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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken ...
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Seitenzahl: 871
Veröffentlichungsjahr: 2016
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K.P. Hand
Herzbrecher
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Anmerkung:
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Dieser Thriller beinhaltet an manchen Stellen expliziert geschilderte Gewaltszenen, an denen einige Menschen Anstoß nehmen könnten, des Weiteren handelte es sich hierbei um eine Geschichte mit homoerotischem Inhalt. Alle, die das nicht mögen, sollten ab hier nicht weiterlesen.
Es ist nicht notwendig, zuerst den Teil »Willenbrecher« gelesen zu habe, da die beiden Bände für sich selbst stehen.
Alle Personen, Orte und Organisationen sind frei erfunden und stehen nicht in Zusammenhang mit realen Ereignissen. Ähnlichkeiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Zeit. Zeit kann der größte Feind des Menschen sein. Sie vergeht immer gleich, doch wir fühlen das Vergehen der verstreichenden Zeit immer anders. Mal drängt sie, mal steht sie still. Eine Stunde konnte wie ein Jahr vorkommen, ein Jahr wie ein Jahrzehnt. Zeit, die erdrückt, die einen Mann ersticken lässt, stillstehende Zeit, die einfach nicht vergehen will, man ertrinkt darin. Zeit, in der einem Mann klar wird, dass er die meiste Zeit seines Lebens, Zeit verschwendet hat.
Zeit.
Zeit.
Zeit.
Was würde er alles dafür geben, wenn sie doch nur schneller vergehen würde. Nun, so kurz vor dem Ende der erstickenden, stillstehenden Stunden, die sich Jahr für Jahr aneinandergereiht hatten, so kurz vor der Erlösung, stand die Zeit stiller denn je.
Valentin schob eine Hand unter den Kopf, seine braunen Augen waren zur fleckigen Zellendecke gerichtet, die wegen der Risse und wegen der bereits heruntergebröselten Stücke wie Schweizerkäse aussah. Er schwitzte, aber nach all den Jahren hatte er sich daran gewöhnt. Selbst die lästigen Fliegen nahm er kaum noch wahr, die über seinen nackten Oberkörper wanderten und von seinem herben Schweiß kosteten.
Von draußen vom Gefängnisinnenhof vernahm er Gelächter, Jubel und Fäuste, die auf nackte Haut trafen. Es klatschte, jemand stöhnte, die Menge jubelte, die Wärter ... drehten vermutlich wie üblich dem Geschehen den Rücken zu.
Während draußen die Neuen erkennen durften, wie das Leben in diesem Loch von nun an für sie aussehen würde, fragte sich Valentin in seiner Zelle – die er für gewöhnlich mit fünf weiteren Insassen teilte, die jedoch nur drei Betten zur Verfügung stehen hatte – warum er als einziger Mann nicht raus durfte.
Er dachte wieder an das Verstreichen der Zeit und ließ die qualmende Zigarette zwischen seinen Lippen von einem Mundwinkel zum anderen wandern. Draußen unter freiem Himmel verging die Zeit etwas schneller als in diesem Raum aus drei Betonwänden und einer Gitterwand. Es kam ihm vor, als sei er schon zwei Leben in diesem verfluchten Dritte-Welt-Insel-Gefängnis. Die Wände um ihn herum schienen täglich näher zusammenzurücken, es war ein Wunder, das sie ihn noch nicht zerquetscht hatten.
Und das alles nur, weil er jemanden vertraut hatte.
Sein Leben lang hatte er sich davor gehütet, einem anderen als sich selbst über den Weg zu trauen, und dann vergisst er all seine Vorsichtsmaßnahmen für ein hübsches Gesicht, das er – Idiot, der er nun mal war – sogar hatte beschützen wollen. Er war so ein Narr gewesen!
Aber was beklagte er sich eigentlich? Angesichts seiner Lebensweise hatte er insgeheim immer geahnt, dass er irgendwann in einem Knast endete. Er hätte nur nie erwartet, dass es ausgerechnet so ein Drecksloch sein würde.
All die Jahre hatte er damit verbracht, durch die Welt zu reisen, diesen und jenen Job anzunehmen, es gab nur ihn und seinen Koffer mit seinem Baby. Seiner Waffe. Nie hatte er einen Gedanken an Zuhause verschwenden, nie hatte er geglaubt, dass er sich nach seiner Heimat sehnen oder die Unfreundlichkeit der Deutschen vermissen würde. Jetzt tat er es. Vor allem sein Heimatdorf, mitten auf dem Land. Er vermisste den weißbärtigen dicken Mann hinter der Theke bei seinem Bäcker neben seinem Elternhaus, der ihn jeden Morgen genervt bediente. Er vermisste die seltsame alte Dame in dem Haus an der Ecke am Ende der Straße, die mit ihrer schwarzen Katze aus dem Fenster sah und Fußgänger anspuckte. Er vermisste den Mann, der unter der Brücke an der Autobahn wohnte und ein Gartentürchen wie einen Hund an der Leine hinter sich herzog. Er vermisste seine Eltern, zwei einfache Milchkuhbauern, die täglich hart für ihr Geld arbeiteten und auf ihre ländliche Art unerträglich vorurteilsvoll und ignorant waren. Er vermisste es sogar, sich von ihnen anzuhören, er sei ein Sünder und eine Schande für die Menschheit. Und er vermisste das strahlende Lächeln seiner Schwester. Verdammt, er vermisste sogar die Militärkaserne, in die er mit achtzehn Jahren geflohen war.
Er hatte oft verlangt, dass man ihn in ein deutsches Gefängnis verlegen sollte, das man ihn ausliefern sollte, aber dazu war es nie gekommen, er bezweifelte mittlerweile, dass irgendwer gewusst hat, das er hier verrottete.
Bis auf jene Person, der er es zu verdanken hatte natürlich.
Seine Gedanken wurden abgelenkt, als er Schritte über den Flur herannahen hörte. Teure Schuhe klackerten über den Boden, begleitet von den schweren, gedämpften Schritten der Stiefel der Gefängniswärter.
Neugierig runzelte Valentin seine Stirn und legte den Kopf so weit schief, dass er von seinem Hochbett hinunter zur Zellentür blicken konnte.
Ein Wärter tauchte vor der Zelle auf, dunkelhäutig und mit mandelförmigen Augen, in grüne Uniform gekleidet, wie Valentin es gewohnt war. Die Mütze hing schief auf dem kurzen dunklen Haar, weil sie dem Mann zu groß war.
Der Wärter schlug mit einem schwarzen Schlagstock gegen die Zellentür und brüllte etwas in einer fremden Sprache. Übersetzt bedeutete es so viel, wie: »Steh auf, Du Made. Hände an die Wand, Beine auseinander«.
»Fuck you«, entgegnete Valentin und wandte seine braunen Augen wieder zur Decke. Er wollte allein sein und hatte keine Lust auf einen weiteren Besuch. Er hatte diese Woche erst einen Mann von draußen empfangen müssen, der gute Neuigkeiten für ihn gehabt hatte. Valentin hatte also keinen Bedarf an weiteren Besuchern, da es für ihn nichts gab, was das letzte Treffen überragen könnte.
Die Gefängniswache brüllte etwas, das Valentin trotz, das er mittlerweile die Sprache ganz gut beherrschte, nicht verstehen konnte. Ein paar vollkommen zusammenhangslose Beleidigungen konnte er heraushören, aber die beeindruckten ihn wenig.
Er wusste, sein Verhalten würde ihm spätestens beim Essen, allerspätestens unter der Gemeinschaftsdusche, teuer zu stehen kommen. Denn hier in diesem Drecksloch waren nicht nur die Gefangenen die Gefahr, sondern überwiegend die korrupten und sehr aggressiven Wärter. Sie bezahlten gerne Gefangene, damit diese, Mitgefangene zusammenschlugen – oder Schlimmeres.
Valentin hatte hier drinnen in all den Jahren schon alles miterlebt, er war Opfer aber auch Täter gewesen. Für ein Päckchen Tabak hatte er sich auch schon mal bestechen lassen.
Okay, vielleicht öfters.
Na gut, eigentlich ziemlich oft!
Vor allem wenn Frischfleisch ankam, hatte er in den ersten Reihen gestanden, um sich seinen Spaß mit ihnen zu erlauben. Und das, obwohl er als Neuling selbst alles hatte erleiden müssen. Schlägereien, Messerstechereien mit selbst gebastelten Messerchen aus allerlei Material, das sie hier so fanden. Übergriffe unter der Dusche, nachts mit zwei offenen Augen und mit dem Arsch zur Wand schlafen müssen, um zu vermeiden, weder vergewaltigt noch abgestochen zu werden.
Ach ja, das Gefängnisleben konnte tatsächlich so wunderbar klischeehaft sein, wie es in manch Filmen dargestellt wurde, jedenfalls dann, wenn man in einem solchen Drecksloch festhing wie Valentin.
Er war gewiss kein feiner Herr, der zu Unrecht eingesperrt war, und vielleicht verdiente er das hier. Aber es widerstrebe ihm, wegen etwas zu sitzen, das er nicht getan hatte.
»Ich habe gesagt, du sollst dich ficken, Arschloch«, rief Valentin der Gefängniswache zu, weil dieser Pisser einfach nicht das Maul halten wollte.
