Herz² = die große Liebe - Sarah Strohmeyer - E-Book

Herz² = die große Liebe E-Book

Sarah Strohmeyer

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Beschreibung

Eine Formel für die große Liebe? – Kein Problem!

Addie Emerson glaubt nicht an die Liebe. In ihrem letzten Highschool-Jahr ist ihr ein Stipendium für Harvard tausendmal wichtiger als ein Boyfriend. Aber wissenschaftliches Interesse daran hat sie schon. Addie hat sie nämlich gefunden, die Formel für die Liebe. Doch wird ihr Experiment zur Revolutionierung der Liebe auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis die alles entscheidende Frage klären können: Ist dieses Ding namens Liebe mehr als ein Stoffwechselunfall im Gehirn und – kann ihr Hirn ihr Herz angesichts ihres schokoladenäugigen Laborpartners wirklich in Schach halten?
Eine zauberhaft kluge, lustige und romantische Liebeserklärung an die Liebe!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sarah Strohmeyer

Aus dem Amerikanischen von Catrin Frischer

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Erstmals als cbt Taschenbuch April 2023

© 2016 Sarah Strohmeyer

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »This is My Brain on Boys« bei Balzer + Bray, einem Imprint der Verlagsgruppe HarperCollins Publishers, New York

© 2023 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Catrin Frischer

Umschlaggestaltung: Kim Hoang | Guter Punkt, München

unter Verwendung der Motive von © iStockphoto (GlobalStock; marilyna; nunawwoofy)

MP · Herstellung: BO

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20575-1V001

www.cbj-verlag.de

Für Sasha Kennedy, eines der schlausten Mädchen, die ich kenne – weil sie zwischen Motorradtouren liest.

Liebe ist das Fehlen von Urteilen.

Dalai Lama

1

Das Gehirn eines durchschnittlichen männlichen Jugendlichen denkt alle sieben Herzschläge an Mädchen, das ist eine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Tatsache. Relativ gesehen lässt das dem Hirn des durchschnittlichen männlichen Jugendlichen nicht viel Zeit für andere Gedanken – den an den unmittelbar bevorstehenden Tod schließt das höchstwahrscheinlich mit ein.

Das war die einzige Erklärung dafür, warum der Junge, der auf dem Platz neben ihr eingekeilt war, nicht so ausrastete wie alle anderen Passagiere auf Flug 1160 von New York nach Boston.

Ein heftiges Gewitter schleuderte das Flugzeug hin und her, es stieg, es fiel, es kippte nach links, dann nach rechts, nur damit all das wieder von vorne losging. Das Licht flackerte. Getränke wurden verschüttet. Gepäck stürzte aus den Fächern über den Sitzen. Leute schnappten nach Luft, stöhnten und klammerten sich an ihre Sitze.

Vom Kopf her war Addie völlig klar, dass an ihrer Angst nichts rational war. Mit mindestens dreißigtausend Fuß Abstand zwischen Erdboden und diesem Flugzeug, das speziell darauf ausgelegt war, den äußeren Einflüssen starker Winde und gelegentlicher Blitzschläge standzuhalten, waren die Chancen für einen Aufschlag auf der Erde geradezu lachhaft gering.

Aber das sollte mal jemand ihrer Amygdala erzählen. Dieses lästige mandelförmige Segment ihres Gehirns gewann allzu oft die Oberhand über die ruhige Vernunft ihres präfrontalen Cortex, wenn es um Angst, Unbehagen und – was ihr höchst peinlich war – die Liebe ging. Obwohl sie sich also ins Gedächtnis rief, wie unwahrscheinlich laut Statistik ein Absturz mitten im Flug war (die Chancen standen bei elf Millionen zu eins), und versuchte, sich mit der neuesten Ausgabe von Neuroscience Today abzulenken, brodelte in ihr die reine Panik – samt Herzklopfen, Handschweiß und Pulsrasen.

Ganz anders war das bei 11 D, wie Addie ihn im Geiste nannte. Der schwelgte – im Sitz zurückgelehnt mit geschlossenen Augen und einem albernen kleinen Lächeln im Gesicht – in der Musik aus den unter seinen schwarzen Locken verborgenen Kopfhörern.

Plötzlich ging das Licht aus und das Flugzeug stürzte wie ein Stein in die Tiefe. In der Kabine wurde es sehr still.

»Wir haben vermutlich ein Triebwerk verloren«, sagte ein Mann in Reihe elf so laut, dass es bis in die 1. Klasse zu hören war. Er zeigte mit dem Finger aus dem rechten Fenster. »Es brennt.«

»Wir werden sterben!«, schrie die Frau auf dem Fensterplatz neben ihm und krallte sich in die Armlehnen. »Sterben!«

Das war jetzt der dritte derartige Ausbruch von 11 A und Addie war schon leicht genervt. Zum einen war Schreien ein Urreflex, der dazu bestimmt war, vor nahender Gefahr zu warnen, damit man flüchten konnte – etwas, das in einem Flugzeug absolut sinnlos war. Zum anderen sorgte 11 A mit ihren wiederholten Ausbrüchen für einen gefährlichen Anstieg des CO²-Levels in der Kabine.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Addie, die sich über die langen Beine von 11 D lehnte, um die Aufmerksamkeit der Frau auf sich zu lenken. »Ist das wirklich nötig?«

Durch eine dicke Brille sah sie Addie an. »Was?«

»Ihr sinnloses Gekreische.«

»Ich muss doch sehr bitten«, rief die Frau und wurde rot.

»Ich will Sie ja nicht kritisieren …«

(Das war Addies Standarderöffnung. Ein Vorschlag ihrer besten Freundin Tess, die einmal milde angemerkt hatte, dass Addie zwar die edelsten Absichten haben mochte, in ihrem Bemühen, informativ zu sein, jedoch gelegentlich etwas rechthaberisch rüberkommen könne. »Aber nur, weil du so schlau bist und in neunzig Prozent aller Fälle recht hast«, hatte Tess schnell hinzugefügt, um Addies Gefühle nicht zu verletzen.)

»… aber wenn man in Betracht zieht, dass der Sauerstoffpegel in der Kabine sinkt, wäre es wirklich enorm hilfreich, wenn Sie Ihre Kohlendioxidproduktion auf ein Minimum reduzieren könnten.«

»Wer interessiert sich schon für Kohlendioxid?«, blaffte die Frau. »Siehst du’s denn nicht? Wir sind im Begriff zu sterben!«

Ein kleiner Junge, der auf der anderen Seite des Ganges auf dem Schoß seiner Mutter saß, fing an zu heulen.

Addie schätzte sein Alter auf irgendwas zwischen sechs und acht, also alt genug, um nicht wie ein Baby behandelt zu werden. Ihre Zwillingsstiefschwestern waren im gleichen Alter und dank Die Eiskönigin wussten die schon bestens Bescheid über die geheimnisvolle Kunst des Schminkens und Themen wie den Klimawandel.

»He, kleiner Freund, was ist denn los?«, fragte Addie.

