Herrscherin der tausend Sonnen - Rhoda Belleza - E-Book

Herrscherin der tausend Sonnen E-Book

Rhoda Belleza

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Beschreibung

Eine Prinzessin, so mutig wie Arya Stark

Prinzessin Rhee Ta'an beherrscht das Schwert meisterhaft und will nur eins: Rache. Nachdem ihre Familie ausgelöscht wurde, ist sie für den korrupten Kronregenten lediglich eine Marionette. Jetzt, mit fast 16, wird sie die Kaiserkrone tragen und hofft, endlich die Mörder ihrer Angehörigen zu bestrafen. Doch dann entkommt Rhee selbst nur knapp einem Anschlag und muss untertauchen. Zur gleichen Zeit verschwindet ihr vermeintlicher Mörder – Pilot Alyosha, eben noch galaktischer Superstar, nun von der Regierung gejagter Verbrecher. Aly und Rhee ahnen noch nicht, dass das Schicksal der ganzen Galaxie in ihren Händen liegt: Eine dunkle Macht droht ihre Welt in einen interplanetaren Krieg zu stürzen ...

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MOBI

Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Foto: © Kyle Graffan

Rhoda Belleza wuchs in Los Angeles auf, wo sie viel »X-Files«-Fanfiction schrieb und haufenweise Avocados vertilgte. Sie arbeitet als Lektorin für Kinder- und Jugendbücher in einem Verlag. Wenn sie nicht schreibt, guckt sie leidenschaftlich Nailart-Tutorials und Kung Fu-Filme oder näht alles Mögliche zusammen, um es hinterher als Kleidung auszugeben. Wenn sie hingegen schreibt, dann in ihrem sonnigen Apartment in Brooklyn, das vollgestopft ist mit zu vielen Fahrrädern und Schuhen. »Herrscherin der tausend Sonnen« ist ihr Debüt.

Mehr zur Autorin auch auf www.rhodabelleza.com und

Twitter @rhodabee.

Mehr zu cbt auf Instagram @hey_reader

Rhoda Belleza

Herrscherin der tausend Sonnen

Aus dem amerikanischen Englischvon Michaela Link

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage 2017

Copyright © 2017 Paper Lantern Lit LLC and Rhoda Belleza

Copyright © für die deutschsprachige Ausgabe 2017

cbt Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

»Empress of a Thousand Skies« bei Razorbill,

einem Imprint von Penguin Random House US

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Michelle Gyo

Umschlaggestaltung: Carolin Liepins,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

(© Aphelleon, © Vadim Sadovski, © diversepixel,

© DarkOne, © indira’s work)

TP · Herstellung: eS

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-18792-7V001

www.cbt-buecher.de

Für Ate.

Weil du an meinen Erfolg geglaubt hast.

HAUPTFIGUREN

KALUSIANER

Ta’an:

Kronprinzessin, einzige überlebende Erbin der herrschenden Ta’an-Dynastie

Vincent Limam:

UniForce-Soldat, DroneVision-Star aus Die Revolutionäre

Andrés Seotra:

ehemaliger Berater des verstorbenen Kaisers Ta’an und aktuell Kronregent

Tai Simone Reyanna:

Gouvernante der Kronprinzessin Rhiannon

Nero Cimna:

Kalusianischer Botschafter des Kronregenten

WRAETANER

Alyosha Myraz:

UniForce-Soldat, Drone Vision-Star aus Die Revolutionäre

UNBEKANNT

Der Fischer:

ein Geächteter im äußeren Gürtel der Galaxie

PLANETEN

KALU UND KALUSIANISCHE TERRITORIEN

Kalu:

Bevölkerungsreichster Planet der Galaxie und Stammplanet der regierenden Ta’an-Dynastie

Navrum:

terraformierter Asteroid

Rhesto:

großer Mond von Kalu, vor dem Großen Krieg Standort eines Kernkraftwerks

Tinoppa:

kleiner Asteroid zwischen Kalu und Nau Fruma, Sitz der heiligen Kristalle

Chram:

mit Kalu verbündeter Zwergplanet

Fontis:

größter Planet der Galaxie

FONTISIANISCHE TERRITORIEN

Wraeta:

dezimierter Planet, vor zehn Jahren während des Großen Krieges bei einem Angriff der Kalusianer zerstört

NEUTRALE TERRITORIEN

Nau Fruma:

kleiner Mond von Kalu

Portiis:

abgelegener Planet

Erawae:

Kuppelstadt auf einem Asteroiden im Bazorl-Quadranten

TEIL 1

Die Verratene

»Nachdem die Familie Ta’an von einer Reihe von Tragödien heimgesucht worden war, glaubte man, sie sei verflucht. Dies machte die junge Prinzessin Rhiannon, die einzige überlebende Nachfahrin der Dynastie, in den Augen der Öffentlichkeit nur umso kostbarer. Als ein Reporter sie »Rose der Galaxie« taufte, war ihr neuer Kosename geboren. Sie schien so zart, als müsse sie behütet und beschützt werden, bis sie alt genug war, um zu herrschen. Doch Rhiannon hatte andere Pläne.«

Auszug aus

Der Eiserne Stern: Eine Geschichte der Ta’an-Dynastie

1

Rhiannon

Rhee rannte über den belebten Marktplatz und wirbelte dabei Staub auf, der sich in der geringen Schwerkraft Nau Frumas nur langsam wieder legte. Die Touristen husteten und beschwerten sich, als Rhee an ihnen vorbeistürmte, aber sie achtete nicht darauf, da sie den Platz nach Julian absuchte, dessen Miniaturteleskop sie an die Brust drückte. Sie war nicht daran gewöhnt, sich in einer Menschenmenge aufzuhalten; den Großteil ihres Lebens hatte sie damit verbracht, von einem Balkon auf die Menge hinabzuschauen, während man sie drängte, zu winken und zu lächeln und so damenhaft wie möglich auszusehen. Trotzdem fand sie das Gedränge und Geschiebe faszinierend.

Die goldene Stunde war angebrochen und die Sonne tauchte gerade hinter den Horizont. Rhee wagte einen Blick über die Schulter und entdeckte einen der Tasinn, der sich durch die wogende Menge in ihre Richtung pflügte. Seine maßgeschneiderte Khakiuniform und seine glänzenden Abzeichen stachen aus dem Meer der farbenfrohen Leinengewänder hervor. Seine Haut wirkte kreidebleich im Gegensatz zu der der einheimischen Männer, die auf diesem Wüstenmond aufgewachsen waren und die die Hitze der Sonne kannten – nicht nur die gebrochene Strahlung wie in den Kuppelstädten auf Kalu. Sie sah, dass seine Hand auf dem Taser an seinem Gürtel lag.

Die Tasinn waren die königliche Garde – streng genommen ihre königliche Garde, aber sie kamen ihr wie ein Relikt aus der Ära ihres Vaters vor, das nichts mit dem Leben zu tun hatte, das sie hier auf Nau Fruma führte. Sie waren eine Truppe von Elitekämpfern aus den Reihen der UniForce-Soldaten und im Personenschutz ausgebildet. Dieser Gardist war einer von vielen Männern, die den Auftrag hatten, sie zu finden, damit sie auf ihren Geburtsplaneten Kalu zurückkehren konnte.

Sie war sechs gewesen, als sie ihn verlassen hatte, kurz nachdem ihre gesamte Familie bei einem »Unfall«, wie die Behörden es nannten, ums Leben gekommen war. Rhee hatte angeblich Glück gehabt, als sie von dieser Tragödie verschont worden war, aber sie wusste es besser. Denn zwei Dinge standen fest – dass ihre Familie ermordet worden war und dass sie mit ihnen hätte sterben sollen.

