paar Seiten durchforstet und festgestellt, dass sie eine der ältesten Berlins ist. Naja, gar nicht mal so übel. Das Schulgebäude fällt durch den Aussichtsturm auf. Ein etwa zwanzig Meter über dem eigentlichen Schuldach thronender spitzer Turm mit Grünspandach, der alles kontrolliert. Das ganze Schulwesen, wer hier alles ein- und ausgeht. Das schöne, große Eingangstor ist mit zwei mit Schwertern bewaffneten unidentifizierbaren Figuren (vermutlich Fabelwesen) links und rechts versehen. Über dem Eingang thront ein Adlerkopf aus Stein, dessen Schnabel etwas beschädigt ist. Als ich durch die große Eingangstür gehe, bin ich deutlich aufgeregter, als zuvor, als ich noch aus dem Haus ging. Überall im Schulgebäude stehen alte Säulen, die antiken griechischen beziehungsweise römischen Säulen gleichen, nur die eingekerbten Rillen im Stein fehlen.

Sicherlich wurden sie mehrmals renoviert, sonst wären sie nicht in diesem Zustand. Die Treppenflure sind gigantisch, das Gebäude sieht im Innern wie ein Museum aus: eine Eingangshalle, ein großer Saal, wenn man weiter entlang geht. Am Durchgang von Eingangshalle zum Erdgeschoss-Plateau fehlt nur noch eine Kasse. Selbst das Skelett eines Tieres – wahrscheinlich das eines Pferdes oder einer Kuh – erblicke ich am Ende des Ganges, vermutlich, um zu symbolisieren, dass die Schule ein schwerpunktmäßig naturwissenschaftlich-ausgelegtes Gymnasium ist – und ausgerechnet die naturwissenschaftlichen Fächer sind meine schlechtesten Fächer, aber das ist auch relativ irrelevant, da die naturwissenschaftlichen Fächer nicht mehr zählen als andere Fächer. Da ich spät dran bin, habe ich keine Zeit mehr mich groß umzusehen und gehe zügig die Treppen in den ersten Stock hinauf. Jede weitere Treppenstufe, die ich aufsteige, bin ich aufgeregter. Ich habe dieses Nervositätsgefühl, was schwer zu beschreiben ist, ein Gemisch aus Kribbel und Herzpochen, dazu noch ein starkes Zusammenziehen des Magens. Jedenfalls spüre ich die Aufregung förmlich in meinem Körper.

Ich stelle immer mehr fest, dass ich heute viel aufgeregter bin als an den anderen Tagen, an denen ich neu auf eine fremde Schule kam. Vermutlich liegt das daran, dass die Erfahrungen an meiner letzten Schule nicht besonders gut waren und ich Angst habe. Angst, dass ich auch hier wieder nicht gut aufgenommen und nicht akzeptiert werde. Doch, wenn ich die ganze Zeit daran denke und mit negativen Gedanken und somit verunsichert in den Raum komme, kann das erst recht nichts werden. Ich muss selbstbewusst erscheinen, optimistisch und zuversichtlich denken, der Schule eine Chance geben.

Bevor ich den eigentlichen Raum aufsuche, gehe ich ins Jungen-WC, welches ich zufällig erblicke. Die Tür war nicht zu übersehen: Ganz fett steht da „Herren WC“ dran. Es riecht widerlich hier drin, nach einer Mischung aus Urin und Kalk. Ich möchte gar nicht wissen, wie die Toiletten aussehen. Muss ich aber auch gar nicht, denn ich möchte nur schnell an ein Waschbecken. Ich schütte mir ein wenig Wasser ins Gesicht, verteile es im Gesicht, trockne es wieder ab und betrachte mich im Spiegel. Eigentlich finde ich mich recht hübsch, aber in diesem Spiegel sehe ich irgendwie merkwürdig blass aus, was am schwachen Deckenlicht liegen muss, das verunsichert mich ein wenig, aber beirrt mich dennoch nicht grundsätzlich.