Die Mutter strich ihm übers Haar. »Tommy regt sich auf, wenn andere Leute sich aufregen. Er ist sehr sensibel.«

Unreifes Zerebellum, schloss Addie daraus. Normal bei Jungen dieser Altersgruppe – nun ja, bei älteren auch.

»Vielleicht kann das deine Ängste beseitigen: Die Überlebensrate beim Fliegen liegt bei 99,999 Prozent und seit dem Zweiten Weltkrieg ist kein amerikanisches Flugzeug je aufgrund von Turbulenzen abgestürzt. Nicht ein einziges Mal.«

Er schniefte und wischte sich den Rotz von der Nase. »Echt?«

Addie nickte. »Echt. Du bist hundertprozentig sicher. Mit nur einem Triebwerk fliegen Flugzeuge andauernd.«

»Siehst du, Tommy?«, sagte die Mutter. »Kein Grund zum Weinen.«

»Das wusste ich nicht.« Er schniefte noch mal.

»Es sind die ersten drei Minuten nach dem Abheben und die letzten acht Minuten vor der Landung, in denen man bei Flügen in Schwierigkeiten gerät«, fuhr sie fort – in der Hoffnung, sein aufkeimendes Interesse an der Luftfahrt zu fördern. »Deshalb ist eine Landung eigentlich auch nichts anderes als ein kontrollierter Absturz.« Addie veranschaulichte das mit einer Handbewegung. »Ein Windstoß – und wir sind erledigt!«

Und Tommy fing wieder an zu heulen.

11 D zog einen Ohrstöpsel raus und murmelte: »Das war ja ein voller Erfolg.«

»Und du kannst das besser?«, fragte sie.

»Das könnte wahrscheinlich jeder.« Er tippte Tommy auf die Schulter. »Hey, Kleiner, willst du mal was Tolles sehen?« Er zückte ein Schlüsselbund, an dem ein ungewöhnliches Objekt baumelte – ein großer brauner in Kunstharz gegossener Skorpion.

Abstoßend, dachte Addie. Wie konnte man nur aus einer Kreatur so einen Schnickschnack machen.

»Was ist das?«, fragte Tommy.

11 D sagte: »Sag du’s mir.«

»Eine Spinne?«

»Nein. Aber nur knapp daneben.«

»Eine Tarantel?«

»Eine Tarantel ist eine Spinne«, sagte Addie. »Klare Sache.«

11 D grinste sie schief und verhalten an. »Danke, Ranga Yogeshwar, aber denk dran, nächstes Mal meldest du dich ordentlich.« Er wendete sich wieder an den Jungen und sagte: »Ich geb dir eine Hilfestellung: Es lebt in der Wüste und hat einen Stachel an der Schwanzspitze.«

Addie hob die Hand. 11 D schenkte ihr keine Beachtung, obwohl sie mit den Fingern schnipste und sagte: »Ich weiß, ich weiß.«

Tommy nahm die Schlüsselkette, war aber so vorsichtig, sie an dem Ende anzufassen, wo dem Tier ein Bein fehlte. »Ist das … ein Skorpion?«

11 D hob den Daumen. »Bingo. Das ist ein Mandschurischer Skorpion, den ich aus China mitgebracht habe. Die essen da Skorpione, weißt du. Auf einem Stock gebraten!«

Mesohuthus martensii, dachte Addie. Gewaltsam unterdrückte sie den Impuls, die beiden darüber zu informieren, dass östliche Ärzte das Gift dieses Tieres faszinierenderweise bei neurologischen Störungen wie Lähmungen und chronischen Schmerzen einsetzten und dass sein Potenzial, einige Krebsarten heilen zu können, noch völlig ungenutzt war.

Der Junge schaute das tote Viech gleich noch ehrfürchtiger an. »Ich hab noch nie einen so aus der Nähe gesehen.«

»Du darfst ihn behalten«, sagte 11 D freundlich und lächelte über den verblüfften Gesichtsausdruck des Jungen.

»Ist nicht wahr!«

»Doch. Der bringt Glück, weißt du.«

»Wirklich?«

Obwohl Addie beeindruckt, ja sogar gerührt war von 11 Ds lässiger Großzügigkeit, nötigte ihr die alberne Vorstellung, es könne so was wie Glücksbringer geben, ein verächtliches Schnauben ab. Als ob es so was wie »Glück« überhaupt geben würde. Gerade wollte sie mit diesem lächerlichen Aberglauben aufräumen, da spürte sie einen deutlichen Druck auf ihrem Zeh und schaute nach unten, wo sie 11 Ds schwarz beturnschuhten Fuß sah, der sich auf ihren presste – und das ziemlich heftig.

»Und was sagst du jetzt?«, soufflierte Tommys Mutter.

»Danke!«, sagte der kleine Junge überwältigt.

»Ja, danke«, wiederholte die Mutter sichtlich erleichtert. »Das war ausgesprochen einfühlsam. Er hat … alles ganz vergessen.« Sie sah Addie scharf an, ganz so, als wäre es unangemessen gewesen, über die Chancen, bei Start und Landung zu sterben, zu sprechen, dabei hatte Addie doch nur die Fakten zitiert.

»Kein Problem«, sagte 11 D und gab dem Jungen den von Schlüsseln befreiten Skorpion. »Ehrlich gesagt, mach ich mir nicht so viel daraus, tote Tiere mit mir rumzutragen, nicht mal wenn es Skorpione sind. Aber ich wette, Tommy ist jetzt abgelenkt.« Die beiden starrten Tommy hingebungsvoll an, der alle Hände voll damit zu tun hatte, die Schlüsselkette zu drehen und zu wenden und sich dabei alles ganz genau anzugucken.

Addie seufzte. Es war ausgesprochen unangenehm, mitten in einem Gespräch anderer festzusitzen, wenn man sich in den Exklusivbericht von Neuroscience Today über die bislang nicht enthüllten Geheimnisse des Dopamin versenken wollte.

»Möchtest du den Platz mit mir tauschen?«, fragte sie 11 D.

Er schüttelte den Kopf. »Nee. Mein Werk hier ist getan.« Er lehnte sich zurück und begann seine Kopfhörer zu entwirren, was nicht so leicht war, da das Flugzeug gerade zum Sinkflug ansetzte und erneut heftig ins Schwanken geriet.

Sie nahm die Lektüre wieder auf und kam einen ganzen Absatz weiter, ehe sie dieses flache Keuchen hörte, das typisch war für Hyperventilation. Ihre Diagnose bestätigte sich nach einem raschen prüfenden Blick auf 11 Ds Hand.

»Dieses Zucken«, fragte sie und berührte vorsichtig den Muskel an der Wurzel seines Daumens, »hat das eben erst begonnen?«

»Hä?« Er zog den rechten Ohrhörer raus.