Da geschah es, – obwohl Valentin sich sicher gewesen war, dass niemand hier seine Muttersprache verstand – der Wärter zog aus Wut die Waffe und zielte durch die Gitterstäbe auf Valentin.
»Genug! Das genügt!«, ertönte plötzlich eine deutschsprachige Stimme.
Als die dunkle melodiöse Männerstimme erklang, richtete sich Valentin auf die Ellenbogen und begutachtete neugierig den Mann, der sich vor der Zelle aufbaute und der Wache bedeutete, die Waffe zu senken. Übersetzt bat er: »Machen Sie einfach die Zelle auf, er kann gerne liegen bleiben.«
Die Wache überlegte. Erst als er einige Geldscheine zugesteckt bekam, senkte er zögerlich die Waffe und steckte sie wieder ein. Valentin bezweifelte jedoch, dass ihm je Gefahr gedroht hatte. Klar, er wäre nicht der erste Mann, der hier getötet wurde, nicht einmal an diesem Tag, aber die Waffe war so von Rost zerfressen und die Hand des Wärters hatte so gezittert aus Wut, dass er mit dem Ding vermutlich alles getroffen hätte, nur nicht Valentin.
Der fremde Mann, der zu ihm wollte, sprach zwar deutsch, aber er sah mehr wie ein Südländer aus. Spanier, Italiener, etwas in dieser Richtung. Groß, gebräunte Haut, kräftiges dunkles Haar, das er ordentlich zurückgekämmt trug. Sein imposanter Körper steckte in einem maßgeschneiderten Anzug, und trotz der tropischen Hitze schien er nicht zu schwitzen. Seine teuren Schuhe glänzten, trotz des fahlen Lichts. Ein richtiger Lackaffe, stellte Valentin fest. Noch mehr ein Snob als der Typ, der vor Kurzem hier gewesen und mit ihm gesprochen hatte. Vielleicht gehörten die beiden Männer irgendwie zusammen.
Valentin schwang die Beine über die Bettkante, als die Zelle geöffnet wurde und der Mann eintrat. Hinter diesem verriegelte der Wärter wieder die Tür und drehte dem Geschehen den Rücken zu, er wirkte nicht, als wollte er eingreifen, falls Valentin gewalttätig werden wollte.
Aber obwohl Valentin wie eines eingesperrt war, war er kein Raubtier, das sich auf alles stürzt, was ihm vor die Augen kam. Doch in diesem Loch wurden alle über einem Kamm geschert. Wer hier einsaß, war nun mal unterster Abschaum.
Valentin musterte den Mann auffällig abschätzend, dann zog er an seiner Kippe und nahm sie zwischen die Finger um reichlich Rauch auszustoßen. Dabei fragte er: »Was wollen Sie?«
Der Fremde grinste, dabei bildeten sich Grübchen um seinen Mund.
Valentin stockte einen Moment. Nicht unbedingt wegen der Grübchen, sondern viel mehr, weil er plötzlich das Gefühl hatte, den Mann zu kennen. Oder jedenfalls sah er jemanden verdammt ähnlich.
»Sie sind Valentin?«, fragte der Mann rhetorisch mit einem charmanten Lächeln. Er wäre sicher nicht in dieser Zelle, wenn er nicht gezielt nach Valentin gesucht hätte.
Valentin nickte knapp und zog erneut an seiner Kippe. Er ließ den Mann nicht aus den Augen, denn er hatte eine dunkle Vorahnung, wer er war.
»Mein Name ist Enio Martin. Ich komme aus St. Marienstadt«, berichtete er und lächelte dabei noch immer freundlich. Ein Lächeln wie es Geschäftsmänner oder Werbemenschen aufsetzten, wenn sie mit einem potenziellen Kunden sprachen. Oder, wenn sie Gewinn riechen konnten.
Der Ort kam Valentin nicht bekannt vor, der Nachname dafür umso mehr.
Valentin kaute grübelnd auf dem hinteren Stummel seiner Selbstgedrehten. »Martin, hm? Kommt mir bekannt vor.«
Und ob ihm der Name bekannt vorkam!
Enio Martin nickte schmunzelnd. »Ich glaube, Sie kennen meinen Bruder: Alessandro.«
»Kann man wohl sagen.« Valentin zog die Kippe aus dem Mund und warf den Stummel zu Boden. Er sprang leichtfüßig vom Bett und zertrat die Fluppe, ehe er sich an den Bruder des Mannes wandte, der ihn verraten hatte. Er zog neugierig die Augenbrauen hoch. »Und was verschafft mir das Vergnügen?«
»Ich hörte, Sie seien ein Mann für besondere Arbeit.«
»Ich habe meine Qualitäten.«
Enio Martin nickte wieder. »Gut. Ich hätte einen geschäftlichen Vorschlag für Sie. Es sei denn, Sie wollen die Möglichkeit nicht nutzen, aus diesem Dreckloch raus zu kommen.«
Valentin gab sich interessiert, aber nicht zu interessiert. Nach all den Jahren wusste er, dass er Platz für Verhandlungen lassen musste, wenn er mehr rausholen wollte als die üblich eingeplante Summe seines Kunden.
Er lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand zwischen den beiden Betten und nickte mit dem Kinn Enio Martin auffordernd zu. »Ich bin ganz Ohr.«
»Es geht um meinen Bruder«, erklärte Enio Martin. »Ich benötige Ihre Fähigkeiten, um ihn zu finden.«
Sie schwitzte. Der Schweiß rann ihr über den ganzen Körper, vom Gesicht über das Dekolleté, Nacken und Rücken. Unaufhaltsam, wie ein Wasserfall.
Dabei konnte eigentlich der Eindruck aufkommen, das es an diesem Augusttag kühl war, denn sobald sie aus dem Fenster ihrer Wohnung, im dritten Stock eines großen und noblen Mietskomplexes hinausblickte, war der Himmel über der Stadt mit dicken, undurchdringbaren dunklen Wolken verhangen. Doch der Schein trog, denn es war geradezu ekelerregend schwül. Drückend. Wie im tiefsten Urwald. Sodass man schon bei der kleinsten Bewegung schwitzte wie ein Bauarbeiter in der brutzelnden Sonne.
Sie öffnete die Balkontür um Luft in den Raum zulassen.
Die Flaggen auf dem spitzen Dach des Rathauses, das sie von ihrem Wohnzimmerbalkon aus erblicken konnte, flackerten heftig in einem stürmischen Wind, von dem sie in ihren vier Wänden nichts mitbekam.
Wobei es sich nicht wirklich um ihre vier Wände handelte. Sie lebte in einer Mietswohnung, allein, und ihr Daddy bezahlte die Miete, weil sie es sich nicht leisten konnte.
Anni war junge zweiundzwanzig Jahre alt, kinderlos, unverheiratet und hatte gerade erst angefangen, im Krankenhaus als Krankenpflegerin zu arbeiten. Mit ihrem niedrigen Gehalt hätte sie sich vielleicht eine Wohnung im Bahnhofsviertel mieten können, aber weder hatte sie die Absicht, bei den dort überwiegend lebenden Prostituierten und Drogendealern zu leben, noch hätte ihr Daddy das zugelassen.
Anni stand mit einer Tasse Kaffee vor dem Balkonfenster, das sie geöffnet hatte. Sie sah auf ihre teure Armbanduhr und las die Zeit von dem weißgoldenen Ziffernblatt ab. Es war ihre Lieblingsuhr, ihre großen Schwester Melissa hatte sie ihr zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt. Das Band bestand aus weichem weißen Leder. Genau Annis Stil.
Es war Zeit, zu gehen.
Sie trank die Tasse halb aus und verzog das Gesicht, weil der Kaffee noch zu heiß gewesen war. Anni stellte die Tasse in die Spüle zu ihrem restlichen Frühstücksgeschirr, sie würde sich nach ihrer Schicht im Krankenhaus um den Haushalt kümmern, vielleicht war es dann auch endlich kühler. Der Wetterbericht hatte ja ein Unwetter vorhergesagt, das die Temperaturen endlich wieder etwas senken solle.
Sie schnappte sich ihre Designer Tasche – ebenfalls ein Geschenk von ihrer Schwester – und marschierte aus der Wohnung.
Im grellen Flur, der mit schlichten weißen Wänden und grauen Teppichboden ausgestattet war, wartete sie auf den Fahrstuhl, der vom fünften Stockwerk zu ihr hinunterfuhr.
Kurz überlegte sie, ob sie die Treppe neben sollte. Sie hatte so ein seltsames Gefühl in der Magengrube. Ein Bauchgefühl.
Nimm die Treppe, sagte ihr eine innere Stimme.
Aber wozu? Selbst wenn sie auf den Fahrstuhl wartete, war sie genauso schnell unten.
Sie hatte bereits gestern Abend Magenprobleme gehabt, und schob das Unwohlsein lediglich auf die Tüte Chilichips, die sie gestern vor dem Schlafengehen auf dem Sofa vertilgt hatte.
Fünf ...
Vier ...
Drei.
Der Fahrstuhl war da.
Als die Türen aufgingen, schlug Anni kühle Luft entgegen. Die Klimaanlage. Gott sei es gedankt, für diese tolle Erfindung!
Sie stieg in die Fahrstuhlkabine zu dem Mann, der einen Trenchcoat mit aufgestelltem Kragen und eine schwarze Schirmkappe mit der Aufschrift SAD trug, und zu der älteren Dame mit weißem Haar, altmodischem Hosenrock und Blümchen Bluse, die einen winzigen weißen Hund an der Leine führte.