Ich mache meine Frisur so gut zurecht wie möglich, schließlich muss der erste Eindruck sitzen. Der erste Eindruck ist der wichtigste Eindruck. Ich mache mir viel zu viele Gedanken, merke ich in dem Moment. Es ist alles gut. Es wird alles gut gehen. Das Schlimmste wird sein, den Mitschülern kurz etwas über mich zu erzählen. Ich weiß nicht, ob ich das an dieser Schule auch machen muss, an den letzten zwei Schulen musste ich es jedenfalls tun. Bei der Vorstellung, dass mich alle komisch anstarren und ich mich beim Reden verhaspele, dass nur ein Stammeln aus meinem Mund kommt, mein Kopf tiefrot anläuft und mich alle auslachen, graust es mir. Wenn ich daran denke, dann fängt nur wieder mein berühmtes Beinschlackern an.

Nein, das wird nicht passieren. Ganz kurz und lässig werde ich mich vorstellen. Stelle mir vor, dass mich überhaupt niemand anguckt, sondern ich allein vor einem Spiegel stehe und für ein Bewerbungsvideo übe. Gut, so einfach geht’s dann wahrscheinlich nun doch nicht. Aber ich habe mir ja zum Glück einen groben Faden angelegt, was ich ungefähr sagen werde. Somit kann es eigentlich gar nicht allzu schlimm enden. Ohne Text reinzukommen und improvisieren zu müssen, wäre dann deutlich schlimmer. Als ich wieder aus der Toilette hinausgehe, schließe ich kurz die Augen, atme tief durch, während mein Herz in schnellem Rhythmus pulsiert und gegen meinen Brustkorb hämmert. Anschließend gebe ich mir einen Ruck und blicke auf die Nummer des Raumes neben der Toilette:

Raum 236

Lager Gesellschaftswissenschaften

steht auf dem Schildchen zur Raumangabe. In Richtung dieses Zimmers nehmen die Nummern zu, dementsprechend muss ich in die entgegengesetzte Richtung. Mein Kopf glüht. Ich schlage mir die negativen Gedanken, die in meinen Kopf hineinschwirren, wieder heraus und atme ganz locker ein und aus, als würde ich ein ganz normaler Schüler dieser Schule sein, lässig in den Unterricht spazieren, mich zu meiner Clique setzen und quatschen. Ich blende die Gesichter der anderen Schüler, die mir entgegenkommen, aus und gehe fokussiert, konzentriert, kaum atmend und schnurstracks den Gang entlang. Schaue immer nur kurz nach rechts auf die Nummern der anderen Räume, um mich zu orientieren.

218, 217, 216. Fast da. Die Anspannung und Nervosität brodeln immer stärker in mir und mein Magen zieht sich zu einem Knoten zusammen.

Das packst du.

Ich bin relativ spät dran, es ist bereits zwei Minuten vor acht, deshalb beeile ich mich lieber ein bisschen. Am ersten Schultag zu spät kommen hinterlässt einen schlechten Eindruck.

Schließlich erblicke ich den Raum: 212. Ein Angstkribbeln durchfährt plötzlich meinen gesamten Körper wie ein Blitz, der in mir einschlägt und seine Ladung abgibt. Mein Geist möchte lieber zaghaft und langsam rein, mein Körper lässt es jedoch nicht zu und bleibt tapfer. Meine Beine bewegen sich, mein Gehirn möchte es stoppen, aber weiß auch, dass es die Beine nicht stoppen sollte, somit dreht sich mein Gehirn wie eine Kompassnadel im Kreis. Bevor ich in den Raum eintrete, sehe ich bereits ein paar der Schüler. Ein paar stehen an der Tafel und kritzeln irgendwas darauf, andere sitzen auf ihren Plätzen, essen, ein paar kramen die Unterrichtssachen für den anstehenden Unterricht aus ihren Schulranzen. Die meisten wirken eigentlich ganz sympathisch auf mich, auch wenn das meine Aufregung nicht wirklich legt. Nun nehme ich mein Herz in die Hand und gehe rein. Ein Nervenkitzel-Moment. Am liebsten hätte ich meine Augen zu gemacht. Meine Blutzufuhr und meine Atmung stoppen, innerlich bebt alles in mir. Durchatmen. Durchatmen. Natürlich werde ich von ein paar Leuten angeguckt, schließlich haben sie mich noch nie gesehen. Und dieser Fremde kommt auch noch in ihren Klassenraum. Ich hätte doch auch nicht damit rechnen können, dass mich niemand anschauen wird.