Sie strich mit dem Finger über die wulstige Erhebung. Sie pulsierte. »Siehst du?«

Er verdrehte das Handgelenk und sah sich die Sache an. »Weiß nicht.«

Schon wieder sackte das Flugzeug ein Stück in die Tiefe, was unter den Passagieren eine weitere Runde Luftschnappen auslöste. 11 A krallte sich die Kotztüte vom mittleren Sitz und würgte.

Kinetose. Wenn Innenohr und Sehnerv widersprüchliche Signale ans Gehirn sendeten, brachte dies das Gehirn seltsamerweise dazu anzunehmen, der Körper werde vergiftet … woraufhin es den Magen anwies, sich seines Inhalts zu entledigen. Faszinierend.

Der Muskel zuckte und 11 D wich zurück. »Muss ich mir Sorgen machen?«

Er klang beunruhigt. Addie verschaffte sich eine Übersicht über die weiteren Symptome. Ein leichter Schweißfilm auf der Oberlippe und über den schweren dunklen Augenbrauen. Geweitete Pupillen in großen braunen Augen. Ein bläulicher Schimmer an den unteren Nagelrändern. Nun ja, damit war ihre bisherige Annahme, die Turbulenzen würden ihn nicht erschüttern, widerlegt.

»Ist dir schwindelig?«, fragte sie, wobei sie nach seinem Handgelenk griff, um den Puls zu fühlen.

»Keine Ahnung.« Er rieb sich die Schläfe. »Ich glaube, ich kriege Kopfschmerzen.«

»Du hast zu viel Kohlendioxid rausgekeucht. Du musst welches reabsorbieren, indem du in eine Papiertüte atmest.«

Die wurde allerdings gerade von 11 A gefüllt.

»Das war die letzte … geht also nicht«, murmelte er.

Das Flugzeug vollführte eine scharfe Vierteldrehung, Rauch füllte die Kabine. 11 D wurde bleich, und sogar Addie, die Tommy unlängst erklärt hatte, dass die Chancen für sie alle eindeutig günstig standen, stellte fest, dass sie überlegte, ob das wohl das Ende war.

Ein Knistern in den Bordlautsprechern kündigte eine Durchsage aus dem Cockpit an. »Nun ja, Leute, ich werde mein Bestes tun, uns ohne allzu viele Erschütterungen nach Logan reinzubringen«, näselte der Kapitän, »aber eine weiche Landung wird das wohl kaum werden. Deshalb müssen Sie jetzt die Tische einklappen, die Sitze in aufrechte Position bringen und – nur als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme – den Kopf zwischen die Knie nehmen.«

»Und Ihrem Arsch einen Abschiedskuss geben«, sagte 11 D leise.

Die letzten acht Minuten sind die gefährlichsten. Addie bereitete sich auf das Schlimmste vor.

11 A stopfte die benutzte Kotztüte in die Sitztasche und beugte sich vor. 11 D drohte aus den Latschen zu kippen. Wenn Addie nicht schnell handelte, würde er das Bewusstsein verlieren und sich möglicherweise den Kopf stoßen oder …

Sie packte sein Kinn und schüttelte ihn. »Wach auf!«

Er blinzelte träge. »Ich fühle mich nicht so gut. Da ist so ein komisches Kribbeln …«

»An den Mundwinkeln. Ich weiß.« Er war schon weiter, als sie gedacht hatte. Das war übel. »Hör mal, vertraust du mir?«

»Wobei?«

»Würdest du meinem Rat folgen, ohne Fragen zu stellen?«

»Was für eine Art Rat?«

»Leg deine Lippen auf meine.«

Seine Augen wurden ganz groß, so als hätte sie ihn darum gebeten, die Klobrille zu küssen. »Wozu?«

Typisch Junge, dachte sie. »O bitte. Auf die Weise bin ich doch nicht an dir interessiert! Das ist einzig und allein eine medizinische Maßnahme. Wenn keine Tüte zur Hand ist, kannst du dem fünften Stadium der Hyperventilation nur entgehen, wenn du deine Lippen auf meine legst und atmest. Sonst würdest du wahrscheinlich ohnmächtig werden. Oder – im Extremfall – so viel Sauerstoff verlieren, dass du womöglich einen Schlaganfall erleidest, einen eventuellen Hirnschaden und/oder den Tod.«

»Du machst Witze.«

»Lach ich etwa?«

»Kannst du das überhaupt? Als der kicherige Typ kommst du irgendwie nicht rüber.«

Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Es ist deine Wahl. Leb oder stirb.«

Er zögerte, und dann, gerade als das Flugzeug mal wieder im freien Fall war, beugte er sich zu Addie rüber. Addie spitzte die Lippen und machte sich bereit für ihre gute Tat, doch als er näher kam, war da irgendwas an ihm, dass sie zusammenzucken ließ.

Diese Augen.

Und dann fiel der Groschen.

2

»Ich kenne dich!«, rief sie aus. »Du gehst auch auf die Academy.«

Er zuckte zusammen und wich zurück. »Academy 355?«

Sie nickte und versuchte ihn einzuordnen, was immer ziemlich schwierig war. Leute, die nicht in ihren naturwissenschaftlichen Leistungskursen waren, die nicht ihre gesamte Freizeit in der Bibliothek oder im Labor verbrachten oder in ihrem Mädchenwohnheim wohnten, waren für sie sogar Fremde, obwohl ihre Schule so überschaubar war.

»Die Köpfe nach unten, bitte.« Eine Flugbegleiterin übte leichten Druck auf Addies Hinterkopf aus. Sie und 11 D folgten der Anweisung.

»Das hilft tatsächlich gegen das Schwindelgefühl«, sagte er und atmete tief ein. »Vielleicht nicht so gut wie ein Kuss, aber …«

»Das wäre meine zweite Option gewesen, obwohl es mit einer Tüte effektiver ist.« Sie lugte rüber zu 11 A, deren Lippen sich schnell in stummem Gebet bewegten. »Also, wie kommt es, dass wir uns bisher noch nicht begegnet sind?«

»Ich bin noch ziemlich neu«, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Früher war ich auf der Andover, aber ich hab im Januar gewechselt, als ich aus Nepal zurück war.«

In den Gepäckfächern über ihnen knallte etwas. »Was hast du da gemacht?«

»Als Freiwilliger für Projects Abroad beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben geholfen. Das faszinierendste Erlebnis meines Lebens. Du kannst dir die Verwüstungen in Kathmandu gar nicht vorstellen. Kein fließendes Wasser. Manche Leute laufen rum wie Gespenster, weil sie ihre ganze Familie verloren haben, andere laden dich ein in das, was noch von ihren Häusern übrig geblieben ist, und sind einfach nur dankbar, noch am Leben zu sein. Es war total surreal. Und danach, auf dem Rückweg, war ich noch in China und hab mir die Große Mauer angesehen. Das hat mich einfach umgehauen. Im Vergleich dazu kam mir alles bedeutungslos vor, was ich bisher gesehen hatte.«

»Und daher hast du die Schlüsselkette mit dem Skorpion.«

Er nickte. »Und eine ganz andere Sicht auf die Welt. Einfach so.«

»Einfach so«, wiederholte sie.