Ein Feuerwerkskörper stieg mit einem schrillen Kreischen in den Himmel auf. Sein wütendes Heulen verlor sich in einem leisen Pfeifen, dann explodierte er in der Ferne. Sie fragte sich, ob der Tod genauso schnell und gnädig über ihre Familie gekommen war.

Rhee steckte das Teleskop in die Tasche und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, um ihre verschiedenfarbigen Augen zu verbergen. Eins war braun, das andere grünlich braun. Sie schob ihren pechschwarzen Zopf zurück, drängte sich an zwei lachenden Männern vorbei und bog nach links zwischen eine Reihe von Zelten. Dabei wich sie einer großen Frau mit einem Käfig aus, zuckte zusammen, als der weiße Vogel darin mit den Flügeln flatterte, und kam sich sofort dumm vor.

»Seid wachsam und bereit«, hatte Veyron immer gesagt, während er die rauen Hände hochgehalten hatte, gegen die sie boxte und trat. Sie durchlief die Kombinationen, bis sie nur noch das Blut hören konnte, das ihr in den Ohren dröhnte. Im Dojo war sie kein Mädchen, keine Prinzessin, sondern nur eine Abfolge von Absichten: Ausweichen, Angreifen, Abwehren, Töten.

Töten.

Jetzt hatte sie das Gefühl, als sei ihr Magen verdreht wie die Kaktusstämme, hinter denen sie und Julian sich versteckten, wenn sie sich an den Palastmauern vorbeischlichen. Von dem Geruch nach Rauch und verkohltem Fleisch von einer nahen Marktbude wurde ihr übel. Ein derkatzianisches Mädchen mit gelben Augen saß auf einem Hocker, fächelte sich mit der Hand Luft zu und bot den Passanten mit der anderen ein Wurzelgemüse an. »In echter Erde gewachsen«, rief sie.

Alle waren auf den Beinen: Reisende und Händler von den Rändern des Universums, einheimische Familien, wohlhabende Touristen. Heute Nacht würde der Kamreial-Meteoritenschauer niedergehen, der alle einhundertneunundvierzig Jahre kam. »Das gibt es nur einmal im Leben«, hatten die Hologramme verkündet. »Ihr werdet so etwas nie wieder sehen.«

Genau das war der Grund, warum der Kronregent festgelegt hatte, dass Rhiannon in dieser Nacht in die Hauptstadt Sibu zurückkehren sollte. Die geliebte Rose der Galaxie reiste inmitten eines Sternenschauers nach Kalu zurück: eine dicke, fette, hübsch verpackte Lüge, die dem Image diente. In Wahrheit herrschte innige Feindschaft zwischen Rhee und dem Regenten Seotra, der den Thron bis zu Rhees Volljährigkeit übernommen hatte. Er war der Kindheitsfreund und einer der engsten Ratgeber ihres Vaters gewesen.

Bis Regent Seotra ihre Familie verraten hatte.

Die Ta’an waren ein altes Geschlecht. Man konnte ihre Ahnenreihe fast drei Jahrhunderte zurückverfolgen, und seit zwölf Generationen saßen sie auf dem Thron. Sie waren unter den ersten Siedlern im Osten gewesen. Die dunkle Erde Kalus war Teil von Rhees Haut, das Meer floss in ihren Adern und die Wurzeln der Bäume waren ihre eigenen. Wochenlang hatte sie wieder und wieder die Erinnerungen an ihre Kindheit in der Hauptstadt abgespielt, damit sie sich dort bei ihrer Heimkehr wie zu Hause fühlen würde.

Es war Seotra gewesen, der sich für Rhees Rückkehr nach Nau Fruma starkgemacht hatte. »Um ihrer Sicherheit willen«, hatte er behauptet. Und obwohl Nau Fruma gemäß des Urneu-Vertrags ein politisch neutraler Mond war, hielt er Rhee auch so weit wie möglich von ihrem wahren Geburtsrecht fern – dem Thron. Es war ein Schritt, um Kronregent zu bleiben und ihren Aufstieg an die Macht zu verhindern. Seotra machte sich Sorgen.

Zu Recht. Rhee würde dafür sorgen, dass er für das bezahlte, was er ihrer Familie angetan hatte. Sie hatte sich jahrelang auf diesen Augenblick vorbereitet, in dem sie seiner Regentschaft und seinem Leben ein Ende machen würde.

Sie wünschte nur, sie könnte ihn mehr als einmal töten.

»Ehre, Tapferkeit, Loyalität«, flüsterte sie.

Rhee schaute zum Palast zurück, in dem sie den größten Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Er lag hoch oben auf dem Hügel, nur ein kleines Stück von der Stadt entfernt, obwohl es ihr jetzt so vorkam, als läge eine ganze Welt dazwischen – ein Gefängnis, das sie von der echten Welt und ihrer Bestimmung fernhalten sollte. Es war einst das zweite Zuhause ihrer Familie gewesen. Östlich davon konnte sie gerade noch den Schlund eines alten Vulkans ausmachen, der sich einsam aus der flachen Wüstenebene erhob. Kronenstein. Tai Reyanna, Rhees langjährige Gouvernante, hatte einmal eine Bemerkung darüber gemacht, wie passend es für Rhee sei, einer Krone so nahe zu sein.

»Eweg nich!«, donnerte eine tiefe Stimme, und ein Modrüssel riss sie fast von den Füßen. Sein Tentakel hinterließ eine klebrige Spur auf ihrer Kleidung. Als sie über die Schulter sah, konnte sie nur Fühler erkennen, die aus einem Gewand mit hohem Kragen herausragten, dessen Stoff von einem schleimigen Sekret durchnässt war – Modrüssel waren dafür bekannt, wegen ihrer hohen Körpertemperatur heftig zu schwitzen.

Sie eilte weiter. Gerade als sie den Platz erreichte, kam eine Nachricht durch ihren Würfel, und Tai Reyannas Rufzeichen blitzte kurz vor ihren Augen auf. Rhees Herz machte einen Satz.

Die Tai waren eine Sekte von Lehrern und Betreuern, und Simone Reyanna war eine hochrangige Tai, die der königlichen Familie diente und Rhees Gouvernante war. Rhee ignorierte ihre Anrufe sonst nicht, aber normalerweise riss sie auch nicht aus.

Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie holte tief Luft, legte den Finger an eine Stelle hinter dem rechten Ohr und tippte darauf, um den Würfel auszuschalten. Sofort wurde ihr schwindlig, und sie fühlte sich desorientiert, als habe sie etwas Wesentliches verloren. Es war das sichere Gefühl, online zu sein, die beruhigende Gewissheit, sich nie zu verirren, das Wissen, dass jeder Gedanke und jede Erfahrung aufgezeichnet wurden, um sie wieder und wieder abspielen zu können.

Aber es war auch befreiend. Nichts würde aufgenommen werden, und es bestand auch kein Zugriff mehr, zumindest nicht auf die Erinnerungen, die sie auf sofortigen und vollständigen Abruf programmiert hatte und die sie förmlich zu vereinnahmen schienen. Mit dem Ausschalten des Würfels schlug das Geplapper der Menge sofort von Rhees kalusianischer Muttersprache in verschiedene Dialekte aus dem ganzen Sonnensystem um. Sie hatte vergessen, dass ihr Dolmetscher mit ihrem Würfel verbunden war. Jetzt durchschnitten die fremden Worte, das Zungenschnalzen, die Pfiffe und die Pieptöne die Luft. Wie waren ihre Urahnen ohne den Würfel zurechtgekommen? War es möglich, dass sie so viele Sprachen nur durch Lernen beherrscht hatten?

»Sie versteigern auch ausrangierte Droiden«, sagte ein Junge vor ihr. Sein Nauie, der melodische Dialekt dieses Mondes, erregte ihre Aufmerksamkeit.