Das ist völlig natürlich, ich würde einen Fremden genauso angucken, denn es ist kein böses Schauen, eher ein neugieriges. Mein Problem besteht darin, dass der Lehrer noch nicht da ist. Ich habe ihn zwar vorhin schon, als ich kurz hineingespäht bin, bevor ich den Schritt gewagt habe, nicht gesehen, aber irgendwie habe ich daran gar nicht gedacht. Ich war mir sicher, dass er auf jeden Fall schon da ist. Na toll. Die Situation ist mir äußerst unangenehm. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich sollte lieber wieder raus, aber was würden sie dann von mir denken? Nun stehe ich da vor der Klasse, der ich jetzt auch angehöre, mich aber nicht so fühle, wie ein Lehrer, der gleich mit seinem Unterricht beginnen wird, doch weiß nicht, was ich tun soll. Als ich merke, dass ich ziemlich verkrampft dastehe, lockere ich meine Schultern. Im Inneren habe ich Angst, doch äußerlich zeige ich sie nicht. Mein Blick schweift über die neuen Gesichter. Es sind in etwa genauso viele Mädchen wie Jungen, allerdings fehlen noch rund ein Viertel der Schüler, da noch viele Stühle frei sind. Was soll ich jetzt tun? Mich schon mal vorstellen? Das würde ich mich nicht trauen. Mich irgendwo hinsetzen? Ich bin ein Fremder, ich kann mich doch nicht einfach so irgendwo hinsetzen, zumal ich nicht weiß, welche Plätze belegt sind und welche Stühle noch frei sind, wo ich mich also hinsetzen könnte. Vielleicht dann doch lieber noch mal raus und warten bis der Lehrer da ist, das wäre doch eigentlich gar nicht so dramatisch? Doch ich habe nichts von allem getan, denn mein Blick trifft plötzlich jemanden in der vorletzten Reihe. Es ist ein äußerst interessanter Moment. Ich erstarre, wie als würde mich jemand mit einem Messer bedrohen und es mir an die Kehle halten. Mein Herz macht direkt einen Sprung. Was ich nämlich sehe, habe ich so noch nie zuvor in meinem gesamten Leben gesehen. Mein Herz pocht in einem unglaublich hohem Tempo, weshalb ich versuche, meinen Herzschlagrhythmus durch autogenen Einsatz durch erlerntes autogenes Training, welches mir der Psychologe empfohlen hat, wieder zu normalisieren, doch merke schnell, dass dies zwecklos ist. Jeder Herzschlag lässt meinen gesamten Körper zusammenzucken. Ich ringe nach Luft, da ich das Atmen vergessen habe. Was ist mit mir los? Ich sehe bloß ein Mädchen. Aber es ist kein Mädchen, was man jeden Tag auf der Straße sieht. Ich fühle mich wie in einem Traum, wie in einem Film, wo sich ein Mann auf den ersten Blick in eine Frau verliebt und sie mit offenem Mund zwanzig Sekunden lang anstarrt, dabei alles andere um ihn herum verschwommen ist und sich in Zeitlupe bewegt, dabei eine langsame, schnulzige Musik läuft. Gut, so klischeehaft ist es bei mir nicht. Das ist die Realität, aber anstarren tu ich sie, wenn auch nicht mit offenem Mund, weil sie nun mal einfach so elegant und schön aussieht. Ihre hochstehenden Wangenknochen, ihr spitzes Kinn… Noch nie habe ich im Geringsten mit Mädchen zu tun gehabt, aber jetzt durchschießt mich dieses seltsame Gefühl, was ich noch nie hatte, wie eine gnadenlose, unberechenbare Pistolenkugel. Sie ist so wunderhübsch, schöner als alle Mädchen, die ich bisher zu Gesicht bekommen habe. Sie hat irgendwas Besonderes an sich und strahlt eine besondere Aura aus – das spüre ich, obwohl sie vier oder fünf Meter von mir entfernt ist. Sie liest in einem Buch und trägt eine weiße Bluse. Wer ist dieses Mädchen? Wie kann ein Mensch so gut aussehen? Ist das der Grund dafür, dass sie eine solche Wirkung auf mich hat? Als sie ihre schönen, geschmeidigen Haare elegant nach hinten streicht, was übrigens so toll aussieht, dass meine Atmung für einen Moment stoppt und mein Herz kurzzeitig still steht, blickt sie auf einmal zu mir auf. Ich blicke schnell wieder ein paar Meter nach rechts zu einem dicken Jungen mit Doppelkinn und Hamsterbacken, der ganz allein in der letzten Reihe sitzt und tue so, als wenn ich sie überhaupt nicht angeschaut hätte.