»Und deshalb konnte ich nicht wieder zurück in die alte Schule. Ich hab es da keinen Monat ausgehalten. Die Typen, die meine besten Freunde gewesen waren, kamen mir plötzlich vor wie Drecksäcke. Die sagten Sachen wie: ›Ey, Alter, ich wünschte, mir wäre das eingefallen, die Bewerbung fürs College mit ein bisschen humanitärem Scheiß aufzupolstern. Yale ist ganz heiß auf so ’n Zeug.‹«

Addie schüttelte sich. »Ist das zynisch.« Er sollte weiterreden. Ablenkung war ein ausgezeichnetes Mittel gegen angstbedingtes Hyperventilieren.

»Ja, nicht? Weißt du, meine Familie in Nepal war für mich am Ende wie meine eigene Familie. Die waren nicht einfach nur ein Punkt zum Abhaken auf meiner Bewerbung. Also bin ich im Oktober in Andover ausgestiegen und hab nach den Ferien die Schule gewechselt. Ich hinke also ein Semester hinterher.«

Das erklärt, warum er nicht in meinen Kursen war, dachte sie, dann fiel ihr auf, dass sein Daumen aufgehört hatte zu zucken, obwohl die Turbulenzen nun so stark waren, als sie durch die Wolken pflügten, dass die Sitze quietschten.

»Kognitive Veränderungen«, sagte sie.

»Wie bitte?«

Das Flugzeug taumelte. Sie schloss kurz die Augen und versuchte durch Willenskraft zu verhindern, dass sich ihr der Magen umdrehte. »Unbekannte Umgebungen stimulieren das Entstehen neuer Nervenbahnen, was wiederum zu einer Erweiterung der Denkfähigkeit führt. Ebenso wie das Beherrschen von Liszts bekanntlich äußerst komplexer Zweiter Ungarischer Rhapsodie den Pianisten in die Lage versetzen könnte, fortan auch andere Stücke besser zu spielen.«

Er rieb sich den Nacken. »Erweiterung der kognitiven Fähigkeiten? Wenn ich wüsste, was das bedeutet, würde ich dir vielleicht recht geben.«

Vielleicht? Sie hatte immer recht, doch was sollte die Haarspalterei. »Meine Theorie ist, dass der Verbleib auf der alten Schule deine existenzielle Krise nicht lösen konnte. Nachdem du menschliches Leid mit eigenen Augen gesehen hattest und die majestätische Größe der Chinesischen Mauer, war es mit Sicherheit nahezu unmöglich für dich, wieder im üblichen Spiel mitzumischen. Nur nach dem perfekten Notendurchschnitt und einer hohen Punktzahl im College-Eignungstest zu streben wurde unwichtig.«

»Genau! Wo warst du, als ich versucht habe, das meinen Eltern zu erklären, als ich in Andover ausgestiegen bin?«

Addie checkte ihren mentalen Kalender. »Wenn es während der Weihnachtsferien war, dann wahrscheinlich zu Hause in einem Vorort von Philly, wo meine Eltern wohnen.«

Er schmunzelte. »Der war gut.«

Sie kapierte nicht, was daran so witzig sein sollte. Sie war zu Hause gewesen, eine Skireise oder ein Winterurlaub in der Karibik überstiegen das bescheidene Budget der Emersons. Bei ihr war es nicht so wie bei Tess, die jedes Weihnachtsfest in Wales verbrachte und in den Sommerferien immer coole Sachen machte: surfen an der Küste Australiens, in der Sonne braten am Strand in Thailand, auf Elefanten reiten in Zimbabwe, wo ihre Mütter eine Schule für Mädchen unterstützten. Letzten Sommer war sie in Norwegen Ski gelaufen. Im Juni. Mitternachts. In der Sonne.

Indessen war Addie zu Hause in Perkiomen, Pennsylvania gewesen und hatte die Zwillinge gehütet. Umsonst.

»Natürlich bezahle ich dich nicht dafür, wenn du auf deine Schwestern aufpasst, hatte ihr Vater indigniert gesagt, als sie höflich um Kompensation dafür gebeten hatte, dass sie ihre freie Zeit opferte, um zwei fordernde kleine Mädchen mit endlosen Prinzessinnen-Spielen zu unterhalten. »Ich bin erstaunt über deinen Egoismus, Adelaide. Als Familie leisten wir hier alle unseren Beitrag, und obwohl du ein Internat besuchst, erwarten wir von dir, dass du dich wie ein Teamplayer verhältst, wenn du zu Hause bist.«

Stattdessen mit ihrer Mutter zu verhandeln war leider keine Option, denn normalerweise war die unterwegs und erforschte giftige Arachniden an entlegenen Orten, an denen Mobiltelefone keinen Empfang hatten.

Das Fazit daraus, dass ihr Vater sich voll auf seine zweite Familie konzentrierte und ihre Mutter ihre gesamte Energie auf die Karakurt-Spinne verwendete, war, dass Addies Interessen auf der Strecke blieben. Sie lernte also, selber auf sich zu achten, und hatte sogar einen Weg gefunden, ihre zukünftige Ausbildung an der Uni zu finanzieren – aus diesem Grund saß sie überhaupt in diesem Flugzeug.

In zwei Wochen war der Termin für die endgültigen Einreichungen für den »Athenian Award«, die höchste Ehre, die Highschoolabsolventen zuteilwerden konnte, die eine Karriere in Neurowissenschaften anstrebten. Sie und ihr Laborpartner Dex wollten ihr B.A.D.A.S.S.-System vorstellen (Brain Adrenalin, Dopamin und Aminosäuresynthese-System).

Die Gewinner erhielten für vier Jahre ein Vollstipendium am College ihrer Wahl. Für Dex war das ohne jede Bedeutung, seine Eltern warfen jedes Jahr mit 500 000-Dollar-Schecks um sich wie andere Leute mit Bonbons zum Karneval. Aber für Addie, die von der Gnade der Wohltäter des Internats abhängig war, um ihr Schulgeld zu decken, zählte jeder Cent. Dex hatte schon versprochen, ihr seine Hälfte des Preisgeldes zu spenden, wenn sie gewannen.

Aber das war ein großes Wenn.

Sogar ihre Projekttutorin Dr. Brooks zweifelte daran, dass das Athenian-Komitee für die kontroverse Theorie stimmen würde, die besagte, dass Addie und Dex mit ein paar simplen Tricks jeden dazu bringen konnten, sich in egal wen zu verlieben.

