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Die Sterne sterben und die Milchstraße droht in nachtschwarzer Finsternis zu ertrinken. Nur eine Weltraum-Piratenbande und ein kleines Menschenmädchen können die Galaxie und ihre Königin retten, indem sie die unglaubliche Wahrheit aufdecken, die sich hinter dem Herz der Sterne verbirgt.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2020
FÜR M & R
Ihre Haut war so weiß wie der Winter. Ihre Haare schimmerten golden, als wären sie aus Sonnenlicht geflochten. Traurig schloss sie die Augen, um zu schlafen. Vielleicht für immer. Selbst die Sterne wussten nicht, ob ihre Königin je wieder erwachen würde, und weinten ein leises Lied in die Ewigkeit des Universums.
STROPHE 1
DAS LIED EINER REISE
I
In letzter Zeit warfen nur wenige Sterne ihr Licht in die Nacht. Meistens blieb es beinahe stockdunkel. Auch an diesem Abend hatte die Dämmerung lediglich eine Handvoll funkelnde Knöpfe an den Himmel genäht, der wie ein riesiges schwarzes Tuch aussah, mit dem sich der Tag zugedeckt hatte.
Su tat es ihm gleich und zog ihre Decke bis unter die zierliche Nasenspitze hoch. Traurig blickte sie aus dem Fenster in die erloschene Glut des Tages. Das Mädchen mochte die Dunkelheit nicht, mochte es nicht, wenn plötzlich alle Farben verschwanden. Wenn das Grün aus dem Gras und das Blau aus dem Himmel glitt und die Nacht wie schwarze Tinte in die Welt floss.
Damit es nicht gar so finster war, kam beim Zubettgehen stets ihr Nachtlicht zum Einsatz. Eine kleine Lampe, die wie ein fröhliches Gespenst aussah. Buhu – so hatte Su ihren tüchtigen Freund getauft. Auch in seiner heutigen Spätschicht konnte der goldige Plastikgeist ein bisschen Licht spenden – aber leider keinen Trost. Su war fürchterlich traurig.
Ihre Mutter hatte sich beim gemeinsamen Abendessen mal wieder lieber mit dem Handy als mit ihrem Sprössling beschäftigt. Sie hielt es für wichtiger, irgendwelche Fotos im Internet zu liken, zu kommentieren oder zu teilen, als mit ihrer kleinen Tochter zu reden. Oder ihr zumindest zuzuhören, wenn sie ganz stolz von ihren aufregenden Erlebnissen erzählte. Von ihrer neuen Sitznachbarin in der Schule zum Beispiel, die gerade aus Japan nach Deutschland gezogen war, und unzählige bunte Anhänger an ihrem Schulranzen trug. Oder davon, dass sie im Sportunterricht beinahe zweieinhalb Meter weit gesprungen war. Eine wirklich beträchtliche Leistung für eine Erstklässlerin. Doch die alltäglichen Abenteuer ihres heranwachsenden Mädchens hatten die alleinerziehende Mutter offenbar auch an diesem Abend nicht sonderlich interessiert.
Su hatte dem leckeren Thunfisch-Sandwich (auf das sie sich eigentlich so gefreut hatte) beim Essen genauso wenig Beachtung geschenkt wie ihre Mutter der Geschichte vom bemerkenswerten Weitsprungrekord. Also war das üppig belegte Brot (mit extra viel Thunfisch und Käse) vorerst im Kühlschrank gelandet. Mit hängendem Kopf und feuchten Augen war Su nach dem Abendessen auf ihr Zimmer getrottet.
Nachdem das Mädchen den kleinen Sternenanhänger (ein Geschenk ihrer neuen Klassenkameradin und Freundin) mit einem gequälten Lächeln an ihrem Rucksack befestigt hatte, löschte es das Licht, um sich unter der Decke zu verkriechen. Lustige Roboter waren darauf gestickt, die wie lebendige Radiowecker aussahen. Dann erzählte Su dem kleinen Buhu (im Flüsterton) von ihrem spannenden Tag. Er war ein wirklich toller Zuhörer – stets gebannt und aufmerksam hing er an den Lippen der Erzählerin. Manchmal stellte sie sich vor, wie er antworten würde und dabei jeden Satz mit einem lang gezogenen buhuuuu beendete.
Bei dem Gedanken musste sie eigentlich stets schmunzeln, an diesem Abend jedoch regneten immer wieder kleine Trauertropfen von ihrem Gesicht. Tränen, die im schwachen Schein der Sterne wie Edelsteine glitzerten.
Kurze Zeit später schlief Su leise schluchzend ein.
II
Unruhig wälzte sie sich hin und her, nahm dabei jedes noch so dezente Geräusch wahr und mischte es als gruselige Zutat in ihre Träume. So wurde das Knarzen des Küchenrollladens zum Knurren eines monströsen Bären und das Klappern des hölzernen Windspiels im Garten zu dem ihrer eigenen Zähne, die aus Furcht vor dem Angst einflößenden Ungetüm, das durch ihre Träume streifte (oder stapfte), wild bibberten. Buhu hingegen schlummerte fest, und auch im Tiefschlaf umgab ihn ein wohlig warmer und friedlicher Schein, der eine Ecke des kleinen Zimmers erleuchtete.
Ein urplötzliches Rütteln am Fenster riss Su aus ihrem Traum. Der Bär! Der Wind? Oder doch nur die Fantasie, die ihr einen Streich spielte? Ruckartig zog sie die Decke über den Kopf. Wären die Roboter auf dem Bettzeug echt gewesen, hätten sie wohl mit schrillen Alarmsirenen das Zimmer beschallt.
»Gefahr! Gefahr! Alle Mann – und Mädchen – unter die Bettdecke! Gefahr! Gefahr!«
Doch es blieb ruhig. Keine Sirenen. Kein Rütteln mehr am Fenster. Und vor allem kein Bärengebrüll.
Vorsichtig schob Su den Kopf aus dem Federversteck. Ihre blonden Haare hingen ihr in Strähnen ins Gesicht, und die verschlafenen braunen Augen, die in Farbe und Form an glänzende Kastanien erinnerten, riskierten einen Blick nach draußen. Nichts Ungewöhnliches zu sehen. Der Mond hatte sich einen wärmenden Mantel aus grauem Nebel übergeworfen, und die vereinzelten Sterne, die noch vor einigen Stunden am Himmel gehangen hatten wie vergessene Christbaumkugeln am ausrangierten Weihnachtsbaum, waren verschwunden. Auch im Garten schien alles völlig normal. Die Kinderschaukel rostete gelangweilt vor sich hin, und das Gras sehnte sich nach einem Rendezvous mit dem Rasenmäher. Inzwischen dürfte es Su bis zu den Knien reichen. Oder wenigstens bis zu der Stelle am Schienbein, an der sie sich bei der unsanften Weitsprung-Bruchlandung einen kleinen Kratzer zugezogen hatte.
Wieso musste da auch ein Stein im Sand liegen?, fragte sie sich.
Als das stolze Ergebnis von exakt 2,49 Meter verkündet worden war, hatte sie den Schmerz jedoch schnell vergessen.
Gerade als sich das Mädchen wieder hinlegen wollte, bemerkte es, wie das Gras im Garten an einer Stelle auffällig wogte. Zunächst nur zaghaft, sodass man hätte vermuten können, der Wind tanzte sanft über die Wiese. Dann jedoch wurde die Bewegung lebhafter und zudem von einem Rascheln untermalt. Etwas pirschte sich durch den Garten! Und dieses Etwas kam schnurstracks auf Sus Fenster zu.