Julian. Er drehte sich in dem Moment um, als sie ihn in der Menge erblickte. Er riss die blauen Augen auf. Seit sie einander kannten, waren sie gleich groß gewesen, bis er vor zwei Jahren in die Höhe geschossen war. Sie musste jetzt aufschauen, wenn sie ihm in die Augen sehen wollte, was sie furchtbar ärgerte – es war ein Wettstreit, den sie nicht gewinnen würde.

»Still!«, zischte sie, bevor er ihren Namen rufen konnte. »Du musst deinen Würfel ausschalten. Schnell«, fügte sie hinzu, als er protestieren wollte.

»Du bist paranoid«, erwiderte er. Angeblich war es unmöglich, sich in einen anderen Würfel einzuhacken, aber es ging das Gerücht um, dass Seotra und seine Lakaien die Bürger überwachten, indem sie durch ihre Würfel in ihre Erinnerungen und Beobachtungen eindrangen, und das konnte Rhee nicht riskieren. »Außerdem hat meine Mom gesagt, dass man wahnsinnig wird, wenn man das zu oft macht.«

So sagte man. Die meisten Menschen blieben ihr ganzes Leben lang online, aber es gab Gemeinschaften – Hunderttausende von Menschen im äußeren Gürtel –, denen man keine integrierten Würfel installiert hatte. Und was waren schon ein paar Minuten hier und da offline? Rhee würde nicht sagen, dass sie es angenehm fand, aber sie mochte das Unbehagen. Mit jeder Minute, die sie es aushielt, fühlte sie sich stärker.

»Tu es einfach«, verlangte Rhee.

»Ich hasse das Gefühl …« Aber er legte dennoch den Finger an den Hals und machte dabei ein Gesicht, als hätte man ihn mit einer riesigen Nadel gestochen. Rhee entspannte sich. »Was tust du überhaupt hier?«

»Dir auch ma’tan sarili«, murmelte sie die kalusianische Begrüßung. Wollte sie, dass er sich freute, sie zu sehen? Sie wusste es nicht.

Rhee schob die Hand tief in die Tasche und ertastete das kühle Metall des Teleskops. Es gehörte Julian, würde ihm immer gehören. Sie kannten sich, seit Andrés Seotra bei Antritt seiner Regentschaft vor neun Jahren Rhee praktisch nach Nau Fruma verbannt hatte. »Mein Flug hat Verspätung«, fügte sie hinzu. Es war nicht direkt eine Lüge, denn das Schiff würde nicht ohne sie starten.

Er blickte über die Schulter zu den Jungen, mit denen er gesprochen hatte, dann wandte er sich wieder um und schob Rhee weiter in die Menge hinein. Er war staubbedeckt, sein dunkelblondes Haar verfilzt. Veyron, sein Vater, war ein halber Wraetaner – aber Julian sah wie ein waschechter Nauie aus; sein Ururgroßvater mütterlicherseits war einer der ersten Siedler auf Nau Fruma gewesen.

»Du weißt, dass die Eliedio eins der sichersten Schiffe de Universums ist«, sagte er und tastete aus Gewohnheit nach seinem Würfel. »Die Fehlfunktionsrate beträgt nur zwei Prozent, und es hat noch nie einen Unfall gegeben, der …«

»Deswegen bin ich nicht weggegangen«, unterbrach sie ihn und hielt seine Hand fest, damit er nicht online ging. Sie ließ sie genauso schnell wieder los. Seit ihrem letzten Übungskampf war es seltsam, wenn sie sich berührten. »Ich habe keine Angst, falls du das denkst.«

»Na gut.« Er legte den Kopf schief und blinzelte, so wie er es schon eine Million Mal getan hatte. Rhee versteifte sich unter seinem forschenden Blick. Julian schien so sicher zu sein, dass er recht hatte. »Ich dachte nur, wegen dem, was mit deiner Familie passiert ist …«

»Komm«, sagte sie und packte ihn am Ärmel. »Die Tasinn suchen nach mir.« Rhee ging voran, während sie sich einen Weg zwischen weiteren Reihen von Marktständen bahnten. Sie war froh, dass Julian ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sie sprach nicht gern über ihre Familie. Stattdessen beschrieb sie kurz, wie sie sich davongeschlichen hatte, einem Tasinn ausgewichen war und den Anruf ihrer Tai ignoriert hatte.

Sie klammerte sich an Julians Hemd, als sei es eine Rettungsleine. Er war ihr bester Freund – ihr einziger Freund –, und er war der Sohn ihres Trainers, Veyron, der sie während der letzten neun Jahre gemeinsam unterrichtet hatte. Julian konnte sich nicht vorstellen, auch nur für einen Moment offline zu sein. Er musste immer alles wissen und nutzte seinen Würfel gern, um eine Erinnerung aufzurufen, wenn er etwas beweisen oder Rhee zeigen wollte, dass sie falschlag. Es war zum Verrücktwerden. Aber jetzt fragte sie sich, ob sie es vermissen würde.

Die Nacht senkte sich schnell herab und Hunderte Funkler verbreiteten helles Licht. Rhee spürte deutlich, wie ihre Unruhe wuchs. Sie wusste nicht, ob sie jemals hierher zurückkommen würde. Nicht nach dem, was sie vorhatte.

Sie passierten eine Menschentraube, die um einen kleinen, improvisierten Ring herumstand und zwei Skorpione beobachtete, die sich umkreisten. Weitere Insekten waren in Gläsern gefangen und versuchten hinauszukriechen. Ein magerer Buchmacher mit spitzen Ellbogen rief die Quoten aus und nahm die Wetten an.

»Also, wie lange hast du noch?«, fragte Julian. »Wann startet das Schiff?«

Vor einer Stunde. »Geh weiter«, gab sie über die Schulter zurück.

»Zuilie«, schnaubte Julian. »Wirst du auch als Kaiserin so herrisch sein?«

Er scherzte. Sie war immer so herrisch, ob sie im Bogenschießen gegeneinander antraten, Mondpflaumen stahlen oder dem Personal, das Rhee Tag und Nacht aufwartete, Streiche spielten. Aber dieses Wort – Kaiserin – schmeckte wie dicker schwarzer Rauch, der ihre Lungen füllte. Ein ganzes kalusianisches Tal würde seiner Blumen beraubt werden, um an ihrem sechzehnten Geburtstag, dem Tag ihrer Krönung, die Hauptstadt zu schmücken. In nur einer Woche würde sie vor Seotra treten. Dann bekam sie endlich ihre Rache.

Sie holte Luft, blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Hör zu. Ich bin gekommen, weil ich dir sagen will …« Ich verdiene es nicht. »Ich möchte es nicht«, sagte sie stattdessen. Rhee hielt das Teleskop hoch, das Julian in ihre Tasche geschmuggelt haben musste, bevor sie sich verabschiedet hatten. Sie vermutete, dass er dafür mehrere Monatslöhne von seiner Arbeit in den Gewächshäusern ausgegeben hatte. Das Teleskop war aus Silber, einem seltenen Metall, das nur im äußeren Gürtel abgebaut wurde und einen stolzen Preis hatte.

»Das war dein Geburtstagsgeschenk«, antwortete Julian leise. »Du solltest es erst unterwegs finden.« Rhee schüttelte den Kopf. Er war verletzt, das spürte sie. Aber das Geschenk war zu großzügig. »Du hasst es«, murmelte er tonlos.

»Sag nicht so etwas Dummes«, sagte Rhee und drückte ihm das Teleskop in die Hand. Julian hatte Gewächshauserde unter den Fingernägeln. »Das tue ich nicht.« Als könnte man etwas so Schönes hassen. »Es ist nur …«

Sie wusste nicht, wie sie es ihm klarmachen sollte. In Wirklichkeit liebte sie das Teleskop. Sie liebte alles, was er ihr je geschenkt hatte. Meistens waren es Fundstücke: ein winziger, sonnengebleichter Fledermausschädel oder ein gezackter Kristall, der das Licht in allen Regenbogenfarben widerspiegelte, wenn sie ihn richtig hielt. Rhee würde auch das alles nicht mitnehmen. Es kam ihr falsch vor, etwas von ihm anzunehmen. Um ein so besonderes Geschenk von Julian akzeptieren zu können, müsste ihr Herz genauso rein sein wie seins.

