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Tag für Tag sind Herr Pess und Herr Pempf mit ihrem grünen Bus unterwegs. Herr Pess ist der Fahrer und Herr Pempf sitzt neben ihm. Herr Pempf ist ein Bär, trotzdem kann er besser Auto fahren als Herr Pess, aber davon will dieser nichts wissen. Weil Herr Pempf kein guter Kartenleser ist - er ist ja schließlich ein Bär - fahren sie einfach immer geradeaus. Und so kommt es, dass sie um die ganze Welt herumfahren. Aber diese Welt ist, wie es scheint, genauso verplant wie sie.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- und strafrechtlich verfolgt werden.www.aladin-verlag.de Copyright © Aladin Verlag GmbH, Hamburg 2013 Alle Rechte vorbehalten Umschlagbild und Innenillustrationen: Kerstin Meyer Umschlagtypografie: Kerstin Meyer Lektorat: Svenja Drewes Herstellung: Karin Kröll Lithografie: Margit Dittes Media, Hamburg E-Book-Umsetzung:Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-8489-6010-1
Für Pelf. Sie sind einzigartig. Zum Glück.
Hell scheint die Sonne über Rumpelsburg. Rumpelsburg ist eine kleine Stadt, nicht weit von hier. Sie heißt so, weil da mal eine Burg stand. Bis es gerumpelt hat. Jetzt liegen anstelle der Burg viele große und kleine Steine in der Stadt herum.
Der kleine, grüne VW-Bus fährt durch die stillen Straßen von Rumpelsburg, und er fährt, als ob es kein Morgen gäbe. Der Bus fährt im wilden Zickzack, doch das liegt nicht an den vielen Steinen, die da liegen. Es liegt daran, dass Herr Pess am Steuer sitzt. Und Herr Pess ist kein guter Fahrer. Weil er so klein ist. Denn weil er so klein ist, muss er auf vielen Kissen sitzen. Und nicht nur das! Er hat außerdem einen großen Kochtopf auf den Fahrersitz gestellt und darauf hat er die Kissen gestapelt. Wenn Herr Pess auf dem Topf mit den Kissen sitzt, kann er das Auto steuern. Blöd ist nur, dass er dann nicht mehr an das Gaspedal kommt. Dazu muss Herr Pess immer wieder von seinem Topfthron herunterrutschen und seinen Fuß auf das Gas stellen oder auch auf die Bremse. Dann aber sieht er nicht mehr, wo er hinlenkt. Deswegen ist Herr Pess so ein schlechter Fahrer.
Er sollte lieber Herrn Pempf fahren lassen. Herr Pempf sitzt neben Herrn Pess auf dem Beifahrersitz. Er ist sehr groß. Das ist kein Wunder, denn Herr Pempf ist ein Bär. Trotzdem kann er besser Auto fahren. Aber das kann er Herrn Pess nicht sagen, denn Herr Pempf kann nicht sprechen. Er ist schließlich ein Bär.
Herr Pempf war schon mal im Zoo. Genauer gesagt war er früher immer dort. Er hat da gearbeitet. Als Bär. Aber dann wurde der Zoo zugemacht, und Herr Pempf saß auf der Straße. Dort fand ihn Herr Pess. Und weil Herr Pempf so gut furchterregend gucken kann, lud ihn Herr Pess ein mitzufahren. Denn Herr Pess kann jemanden, der furchterregend gucken kann, gut gebrauchen.
Einmal natürlich, weil Herr Pess so klein ist und jeder ihn Pimpf nennt. Aber wenn Herr Pempf dabei ist, traut sich das niemand. Dann hat nämlich jeder Angst, dass Herr Pempf sich angesprochen fühlen könnte. Weil Pempf so ähnlich klingt wie Pimpf. Und »Du Pimpf« wäre für Herrn Pempf eine grobe Beleidigung, denn Bären soll man immer siezen.
Außerdem ist so ein Bär gut fürs Geschäft. Denn Herr Pess verkauft Sachen. So Plunder und Tinnef und Tüddelkram. Und nicht alle mögen es, wenn man ihnen Krimskrams verkaufen will. Die Leute nennen seine Sachen Pessi-Mist und hauen ihm auf den Hut. Aber seit Herr Pempf dabei ist, hat das niemand mehr gemacht. Deshalb freut sich Herr Pess, auch wenn Herr Pempf immer so still ist. Aber dann redet Herr Pess eben etwas mehr, und das ist auch gut.