III
Die gute Nachricht war, dass dieses … was auch immer es war … eindeutig kein Bär sein konnte. Im Gras zeichnete sich vielmehr die Gestalt eines wesentlich kleineren Tieres ab, das sich flink und elegant bewegte. Da Su nicht erkennen konnte, was da stattdessen auf sie zuhielt, beruhigte sie dieser vermeintlich situationsentschärfende Umstand jedoch kaum.
Plötzlich machte das Geschöpf (das im Schutz der Dunkelheit nicht mehr als ein Schatten mit Schwanz war) einen ruckartigen Satz. Direkt auf Sus Fensterbank, von wo aus es die hellwache und hastig atmende Siebenjährige mit rätselhaften Augen anstarrte, die im Dunkeln wie grelle grüne Taschenlampen leuchteten.
Eine Katze. Ohne Zweifel. Eine Katze, fast so groß wie das kleine Mädchen selbst. Sie stand auf den Hinterbeinen, trug goldene Ohrringe und ein rotes Cape (das lässig über den Schultern hing und mit einem mächtigen Knopf am Hals zusammengehalten wurde) und zeigte lächelnd nadelspitze Zähne. Am Ledergürtel – der besonders durch die massive goldene Schnalle ins Auge sprang – waren mehrere kleine Täschlein befestigt, mit moosgrünen Nähten verziert und goldenen Knöpfen versehen. An der linken Hüfte baumelte eine Art Holster, in dem jedoch kein Revolver steckte, sondern eine Steinschleuder in typischer Y-Form. Das glänzende Fell der Kreatur war so schwarz wie die Welt bei zugekniffenen Augen.
Die Katze zeichnete mit den Pfoten eine Geste in die Luft, mit der sie das Mädchen höflich aufforderte, das Fenster zu öffnen.
Sofort sprang Su auf, während rasende Impulsivität die Kontrolle über ihre rechte Hand übernahm und sie Richtung Knauf fernsteuerte.
IV
Das kleine Menschenherz pochte so schnell und heftig wie die prasselnden Fausthiebe eines Profiboxers, der sich an einem Sandsack austobte. Verzaubert und verblüfft vom Anblick einer Katze, die sich wie ein Mensch bewegte, drehte Su den Griff in einer entschlossenen Bewegung, ohne dabei auch nur eine Sekunde die smaragdgrünen Augen des zauberhaften Wesens aus dem Blick zu verlieren. Die Verriegelung öffnete sich mit leisem Klick. Beherzt schob Su das Fenster zur Seite, um dem schnurrenden Gast nicht länger durch eine Scheibe ins Gesicht zu blicken, als stünde sie am Ticketschalter der Bahn.
»Weiße Tage und goldene Nächte«, sagte das Geschöpf, während es freudig die Augen zukniff und Su mit einem breiten Lächeln ansah, das jegliche Furcht vor dem ungewöhnlichen Besucher schlagartig verpuffen ließ.
»Du kannst reden?« Völlig verdutzt strich Su sich die vom Schlaf zerzausten Haare aus dem Gesicht.
»Selbstverständlich kann ich das! Pfff, süß! Aber ich sollte mich wohl erst einmal vorstellen. Wie unhöflich von mir. Vergib und vergiss, ich bitte dich.« Das Wesen deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist NekoNeko Nebelheim, lautlose Späherin, präzise Scharfschützin, Ausguck mit Weitblick und gewiefte Diebin. Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Menschenmädchen. Hättest du wohl die Güte, mir jetzt die Edelsteine auszuhändigen?«
Su war für ihr Alter unglaublich schlagfertig, ihre Zunge ein geschliffener Dolch, der nahezu jedes Wortgefecht entschied. Nun jedoch war er stumpf, seine Trägerin praktisch stumm. Alles, was sie hervorbrachte, war ein holpriges »Äh?«. Doch als hätte Su einen Augenblick später den unwirklichen Umstand, dass sie sich mit einer Katze unterhielt, gänzlich ausgeklammert, vervollständigte sie die unfertige Antwort mit einem unverfälschten Lachen.
»Edelsteine?«, fragte sie schließlich. »So etwas besitze ich leider nicht, liebe Katze. Ich meine, NekoNeko Nudelheim.«
»Es heißt Nebelheim. Nebel, nicht Nudel. Trotz deines beeindruckenden Schauspieltalents bist du mir nicht gewachsen, kleiner Erdenbewohner. Oh nein! Niemand vermag es, die gerissenste Katze unter den Sonnen hinters Licht zu führen. Ich habe die Klunker nämlich vom Ausguck gesehen. Meine Augen kannst du nicht täuschen!«
Siegessicher stützte das Geschöpf die Pfoten in die Hüften und stieß einen episch inszenierten Triumphlaut aus. »Maumauuu!«
Über diese komische Darbietung musste Su erneut lachen. So herzhaft, dass ihr Tränen über die Wangen flossen. Tränen, die sich in NekoNekos grellen Taschenlampenaugen spiegelten und wie Diamanten funkelten.
»Die Edelsteine!«, rief der nächtliche Besucher entsetzt aus. »Es gab nie Edelsteine! Es waren deine Tränen. Die ganze Kletterei war umsonst! Wie ernüchternd.«
Es folgte ein enttäuschtes »Mauuuu«, aus dem kein Triumph mehr rauszuhören war.
»Aber was um alles in dieser und allen anderen Welten hat dich beim Zubettgehen derart amüsiert, dass du vor Lachen in Tränen ausgebrochen bist?«
»Ach weißt du, NekoNeko«, begann Su ihre Ausführung und wischte sich die Wangen trocken. »Ich habe gar nicht gelacht.«
Urplötzlich huschte alle Fröhlichkeit aus dem Gesicht des Mädchens. Su presste die Lippen zusammen, sodass ihr Mund unter der zierlichen Stupsnase einem dünnen Bleistiftstrich glich. Ihr Kopf senkte sich, und der Blick fiel verloren auf die Bettdecke, als wollte er nach etwas suchen, das er nie finden würde.
NekoNeko brach das bedrückende Schweigen, das die eben noch so heitere Stimmung erbarmungslos in den Schwitzkasten nahm.
»Du hast geweint? Aber was ist denn passiert, Menschenmä…?« Die Katze hielt kurz inne. »Wie heißt du eigentlich?«
»Mein Name ist Su. Ich lebe hier allein mit meiner Mama. Aber leider kümmert sie sich schon lange nicht mehr um mich. Irgendwie hat sie nie Zeit.«
»Und dein Vater?«, fragte NekoNeko behutsam.
»Mein Papa ist vor vielen Jahren ausgezogen, als ich noch ein Baby war. Mama hat mir mal erzählt, dass er uns früher hin und wieder besucht hat. Aber das macht er schon lange nicht mehr. Vor ein paar Wochen hatte ich Geburtstag. Meinen siebten. Sogar den hat er vergessen, weißt du?«
Zum dritten Mal in dieser Nacht kullerten Tränen. Eine blieb an Sus Nasenspitze hängen, wo sie kurz zappelte, dann aber den Halt verlor, aufs Kopfkissen hinabstürzte und einen dunklen Fleck hinterließ.
»Nun weine doch nicht!«, sagte die Katze. »Das wird schon wieder. Sei fröhlich!«
Doch die Fröhlichkeit des Mädchens glich in etwa der eines Trauerzugs.