»Guten Morgen«, sagte Anni freundlich zu beiden.
Der Mann, dessen Gesicht unter der Schirmkappe halb verborgen blieb, hob den Kopf an und strahlte ihr entgegen.
»Einen wunderschönen guten Morgen«, lächelte er ihr zu.
Anni fühlte sich gut, weil er so auf sie reagiert hatte, und lächelte in sich hinein, während die alte Dame sie nur skeptisch von der Seite betrachtete.
Im ersten Stock stieg die Dame aus. Zum Glück, denn ihr Hund ließ in einer Tour Gaswolken ab, deren Gestank Anni die Tränen in die Augen trieb. Jedenfalls hoffte sie, dass es der Hund war. Was auch immer die alte Frau ihm zu fressen gab, es roch reichlich ungesund. Nach Hundenassfutter und Brokkoli. Ekelhaft.
Als Anni mit dem Mann allein war, wagte sie einen Blick über die Schulter.
Er sah sie an, beobachtete sie.
Lächelnd strich sie ihr blondes, seidiges Haar hinter die Ohren. Sie gab viel Geld dafür aus, das ihre Haarfarbe so natürlich aussah, obwohl sie gefärbt waren. Ihm schien es offensichtlich zu gefallen, denn er lächelte zurück.
Als Anni sich wieder umdrehte, biss sie sich auf die Lippen.
Wie lange war es her, dass sie mit einem Mann ausgegangen war?
Viel zu Lange.
Und was sie von ihm sah, war nicht schlecht. Er hatte einen Ziegenbart, der seine eingefallenen Wangen etwas verbarg. Seine Lippen waren dünn, aber er hatte schöne Augen. Etwas an ihm hatte diese gewisse, düstere Aura, die auf guten, harten Sex schließen ließ. Er war groß, kein Muskelprotz, aber trotzdem mit ausgeprägten Muskeln ausgestattet. Anni konnte sich durchaus vorstellen, eine Nacht mit ihm zu verbringen. Sie war ja nicht so der Beziehungstyp. Sie ließ sich von fast jedem abschleppen, das tat sie gerne. Anni hatte gerne viele Liebhaber. Das bedeutete, mehr Aufmerksamkeit. Sie liebte es einfach, begehrt zu sein. Am liebsten von so vielen Männern wie nur irgendwie möglich.
Und dieser Fremde hatte Potenzial, der nächste Glückspilz zu sein, der in ihren Genuss kommen durfte.
Sollte sie ihn nach einem Date fragen? Oder sollte sie ihm einfach ihre Nummer geben und ihm ganz direkt sagen, dass er gerne anrufen konnte, wenn er auf eine unverbindliche Nummer mit ihr aus war?
Erdgeschoss ...
Keller ...
Tiefgarage.
Ping. Sie waren angekommen.
Als die Türen aufgingen, wollte Anni sich gerade mit einem Wimpernaufschlag und einem zuckersüßen Lächeln zu ihm umdrehen, als sie plötzlich grob gepackt wurde.
Erschrocken zog sie die Luft ein, doch er legte seine große Hand über ihren Mund.
»Schnauze«, zischte er ihr ins Ohr, sein heißer Atem verwehte dabei ihr blondes Haar.
Anni riss die Augen auf. Oh Gott. Wollte er sie ausrauben? Hoffentlich nahm er nicht ihre Uhr ... Sie versuchte, in die Kamera zu blicken, vielleicht würde sie ja jemand sehen und ihr zu Hilfe eilen.
Anni versteinerte, als die Spitze einer langen Messerklinge in ihre Kehle stach, sie spürte, wie sie die Haut aufriss und Blut hervorquoll.
»Drück. Den. Knopf«, flüsterte er ihr drohend ins Ohr und betonte jedes einzelne Wort, als sei sie schwer von Begriff.
Als sie sich nicht rührte, gab er ihr einen kräftigen Stoß, sodass sich die Spitze der langen Messerklinge noch tiefer in ihren Hals bohrte.
Okay, beruhige dich, sagte sie zu sich selbst. Tu einfach, was er verlangt!
Sie streckte eine zitternde Hand aus und drückte einfach den Knopf, der die Türen wieder schließen ließ, weil sie gar nicht wusste, welchen der vielen Knöpfe er gemeint hatte.
Anni hatte wohl richtiggelegen, denn er atmete hinter ihr gelassen aus.
»Gut, und jetzt hör mir genau zu«, sagte er so leise, das sie ihn über das Rauschen ihres erhöhten Pulses kaum verstehen konnte. »Wir werden jetzt die Kabine verlassen und zu meinem Wagen rübergehen. Du wirst nicht schreien, die wirst nicht versuchen, wegzulaufen. Und wenn doch ...« Er sagte den Satz nicht zu Ende, stattdessen drückte er die Spitze des Messers noch tiefer in die kleine Wunde. Blut floss über Annis Halssehnen hinab und tropfte auf ihr weißes T-Shirt.
»Hast du das verstanden, Süße?«
Sie nickte angestrengt, hob eine Hand und tippte ihm bittend auf die Finger. Vielleicht konnte sie verhandeln.
Anni spürte sein Zögern, aber schließlich lockerte er doch seine Hand und gab ihren Mund frei.
Luft holend sprach sie sofort nervös auf ihn ein: »Sie können meine Handtasche haben, da ist ein bisschen Bargeld drinnen, die Tasche selbst ist viel wert. Nehmen sie auch den Autoschlüssen. Es ist die große silberne Limousine auf Parkplatz 3D. Sie können meine Kreditkarte haben, was immer Sie wollen ... Mein Daddy hat viel Geld, sicher können wir uns einigen, wenn wir ihn anrufen.«
»Halt den Mund.« Er legte wieder seine Hand über ihre Lippen und schüttelte frustriert über sie den Kopf. »Ich will deine Scheißsachen nicht.«
Was wollte er denn dann? Wenn es ihm um Lösegeld ging, konnte er es doch auch gleich hier und jetzt von Annis Vater verlangen. Warum sollte sie dazu zu seinem Wagen gehen?
»Jetzt drück den Scheißknopf und geh unauffällig raus«, sagte er in einem Tonfall, der deutlich machte, das mit ihm nicht zu spaßen war.
Anni zitterte heftig, als sie erneut den Knopf betätigte.
Der Fahrstuhl öffnete sich und sie blickte direkt in die menschenseelenleere Tiefgarage. Nur wenige Autos standen auf den Parkplätzen, die meisten Bewohner waren schon zu ihren Arbeitsplätzen gefahren. Anwälte, Werbefuzzis, Autohändler und so weiter.
»Kein Mucks«, warnte er sie noch. »Sonst schneid ich dir die Zunge raus, kapiert?«
Er ließ sie los und sie ging langsam aus dem Fahrstuhl, weil er dicht hinter ihr war und ihr das Messer in den Rücken drückte.
»Ich schwöre es, ich steche dich ab«, zischte er, während er sie geradewegs auf einen schwarzen Sportwagen zu bugsierte, als könnte er ihre Gedanken hören, die sich überschlugen und überschlugen.
Was sollte sie jetzt tun? Keiner hatte ihr je gesagt, was sie in einem solchen Fall tun sollte.
Annis Augen huschten umher. Wo waren die Kameras? Umging er sie etwa? Wusste er bereits, wo sie hingen? Vielleicht hatte er deshalb die Mütze auf und den Kragen hochgestellt.
Auch er sah sich nervös um.
War denn niemand hier, der ihr helfen konnte?
Und dann hörte sie ein Geräusch, wie eine zuschlagende Autotür. Musik in ihren verzweifelten Ohren.
Anni riss den Ellenbogen nach hinten und hatte Glück, das der Stoß direkt in die Rippen des Fremden traf. Er grunzte und kam ins Wanken. Anni nutzte ihre Chance und rannte ihm davon.
»Scheiße«, hörte sie ihn fluchen und seine dunkle Stimme war so von Zorn verzerrt, das sie sich nur wünschen konnte, dass er sie nicht wieder in die Finger bekam.
»Hilfe«, schrie sie. »Bitte, helfen Sie mir!«
Sie rannte in die Richtung, von der sie glaubte, die zuschlagende Tür gehört zu haben. Zum Glück war sie auf dem Weg zur Arbeit gewesen und trug einfache Sneakers statt ihrer üblichen Fick-mich-Pumps.
Anni hörte hinter sich die schnell herannahenden Schritte ihres Verfolgers.
Sie wagte einen Blick über die Schulter und sah ihn mit überaus finsterer Miene schnell zu ihr aufschließen.
Anni rannte schneller, oder versuchte es jedenfalls. Ihre Beine brannten so sehr, sie wünschte sich in diesem Moment, dass sie mehr ihre Schenkelmuskulatur trainiert hätte, statt nur Bauch, Brust und Po, um heiß und knackig auszusehen. Aber jeder noch so wohlgeformte Muskel brachte ihr nichts, wenn die Ausdauer fehlte. Ihre Lunge protestierte bei jedem Einatmen, als habe sie Jahrzehntelang mehrere Schachtel Zigaretten am Tag geraucht, dabei war der Sprint bis zur Ausfahrt nur kurz ...
»Nein!«, rief Anni fassungslos, als sie einen Wagen gerade aus der Tiefgarage fahren sah.