Herr Pempf ist nicht so richtig froh, dass er bei Herrn Pess mitfahren darf. Einmal, weil Herr Pess ein sehr schlechter Autofahrer ist und weil er immer so viel redet. Und das Zeug, das Herr Pess verkaufen will, ist nichts als wertloses Gelumpe. Außerdem wäre Herr Pempf lieber nicht dauernd unterwegs. Er wäre lieber ein berühmter Pianist. Und das kann er nicht sein, wenn er mit Herrn Pess durch die Gegend fahren muss.
Und dann ist da noch was. Herr Pess hat Herrn Pempf die Karte in die Pranken gedrückt und gesagt: »Sagen Sie mir doch bitte, wann ich abbiegen soll, Herr Pempf.«
Und jetzt hat Herr Pempf ein Problem. Denn Herr Pess hätte schon längst mal abbiegen müssen, aber das konnte Herr Pempf ihm ja nicht sagen; er ist schließlich ein Bär.
Deshalb fahren Herr Pess und Herr Pempf immer geradeaus. Und so kommt es, dass sie um die ganze Welt rumfahren.
Herr Pess und Herr Pempf sind unterwegs. Herr Pempf hält die Karte und Herr Pess fährt. Andersrum wär’s besser, aber so sind sie’s gewohnt.
Sie fuhren immer geradeaus und kamen so von Rumpelsburg nach Liturgien. Liturgien ist ein Land, in dem alle Leute ganz, ganz gläubig sind. Und weil die Leute da alles glauben, freute sich Herr Pess. Hier konnte er bestimmt viel von seinem Krempel verkaufen. Herr Pempf freute sich nicht so sehr, denn in Liturgien nennt man Bären Fellpuschi, und das mag Herr Pempf nicht. Herr Pempf mag eigentlich auch nicht Herr Pempf genannt werden. Aber das kann er Herrn Pess nicht sagen, weil er ja ein Bär ist, und wie soll der’s dann wissen?
Schon an der Grenze zu Liturgien sagte der Zollbeamte zu Herrn Pess: »Ich glaube, Sie haben da einen Fellpuschi dabei, glauben Sie, dass das soll?«
Herr Pempf, der dachte schon, dass man ihn nicht reinlassen würde und war ein bisschen froh und ein bisschen böse deswegen.
Aber Herr Pess sagte: »Ja, ich glaube, das soll so.«
Und dann durften sie durch.
In Liturgien sieht es ganz anders aus als in Rumpelsburg und auch anders als sonstwo auf der Welt. Da gibt es nämlich keine Berge, aber ganz viele Täler. Das Land sieht von oben ein bisschen aus wie ein Käse, weil es ganz viele Löcher hat. Es riecht auch so. Ein bisschen wie alte Socken.
Die Häuser in Liturgien bestehen immer aus Rüben. Rüben sind das Einzige, was in Liturgien wächst, und deswegen macht man in Liturgien alles aus Rüben. Aber davon später mehr.
Herr Pess ahnte nicht, dass die Leute in Liturgien so gläubig waren, dass sie niemals »Das glaub ich nicht« sagen durften. Wenn jemand »Das glaub ich nicht« sagte, kamen alle Nachbarn und Bauarbeiter und Oberkellner aus der ganzen Umgebung zusammengelaufen und schmissen mit Steinen und Rüben nach demjenigen, der das gesagt hatte. Deswegen hatte Herr Pess am Anfang ganz viel Glück, denn immer, wenn er gesagt hatte »Glauben Sie mir, das brauchen Sie«, durfte ihm niemand widersprechen und alle kauften sofort, was Herr Pess ihnen geraten hatte. Herr Pess freute sich ziemlich und lud Herrn Pempf gleich in eine Schänke zu einer Brause ein. Die Brause war aus Rüben gemacht, und deswegen mochte Herr Pempf sie eigentlich gar nicht trinken. Aber er war ein höflicher Bär und trank sie aus.
Herr Pess trank seine Brause auch, und dann noch eine und noch eine, damit er den Geschmack von der letzten Brause vergaß, weil sie so schlecht geschmeckt hatte.
Die Liturgier waren ein bisschen beleidigt, weil Herr Pess sie so reingelegt und ihren guten Glauben ausgenutzt hatte. Deswegen wollten sie ihn auch reinlegen. Einer setzte sich neben Herrn Pess, und das war der Herr Forse. Ihm hatte Herr Pess einen Strickpulli angedreht, der nur aus Stricken bestand. Und einen flachen Löffel, von dem immer die Rübensuppe herunterlief. Und einen Rübenzähler, der nur bis Rübezahl zählte. Deswegen war der Herr Forse ein bisschen verstimmt.