NekoNeko rang sichtlich nach Worten, ihre Vorderpfoten jagten durch die Luft, als wollten sie etwas greifen. »Weißt du was, Su?«, stammelte sie. »Du kuschelst dich jetzt einfach zurück ins Bettchen, ich verdrück mich wieder aufs Schiff, und morgen sehen diese und alle anderen Welten schon besser aus. Einverstanden?«
»Schü-hüff?«, schluchzte Su so verwässert, dass man sich zunächst nicht ganz sicher sein konnte, ob das nun ein Wort oder das saftige Schmatzen einer hochgezogenen Nase war. Trotzdem trottete sie brav zurück zum Bett.
»Ganz recht!« Mit breit geschwellter Brust und zurückgewonnener Souveränität plusterte sich das spitzohrige Wesen auf. »Horch her, kleiner Mensch, horch her! Mich, die raffinierte NekoNeko Nebelheim, kennt man nämlich nicht nur als lautlose Späherin, präzise Scharfschützin, Ausguck mit Weitblick und gewiefte Diebin – und zwar in dieser und allen anderen Welten, wenn’s beliebt –, sondern auch als Zweite Offizierin der gefürchteten und berüchtigten Milchbart-Piratenbande!«
Sus glühende Begeisterung trocknete prompt ihre Tränen. »Ach, deshalb wolltest du Edelsteine erbeuten! Das machen Piraten doch so. Schätze suchen. Stimmt’s? Und über die Meere segeln! Frei wie der Wind, von Abenteuer zu Abenteuer«, schwärmte die Grundschülerin euphorisch, ehe sie ihren reißenden Redefluss selbst ausbremste. »Aber eines verstehe ich nicht. Hier gibt’s doch weit und breit kein Meer. Oder meinst du etwa unseren Baggersee? Der mit dem tollen Kiosk? Da kriegt man das beste Eis der Welt … und vielleicht auch aller anderen Welten«, ergänzte Su zögerlich. »Schokoladeneis zum Beispiel oder mit Erdbeergeschmack oder …«
»Baggersee? Eiscreme? Dass ich nicht lache! Wo denkst du hin, unwissendes Menschenmädchen? Ich rede von keinem See und auch von keinem Meer. Ich rede natürlich vom größten, legendärsten und gefährlichsten Gewässer im Universum! Der Milchstraße!«
»Die Milchstraße?«, hakte Su ungläubig, aber nicht minder interessiert nach. »Soll das etwa heißen, dass die Milchstraße wirklich aus Milch besteht?«
»Ha!«, stieß NekoNeko schallend laut aus und machte dabei einen eleganten Satz vom Fensterbrett, hinweg über Sus Kopf und hinein ins Zimmer. Zur lautlosen Landung (nun auf allen vieren) nutzte sie die Holzkommode des Mädchens. Die Piratin schlängelte sich geschickt und in geschmeidigen Bewegungen zwischen den darauf gestapelten Büchertürmen hindurch. Auch das Märchen von der lebendigen Marionette mit der langen Nase war dabei. Im schummrigen Licht des Kinderzimmers sah die Besucherin aus dem Weltraum nun wie eine völlig normale (wenn auch etwas groß gewachsene) Katze aus. »Natürlich ist sie aus Milch«, fauchte es in einem leicht schnippischen Tonfall hinter dem Bücherstapel hervor. »Was dachtest du denn, aus was sie besteht? Aus Limonade?«
»Also eigentlich …«, erwiderte Su, verstummte jedoch gleich wieder, als NekoNeko mit einem weiteren beherzten Sprung aufs Bett hechtete.
»Papperlapapp. Du musst noch viel lernen. Und ich muss jetzt los! Meine Crewmitglieder haben bestimmt schon mein Abendessen verdrückt. Das machen sie immer! Vor allem vor Hatschi, diesem sabbernden Vielfraß, ist kein unbewachtes Fresschen sicher. Es wird Zeit, Auf Wiedersehen zu sagen. Weiße Tage und goldene Nächte.«
V
»Nimm mich mit!«, rief Su, was NekoNeko augenscheinlich verwunderte. Hibbelig hüpfte sie von einem Bein aufs andere und schleuderte dabei ihre Decke und das von Tränen durchnässte Kissen auf den Teppichboden vor dem Bett. »Bitte, bitte, liebe Katze.«
»Mach dich nicht lächerlich, du Wicht! Das raue Piratenleben ist nichts für weinerliche Mädchen.«
»Oh bitte! Bitte, bitte, bitte! Ich falle dir auch nicht zur Last. Ehrenwort! Und ich werde helfen, wo ich kann. Ich könnte … das Deck schrubben … oder Kartoffeln schälen … oder dein Katzenklo leeren.«
»Wie bitte? Ich habe mich wohl verhört! NekoNeko Nebelheim verrichtet ihr Geschäft doch nicht auf einem ordinären Katzenklo! Wo denkst du hin? Ich bin empört!«
Su versuchte (wortwörtlich) händeringend einen Geistesblitz heraufzubeschwören. »Warte!«
Nun war es der kleine Mensch, der (ganz zum Erstaunen des vierbeinigen Zweibeiners) in bester Weitsprungmanier und hohem Bogen vom Bett sprang, die Zimmertür aufriss und im Dunkeln des Hausflurs verschwand.
Nur wenige Augenblicke später kehrte Su mit einem Strahlen im Gesicht und einem Mitbringsel in der Hand zurück ins Kinderzimmer: einem riesigen Sandwich! Es sah so köstlich aus, dass sich NekoNekos Zunge zwischen den scharfkantigen Zähnen hindurchschob und sie sich genüsslich über die Lippen leckte.
»Hier! Das schenke ich dir, wenn du mich mitnimmst. Ein Thunfisch-Sandwich nach Su-Art. Natürlich mit extraviel Thunfisch. Und Käse!«
»Und Käse …«, wiederholte die hungrige, um ihr Abendessen besorgte Katze beinahe wie hypnotisiert – die grünen Augen starr auf das leckere Brot gerichtet. »In Ordnung, ich bin einverstanden. Aber du machst mir keinen Ärger, verstanden?«
Freudestrahlend und ausgelassen fiel Su dem Thunfisch-Liebhaber um den pelzigen Hals, der sich so herrlich kuschelig wie die gemütlichste Decke der Welt (und aller anderen Welten) anfühlte. Um ein Haar wäre ihr bei der stürmischen Umarmung das Sandwich – ihre Eintrittskarte zum größten Abenteuer ihres Lebens – aus der Hand geflutscht. Statt auf dem Teppichboden landete der Mitternachtssnack aber zum Glück in NekoNekos Schlund.
»Na los, Su! Der größte schmatz, schmatz Schatz des Universums buddelt sich schließlich nicht von allein aus, nicht wahr?«
»Eine Sekunde!« Hektisch schlüpfte Su in ihre löchrige Lieblingsjeans, warf sich einen Pullover über und stieg in ihre Sneaker. Dann leerte sie den Schulrucksack, aus dem ein dicker Ordner und diverse Bücher purzelten (Mathematik, Biologie, Erdkunde und ein paar weitere – das ganze Programm eben). Der neue Sternenanhänger baumelte aufgeregt hin und her.
Die Grundschülerin eilte zum Kleiderschrank, wühlte einen wärmenden Schal hervor und stopfte ihn in den Rucksack, zusammen mit ihren Buntstiften, die in einem kleinen Ledermäppchen aufbewahrt wurden (das Mädchen schrieb und zeichnete für sein Leben gern).