Julian zog das Teleskop auseinander. Jedes Teil war kleiner als das vorangegangene und verjüngte sich zum Okular hin. Voll ausgezogen war es so lang wie sein Arm.

In diesem Moment rannte ein Junge an ihnen vorbei und der Funkler in seiner Hand beleuchtete kurz Julians Gesicht in der Dunkelheit. Sie konnte die Narbe sehen, wo er sich vor Jahren das Kinn aufgeschlagen hatte, als er eines Nachts die Südmauer des Palasts erklommen hatte, um sie zu besuchen. Er war gerade von der Suche nach Mondschlangen in den alten Ruinen zurückgekehrt und hatte ihre abgeworfenen milchweißen Häute dabeigehabt, um sie ihr zu zeigen.

»Sieh nach oben.« Julian zeigte auf das Sternbild Terecot. Hoch am Himmel löste sich das Haar der Maid zu einer Spirale, die in einem kleinen orangefarbenen Licht endete. Er gab ihr das Teleskop zurück. »Lass diese Stelle nicht aus den Augen.«

Aber sie hatte Mühe, das Licht zu finden, als sie das Teleskop hob. Im Sucher war nur blauschwarzer Himmel zu erkennen, und als sie nach links und rechts schaute, wurde sie nervös. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, als würden fünf zusätzliche Zentimeter irgendwie helfen.

Julian drückte das Teleskop ein Stück nach oben. Sie spürte seine raue Hand auf ihrer. Ihre Kapuze fiel ihr in den Nacken, als sie den Kopf zurücklegte, und sie spürte seinen Atem am Hals. Eine ungebetene Erinnerung stieg in ihr auf, organisch, und ließ ihre Haut kribbeln: der Augenblick, der nur eine Woche zurücklag, als er sie im Dojo auf dem Boden festgehalten hatte. Wenn sie den Kopf nur ein winziges Stück gedreht hätte …

Sie keuchte auf, als Kalu in Sicht kam. Orangefarbene und weiße Wirbel ergossen sich über die Oberfläche des Planeten. Es sah genauso aus wie die Süßigkeit, die Julians Mom für Rhee zu ihrem zwölften Geburtstag gemacht hatte – Schlagsahne auf einem warmen Stück Tenkang –, einfach und lecker und fast zu schön zum Essen. Es hatte ihr besser gefallen als der kunstvolle Kuchen, der aus Kalu importiert worden war. »Oh, heilige Vorfahren. Das. Ist. Wahnsinn.«

»Du weißt, dass die Atmosphäre auf Kalu so dicht ist, dass man in den Sonnenuntergängen dort kein Gelb sieht?«

»Das habe ich nicht gewusst«, antwortete sie geistesabwesend, den Blick immer noch auf den leuchtenden Planeten gerichtet. Aber sie erinnerte sich an den Himmel und den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang, vor allem an ihre letzte Morgendämmerung – Blau- und Purpurtöne, die über den Horizont stiegen und sich über den Himmel zogen.

In dem Moment, in dem sie vom Tod ihrer Familie erfahren hatte, hatte sie hektisch sämtliche Erinnerungen auf ihrem Würfel aufgerufen, hatte versucht, ihren letzten gemeinsamen Augenblick aufleben zu lassen – nur um sich gleich darauf zu wünschen, sie hätte es nicht getan. Das graue Krisselhaar ihrer Mutter; die dunklen Augenringe ihres Vaters; ihre Schwester, die Rhee bewusst ignorierte. Sie alle waren verärgert und enttäuscht gewesen und hatten in der Rückschau irgendwie kälter gewirkt als in Fleisch und Blut. Als seien sie bereits seit Jahren tot.

Das sagte einem niemand über die gespeicherten Erinnerungen: wie leicht man mit ihnen zerstören konnte, was man liebte. Rhee beschloss, sich auf ihre organische Erinnerung zu verlassen, um nur die guten Momente zu sehen: Joss, die ihr getrocknetes Myrakonfekt ans Bett brachte, als sie krank war; die darauf bestand, dass der Schneider ihnen Hosen wie die ihres Vaters machte, und die ihr beibrachte, wie man in den Buchweizenfeldern vor dem Palast ein Rad schlug. Ihr Vater, ein hochgewachsener Mann, wie er sich Rhee mühelos für den täglichen Spaziergang entlang der Palastmauern auf die Schultern setzte. Und ihre Mutter, die jeden Abend Rhees straffe Zöpfe löste – was leicht eine Dienerin hätte tun können – und ihren schmerzenden Kopf mit Lavendelöl einrieb. »Sei ein braves Mädchen«, war das Letzte, was sie zu Rhee gesagt hatte. Und Rhee erinnerte sich daran, genickt zu haben: Ja, Mama.

Aber sie hatte gelogen. Ihr Vater hatte den Schwestern einmal besondere Münzen geschenkt, Souvenirs von einer Reise in den Bazorl-Quadranten – eine Münze für Joss und eine für sie. Als ihr Vater ihre Familie in der Nacht des Unfalls auf das Schiff geführt hatte, hatten Joss und Rhee darum gestritten, wer an der Reihe war, die Schubdüsen zu aktivieren.

»Sterne, du bist dumm. Erde, du bist immer noch dumm«, hatte Joss Rhee angefaucht und ihre Münze geworfen, um Rhee zu zeigen, dass es keine Rolle spielte, welche Seite oben landete. Rhee war sechs Jahre alt und außer sich vor Wut gewesen. Sie hatte sich davongeschlichen, als ihre Eltern abgelenkt gewesen waren. Sie hatte ihre eigene Münze holen und beweisen wollen, dass Joss noch dümmer war. Sie hatte sich wie ein Baby benommen, genau wie Joss immer behauptet hatte.

Sie war an die Schwerkraft gebunden gewesen, als das Schiff startete, in die Atmosphäre schoss und verschwand. Sie hatte natürlich nicht gewusst, dass es nie mehr zurückkehren würde; dass es genau vierzig Minuten nach dem Start in den äußeren Ringen des Rylier in Flammen aufgehen und zerschellen würde und dass alle an Bord sofort tot sein würden.

Und all das, weil ihr Vater Frieden gewollt hatte. Indem er den Urneu-Vertrag unterzeichnete, der den Großen Krieg zwischen den Planeten beendete, hatte er sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Seotra hatte ihn gewarnt. Die Hälfte der Wesen in der Galaxie werden Euren Tod wollen, hatte er praktisch geknurrt. Er hatte die Hände in den Hemdkragen ihres Vaters gekrallt. Eure eigenen Leute werden Euch büßen lassen. In diesem Moment war Rhee hereingeplatzt und hatte die Auseinandersetzung unterbrochen. Niemand hatte je so zu ihrem Vater gesprochen oder ihn so grob behandelt. Rhee ballte die Fäuste, als sie an die unterschwellige Drohung in den Worten des Kronregenten dachte, an die Gefahr, die sie verspürte, wenn sie die Wiedergabe auf ihrem Würfel durchging und nach den Erinnerungen an ihren Vater kurz vor dessen Tod suchte.

Eure eigenen Leute werden Euch büßen lassen.

Was bedeuten sollte: Seotra würde ihn büßen lassen. Er hatte ihren Vater glauben gemacht, dass er mit seiner Familie vor einer unmittelbaren Gefahr auf Kalu fliehen müsse. Aber die einzige Gefahr war Seotra selbst gewesen.