Herr Forse war der erste Maurer, und er hatte auch ein paar Steine zum Bewerfen mitgebracht, damit er gleich loslegen konnte, wenn Herr Pess sagen würde, dass er was nicht glaube. Rüben lagen ja sowieso überall herum, die brauchte Herr Forse gar nicht erst mitzubringen. Herr Forse hätte gerne jetzt schon ein paar Steine ge-schmissen, aber das durfte er ja nicht, es muss schon alles gerecht zugehen.
»Gestern Nacht hat’s junge Hunde geregnet«, begann Herr Forse scheinbar harmlos das Gespräch.
Aber Herr Pess ließ sich von solchen Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen. »Tatsächlich?«, sagte er und trank weiter seine Brause, um den Geschmack der letzten Brause zu vertreiben.
Jetzt war Herr Forse aus dem Gleichgewicht gekommen. Damit hatte er nicht gerechnet, dass Herr Pess so schlagfertig reagieren würde. »Und bei uns kommen die Vögel aus den Eiern und nicht umgekehrt!«, trumpfte Herr Forse deshalb auf.
Ringsherum warteten schon seine Maurergesellen mit Rüben in den Händen. Aber sie durften immer noch nicht werfen, denn Herr Pess sagte: »Jaja, der frühe Vogel fällt selbst hinein.«
Herr Pess mochte gerne Sprichwörter, aber er konnte sie sich nie merken.
Das verwirrte jetzt aber Herrn Forse völlig. Er hatte den Stein schon hochgehoben und fluchte: »Nein, das glaub ich jetzt nicht!«
Prompt traf ihn eine große Ladung Rüben, die von den versammelten Maurergesellen auf ihn losgeschmissen wurde. Herr Forse war sofort von Rüben bedeckt, und das hatte er dann ja wohl auch verdient. Weil aber Herr Pess direkt daneben saß, bekam er auch ein paar Rüben ab. Und weil er so klein war, war danach kaum noch etwas von ihm zu sehen. Der Einzige, der keine Rüben abbekam, war Herr Pempf, aber nur, weil er grade auf dem Klo war. Als er wiederkam, war die Rüben-brause verschüttet, und Herr Pess wollte schnell weg aus Liturgien.
Und das gefiel Herrn Pempf ganz gut.
Herr Pess und Herr Pempf sind unterwegs. Herr Pempf hält die Karte und Herr Pess fährt. Andersrum wär’s besser, aber so sind sie’s gewohnt.
Sie fuhren immer geradeaus und kamen so von Liturgien nach Lumbalia. Lumbalia ist ein ganz kleines Land. Es ist so klein, dass alle Menschen, die dort wohnen, gebückt gehen müssen, weil sie sonst überall anstoßen würden. Die Häuser sind klein, die Dörfer sind klein und die Autos auch. Nur die Bewohner von Lumbalia sind nicht so klein, und deswegen müssen sie sich eben immer klein machen. Davon haben sie ständig schreckliche Rückenschmerzen. Sie können sich ja nicht mal im Liegen ausstrecken, weil das Land so klein ist.
Herr Pess freute sich, als sie nach Lumbalia kamen, denn er passte genau hinein. Er musste sich nicht klein machen und kriegte auch keine Rückenschmerzen. Herr Pempf freute sich nicht so sehr, denn für ihn war Lumbalia entschieden zu klein. Er musste nicht nur auf allen vieren gehen, sondern sich auch noch ducken, und selbst dann war er zu groß für dieses Land.
Und noch etwas anderes war zu groß für dieses Land, und das war der grüne VW-Bus. An der Grenze merkte Herr Pess, dass sie mit dem VW-Bus gar nicht in das Land hineinfahren konnten. Aber Herr Pess hatte nicht umsonst seinen Allzweck-Autoschneider eingepackt. Er schnitt kurzerhand das Dach vom Bus ab, drehte es um und stellte ein paar Rollschuhe drunter, damit er es hinten anhängen konnte. Weil das Wetter schön und außerdem jetzt noch viel näher war, freute sich Herr Pess sehr, denn jetzt hatte er ein Cabrio. Herr Pempf freute sich nicht so, aber das war ihm egal, er war ja schließlich ein Bär.