»Oh! Beinahe vergessen!«, rief sie, nachdem sie die Punkte auf ihrer improvisierten »Was sollte man unbedingt mit auf ein Weltraumabenteuer nehmen?«-Checkliste im Kopf mit Häkchen versehen hatte.
Natürlich würde sie auch das Lichtspendegespenst Buhu auf der großen Reise begleiten. Als sich der kleine Plastikfreund im Gepäck zwischen Schal und Schlampermäppchen eingenistet hatte, wurde es völlig dunkel im Zimmer.
»Okay! Kann losgehen!«
Und so verschwanden die drei lautlos durchs Fenster in die Nacht.
VI
Nachdem sie den Garten auf leisen Sohlen (und noch leiseren Tatzen) durchquert hatten, kraxelten NekoNeko und Su gekonnt über den Zaun des Anwesens. Ein Klacks für die Katze, und auch das Mädchen nahm die hölzerne Hürde mit Leichtigkeit, brachte sie doch einiges an Übung mit: Beim Räuber-und-Gendarm-Spielen mit ihren Freunden war der Garten stets ein beliebter Gefängnisstandort und der Zaun eine attraktive Abkürzung zu Selbigem gewesen.
In der spärlich beleuchteten Straße, die durch das verschlafene Wohngebiet führte, blieb die Piratin plötzlich vor einem Schild stehen, das neben einer verwahrlosten Garageneinfahrt in den Rasen gerammt worden war. »ZU VERKAUFEN« stand darauf, darunter noch eine Telefonnummer. Die ausgeblichenen Vorhänge des dazugehörigen Reihenhauses ließen die Vermutung zu, dass das Gebäude schon eine ganze Weile nicht mehr bewohnt wurde. Auch das Auto in der Einfahrt hatte seinen Dienst offensichtlich vor langer Zeit quittiert. Im Schmutz, der sich mit der frostigen Hartnäckigkeit eines kalten Wintertages auf der Windschutzscheibe festkrallte, war ein krakeliges »PUTZ MICH!« verewigt worden. Vermutlich von Kinderhänden. Oder peniblen Nachbarn.
»Wieso halten wir hier an, NekoNeko?« Nervös befummelte Su die Gurte ihres geschulterten Rucksacks. »Sollten wir nicht lieber rasch zu deinem Raumschiff?«
Die Katze teilte die Lippen zu einem breiten Grinsen. »Nun, das Schiff ist direkt über uns. Genauer gesagt, etwa einhundert Kilometer über uns, wenn’s beliebt.«
»Einhundert Kilometer?«, fragte Su in einer Tonlage, die ein zusätzliches »Ist das dein Ernst?« überflüssig machte. »Und wie …?«
»Mit einer Strickleiter«, beantwortete NekoNeko die vorhersehbare Frage des Mädchens.
Su sah sich um. Zunächst spähte sie hinter das verschmutzte Auto (das bei nächtlichen Lichtverhältnissen nicht gar so armselig wie am Tag aussah). Nichts. Danach warf sie einen Blick hinüber zum Schild und hinauf zu den gespenstischen Vorhängen, die regungslos hinter staubigen Fenstern hingen wie vergessene Wäsche. Auch nichts.
»Ich sehe keine Strickleiter.«
»Nicht so ungeduldig, kleiner Mensch«, erwiderte NekoNeko und kramte etwas aus einem der Beutelchen an ihrem Gürtel hervor.
Noch bevor Su fragen konnte, was die Tasche enthielt, zog die Scharfschützin in einer flinken Bewegung die Schleuder aus dem Holster und nahm dabei die Körperhaltung eines Schurken ein, der sich in einem Fünfzigerjahre-Western mit dem Sheriff der Stadt duellierte. Gekonnt spannte sie die Waffe und schoss eine kleine Stoffkugel kerzengerade über sich in die Luft – FUUU. Das Geschoss, in dem sich ein glitzerndes Pulver verbarg, zerplatzte über ihren Köpfen in einer Wolke aus goldenem Puderzucker, in der eine Strickleiter zum Vorschein kam.
Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete Su das magische Mehl, das im Zeitlupentempo auf den Rasen rieselte und sich dort mit einem leisen Zischen auflöste wie ein Wassertropfen auf der heißen Herdplatte. Dann starrte sie ungläubig die schwebende Leiter an, deren unteres Ende knapp über der Stelle zappelte, auf die Sekunden zuvor das mysteriöse Pulver hinabgeschneit war. Das obere Ende hingegen war kaum zu erkennen. Es verschwand Tausende Meter über ihren Köpfen als hauchdünner Strich irgendwo im schwarzen Porträt der Nacht.
»Da müssen wir hoch?«
Sus Blick huschte aufgeregt zwischen der Leiter und NekoNekos Abenteureraugen hin und her, während die Katze mit einem müden Lächeln ihre Pfoten musterte und anschließend abschleckte. Dann wühlte das zierliche Geschöpf in einem anderen Beutelchen an ihrem breiten Ledergürtel.
»Das, was du eben gesehen hast, war Sternstaub. Es gibt viele Arten dieses Pulvers. Soeben habe ich zum Beispiel den Schau-genau-Staub eingesetzt. Er lässt Dinge erscheinen, die man vorher mit dem sogenannten Versteck-dich-Staub unsichtbar gemacht hat.«
»Wow«, wisperte Su so leise, dass es mehr ein Hauchen als ein Wort war.
»Und das hier sind Quittenbohnen.« NekoNeko zog zwei vermeintlich handelsübliche Bohnen aus dem Säckchen, in dem sie eben gekramt hatte. »Wenn du eine davon schluckst, dann läufst, schwimmst und kletterst du für kurze Zeit in galaktischer Geschwindigkeit. Somit sind wir in null komma nichts an Bord unseres Schiffes, der Argo Navis.«
NekoNeko schnippte eine der Bohnen lässig in die Luft, um sie dann flugs zu schnappen und schmatzend zu verschlingen. Die andere streckte sie Su entgegen. Auf der pelzigen Pfote ähnelte die weiße Hülsenfrucht einem zuckersüßen Fondant-Ei in einem Osternest, das mit schwarzem Gras ausgelegt war.
»Wohl bekomm’s!« NekoNeko klang belustigt.
Zögerlich griff Su nach der seltsamen Bohne, begutachtete sie von allen Seiten und steckte sie sich dann mit der skeptischen Entschlossenheit von jemandem in den Mund, der bei einer »Wetten, du traust dich nicht?«-Mutprobe einen frittierten Grashüpfer verdrückt. Die Quittenbohne schmeckte leicht süßlich. Bei Weitem nicht so süß wie ein Fondant-Ei, aber durchaus genießbar.
»Wir sehen uns oben«, kicherte die Weltraumkatze, wobei sie am Satzanfang auf die erste Sprosse stieg und am Satzende schon nicht mehr zu sehen war.
»Warte auf mich!«, brüllte Su in der Lautstärke eines Signalhorns gen Nachthimmel.
Doch NekoNeko war verschwunden. Ohne eine Sekunde zu zögern, umschloss das Mädchen energisch die Stricke der Leiter, suchte mit der Zunge die Zähne nach den Resten der zerkauten Bohne ab, setzte den rechten Fuß auf die unterste Sprosse und begann den Aufstieg ins All.