Die Schranke ging zu, und der blaue Kombi bog ab.
Trotzdem rannte Anni weiter, winkte rufend mit den Armen. »Hey! Kommen Sie zurück! Bitte kommen Sie zurück!«
Der Fahrer hörte sie nicht, er fuhr davon.
»Hab ich dich!«
Er rannte sie einfach um und warf sie zu Boden.
Anni schlug mit dem Kopf auf, sie spürte warme Flüssigkeit ihren Nacken hinabfließen, ihr wurde schwummrig, trotzdem kämpfte sie gegen den Fremden an.
Er schlug ihre Hände fort, doch sie holte aus und zog ihre Fingernägel quer über sein Gesicht. Sie hinterließ nur leichte Spuren.
»Fotze!«, stieß er aus und schlug ihr einfach ins Gesicht.
Er schlug sie! Anni atmete fassungslos aus. Wegen des Adrenalins – oder besser gesagt, dank des Adrenalins – spürte sie den Hieb kaum. Es war eher so, dass es sie zutiefst schockierte, geschlagen worden zu sein.
»Steh auf!«, brüllte er sie an. Er zog sie grob auf die Beine.
Anni war speiübel, sie fürchtete, eine Gehirnerschütterung erlitten zu haben.
»Warte nur ab, du Miststück!« Er packte ihren wankenden Körper und zerrte sie durch die Tiefgarage wieder zurück zu seinem Wagen. »Das wirst du bereuen, das verspreche ich dir.«
Anni wollte sich ja wehren, aber immer wieder verschwamm ihre Sicht. Sie behielt nur mit Mühe das Bewusstsein.
Er öffnete den Kofferraum, als sie an seinem Wagen ankamen.
»Steig rein da.«
Anni verstand die Worte im ersten Moment nicht, sie blinzelte ihn verwirrt an.
»Los!«, brüllte er ihr ins Gesicht. »Rein da!«
»Aber ... Nein! Nein!« Er wollte sie hinein schubsen, aber Anni fing sich am Rand ab und stemmte sich dagegen. »Bitte nicht.«
»Du hast es ja nicht anders gewollt, Anni.«
Anni versteinerte. Woher kannte er ihren Namen? Woher wusste er, wer sie war?
Sie schluckte. »Wer sind Sie?«
»Sagen wir einfach, Daddy legte sich mit den falschen Leuten an«, hauchte er ihr zu.
»Was wollen Sie?« Anni hoffte erneut auf Verhandlungen. »Geld? Er wird Ihnen Geld geben. Alles, was Sie wollen. Nur ... tun Sie mir bitte nichts.«
Letzteres weinte sie verzweifelt. Das sie mal so eine flehende Bitte ausstoßen würde, hätte sie niemals für möglich gehalten. Warum, um Gotteswillen, musste das ausgerechnet ihr geschehen?
Er beugte sich über sie und legte den Mund an ihr Ohr. »Weißt du, was ich will, Anni?«
Sie schüttelte weinend den Kopf.
Statt zu antworten, legte er erneut einen Arm um sie. Sein Finger fand ihren Mund, strich über die Lippen und drang dann gewaltsam in ihn ein.
Anni war versucht, ihn zu beißen, doch der Schock dieser Geste ließ sie nur reglos wimmern.
Sein Finger schmeckte salzig und metallisch, als klebte Blut daran, während er in eindeutiger Geste in ihren Mund fuhr, und wieder hinaus. Er lachte leise in sich hinein, als sie ein Würgen nicht unterdrücken konnte.
Dann packte er plötzlich in ihr Haar und riss ihren Kopf hoch, wieder hatte er das Messer gezogen und wieder drückte er die Spitze in ihre Kehle.
»Ich habe deine Schwester«, haucht er ihr ins Ohr, als wollte er sie mit diesen Worten verführen. »Sei lieber brav, oder ich töte euch beide.« Es war ein Versprechen aus seinem Mund, ein grausames Versprechen, gesprochen mit der honigsüßen Stimme eines Wahnsinnigen.
»Bitte«, weinte Anni, »tun Sie uns nichts, mein Vater wird Ihnen alles geben, was sie wollen, nur tun Sie uns nichts! Ahhh...«
Sein Griff wurde fester und er zog ihren Kopf mehr in den Nacken, sodass Anni auf Zehenspitzen tänzelte und nicht einmal wagte, zu schlucken, weil das Messer sonst in ihre Kehle geritzt hätte.
»Weißt du, was ich mit dir machen werde, Anni?«, fragte er sie flüsternd und mit verheißungsvoller Stimme. »Ich werde dich aufschlitzen«, erklärte er leise, als würde er ihr sagen, dass er sie zum Shoppingtag ins Einkaufzentrum einladen würden. Völlig emotionslos. Vollkommen kalt. »Ich werde dich aufschlitzen, von der Kehle bis zum Bauchnabel, und in deinem Blut baden.«
Der grelle Blitz erleuchtete für den Bruchteil eines Augenblicks das Innere der Wohnung, danach wurde es wieder stockfinster im Raum.
Dem Blitz folgte ein ohrenbetäubendes Donnern aus den Wolken, die dunkel und schwer über der Stadt hingen, als wollten sie hinabstürzen und alles verschlingen.
Er erwachte, als das Gewitter schon voll im Gange war. Der Donner hatte ihn erschrocken, doch sein schnell schlagendes Herz beruhigte sich wieder, als er erkannte, dass für den Lärm nur das Wetter verantwortlich war. Er vertraute darauf, dass die vier Wände und das Dach ihn und seine materiellen Güter vor dem Unwetter schützen würden, immerhin bezahlte er auch monatlich eine ordentliche Summe Geld für die schicke Wohnung.
Müde rieb er sich die Augen und warf einen Blick auf seinen Wecker. Der schwarze Bildschirm, wo sonst rote Zahlen leuchteten, ließen ihn erkennen, dass der Strom ausgefallen war.
Fluchend richtete er sich auf. Zum Glück hatte der Donner ihn geweckt! Sonst hätte er vermutlich verschlafen.
Wo war sein Smartphone? Er musste den Wecker stellen.
Bevor er die Decke zurückschlug und aufstand um es zu suchen, tastete seine Hand wie gewöhnlich erst einmal die andere Bettseite ab.
Er stockte, als er sie leer und kalt vorfand. Verwundert fuhr er herum, als in jenem Moment erneut ein Blitz den Raum erhellte, und er erkannte, das neben ihm die Decke zurückgeschlagen und das benutzte Kissen leer war.
Wo war der andere?
Seltsam, für gewöhnlich war er es, der nachts ständig erwachte und umherwanderte. Oder alle paar Stunden seine Blase entleeren musste.
Vielleicht hatte das Gewitter den anderen geweckt.
Ein Klappern aus der Küche erklang, ähnlich dem, wenn man einen Topf hervorholt, der zwischen anderen Töpfen eingeklemmt gewesen war. Er schmunzelte, in Erwartung, dass seine Nase in weniger als einer Minute erhitzte Milch riechen würde. Vermutlich war der andere der einzige Mensch in der Stadt, der seine heiße Schokolade noch auf dem Herd zubereitete – oder sie überhaupt selbst zubereitete statt ein Pulverpäckchen zu benutzen.
Die Blitze kamen plötzlich häufiger, schneller hintereinander. Als habe das Unwetter beschlossen, sich nun vollends zu entladen.
Nicht die Suche nach seinem Handy trieb ihn aus dem Bett, sondern das Sehnen nach Gesellschaft, nach Zweisamkeit, und der Drang, das Unwetter gemeinsam auszusitzen.
Barfuß und nur mit einer Boxershorts bekleidet, tapste er aus dem Schlafzimmer, als es erneut blitzte und das grelle Licht ihm den Weg zeigte.
Er rief den Namen des anderen, doch der Donner verschluckte seine Stimme.
Als er Glasscherben klirren hörte, blieb er verwundert stehen. Das Geräusch war aus dem Wohnzimmer gekommen.
Hatte der Wind etwas durch die Scheiben geweht?
Hoffentlich übernahm der Vermieter den Schaden. Hatte er eine Versicherung abgeschlossen?
Verdammt, er wusste es gar nicht mehr ...
Doch als er im Wohnzimmer ankam, zeigten ihm die grellen Blitze, dass die Balkonfenster scheinbar wie von selbst zerbarst waren. Kalter, stürmischer Wind zog durch die zerstörten Scheiben, die weißen Vorhänge wehten im Wind und verknoteten sich. Der weiße Flauschteppich war vom herein gewehten Regen vollkommen durchnässt. Es goss wie aus Eimern, sodass auf dem kleinen Balkon ein kleiner See entstanden war, der nun ungehindert eindringen konnte. Glasscherben glitzerten auf dem Wohnzimmerboden.
»Verdammt«, fluchte er und ging auf den Schaden zu. Als er um die weiße Echtledercouch herumging, erkannte er dann das Blut auf dem Teppich.
Versteinert blieb er stehen.
Es war nicht wenig. Dunkelrot, in der Finsternis fast schwarz, wie Schlick, nur wenn es blitzte konnte er die grauenhaft rote Flüssigkeit erkennen, die ihm den Magen umdrehen ließ.
Er konnte kein Blut mehr sehen seit ... Nun, seit langem nicht mehr.