»Ich fürchte, so etwas wie ein besserer Liebestrank ist zu albern, um den Athenian zu gewinnen«, hatte Dr. Brooks ihnen im letzten Semester erklärt, als sie um die Unterstützung ihres Fachbereichs gebeten hatten, eine der wesentlichen Voraussetzungen für sämtliche Highschool-Kandidaten, die an dem Wettbewerb teilnehmen wollten. »Aber ich werde unvoreingenommen bleiben und eure Präsentation im Sommer abwarten. Bis dahin solltet ihr die Versuche abgeschlossen und eure These ausformuliert haben. Und dann entscheiden der Rektor und ich, ob dieses Projekt unterstützt wird.«

Die Vorstellung des Projekts war für heute Nachmittag angesetzt, und die Wahrheit war, dass sie noch weit davon entfernt waren, fertig zu sein. Sie hatten immer noch eine weitere Versuchsreihe durchzuführen, den alles entscheidenden Test, der zeigen würde, ob sich die Resultate früherer Experimente wiederholen ließen. Es war wahnsinnig nervenaufreibend.

Dex war den ganzen Sommer an der Akademie geblieben und hatte an dem Projekt gefeilt, aber Addie hatte erst jetzt zurückkehren dürfen – und das auch nur, weil ihr Vater und seine neue Frau Jillian mit den Zwillingen in der letzten Ferienhälfte eine Europareise unternahmen. Und es war natürlich gar nicht erst in Erwägung gezogen worden, Addie mitzunehmen – nicht mal als kostenloses Kindermädchen.

»Wenigstens nehmen deine Eltern Anteil an deinem Leben«, sagte sie zu 11 D. »Wenn ich mich nicht um meine Zwillingsschwestern kümmern würde, bekäme mein Vater es wahrscheinlich nicht mal mit, wenn ich vom Angesicht der Erde hinweggefegt würde. Wenn so was denn möglich wäre, also, wenn man bedenkt, dass die Erde gar kein Gesicht hat … und dann natürlich wegen der Schwerkraft.«

Er lachte wieder. »Du bist ziemlich witzig, weißt du das?« Er nutzte seine geduckte Haltung, um sich die Schnürsenkel neu zu binden. »Ich wünschte, ich wäre dir im letzten Semester schon begegnet, statt …«

Sie wartete.

Er sagte nichts, sondern band sich die Schnürsenkel vom anderen Schuh.

»Statt was?«, fragte sie.

Er richtete sich auf und schaute sich um. »Statt …« Er zögerte. »Ich kannte niemanden und hatte gerade die Schule gewechselt …«

»Du solltest wieder die Crash-Position einnehmen«, sagte Addie. Der Rauch wurde dichter. »Wir setzen gleich auf.«

Er senkte den Kopf, die dunklen Locken fielen ihm übers Gesicht, und sie konnte sein Mienenspiel nicht sehen. Eigentlich auch nicht so wichtig. Addie war die Erste, die zugeben würde, dass sie grottenschlecht darin war, die Körpersprache anderer Menschen zu deuten.

»Wie auch immer«, sagte er, »am Ende hab ich dann Sachen gemacht, die ich nicht hätte tun sollen, deshalb bin ich für die Sommerkurse verpflichtet worden. Als Buße für die Sünden der Vergangenheit.«

Sünde war so ein komisches Wort. Die Academy 355 war rein weltlich, nicht katholisch wie Gonzaga oder episkopalisch wie St.Paul’s. Diese Sachen, die er nicht hätte tun sollen mussten echt schlimm gewesen sein. »Hast du jemanden umgebracht?«

Er drehte sich zu ihr um und runzelte die Stirn. »Nein.«

»Einen Gegenstand im Wert von über dreitausend Dollar gestohlen, wie etwa ein brandneues Auto?«

»Schwerer Kraftfahrzeugdiebstahl? Aber klar. Was denkst du denn?«

»Ein Tier gequält?«

»Ich? Ich wäre der Letzte, der einem Tier was antun würde. Deshalb hab ich den Schlüsselanhänger ja auch verschenkt.«

Er riss die braunen Augen weit auf. Addie bemerkte, dass seine Wimpern abartig lang waren – und einen kleinen Schwung nach oben hatten.

»Dann«, sagte sie, »verstehe ich nicht recht, was es wiedergutzumachen gibt.«

»Wollen wir es mal so formulieren: Egal, was ich getan habe, wenn ich die Strafe nicht antrete, ist auf einer gewissen Militärschule in Colorado ein Platz für mich reserviert.« Er stieß die Luft aus. »Eine reine Jungsschule. Kriegt man da nicht Schiss?«

»Kommt ganz drauf an, wem das droht. Meine beste Freundin Tess wäre begeistert.«

Aus irgendeinem Grund musste er auch darüber lachen. Obwohl es die Wahrheit war. Trotz oder vielleicht wegen ihrer veganen liberalen Schauspielereltern fühlte Tess sich zu Männern hingezogen, die zu extremem Patriotismus, einer Liebe zum Militär und Igelschnittfrisuren neigten. Wie zum Beispiel ihr Freund Ed, der dem Trainingskorps der Reserveoffiziere angehörte.

»Und was ist mit dir?«, sagte 11 D. »Je eine existenzielle Krise gehabt?«

»An sich nicht«, erwidert Addie langsam. Sie spielte mit den Riemen ihrer Sandale. »Mir ist nämlich klar geworden, dass Existenz überbewertet wird. Genau wie Realität ist das nichts weiter als das Resultat von Stimuli, die unser Gehirn zu verarbeiten imstande ist.«

»Mit anderen Worten, du denkst, Existenz ist nichts anderes als das, was du wahrnimmst?« Er musste brüllen, um das laute Ächzen zu übertönen, mit dem die Bremsklappen ausgefahren wurden.

Ohne sich in lange, detaillierte Erklärungen zu versteigen – inklusive Schaubildern, die verdeutlichten, dass Sehen, Riechen, Hören, Geschmack und Fühlen keine objektiven Größen, sondern vom Gehirn abhängig waren –, ließ sich diese Frage nicht beantworten. Aber Tess hatte sie oft genug vorm Klugscheißen gewarnt, deshalb sagte Addie nur: »Ja.«

Auf einen ohrenbetäubenden dumpfen Knall und einen Ruck folgte schrilles Kreischen. Unwillkürlich umklammerte sie ihre Beine und machte sich auf den allerletzten Aufprall gefasst. Sekunden vergingen, in denen Passagiere und Besatzung des Flugzeugs kollektiv den Atem anhielten …

»Hey!« 11 D richtete sich auf und zeigte an 11 A vorbei aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft, andere Flugzeuge, die Lichter der Landebahn, das Blaulicht wartender Feuerwehrwagen.

Es war vorbei. Donnernder Applaus brach in der Kabine los. Addie setzte sich auf und klatschte mit.

»Wir haben es geschafft!«, rief 11 D und grinste von einem Ohr zum anderen.

Und dann tat er es.

Er war so schnell, dass sie keine Zeit zur Verarbeitung seiner Bewegungen hatte, um angemessen zu reagieren. Eine ausgestreckte Hand glitt hinter ihr Ohr, warme Finger waren an ihrem Kiefer und am Haaransatz zu spüren. Dann zögerte er für die Hälfte einer halben Sekunde und seine Lippen näherten sich ihren.