VII
Su traute ihren Augen nicht, als sie nach (vermeintlich) wenigen Schritten kurz innehielt, unter sich schaute und aus schwindelerregender Höhe die Erde von oben sah. In einem tranceartigen Zustand kraxelte sie beharrlich weiter, den Blick stets in die Tiefe gerichtet. Auf eine Welt, die plötzlich schrumpfte wie ein Luftballon, dem die Puste ausging. Bis ihr Heimatplanet schließlich einer blau-weißen Glasmurmel in einem schwarzen Samtsäckchen ähnelte, umgeben von unzähligen weiteren Klickern. Ringsum funkelten Hunderttausende Sterne (es mögen auch Millionen oder gar Milliarden gewesen sein), und ihre klirrend kalten Finger erinnerten sie an einen Tag im letzten Winter, an dem sie ohne Handschuhe mit dem Fahrrad zur Schule gefahren war und befürchtet hatte, ihre Hände würden am Lenker festfrieren.
»Nie wieder ohne meine Fäustlinge radeln!«, hatte sie sich damals geschworen. Künftig würde sie diesen Vorsatz auch bei Klettereinlagen in den Weltraum beherzigen.
Alles passierte in einem solch rasanten Tempo, dass sie weder über die (eigentlich) nicht vorhandene Logik dieses Gedankens grübeln konnte, noch ihr Magen Zeit fand, sich umzudrehen. Zumindest bis zu dem Moment, als der Schnellvorlauf abrupt endete, weil die Bohne ihre Wirkung verlor. Nach dem Geschwindigkeitsrausch schien die Zeit stillzustehen, so gravierend fühlte sich der Tempounterschied im Vergleich zu dem raketenhaften Aufstieg in den vergangenen Sekunden an. Als hätten einhundert bimmelnde Wecker Su gleichzeitig aus einem surrealen Traum gestoßen, war sie nun glockenwach. Etwa zwanzig Meter trennten sie von dem Raumschiff, an dessen Reling die Strickleiter angebracht war. Urplötzlich hatten Sus Beine die Konsistenz von Götterspeise, und nun hatte ihr Magen alle Zeit der Welt (und aller anderer, wenn’s beliebt), um sich gleich mehrmals umzudrehen. Schreiende Panik krallte sich in ihr bebendes Gesicht, das die Farbe von ausgebrannter Holzkohle annahm, die im Bauch eines Kugelgrills auskühlte, lange nachdem Bratwurstschnecken und Steaks vom Rost genommen worden waren.
»Du hast es gleich geschafft!«, schrie ihr NekoNeko vom Deck des Schiffes eindringlich zu. »Nur noch wenige Meter, Su! Bloß nicht nach unten sehen! Konzentriere dich auf meine Stimme, nur auf meine Stimme, hörst du?«
Su vernahm den Ruf ihrer neuen Freundin so beiläufig und dumpf wie die Stimmen herumtollender Kinder am Baggersee, wenn sie (wie so oft) zum Grund tauchte, um nach kleinen Schätzen zu suchen. Angst breitete sich blitzartig in ihr aus, und sie klammerte sich so vehement an die Leiter wie Rost an eine Regenrinne. Auf einmal überkam Su ein Schwindelgefühl, als würde sie auf dem Jahrmarkt bei einer rasanten Fahrt im Breakdance kräftig durchgeschüttelt (was sie so gar nicht mochte, schrecklich).
»Die nächste Fahrt geht rückwärts, ...wärts, ...wärts, das geht ab, ab, ab!«
Alles drehte sich in ihrem Kopf, und beinahe wäre es wirklich kritisch geworden. Doch dann, ohne dass Su verstand, wie ihr geschah, rieselte goldfarbener Staub auf sie herab. Es dauerte keine Sekunde, bis Su ihren Weg nach oben in geradezu draufgängerischer Unbeirrtheit fortsetzte. Nur wenige Augenblicke später schwang sie sich mit der Dynamik eines Freerunners über das vergoldete (und rettende) Geländer der majestätischen Argo Navis, wo Su endlich Planken statt Sprossen unter ihren Füßen spürte.
…………………………
Auszug aus der Milchstraßenverkehrsordnung (MstVo), §1 Milchstraßenbenutzung durch Fahrzeuge:
Der Flugverkehr von Raumschiffen, Raketen und Spaceshuttles ist nicht gestattet. Einzig das Schwimmen, Schippern, Gondeln und Trudeln ist erlaubt.
…………………………
STROPHE 2
DIE MELODIE DER MILCHSTRASSE
I
»Was ist gerade geschehen?«, keuchte Su, die erst jetzt wahrnahm, dass ihr Puls in der gefühlt fünffachen Frequenz hämmerte.
»Der gute alte Mach-Mut-Staub«, sagte NekoNeko, in deren Stimme große Erleichterung mitschwang. »Zum Glück hatte ich noch eine letzte Patrone davon in einem meiner Sternstaubsäckchen. Sonst wäre das hier womöglich in die Hose gegangen.«
Die beiden sahen sich für einige Sekunden an und mussten dann gleichzeitig so schallend laut loslachen, dass es nicht lange dauerte, bis jemand in der Kajüte das Donnern der Lachsalven hörte. Die Tür, die zu den Ess- und Wohngemächern des Schiffes führte (und in wenigen Momenten aufgestoßen werden würde), protzte mit einem verzierten Rahmen und passte perfekt ins verschnörkelte Gesamtbild des Gefährts, das wie eine Mischung aus antikem Segelboot und modernem Spaceshuttle aussah. Der Begriff »Raumschiff« passte so vorzüglich zur Argo Navis wie Erdnussbutter zu Marmelade (Sus traditionelles Sonntagsfrühstück – vorzugsweise mit einem großen Becher dampfendem Kakao). Backbord und Steuerbord (die linke und rechte Seite eines Schiffes) wiesen riesige weiße Flügel auf, die jedoch nicht wie die eines Flugzeugs aussahen, sondern vielmehr an die Schwingen eines gigantischen Vogels erinnerten. Das eingeholte Segel schlief hoch oben an seinem Mast, wo sich auch der Ausguck, die Wirkungsstätte von NekoNeko befand. An der Spitze war (selbstverständlich!) eine Flagge angebracht, die das Symbol der Crew schmückte. Eine Piratenbande ohne Piratenflagge wäre schließlich keine richtige Piratenbande (mit Verlaub)! Anstelle eines Totenschädels jedoch zierte der Kopf eines Löwen den Stoff. Auch am Bug des Schiffes fletschte ein goldener Löwenkopf die Zähne. Er war in etwa so groß wie ein handelsübliches Garagentor und verlieh der Argo Navis das königlich anmutende Antlitz einer geflügelten Raubkatze. Am Heck des bauchigen Sternenkreuzers waren riesige Triebwerke befestigt, die im Moment dösten statt düsten. Su konnte die wuchtigen Turbinen nur bis zur Hälfte sehen, verschwand der Rest doch in den geheimnisvollen Tiefen der Milchstraße, an deren äußerem Rand das Schiff vor Anker lag.
II
»Donnerwetter!«
NekoNeko hatte nicht gelogen. Das vermeintliche Sternsystem erstreckte sich tatsächlich als Fluss aus Milch (wie sie köstlicher und reiner nicht hätte aussehen können) bis zum Ende von Sus Sichtfeld, wo er als unscheinbares Rinnsal weiter Richtung Unendlichkeit strömte. Mehr Eindrücke konnte das überwältigte Mädchen, das noch vor einigen Minuten nichts ahnend in seinem Kinderzimmer im Bett gelegen hatte, zunächst nicht sammeln, da plötzlich die eben erwähnte Tür aufflog und mit KRAWUMMS gegen den massiven Rahmen krachte.