Erneut nannte er den Namen des anderen, fragend, diesmal flüsternd. Erneut schluckte der Donner seine Stimme.
Die Blutspur führte vom Wohnzimmer in die Küche. Eine breite, lange Spur aus Blut, als habe jemand ein Schwein auf dem Teppich geschlachtet und es in die Küche gezerrt.
Sein Herz raste, als wolle es auch wie das Glas der Balkontüren zerbersten, während er mit steifen Schritten der Spur folgte. Nun hörte er auch das Poltern in der Küche, als räumte jemand seine Schränke aus.
Oh nein, nein. Nicht schon wieder.
Er wusste, was ihn erwartete, er wusste es. Dennoch ging er weiter. Immer einen Schritt näher auf die Küche zu. Die Schwingtür war aus weißem Holz, der blutige Handabdruck darauf hob sich selbst in der Dunkelheit der Nacht von ihr ab, wie ein Schild, wie eine Warnung.
Er stieß sie trotzdem auf.
Erleichterung erfasste ihn, als er den anderen mit dem Rücken zu ihm am Waschbecken stehen sah. Wasser rauschte, das aus dem Hahn lief.
Er nannte seinen Namen, aber der andere rührte sich nicht.
»Was ist los? Was ist passiert?« Er ging auf den reglos stehenden Mann zu. Das dunkle, lockige Haar schien nass zu sein.
Hatte er den Schaden angerichtet? Hatte er sich verletzt?
Vielleicht stand er unter Schock.
Er streckte eine Hand aus und ergriff die Schulter, um ihn zu sich umzudrehen. »Hey –« Fassungslos brach er ab, als er mit aufgerissenen, panischen Augen angesehen wurde. Gleichzeitig blickten sie hinab auf das Messer, das in der Brust des anderen steckte.
Fassungslos ließ er den Griff los, als er erkannte, dass er das Messer in der Hand hielt.
Blut klebte an seinen Fingern, seinen Armen, je mehr er an sich hinabsah, je mehr Blut entdeckte er.
Der andere brach zusammen, seine Augen blickten leblos zur Decke, während sich eine Blutlache unter ihm ausbreitete. Es wurde immer mehr, als wollte es die gesamte Küche fluten.
Er taumelte zurück. »Oh nein! Oh nein!« Er stieß gegen die Küchenzeile, seine Hände hinterließen blutige Abdrücke auf den weißen Schränken.
»Hast du geglaubt, es wäre vorbei?«, ertönte die allzu bekannte Stimme gewohnt hämisch in seinem Kopf. Er wurde panisch, als er sie hörte.
»Hast du geglaubt, du könntest es vergessen?«
»Franklin«, hauchte er voller Furcht. Er drehte sich um die eigene Achse, erkannte aber nur seine leere, blutige Küche.
Sein Blick blieb an der Leiche haften, er bekam keine Luft mehr.
»Norman.«
Er fuhr herum, und da stand er. Mit einem breiten Grinsen, das nur ein Wahnsinniger aufsetzen konnte. In der Hand ein blutiges Messer, dass er triumphal hochhielt.
»Siehst du: Es steckt auch in dir!«, rief er höhnisch, ehe er in irres Gelächter ausbrach.
»Norman!«
Zusammenzuckend erwachte er aus seinem Alptraum, als die Stimme seines Kollegen zu ihm durchgedrungen war. Er bemerkte nur am Rande, dass Jan auch seine Schulter rüttelte.
Blinzelnd richtete sich Norman im Beifahrersitz auf und sah sich verwirrt um. »Ja, was?«
»Du bist eingeschlafen. Wir sind da«, berichtete Jan und nickte aus der Windschutzscheibe.
Norman folgte dem Nicken und konnte kaum etwas erkennen. Durch den starken Regen war es, als befände sich die Windschutzscheibe unter einem Wasserfall, und Jan machte sich nicht die Mühe, die Scheibenwischer einzuschalten.
Sie parkten in einer Seitengasse, das konnte er durch den Regen erkennen. Es war später Nachmittag, doch das Gewitter tauchte die Stadt in graues, fahles Licht, als stünde die Dämmerung kurz bevor, Laternen leuchteten schwach um gegen das trübe Licht anzukommen. Die Bürgersteige waren menschenleer.
Unmittelbar vor ihnen, nur wenige Schrittlängen entfernt, konnten sie in das Schaufenster eines Antiquitätenladens blicken. Gelbes, warmes Licht leuchtete dahinter, die Tür war wegen des Regens geschlossen, doch ein ›Geöffnet‹-Schild hing schief in der Scheibe.
Norman rieb sich erst einmal die müden Augen.
Jan betrachtete ihn dabei wie üblich kritisch. »Wann hast du das letzte Mal richtig geschlafen?«
Gute Frage. Er wusste es nicht.
Wie sollte er auch schlafen, wenn ihn ständig diese Alpträume quälten. Anfangs hatte er sie noch aushalten können, weil er geglaubt – gehofft – hatte, dass sie mit der Zeit einfach verschwinden würden. Aber Jahre waren seither vergangen und noch immer quälten ihn diese Träume. Sie waren sogar noch schlimmer geworden.
Jans Lippen wurden missbilligend schmal, als Norman keine Antwort gab. Er sagte mehr warnend als fürsorglich: »Du solltest öfter zu diesem Arzt gehen.«
»Mir geht es gut!«, warf Norman sofort ein. »Ich habe vergangene Nacht lange gearbeitet, das ist alles.«
Er sah Jan ins Gesicht und sie lieferten sich ein Blickduell, das Norman nie und nimmer gewinnen konnte. Nicht mit diesen tiefen violetten Augenringen und den dicken Tränensäcken, die ihn seit vielen Monaten täglich im Spiegel entgegensprangen.
Wenn ihm sein scheußliches Aussehen schon auffiel, dann fiel es anderen erst recht auf.
Umso mehr fühlte er sich bei Jans ausgeruhtem und jugendlichem Aussehen wie ein alter verbrauchter Kleidersack, der dringend entsorgt werden musste.
Jan war nicht sehr viel jünger als Norman, aber ab einem gewissen Alter waren fünf, sechs, sieben Jahre wie Jahrzehnte. Zumal Jan wirklich wie glatt gebügelt aussah. Norman war neidisch auf die scheinbar ewige Jugend seines Kollegen. Eingehend betrachtete er die großen blauen Augen, den Kussmund, die frisch rasierten Wangen und die vollen, kräftigen Haare, die Jan seit einigen Wochen blondiert trug.
Jan war einer dieser Kerle, die ständig ihre Haarfarben wechselten. Norman hatte ihn als schwarzhaarigen Mann kennengelernt, über die Jahre hatte er haselnussbraun, mokkabraun, goldbraun, rotbraun, Rot und sonst alles was die Farbpalette hergab, ausprobiert.
Norman blieb seiner natürlichen dunkelbraunen vollkommen banalen Haarfarbe treu. Aber immerhin waren es volle Haare.
Na ja, noch.
Allerdings musste er gestehen, dass er sein Haar auch schon einmal hatte färben wollen. Und zwar als er bei sich das erste graue Haar entdeckt hatte. Doch jemand ganz spezielles hatte ihn davon abgehalten und stattdessen das einzelne Haar einfach herausgezupft, mit den Worten, dass Norman ein Idiot sei, weil er Panik vor dem Alter hatte. Dabei wären vereinzelte graue Haare noch kein Grund, sich zum alten Eisen zu zählen. Norman war ihm sehr dankbar dafür, ihn davon abgehalten zu haben, die Haare zu färben, denn seither hatte er kein graues Haar mehr entdecken können.
Na ja, nicht auf dem Kopf jedenfalls.
Nachdem Norman ausgiebig über Haare und Haarfarben im Speziellen nachgegrübelt hatte, beendete Jan das Blickduell mit einem missmutigen Verzerren seiner Mundwinkel und beschloss offenbar, dass es ohnehin sinnlos war, Norman Vorwürfe machen zu wollen.
Und es war sinnlos. Norman wusste ganz genau, dass er nicht bei der Sache war, weil er eben unter Schlafmangel litt. Aber er konnte rein gar nichts dagegen tun, und er würde ganz sicher nicht diese verdammten Tabletten nehmen oder noch öfter zu diesem Psychiater gehen, dessen Dienste er ohnehin nur in Anspruch nahm, weil seine Vorgesetzten es ihm vorschrieben.
Wenn er nicht regelmäßig zu den Sitzungen erschien, würden sie ihn suspendieren. Und das konnte er keinesfalls riskieren, im Moment war die Arbeit das einzige, was ihn vor dem Durchdrehen bewahrte. Außerdem musste er unbedingt noch diesen einen dicken Fisch fangen, bevor er überhaupt darüber nachdachte, vielleicht etwas kürzer zu treten.
Nicht für sich wollte er diesen einen Verbrecher noch fangen, nicht für seine Karriere, die ohnehin schon lange zu Ende war, sondern für den anderen. Wegen ihm hielt er sich einigermaßen aufrecht, um ihn vor diesem dicken Fisch zu schützen.
Aber Norman hatte versagt, in all der Zeit hatte er noch immer nichts erreicht. Es gab nichts in seinem Leben, was ihm mehr zusetzte, als die Tatsache, nichts zustande gebracht zu haben; nicht einmal die Alpträume. Er hatte das Gefühl, ein Nichtsnutz zu sein, ein Versager. Er fühlte sich ... hilflos, machtlos.