Sie hatte die Erinnerung nie mit jemandem geteilt. Niemand hätte einem Kind geglaubt. Und jetzt, da sie erwachsen war, nur Stunden davon entfernt, Kaiserin zu werden, bestand kein Grund, es jemandem zu erzählen. Sie würde ihre Rache bekommen, zu ihren eigenen Bedingungen.

»Nimm es einfach«, sagte Julian jetzt und deutete auf das Teleskop in ihrer Hand. »Tu so, als sei es kein Geburtstagsgeschenk. Sagen wir, ich leihe es dir nur, bis ich dich das nächste Mal sehe.«

Bis ich dich das nächste Mal sehe, wiederholte sie im Geiste. Bis dahin würde alles anders sein.

Sie hatte gelernt, dass es keine Garantie für irgendetwas oder irgendjemanden gab.

Orangefarbene und rote Streifen durchschnitten den schwarzen Himmel, leuchteten, brannten und blubberten, als die Meteore mit unglaublicher Geschwindigkeit vorüberschossen und sich Teile von ihnen lösten. Ringsum brach Jubel aus, und alle applaudierten. Rhee konnte es nicht aufzeichnen; sie würde sich einfach daran erinnern müssen, was sie in diesem Moment gefühlt hatte, wie sie in die Leere hinaufgeblickt und Glück und Angst in ihr gebrodelt hatten, als hätten sie die gleiche Temperatur wie die Felsbrocken, die über den Himmel zogen. Mit jedem Auflodern brannte die Frage, die sie sich seit Jahren stellte, heller und heller in ihr. Warum sie? Warum hatte ausgerechnet sie überlebt?

»Denkst du, ich bin gut?«, fragte sie ihn plötzlich. In ihrer Kehle kribbelte es.

»Rhiannon …« Seine Stimme brach. Nach all den Jahren war sie nicht sicher, ob sie jemals gehört hatte, dass er ihren vollen Namen aussprach, und es gefiel ihr nicht. Sie mochte die Förmlichkeit nicht; sie gab ihr das Gefühl, als habe sie sich bereits von ihm und von diesem Leben entfernt. Aber wollte sie das denn nicht? War das nicht besser so für alle? Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, aber schließlich schüttelte er den Kopf und nahm ihre Hand. »Nein. Ich glaube, dass du echt seltsam bist.«

Sie hatten sich schon tausendmal an den Händen gehalten, um einander über die Sanddünen zu helfen oder um den anderen von der Dojo-Matte hochzuziehen. Aber jetzt verschränkte er die Finger mit ihren und drückte sie. Sie hielt den Atem an und fragte sich, ob sie den Druck erwidern sollte, ob es überhaupt etwas bedeutete, ob sie gründlich genug darüber nachgedacht hatte.

Die Menge auf der linken Seite begann zu raunen und teilte sich wie Wasser vor dem Bug eines Schiffes, um den Blick auf einen großen weißhaarigen Mann freizugeben. Er war zu alt, um ein Tasinn zu sein. Er hatte einen etwas unregelmäßigen Gang mit einem merkwürdigen Rhythmus, als sei ein Bein länger als das andere. Veyron. Sie und Julian zuckten auseinander.

Seine Miene wurde vom Licht einer nahen Fackel erhellt: traurig, wissend, streng. Er sah seinen Sohn kaum an. Stattdessen griff Veyron hinter das Ohr und sagte etwas. Sie konnte es ihm von den Lippen ablesen: Ich habe sie gefunden.

Mit jedem Schritt, den Rhiannon tat, schien der lange weiße Flur der Eliedio schmaler zu werden – als würde das kaiserliche Schiff sie einschließen.

Es war geschehen. Sie hatten Nau Fruma verlassen, und es würden Jahre vergehen, bis sie Julian wiedersah. Sie fühlte keine Traurigkeit, nur eine starre Benommenheit. Sie hatte entschieden, ihren Würfel ausgeschaltet zu lassen; sie wollte sich nicht daran erinnern.

Rhee konzentrierte sich auf Veyron, dessen Mantel wie eine Flagge auf Halbmast hinter ihm herflatterte. Weil ihr bestimmt war, Kaiserin zu werden, verfügten die Anstandsregeln, dass niemand vor ihr gehen sollte. Doch Veyron tat es dennoch, er war ihr anscheinend immer noch böse, weil sie davongelaufen war. Sie spürte, dass Tai Reyanna sich über diesen Verstoß ärgerte; sie lief hinter Rhee, obwohl sie sonst oft nebeneinander hergingen.

»Für Eure Ankunft sind eine Reihe von Festlichkeiten geplant«, sagte Tai Reyanna in dem rauchigen Oberschichtakzent, den auch Rhee sich durch sie angewöhnt hatte. Sie ging so langsam und bedächtig, wie sie alles tat – und Rhee konnte die vielen, feinen Schichten ihrer steifen Seidenrobe bei jeder Bewegung rascheln hören.

»Wie aufregend«, antwortete Rhee. Sie hatte nicht so sarkastisch klingen wollen. Ihre Schritte waren schwerfällig, und obwohl sie wusste, dass es an der künstlichen Schwerkraft des Schiffes lag, hatte sie auch ein bleiernes Gefühl in der Brust, als pumpe ihr Herz flüssiges Metall in jeden Teil ihres Körpers. Ihr Haar war so fest geflochten, dass ihre Kopfhaut schmerzte. Sie blickte auf ihre Hände hinab. Ihre Handflächen kribbelten immer noch dort, wo Julian sie berührt hatte.

»Das ist es«, pflichtete Tai Reyanna ihr bei, und Rhee hörte den Tadel in ihrer Stimme. Sie war eine gebürtige Kalusianerin wie Rhee und hatte die gleichen breiten Wangenknochen, die gleiche gebräunte Haut. »Endlich kommt unsere Kaiserin nach Hause. Habt Ihr heute die Holos gesehen?«

Als Rhee den Kopf schüttelte, nahm Tai einen tragbaren Holoprojektor und startete eine 3D-Aufnahme. Ein Countdown-zur-Krönung-Logo erschien, und die verschnörkelte Schrift wand sich um ein Bild von Rhee aus dem vergangenen Jahr – digital bearbeitet, um die grünen Einsprengsel in ihrem haselnussbraunen Auge zu betonen. Auf dem Bild lächelte sie nicht, was sie älter und entschlossener aussehen ließ, wie kalusianische Fokusgruppen berichteten. Es hatte in letzter Zeit eine große Medienkampagne gegeben, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass ein junges Mädchen in der Lage war, die Galaxie zu beherrschen.

»In weniger als zwölf Stunden schreiben wir Geschichte, wenn Prinzessin Rhiannon Ta’an den Blutschwur ablegt und dem Volk von Kalu die Treue schwört«, verkündete Nero. Der Moderator von Countdown, dessen Holo neben Rhee den Flur entlangzugehen schien, trug ein kurzärmliges schwarzes Hemd mit einem hohen, abgerundeten Kragen, wie es in diplomatischen Positionen üblich war. Als Botschafter des Regenten hatte er Rhee in den letzten Monaten einige Male interviewt. Während er ihr eine Reihe alberner Fragen über ihre bevorstehende Krönung gestellt hatte, hatte er auf eine Weise gelächelt, die sein kantiges Kinn zur Geltung brachte und Rhee erröten ließ. Er hatte diese Wirkung auf Millionen von Zuschauern.