»Seht, wer zurück ist! NekoNeko Nebelheim, lautlose Späherin, präzise Scharfschützin, Ausguck mit Weitblick, gewiefte Diebin und notorische Zu-spät-Kommerin. Weiße Tage und goldene Nächte. Schön, dass du uns auch mal wieder beehrst, aye! Hahaha … Ha-tschi!«
Darauf, dass die Begegnung mit weiteren Crewmitgliedern der Milchbart-Piraten noch so allerlei unerwartete Überraschungen mit sich bringen würde, hatte sich Su bereits vor ihrer Abreise vorbereitet. Darauf jedoch, dass sie nur kurz nach der Begegnung mit einer sprechenden Katze auch noch Bekanntschaft mit einem sprechenden Hund machen würde, kann sich kein Mensch einstellen. Genauso wenig, wie man sich auf Badewetter an Heiligabend einstellen kann.
Die Hundekreatur versprühte eine fast kindliche Leichtigkeit. Beinahe wie ein Welpe. Su war mit der Wauwau-Welt zwar nicht sonderlich vertraut, sich aber sicher, dass jeder Hundeliebhaber beim Anblick dieses Akitas (sie kannte die Rasse nicht, für sie war er einfach ein hübscher Hund) zerflossen wäre wie Butter auf der Fensterbank im Hochsommer, begleitet von einem zuckrigen »Du bist ja ein ganz ein Feiner!«. Zumindest wenn das gelblich befellte Wesen auf vier anstatt wie jetzt auf zwei Beinen gestanden hätte.
»Ich freue mich auch, dich zu sehen, du Nervensäge«, spottete NekoNeko mit knirschenden Zähnen und (trotz vertilgtem Thunfisch-Sandwich) weithin hörbar knurrendem Magen. »Na? Hat meine Abendessensration gemundet?«
»Vorzüglich, Neko-chan1, aye, ausgesprochen köstlich. Hera hab Dank, und Dank sei dein! Ha-Haaa-tschi! Aber sag mal, warst du zum Rasenmähen auf der Erde, oder wieso hängt da überall Gestrüpp in deinem Fell? Du weißt doch, dass ich allergisch auf Gräser bin … Hatschi! Wolltest du dir nicht ein paar hübsche Klunker unter den Nagel reißen? Und wer um alles in dieser und allen anderen Welten ist dieses entzückende Mädchen?«
»Ich habe sie als neues Crewmitglied auf dem blauen Planeten rekrutiert«, beschränkte sich NekoNeko aufs Wesentliche, schien dabei jedoch geistesabwesend. Im Moment konzentrierte sie sich darauf, den Restbestand an Sternstaubmunition in ihren Beutelchen zu prüfen. Dies tat sie mit der pedantischen Hingabe eines Straßenmusikers, der nach Feierabend die Einnahmen des Tages zählt.
»Ich bin hocherfreut, deine Bekanntschaft zu machen, Su, aye, das bin ich! Erlaube mir, mich vorzustellen.« Der Menschenhund (der etwa einen Kopf größer als Su und NekoNeko war) ließ sich auf ein Knie nieder, senkte das Haupt, ballte eine Pfote zur Faust und hielt sich den Handrücken vor die Brust, während der andere Arm hinter den Rücken huschte, als wollte er etwas verstecken. In dieser Haltung erinnerte er im ersten Moment an jemanden, der (in seltsamer Position verharrend) auf eine imaginäre Armbanduhr schielte. Jedoch handelte es sich wohl um eine hier geläufige und höflich respektvolle Grußgeste, vermutete Su, die das Ritual vergnügt und sichtlich geschmeichelt verfolgte. Ihre Backen nahmen die Farbe von reifen Pfirsichen an.
»Man nennt mich Hatschi und kennt mich als Steuermann, Navigator, Ersten Offizier und – wenn es die Situation erfordert – Kanonier der glorreichen Milchbart-Piraten! Aye!«
Danach hob Hatschi wieder den Kopf und schaute Su mit fröhlichen schwarzen Knopfaugen an, über denen spitze weiße Öhrchen wackelten. Das Geschöpf trug weiße Manschetten (aber kein Hemd) und einen ärmellosen marineblauen Mantel mit Stehkragen. Das Kleidungsstück erinnerte an eine Mischung aus Frack und Uniform (also ein Unifrack, dachte Su vergnügt, während sie den Piraten möglichst unauffällig musterte) und reichte auf der Vorderseite bis kurz über den Bauchnabel beziehungsweise bis zu der Stelle, an der man auf einem menschlichen Körper den Bauchnabel verorten würde, während die Rückseite knapp über den Kniekehlen baumelte. Darunter konnte man eine cremefarbene Weste erkennen. Ein rotes Halstuch war akkurat zu einer Schleife gebunden. Seine (ebenfalls marineblaue) Hose hatte Hatschi in die klobigen Stiefel gestopft. Auf dem Rücken trug er einen goldenen Stab, der in einer Schlaufe steckte. Die etwa fünfzig Zentimeter lange Stange war mit allerlei eingravierten Schriftzeichen verziert, die garantiert eine Bedeutung hatten, da war sich Su sicher.
»Und mit wem habe ich das Vergnügen?«, wollte der freundliche Steuermann wissen. Er machte große Augen, als das Mädchen von der Erde seine Grußgeste (die es aufmerksam verinnerlicht hatte) imitierte, dazu ebenfalls auf ein Knie hinabsank und die Arme in der (beinahe) korrekten Haltung ausrichtete.
»Der Handrücken muss zu dir zeigen, nicht zu mir«, flüsterte Hatschi ihr erheitert zu.
Su musste unwillkürlich an den montäglichen Matheunterricht denken (gleich die erste Stunde in der Woche – grässlich), in dem sie ihren benachbarten Klassenkameraden nicht selten die richtigen Antworten vorsagte. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, machte aus ihren brillanten Noten aber nie eine große Sache, wollte sie doch nicht als Streberin abgestempelt und in der Folge möglicherweise ausgegrenzt werden. Statt mit den überdurchschnittlich guten Leistungen zu prahlen, nutzte sie ihr schulisches Talent lieber, um ihren Mitschülern zu helfen, wo immer möglich.
Prompt entschuldigte sich Su. »Oh verzeih, ehrenwerter Hatschi.« Indes konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen, wusste sie doch, dass ihr für die falsche Fausthaltung keine Abzüge in der B-Note drohen würden.
Selbst der griesgrämigen NekoNeko, die noch immer geschäftig in ihren Vorräten wühlte, entlockte dieses charmante Schauspiel ein zaghaftes Lächeln. Bei Su stellte sich rasch das wohlige Gefühl ein, willkommen zu sein. Ein Gefühl von Nachhausekommen, ein Gefühl, das sie lange Zeit so schmerzlich vermisst hatte und das sich schon sehr bald bestätigen sollte.
1 Anmerkung des Autors: Das Anhängsel »chan« wird in dieser Region des Weltalls als Verniedlichungsform an einen Namen gekoppelt.
III
»Ich heiße Su.«
Die wohl jüngste Weltraumreisende der Erde durchforstete akribisch ihre Erinnerungen nach NekoNekos Redewendung, um nach kurzer Suche tatsächlich fündig zu werden: »Weiße Tage und goldene Nächte! Stets zu Euren Diensten, Offizier Hatschi, aye!«
Ähnlich wie das surrende Nachdröhnen der E-Gitarre eines Rockmusikers, der zum fulminanten Abschluss der Zugabe ein letztes Mal in die Saiten haute, ging Sus feierliche Vorstellung fließend in ein röhrendes Magenknurren über, was ihr einige Lacher und eine knallrote Birne bescherte.