»Gehen wir.« Jan stieg aus, ohne darauf zu warten, ob Norman vielleicht Einspruch erheben würde.
Zu Anfang ihrer gemeinsamen Zeit, war es noch anders gewesen. Der Jüngling hatte sich Norman angepasst, sich seinem Urteil gebeugt. Doch je mehr Routine aufgekommen war, je mehr hatte Norman sich seinen inneren Dämonen hingeben, was letztlich zu dem Ergebnis geführt hatte, das Jan alles übernahm und Norman quasi nur noch mitgezogen wurde.
Es sei denn, es ging um den einen wichtigen Fall, bei dem sie beide einfach nicht weiterkamen.
Und auch diese Spur würde wieder ins Leere führen. So wie alle Spuren die Norman seither verfolgt hatte. Er musste es trotzdem überprüfen. Nicht, weil er große Hoffnung hatte, letztlich doch noch etwas zu erreichen, sondern einfach, weil er verzweifelt war und den Fall nicht ablegen wollte.
Er musste es tun. Niemand außer ihm könnte es tun. Nicht etwa, weil er sich für den besten hielt – das war er schon lange nicht mehr – sondern weil er wusste, mit welcher Art Typen sie in diesem Fall zu tun hatten. Keine Kleinkriminellen, keine Diebe, keine Möchte-Gern-Gangster, keine Täter, die alleine operierten. Nein, sondern Männer des organisierten Verbrechens. Waffenhändler, Drogendealer im großen Stil ... Sklavenhändler. Männer mit viel Geld, viel Macht und unzähligen kleinen Spitzeln und Maulwürfen. Sie lachten über die kleinen Ermittler bei der Polizei, weil sie wussten, dass sie rein gar nichts tun konnten. Nicht solange Geld die Welt regierte. Und das würde sich nie ändern.
Und Norman war leider einer dieser blöden Bullen, die trotzdem nicht aufgeben wollten. Selbst dann nicht, wenn es ihm langsam den Verstand raubte.
Norman stieg aus und warf Jans Wagentür etwas zu grob zu, weshalb ihm sein jüngerer Kollege einen warnenden Blick zu warf.
Norman beachtete ihn nicht, er richtete den Kragen seines Ledermantels auf und zog den Kopf ein um sich etwas vor dem gießendem Regen zu schützen, der erstaunlich warm auf sein Haupt niederschlug.
Er ging an Jan vorbei und steuerte auf den Antiquitätenladen zu, der so unscheinbar wirkte, zwischen dem Elektronikgeschäft und der Edelboutique, dass er schon wieder ins Auge fiel. Die weiß-rot gestreifte Fallmarkise war eingefahren, vermutlich wegen des starken Regens. Norman langte nach dem Türgriff und zog daran, doch die Tür schien verschlossen ...
Jans Hand bewegte sich an Norman vorbei und drückte die Glastür auf. »Auf dem Schild steht: drücken«, murmelte er dabei, als spräche er mit einem Kind, mit dem er allmählich die Geduld verlor.
Norman ersparte es sich, das offensichtliche Schild zu lesen, das auf seinen Fehler hinwies, und ging einfach hinein.
Es war stickig und roch nach Möbelpolitur. Normans und Jans Schuhe hinterließen feuchte Spuren auf dem grauen Teppichboden des winzigen Lädchens. Überall standen übereinander gestapelte antike Möbel. Jedes Teil auf hochglanzpoliert. Es war so beengt, das sie kaum einen Weg nach hinten zum Tresen fanden.
Während sie sich durch die Ansammlung alter Möbel schlängelten, ließ Norman einen Finger über die glatte Oberfläche einer schwarzen Kommode aus dem 18. Jahrhundert wandern.
Kein Staub. Der Inhaber pflegte also seine Ware, was vermutlich auch der Grund dafür war, weshalb er sein Geschäft trotz der großen Möbelhäuser über Wasser halten konnte.
Besagter Inhaber stand hinter einem kleinen Tresen, der aus dunklem Holz bestand und gut zu den massiven Möbeln im Raum passte. Es handelte sich bei dem Ladenbetreiber um einen Mann etwa Mitte, vielleicht auch eher Ende, Fünfzig. Er sah genau so aus, wie Norman sich einen mit Würde älter gewordenen Italiener Vorstellte. Gutaussehenden, schlank und trainiert, fit und vital – jedenfalls sehr viel vitaler als Norman aussah. Trotz weißem Haar und einer Halbglatze, die im Schein einer einzelnen Lampe glänzte wie die Flächen der polierten Möbel, ein überaus attraktiver Mann.
Wäre Norman nicht so auf Jugend fixiert, hätte er den Mann durchaus als überaus sexy bezeichnet. Aber Norman war auf Jugend fixiert.
Jan übernahm das Gespräch, noch bevor Norman die Gelegenheit dazu bekommen hatte.
»Franco Pisani?«
Der Inhaber blickte auf. Voller Anmut, richtig würdevoll. Er nahm die Lesebrille ab, die an einer Kette um seinen Hals hing und mit jener er zuvor sein Kassenbuch studiert hatte. Er betrachtete Jan eingehend, ehe er an diesem vorbei zu Norman sah.
»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?«, fragte er schließlich freundlich an Jan gewandt, doch in seinen Augen konnte Norman deutlich eine gesunde Skepsis erkennen
Franco Pisani schien ein guter Menschenkenner zu sein. Nach vierzig Jahren im Geschäft war dies wohl auch nicht verwunderlich. Er wusste, wer seine Kunden waren, und Norman und Jan hoben sich wohl von der üblichen Kundschaft ab.
Jan griff sich in die Lederjacke und zog seinen Dienstausweis hervor, den er Pisani direkt vor die Nase hielt. »Mein Name ist Jan Marx. Und das ist mein Kollege Norman Koch.« Jan deutete mit einem Nicken hinter sich zu Norman, der absichtlich im Gang zur Tür stehen geblieben war um eventuell diesen Fluchtweg zu blockieren, oder um zu verhindern, dass jemand hereinkam. »Wir sind von der Kriminalpolizei.«
Eine weiße Augenbraue hob sich in Pisanis Gesicht. »Von der Kripo, hm?« Er schlug das Kassenbuch zu und faltete dann die Hände darüber um zu signalisieren, das Jan und Norman seine volle Aufmerksamkeit hatten. »Wie kann ich Ihnen beiden helfen?«
»Es geht darum, dass Ihr Name am Rande einer laufenden Ermittlung aufgetaucht ist«, erklärte Jan, während er sein Dienstausweiß wieder einsteckte.
Norman hatte seinen mit Absicht nicht gezogen, weil er ihn vermutlich mal wieder nicht dabeihatte. Wie so oft in letzter Zeit. Das verfluchte Ding verschwand einfach spurlos. Vermutlich lag es irgendwo in den Rillen der weißen Ledercouch. Oder im Bett. Norman war in letzter Zeit einfach ein unverbesserlicher Chaot.
»Mein Name?« Pisani wirkte tatsächlich überrascht, oder er konnte einfach sehr gut schauspielern, so wie jeder gute Verbrecher. »Inwiefern, wenn ich fragen darf?«
Durfte er. Jan antwortete ihm auch bereitwillig: »Ein Informant verwies uns direkt an Sie.«
Milde ausgedrückt. Diese Information hatte Franklin als letzten Strohhalm ausgespuckt, während Norman ihn bei einem Verhör im Gefängnis das dämliche Gesicht fast zu Brei geschlagen hatte, obwohl Franklin immer wieder daraufhin gewiesen hatte, dass er wirklich nicht wusste, wer Norman bei seinen Ermittlungen weiterhelfen könnte, nachdem all seine anderen Spuren ins Leere verlaufen waren. Norman vermutete, dass Franklin einfach den ersten Namen gebrüllt hatte, der ihm noch eingefallen war, damit Norman aufhörte.
Vermutlich hatte Pisani nicht einmal mehr etwas mit Enio Martin zutun, und sie verschwendeten hier mal wieder nur ihre Zeit. Genau wie Jan es prophezeit hatte.
Aller Wahrscheinlichkeit nach, konnte Franklin auch die gesamte Zeit über gelogen und Norman absichtlich zu falschen Zeugen und Mittätern geführt haben. Vielleicht schützte er Enio. Mittlerweile war für Norman alles möglich, und er vertraute niemandem mehr.
»Laut unseren Recherchen gehörte Ihr Laden einst einem Mann namens Enio Martin«, begann Jan mit der Befragung, dabei klang seine Stimme so zwanglos, als wollte er nur etwas plaudern.
Pisani schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Ich habe den Laden direkt von meinem Vater übernommen.«
»Das haben wir auch nicht angezweifelt.« Norman übernahm jetzt das Wort, und er klang nicht, als wolle er nur plaudern. Er klang streng und unnachgiebig. Beinahe verärgert, was er auch war, weil man ihn für dumm verkaufen wollte. »Vor etwa fünfzehn Jahren haben sie enorme Schulden gemacht. Wir fanden bei unseren Nachforschungen heraus, dass Sie das Geschäft an Martin verkauften, Sie selbst blieben aber Partner. Auf wundersame Weise verschwanden Ihre Schulden dann, und kurz danach waren Sie wieder Eigentümer und Enio Martins Name verschwand aus den Büchern. Seltsam.«
Jan warf Norman über die Schulter einen warnenden Blick zu, den Pisani nicht sehen konnte. Es war immer schlecht, Verdächtigen den Verdacht einfach so um die Ohren zu hauen und zu riskieren, dass sie nicht mehr kooperativ waren.