»Es laufen noch die letzten Vorbereitungen«, fuhr Nero fort. Sie hatte im Studio gesehen, wie die Kameras ihn aus jedem Winkel filmten; bei der Ausstrahlung wurde das Hologramm so angepasst, wie es den Zuschauer am besten miteinbezog. Die Sendung brachte eine Liveschaltung zu Lenys Tal auf Kalu vor den Toren der Hauptstadt. Die gewellten grünen Hügel des Tals bildeten ein natürliches Amphitheater, in dem die Krönung stattfinden sollte. Rhee würde vorn in der Mitte stehen, während sie das Ritual durchlief, bei dem sie sich die Handfläche aufschnitt, um symbolisch für Kalu ihr Blut zu vergießen. Es hatten sich bereits Tausende Menschen versammelt, die die Nacht dort verbringen würden. Es wurden immer noch Blumenarrangements herbeigetragen, und eine kleine Armee von Helfern trug Dinge hin und her, scheinbar ohne erkennbaren Grund, außer um Hektik zu verbreiten. Alles wirkte extravagant, es war von süßlicher Schönheit und wie eine weitere sorgfältige Inszenierung von Seotra.

»Wir werden es bald selbst sehen«, erwiderte Rhee und senkte behutsam Tai Reyannas Hand. Ihre Tai schaltete die Sendung aus, so dass das Hologramm sich schloss und verschwand. »Ich kann es gar nicht erwarten, mit dem Kronregenten zu sprechen. Wird er da sein, wenn wir ankommen?« Sein Name hinterließ einen bitteren Geschmack auf Rhees Zunge, aber sie musste ihn gut im Auge behalten.

»Natürlich.« Tai Reyanna hob die Augenbrauen und sah Rhee fragend an. »Er bereitet sich seit Monaten auf Eure Ankunft vor.«

Und ich bereite mich seit Jahren darauf vor, hätte Rhee beinahe gesagt.

Veyron nahm ihr Gespräch nicht einmal zur Kenntnis. Heute Abend schien er noch stiller zu sein als gewöhnlich – und sie verspürte wie so oft die vertraute Scham in sich aufsteigen: Sie hatte ihren Trainer auf irgendeine Weise enttäuscht, auch wenn sie nicht genau wusste, wie.

»Wir werden über die Logistik Eurer Ankunft sprechen müssen«, fuhr Tai Reyanna fort, als sie eine Gabelung im Flur erreichten. »Wollen wir auf die Brücke gehen? Der Kapitän erwartet uns.«

Rhee stand da, und erfundene Ausreden schossen ihr durch den Kopf, um sich vor Tais Plänen zu drücken. Sie würde unterwegs am gesamten Bordpersonal vorbeikommen, das zweifellos wütend auf sie war, weil sie vorhin davongelaufen war.

»Vielleicht muss das Mädchen sich erst ein wenig ausruhen«, warf Veyron ein, der ihnen immer noch den Rücken zukehrte.

»Das wäre schön. Veyron könnte mich in meine Gemächer führen«, sagte Rhee schnell. Er war kein Mann vieler Worte, aber er war scharfsinnig. Er hatte ihr einen Ausweg geboten. »Es war ein langer Tag.«

Abgesehen davon, dass ihre Lippen einen Hauch schmaler wurden, verbarg Tai Reyanna ihren Unmut gut. Rhee wusste, dass sie ihre Abneigung gegen Veyron, der ein halber Wraetaner war, nie offen zeigen würde. Manche Wunden aus dem Großen Krieg würden niemals heilen.

»Ja, es war wirklich ein langer Tag«, erwiderte Tai Reyanna nach einem Moment. In ihrer Stimme lag ein vorwurfsvoller Unterton; es war deshalb ein langer Tag gewesen, weil Rhee den Flug verzögert hatte. »Wir werden zusammenkommen, wenn Ihr Euch ein wenig ausgeruht habt.«

Je näher die Krönung rückte, desto mehr wagte Rhee es, sich ihrer Tai zu widersetzen, obwohl das nichts an der Mischung aus Angst und Respekt änderte, die sie für die Frau empfand. Sie senkte den Kopf, bevor Tai Reyanna ihre Meinung ändern konnte, und entließ sie damit. Der zeremonielle kalusianische Kopfschmuck, den Rhee trug, geriet leicht ins Schwanken, und sie musste ihn mit der Hand stützen. Er bestand aus einem bunten Federbusch, der mitten auf ihrem Kopf saß. Man hatte sie dazu gezwungen, ihn zu tragen, so wie man sie dazu gezwungen hatte, ein rotes, goldbesticktes Kleid anzuziehen. Der Staub war von ihren gebräunten Armen geschrubbt worden, auf denen jetzt eine Gänsehaut kribbelte.

Veyron und Rhee setzten ihren Weg fort, nachdem Tai Reyanna sich entfernt hatte. Es war seltsam, schweigend weiterzugehen – vor allem, nachdem sie so viele Tasinn und Sicherheitskontrollen passiert hatten. Seit ihrer Kindheit hatte Rhee jedes Mal, wenn sie sich über die Eskorte beschwert hatte, von Tai Reyanna zu hören bekommen: »Sie dienen Eurem Schutz.« Und Rhee hatte sich immer die gleiche Antwort verkniffen: Alle Sicherheitsleute der Galaxie haben meine Familie nicht schützen können.

Am Ende des Flurs tippte Veyron einen Code in ein silbernes Tastenfeld ein. Gerade als Rhee ihn einholte, glitt die Tür mit einem leisen Zischen auf, und Rhee blickte in einen großen Raum mit deckenhohen Fenstern. Die Bilder ihrer Vorfahren wurden per Holo in den Raum projiziert. Auf einem schmalen Sims reihten sich Opfergaben: Getreide, Obst, Myrahkonfekt. Es war nicht ihr Quartier, sondern ein Ort der Anbetung. Sie nickte Veyron anerkennend und dankbar zu. Er war auf Wraeta aufgewachsen; die Ehrung der Vorfahren gehörte nicht zu seiner Religion, doch er wusste, dass dieser Brauch sie immer beruhigte.

Rhee ging zu den Fenstern, verneigte sich vor jedem Ahnen und entzündete dabei Weihrauch, bis sie zu den Porträts ihrer eigenen Familie kam: ihres Vaters, ihrer Mutter und Joss’. Wenn ihre Leichen geborgen worden und ihre Würfel unversehrt geblieben wären, hätte sie von ihnen vielleicht Erinnerungen geerbt, die sie ihr eigens dafür hinterlassen hatten. Aber selbst die waren am Tag ihres Todes verschwunden.

Durch die Fensterscheibe sah Ree den Feuerregen des Kamreial-Meteoritenschauers, der sich gegen die Dunkelheit des Weltraums abhob. In der Ferne pulsierte ein orangefarbenes Licht.

Kalu schien nicht länger ein fixer Punkt an dem gewaltigen Himmel zu sein, sondern eine Zukunft, die ihr gehören würde. Wieder lief ihr ein kalter Schauder über die Arme. Sie würde sich mit verschiedenen Würdenträgern treffen, und sie war von Tai Reyanna mit den Gepflogenheiten jedes Planeten vertraut gemacht worden, bis sie im Schlaf knicksen, sich verbeugen und die richtigen Gesten ausführen konnte. Aber es gab immer noch viel zu lernen.

Sie berührte instinktiv ihren Hals, um die oft heraufbeschworene Erinnerung an ein Familienfrühstück aufzurufen. Mit leichtem Schrecken fiel ihr ein, dass sie ihren Würfel ja ausgeschaltet hatte. Ihre Erinnerungen waren darauf nicht chronologisch angeordnet, sondern nach der Häufigkeit ihres Aufrufs – und diese spezielle Erinnerung war immer ganz vorne gewesen. Aber jetzt, ohne den Würfel, musste Rhee nach dieser Erinnerung suchen, musste die Augen schließen und sich an ihren Erinnerungen entlangtasten wie an den Wurzeln eines Baumes.

Ihr Vater saß am Kopf des langen Tisches und dozierte, wie er es immer getan hatte. »Als Kaiserin musst du gerecht, aber entschlossen sein«, hatte er gesagt, während er seine Toastscheibe energisch mit Butter bestrich, als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen. Er hatte natürlich mit Josselyn gesprochen. Ihre ältere Schwester hatte ihr Leben lang gewusst, dass sie herrschen würde.