»Oh, wie peinlich mir das ist!«
»Das muss es nicht, Su. Ganz bestimmt nicht. Schließlich hast du mir freiwillig dein Abendbrot abgetreten«, sagte NekoNeko verständnisvoll, um danach verständnislos in Hatschis Richtung zu keifen: »Während ich meines unfreiwillig an diesen sabbernden Nimmersatt abgetreten habe.«
»Als ob!«, verteidigte sich der Erste Offizier. »Schließlich hast du dich über fünf Tage nicht blicken lassen. Ich wäre verhungert und deine Mahlzeit verkümmert. Du solltest mir also dankbar sein, Neko-chan, aye, das solltest du!«
»Über fünf Tage?«, fragte Su mit der Behutsamkeit eines Bombenentschärfers, der sich erkundigt, ob er nun den blauen oder doch lieber den roten Draht durchknipsen sollte. Schließlich wollte sie nicht Gefahr laufen, in eine handfeste Katze-Hund-Auseinandersetzung zu geraten.
»Du hast mich doch nur für …« Su überlegte kurz. »… etwa zehn Minuten besucht, NekoNeko?«
»Ja, da hast du vollkommen recht, aber die Uhren ticken hier auf der Milchstraße ein bisschen anders, weißt du? Genauer gesagt ein bisschen schneller. Ein Tag hier bei uns in den milchigen Weiten des Weltraums entspricht zwei Minuten auf deinem Heimatplaneten. Mit anderen Worten: In den etwa zehn Minuten, die ich auf der Erde verbracht habe, sind hier oben geschlagene fünf Tage verstrichen.«
»Aber das würde ja bedeuten, dass ich … «
Su starrte konzentriert auf ihre Finger und streckte einen nach dem anderen aus. Zunächst an der linken, dann auch an der rechten Hand. Während sie fieberhaft die Lippen bewegte, ohne dass Wörter ihren Mund verließen, wiederholte sie diesen Vorgang mehrmals, als wären Daumen und Co winzige Menschen, die immer wieder kleine Laolawellen machten (oooooh-HEEEEEY!). Schließlich kamen ihre Finger zum Stillstand.
»Das bedeutet, dass ich ein halbes Jahr bei euch bleiben könnte, ohne dass meine Mama es merkt.«
»Öhm«, stimmten Hatschi und NekoNeko ein Duett der überforderten Leute an, während Su mal wieder eindrucksvoll ihre unglaublichen Mathefähigkeiten dokumentiert hatte. Anspruchsvolle Kopfrechnenaufgaben? Ein Leichtes für die Grundschülerin!
Für ihre neuen Freunde (die mit dieser Hochrechnung augenscheinlich so überfordert waren wie eine Schildkröte mit Stabhochsprung) zerpflückte Su das komplexe Zeitumrechnungskonstrukt noch einmal zum besseren Verständnis. »NekoNeko und ich sind pünktlich zur Geisterstunde aufgebrochen. Mama weckt mich immer um Punkt sechs. Ein Milchstraßentag entspricht zwei Erdminuten. Das heißt, in einem Jahr bei euch verstreichen zwölf Stunden zu Hause. Bis morgen früh um sechs verbleiben noch knapp sechs Stunden. Das bedeutet wiederum, dass ich fast sechs Monate hierbleiben kann, ohne erwischt zu werden! Ist das nicht großartig?«
Nachdem NekoNeko und Hatschi die Rechnung zunächst nur mit einem weiteren einstimmigen »Öhm« quittiert hatten, folgte ausgelassene Zustimmung, als Su das Ergebnis verkündete.
»Na, und ob das großartig ist, Su-chan, aye, das ist es!«, jubelte Hatschi und ergriff mit seinen pelzigen Pranken die rechte Hand des Mädchens, um sie kräftig zu schütteln.
Wie einstudiert stimmten NekoNeko und Hatschi zum dritten Mal an. Dieses Mal gaben die beiden jedoch kein verdutztes »Öhm« zum Besten, sondern ein herzliches »Willkommen an Bord!«.
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Auszug aus der Milchstraßen-Mythologie I: Die magische Milch
Die gigantischen Milchmassen dienen in der Milchstraßen-Galaxie nicht nur als Grundnahrungsmittel oder Transportmedium für Schiffe. Vielmehr beeinflusst der Fluss der »magischen Milch« (oder auch »weißes Wasser«) nahezu alles in diesem Teil des Universums. Die Flora und Fauna beispielsweise und sogar die Zeit. Ein Vorankommen von Schiffen oder die Existenz von Lebewesen in dickflüssiger Milch (wie man sie auf der Erde kennt) wäre undenkbar. Die Besonderheit der »magischen Milch« aber besteht darin, dass sie sogar noch dünner ist als Wasser (oder auch »blaues Wasser«, wie man es hier nennt). Entsprechend fließt die Milch erheblich schneller, weshalb auch die Zeit schneller vergeht.»Der Fluss der Milch, der Fluss der Zeit gehen Hand in Hand zu zweit«, heißt es in einem überlieferten Kinderlied des »Alten Volkes«, der ersten Bewohner der Milchstraßen-Galaxie.
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IV
»Wer von euch hat Hunger?«, fragte Hatschi und klopfte sich dabei mit beiden Pfoten mehrmals auf den Bauch. »Also, ich könnte durchaus eine Kleinigkeit vertragen. Wie steht’s mit euch?«
»Erwähnte ich schon, dass du der verfressenste Hund der Welt und aller anderen Welten bist, Hatschi?«, stichelte NekoNeko. »Aber um ehrlich zu sein, habe ich jetzt auch mächtig Kohldampf. Und du solltest ebenfalls was essen, Su. Das Knurren deines Magens hört man bestimmt bis zur Erde. Und wir wollen ja nicht, dass deine Mutter aufwacht, stimmt’s?«
Su errötete wieder, jedoch nicht gar so tomatig wie zuvor.
Die Tür zur Kajüte stand noch offen (der Erste Offizier der Piratenbande hatte sie ja in seiner aufgedrehten Art um ein Haar aus den Angeln gehoben), und die drei schlenderten hinein. Hatschi der Hund natürlich vorneweg.
Im Vergleich zum prunkvollen Äußeren des Schiffes fiel das Innenleben der Argo Navis optisch bei Weitem nicht so pompös und prahlerisch aus. Ein großer Esstisch aus dunklem Holz, der von mehreren schlichten Stühlen umringt war, stand im angrenzenden Raum, der überraschend unaufgeregt (und gleichzeitig sehr heimelig) wirkte und an eine gemütliche Stube erinnerte.
Offenbar nahm die Crew hier nicht nur ihre Mahlzeiten zu sich, das Zimmer diente wohl auch als Aufenthaltsbereich für die Mannschaft. An den Wänden hingen zahlreiche gerahmte Bilder (auf denen unter anderem kuhähnliche Wesen abgebildet waren), und das Feuer im steinernen Kamin summte eine knisternde Melodie von Licht und Wärme in die Kajüte. In der Luft tanzten Lagerfeuerduft und der köstliche Geruch von Gebratenem ein Pas de deux.