Sie stieß ein gedämpftes »Oh!« aus. Aber er zuckte nicht erschreckt über seine eigene Impulsivität zurück. Er ließ seine Lippen verweilen, sanft und sicher – als ob er eine Nachricht hinterlassen wollte.

Addie konnte an einer Hand aufzählen, wie oft im Leben sie von einem Jungen geküsst worden war. Da gab es den zu Forschungszwecken notwendigen Lippenkontakttest mit Michael Utard im Kindergarten. (Sie erinnerte sich, dass er ekelhaft nach Erdnussbutter und saurer Milch geschmeckt hatte.) In der siebten Klasse hatte Nick Elias beim Schulball versucht ein kleines Küsschen zu ergattern – und sie hatte sich prompt dafür gerächt, indem sie ihm die Zehen zerquetscht hatte. Park, der Sohn von einem der Freunde ihrer Mutter, hatte ein paarmal an der Küste von Jersey mit ihr rumgemacht, und dann war da dieser Augenblick der Schwäche mit Dex gewesen. Ein Vorfall, über den sie nie redeten.

Niemals.

Aber das hier war eine völlig andere Erfahrung.

Michael, Nick, Park und Dex waren ihre Freunde oder Klassenkameraden gewesen. 11 D hingegen war ein Fremder, den sie nur unter seiner JetBlue-Platznummer kannte.

Sie trennten sich voneinander. 11 D hielt die Hand hoch. »Du hattest recht. Das hat geholfen. Mein Daumen zuckt nicht mehr.«

»Ich weiß nicht mal, wie du heißt«, flüsterte sie immer noch unter Schock.

»Kris.« Ein Mundwinkel ging nach oben. »Und du?«

»Adelaide Emerson. Addie.«

Seine Unterlippe sackte runter. »Du bist Addie Emerson?«

Er tat so, als hätte sie sich gerade als Kate Middleton vorgestellt.

Oder Godzilla.

»Ja, Addie Emerson«, sagte sie. »Ist das gut oder schlecht?«

Er sank auf seinem Sitz zusammen. »Ich habe keinen Schimmer.«

3

Das war also Addie Emerson.

Heilige Scheiße.

Addie Emerson war der Grund dafür, dass er den Sommer in der Schule verbringen musste. Sie war der Grund für seinen Beinahe-Rauswurf im Frühjahr, obwohl diese Behauptung nicht ganz gerechtfertigt war. Es war nicht ihre Schuld, dass er mit der Schulleitung in Clinch geraten war. Dem Opfer konnte man das wohl wirklich nicht anlasten.

Trotzdem … Addie. Das war einfach irre. Emerson.

Sie rollten auf das Gate zu. Die Leute fingen an ihre Sachen zusammenzusammeln, ganz versessen darauf, das Flugzeug zu verlassen, das ihnen fast zum Verhängnis geworden wäre.

»Vielen, vielen Dank dafür, dass du deine Erfahrungen mit mir geteilt hast.« Addie wendete sich ihm mit einem Lächeln zu, das viel zu breit und künstlich war, ganz so, als ob sie ein Model auf dem Cover einer Teenagerzeitschrift imitieren wollte.

Ihre Augen waren grau, beinahe farblos – und völlig ungeschminkt, Haare mausbraun und achtlos zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Und in dem weißen T-Shirt und dem blau karierten Rock wirkte sie eher wie ein kleines Mädchen, ganz bestimmt nicht wie eine Oberstufenschülerin im letzten Highschool-Jahr.

»Ich fand es auch nett, mit dir zu reden«, sagte er.

Zu seiner eigenen Überraschung stellte er fest, dass er das ernst meinte. Es war wirklich nett gewesen. Während ihres kurzen Gesprächs hatte er sie intelligent, interessant, ja sogar witzig gefunden – bis zu dem Moment, an dem er erfahren hatte, wer sie war.

Jetzt wollte er nur noch so schnell weg von ihr wie irgend möglich.

Er schaltete das Handy ein und checkte seine Nachrichten. Drei tauchten auf, alle von Kara.

Hey, KC, freue mich, dass du wieder zurück in der Zivilisation bist. Schick mir eine Nachricht, wenn du landest, damit wir uns treffen können.

Sie verbrachte den Sommer in einem der Häuser ihrer Eltern in Back Bay, nicht weiter als eine kurze Fahrt mit Bus und Bahn von der Academy entfernt. Ohne es auszusprechen, hatte Kara ihn darüber informiert, dass sie seine Rückkehr ins Bostoner Stadtgebiet als Gelegenheit betrachtete, ihre etwas abgekühlte Romanze wieder anzufachen.

Kris hingegen hatte das ganz gewiss nicht vor.

Gelandet, antwortete er. Ein »kann es auch nicht erwarten, dich wiederzusehen« fügte er nicht hinzu, weil es einfach nicht stimmte.

Kara hatte eine große Rolle gespielt in dem Semester, das er am liebsten vergessen würde. Er hatte sich oft gefragt, wie das letzte Frühjahr wohl gelaufen wäre, wenn sie sich nicht in der Schlange der Essensausgabe kennengelernt hätten. Sie hatten beide darauf gewartet, dass die Köche ihre Veggieburger aufwärmten, und er hatte eine Bemerkung darüber fallen gelassen, wie erstaunlich rückständig die Academy mit ihrem erbärmlichen veganen Angebot doch war. Mehr hatte es nicht gebraucht, um sie in eine Tirade über die total verlogene Haltung der Schule in Sachen Tierrechte ausbrechen zu lassen.

Doch wenn er ganz ehrlich war, musste er zugeben, dass er sie hatte wettern lassen, damit er das wütende Blitzen ihrer Augen beobachten konnte. Und, okay, okay, vielleicht ging ihm das erbärmliche vegane Angebot auch gar nicht so sehr auf den Wecker, vielleicht lag ihm tatsächlich mehr daran, das große Mädchen mit den langen, glatten schwarzen Haaren und den coolen silbernen Ohrringen kennenzulernen, die sie – wie er später erfuhr – selbst gehämmert hatte.

Trotz all ihrer Fehler – und sie hatte viele – wurde Kara von gewaltigen Leidenschaften angetrieben. Für Kunst und Schmuck. Für Tiere. Für ihn. Vielleicht war es deshalb so schwer, endgültig mit ihr Schluss zu machen. Vielleicht waren sie ja auch zu ewiger Komplizenschaft verdammt.

O Gott. Hoffentlich nicht.

Komm gleich her, schrieb sie. Meine Eltern sind in Europa.

Sorry. Hab einen Termin mit Foy.

Scheiß drauf. Du brauchst die Academy nicht. So wie die dich behandelt haben???

Muss los. Ruf dich später an, antwortete er und stellte sein Handy stumm, in der Hoffnung, sie sich damit eine Weile vom Hals zu halten.

Über ihm rumpelte es, er schaute auf und sah, wie Addie auf Zehenspitzen mit der Verriegelung des Gepäckfachs kämpfte. »Es klemmt.« Sie fummelte am Schloss. »Das muss während der Turbulenzen eingerastet sein.«

Über dem Schloss stand in schwarzen Lettern auf weißem Plastik ganz deutlich das Wort: PUSH/DRÜCKEN, und sie … zog.