Verdammt, verdammt, verdammt.

Wie auffällig. Wie peinlich.

Sie muss gemerkt haben, wie ich sie angeschaut habe. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen und schaue wieder kurz zu ihr rüber, zum Glück schaut sie wieder in ihr Buch und liest. Unangenehm wäre es gewesen, wenn sie immer noch zu mir geguckt hätte, dann hätte sie nämlich mitbekommen, wie mein Blick wieder zu ihr rübergewandert ist. Doch vielleicht bekommt sie es mit – gerade in diesem Augenblick – dass ich sie wieder anschaue; warum sonst hat sie gerade zu mir herübergeguckt? Weil sie gespürt hat, sie wird beobachtet. Das ist ein in einem tief drin sitzender Instinkt. Ich spüre es auch immer, wenn ich von irgendwem in der U-Bahn angeschaut werde. Vielleicht geht es ihr genauso. Obwohl es bei mir – glaube ich – meistens daran liegt, dass ich die mich anschauende Person im Augenwinkel sehe. Und sie dürfte mich nicht sehen, so weit wie sie runter in ihr Buch schaut. Wie auch immer, das Risiko gehe ich ein. Allein die Tatsache, dass sie in einem Buch liest, anstatt auf ihrem Mobiltelefon herumzutippen und einer What’s-App-Nachricht ihrer besten Freundin zu antworten, macht sie außergewöhnlich, besonders und sympathisch. Außerdem erkenne ich direkt, dass sie charakterlich sympathisch sein muss. Dieses Gesicht kann nichts Böses verstecken, sie besteht rein aus Gutem. Ich wusste in dem Moment definitiv, meine Hormone spielen verrückt. Ich schaue immer wieder zu ihr rüber und immer wenn ich das Gefühl habe, sie könnte gleich zu mir aufblicken, weiche ich von ihrem Blick ab. Doch jetzt ist mein Kopf wieder wie anmontiert und ich kann ihn nicht wegbewegen. Ich starre sie schon wieder an. Es ist ein physischer Impuls, der mich zwingt, immer wieder zu ihr zu schauen, als wäre ich eine Marionette und der Faden, der meinen Kopf steuert, würde immer wieder nach links gezogen werden. Ich kann sie jetzt doch nicht einfach, während ich vor der Klasse stehe, anstarren?! Bestimmt denken sich ganz viele meiner zukünftigen – obwohl eigentlich schon jetzigen Mitschüler – was denn mit mir los sei. Alles um mich herum verschwindet, mein Sinn Hören