Als wäre plötzlich die Nadel vom Schall dieser Platte gerutscht, kreischte ein Quietschen in Notbremsenlautstärke in die Komposition des Kamins. An der Wand wurde geräuschvoll eine kleine Durchreiche aufgeschoben, die offensichtlich als Verbindung zur Kombüse diente (und dringend geölt werden musste) – zumindest dem Essensgeruch nach zu urteilen, der sich nun so rasant im Raum ausbreitete wie das Wasser, das Su im Munde zusammenlief.
Gleichwohl erspähte sie weder dampfende Töpfe noch emsige Köche, denn die Sicht zur Schiffsküche wurde von irgendwas verdeckt, das gleich hinter der Öffnung stand. Die Theorie, dass es sich bei dem metallenen Ungetüm möglicherweise um einen Kühlschrank handeln könnte, verwarf Su sofort wieder, als sich das Ding plötzlich bewegte oder besser gesagt bückte. Dann schob sich eine riesige Schnauze aus glänzendem Metall durch das Loch.
»Guten Abend, meine ehrenwerten Freunde. Ihr kommt gerade recht. Nehmt Platz, ich bitte Euch, nehmt Platz.«
»Wer ist … Was ist … das?!«, haspelte Su brockig und klang dabei wie jemand, der während eines Telefonats durch einen Tunnel fährt.
»Wie meine mechanischen Augen sehen, habt ihr nicht nur Hunger, sondern auch einen Gast mitgebracht. Wie wunderbar! Ein Gast! Wie lange mag das her sein? Wie lange wohl? Welch Glück, dass ich reichlich Essen zubereitet habe. Die Kajüte wird zum Gasthaus, wie wunderbar, ganz wunderbar.«
V
»Das ist Q-M-A-44151217, so eine Art Kochroboter«, erklärte NekoNeko so beiläufig, als wäre es das Normalste auf der Welt (und allen anderen Welten – was es dort vielleicht tatsächlich war), dass ein sprechender und auffallend höflicher Roboter mit Bärenschnauze die Küche schmiss.
»Und glaub mir, kochen kann der kleine Kerl, aye, das kann er fürwahr!«, bestätigte Hatschi lautstark und verlieh den Worten mit seinem schönsten Akita-Lächeln Nachdruck.
Der »kleine Kerl«, den alle nur Q-ma (gesprochen Kuma nannten), öffnete nun die Tür zum Speiseraum, die sich direkt neben der Durchreiche befand. In geduckter Haltung presste sich der Roboterbär hindurch und richtete sich schließlich zur vollen Größe auf. Su schätze den künstlichen Koch auf mindestens zwei Meter fünfzig. Oder gar noch größer?
Auf jeden Fall war er riesig und trug eine entsprechend riesige Schürze (in klassischem Weiß), an der eine Kapuze angenäht war, die er sich über den bulligen Kopf gestülpt hatte. Seine Ohren lugten durch zwei dafür vorgesehene Löcher hindurch. Unter der Schürze (etwa auf Höhe der Brust) spitzelte eine erhabene Metallplatte hervor, in die etwas eingestanzt war.
Modell: Q-M-A-44151217
Typ: Smutje
© ASTRO Industries Inc.
MADE IN KUHDAIBA
In den polierten Pranken (die in etwa so groß und glänzend waren wie die Stahlfelgen eines nagelneuen Pkws) hielt er den größten Kochtopf, den Su je gesehen hatte. Ich würde darin spielend baden können, dachte sie sichtlich beeindruckt, als Q-M-A-44151217 den dampfenden Kessel (ganz behutsam) vor ihr auf dem Tisch abstellte.
»Heute servieren wir Zimtsternsuppe, wenn’s beliebt. Reicht mir Euren Teller, wertes Fräulein, ich bitte Euch.«
»Ich auch! Ich auch!«, skandierte Hatschi und trommelte ungeduldig mit seinem Löffel auf den Holztisch.
In ruhigem »Bloß keine Panik«-Tonfall besänftigte der Smutje seinen nimmersatten Steuermann. »Gemach, gemach. Es gibt genügend Essen, um alle Mägen zu füllen. Ganz gewiss.«
Geduldig rührte der Smutje mit einer hölzernen Kelle in der herrlich duftenden Suppe (in der Zutaten schwammen, die kein Koch der Erde je zu Gesicht bekommen hatte) und wartete darauf, dass Su ihm ihren Teller anreichte.
Das Mädchen – noch immer völlig verblüfft und verzaubert vom Anblick des Metallbären – wollte gerade dem Wunsch des Smutjes entsprechen, als ihr der ungestüme Hatschi zuvorkam, sich den Teller schnappte und ihn seinem mechanisch surrenden Crewmitglied unter die bärige Nase hielt.
»Nun mach schon, Q-ma, aber flott, flott, wenn’s beliebt. Oder willst du etwa, dass ich verhungere?«
Mit einem großzügigen (und beinahe überschwappenden) Schöpfer füllte Q-ma den Teller des Mädchens bis zum Rand mit der Suppe, die wie geschmolzenes Gold aussah. Nachdem auch Hatschi seine Ration erhalten hatte (er würde noch dreimal einen Nachschlag einfordern) und NekoNeko ebenfalls versorgt war, ließ der Bär die schlürfende Meute mit einem beseelten »Wohl bekomm’s, werte Freunde, wohl bekomm’s« zurück und trottete wieder in die Küche, um sich dem Abwasch zu widmen. Ein wahrlich tüchtiger Roboter, das war er. Groß, freundlich und stets tüchtig. Aye.
VI
Das Abendmahl (zu dem Su unzählige Anekdoten als Beilage auftischte) gipfelte beinahe in einem Wettessen zwischen dem Mädchen und Hatschi. Mit einem Teller Vorsprung entschied der gefräßige Erste Offizier der Milchbart-Piraten das große Suppeschlürfen jedoch schließlich für sich. Wahrscheinlich aber nur deshalb, weil Su vor lauter Reden kaum zum Essen kam und noch immer verdrückte, während der Rest der Truppe bereits verdaute. Sie freute sich einfach zu sehr darüber, dass ihre Geschichten endlich auf offene Ohren stießen und nicht ungehört am Zuhörer abprallten. Ohne Punkt, Komma oder andere Satzzeichen, die die Erzählflut hätten ausbremsen können, quollen die Sätze aus dem Plappermäulchen.
»Vergiss nicht zu essen«, warfen NekoNeko und Hatschi immer abwechselnd ein und sorgten auf diese Weise dafür, dass nicht nur Worte aus dem, sondern auch Bissen in den Mund des Mädchens wanderten.
Nachdem der Suppenkessel schließlich gut geleert, die Bäuche gut gefüllt und Dutzende Geschichten erzählt worden waren, wurde es Zeit, schlafen zu gehen. Allerhöchste Zeit, mit Verlaub.
Hatschi teilte dem neuen Besatzungsmitglied eine Koje zu. In der winzigen Schlafstätte lagen Kopfkissen und Decke bereit, die mit hübschen Mustern verziert waren. Su gefielen sie auf Anhieb, und das obwohl keinerlei Ähnlichkeit zu Radiowecker-Robotern bestand. In die Bettwäsche waren kleine Monde und Sterne gestickt.
Als Sus Popo in selbige plumpste, war ihr erschöpfter Kopf bereits tief eingeschlafen. Nachtlichtgespenst Buhu schlummerte indes friedlich im Rucksack des Mädchens und freute sich über die erste dienstfreie Nacht seit langer, langer Zeit.
STROPHE 3
DER KANON DER KÜHE
I
»Raus aus den Federn und dann hurtig, hurtig zum Appell, wenn’s beliebt!«