Komisch. Ohne den Würfel traten Teile der Erinnerung in den Hintergrund, während andere wieder hochkamen. Wie Josselyn ihre Hunde unter dem Tisch mit einem Stück Fleisch fütterte, wie sie Rhee zuzwinkerte, als teilten sie ein Geheimnis. Mit dem Würfel hatte sie die Erinnerung nie so weit abgespielt.

Sie öffnete die Augen in dem Moment, als ein besonders greller Feuerschweif über den Himmel schoss. Orangefarbene Streifen glühten in der Dunkelheit auf und waren genauso schnell wieder verschwunden. Die Stille ließ es wie ein heiliges Zeichen wirken. Oder wie ein Omen.

Sie blickte zu ihrem Trainer hinüber, der die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte. Er stand den Fenstern zugewandt, die Schultern gestrafft und den Rücken gerade, wie der Soldat, der er war. Seit sie an Bord gegangen waren, hatte er kaum ein Wort gesprochen.

»Seid Ihr mir böse?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete Veyron, doch er sah ihr nicht in die Augen. »Aber in der Hauptstadt herrschen andere Gepflogenheiten. Dort hätte man es nicht toleriert, dass Ihr vor Euren Pflichten davonlauft.«

»Sie denken, was immer ihnen gefällt.« Ihre Angewohnheit, Hosen zu tragen, ihre Ausbildung in den Kampfkünsten – all das würde ihnen seltsam vorkommen. Aber Rhee fürchtete etwas Schlimmeres als die öffentliche Meinung. Sie hatte Angst, dass sie nach all der Zeit, all diesen Vorbereitungen wie gelähmt sein würde, wenn es so weit war, ihre Familie zu rächen und Seotra zu töten.

Aber sie konnte nicht zulassen, dass Seotra weiterlebte. Er hatte sich als Freund ihres Vaters ausgegeben, und doch war es Seotra gewesen, der in jener Nacht ihre Abreise arrangiert und sie zum Schiff gebracht hatte. Wie oft hatte sie die Erinnerung an den Streit durchgespielt, in den sie hineingeplatzt war?

Die Hälfte der Wesen in der Galaxie werden Euren Tod wollen. Seotras gebleckte Zähne. Die Gewissheit und der Hass in seiner Stimme. Sicher war das der Grund gewesen, warum ihr Vater sie im Schutz der Nacht versammelt hatte. Seotra hatte den Kaiser glauben lassen, dass sie um ihr Leben fürchten mussten, und dann hatte er ihr Schiff zerstört.

»Die Kronprinzessin war schon immer so stur«, bemerkte Veyron jetzt.

Kronprinzessin. Sie sah ihren Trainer stirnrunzelnd an. »Ihr wisst, dass ich diesen Titel nicht trage.« Der Titel hatte Joss gehört. Sie war die nächste in der Thronfolge gewesen, und Rhee würde nur deshalb Kaiserin werden, weil Joss gestorben war.

»Ja.« Er nickte wieder und warf einen Blick zu der Tür hinter sich. Sein Gesicht schimmerte rot im Widerschein der Fackeln. »Aber wenn wir älter werden, müssen wir auch den Menschen akzeptieren, zu dem wir geworden sind.«

»Was meint Ihr damit?« Etwas an seinem Ton ließ sie schaudern.

Veyron drehte sich um und sie sah zum ersten Mal den Ausdruck auf seinem Gesicht. Er hatte die dunkle Haut der Wraetaner und die blauen Augen, die bei der zweiten Welle der Kalusianer verbreitet waren – eine ungewöhnliche Kombination und Beweis seiner gemischten Vorfahren. Es war seltsam, ihn aufgebracht zu sehen; er war immer so gut darin, seine wahren Gefühle zu verbergen. In diesem Moment war seine Ähnlichkeit mit Julian verblüffend. »Es tut mir leid, Rhee. Ich hoffe, dass die Götter mir vergeben.«

»Was tut Euch …?«

Bevor sie leid sagen konnte, packte Veyron sie an der Kehle und drückte sie fest gegen das Fenster. Ihr Kopfschmuck fiel von der Wucht des Aufpralls herunter und Veyron zertrat die Federn mit dem Stiefel. Seine Hand passte genau um ihren Hals. Er hob sie vom Boden hoch und drückte zu. Sie rang nach Luft, während sie versuchte, seine Finger einen nach dem anderen zu lösen.

Sie schaffte es nicht. Sein vertrautes Gesicht – das Gesicht des besten Freundes ihres Vaters, des Trainers, den sie seit Jahren kannte – schien sich vor ihren Augen zu verzerren. Alles verlangsamte sich. Ihre Zunge fühlte sich dick und trocken an und ihre Lungen schmerzten. Weißes Licht explodierte vor ihren Augen und am Rand ihres Gesichtsfeldes verschwamm alles. Die Ahnen blickten sie von ihren Bildnissen herab an, ihre Holos in der Zeit erstarrt, gespannt, wie es enden würde. Würde sie zu ihnen kommen?

»Es tut mir leid, Rhee«, wiederholte er. Als Veyron seine andere Hand an ihre Kehle hob, stiegen Tränen in seinen Augen auf. »Sie haben mir keine Wahl gelassen. Ich hatte keine Wahl.«

2

Alyosha

Das Schiff ruckte nach links und Alyosha krachte gegen den Boiler. Die Blechverkleidung bekam eine Delle. Werkzeuge lösten sich von Alyoshas Gürtel, trieben davon und landeten außerhalb seiner Reichweite. Sein Würfel summte schwach an seinem Hals. Er tippte ihn an, um zu antworten.

»Wie ist dein Status?«, fragte Vincent.

»Mein Lieblingsschraubenschlüssel hat den Abgang gemacht«, antwortete Aly und hockte sich auf den Boden, um zu sehen, wo er hingefallen war.

»Und der Gravitationsstrahl?«

»Ist in zehn Minuten repariert.« Falls er seinen Steckschlüssel finden konnte.

»Gib dir Mühe und beeil dich, ja? Ich habe gerade versucht, dieses verrückte Schiff zu einem Routinestopp zu bewegen, aber der Pilot stellt sich an.« Vincent sendete ein Bild von seinem Armaturenbrett, das Aly auf der Rückseite seiner Augenlider empfing, sodass seine Sicht sich kurz verdoppelte. Das fragliche Schiff hatte die Form eines Käfers, zu klein für ein Frachtschiff, zu groß für eine standardmäßige Zivilkapsel, und es war etwa dreißig Klicks nordöstlich. Selbst als sie jetzt die Verfolgung aufnahmen, wurde es nicht langsamer. Die UniForce hatte einen Ausdruck für solche Schiffe: unkooperativ. Sie mussten den Gravitationsstrahl in Gang bringen, um sich an das Ziel zu heften und es heranzuziehen.

Blöd für Aly. Toll für die Ratings.

»Noch sieben Minuten«, sagte Vincent.

»Ich würde ja schneller machen, wenn ich mich nicht festhalten müsste«, erklärte Aly und blinzelte das Bild aus. »Wo hast du fliegen gelernt?«

»Im Schlafzimmer deiner Mom – sie hat mir das hier beigebracht.« Die Revolution machte eine Rolle, und Aly suchte hektisch nach einem Haltegriff, während sich alles um ihn drehte. Was für ein Angeber.

»Wenn ich den Reaktor vollkotze, bist du schuld.«

»Aber dann sind wir alle tot! Wer soll dann noch sagen, dass ich es war?«

Er war ein verdammter Philosoph, der Kerl.