»Moment.« Er stand auf und drückte auf den Metallverschluss. Das Gepäckfach schwang auf.

»Oh«, sagte sie verlegen, ihre Wangen liefen tiefrosa an. »Die Anweisungen hätten deutlich eine Vorwärtsbewegung fordern sollen.«

Er hatte den Mund schon geöffnet, um einen Witz zu reißen, vermutete aber, dass ihr der Sinn für diese Art Humor abgehen könnte. »Ist er das?« Er zerrte einen schwarzen Koffer raus, der verziert war mit einem fluoreszierend grünen … war das ein Teststreifen aus dem Labor?

»Danke für deine Hilfe«, sagte sie und nahm den Koffer aus seinen Armen. »Ich nehme an, wir sehen uns auf dem Campus.«

Nur, wenn ich es nicht verhindern kann. Früher oder später würde sie nämlich herauskriegen, wer er war, und dann würde sie ihn hassen … und das zu Recht. »Klar.«

»Okay.« Sie stellte sich in die Schlange zu den anderen Leuten, die aussteigen wollten, kerzengerade und mit erhobenem Kinn.

Komisches Mädchen, dachte Kris und ließ sich wieder auf seinen alten Platz fallen, wo er abwarten wollte, bis die Menschenmassen sich verzogen hatten. Je größer der Abstand zwischen ihm und Addie war, desto besser.

Als er schließlich aufstand, seine Reisetasche aus dem Gepäckfach holte und sich den Rucksack über die Schulter warf, war das Flugzeug fast leer, er bedankte sich bei den Flugbegleitern und schlenderte zur Tür hinaus auf die mit blauem Teppich ausgelegte Gangway.

Durch diesen Teil eines Flughafens zu gehen, versetzte ihn immer in eine Art Rauschzustand, genau genommen war er da noch auf internationalem Territorium, nicht auf amerikanischem Boden. Draußen vor der Fensterfront warteten Flugzeuge aus der ganzen Welt darauf, Passagiere nach China, Australien, Irland und Israel zu befördern. Er musste nur durch eine dieser Türen treten und schon wäre er in Patagonien. Oder Island.

Eines Tages nehme ich jeden dieser Flüge und reise um die ganze Welt.

Aber heute nicht. Heute führte ihn sein Weg direkt ins Verderben. In dem Brief, der gefaltet in seiner Tasche steckte, stand, er habe sich, sobald er auf dem Campus eintraf, umgehend in Chisholm Hall, dem Verwaltungsgebäude, zu einer Besprechung mit dem Rektor Tim Foy einzufinden, der ihm die Details der »Vereinbarung seiner Wiederzulassung« erläutern würde, die von der Academy und Kris’ Eltern aufgestellt worden waren.

Kris hatte keinen Schimmer, was diese Vereinbarung beinhaltete, obwohl er sich vorstellen konnte, dass eine Reihe von niederen Tätigkeiten darunter sein würden, wie etwa das Verfassen eines nachdenklichen Essays, Frondienste in der Gemeinde (die Academy war ganz groß darin, die Vorratsregale der »Tafel« aufzustocken) und vielleicht die Laborwände zu streichen, die sie damals bei ihrer Aktion verunstaltet hatten. Aber nein, das hatte ja schon der Schulreinigungsdienst am Morgen danach übernommen, schon vor dem Mittag waren sämtliche Graffiti restlos entfernt worden.

Er hatte noch Glück gehabt. Die anderen beiden waren direkt im Mai, in der Woche vor den Abschlussprüfungen, in die Wüste geschickt worden. Das hieß, sie hatten das Semester total in den Sand gesetzt. Schlappe 15 000 Dollar mal eben in die Tonne getreten. Andererseits …

Sein Telefon summte. Macker. Zurück im Knast?

Mack. Kris unterdrückte die aufwallende Verstimmung. Also, der war jemand, dem man wirklich die Schuld geben konnte, dieser Typ, der alles kaputtgemacht hatte.

Ja, antwortete er knapp.

Muss das scheiße sein für dich.

Eine Nanosekunde später schickte Mack ein Foto von einem weißen Strand, blauem Himmel und seinem gebräunten Körper auf einem Strandlaken neben zwei Mädchen in Bikinis, die sich in der Sonne aalten. Mack vor der Eigentumswohnung seiner Eltern am Strand von Florida.

Das war das total Nervige am Karma. Es biss nicht zwangsläufig diejenigen in den Hintern, die es am meisten verdient hatten.

Kris beschloss, diese letzte Aufnahme einfach zu ignorieren, und steckte das Handy in die Hosentasche, den Rucksack nahm er auf die andere Schulter. So zog er an der Reihe von Verwandten und Freunden vorbei, die sich über die Plexiglasbarriere lehnten und nach vertrauten Gesichtern unter den Fluggästen Ausschau hielten. Er wollte nur durch die Gepäckausgabe zum Shuttleservice, ohne gesehen zu werden von …

»Kris!«

Er ging weiter und tat so, als habe er Addie nicht bemerkt, die von der anderen Seite der Barriere zu ihm rüberbrüllte.

»Willst du mitfahren?«

Zu spät. Er war entdeckt worden. Ihr Rufen nicht zur Kenntnis zu nehmen, wäre irrsinnig unhöflich.

»Oh, hey, Addie!« Er tat so, als wäre es eine freudige Überraschung, sie zu sehen.

Sie winkte ihn heran. »Wenn du auf dem Weg zur Academy bist, dann komm doch mit uns. Tess’ Freund hat ein Auto.«

Er ließ den Blick über die Menge schweifen, bis ihm ein großes, wahnsinnig rothaariges Mädchen in einem hauchzarten pinkfarbenen Kleid ins Auge stach. Tess McGrew. Er kannte sie. Oder, besser gesagt, er hatte von ihr und ihren mega-berühmten Müttern gehört, bedeutenden Hollywood-Schauspielerinnen mit ein paar Oscars im Schrank.

Nie im Leben wäre er darauf gekommen, dass Tess McGrew mit Addie Emerson befreundet sein könnte.

»Komm«, sagte die gerade, »wir müssen uns beeilen. Ed steht im Parkverbot.«

Kris zögerte. Irgendwas an den Schwingungen, die Tess aussendete, sorgte bei ihm für Unbehagen. Vielleicht waren es auch ihre grünen Augen, die ihn argwöhnisch musterten. Oder dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte. Addie mochte vielleicht zwei und zwei nicht zusammengezählt haben, aber nach Tess’ Körpersprache zu urteilen, sah es ganz so aus, als ob ihre beste Freundin das durchaus getan hatte. Das Mädchen sah ganz so aus, als wolle sie ihm gleich eine verpassen.