Jan ließ Norman mit dem Blick wissen, dass sie nicht hier waren, um gegen Pisani zu ermitteln, sondern gegen Enio.
Pisani blieb ganz gelassen. »Enio Martin war Geschäftsmann. Mein Bankberater verwies mich an ihn. Ich verkaufte mein Geschäft an Herrn Martin, um meine Schulden bei der Bank zu begleichen. Da ich der Beste in diesem Bereich bin, blieb ich weiterhin Partner und Geschäftsführer für Enio Martin. Als wir durch Herrn Martins erfolgreiche Marketingstrategie wieder auf schwarze Zahlen kamen, kaufte ich mein Geschäft zurück. Allerdings für das Doppelte des Verkaufspreises. Es war ein Gewinn für Enio Martin, aber auch für mich, denn so habe ich immerhin das Geschäft meiner Familie retten können. Das ist alles, was ich darüber sagen kann.«
Normans Augen wurden schmal. »Und Sie haben nicht etwa Ihr Geschäft zum Geldwäschen zur Verfügung gestellt?«
Seufzend warf Jan dazwischen: »Wir möchten Sie keineswegs einer Straftat bezichtigen ...«
»Sie können meine Geschichte gerne überprüfen und sich auch gerne die Bücher ansehen«, sagte Pisani immer noch ganz gelassen. Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir nichts zu Schulden kommen gelassen. Und ich habe nichts zu verbergen. Sie dürfen sich gerne umsehen und bei der Bank alle Unterlagen einsehen.«
Seltsam. Genau das haben auch all die anderen dreißig bis vierzig Kerle gesagt, die sie im Rahmen der Ermittlungen befragt haben. Und allen konnten sie nichts nachweisen, jedenfalls nichts, was zu einer Verbindung zu Enio Martin gereicht hätte.
Norman mahlte verbissen mit den Zähnen. Es war zum verrückt werden!
»Das werden wir«, versprach Jan, jedoch immer noch freundlich. Dann beugte er sich zu Pisani herab und nahm einen flüsternden, vertrauten Ton an, als hätten die Wände Ohren oder als müsse er ein Geheimnis mit Pisani teilen. »Wenn Ihnen bezüglich Enio Martin etwas einfällt, das für uns vielleicht von Interesse sein könnte, irgendetwas, dann rufen Sie mich bitte an. Auch wenn sie es für belanglos halten, es ist wirklich wichtig, dass sie uns anrufen und sagen, wenn Ihnen an diesem Mann etwas seltsam vorgekommen ist.«
Jan reichte Pisani eine Visitenkarte.
Der Inhaber nahm sie zwar entgegen, aber Norman wusste, dass er niemals anrufen würde, selbst dann nicht, wenn er keiner von Enio Martins Männern sein sollte. Jeder wusste, dass Enio Martin zu den Teiwaz gehörte, der größten und mächtigsten Verbrecherorganisation dieser Stadt, vielleicht sogar dieses Landes. Keiner wagte es, sich mit ihm anzulegen.
Nur Norman und Jan, aber sie traten auf der Stelle.
Als sie den Antiquitätenladen verließen, sackten Normans Schultern zusammen.
Trotz, dass er gewusst hatte, dass dies nirgendwo hinführen würde, dass er nur wieder seine und Jans Zeit verschwendete, war er doch enttäuscht. Irgendwo in seinem Innersten hatte er trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, das wie durch ein Wunder ein Strohhalm auftauchen würde, an den er sich klammern konnte.
Irgendetwas, das Enio Martin mit den Verbrechen in Verbindung bringen konnte, die er begangen hatte. Bei einem Mann, der so viel Unrecht tat, war es doch erstaunlich, dass es nichts gab, womit man ihn festnageln könnte.
Nichts.
Norman war müde, so müde, aber nicht wegen des Schlafmangels. Das Leben ermüdete ihn.
»Es tut mir leid«, hörte er Jan sagen, doch es klang nicht einmal so, als täte es ihm wirklich leid. Vielleicht, weil er diese Worte in diesem Rahmen einfach zu oft gesagt hatte.
Trotzdem landete eine Hand auf Normans Schulter und drückte mitfühlend zu. »Lass uns etwas essen gehen. Na komm. Ich lad dich auf einen Snack ein.«
Norman nickte zwar, doch sein Blick ging hinaus in den Regen, er sah nur Leere statt der überschwemmten Straße. Während er Enio Martin hinterher gejagt war wie ein Hund seinem Schwanz – ohne ihn je zu bekommen – hatte Norman sein Leben ruiniert. Wegen Enio Martin, der noch immer auf freiem Fuß war, und wegen Franklin Bosco, alias Frank Bosco, den er zwar eingebuchtet hatte, aber für dessen Verhaftung er seine eigene Seele an den Teufel verkauft hatte.
Und wofür all das?
Mittlerweile hatte er alles verloren, alles aufgegeben, alle Beziehungen untergraben. Er fühlte sich wie Franklin in seiner Zelle: allein, einsam, isoliert.
»Seit sieben Jahren jage ich diesen Mistkerl schon, ohne ihm auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein«, hauchte er müde und schüttelte den Kopf. Der Regen hatte sein dunkles Haar durchnässt, sodass er wie ein begossener Pudel aussah. »Sieben verfluchte Jahre.«
Er hatte es wieder getan. Jetzt musste er die Leiche loswerden.
Wobei er selbst niemals von ›loswerden‹ sprechen würde. Oder von ›Leiche‹.
Natürlich war der leblose Körper in seinem Kofferraum ein toter Mensch, aber er symbolisierte mehr als es eine einfache Leiche getan hätte. Er bedeutete etwas, viel mehr als den Tod. Der Körper war mehr als eine von der Seele verlassene Hülle, er war majestätisch, würdevoll, friedvoll in seiner Schlaffheit. Wunderschön. Jedenfalls für ihn.
Aber eben nur kurz nach Eintritt des Todes. Danach kam ihm unweigerlich diese lästige Leichenstarre in die Quere. Und bevor diese einsetzte, wollte er den Körper wieder ›freilassen‹, so wie er die Seele frei gelassen hatte. Damit er ihn so in Erinnerung behielt, wie er jetzt war: schlaff.
Er parkte neben einer Sackgasse. Außer ihm parkte auf der anderen Straßenseite nur ein weiterer Wagen, der jedoch verlassen war. Dank des strömenden Regens war die Stadt fast menschenleer, vor allem in diesem recht unbeliebten Stadtteil in der Nähe eines Bahnhofsviertels, wo sich ohnehin nur Gesindel tummelte, das sich ausschließlich um den eigenen Kram kümmerte.
Der perfekte Ort um anonym etwas zu ›deponieren‹.
Er stieg aus und ging um den Wagen herum. Noch ein Blick über die Schulter, dann öffnete er den Kofferraum. Er hatte diesen Ort gezielt ausgesucht, genau diesen toten Winkel, hier gab es keine Überwachungskameras von Zufahrten, von Parkhäusern, Parkplätzen oder Geschäften. Die einzigen Läden hier waren kleine Einzelhandelbetriebe, die ihre Haupteingangstüren nicht mit Kameras überwachten, das hatte er überprüft.
Er beugte sich in den Kofferraum und schlug die eisblaue Plane zurück. Als er den nackten Körper betrachtete, erinnerte er sich noch gut daran, wie er etwa eine Stunde zuvor in seinem Haus mit großer Ehrfurcht die blasse Haut gewaschen hatte – sie von sich und seiner Tat reingewaschen hatte. Er wurde schon wieder hart, während er sich daran erinnerte.
Seine Triebe ignorierend, zurrte er die Plane fest um den Körper und hob die Leiche aus dem Wagen. Er ging mit der Last durch den Regen über die Straße und legte den Körper in einer Sackkasse neben einem Müllcontainer gut sichtbar auf den Boden in den strömenden Regen, der in Flüssen die Straßen entlang rann.
Er öffnete die Plane und warf einen letzten Blick auf das Geschöpf, das so friedlich aussah, als würde es nur schlafen.
Nach all den Jahren hatte er wieder die Kontrolle über sich verloren. Doch das einzige, was er bereute, war die bedauerliche Tatsache, dass er nicht mehr Zeit gehabt hatte.
Er streckte eine Hand aus und strich liebevoll das schöne Haar aus der Stirn, bevor er sich gewaltsam losriss und sich abwandte.
Er musste gehen, bevor er entdeckt wurde.
Gerade als er an seinem Wagen angelangte, bemerkte er einen heranrollenden schwarzen Sportwagen, der auf der anderen Straßenseite auf dem Parkplatz eines Sandwichsladens fuhr und anhielt.
Er beobachtete die beiden Männer, die ausstiegen und in das Restaurant traten, ohne ihn bemerkt zu haben. Er wusste, wer sie waren: Ermittler. Beide waren ihm nicht unbekannt. Aber das war nicht sonderlich verwunderlich, fast jeder aus der Stadt kannte die beiden. Vor einem halben Jahr hatte es einen Zeitungsbericht gegeben, der ausführlich über die beiden Favoriten der Kripo informiert hatte.