Während der letzten sechzehn Monate waren sie zusammen an Bord der Revolution gewesen: ein Zweimann-Gleiter, ausgestattet mit einem Droiden namens Pavel, den Aly selbst programmiert hatte. Pavel war der Liebling der Fans – berühmter als Aly oder Vin, was etwas heißen wollte, denn sie waren schon ziemlich berühmt. Schließlich waren sie die Stars aus Die Revolutionäre.

Weder Aly noch Vin hatten die Absicht gehabt, berühmt zu werden. Als Mitglieder der UniForce, Kalus Militär, war ihr Auftrag ursprünglich als Bestrafung für zwei Faulpelze gedacht, die kaum die Grundausbildung überstanden hatten. Sie waren an den Rand des äußeren Gürtels verbannt worden, hatten abtrünnige Wilderer verfolgt und in Fällen gestohlener oder rechtswidrig getunter Schiffe ermittelt, wenn ein Fahndungsbefehl vorlag. Als die Produzenten beschlossen, eine kurze, positive Wohlfühldoku über die UniForce zu drehen, und dafür Kameras an Bord brachten, hatte niemand damit gerechnet, dass die Sendung so erfolgreich werden würde.

Nun, fast niemand. Jethezar, der Junge aus Chram, den sie in der Grundausbildung kennengelernt hatten, hatte es aus ungefähr einer Million Meilen Entfernung vorhergesagt. Wann immer Aly die Erinnerung an Jeth auf seinem Würfel heraufbeschwor, sah er wieder, wie Jeth den Kopf schüttelte und eine Rauchwolke durch die Kiemen links und rechts an seinem Hals ausatmete. »Ihr werdet mich nicht vergessen, wenn ihr berühmt seid und so«, hatte er in dem näselnden Tonfall der Chram so feierlich gesagt, dass Aly nicht sicher war, ob er es ernst meinte oder ob es ein Witz sein sollte.

Jetzt waren die Revolutionäre die beliebteste Sendung auf DroneVision. Die Kameras waren geblieben und das Ganze war in Produktion gegangen. Sie drehten bereits die zweite Staffel, und Aly konnte sich nicht mal am Hintern kratzen, ohne dass es eine Kamera aufnahm und in alle Welten ausstrahlte. Die einzige glorreiche Ausnahme war die Stunde am Morgen, wenn die beiden kalusianischen Monde, Nau Fruma und Rhesto, die Umlaufbahnen kreuzten. Dann brach das Netzwerk von DroneVision vollkommen zusammen und konnte keine Satellitensignale senden oder empfangen.

Es war nicht direkt das Leben eines Soldaten. Es war besser. Klar, Aly war vor der Kamera vielleicht nicht gerade ein Naturtalent. Nicht so wie Vincent, der bereit war, immer und überall für die Knipsies zu lächeln; diese kleinen Kameras brachten das Beste in ihm zum Vorschein – die Einzeiler, die perfekt getimten Gesichtsausdrücke, die strahlend weißen Zähne. Aber es war um Längen besser, als in irgendeinem Drecksnest auf Wray festzusitzen und Staub zu husten.

Außerdem hatte die Aufmerksamkeit, die den Revolutionären zuteilwurde, ihre Vorteile. Wie die Mädchen zum Beispiel. Oder mit Promis bei der einen oder anderen Fundraisinggala auf Tuchfühlung zu gehen (mit Betonung auf Fühlung, hatte Vin gescherzt). Die ganzen Fannachrichten, die ihm das Gefühl gaben, wichtig zu sein.

Natürlich hatte das Ganze auch unschöne Seiten. Bei der Party zur letzten Staffelpremiere hatte es ein paar Plakate gegeben, und in allen Fan-Holo-Foren prangte über der Werbung für die Serie der Spruch: STAUBIES GO HOME. Es spielte keine Rolle, dass Aly sich stets von seiner besten Seite zeigte – er wollte seinem Planeten keine Schande machen –, aber für gewisse Leute würde er immer der Feind sein. Viele Menschen kamen nicht über die Erinnerungen an die wraetanischen Aufstände hinweg und die Tatsache, dass Wraeta sich während des Großen Krieges mit Fontis gegen Kalu verbündet hatte. Das war der Grund, warum Aly anfangs gelogen und seine wraetanische Herkunft verleugnet hatte. Ihm waren Geschichten darüber zu Ohren gekommen, wie Wraetaner in der UniForce behandelt wurden, da es immer noch Feindseligkeiten gab und die Flüchtlingssituation nicht besser wurde – also hatte er ein anderes Kästchen angekreuzt und eine kleine Notlüge erzählt. Niemand hätte davon erfahren, wäre da nicht die Serie gewesen, die ein ganzes Rudel von Journalisten veranlasst hatte, in seiner Vergangenheit zu wühlen.

Zumindest gab die Serie Aly Rückendeckung, solange die Quoten stimmten. Als schließlich herauskam, dass Aly wraetanisches Blut hatte, ignorierten die Produzenten die Demonstranten – die lautstarke Fraktion von Kalusianern, die die Wraetaner als Tiere und Wilde bezeichneten oder schlimmer noch: als Staubfresser.

Die Revolution schwenkte wieder nach links. Vin fluchte in seinen Würfel. »Aly! Das Ziel macht Ausweichmanöver. Beeil dich mit dem Gravitationsstrahl.«

»Ich beende, was ich angefangen habe – mach dir um mich keinen Kopf. Konzentrier du dich aufs Fliegen, ohne uns umzubringen.«

»Abgemacht. Du hast noch sechs Minuten. Out.« Es war wahrscheinlich das längste Gespräch, das sie jemals über ihre Würfel geführt hatten. Vin ließ seinen Würfel nie an, wenn er nicht musste. Seine Eltern waren da komisch. Er wurde gezwungen, zu meditieren und zu visualisieren und Mnemotechnik anzuwenden, was Aly zum Totlachen fand, da ein großer Teil des Universums sowieso dazu gezwungen war. Man musste das auch nicht mit irgendeinem anspruchsvollen Begriff bezeichnen – es hieß einfach arm geboren werden. Nur bestimmte Regierungen konnten es sich leisten, die Installationen der Würfel für ihre Bürger zu bezuschussen.

Aly war nicht mit dem Würfel groß geworden und er hatte sich seinen erst ziemlich spät einsetzen lassen. Er wusste, dass es in der weiteren Galaxie alle möglichen Leute gab, die süchtig nach ihren Erinnerungen waren. Es gab öffentliche Kampagnen, »gesund und im Augenblick zu bleiben«, was im Wesentlichen bedeutete, nicht wie diese traurigen Säcke zu verkommen, die immer wieder ihre Glanzzeiten abspielten, als sie noch volles Haar und ein Mädchen im Arm gehabt hatten.

Aly verstand das nicht – warum man in der Vergangenheit leben wollte. Er fand es schön, sein neues Leben aufzuzeichnen. Vielleicht würde er irgendwann genug gute Erinnerungen angesammelt haben, um die schlechten zu verdrängen, damit sie nie wieder in seinem Feed auftauchten.

Eine DroneVision-Kamera flog in Alys Blickfeld. Er schlug sie weg. »Mach dich wenigstens nützlich, wenn du mir schon vor der Nase rumschwirrst«, sagte er zu dem Knipsie. So nannten sie die Kameras von DroneVision, da sie nicht nur Bilder machen und filmen konnten, sondern auch eine helle Beleuchtung lieferten, als würde man eine Lampe anknipsen. »Licht.«

An der Unterseite der Drohne ging ein Lämpchen an und erhellte den kleinen Raum. Das Knipsie war kompakt, nur handflächengroß, und es sirrte jetzt zu der niedrigen Decke empor. Aly ließ sich auf Hände und Knie nieder und hielt sich dicht am Boden, während das Schiff wild von links nach rechts schlingerte. Was zum Teufel war da oben los?