»Nicht nötig. Ich nehme die Bahn«, sagte er und legte den Rückwärtsgang ein. »Ist genauso schnell.«

Addie runzelte die Stirn. »Nein, ist es nicht. Der Shuttle zum Bahnhof verkehrt im Viertelstundentakt und braucht dann noch zwölf Minuten bis Wonderland am Ende der Blauen Linie. Von dort kannst du erst mit dem 411er-Bus weiterfahren … um …«, sie warf einen Blick auf die Armbanduhr, die sie verkehrt herum am rechten Handgelenk trug, »neun Uhr fünfundvierzig. Das heißt, du bist frühestens gegen halb elf in der Academy. Wir sind um zehn vor zehn da.«

»Hast du den Fahrplan auswendig gelernt?«

»Ich kenne ihn einfach. Du nicht?«

Sie warf einen Blick rüber zu Tess, die nicht mehr ganz so unnachgiebig wirkte. »Addie hat recht.« Sie kam rüber und stellte sich vor. »Tu lieber, was sie sagt. Ein Nein akzeptiert sie nur in seltenen Fällen.«

»Das ist nicht wahr. Es gibt viele Fälle, in denen eine negative Antwort angemessen ist«, antwortete Addie und sprang auf die Rolltreppe abwärts.

Kris gab nach. Es würde schon nicht schaden, schnell zur Schule mitzufahren. Das ist viel besser als mit Bus und Bahn, dachte er mit einem Achselzucken.

»Moment mal, du Genie.« Am Kopf der Rolltreppe hielt Tess ihn am Rucksack zurück. »Ich muss mit dir reden.«

O-oh. Er schaute Addie hinterher, die verwirrt zu ihnen hochguckte.

»Bei mir kannst du dieses Grinsen gleich wieder einpacken«, flüsterte Tess zuckersüß und hielt einen Finger hoch, um Addie zu bedeuten, dass sie sofort nachkommen würden. »Keine Ahnung, was du vorhast, wenn du mit ihr abhängst, aber wenn es noch mehr von dem Scheiß ist, den du und deine bescheuerten Freunde im letzten Semester abgezogen haben, dann werde ich dir höchstpersönlich den Arsch versengen. Kapiert?«

Seine Kehle schnürte sich zu. »Absolut, aber …«

»Gar nichts aber.« Noch mehr Zuckersüße. Sie hätte mit einem Kätzchen reden können. »Auf der ganzen weiten Welt ist Addie meine beste Freundin. Und sie kann manchmal ein bisschen naiv sein, wenn du weißt, was ich meine? Sie hat nicht viel Erfahrung mit Leuten wie dir und Kara und diesem Oberarsch Mack Jeffries.«

Tess hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn es einen treffenden Begriff gab für Mack, dann war es Oberarsch. »Ehrlich gesagt …«

»Halt die Klappe. Ich rede.« Tess atmete aus und gewann die Fassung zurück, dann legte sie wieder ein Lächeln auf. »Damit will ich sagen: Ich gebe dir nur eine Chance. Eine. Versau es und du bist fertig. Comprende?«

»Comprende«, erwiderte er dämlich.

»Sonst wirst du nie wieder einen Fuß in die Academy setzen. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass deine Collegeträume zu Schutt und Asche werden und du dein Leben lang nicht mehr glücklich wirst. Ernsthaft. Ich hab meine Leute.«

»Leute?«

»Leute.«

Okay«, sagte er, als Tess sich an ihm vorbei zu ihrer Freundin drängelte.

Er hatte keine Ahnung, was sie mit dieser einen Chance meinte – oder wie er sie versauen könnte. Aber eines wusste er: Nachdem ihm Tess McGrew die Leviten gelesen hatte, würde die anstehende Lektion vom Rektor der Academy das reine Zuckerschlecken sein.

4

Warum Tess nicht glücklich über Kris’ Anwesenheit war, konnte Addie sich nicht erklären, zumal ihr Tess ständig dazu riet, »neue Leute kennenzulernen«. Dabei war das Addies Ansicht nach absolut überflüssig, denn sie hatte ja schon drei enge Freunde: Tess, Ed und Dex.

»Dex ist dein Laborpartner«, berichtigte Tess sie dann immer.

»Mit besonderen Vorzügen«, sagte Addie dann.

»Aber nicht die Art besondere Vorzüge, an die Leute denken, wenn du von einem Laborpartner mit besonderen Vorzügen sprichst.«

Was konnte es denn noch für besondere Vorzüge geben? Dex war superintelligent und total gut organisiert. Er kalibrierte alles auf den Millimeter genau und notierte ihre Beobachtungen auf das Sorgfältigste. Das Resultat war, dass ihre Berichte immer absolut vollständig waren und sie Bestnoten für Ordnung und Vorgehensweise erhielten.

Und die besonderen Vorzüge: Er hatte einen eigenen 3-D-Drucker und die Erlaubnis, ohne Aufsicht im Labor arbeiten zu dürfen.

Okay, jetzt hatte sie also trotzdem – wie Tess es ihr geraten hatte – einen neuen Freund gewonnen. Kris war sympathisch, kontaktfreudig und – sogar für Tess’ lächerlich hohe Ansprüche – süß. Also, wenn man denn unter »süß« verstand: groß, dunkel und gut aussehend mit einem übermütigen Glitzern in den Augen und wuscheligen schwarzen Haaren, die dem ganz normalen typgerechten Erscheinungsbild eines Siebzehnjährigen einen wilden Touch gaben. Er besuchte die Academy, was praktisch war. Er war nach Asien gereist und hatte Addies Tasche aus dem Gepäckfach geholt, womit er bewiesen hatte, dass er weltgewandt und höflich war. Ging es denn noch perfekter?

Und dennoch schien Tess nicht begeistert davon gewesen zu sein, Kris eine Mitfahrgelegenheit anzubieten. Oder vielleicht hatte Addie die Situation auch nur nicht richtig gedeutet. Immerhin waren die beiden oben an der Rolltreppe stehen geblieben, um sich zu unterhalten, sie kamen also eindeutig miteinander aus. Vielleicht kannte Tess ihn aus der Theater-AG.

Warum war sie bloß nicht besser darin, die Körpersprache anderer Menschen zu lesen? Tess wusste immer sofort, wenn jemand vor Wut kochte oder irgendeinen Groll hegte. Sie erkannte sogar, wer in wen verknallt war – selbst hundert Meter gegen den Wind. Addie gelang dergleichen nie, was seltsam war, immerhin hatte sie die Biologie der Verliebtheit eingehend studiert. Da sollte sie doch wohl in der Lage sein festzustellen, wer sich gerade mittendrin befand.

Aber es war zu kompliziert. Wenn die Leute doch nur direkter wären.

Eds Reaktion zum Beispiel, als Kris auf den Rücksitz gerutscht war. Was bedeutete das? Es schien ihm total gegen den Strich zu gehen, dass Tess Kris eine Mitfahrgelegenheit angeboten hatte – obwohl genug Platz für alle war.

»Äh, Kris Condos?«, hatte er gesagt, so als ob der ein gesuchter Schwerverbrecher wäre.