Er überlegte, wie amüsant es doch wäre, wenn ausgerechnet diese Beiden den deponierten Körper finden würden, denn diese beiden Spitzenermittler würden niemals den Täter fassen können. Niemals! Dafür hatte er bereits gesorgt, noch bevor die Seele den Körper verlassen hatte.
Während Jan ihre Bestellung aufgab – für Norman das übliche Thunfisch Sandwich und ein Glas Eistee, Pfirsich, vorzugsweise – verschwand Norman im Waschraum.
Ein Blick in den Spiegel zeigte deutlich, dass er eine Dusche und reichlich Schlaf nötig gehabt hätte, aber vorerst musste ein Spritzer kaltes Wasser ausreichen.
Er zog ein Papierhandtuch aus dem Spender und rieb sich das Gesicht trocken, seine Bartstoppeln, die wie Schatten über seine markanten Wangen lagen, rissen dabei das dünne Papier auf.
Nachdem er den benutzten Fetzen in den Mülleimer entsorgt hatte, zog er sein Smartphone hervor und wählte die Nummer des Gefängnisses in Stadtnähe. Er selbst hatte damals deutlich darauf bestanden, dass sein Gefangener in Griffnähe blieb, damit Norman nicht für jede Befragung hunderte Kilometer weit fahren musste.
Axel meldete sich, ein bekannter und befreundeter Wärter, genau wie erhofft.
»Ich bin’s«, sagte Norman.
Axel fragte sofort: »Soll ich wieder nachsehen?«
»Ja.« Norman stockte kurz, hing dann aber noch ein »Bitte« hinten ran.
»Okay.« Es raschelte, als Axel den Hörer ablegte und aufstand. Norman lauschte, wie ein Stuhl über den Boden rollte, wie Schritte sich entfernten und wie eine Tür geöffnet und geschlossen wurde.
Während er wartete, holte Norman eine Zigarette hervor.
Er war eigentlich kein aktiver Raucher, der andere hatte es nie gemocht, ebenso wie er Normans Trinkverhalten verabscheute. Doch all das hatte in letzter Zeit kaum noch Bedeutung für ihn. Norman versuchte nur, irgendwie über den Tag zu kommen und an den meisten halfen ihm Alkohol und Zigaretten sich aufrecht zu halten. So wie heute.
Er inhalierte tief, als er die Kippe mittels Streichholz angezündet hatte. Das brennende Stöckchen warf er ins Waschbecken, wo es im Abfluss für immer verschwand.
Er rauchte und Qualm staute sich im Waschraum, doch außer ihm war niemand anwesend, der sich beschweren hätte können.
Norman hatte die Kippe zu ende geraucht, als Axel endlich wieder zu hören war.
»Er sitzt in seiner Zelle.«
»Bist du dir sicher?«, fragte Norman. »Du musst dir absolut sicher sein!«
Nun seufzte Axel, als habe er genug davon. Dennoch klang seine Stimme einfühlsam, als er Norman versprach: »Er kann hier nicht raus, Norman. Franklin ist eingesperrt. Er kann niemals unbemerkt heraus. Und weil er seine Kumpanei verraten hat, gibt es niemanden, der ihn rausholen wollen würde.«
Das stimmte. Die verratenen Verbrecher wollten Franklin Bosco nicht rausholen, sie wollten ihn töten und haben dahingehend einige Male Männer eingeschleust um Franklin im Gefängnis zu ermorden, vermutlich, damit er nicht noch mehr ausplaudern konnte.
Bisher hatte es niemand geschafft.
Noch einmal sagte Axel: »Er kommt nicht raus.«
Für einen Moment konnte Norman sich vorstellen, wie sein Freund Axel mit seinem korpulenten Körper in einem Stuhl saß, wie er die Ellenbogen auf die Tischplatte stützte und sich das hellbraune Haar aus der wulstigen Stirn strich, während er überlegte, wie er Norman begreiflich machen konnte, dass er keinen Ausbruch zu befürchten hatte.
Norman nickte, obwohl Axel es nicht sehen konnte. »Gut. Okay. Danke.«
Er legte auf und wollte sich schwören, nie wieder anzurufen, sich nie wieder von seiner Angst leiten zu lassen. Aber die Wahrheit war, dass er ganz sicher wieder anrufen würde.
Es war absolut sicher.
Als er aus dem Waschraum trat und sich einen Weg durch die Bänke und Tische schlängelte, die ganz im Stil eines 50er Jahre Diners aus den USA gestaltet waren, saß Jan schon an einem Tisch mit ihrer Bestellung vor der Nase und hatte den Kopf zwischen einer erhobenen Zeitung vergraben, die er eingehend studierte.
Als Norman ihm gegenüber Platz nahm, faltete Jan die Zeitung zusammen.
»Gute Ergebnisse?«, erkundigte sich Norman, um Interesse zu heucheln.
Jan schüttelte grimmig den Kopf. Er war nicht gut drauf, seit sein bevorzugter Fußballverein mies spielte.
Norman selbst interessierte sich nicht sonderlich für diesen Sport. Er wusste nicht einmal, welchen Verein Jan überhaupt anfeuerte. Er war immer zu sehr mit sich selbst beschäftig. Anfangs war es um seine Karriere gegangen, um Ruhm und Ehre, nun ging es nur noch darum, sich selbst zu bemitleiden. Er wusste das, der andere hatte es ihm oft genug vorgeworfen. Aber so sehr er es auch versuchte, er schaffte es nicht, damit aufzuhören.
Jan widmete sich seinem Essen. Er biss ein großes Stück von seinem Hähnchenbrustfilet Sandwich ab und sah dann kauend aus der Fensterfront zu seiner Linken.
»Was für ein Sauwetter«, nuschelte er mit vollem Mund.
Norman brauchte nicht hinaus zu sehen um zu wissen, dass es immer noch wie aus Eimern goss, zudem hatte es zu blitzen angefangen, genau wie in seinem Traum.
Während Jan weiter aß, betrachtete Norman den Teller vor sich ohne sein Essen anzurühren. Er war nicht hungrig, er hatte seinen Appetit verloren seit ... Seit er selbst sein Leben zerstört hatte.
Norman hob den Blick und betrachtete eingehend Jan. Sein Kollege und Freund hatte ein männliches, markantes Gesicht, genau wie Norman, nur jünger. Viel jünger. Glatte, ebenmäßige Züge, keine Falten, nicht einmal Grübchen um die Mundwinkel. Jan besaß schöne volle Lippen, einen echten Kussmund, und strahlend blaue Augen die von langen und hellen Wimpern umrandet waren. Jan war schön. Was sollte man mehr wollen als einen schönen und jungen Mann, der auch noch was im Köpfchen hatte?
Norman sah Jan bedauernd an. »Es tut mir leid.«
Kauend sah Jan auf und runzelte die Stirn. Er griff nach seiner Cola und trank einen Schluck daraus, um den Bissen runter zu spülen. »Hm. Was denn?« Er stellte das Glas wieder ab und aß weiter, als erwartete er keine Erklärung. Oder als wüsste, was Norman antworten würde.
»Wegen heute«, sagte Norman schuldbewusst.
Jan beäugte ihn kritisch. »Was meinst du genau? Das ich mal wieder zusehen durfte, wie du Bosco in blindem Wahn zusammenschlägst, und ich dich mal wieder decken musste, damit du deshalb nicht gefeuert wirst? Oder doch eher, weil wir unseren Abend jetzt damit verbringen müssen, diese Zeitverschwendung in dem Antiquitätenladen zu einem ellenlangen und sterbenslangweiligen Bericht zusammen zu fassen?«
Norman ersparte es sich, etwas zu erwidern.
Jan und er sahen sich eine Weile schweigend an.
Dann seufzte Jan und lenkte ein. »Schon gut, vergiss es einfach.«
»Du wolltest ihn auch mal unbedingt fangen«, erinnerte sich Norman. »Enio Martin.«
»Ich sag dir jetzt genau das, was du mir damals gesagt hast, als ich seinen Bruder Alessandro jagen wollte: Entweder er ist ein verdammtes Genie oder wirklich unschuldig.«
Diese Worte waren für Norman wie ein Brett vor den Kopf gestoßen zu bekommen. »Das glaubst du doch nicht um Ernst!«
»Es ist vorbei«, betonte Jan streng. »Leg den Fall ab, Norman.«
»Aber ...« Norman brach ab, weil er nichts sagen konnte, um Jan vom Gegenteil zu überzeugen. Enio Martin war alles andere als ein unschuldiger Mann, er handelte mit Waffen, mit Drogen, unterhielt ein paar Killer und mordete selbst, Norman wusste es aus erster Hand, doch das konnte er Jan nicht sagen. Nicht, ohne sich selbst zu belasten.
Seufzend lehnte Norman sich zurück und griff nach seinem Eistee.
Als er eine ganze Weile mit dem Alkoholkonsum aufgehört hatte, war die Zuckerzufuhr durch Eistee genau das richtige für ihn gewesen, selbst heute noch, obwohl er wieder trank.
»Iss etwas«, forderte Jan.
Mechanisch griff Norman nach seinem Sandwich und biss hinein. Es hätte bestimmt gut geschmeckt, wäre er nicht so gelähmt von Jans Worten gewesen. Für Norman war es, als kaute er auf Pappe herum. Er schmeckte nichts.
Enio Martin unschuldig ... von wegen!
